Dubslav dankte für so viel Freundlichkeit und bat, das um ihn her

herrschende Übermaß von Unordnung entschuldigen zu wollen. »Wo die

weibliche Hand fehlt, fehlt alles.« Er fuhr so noch eine Weile fort, in

allerlei Worten und Wendungen, wie sie ihm von alter Zeit her geläufig

waren; eigentlich aber war er wenig bei dem, was er sagte, sondern

hing ausschließlich an dem halb nonnen-, halb heiligenbildartigen

ihrer Erscheinung, das durch einen großen, aus mattweißen Kugeln

bestehenden Halsschmuck samt Elfenbeinkreuz noch gesteigert wurde.

Sie mußte jedem, auch dem Kritischsten, auffallen, und Dubslav, der

-- so sehr er dagegen ankämpfte -- ganz unter der Vorstellung ihrer

Prinzessinnenschaft stand, vergaß auf Augenblicke Krankheit und Alter

und fühlte sich nur noch als Ritter seiner Dame. Daß sie stehenblieb,

war ihm im ersten Augenblicke störend, bald aber war es ihm recht, weil

ihm einleuchtete, daß ihr »Bild« erst dadurch zu voller Wirkung kam.

Ermyntrud selbst war sich dessen auch voll bewußt und Frau genug, auf

diese Vorzüge nicht ohne Not zu verzichten.

»Ich höre, daß Doktor Sponholz, den ich als Arzt sehr schätzen

gelernt habe, seine Kranken, während er in Pfäffers ist, einem jungen

Stellvertreter anvertraut hat. Junge Ärzte sind meist klüger als die

alten, aber doch weniger Ärzte. Man bringt außerdem dem Alter mehr

Vertrauen entgegen. Alte Doktoren sind wie Beichtiger, vor denen man

sich gern offenbart. Freilich können sie den geistlichen Zuspruch nicht

voll ersetzen, der in jeder ernstlichen Krankheit doch das eigentlich

Heilsame bleibt. Ärzte selbst -- ich hab einen Teil meiner Jugend in

einem Diakonissenhause verbracht -- Ärzte selbst, wenn sie ihren Beruf

recht verstehn, urteilen in diesem Sinne. Sogenannte Medikamente sind

und bleiben ein armer Notbehelf; alle wahre Hilfe fließt aus dem Wort.

Aber freilich, das richtige Wort wird nicht überall gesprochen.«

Dubslav sah etwas unruhig um sich her. Es war ganz klar, daß die

Prinzessin gekommen war, seine Seele zu retten. Aber woher kam ihr die

Wissenschaft, daß seine Seele dessen bedürftig sei? Das verlohnte sich

doch in Erfahrung zu bringen, und so bezwang er sich denn und sagte:

»Gewiß, Durchlaucht, das Wort ist die Hauptsache. Das Wort ist das

Wunder; es läßt uns lachen und weinen; es erhebt uns und demütigt uns,

es macht uns krank und macht uns gesund. Ja, es gibt uns erst das wahre

Leben hier und dort. Und dies letzte höchste Wort, das haben wir in der

Bibel. Daher nehm ich's. Und wenn ich manches Wort nicht verstehe, wie

wir die Sterne nicht verstehn, so haben wir dafür die Deuter.«

»Gewiß. Aber es gibt der Deuter so viele.«

»Ja,« lachte Dubslav, »und wer die Wahl hat, hat die Qual. Aber ich

persönlich, ich habe keine Wahl. Denn genau so wie mit dem Körper, so

steht es für mich auch mit der Seele. Man behilft sich mit dem, was

man hat. Nehm ich da zunächst meinen armen, elenden Leib. Da sitzt es

mir hier und steigt und drückt und quält mich und ängstigt mich, und

wenn die Angst groß ist, dann nehm ich die grünen Tropfen. Und wenn es

mich immer mehr quält, dann schick ich nach Gransee hinein, und dann

kommt Sponholz. Das heißt, wenn er gerade da ist. Ja, dieser Sponholz

ist auch ein Wissender und ein ›Deuter‹. Sehr wahrscheinlich, daß es

klügere und bessere gibt; aber in Ermangelung dieser besseren muß er

für mich ausreichen.«

Ermyntrud nickte freundlich und schien ihre Zustimmung ausdrücken zu

wollen.

»Und,« fuhr Dubslav fort, »ich muß es wiederholen, genau so wie mit

dem Leib, so auch mit der Seele. Wenn sich meine arme Seele ängstigt,

dann nehm ich mir Trost und Hilfe, so gut ich sie gerade finden kann.

Und dabei denk ich dann, der nächste Trost ist der beste. Den hat man

am schnellsten, und wer schnell gibt, der gibt doppelt. Eigentlich muß

man das lateinisch sagen. Ich rufe mir Sponholz, weil ich ihn, wenn

benötigt, in ziemlicher Nähe habe; den andern aber, den Arzt für die

Seele, den hab ich glücklicherweise noch näher und brauche nicht mal

nach Gransee hinüberzuschicken. Alle Worte, die von Herzen kommen, sind

gute Worte, und wenn sie mir helfen (und sie helfen mir), so frag ich

nicht viel danach, ob es sogenannte ›richtige‹ Worte sind oder nicht.«

Ermyntrud richtete sich höher auf; ihr bis dahin verbindliches Lächeln

war sichtlich in raschem Hinschwinden.

»Überdies,« so schloß Dubslav seine Bekenntnisrede, »was sind die

richtigen Worte? Wo sind sie?«

»Sie haben sie, Herr von Stechlin, wenn Sie sie haben wollen. Und

Sie haben sie nah, wenn auch nicht in Ihrer unmittelbarsten Nähe.

Mich persönlich haben diese Worte während schwerer Tage gestützt und

aufgerichtet. Ich weiß, er hat Feinde, voran im eignen Lager. Und

diese Feinde sprechen von ›schönen Worten‹. Aber soll ich mich einem

Heilswort verschließen, weil es sich in Schönheit kleidet? Soll ich

eine mich segnende Hand zurückweisen, weil es eine weiche Hand ist?

Sie haben Sponholz genannt. Unser Superintendent liegt wohl weit über

diesen hinaus, und wenn es nicht eitel und vermessen wäre, würd ich

eine gnädge Fügung darin zu sehn glauben, daß er an diese sterile Küste

verschlagen werden mußte, gerade mir eine Hilfe zu sein. Aber was er

an mir tat, kann er auch an andern tun. Er hat eben das, was zum Siege

führt; wer die Seele hat, hat auch den Leib.«

Unter diesen Worten war Ermyntrud von ihrem Stuhl an Dubslav

herangetreten und neigte sich über ihn, um ihm, halb wie segnend, die

Stirn zu küssen. Das Elfenbeinkreuz berührte dabei seine Brust. Sie

ließ es eine Weile da ruhen. Dann aber trat sie wieder zurück, und sich

zweimal unter hoheitsvollem Gruß verneigend, verließ sie das Zimmer.

Engelke, der draußen im Flur stand, eilte vorauf, ihr beim Einsteigen

in den kleinen Katzlerschen Jagdwagen behilflich zu sein.

Als Dubslav wieder allein war, nahm er das Schüreisen, das grad vor ihm

auf dem Kaminstein lag, und fuhr in die halb niedergebrannten Scheite.

Die Flamme schlug auf und etliche Funken stoben. »Arme Durchlaucht.

Es ist doch nicht gut, wenn Prinzessinnen in Oberförsterhäuser

einziehn. Sie sind dann aus ihrem Fahrwasser heraus und greifen

nach allem möglichen, um in der selbstgeschaffenen Alltäglichkeit

nicht unterzugehn. Einen bessern Trostspender als Koseleger konnte

sie freilich nicht finden; er gab ihr den Trost, dessen sie selber

bedürftig ist. Im übrigen mag sie sich aufrichten lassen, von wem

sie will. Der Alte auf Sanssouci, mit seinem nach der eignen Fasson

selig werden hat's auch darin getroffen. Gewiß. Aber wenn ich euch

eure Fasson lasse, so laßt mir auch die meine. Wollt nicht alles

besser wissen, kommt mir nicht mit Anzettelungen, erst gegen meinen

guten Krippenstapel, der kein Wässerchen trübt, und nun gar gegen

meinen klugen Lorenzen, der euch alle in die Tasche steckt. An ihn

persönlich wagen sie sich nicht ran, und da kommen sie nun zu mir und

wollen mich umstimmen und denken, weil ich krank bin, muß ich auch

schwach sein. Aber da kennen sie den alten Stechlin schlecht, und

er wird nun wohl seinen märkischen Dickkopf aufsetzen. Auch sogar

gegen Ippe-Büchsenstein und die Elfenbeinkugeln, die ja schon der

reine Rosenkranz sind. Und es wird auch noch so was. Eigentlich bin

ich übrigens selber schuld. Ich habe mir durch den prinzeßlichen

Augenaufschlag und die vier Kindergräber im Garten zu sehr imponieren

lassen. Aber es fällt doch allmählich wieder ab, und ein Glück, daß ich

meinen Engelke habe.«

Vor Erregung war er aus seinem Rollstuhl aufgestanden und drückte auf

den Klingelknopf. »Engelke, geh zu Lorenzen und sag ihm, ich ließ ihn

bitten. Der soll dann aber heut auch der letzte sein ... Denke dir,

Engelke, sie wollen mich bekehren!«

»Aber, gnädger Herr, das is ja doch das Beste.«

»Gott, nu fängt der auch noch an.«

Achtunddreißigstes Kapitel

Lorenzen kam nicht; er war nach Rheinsberg, wo die Geistlichen aus

dem östlichen Teil der Grafschaft eine Konferenz hatten. Aber statt

Lorenzen kam Doktor Moscheles und sprach von allem möglichen, erst

ganz kurz von Dubslavs Zustand, den er nicht gut und nicht schlecht

fand, dann von Koseleger, von Katzler, auch von Sponholz (von dem ein

Brief eingetroffen war), am ausführlichsten aber von Rechtsanwalt

Katzenstein und von Torgelow. »Ja, dieser Torgelow,« sagte Moscheles.

»Es war ein Mißgriff, ihn zu wählen. Und wenn es noch nötig gewesen

wäre, wenn die Partei keinen Besseren gehabt hätte! Aber da haben sie

denn doch noch ganz andre Leute.« Dubslav war davon wenig angenehm

berührt, weil er aus der persönlichen Niedrigstellung Torgelows die

Hochstellung der Torgelowschen Partei heraushörte.

Der Besuch hatte wohl eine halbe Stunde gedauert. Als Moscheles wieder

fort war, sagte Dubslav: »Engelke, wenn er wiederkommt, so sag ihm,

ich sei nicht da. Das wird er natürlich nicht glauben; weiß er doch

am besten, daß ich an mein Zimmer und meinen Rollstuhl gebunden bin.

Aber trotzdem; ich mag ihn nicht. Es war eine Dummheit von Sponholz,

sich grade diesen auszusuchen, solchen Allerneuesten, der nach

Sozialdemokratie schmeckt und dabei seinen Stock so sonderbar anfaßt,

immer grad in der Mitte. Und dazu auch noch nen roten Schlips.«

»Es sind aber schwarze Käfer drin.«

»Ja, die sind drin, aber ganz kleine. Das machen sie so, damit es

nicht jeder gleich merkt, wes Geistes Kind so einer ist und wohin

er eigentlich gehört. Aber ich merk es doch, auch wenn er an Kaiser

Wilhelms Geburtstag mit ner papiernen Kornblume kommt. Also du sagst

ihm, ich sei nicht da.«

Engelke widersprach nicht, hatte jedoch so seine Gedanken dabei. »Der

alte Doktor ist weg, und den neuen will er nicht. Un den aus Wutz

will er auch nich, weil der so viel mit der Domina zusammenhockt. Un

dabei kommt er doch immer mehr runter. Er denkt: ›Es is noch nich so

schlimm.‹ Aber es is schlimm. Is genau so wie mit Bäcker Knaack. Un

Kluckhuhn sagte mir schon vorige Woche: ›Engelke, glaube mir, es wird

nichts; ich weiß Bescheid.‹«

* * * * *

Das war am Montag. Am Freitag fuhr Moscheles wieder vor und verfärbte

sich, als Engelke sagte, der gnädge Herr sei nicht da.

»So, so. Nicht da.«

Das war doch etwas stark. Moscheles stieg also wieder auf seinen

Wagen und bestärkte sich, während er nach Gransee zurückfuhr, in

seinen durchaus ablehnenden Anschauungen über den derzeitigen

Gesellschaftszustand. »Einer ist wie der andre. Was wir brauchen, is

ein Generalkladderadatsch, Krach, ~tabula rasa~.« Zugleich war er

entschlossen, von einem erneuten Krankenbesuch abzustehen. »Der gnädge

Herr auf, von und zu Stechlin kann mich ja rufen lassen, wenn er mich

braucht. Hoffentlich unterläßt er's.«

Dieser Wunsch erfüllte sich denn auch. Dubslav ließ ihn nicht rufen,

wiewohl guter Grund dazu gewesen wäre, denn die Beschwerden wuchsen

plötzlich wieder, und wenn sie zeitweilig nachließen, waren die

geschwollenen Füße sofort wieder da. Engelke sah das alles mit Sorge.

Was blieb ihm noch vom Leben, wenn er seinen gnädgen Herrn nicht mehr

hatte? Jeder im Haus mißbilligte des Alten Eigensinn, und Martin, als

er eines Tages vom Stall her in die nebenan gelegene niedrige Stube

trat, wo seine Frau Kartoffeln schälte, sagte zu dieser: »Ick weet

nich, Mutter, worüm he den jungschen Dokter rutgrulen däd. De Jungsche

is doch klöger, as de olle Sponholz is. Doa möt man blot de Globsower

über Sponholzen hüren. ›Joa, oll Sponholz,‹ so seggen se, ›de is joa

so wiet ganz good, awers he seggt man ümmer: Kinnings, krank is he

egentlich nich, he brukt man blot ne Supp mit en beten wat in!‹ Joa,

Sponholz, de kann so wat seggen, de hett wat da to. Awers de Globsower!

Wo salln de ne Supp herkregen mit en beten wat in?«

So verging Tag um Tag, und Dubslav, dem herzlich schlecht war, sah

nun selber, daß er sich in jedem Punkt übereilt hatte. Moscheles war

doch immerhin ein richtiger Stellvertreter gewesen, und wenn er jetzt

einen andern nahm, so traf das Sponholzen auch mit. Und das mocht er

nicht. In dieser Notlage sann er hin und her, und eines Tages, als er

mal wieder in rechter Bedrängnis und Atemnot war, rief er Engelke und

sagte: »Engelke, mir is schlecht. Aber rede mir nicht von dem Doktor.

Ich mag unrecht haben, aber ich will ihn nicht. Sage, wie steht das

eigentlich mit der Buschen? Die soll ja doch letzten Herbst uns' Kossät

Rohrbeckens Frau wieder auf die Beine gebracht haben.«

»Ja, die Buschen ...«

»Na, was meinst du?«

»Ja, die Buschen, +die+ weiß Bescheid. Versteht sich. Man bloß, daß

sie ne richtige alte Hexe is, und um Walpurgis weiß keiner, wo sie is.

Und die Mächens gehen Sonnabends auch immer hin, wenn's schummert, und

Uncke hat auch schon welche notiert und beim Landrat Anzeige gemacht.

Aber sie streiten alle Stein und Bein; und ein paar haben auch schon

geschworen, sie wüßten von gar nichts.«

»Kann ich mir denken, und vielleicht war's auch nich so schlimm.

Und dann, Engelke, wenn du meinst, daß sie so gut Bescheid weiß, da

wär's am Ende das beste, du gingst mal hin oder schicktest wen. Denn

deine alten Beine wollen auch nich mehr so recht, und außerdem is

Schlackerwetter. Und wenn du mir auch noch krank wirst, so hab ich ja

keine Katze mehr, die sich um mich kümmert. Woldemar is weit weg. Und

wenn er auch in Berlin wäre, da hat er ja doch seinen Dienst und seine

Schwadron und kann nich den ganzen Tag bei seinem alten Vater sitzen.

Und außerdem, Krankenpflegen ist überhaupt was Schweres; darum haben

die Katholiken auch nen eignen Segen dafür. Ja, die verstehn es. So was

verstehn sie besser als wir.«

»Nei, gnädger Herr, besser doch wohl nich.«

»Na, lassen wir's. So was is immer schwer festzustellen, und weil

heutzutage so vieles schwer festzustellen ist, haben sich ja die

Menschen auch das angeschafft, was sie ne ›Enquete‹ nennen. Keiner kann

sich freilich so recht was dabei denken. Ich gewiß nicht. Weißt du, was

es ist?«

»Nei, gnädger Herr.«

»Siehst du! Du bist eben ein vernünftiger Mensch, das merkt man gleich,

und hast auch ein Einsehn davon, daß es eigentlich am besten wäre, wenn

ich zu der Buschen schicke. Was die Leute von ihr reden, geht mich

nichts an. Und dann bin ich auch kein Mächen. Und Uncke wird mich ja

wohl nicht aufschreiben.«

Engelke lächelte: »Na, gnädger Herr, dann werd ich man unten mit unse

Mamsell Pritzbur sprechen; die kann die lütte Marie rausschicken.

Marieken is letzten Michaelis erst eingesegnet, aber sie war auch schon

da.«

* * * * *

Noch an demselben Nachmittag erschien die Buschen im Herrenhause. Sie

hatte sich für den Besuch etwas zurecht gemacht und trug ihre besten

Kleider, auch ein neues schwarzes Kopftuch. Aber man konnte nicht

sagen, daß sie dadurch gewonnen hätte. Fast im Gegenteil. Wenn sie so

mit nem Sack über die Schulter oder mit ner Kiepe voll Reisig aus dem

Walde kam, sah man nichts als ein altes, armes Weib; jetzt aber, wo

sie bei dem alten Herrn eintrat und nicht recht wußte, warum man sie

gerufen, sah man ihr die Verschlagenheit an, und daß sie für all und

jedes zu haben sei.

Sie blieb an der Tür stehen.

»Na, Buschen, kommt man ran oder stellt Euch da ans Fenster, daß ich

Euch besser sehn kann. Es ist ja schon ganz schummrig.«

Sie nickte.

»Ja, mit mir is nich mehr viel los, Buschen. Und nu is auch noch

Sponholz weg. Und den neuen Berlinschen, den mag ich nicht. Ihr sollt

ja Kossät Rohrbeckens Frau damals wieder auf die Beine gebracht haben.

Mit mir is es auch so was. Habt Ihr Courage, mich in die Kur zu nehmen?

Ich zeig Euch nicht an. Wenn einem einer hilft, is das andre alles

gleich. Also nichts davon. Und es soll Euer Schaden nicht sein.«

»Ick weet joa, jnädger Herr ... Se wihren joa nich. Un denn de Lüd', de

denken ümmer, ick kann hexen un all so wat. Ick kann awer joar nix un

hebb man blot en beten Liebstöckel un Wacholder un Allermannsharnisch.

Un alles blot, wie't sinn muß. Un de Gerichten können mi nix dohn.«

»Is mir lieb. Und geht mich übrigens auch nichts an. Mit so was komm

ich Euch nich. Kann ›Gerichte‹ selber nich gut leiden. Und nu sagt mir,

Buschen, wollt Ihr den Fuß sehn? Einer is genug. Der andre sieht ebenso

aus. Oder doch beinah.«

»Nei, jnädger Herr. Loaten's man. Ick weet joa, wi dat is. Ihrst sitt

et hier up de Bost, nu denn sackt et sich, un denn sitt et hier unnen.

Un is all een un dat sülwige. Dat möt allens rut, un wenn et rut is,

denn drückt et nich mihr, un denn künnen Se wedder gapsen.«

»Gut. Leuchtet mir ein. ›Et muß rut,‹ sagt Ihr. Und das sag ich auch.

Aber womit wollt Ihr's ›rut‹-bringen? Das is die Sache. Welche Mittel,

welche Wege?«

»Joa, de Mittel hebb ick. Un hebben wi ihrst de Mittel, denn finnen

sich ook de Weg. Ick schick' hüt noch Agnessen mit twee Tüten; Agnes,

dat is Karlinen ehr lütt Deern.«

»Ich weiß, ich weiß.«

»Un Agnes, de soll denn unnen in den Küch goahn, to Mamsell Pritzbur,

un de Pritzburn de sall denn den Tee moaken für'n jnädgen Herrn.

Morgens ut de witte Tüt, un abens ut de blue Tüt. Un ümmer man nen

gestrichnen Eßlöffel vull un nich to veel Woater; awers bullern möt

et. Un wenn de Tüten all sinn, denn is et rut. Dat Woater nimmt dat

Woater weg.«

»Na gut, Buschen. Wir wollen das alles so machen. Und ich bin nicht

bloß ein geduldiger Kranker, ich bin auch ein gehorsamer Kranker. Nun

will ich aber bloß noch wissen, was Ihr mir da in Euern Tüten schicken

wollt, in der weißen und in der blauen. Is doch kein Geheimnis?«

»Nei, jnädger Herr.«

»Na also.«

»In de witte Tüt is Bärlapp un in de blue Tür is, wat de Lüd hier

Katzenpoot nennen.«

»Versteh, versteh,« lächelte Dubslav, und dann sprach er wie zu

sich selbst: »Nu ja, nu ja, das kann schon helfen. Dazwischen liegt

eigentlich die ganze Weltgeschichte. Mit Bärlapp zum Einstreuen fängt

die süße Gewohnheit des Daseins an und mit Katzenpfötchen hört es auf.

So verläuft es. Katzenpfötchen ... die gelben Blumen, draus sie die

letzten Kränze machen ... Na, wir wollen sehn.«

* * * * *

An demselben Abend kam Agnes und brachte die beiden Tüten, und es

geschah, was beinah über alles Erwarten hinaus lag: es wurde wirklich

besser. Die Geschwulst schwand, und Dubslav atmete leichter. »Dat

Woater nimmt dat Woater,« an diesem Hexenspruch -- den er, wenn er mit

Engelke plauderte, gern zitierte -- richteten sich seine Hoffnungen und

seine Lebensgeister wieder auf. Er war auch wieder für Bewegung und

ließ, wenn es das Wetter irgendwie gestattete, seinen Rollstuhl nicht

bloß auf die Veranda hinausschieben, sondern fuhr auch um das Rundell

herum und sah dem kleinen Springbrunnen zu, der wieder sprang. Ja, es

kam ihm vor, als ob er höher spränge. »Findest du nich auch, Engelke?

Vor vier Wochen wollt er nich. Aber es geht jetzt wieder. Alles geht

wieder, und es ist eigentlich dumm, ohne Hoffnung zu leben; wozu hat

man sie denn?«

Engelke nickte bloß und legte die Zeitungen, die gekommen waren, auf

einen neben dem Frühstückstisch stehenden Gartenstuhl, zuunterst die

»Kreuzzeitung« als Fundament, auf diese dann die »Post« und zuletzt die

Briefe. Die meisten waren offen, Anzeigen und Anpreisungen, nur einer

war geschlossen, ja sogar gesiegelt. Poststempel: Berlin. »Gib mir mal

das Papiermesser, daß ich ihn manierlich aufschneiden kann. Er sieht

nach was aus, und die Handschrift is wie von ner Dame, bloß ein bißchen

zu dicke Grundstriche.«

»Is am Ende von der Gräfin.«

»Engelke,« sagte Dubslav, »du wirst mir zu klug. Natürlich is er von

der Gräfin. Hier is ja die Krone.«

Wirklich, es war ein Brief von Melusine, samt einer Einlage. Melusinens

Zeilen aber lauteten am Schluß: »Und nun bitt ich, Ihnen einen Brief

beilegen zu dürfen, den unsre liebe Baronin Berchtesgaden gestern

aus Rom erhalten hat und zwar von Armgard, deren volles Glück ich

aus diesem Brief und allerhand kleinen, ihrem Charakter eigentlich

fernliegenden Übermütigkeiten erst so recht ersehn habe.«

Dubslav nickte. Dann nahm er die Einlage und las:

»Rom, im März.

Teuerste Baronin!

An wen könnt ich von hier aus lieber schreiben als an Sie? Vatikan und

Lateran und Grabmal Pio Nonos, und wenn ich Glück habe, bin ich auch

noch mit dabei, wenn am Gründonnerstag der große Segen gespendet wird.

Man muß eben alles mitnehmen. Von Rom zu schwärmen ist geschmacklos und

überflüssig dazu, weil man an die Schwärmerei seiner Vorgänger doch

nie heranreicht. Aber von unserer Reise will ich Ihnen statt dessen

erzählen. Wir nahmen den Weg über den Brenner und waren am selben

Abend noch in Verona. ›Torre di Londra‹. Was mich andern Tags in der

Capuletti- und Montecchi-Stadt am meisten interessierte, war ein großer

Parkgarten, der ›Giardino Giusti‹, mit über zweihundert Zypressen,

alle fünfhundert Jahre alt und viele beinah so hoch wie das Berliner

Schloß. Ich ging mit Woldemar auf und ab, und dabei berechneten wir

uns, ob wohl die schöne Julia hier auch schon auf und ab gegangen sei?

Nur eins störte uns. Zu solcher Prachtavenue von Trauerbäumen gehört

als Abschluß notwendig ein Mausoleum. Das fehlt aber. Im ›Giardino

Guisti‹ trafen wir Hauptmann von Gaza vom ersten Garderegiment, der,

von Neapel kommend, bereits alle Schönheit Italiens gesehen hatte. Wir

fragten ihn, ob Verona, wie einem beständig versichert wird, wirklich

die ›italienischste der italienischen Städte‹ sei? Hauptmann von Gaza

lachte. ›Von Potsdam,‹ so meinte er, ›könne man vielleicht sagen, daß

es die preußischste Stadt sei. Aber Verona die italienischste? Nie und

nimmer.‹

Über das vielgefeierte Venedig an dieser Stelle nur das eine. Unser

Hotel lag in Nähe einer mit Barock überladenen Kirche: San Mose. Daß

es einen Sankt Moses gibt, war mir fremd und verwunderlich zugleich.

Aber gleich danach dacht ich an unsere Gendarmentürme und war beruhigt.

Moses geht doch immer noch vor Gendarm.

Florenz überspring ich und erzähle Ihnen dafür lieber vom

Trasimenischen See, den wir auf unserer Eisenbahnfahrt passierten.

Woldemar, ein ganz klein wenig ›Taschen-Moltke‹, mochte nicht darauf

verzichten, den großen Hannibal auf Herz und Nieren zu prüfen, und so

stiegen wir denn in Nähe des Sees aus, an einer kleinen Station, die,

glaub ich, Borghetto-Tuoro heißt. Es war auch für einen Laien über

Erwarten interessant, und selbst ich, die ich sonst gar reinen Sinn für

derlei Dinge habe, verstand alles, und fand mich leicht in jeglichem

zurecht. Ja, ich hatte das Gefühl, daß ich in diesem hochgelegenen

Engpaß ebenfalls über die Römer gesiegt haben würde. Der See hat viele

Zu- und Abflüsse. Einer dieser Abflüsse (mehr Kanal als Fluß) nennt

sich der ›Emissarius‹, was mich sehr erheiterte. Noch interessanter

aber erschien mir ein anderer Flußlauf, der, weil er am Schlachttage

von Blut sich rötete, der ›Sanguinetto‹ heißt. Das Diminutiv steigert

hier ganz entschieden die Wirkung. Der See ist übrigens sehr groß,

zehn Meilen Umfang, und dabei flach, weshalb der erste Napoleon ihn

auspumpen lassen wollte. Da hätte sich dann ein neues Herzogtum gründen

lassen ...«

»Schau, schau,« sagte der alte Dubslav, »wer der blassen Komtesse das

zugetraut hätte! Ja, reisen und in den Krieg ziehen, da lernt man, da

wird man anders.«

Und er legte den Brief beiseite.

Zugleich aber war ein stilles Behagen über ihn gekommen, und er

überdachte, wie manche Freude das Leben doch immer noch habe. Vor ihm,

in den Parkbäumen, schlugen die Vögel, und ein Buchfink kam bis auf

den Tisch und sah ihn an, ganz ohne Scheu. Das tat ihm ungemein wohl.

»Etwas ganz besonders Schönes im Leben ist doch das Vertrauen, und

wenn's auch bloß ein Piepvogel is, der's einem entgegenbringt. Einige

haben eine schwarze Milz und sagen: alles sei von Anfang an auf Mord

und Totschlag gestellt. Ich kann es aber nicht finden.«

Engelke kam, um abzuräumen. »Is ein schöner Tag heut,« sagte Dubslav,

»und die Krokusse kommen auch schon raus. Eigentlich hab ich nich

geglaubt, daß ich so was Hübsches noch mal sehen würde. Und wenn ich

dann denke, daß ich das alles der Buschen verdanke! Merkwürdige Welt!

Sponholz hatte bloß immer seine grünen Tropfen, und Moscheles hatte

nichts als seinen ewigen Torgelow, und nu kommt die Buschen, und mit

einemmal is es besser. Ja, wirklich merkwürdig. Und nu krieg ich auch

noch, wenn auch bloß leihweise, solchen hübschen Brief von einer

hübschen jungen Frau. Noch dazu Schwiegertochter. Ja, Engelke, so

geht's; nich zu glauben. Und da hättest du vorhin den Buchfinken sehen

sollen, wie mich der ansah. Bloß als du kamst, da flog er weg; er muß

sich vor dir gegrault haben.«

»Ach, gnädger Herr, vor mir grault sich keine Kreatur.«

Der Stechlin: Roman · 第 28 / 33 段