umgewandelten Hausflur aufgebahrt. Adelheid machte die Honneurs, und
ihre hohen Jahre, noch mehr aber ihr Selbstbewußtsein, ließen sie
die ihr zuständige Rolle mit einer gewissen Würde durchführen. Außer
den Barbys, Vater und Tochter, waren, von Berlin her, noch Baron und
Baronin Berchtesgaden gekommen, ebenso Rex und Hauptmann von Czako. Rex
sah aus, als ob er am Grabe sprechen wolle, während sich Czako darauf
beschränkte, das gesellschaftliche Durchschnittstrauermaß zu zeigen.
Aber diese Berliner Gäste verschwanden natürlich in dem Kontingent,
das die Grafschaft gestellt hatte. Dieselben Herren, die sich -- kaum
ein halbes Jahr zurück -- am Rheinsberger Wahltage zusammengefunden
und sich damals, von ein paar Ausnahmen abgesehen, über Torgelows
Sieg eigentlich mehr erheitert als geärgert hatten, waren auch heute
wieder da: Baron Beetz, Herr von Krangen, Jongherr van dem Peerenbom,
von Gnewkow, von Blechernhahn, von Storbeck, von Molchow, von der
Nonne, die meisten, wie herkömmlich, mit sehr kritischen Gesichtern.
Auch Direktor Thormeyer war gekommen, ~in pontificalibus~, angetan mit
so vielen Orden und Medaillen, daß er damit weit über den Landadel
hinauswuchs. Einige stießen sich denn auch an, und Molchow sagte mit
halblauter Stimme zu von der Nonne: »Sehn Sie, Nonne, das ist die
›Schmetterlingsschlacht‹, von der man jetzt jeden Tag in den Zeitungen
liest.« Aber trotz dieser spöttischen Bemerkung wäre Thormeyer doch
Hauptgegenstand aller Aufmerksamkeit geblieben, wenn nicht der jeden
Ordensschmuck verschmähende, nur mit einem hochkragigen und uralten
Frack angetane Edle Herr von Alten-Friesack ihm siegreiche Konkurrenz
gemacht hätte. Das wendisch Götzenbildartige, das sein Kopf zeigte,
gab auch heute wieder den Ausschlag zu seinen Gunsten. Er nickte nur
pagodenhaft hin und her und schien selbst an die vom ältesten Adel die
Frage zu richten: »Was wollt ihr hier?« Er hielt sich nämlich (worin er
einer ererbten Geschlechtsanschauung folgte) für den einzig wirklich
berechtigten Bewohner und Vertreter der ganzen Grafschaft.
Das waren so die Hauptanwesenden. Alles stand dichtgedrängt, und
von Blechernhahn, der in bezug auf »Schneid« beinah an von Molchow
heranreichte, sagte: »Bin neugierig, was der Lorenzen heute loslassen
wird. Er gehört ja zur Richtung Göhre.«
»Ja, Göhre,« sagte von Molchow. »Merkwürdig, wie der Zufall spielt. Das
Leben macht doch immer die besten Witze.«
Weiter kam es mit dieser ziemlich ungeniert geführten Unterhaltung
nicht, weil sich, als Molchow eben seinen Pfeil abgeschossen hatte, die
Gesamtaufmerksamkeit auf jene Flurstelle richtete, wo der aufgebahrte
Sarg stand. Hier war nämlich, und zwar in einem brillant sitzenden und
mit Atlasaufschlägen ausstaffierten Frack, in eben diesem Augenblicke
der Rechtsanwalt Katzenstein erschienen und schritt, nachdem er einen
Granseeschen Riesenkranz am Fußende des Sarges niedergelegt hatte,
mit jener Ruhe, wie sie nur das gute Gewissen gibt, auf Adelheid zu,
vor der er sich respektvollst verneigte. Diese bewahrte gute Haltung
und dankte. Von verschiedenen Seiten her aber hörte man leise das
Wort »Affront«, während ein in unmittelbarer Nähe des Edlen Herrn
von Alten-Friesack stehender, erst seit kurzem zu Christentum und
Konservatismus übergetretener Katzensteinscher Kollege lächelnd vor
sich hin murmelte: »Schlauberger!«
Und nun war es Zeit.
Der Zug ordnete sich; Militärmusik aus der nächsten Garnison schritt
vorauf; dann traten die Stechliner Bauern heran, die darum gebeten
hatten, den Sarg tragen zu dürfen. Diener und Mädchen aus dem Hause
nahmen die Kränze. Dann kam Adelheid mit Pastor Lorenzen, an die
sich die Trauerversammlung (viele von ihnen in Landstandsuniform)
unmittelbar anschloß. Draußen sah man, daß eine große Zahl kleiner
Leute Spalier gebildet hatte. Das waren die von Globsow. Sie hatten
bei der Rheinsberger Wahl alle für Torgelow oder doch wenigstens für
Katzenstein gestimmt; jetzt aber, wo der Alte tot war, waren sie doch
vorwiegend der Meinung: »He wihr so wiet janz good.«
Die Musik klang wundervoll; kleine Mädchen streuten Blumen, und so
ging es den etwas ansteigenden Kirchhof hinauf, zwischen den Gräbern
hindurch und zuletzt auf das uralte, niedrige Kirchenportal zu. Vor dem
Altar stellten sie den Sarg auf einen mit einer Versenkungsvorrichtung
versehenen Stein, unter dem sich die Gruft der Stechline befand. Schiff
und Emporen waren überfüllt; bis auf den Kirchhof hinaus stand alles
Kopf an Kopf. Und nun trat Lorenzen an den Sarg heran, um über den,
den er trotz aller Verschiedenheit der Meinungen so sehr geliebt und
verehrt, ein paar Worte zu sagen.
»›Wer seinen Weg richtig wandelt, kommt zu seiner Ruhe in der Kammer.‹
Diesen Weg zu wandeln war das Bestreben dessen, an dessen Sarge wir
hier stehn. Ich gebe kein Bild seines Lebens, denn wie dies Leben
war, es wissen's alle, die hier erschienen sind. Sein Leben lag
aufgeschlagen da, nichts verbarg sich, weil sich nichts zu verbergen
brauchte. Sah man ihn, so schien er ein Alter, auch in dem, wie er
Zeit und Leben ansah; aber für die, die sein wahres Wesen kannten, war
er kein Alter, freilich auch kein Neuer. Er hatte vielmehr das, was
über alles Zeitliche hinaus liegt, was immer gilt und immer gelten
wird: ein Herz. Er war kein Programmedelmann, kein Edelmann nach der
Schablone, wohl aber ein Edelmann nach jenem alles Beste umschließenden
Etwas, das Gesinnung heißt. Er war recht eigentlich frei. Wußt es
auch, wenn er's auch oft bestritt. Das goldene Kalb anbeten war
nicht seine Sache. Daher kam es auch, daß er vor dem, was das Leben
so vieler andrer verdirbt und unglücklich macht, bewahrt blieb, vor
Neid und bösem Leumund. Er hatte keine Feinde, weil er selber keines
Menschen Feind war. Er war die Güte selbst, die Verkörperung des alten
Weisheitssatzes: ›Was du nicht willst, daß man dir tu.‹
Und das leitet mich denn auch hinüber auf die Frage nach seinem
Bekenntnis. Er hatte davon weniger das Wort als das Tun. Er hielt es
mit den guten Werken und war recht eigentlich das, was wir überhaupt
einen Christen nennen sollten. Denn er hatte die Liebe. Nichts
Menschliches war ihm fremd, weil er sich selbst als Mensch empfand und
sich eigner menschlicher Schwäche jederzeit bewußt war. Alles, was
einst unser Herr und Heiland gepredigt und gerühmt, und an das er die
Segensverheißung geknüpft hat, -- all das war sein: Friedfertigkeit,
Barmherzigkeit und die Lauterkeit des Herzens. Er war das Beste, was
wir sein können, ein Mann und ein Kind. Er ist nun eingegangen in
seines Vaters Wohnungen und wird da die Himmelsruhe haben, die der
Segen aller Segen ist.«
Einige der Anwesenden sahen sich bei dieser Schlußwendung an. Am
meisten bemerkt wurde Gundermann, dessen der Rede halb zustimmende,
halb ablehnende Haltung bei den versammelten »Alten und Echten« (die
wohl +sich+, aber nicht +ihm+ ein Recht der Kritik zuschrieben) auch
hier wieder ein Lächeln hervorrief. Dann folgte mit erhobener Stimme
Gebet und Einsegnung, und als die Orgel intonierte, senkte sich der
auf dem Versenkungsstein stehende Sarg langsam in die Gruft. Einen
Augenblick später, als der wiederaufsteigende Stein die Gruftöffnung
mit einem eigentümlichen Klappton schloß, hörte man von der Kirchentür
her erst ein krampfhaftes Schluchzen und dann die Worte: »Nu is
allens ut; nu möt ick ook weg.« Es war Agnes. Man nahm das Kind von
dem Schemel herunter, auf dem es stand, um es unter Zuspruch der
Nächststehenden auf den Kirchhof hinauszuführen. Da schlich es noch
eine Weile weinend zwischen den Gräbern hin und her und ging dann die
Straße hinunter auf den Wald zu.
Die alte Buschen selbst hatte nicht gewagt, mit dabei zu sein.
* * * * *
Unter denen, die draußen auf dem Kirchhof standen, waren auch von
Molchow und von der Nonne. Jeder von ihnen wartete auf seine Kutsche,
die, weil der Andrang so groß war, nicht gleich vorfahren konnte. Beide
froren bitterlich bei der scharfen Luft, die vom See her wehte.
»Ich weiß nicht,« sagte von der Nonne, »warum sie die Feier nicht im
Hause, wo sie doch heizen konnten, abgehalten haben; es war ja da drin
gar keine menschliche Temperatur mehr. Und nun erst hier draußen.«
»Is leider so,« sagte Molchow, »und ich werde wohl auch mit ner
Kopfkolik abschließen. Und mitunter stirbt man dran. Aber wenn man in
Berlin is (und ich habe da neulich auch so was mitgemacht,) is es doch
noch schlimmer. Da haben sie was, was sie ne Leichenhalle nennen, ne
Art Kapelle mit Bibelspruch und Lorbeerbäumen, und dahinter verstecken
sich ein paar Gesangsmenschen. Wenn man sie nachher aber sieht, sehen
sie sehr gefrühstückt aus.«
»Kenn ich, kenn ich,« sagte Nonne.
»Nu, der Gesang,« fuhr Molchow fort, »das ginge noch, den kann man
schließlich aushalten. Aber der Fußboden und der Zug durch die
offenstehende Tür. Und wenn man noch bloß +den+ kriegte. Wer aber
Pech hat, der kommt, wenn's Winter is, dicht neben einen Kanonenofen
zu stehn, und wenn ich sage, ›der pustet‹, so sag ich noch wenig.
Und der Geistliche kann einem auch leid tun. Er spricht sozusagen
für niemanden. Wer kann denn bei solchem Zug und solchem Ofenpusten
ordentlich zuhören? Und bloß das weiß ich, daß ich immer an die
drei Männer im feurigen Ofen gedacht habe. So halb Eisklumpen, halb
Bratapfel is nich mein Fall.«
»Ja, die Berliner,« sagte Nonne ... »Nich zu glauben.«
»Nich zu glauben. Und dabei bilden sie sich ein, sie hätten eigentlich
alles am besten. Und mancher von ihnen glaubt es auch wirklich. Aber
die Hölle lacht.«
»Ich bitte Sie, Molchow, menagieren Sie sich! Das über Berlin, na, das
ginge vielleicht noch. Aber so gleich hier von Hölle, hier mitten auf
nem christlichen Kirchhof ...«
* * * * *
Bald danach hatte sich der Kirchhof geleert, und alles, was in der
Grafschaft wohnte, war auf dem Heimwege. Nur die von Berlin her
erschienenen Gäste, die den nächsten, an Gransee vorüberkommenden
Rostocker Zug abzuwarten hatten, waren in das Herrenhaus zurückgekehrt,
wo mittlerweile für einen Imbiß Sorge getragen war. Rex und Czako,
desgleichen auch die Berchtesgadens, nahmen erst ein Glas Wein und
dann eine Tasse Kaffee. Zwischen dem alten Grafen und Adelheid knüpfte
sich ein mäßig belebtes Gespräch an, wobei der Graf der Vorzüge des
Verstorbenen gedachte. Da Schwester Adelheid jedoch, wie so viele
Schwestern, allerlei Zweifel und Bedenken hinsichtlich des Tuns und
Treibens ihres Bruders hegte, so ging man bald zu den Kindern über
und beklagte, daß sie bei einer so schönen Feier nicht hätten zugegen
sein können. Dazwischen wurde dann freilich das fast entgegengesetzt
klingende Bedauern laut, daß das junge Paar seinen Aufenthalt im Süden
wohl werde abbrechen müssen. Der alte Graf in seiner Güte fand alles,
was Adelheid sagte, sehr verständig, während sich Adelheids Gefühle mit
der Anerkennung begnügten, daß sie sich den Alten eigentlich schlimmer
gedacht habe.
Vierundvierzigstes Kapitel
Melusine war aus der Kirche mit in das Herrenhaus zurückgekehrt und
widmete sich hier auf eine kurze Weile zunächst ihren Freunden, den
Berchtesgadens, dann Rex und Czako. Danach ging sie in die Pfarre
hinüber, um Lorenzen zu danken und noch ein kurzes Gespräch mit ihm
über Woldemar und Armgard zu haben, im wesentlichen eine Wiederholung
alles dessen, was sie schon während ihres Weihnachtsbesuches mit ihm
durchgesprochen hatte. Sie verplauderte sich dabei wider Wunsch und
Willen, und als sie schließlich nach dem Herrenhause zurückkehrte,
begegnete sie bereits jener Aufbruchsunruhe, die kein ernstes Eingehen
auf irgendein Thema mehr zuläßt. Sie beschränkte sich deshalb auf ein
paar Worte mit Tante Adelheid. Daß man sich gegenseitig nicht mochte,
war der einen so gewiß wie der andern. Sie waren eben Antipoden:
Stiftsdame und Weltdame, Wutz und Windsor, vor allem enge und weite
Seele.
»Welch ein Mann, Ihr Pastor Lorenzen,« sagte Melusine. »Und zum Glück
auch noch unverheiratet.«
»Ich möchte das nicht so betonen und noch weniger es beloben. Es
widerspricht dem Beispiele, das unser Gottesmann gegeben, und
widerspricht auch wohl der Natur.«
»Ja, der Durchschnittsnatur. Es gibt aber, Gott sei Dank, Ausnahmen.
Und das sind die eigentlich Berufenen. Eine Frau nehmen ist
alltäglich ...«
»Und keine Frau nehmen ist ein Wagnis. Und die Nachrede der Leute hat
man noch obenein.«
»Diese Nachrede hat man immer. Es ist das erste, wogegen man
gleichgültig werden muß. Nicht in Stolz, aber in Liebe.«
»Das will ich gelten lassen. Aber die Liebe des natürlichen Menschen
bezeigt sich am besten in der Familie.«
»Ja, die des natürlichen Menschen ...«
»Was ja so klingt, Frau Gräfin, als ob Sie dem Unnatürlichen das Wort
reden wollten.«
»In gewissem Sinne ›ja‹, Frau Domina. Was entscheidet, ist, ob man
dabei nach oben oder nach unten rechnet.«
»Das Leben rechnet nach unten.«
»Oder nach oben; je nachdem.«
Es klang alles ziemlich gereizt. Denn so leichtlebig und heiter
Melusine war, +einen+ Ton konnte sie nicht ertragen, den sittlicher
Überheblichkeit. Und so war eine Gefahr da, sich die Schraubereien
fortsetzen zu sehen. Aber die Meldung, daß die Wagen vorgefahren seien,
machte dieser Gefahr ein Ende. Melusine brach ab und teilte nur noch
in Kürze mit, daß sie vorhabe, morgen mit dem frühesten von Berlin aus
einen Brief zu schreiben, der mutmaßlich gleichzeitig mit dem jungen
Paar in Capri eintreffen werde. Adelheid war damit einverstanden, und
Melusine nahm Baron Berchtesgadens Arm, während der alte Graf die
Baronin führte.
Das Verdeck des vor dem Portal haltenden Wagens war zurückgeschlagen,
und alsbald hatten die Baronin und Melusine im Fond, die beiden
Herren aber auf dem Rücksitz Platz genommen. So ging es eine schon in
Kätzchen stehende Weidenallee hinunter, die beinahe geradlinig auf
Gransee zuführte. Das Wetter war wunderschön; von der Kälte, die noch
am Vormittag geherrscht hatte, zeigte sich nichts mehr; der Himmel war
gleichmäßig grau, nur hier und da eine blaue Stelle. Der Rauch stand in
der stillen Luft, die Spatzen quirilierten auf den Telegraphendrähten,
und aus dem Saatengrün stiegen die Lerchen auf. »Wie schön,« sagte
Baron Berchtesgaden, »und dabei spricht man immer von der Dürftigkeit
und Prosa dieser Gegenden.« Alles stimmte zu, zumeist der alte Graf,
der die Frühlingsluft einsog und immer wieder aussprach, wie glücklich
ihn diese Stunde mache. Sein Bewegtsein fiel auf.
»Ich dachte, lieber Barby,« sagte der Baron, »in meinen Huldigungen
gegen Ihre märkische Frühlingslandschaft ein Äußerstes getan zu haben.
Aber ich sehe, ich bleibe doch weit zurück; Sie schlagen mich aus dem
Felde.«
»Ja,« sagte der alte Graf, »und mir kommt es wohl auch zu. Denn ich bin
der erste dran, davon Abschied nehmen zu müssen.«
* * * * *
Rex und Czako folgten in einem leichten Jagdwagen. Die beiden Schecken,
kleine Shetländer, warfen ihre Mähnen. Daß man von einem Begräbnis kam,
war dem Gefährt nicht recht anzusehen.
»Rex,« sagte Czako, »Sie könnten nun wieder ein ander Gesicht
aufsetzen. Oder wollen Sie mich glauben machen, daß Sie wirklich
betrübten Herzens sind?«
»Nein, Czako, so gröblich inszenier ich mich nicht. Und käme mir so was
in den Sinn, so jedenfalls nicht vor einem Publikum, das Czako heißt.
Übrigens wollen Sie bloß etwas von sich auf mich abwälzen. +Sie+ sind
betrübt, und wenn ich mir alles überlege, so steht es so, daß Sie bei
dem Chateau Lafitte nicht auf Ihre Rechnung gekommen sind. Er wirkte
-- denn des Alten ›Bocksbeutel‹ hab ich von unserem Oktoberbesuch her
noch in dankbarer Erinnerung --, wie wenn ihn Tante Adelheid aus ihrem
Kloster mitgebracht hätte.«
»Rex, Sie sind ja wie vertauscht und reden beinah in meinem Stil. Es
ist doch merkwürdig, sowie die Menschen dies Nest, dies Berlin, erst
hinter sich haben, fängt Vernunft wieder an zu sprechen.«
»Sehr verbunden. Aber eskamotieren Sie nicht die Hauptsache. Meine
Frage bleibt, ›warum so belegt, Czako?‹ Denn daß Sie das sind, ist
außer Zweifel. Wenn's also nicht von dem Lafitte stammt, so kann es nur
Melusine sein.«
Czako seufzte.
»Da haben wir's. Tatsache festgestellt, obwohl ich Ihren Seufzer nicht
recht verstehe. Sie haben nämlich nicht den geringsten Grund dazu.
Gesamtsituation umgekehrt überaus günstig.«
»Sie vergessen, Rex, die Gräfin ist sehr reich.«
»Das erschwert nicht, das erleichtert bloß.«
»Und außerdem ist sie grundgescheit.«
»Das sind Sie beinah auch, wenigstens mitunter.«
»Und dann ist die Gräfin eine Gräfin, ja, sogar eine Doppelgräfin, erst
durch Geburt und dann durch Heirat noch mal. Und dazu diese verteufelt
vornehmen Namen: Barby, Ghiberti. Was soll da Czako? Teuerster Rex,
man muß den Mut haben, den Tatsachen ins Auge zu sehn. Ich mache mir
kein Hehl draus, Czako hat was merkwürdig Kommißmäßiges, etwa wie
Landwehrmann Schultze. Kennen Sie das reizende Ballett ›Uckermärker und
Picarde?‹ Da haben Sie die ganze Geschichte. Melusine ist die reine
Picarde.«
»Zugegeben. Aber was schadet das? Italienisieren Sie sich und schreiben
Sie sich von morgen ab Ciacco. Dann sind Sie dem Ghiberti trotz seiner
Grafenschaft dicht auf den Hacken.«
»Sapristi, Rex, ~c'est une idée~.«
Fünfundvierzigstes Kapitel
Das junge Paar war, nach geplantem kurzen Aufenthalt erst in Amalfi und
dann in Sorrent, in Capri angekommen. Woldemar fragte nach Briefen,
erfuhr aber, daß nichts eingegangen.
Armgard schien verstimmt. »Melusine läßt sonst nie warten.«
»Das hat dich verwöhnt. Sie verwöhnt dich überhaupt.«
»Vielleicht. Aber, so dir's recht ist, darüber erst später einmal,
nicht heute; für solche Geständnisse sind wir doch eigentlich noch
nicht lange genug verheiratet. Wir sind ja noch in den Flitterwochen.«
Woldemar beschwichtigte. »Morgen wird ein Brief da sein. Schließen wir
also Frieden, und steigen wir, wenn dir's paßt, nach Anacapri hinauf.
Oder wenn du nicht steigen magst, bleiben wir, wo wir sind, und suchen
uns hier eine gute Aussichtsstelle.«
Es war auf dem Frontbalkon ihres am mittleren Abhang gelegenen Albergo,
daß sie dies Gespräch führten, und weil die Mühen und Anstrengungen
der letzten Tage ziemlich groß gewesen waren, war Armgard willens,
für heute wenigstens auf Anacapri zu verzichten. Sie begnügte sich
also, mit Woldemar auf das Flachdach hinaufzusteigen, und verlebte da,
angesichts der vor ihnen ausgebreiteten Schönheit, eine glückliche
Stunde. Von Sorrent kamen Fischerboote herüber, die Fischer sangen, und
der Himmel war klar und blau; nur drüben aus dem Kegel des Vesuv stieg
ein dünner Rauch auf, und von Zeit zu Zeit war es, als vernähme man ein
dumpfes Rollen und Grollen.
»Hörst du's?« fragte Armgard.
»Gewiß. Und ich weiß auch, daß man einen Ausbruch erwartet. Vielleicht
erleben wir's noch.«
»Das wäre herrlich.«
»Und dabei,« fuhr Woldemar fort, »komm ich von der eiteln Vorstellung
nicht los, daß, wenn's da drüben ernstlich anfängt, unser
Stechlin mittut, wenn auch bescheiden. Es ist doch eine vornehme
Verwandtschaft.«
Armgard nickte, und von der Uferstelle her, wo die Sorrentiner Fischer
eben anlegten, klang es herauf:
~Tre giorni son che Nina, che Nina.
In letto ne se sta ...~
* * * * *
Am andern Tage, wie vorausgesagt, kam ein Brief von Melusine, diesmal
aber nicht an die Schwester, sondern an Woldemar adressiert.
»Was ist?« fragte Armgard, der die Bewegung nicht entging, die
Woldemar, während er las, zu bekämpfen suchte.
»Lies selbst.«
Und dabei gab er ihr den Brief mit der Todesanzeige des Alten.
An ein Eintreffen in Stechlin, um noch der Beisetzung beiwohnen zu
können, war längst nicht mehr zu denken; der Begräbnistag lag zurück.
So kam man denn überein, die Rückreise langsam, in Etappen über Rom,
Mailand und München machen, aber an jedem Orte (denn beide sehnten sich
heim) nicht länger als einen Tag verweilen zu wollen. Von Capri nahm
Woldemar ein einziges Andenken mit, einen Kranz von Lorbeer und Oliven.
»Den hat er sich verdient.« --
Die letzte Station war Dresden, und von hier aus war es denn auch, daß
Woldemar ein paar kurze Zeilen an Lorenzen richtete.
Lieber Lorenzen.
Seit einer halben Stunde sind wir in Dresden, und ich schreibe
diese Zeilen angesichts des immer wieder schönen Bildes von
der Terrasse aus, das auch auf den Verwöhntesten noch wirkt.
Wir wollen morgen in aller Frühe von hier fort, sind um zehn
in Berlin und um zwölf in Gransee. Denn ich will zunächst
unser altes Stechlin wiedersehen und einen Kranz am Sarge
niederlegen. Bitte, sorgen Sie, daß mich ein Wagen auf der
Station erwartet. Wenn ich auch Sie persönlich träfe, so
wäre mir das das Erwünschteste. Es plaudert sich unterwegs so
gut. Und von wem könnt ich mehr und zugleich Zuverlässigeres
erfahren als von Ihnen, der Sie die letzten Tage mit durchlebt
haben werden. Meine Frau grüßt herzlichst. Wie immer Ihr alter
treu und dankbar ergebenster
Woldemar v. St.
* * * * *
Um zwölf hielt der Zug auf Bahnhof Gransee. Woldemar sah schon vom
Coupé aus den Wagen; aber statt Lorenzen war Krippenstapel da. Das
war ihm zunächst nicht angenehm, aber er nahm es bald von der guten
Seite. »Krippenstapel ist am Ende noch besser, weil er unbefangener ist
und mit manchem weniger zurückhält. Lorenzen, wenn er dies Wort auch
belächeln würde, hat einen diplomatischen Zug.«
In diesem Augenblick erfolgte die Begrüßung mit dem inzwischen
herangetretenen »Bienenvater«, und alle drei bestiegen den Wagen,
dessen Verdeck zurückgeschlagen war. Krippenstapel entschuldigte
Lorenzen, »der wegen einer Trauung behindert sei«, und so wäre
denn alles in bester Ordnung gewesen, wenn unser trefflicher alter
Museumsdirektor nur vor Antritt seiner Fahrt nach Gransee von einer
Herausbesserung seines äußeren Menschen Abstand genommen hätte. Das
war ihm aber unzulässig erschienen, und so saß er denn jetzt dem
jungen Paare gegenüber, angetan mit einem Schlipsstreifen und einem
großen Chemisettevorbau. Der Schlips war so schmal, daß nicht bloß
der zur Befestigung der Vatermörder dienende Hemdkragenrand in halber
Höhe sichtbar wurde, sondern leider auch der aus einem keilartigen
Ausschnitt hervorlugende Adamsapfel, der sich nun, wie ein Ding für
sich, beständig hin und her bewegte. Die Verlegenheit Armgards, deren
Auge sich -- natürlich ganz gegen ihren Willen -- unausgesetzt auf
dies Naturspiel richten mußte, wäre denn auch von Moment zu Moment
immer größer geworden, wenn nicht Krippenstapels unbefangene Haltung
schließlich über alles wieder hinweggeholfen hätte.
Dazu kam noch, daß seiner Unbefangenheit seine Mitteilsamkeit
entsprach. Er erzählte von dem Begräbnis und wer vom Grafschaftsadel
alles dagewesen sei. Dann kam Thormeyer an die Reihe, dann Katzenstein
und die Domina und zuletzt auch »lütt Agnes«.
»Des Kindes müssen wir uns annehmen,« sagte Armgard.
»Wenn du darauf dringst, gewiß. Aber es liegt schwieriger damit, als
du denkst. Solche Kinder, ganz im Gegensatz zur Pädagogenschablone,
muß man sich selbst überlassen. Der gefährlichere Weg, wenn überhaupt
was Gutes in ihnen steckt, ist jedesmal der bessere. Dann bekehren
sie sich aus sich selbst heraus. Wenn aber irgendein Zwang diese
Bekehrung schaffen will, so wird meist nichts draus. Da werden nur
Heuchelei und Ziererei geboren. Eigner freier Entschluß wiegt hundert
Erziehungsmaximen auf.«
Armgard stimmte zu. Krippenstapel aber fuhr in seinem Berichte fort und
erzählte von Kluckhuhn, von Uncke, von Elfriede; Sponholz werde in der
nächsten Woche zurückerwartet, und Koseleger und die Prinzessin seien
ein Herz und eine Seele, ganz besonders -- und das sei das Allerneueste
-- seit man für ein Rettungshaus sammle. Seitens des Adels werde
fleißig dazu beigesteuert; nur Molchow habe sich geweigert: »so was
schaffe bloß Konfusion.«
Um zwei traf man in Schloß Stechlin ein. Woldemar durchschritt die
verödeten Räume, verweilte kurze Zeit in dem Sterbezimmer und ging dann
in die Kirchengruft, um da den Kranz an des Vaters Sarge niederzulegen.
Am späten Nachmittag erschien auch Lorenzen und sprach zunächst sein
Bedauern aus, daß er einer Amtshandlung halber (Kossäth Zschocke habe
sich wieder verheiratet) nicht habe kommen können. Er blieb dann noch
den Abend über und erzählte vielerlei, zuletzt auch von dem, was er dem
Alten feierlich habe versprechen müssen.