»Will dir's glauben. Und du sollst sehn, heute haben wir nen guten

Tag, und es kommt auch noch wer, an dem man sich freuen kann. Wie mir

schlecht war, da kam Koseleger und die Prinzessin. Aber heute kam ein

Buchfink. Und ich bin ganz sicher, der hat noch ein Gefolge.«

* * * * *

Dubslavs Ahnungen behielten recht; und als der Nachmittag da war, kam

Lorenzen, der sich, seitdem der Alte seinen Katzenpfötchentee trank,

nur selten und immer bloß flüchtig hatte sehen lassen. Aber das war

rein zufällig und sollte nicht eine Mißbilligung darüber ausdrücken,

daß sich der Alte bei der Buschen in die Kur gegeben.

»Nun endlich,« empfing ihn Dubslav, als Lorenzen eintrat. »Wo bleiben

Sie? Da heißt es immer, wir Junker wären kleine Könige. Ja, wer's

glaubt! Alle kleinen Könige haben ein Cortege, das sich in Huldigungen

und Purzelbäumen überschlägt. Aber von solchem Gefolge habe ich noch

nicht viel gesehen. Baruch ist freilich hier gewesen und dann Koseleger

und dann die Prinzessin, aber der, der so halb ~ex officio~ kommen

sollte, der kommt nicht und schickt höchstens mal die Kulicke oder die

Elfriede mit ner Anfrage. Sterben und verderben kann man. Und das heißt

dann Seelsorge.«

Lorenzen lächelte. »Herr von Stechlin, Ihre Seele macht mir, trotz

dieser meiner Vernachlässigung, keine Sorge, denn sie zählt zu denen,

die jeder Spezialempfehlung entbehren können. Lassen Sie mich sehr

menschlich, ja für einen Pfarrer beinah lästerlich sprechen. Aber ich

muß es. Ich lebe nämlich der Überzeugung, der liebe Gott, wenn es mal

soweit ist, freut sich, Sie wiederzusehen. Ich sage, wenn es soweit

ist. Aber es ist noch nicht soweit.«

»Ich weiß nicht, Lorenzen, ob Sie recht haben. Jedenfalls aber befind

ich mich in meinem derzeitig erträglichen Zustande nur mit Hilfe

der Buschen, und ob mich das nach obenhin besonders empfehlen kann,

ist mir zweifelhaft. Aber lassen wir die heikle Frage. Erzählen Sie

mir lieber etwas recht Hübsches und Heiteres, auch wenn es nebenher

etwas ganz Altes ist, etwa das, was man früher Miscellen nannte. Das

ist mir immer das liebste gewesen und ist es noch. Was ich da so in

den Zeitungen lese, voran das Politische, das weiß ich schon immer

alles, und was ich von Engelke höre, das weiß ich auch. Beiläufig --

natürlich nur vom alleregoistischsten Zeitungsleserstandpunkt aus --

eine wahres Glück, daß es Unglücksfälle gibt, sonst hätte man von der

Zeitungslektüre so gut wie gar nichts. Aber Sie, Sie lesen auch sonst

noch allerlei, mitunter sogar Gutes (freilich nur selten), und haben

ein wundervolles Gedächtnis für Räubergeschichten und Anekdoten aus

allen fünf Weltteilen. Außerdem sind Sie Friederikus-Rex-Mann, was ich

Ihnen eigentlich am höchsten anrechne, denn die Friederikus-Rex-Leute,

die haben alle Herz und Verstand auf dem rechten Fleck. Also suchen Sie

nach irgendwas der Art, nach einer alten Zieten- oder Blücheranekdote,

kann meinetwegen auch Wrangel sein -- ich bin dankbar für alles. Je

schlechter es einem geht, je schöner kommt einem so was kavalleristisch

Frisches und Übermütiges vor. Ich spiele mich persönlich nicht auf

Heldentum aus, Renommieren ist ein elendes Handwerk; aber das darf ich

sagen: ich liebe das Heldische. Und Gott sei Dank kommt dergleichen

immer noch vor.«

»Gewiß kommt so was immer noch vor. Aber, Herr von Stechlin, all dies

Heldische ...«

»Nun aber, Lorenzen, Sie werden doch nicht gegen das Heldische

sein? Soweit sind Sie doch noch nicht! Und wenn es wäre, da würd ich

ernstlich böse.«

»Das läßt Ihre Güte nicht zu.«

»Sie wollen mich einfangen. Aber diesmal glückt es nicht. Was haben Sie

gegen das Heldische?«

»Nichts, Herr von Stechlin, gar nichts. Im Gegenteil. Heldentum ist

gut und groß. Und unter Umständen ist es das Allergrößte. Lasse mir

also den Heroenkultus durchaus gefallen, das heißt, den echten und

rechten. Aber was Sie da von mir hören wollen, das ist, Verzeihung für

das Wort, ein Heldentum zweiter Güte. +Mein+ Heldentum -- soll heißen,

was ich für Heldentum halte -- das ist nicht auf dem Schlachtfelde

zu Hause, das hat keine Zeugen oder doch immer nur solche, die mit

zugrunde gehn. Alles vollzieht sich stumm, einsam, weltabgewandt.

Wenigstens als Regel. Aber freilich, +wenn+ die Welt dann ausnahmsweise

davon hört, dann horch ich mit auf, und mit gespitzterem Ohr, wie ein

Kavalleriepferd, das die Trompete hört.«

»Gut. Meinetwegen. Aber Beispiele.«

»Kann ich geben. Da sind zunächst die fanatischen Erfinder, die

nicht ablassen von ihrem Ziel, unbekümmert darum, ob ein Blitz sie

niederschlägt oder eine Explosion sie in die Luft schleudert; da sind

des weiteren die großen Kletterer und Steiger, sei's in die Höh, sei's

in die Tiefe, da sind zum dritten die, die den Meeresgrund absuchen

wie ne Wiese, und da sind endlich die Weltteildurchquerer und die

Nordpolfahrer.«

»Ach, der ewige Nansen. Nansen, der, weil er die diesseits verlorene

Hose jenseits in Grönland wiederfand, auf den Gedanken kam: ›Was die

Hose kann, kann ich auch.‹ Und daraufhin fuhr er über den Pol. Oder

wollte wenigstens.«

Lorenzen nickte.

»Nun ja, das war klug gedacht. Und daß dieser Nansen sich an die Sache

ranmachte, das respektier ich, auch wenn schließlich nichts draus

wurde. Bleibt immer noch ein Bravourstück. Gewiß, da sitzt nu so wer im

Eise, sieht nichts, hört nichts, und wenn wer kommt, ist es höchstens

ein Eisbär. Indessen, er freut sich doch, weil es wenigstens was

Lebendiges ist. Ich darf sagen, ich hab einen Sinn für dergleichen.

Aber trotzdem, Lorenzen, die Garde bei St. Privat ist doch mehr.«

»Ich weiß nicht, Herr von Stechlin. Echtes Heldentum, oder um's noch

einmal einzuschränken, ein solches, das mich persönlich hinreißen

soll, steht immer im Dienst einer Eigenidee, eines allereigensten

Entschlusses. Auch dann noch (ja mitunter dann erst recht), wenn dieser

Entschluß schon das Verbrechen streift. Oder, was fast noch schlimmer,

das Häßliche. Kennen Sie den Cooperschen ›Spy‹? Da haben Sie den Spion

als Helden. Mit andern Worten, ein Niedrigstes als Höchstes. Die

Gesinnung entscheidet. Das steht mir fest. Aber es gibt der Beispiele

noch andere, noch bessere!«

»Da bin ich neugierig,« sagte Dubslav. »Also wenn's sein kann: Name.«

»Name: Greeley, Leutnant Greeley; Yankee ~pur sang~. Und im übrigen

auch einer aus der Nordpolfahrergruppe.«

»Will also sagen: Nansen der Zweite.«

»Nein, nicht der Zweite. Was er tat, war viele Jahre vor Nansen.«

»Und er kam höher hinauf? Weiter nach dem Pol zu? Oder waren seine

Eisbär-Rencontres von noch ernsthafterer Natur?«

»All das würde mir nicht viel besagen. Das herkömmlich Heldische fehlt

in seiner Geschichte völlig. Was an seine Stelle tritt, ist ein ganz

andres. Aber dies andre, +das+ gerade macht es.«

»Und das war?«

»Nun denn, -- ich erzähle nach dem Gedächtnis und im Einzelnen und

Nebensächlichen irr ich vielleicht ... Aber in der Hauptsache stimmt

es ... Also zuletzt, nach langer Irrfahrt, waren's noch ihrer fünf:

Greeley selbst und vier seiner Leute. Das Schiff hatten sie verlassen,

und so zogen sie hin über Eis und Schnee. Sie wußten den Weg, soweit

sich da von Weg sprechen läßt, und die Sorge war nur, ob das bißchen

Proviant, das sie mit sich führten, Schiffszwieback und gesalzenes

Fleisch, bis an die nächste menschenbewohnte Stelle reichen würde.

Jedem war ein höchstes und doch zugleich auch wieder geringstes Maß

als tägliche Provision zubewilligt, und wenn man dies Maß einhielt

und kein Zwischenfall kam, so mußt es reichen. Und einer, der noch am

meisten bei Kräften war, schleppte den gesamten Proviant. Das ging so

durch Tage. Da nahm Leutnant Greeley wahr, daß der Proviant schneller

hinschmolz als berechnet, und nahm auch wahr, daß der Proviantträger

selbst, wenn er sich nicht beobachtet glaubte, von den Rationen nahm.

Das war eine schreckliche Wahrnehmung. Denn ging es so fort, so waren

sie samt und sonders verloren. Da nahm Greeley die drei andern beiseit

und beriet mit ihnen. Eine Möglichkeit gewöhnlicher Bestrafung gab es

nicht, und auf einen Kampf sich einzulassen ging auch nicht. Sie hatten

dazu die Kräfte nicht mehr. Und so hieß es denn zuletzt, und es war

Greeley, der es sagte: ›Wir müssen ihn hinterrücks erschießen.‹ Und

als sie bald nach dieser Kriegsgerichtsszene wieder aufbrachen, der

heimlich Verurteilte vorn an der Tete, trat Greeley von hintenher an

ihn heran und schoß ihn nieder. Und die Tat war nicht umsonst getan;

ihre Rationen reichten aus, und an dem Tage, wo sie den letzten Bissen

verzehrten, kamen sie bis an eine Station.«

»Und was wurde weiter?«

»Ich weiß nicht mehr, ob Greeley selbst bei seiner Rückkehr nach

Newyork als Ankläger gegen sich auftrat; aber das weiß ich, daß es zu

einer großen Verhandlung kam.«

»Und in dieser ...«

»... In dieser wurd er freigesprochen und im Triumph nach Hause

getragen.«

»Und Sie sind einverstanden damit?«

»Mehr; ich bin voll Bewunderung. Greeley, statt zu tun, was er tat,

hätte zu den Gefährten sagen können: ›Unser Exempel wird falsch, und

wir gehen an des einen Schuld zugrunde; töten mag ich ihn nicht, --

sterben wir also alle.‹ Für seine Person hätt er so sprechen und

handeln können. Aber es handelte sich nicht bloß um ihn; er hatte

die Führer- und die Befehlshaberrolle, zugleich die Richterpflicht,

und hatte die Majorität von drei gegen eine Minorität von einem zu

schützen. Was dieser eine getan, an und für sich ein Nichts, war unter

den Umständen, unter denen es geschah, ein fluchwürdiges Verbrechen.

Und so nahm er denn gegen die geschehene schwere Tat die schwere

Gegentat auf sich. In solchem Augenblicke richtig fühlen und in der

Überzeugung des Richtigen fest und unbeirrt ein furchtbares Etwas tun,

ein Etwas, das, aus seinem Zusammenhange gerissen, allem göttlichen

Gebot, allem Gesetz und aller Ehre widerspricht, +das+ imponiert mir

ganz ungeheuer und ist in meinen Augen der wirkliche, der wahre Mut.

Schmach und Schimpf, oder doch der Vorwurf des Schimpflichen, haben

sich von jeher an alles Höchste geknüpft. Der Bataillonsmut, der Mut in

der Masse (bei allem Respekt davor), ist nur ein Herdenmut.«

Dubslav sah vor sich hin. Er war augenscheinlich in einem

Schwankezustand. Dann aber nahm er die Hand Lorenzens und sagte: »Sie

sollen recht haben.«

Neununddreißigstes Kapitel

Dubslav hatte nach Lorenzens Besuch eine gute Nacht. »Wenn man

mal so was andres hört, wird einem gleich besser.« Aber auch der

Katzenpfötchentee fuhr fort, seine Wirkung zu tun, und was dem Kranken

am meisten half, war, daß er die grünen Tropfen fortließ.

»Hör, Engelke, am Ende wird es noch mal was. Wie gefallen dir meine

Beine? Wenn ich drücke, keine Kute mehr.«

»Gewiß, gnädger Herr, es wird nu wieder, un das macht alles der Tee.

Ja, die Buschen versteht es, das hab ich immer gesagt. Und gestern

abend, als Lorenzen hier war, war auch lütt Agnes hier un hat unten in

der Küche gefragt, wie's denn eigentlich mit dem gnädigen Herrn stünn?

Und die Mamsell hat ihr gesagt, ›es stünde gut‹.«

»Na, das is recht, daß die Alte, wie 'n richtiger Doktor, sich um einen

kümmert und von allem wissen will. Und daß sie nicht selber kommt, ist

noch besser. So'n bißchen schlecht Gewissen hat sie doch woll. Ich

glaube, daß sie viel auf'm Kerbholz hat, und daß die Karline so is,

wie sie is, daran is doch auch bloß die Alte schuld. Und das Kind wird

vielleicht auch noch so; sie dreht sich schon wie ne Puppe, und dazu

das lange, blonde Zoddelhaar. Ich muß dabei immer an Bellchen denken,

-- weißt du noch, als die gnädge Frau noch lebte. Bellchen hatte auch

solche Haare. Und war auch der Liebling. Solche sind immer Liebling.

Krippenstapel, hör ich, soll sie auch in der Schule verwöhnen. Wenn

die andern ihn noch anglotzen, dann schießt sie schon los. Es ist ein

kluges Ding.«

Engelke bestätigte, was Dubslav sagte, und ging dann nach unten, um dem

gnädgen Herrn sein zweites Frühstück zu holen: ein weiches Ei und eine

Tasse Fleischbrühe. Als er aber aus dem Gartenzimmer auf den großen

Hausflur hinaustrat, sah er, daß ein Wagen vorgefahren war, und statt

in die Küche zu gehen, ging er doch lieber gleich zu seinem Herrn

zurück, um mit verlegenem Gesicht zu melden, daß das gnädge Fräulein da

sei.

»Wie? Meine Schwester?«

»Ja, das gnädge Frölen.«

»I, da soll doch gleich ne alte Wand wackeln,« sagte Dubslav, der einen

ehrlichen Schreck gekriegt hatte, weil er sicher war, daß es jetzt mit

Ruh und Frieden auf Tage, vielleicht auf Wochen, vorbei sei. Denn

Adelheid mit ihren sechsundsiebzig setzte sich nicht gern auf eine

Kleinigkeit hin in Bewegung, und wenn sie die beinahe vier Meilen von

Kloster Wutz her herüberkam, so war das kein Nachmittagsbesuch, sondern

Einquartierung. Er fühlte, daß sich sein ganzer Zustand mit einem Male

wieder verschlechterte und daß eine halbe Atemnot im Nu wieder da war.

Er hatte aber nicht lange Zeit, sich damit zu beschäftigen, denn

Engelke öffnete bereits die Tür, und Adelheid kam auf ihn zu. »Tag,

Dubslav. Ich muß doch mal sehn. Unser Rentmeister Fix ist vorgestern

hier in Stechlin gewesen und hat dabei von deinem letzten Unwohlsein

gehört. Und daher weiß ich es. Eh du persönlich deine Schwester so was

wissen läßt oder einen Boten schickst ...«

»Da muß ich schon tot sein,« ergänzte der alte Stechlin und lachte.

»Nun, laß es gut sein, Adelheid, mach dir's bequem und rücke den Stuhl

da heran.«

»Den Stuhl da? Aber, Dubslav, was du dir nur denkst! Das ist ja ein

Großvaterstuhl oder doch beinah.« Und dabei nahm sie statt dessen einen

kleinen, leichten Rohrsessel und ließ sich drauf nieder. »Ich komme

doch nicht zu dir, um mich hier in einen großen Polsterstuhl mit Backen

zu setzen. Ich will meinen lieben Kranken pflegen, aber ich will nicht

selber eine Kranke sein. Wenn es so mit mir stünde, wär ich zu Hause

geblieben. Du rechnest immer, daß ich zehn Jahre älter bin als du. Nun,

ja, ich bin zehn Jahre älter. Aber was sind die Jahre? Die Wutzer Luft

ist gesund, und wenn ich die Grabsteine bei uns lese, unter achtzig ist

da beinah keine von uns abgegangen. Du wirst erst siebenundsechzig.

Aber ich glaube, du hast dein Leben nicht richtig angelegt, ich meine

deine Jugend, als du noch in Brandenburg warst. Und von Brandenburg

immer rüber nach Berlin. Na, das kennt man. Ich habe neulich was

Statistisches gelesen.«

»Damen dürfen nie Statistisches lesen,« sagte Dubslav, »es ist entweder

zu langweilig oder zu interessant, -- und das ist dann noch schlimmer.

Aber nun klingle (verzeih, mir wird das Aufstehn so schwer), daß uns

Engelke das Frühstück bringt; du kommst ~à la fortune du pot~ und mußt

fürlieb nehmen. Mein Trost ist, daß du drei Stunden unterwegs gewesen,

Hunger ist der beste Koch.«

Beim Frühstück, das bald danach aufgetragen wurde -- die Jahreszeit

gestattete, daß auch eine Schale mit Kiebitzeiern aufgesetzt werden

konnte -- verbesserte sich die Stimmung ein wenig; Dubslav ergab sich

in sein Schicksal, und Adelheid wurde weniger herbe.

»Wo hast du nur die Kiebitzeier her?« sagte sie. »Das ist was Neues.

Als ich noch hier lebte, hatten wir keine.«

»Ja, die Kiebitze haben sich seit kurzem hier eingefunden, an unserm

Stechlin, da, wo die Binsen stehn; aber bloß auf der Globsower Seite.

Nach der andern Seite hin wollen sie nicht. Ich habe mir gedacht,

es sei vielleicht ein Fingerzeig, daß ich nun auch welche nach

Friedrichsruh schicken soll. Aber das geht nicht; dann gelt ich am

Ende gleich für eingeschworen, und Uncke notiert mich. Wer dreimal

Kiebitzeier schickt, kommt ins schwarze Buch. Und das kann ich schon

Woldemars wegen nicht.«

»Is auch recht gut so. Was zuviel ist, ist zuviel. Er soll sich ja

mit der Lucca zusammen haben photographieren lassen. Und während

sie da oben in der Regierung und mitunter auch bei Hofe so was tun,

fordern sie Tugend und Sitte. Das geht nicht. Bei sich selber muß man

anfangen. Und dann ist er doch auch schließlich bloß ein Mensch, und

alle Menschenanbetung ist Götzendienst. Menschenanbetung ist noch

schlimmer als das goldene Kalb. Aber ich weiß wohl, Götzendienst kommt

jetzt wieder auf, und Hexendienst auch, und du sollst ja auch -- so

wenigstens hat mir Fix erzählt -- nach der Buschen geschickt haben.«

»Ja, es ging mir schlecht.«

»Gerade, wenn's einem schlecht geht, dann soll man Gott und Jesum

Christum erkennen lernen, aber nicht die Buschen. Und sie soll dir

Katzenpfötchentee gebracht haben und soll auch gesagt haben: ›Wasser

treibt das Wasser.‹ Das mußt du doch heraushören, daß das ein

unchristlicher Spruch ist. Das ist, was sie ›besprechen‹ nennen oder

auch ›böten‹. Und wo das alles herstammt, ... Dubslav, Dubslav, ...

Warum bist du nicht bei den grünen Tropfen geblieben und bei Sponholz?

Seine Frau war eine Pfarrerstochter aus Kuhdorf.«

»Hat ihr auch nichts geholfen. Und nu sitzt sie mit ihm in Pfäffers,

einem Schweizerbadeort, und da schmoren sie gemeinschaftlich in einem

Backofen. Er hat es mir selbst erzählt, daß es ein Backofen is.«

* * * * *

Der erste Tag war immerhin ganz leidlich verlaufen. Adelheid erzählte

von Fix, von der Schmargendorf und der Schimonski und zuletzt auch

von Maurermeister Lebenius in Berlin, der in Wutz eine Ferienkolonie

gründen wolle. »Gott, wir kriegen dann so viel armes Volk in unsern

Ort und noch dazu lauter Berliner Bälge mit Plieraugen. Aber die

grünen Wiesen sollen ja gut dafür sein und unser See soll Jod haben,

freilich wenig, aber doch so, daß man's noch gerade finden kann.«

Adelheid sprach in einem fort, derart, daß Dubslav kaum zu Wort kommen

konnte. Gelang es ihm aber, so fuhr sie rasch dazwischen, trotzdem

sie beständig versicherte, daß sie gekommen sei, ihn zu pflegen, und

nur, wenn er auf Woldemar das Gespräch brachte, hörte sie mit einiger

Aufmerksamkeit zu. Freilich, die italienischen Reisemitteilungen als

solche waren ihr langweilig, und nur bei Nennung bestimmter Namen,

unter denen »Tintoretto« und »Santa Maria Novella« obenan standen,

erheiterte sie sich sichtlich. Ja, sie kicherte dabei fast so vergnügt

wie die Schmargendorf. Ein wirkliches, nicht ganz flüchtiges Interesse

(wenn auch freilich kein freundliches) zeigte sie nur, wenn Dubslav von

der jungen Frau sprach und hinzusetzte: »Sie hat so was Unberührtes.«

»Nu ja, nu ja. Das liegt aber doch zurück.«

»Wer keusch ist, bleibt keusch.«

»Meinst du das ernsthaft?«

»Natürlich mein ich es ernsthaft. Über solche Dinge spaß ich überhaupt

nicht.«

Und nun lachte Adelheid herzlich und sagte: »Dubslav, was hast du nur

wieder für Bücher gelesen? Denn aus dir selbst kannst du doch so was

nicht haben. Und von deinem Pastor Lorenzen auch nicht. Der wird ja

wohl nächstens ne ›freie Gemeinde‹ gründen.«

So war der erste Tag dahingegangen. Alles in allem, trotz kleiner

Ärgerlichkeiten, unterhaltlich genug für den Alten, der, unter seiner

Einsamkeit leidend, meist froh war, irgendeinen Plauderer zu finden,

auch wenn dieser im übrigen nicht gerade der richtige war. Aber

das alles dauerte nicht lange. Die Schwester wurde von Tag zu Tag

rechthaberischer und herrischer und griff unter der Vorgabe, »daß ihr

Bruder anders verpflegt werden müsse«, in alles ein, auch in Dinge,

die mit der Verpflegung gar nichts zu tun hatten. Vor allem wollte sie

ihm den Katzenpfötchentee wegdisputieren, und wenn abends die kleine

Meißener Kanne kam, gab es jedesmal einen erregten Disput über die

Buschen und ihre Hexenkünste.

So waren denn noch keine acht Tage um, als es für Dubslav feststand,

daß Adelheid wieder fort müsse. Zugleich sann er nach, wie das wohl am

besten zu machen sei. Das war aber keine ganz leichte Sache, da die

»Kündigung« notwendig von ihr ausgehen mußte. So wenig er sich aus

ihr machte, so war er doch zu sehr Mann der Form und einer feineren

Gastlichkeit, als daß er's zuwege gebracht hätte, seinerseits auf

Abreise zu dringen.

Es war um die vierte Stunde, das Wetter schön, aber auch frisch.

Adelheid hing sich ihren Pelzkragen um, ein altes Familienerbstück, und

ging zu Krippenstapel, um sich seine Bienenstöcke zeigen zu lassen. Sie

hoffte bei der Gelegenheit auch was über den Pastor zu hören, weil sie

davon ausging, daß ein Lehrer immer über den Prediger und der Prediger

immer über den Lehrer zu klagen hat. Jedes Landfräulein denkt so. Die

Bienen nahm sie so mit in den Kauf.

Es begann zu dunkeln, und als die Domina schließlich aus dem

Herrenhause fort war, war das eine freie Stunde für Dubslav, der nun

nicht länger säumen mochte, seine Mine zu legen.

»Engelke,« sagte er, »du könntest in die Küche gehn und die Marie zur

Buschen schicken. Die Marie weiß ja Bescheid da. Und da kann sie denn

der alten Hexe sagen, lütt Agnes solle heute abend mit heraufkommen und

hier schlafen und immer da sein, wenn ich was brauche.«

Engelke stand verlegen da.

»Nu, was hast du? Bist du dagegen?«

»Nein, gnädger Herr, dagegen bin ich wohl eigentlich nich. Aber ich

schlafe doch auch nebenan, und dann is es ja, wie wenn ich für gar

nichts mehr da wär und fast so gut wie schon abgesetzt. Und das Kind

kann doch auch nich all das, was nötig is; Agnes is ja doch noch ne

lütte Krabb.«

»Ja, das is sie. Und du sollst auch in der andern Stube bleiben und

alles tun wie vorher. Aber trotzdem, die Agnes soll kommen. Ich brauche

das Kind. Und du wirst auch bald sehn, warum.«

Und so kam denn auch Agnes, aber erst sehr spät, als sich Adelheid

schon zurückgezogen hatte, dabei nicht ahnend, welche Ränke

mittlerweile gegen sie gesponnen waren. Auf diese Verheimlichung kam es

aber gerade an. Dubslav hatte sich nämlich wie Franz Moor -- an den er

sonst wenig erinnerte -- herausgeklügelt, daß Überraschung und Schreck

bei seinem Plan mitwirken müßten.

Agnes schlief in einer nebenan aufgestellten eisernen Bettstelle.

Dubslav, gerade so wie seine Schwester, hatte das etwas auffällig

herausgeputzte Kind bei seinem Erscheinen im Herrenhause gar nicht mehr

gesehen; es trug ein langes, himmelblaues Wollkleid ohne Taille, dazu

Knöpfstiefel und lange rote Strümpfe, -- lauter Dinge, die Karline

schon zu letzten Weihnachten geschenkt hatte. Gleich damals, am ersten

Feiertag, hatte das Kind den Staat denn auch wirklich angezogen, aber

bloß so still für sich, weil sie sich genierte, sich im Dorfe damit zu

zeigen; jetzt dagegen, wo sie bei dem gnädgen Herrn in Krankenpflege

gehen sollte, jetzt war die richtige Zeit dafür da.

Die Nacht verging still; niemand war gestört worden. Um sieben erst kam

Engelke und sagte: »Nu, lütt Deern, steih upp, is all seben.« Agnes war

auch wirklich wie der Wind aus dem Bett, fuhr mit einem mitgebrachten

Hornkamm, dem ein paar Zähne fehlten, durch ihr etwas gekraustes langes

Blondhaar, putzte sich wie ein Kätzchen und zog dann den himmelblauen

Hänger, die roten Strümpfe und zuletzt auch die Knöpfstiefel an.

Gleich danach brachte ihr Engelke einen Topf mit Milchkaffee, und als

sie damit fertig war, nahm sie ihr Strickzeug und ging in das große

Zimmer nebenan, wo Dubslav bereits in seinem Lehnstuhl saß und auf

seine Schwester wartete. Denn um acht nahmen sie das erste Frühstück

gemeinschaftlich.

»So, Agnes, das is recht, daß du da bist. Hast du denn schon deinen

Kaffee gehabt?«

Agnes knickste.

»Nu setz dich da mal ans Fenster, daß du bei deiner Arbeit besser sehn

kannst; du hast ja schon dein Strickzeug in der Hand. Solch junges Ding

wie du muß immer was zu tun haben, sonst kommt sie auf dumme Gedanken.

Nicht wahr?«

Agnes knickste wieder, und da sie sah, daß ihr der Alte weiter nichts

zu sagen hatte, ging sie bis an das ihr bezeichnete Fenster, dran ein

länglicher Eichentisch stand, und fing an zu stricken. Es war ein sehr

langer Strumpf, brandrot und, nach seiner Schmalheit zu schließen, für

sie selbst bestimmt.

Sie war noch nicht lange bei der Arbeit, als Adelheid eintrat und auf

ihren im Lehnstuhl sitzenden Bruder zuschritt. Bei der geringen Helle,

die herrschte, traf sich's, daß sie von dem Gast am Fenster nicht recht

was wahrnahm. Erst als Engelke mit dem Frühstück kam und die plötzlich

geöffnete Tür mehr Licht einfallen ließ, bemerkte sie das Kind und

sagte: »Da sitzt ja wer. Wer ist denn das?«

»Das ist Agnes, das Enkelkind von der Buschen.«

Adelheid bewahrte mit Mühe Haltung. Als sie sich wieder

zurechtgefunden, sagte sie: »So, Agnes. Das Kind von der Karline?«

Dubslav nickte.

Der Stechlin: Roman · 第 29 / 33 段