»Das ist mir ja ne Überraschung. Und wo hast du sie denn, seit ich hier

bin, versteckt gehalten? Ich habe sie ja die ganze Woche über noch

nicht gesehn.«

»Konntest du auch nicht, Adelheid; sie ist erst seit gestern abend

hier. Mit Engelke ging das nicht mehr, wenigstens nicht auf die Dauer.

Er ist ja so alt wie ich. Und immer raus in der Nacht und rauf und

runter und mich umdrehn und heben. Das konnt ich nich mehr mit ansehn.«

»Und da hast du dir die Agnes kommen lassen? Die soll dich nun rumdrehn

und heben? Das Kind, das Wurm. Haha. Was du dir doch alles für

Geschichten machst.«

»Agnes,« sagte hier Dubslav, »du könntest mal zu Mamsell Pritzbur in

die Küche gehn und ihr sagen, ich möchte heute mittag ne gefüllte Taube

haben. Aber nich so mager und auch nich so wenig Füllung, und daß es

nich nach alter Semmel schmeckt. Und dann kannst du gleich bei der

Mamsell unten bleiben und dir ne Geschichte von ihr erzählen lassen,

vom ›Schäfer und der Prinzessin‹ oder vom ›Fischer un sine Fru‹;

Rotkäppchen wirst du wohl schon kennen.«

Agnes stand auf, trat unbefangen an den Tisch, wo Bruder und Schwester

saßen, und machte wiederholt ihren Knicks. Dabei hielt sie das

Strickzeug und den langen Strumpf in der Hand.

»Für wen strickst du denn den?« fragte die Domina.

»Für mich.«

Dubslav lachte. Adelheid auch. Aber es war ein Unterschied in ihrem

Lachen. Agnes nahm übrigens nichts von diesem Unterschied wahr, sah

vielmehr ohne Furcht um sich und ging aus dem Zimmer, um unten in der

Küche die Bestellung auszurichten.

Als sie hinaus war, wiederholte sich Adelheids krampfhaftes Lachen.

Dann aber sagte sie: »Dubslav, ich weiß nicht, warum du dir, so lang

ich hier bin, gerade diese Hilfskraft angenommen hast. Ich bin deine

Schwester und eine Märkische von Adel. Und bin auch die Domina von

Kloster Wutz. Und meine Mutter war eine Radegast. Und die Stechline,

die drüben in der Gruft unterm Altar stehn, die haben, soviel ich weiß,

auf ihren Namen gehalten und sich untereinander die Ehre gegeben, die

jeder beanspruchen durfte. Du nimmst hier das Kind der Karline in dein

Zimmer und setzt es ans Fenster, fast als ob's da jeder so recht sehn

sollte. Wie kommst du zu dem Kind? Da kann sich Woldemar freuen und

seine Frau auch, die so was ›Unberührtes‹ hat. Und Gräfin Melusine! Na,

die wird sich wohl auch freun. Und die darf auch. Aber ich wiederhole

meine Frage, wie kommst du zu dem Kind?«

»Ich hab es kommen lassen.«

»Haha. Sehr gut; ›kommen lassen‹. Der Klapperstorch hat es dir wohl von

der grünen Wiese gebracht und natürlich auch gleich für die roten Beine

gesorgt. Aber ich kenne dich besser. Die Leute hier tun immer so, wie

wenn du dem alten Kortschädel sittlich überlegen gewesen wärst. Ich

für meine Person kann's nicht finden und sagte dir gern meine Meinung

darüber. Aber ich nehme häßliche Worte nicht gern in den Mund.«

»Adelheid, du regst dich auf. Und ich frage mich, warum? Du bist ein

bißchen gegen die Buschen, -- nun gut, gegen die Buschen kann man

sein; und du bist ein bißchen gegen die Karline, -- nun gut, gegen die

Karline kann man auch sein. Aber ich sehe dir's an, das Eigentliche,

was dich aufregt, das ist nicht die Buschen und ist auch nicht die

Karline, das sind bloß die roten Strümpfe. Warum bist du so sehr gegen

die roten Strümpfe?«

»Weil sie ein Zeichen sind.«

»Das sagt gar nichts, Adelheid. Ein Zeichen ist alles. Wovon sind sie

ein Zeichen? Darauf kommt es an.«

»Sie sind ein Zeichen von Ungehörigkeit und Verkehrtheit. Und ob du nun

lachen magst oder nicht -- denn an einem Strohhalm sieht man eben am

besten, woher der Wind weht --, sie sind ein Zeichen davon, daß alle

Vernunft aus der Welt ist und alle gesellschaftliche Scheidung immer

mehr aufhört. Und das alles unterstützt du. Du denkst wunder, wie fest

du bist; aber du bist nicht fest und kannst es auch nicht sein, denn

du steckst in allerlei Schrullen und Eitelkeiten. Und wenn sie dir um

den Bart gehn oder dich bei deinen Liebhabereien fassen, dann läßt du

das, worauf es ankommt, ohne weiteres im Stich. Es soll jetzt viele

solche geben, denen ihr Humor und ihre Rechthaberei viel wichtiger

ist als Gläubigkeit und Apostolikum. Denn sie sind sich selber ihr

Glaubensbekenntnis. Aber, glaube mir, dahinter steckt der Versucher,

und wohin der am Ende führt, das weißt du, -- soviel wird dir ja wohl

noch geblieben sein.«

»Ich hoffe,« sagte Dubslav.

»Und weil du bist wie du bist, freust du dich, daß diese Zierpuppe

(schon ganz wie die Karline) rote Strümpfe trägt und sich neue dazu

strickt. Ich aber wiederhole dir, diese roten Strümpfe, die sind ein

Zeichen, eine hochgehaltene Fahne.«

»Strümpfe werden nicht hochgehalten.«

»Noch nicht, aber das kann auch noch kommen. Und das ist dann die

richtige Revolution, die Revolution in der Sitte, -- das, was sie jetzt

das ›Letzte‹ nennen. Und ich begreife dich nicht, daß du davon kein

Einsehn hast, du, ein Mann von Familie, von Zugehörigkeit zu Thron und

Reich. Oder der sich's wenigstens einbildet.«

»Nun gut, nun gut.«

»Und da reist du herum, wenn sie den Torgelow oder den Katzenstein

wählen wollen, und hältst deine Reden, wiewohl du eigentlich nicht

reden kannst ...«

»Das is richtig. Aber ich hab auch keine gehalten ...«

»Und hältst deine Reden für König und Vaterland und für die alten Güter

und sprichst gegen die Freiheit. Ich versteh dich nicht mit deinem

ewigen ›gegen die Freiheit‹. Laß sie doch mit ihrer ganzen dummen

Freiheit machen, was sie wollen. Was heißt Freiheit? Freiheit ist gar

nichts; Freiheit ist, wenn sie sich versammeln und Bier trinken und

ein Blatt gründen. Du hast bei den Kürassieren gestanden und mußt

doch wissen, daß Torgelow und Katzenstein (was keinen Unterschied

macht) uns nicht erschüttern werden, uns nicht und unsern Glauben

nicht und Stechlin nicht und Wutz nicht. Die Globsower, solange sie

bloß Globsower sind, können gar nichts erschüttern. Aber wenn erst

der Buschen ihre Enkelkinder, denn die Karline wird doch wohl schon

mehrere haben, ihre Knöpfstiefel und ihre roten Strümpfe tragen, als

müßt es nur so sein, ja, Dubslav, dann ist es vorbei. Mit der Freiheit,

laß mich das wiederholen, hat es nicht viel auf sich; aber die roten

Strümpfe, das ist was. Und dir trau ich ganz und gar nicht, und der

Karline natürlich erst recht nicht, wenn es auch vielleicht schon eine

Weile her ist.«

»Sagen wir ›vielleicht‹.«

»O, ich kenne das. Du willst das wegwitzeln, das ist so deine Art. Aber

unser Kloster ist nicht so aus der Welt, daß wir nicht auch Bescheid

wüßten.«

»Wozu hättet ihr sonst euern Fix?«

»Kein Wort gegen den.«

Und in großer Erregung brach das Gespräch ab. Noch am selben Nachmittag

aber verabschiedete sich Adelheid von ihrem Bruder und fuhr nach Wutz

zurück.

Verweile doch. Tod. Begräbnis. Neue Tage.

Vierzigstes Kapitel

Agnes, während oben die gereizte Szene zwischen Bruder und Schwester

spielte, war unten in der Küche bei Mamsell Pritzbur und erzählte von

Berlin, wo sie vorigen Sommer bei ihrer Mutter auf Besuch gewesen war.

»Eins war da,« sagte sie, »das hieß das Aquarium. Da lag eine Schlange,

die war so dick wie'n Bein.«

»Aber hast du denn schon Beine gesehn?« fragte die Pritzbur.

»Aber, Mamsell Pritzbur, ich werde doch wohl schon Beine gesehn haben

... Und dann, an einem andern Tag, da waren wir in einem ›Tiergarten‹,

aber in einem richtigen, mit allerlei Tieren drin. Und den nennen sie

den ›Zoologischen‹.«

»Ja, davon hab ich auch schon gehört.«

»Und in dem ›Zoologischen‹, da war ein ganz kleiner See, noch viel

kleiner als unser Stechlin, und in dem See standen allerlei Vögel. Und

einer, ganz wie'n Storch, stand auf einem Bein.«

Als die Mädchen das Wort »Storch« hörten, kamen sie näher heran.

»Aber die Beine von dem Vogel, oder es waren wohl mehrere Vögel, die

waren viel größer als Storchenbeine und auch viel dicker und viel

röter.«

»Und taten sie dir nichts?«

»Nein, sie taten mir nichts. Bloß, wenn sie so ne Weile gestanden

hatten, dann stellten sie sich auf das andre Bein. Und ich sagte zu

Mutter: ›Mutter, komm; der eine sieht mich immer so an.‹ Und da gingen

wir an eine andere Stelle, wo der Bär war.«

Das Kind erzählte noch allerlei. Die Mädchen und auch die Mamsell

freuten sich über Agnes, und sie trug ihnen ein paar Lieder vor, die

ihre Mutter, die Karline, immer sang, wenn sie plättete, und sie tanzte

auch, während sie sang, wobei sie das himmelblaue Kleid zierlich in die

Höhe nahm, ganz so, wie sie's in der Hasenheide gesehen hatte.

So kam der Nachmittag heran, und als es schon dunkelte, sagte Engelke:

»Ja, gnädger Herr, wie is das nu mit Agnessen? Sie is immer noch bei

Mamsell Pritzbur unten, un die Mächens wenn sie so singt und tanzt,

kucken ihr zu. Sie wird woll auch so was wie die Karline. Soll sie

wieder nach Haus, oder soll sie hierbleiben?«

»Natürlich soll sie hierbleiben. Ich freue mich, wenn ich das Kind

sehe. Du hast ja ein gutes Gesicht, Engelke, aber ich will doch auch

mal was andres sehn als dich. Wie das lütte Balg da so saß, so steif

wie ne Prinzeß, hab ich immer hingekuckt und ihr wohl ne Viertelstunde

zugesehn, wie da die Stricknadeln immer so hin und her gingen und

der rote Strumpf neben ihr baumelte. So was Hübsches hab ich nicht

mehr gesehn, seit zu Weihnachten die Grafschen hier waren, die blasse

Komtesse und die Gräfin. Hat sie dir auch gefallen?«

Engelke griente.

»Na, ich sehe schon. Also Agnes bleibt. Und sie kann ja auch nachts mal

aufstehn und mir eine Tasse von dem Tee bringen, oder was ich sonst

grade brauche, und du alte Seele kannst ausschlafen. Ach, Engelke, das

Leben is doch eigentlich schwer. Das heißt, wenn's auf die Neige geht;

vorher is es soweit ganz gut. Weißt du noch, wenn wir von Brandenburg

nach Berlin ritten? In Brandenburg war nich viel los; aber in Berlin,

da ging es.«

»Ja, gnädger Herr. Aber nu kommt es.«

»Ja, nu kommt es. Nu is Katzenpfötchen dran. So was gab es damals

noch gar nicht. Aber ich will nichts sagen, sonst wird die Buschen

ärgerlich, und mit alten Weibern muß man gut stehn; das is noch

wichtiger als mit jungen. Und, wie gesagt, die Agnes bleibt. Ich sehe

so gern was Zierliches. Es is ein reizendes Kind.«

»Ja, das is sie. Aber ...«

»Ach, laß die ›Abers‹. Du sagst, sie wird wie die Karline. Möglich is

es. Aber vielleicht wird sie auch ne Nonne. Man kann nie wissen.«

* * * * *

Agnes blieb also bei Dubslav. Sie saß am Fenster und strickte. Mal in

der Nacht, als ihm recht schlecht war, hatte er nach dem Kinde rufen

wollen. Aber er stand wieder davon ab. »Das arme Kind, was soll ich ihm

den Schlaf stören? Und helfen kann es mir doch nicht.«

So verging eine Woche. Da sagte der alte Dubslav: »Engelke, das mit der

Agnes, das kann ich nich mehr mit ansehn. Sie sitzt da jeden Morgen und

strickt. Das arme Wurm muß ja hier umkommen. Und alles bloß, weil ich

alter Sünder ein freundliches Gesicht sehn will. Das geht so nich mehr

weiter. Wir müssen sehn, daß wir was für das Kind tun können. Haben wir

denn nicht ein Buch mit Bildern drin oder so was?«

»Ja, gnädger Herr, da sind ja noch die vier Bände, die wir letzte

Weihnachten bei Buchbinder Zippel in Gransee haben einbinden lassen.

Eigentlich war es bloß ne ›Landwirtschaftliche Zeitung‹, und alle, die

mal nen Preis gewonnen haben, die waren drin. Und Bismarck war auch

drin un Kaiser Wilhelm auch.«

»Ja, ja, das is gut; das gib ihr. Und brauchst ihr auch nich zu sagen,

daß sie keine Eselsohren machen soll; die macht keine.«

Wirklich, die »Landwirtschaftliche Zeitung« lag am andern Morgen

da, und Agnes war sehr glücklich, mal was andres zu haben als ihr

Strickzeug, und die schönen Bilder ansehn zu können. Denn es waren

auch Schlösser drin und kleine Teiche, drauf Schwäne fuhren, und auf

einem Bilde, das eine Beilage war, waren sogar Husaren. Engelke brachte

jeden Morgen einen neuen Band, und mal erschien auch Elfriede, die

Lorenzen, um nach Dubslavs Befinden fragen zu lassen, von der Pfarre

herübergeschickt hatte. »Die kann sich ja die Bilder mit ansehen,«

sagte Dubslav; »am Ende macht es ihr selber auch Spaß, und vielleicht

kann sie dem kleinen Ding, der Agnes, alles so nebenher erklären, und

dann is es so gut wie ne Schulstunde.«

Elfriede war gleich dazu bereit. Und nun standen die beiden Kinder

nebeneinander und blätterten in dem Buch, und die Kleine sog jedes

Wort ein, was die Große sagte. Dubslav aber hörte zu und wußte nicht,

wem von beiden er ein größeres Interesse zuwenden sollte. Zuletzt aber

war es doch wohl Elfriede, weil sie den wehmütigen Zauber all derer

hatte, die früh abberufen werden. Ihr zarter, beinahe körperloser Leib

schien zu sagen: »Ich sterbe.« Aber ihre Seele wußte nichts davon; die

leuchtete und sagte: »Ich lebe.«

* * * * *

Das mit den Bilderbüchern dauerte mehrere Tage. Dann sagte Dubslav:

»Engelke, das Kind fängt heute schon wieder von vorn an; es ist mit

allen vier Bänden, so dick sie sind, schon zweimal durch; ich sehe,

wir müssen uns was Neues ausbaldowern. Das is nämlich ein Wort aus der

Diebssprache; soweit sind wir nu schon. Übrigens ist mir was Gutes

eingefallen: hol ihr eine von unsern Wetterfahnen herunter. Die stehn

ja da bloß so rum, un wenn ich tot bin und alles abgeschätzt wird --

was sie ›ordnen‹ nennen --, dann kommt Kupperschmied Reuter aus Gransee

und taxiert es auf fünfundsiebzig Pfennig.«

»Aber, gnädger Herr, uns' Woldemar ...«

»Nu ja, Woldemar. Woldemar ist gut, natürlich, und die Komtesse, seine

junge Frau, is auch gut. Alles is gut, und ich hab es auch nicht so

schlimm gemeint; man red't bloß so. Nur soviel is richtig: meine

Sammlung oben is für Spinnweb und weiter nichts. Alles Sammeln ist

überhaupt verrückt, und wenn Woldemar sich nich mehr drum kümmert, so

is es eigentlich bloß Wiederherstellung von Sinn und Verstand. Jeder

hat seinen Sparren, und ich habe meinen gehabt. Bring aber nich gleich

alles runter. Nur die Mühle bring und den Dragoner.«

Engelke gehorchte.

Den ersten Tag, wie sich denken läßt, war Agnes ganz für den Dragoner,

der, als man ihn vor Jahr und Tag von seinem Zelliner Kirchturm

heruntergeholt hatte, frisch aufgepinselt worden war: schwarzer Hut,

blauer Rock, gelbe Hosen. Aber sehr bald hatte sich das Kind an der

Buntheit des Dragoners sattgesehen, und nun kam statt seiner die

Mühle an die Reihe. Die hielt länger vor. Meistens -- wenn sie nur

überhaupt erst im Gange war -- brauchte das Kind bloß zu pusten, um die

Mühlflügel in ziemlich rascher Bewegung zu halten, und der schnarrende

Ton der etwas eingerosteten Drehvorrichtung war dann jedesmal eine Lust

und ein Entzücken. Es waren glückliche Tage für Agnes. Aber fast noch

glücklichere für den Alten.

* * * * *

Ja, der alte Dubslav freute sich des Kindes. Aber so wohltuend ihm

seine Gegenwart war, so war es auf die Dauer doch nicht viel was

andres, als ob ein Goldlack am Fenster gestanden oder ein Zeisig

gezwitschert hätte. Sein Auge richtete sich gerne darauf; als aber

eine Woche und dann eine zweite vorüber war, wurd ihm eine gewisse

Verarmung fühlbar, und das so stark, daß er fast mit Sehnsucht an die

Tage zurückdachte, wo Schwester Adelheid sich ihm bedrücklich gemacht

hatte. Das war sehr unbequem gewesen, aber sie besaß doch nebenher

einen guten Verstand, und in allem, was sie sagte, war etwas, worüber

sich streiten und ein Feuerwerk von Anzüglichkeiten und kleinen Witzen

abbrennen ließ. Etwas, was ihm immer eine Hauptsache war. Dubslav

zählte zu den Friedliebendsten von der Welt, aber er liebte doch

andrerseits auch Friktionen, und selbst ärgerliche Vorkommnisse waren

ihm immer noch lieber als gar keine.

* * * * *

Kein Zweifel, der alte Schloßherr auf Stechlin sehnte sich nach

Menschen, und da waren es denn wahre Festtage, wenn Besucher aus Näh

oder Ferne sich einstellten.

Eines Tages -- es schummerte schon -- erschien Krippenstapel. Er hatte

seinen besten Rock angezogen und hielt ein übermaltes Gefäß, mit einem

Deckel darauf, in seinem linken Arm.

»Nun, das ist recht, Krippenstapel. Ich freue mich, daß Sie mal

nachsehn, ob unser Museum oben noch seinen ›Chef‹ hat. Ich sage ›Chef‹.

Der Direktor sind Sie ja selber. Und nun kommen Sie auch gleich noch

mit ner Urne. Hat gewiß Ihr Freund Tucheband irgendwo ausgegraben. Oder

is es bloß ne Terrine? Himmelwetter, Krippenstapel, Sie werden mir doch

nich ne Krankensuppe gekocht haben?«

»Nein, Herr Major, keine Krankensuppe. Gewiß nicht. Und doch is es

einigermaßen so was. Es ist nämlich ne Wabe. Habe da heute mittag einen

von meinen Stöcken ausgenommen und wollte mir erlaubt haben, Ihnen die

beste Wabe zu bringen. Es ist beinah so was wie der mittelalterliche

Zehnte. Der Zehnte, wenn ich mir die Bemerkung erlauben darf, war

eigentlich was Feineres als Geld.«

»Find ich auch. Aber die heutige Menschheit hat für so was Feines gar

keinen Sinn mehr. Immer alles bar und nochmal bar. O, das gemeine

Geld! Das heißt, wenn man keins hat; wenn man's hat, ist es soweit

ganz gut. Und daß Sie gleich an Ihren alten Patron -- ein Wort,

das übrigens vielleicht zu hoch gegriffen ist und unser Verhältnis

nicht recht ausdrückt -- gedacht haben! Lorenzen wird es hoffentlich

nicht übelnehmen, daß ich Sie, wenn ich mich Ihren ›Patron‹ nenne,

so gleichsam avancieren lasse. Ja, das mit der Wabe. Freut mich

aufrichtig. Aber ich werde mich wohl nicht drüberher machen dürfen.

Immer heißt es: ›+das+ nicht‹. Erst hat mir Sponholz alles verboten und

nu die Buschen, und so leb ich eigentlich bloß noch von Bärlapp und

Katzenpfötchen.«

»Am Ende geht es doch,« sagte Krippenstapel. »Ich weiß wohl, in eine

richtige Kur darf der Laie nicht eingreifen. Aber der Honig macht

vielleicht ne Ausnahme. Richtiger Honig ist wie gute Medizin und hat

die ganze Heilkraft der Natur.«

»Is denn aber nicht auch was drin, was besser fehlte?«

»Nein, Herr Major. Ich sehe die Bienen oft schwärmen und sammeln, und

seh auch, wie sie sammeln und wo sie sammeln. Da sind voran die Linden

und Akazien und das Heidekraut. Nu, die sind die reine Unschuld; davon

red ich gar nicht erst. Aber nun sollten Sie die Biene sehn, wenn sie

sich auf eine giftige Blume, sagen wir zum Beispiel auf den Venuswagen,

niederläßt. Und in jedem Venuswagen, besonders in dem roten (aber doch

auch in dem blauen), sitzt viel Gift.«

»Venuswagen; kann ich mir denken. Und wie sammelt da die Biene?«

»Sie nimmt nie das Gift, sie nimmt immer bloß die Heilkraft.«

»Na, Sie müssen es wissen, Krippenstapel. Und auf Ihre Verantwortung

hin will ich mir den Honig auch schmecken lassen, und die Buschen muß

sich drin finden und sich wohl oder übel zufrieden geben. Übrigens

fällt mir bei der Alten natürlich auch das Kind ein. Da sitzt es am

Fenster. Na, komm mal her, Agnes, und sage, daß du hier auch was

lernst. Ich hab ihr nämlich Bücher gegeben, mit allerlei Bildern drin,

und seit vorgestern auch eine Götterlehre, das heißt aber noch eine aus

guter, anständiger Zeit und jeder Gott ordentlich angezogen. Und da

lernt sie, glaub ich, ganz gut. Nicht wahr, Agnes?«

Agnes knickste und ging wieder auf ihren Platz.

»Und dann hab ich dem Kind auch unsern Dragoner und die Mühle gegeben.

Also unsre besten Stücke, soviel ist richtig. Ich denke mir aber, mein

Museumsdirektor wird über diesen Eingriff nicht böse sein. Eigentlich

is es doch besser, das Kind hat was davon als die Spinnen. Und was

macht denn Ihr Oberlehrer in Templin? Hat er wieder was gefunden?«

»Ja, Herr Major. Münzenfund.«

»Na, das is immer das beste. Vermutlich Georgstaler oder so was;

Dreißigjähriger Krieg. Es war ja ne gräßliche Zeit. Aber daß sie damals

aus Angst und Not soviel verbuddelt haben, das is doch auch wieder ein

Segen. Is es denn viel?«

»Wie man's nehmen will, Herr Major; praktisch und profan angesehen

ist es nicht viel, aber wissenschaftlich angesehen ist es allerdings

viel. Nämlich drei römische Münzen, zwei von Diokletian und eine von

Caracalla.«

»Na, die passen wenigstens. Diokletian war ja wohl der mit der

Christenverfolgung. Aber ich glaube, es war am Ende nicht so schlimm.

Verfolgt wird immer. Und mitunter sind die Verfolgten obenauf.«

Dabei lachte der Alte. Dann rief er Engelke, daß er den Honig

herausnehme. Krippenstapel aber verabschiedete sich, seine leere

Terrine vorsichtig im Arm.

Einundvierzigstes Kapitel

Dubslav hatte sich über Krippenstapels Besuch und sein Geschenk

aufrichtig gefreut, weil es ja das Beste war, was ihm die alte treue

Seele bringen konnte. Er bestand denn auch darauf (trotzdem Engelke,

der ein Vorurteil gegen alles Süße hatte, dagegen war), daß ihm die

Wabe jeden Morgen auf den Frühstückstisch gestellt werde.

»Siehst du, Engelke,« sagte er nach einer Woche, »daß ich mich wieder

wohler fühle, das macht die Wabe. Denn man muß jedes Fisselchen

mitessen, Wachs und alles, das hat er mir eigens gesagt. Das is grad

so wie beim Apfel die Schale; die hat die Natur so gewollt und is ein

Fingerzeig und muß respektiert werden.«

»Ich bin aber doch für abschälen,« sagte Engelke. »Wenn man so sieht,

was mitunter alles dran ist ...«

»Ja, Engelke, ich weiß nicht, du bist jetzt so fein geworden. Aber ich

bin noch ganz altmodisch. Und dann glaub ich nebenher wirklich, daß

in dem Wachs die richtige ›gesamte Heilkraft der Natur‹ steckt, fast

noch mehr als in dem Honig. Krippenstapel übrigens is jetzt auch so

furchtbar gebildet und hat so viele feine Wendungen, wie zum Beispiel

die mit der ›gesamten Heilkraft‹. Aber so fein wie du is er doch noch

lange nicht, darauf will ich mich verschwören. Und auch darauf, daß er

sich keine Birne schält.«

In dieser guten Laune verblieb Dubslav eine ganze Weile, sich mehr und

mehr zurechtlegend, daß er sich die Quälerei mit all dem andern Zeug

eigentlich hätte sparen können; »denn wenn +alles+ drin ist, so ist

doch auch Bärlapp und Katzenpfötchen drin und natürlich auch Fingerhut

oder wie Sponholz sagt: ›Die Digitalis.‹« Engelke freilich wollte von

diesen Sophistereien nichts wissen; sein Herr aber ließ sich durch

solche Zweifel nicht stören und fuhr vielmehr fort: »Und dann, Engelke,

macht es doch auch einen Unterschied, von wem eine Sache kommt.

Die Katzenpfötchen kommen von der Buschen, und die Wabe kommt von

Krippenstapel. Das heißt also, hinter der Wabe steht ein guter Geist,

und hinter den Katzenpfötchen steht ein böser Geist. Und das kannst du

mir glauben, an solchen Rätselhaftigkeiten liegt sehr viel im Leben,

und wenn mir Lorenzen seine Patsche gibt, so ist das ganz was anders,

wie wenn mir Koseleger seine Hand gibt. Koseleger hat solche weichen

Finger und auf dem vierten einen großen Ring.«

»Aber er is doch ein Superintendent.«

»Ja, Superintendent is er. Und er kommt auch noch höher. Und wenn es

nach der Prinzessin geht, wird er Papst. Und dann wollen wir uns Ablaß

bei ihm holen; aber viel geb ich nicht.«

* * * * *

Als Dubslav und Engelke dies Gespräch führten, saß Agnes wie gewöhnlich

am Fenster, mit halbem Ohre hinhörend, und so wenig sie davon verstand,

so verstand sie doch gerade genug. Krippenstapel war ein guter Geist

und ihre Großmutter war ein böser Geist. Aber das alles war ihr nicht

mehr, als ob ihr ein Märchen erzählt würde. Sie hatte schon so vieles

in ihrem Leben gehört und war wohl dazu bestimmt, noch viel, viel

andres zu hören. Ihr Gesichtsausdruck blieb denn auch derselbe. Sie

träumte bloß so hin, und daß sie dies Wesen hatte, das war es recht

eigentlich, was den alten Herrn so an sie fesselte. Das Auge, womit sie

die Menschen ansah, war anders als das der andern.

* * * * *

Engelke hatte sich in die nebenan gelegene Dienststube zurückgezogen;

ein heller Schein fiel von der Veranda her durch die Balkontür und gab

dem etwas dunklen Zimmer mehr Licht, als es für gewöhnlich zu haben

pflegte. Dubslav hielt die Kreuzzeitung in Händen und schlug nach einem

Brummer, der ihn immer und immer wieder umsummte. »Verdammte Bestie,«

und er holte von neuem aus. Aber ehe er zuschlagen konnte, kam Engelke

und fragte, ob Uncke den gnädigen Herrn sprechen dürfe.

»Uncke, unser alter Uncke?«

»Ja, gnädger Herr.«

»Na, natürlich. Kriegt man doch mal wieder nen vernünftigen Menschen

zu sehn. Was er nur bringen mag? Vielleicht Verhaftung irgendwo:

Demokratennest ausgenommen.«

Agnes horchte. Verhaftung! Demokratennest ausgenommen! Das war doch

noch besser als ein Märchen »vom guten und bösen Geist«.

* * * * *

Der Stechlin: Roman · 第 30 / 33 段