»Nu, Baruch, das ist hübsch. Aber im Augenblick bin ich's nicht

benötigt. Vielleicht später mal mein Woldemar. Der hat, wie Sie wissen,

ne reiche Partie gemacht, und wer viel erheiratet, der braucht auch

viel. Man denkt immer, ›dann hört es auf‹, aber das ist falsch, dann

fängt es erst recht an. Unter allen Umständen seien Sie bedankt, daß

Sie mal haben sehen wollen, wie's mit mir steht. Ich kann leider nur

wiederholen, schlecht genug. Aber eine Weile dauert es wohl noch.

Und wenn auch nicht, mit meinem Sohne wird sich, denk ich, gerade

so wie zwischen uns zwei beiden, alles glatt abwickeln, glatter

noch, und vielleicht können Sie gemeinschaftlich mal was Nettes

herauswirtschaften, was Ordentliches, was Großes, was sich sehen lassen

kann. Das heißt dann neue Zeit. Und nun, Baruch, müssen Sie noch ein

Glas Sherry nehmen. In unserm Alter ist das immer das beste. Das

heißt für Sie, der Sie noch gut im Gange sind. Ich darf bloß noch mit

anstoßen.«

Eine Viertelstunde später fuhr Baruch auf seinem Wägelchen wieder in

den Stechliner Wald hinein und dachte wenig befriedigt über alles nach,

was er da drinnen gehört hatte. Die geträumten Schloß-Stechlin-Tage

schienen mit einemmale für immer vorüber. Alles, was der alte Herr da

so nebenher von »gemeinschaftlich herauswirtschaften« gesagt hatte, war

doch bloß ein Stich, eine Pike gewesen.

Ja, Baruch fühlte was wie Verstimmung. Aber Dubslav auch. Es war ihm

zu Sinn, als hätt er seinen alten Granseer Geld- und Geschäftsfreund

(trotzdem er dessen letzte Pläne nicht einmal ahnte) zum erstenmal

auf etwas Heimlichem und Verstecktem ertappt, und als Engelke kam, um

die Sherryflasche wieder wegzuräumen, sagte er: »Engelke, mit Baruch

is es auch nichts. Ich dachte wunder, was das für ein Heiliger wär,

und nun is der Pferdefuß doch schließlich rausgekommen. Wollte mir

da Geld auf Hypothek beinah aufzwingen, als ob ich nicht schon genug

davon hätte ... Sonderbar, Uncke, mit seinem ewigen ›zweideutig‹, wird

am Ende doch recht behalten. Überhaupt solche Polizeimenschen mit nem

Karabiner über die Schulter, das sind, bei Lichte besehn, immer die

feinsten Menschenkenner. Ich ärgere mich, daß ich's nicht eher gemerkt

habe. So dumm zu sein! Aber das mit der ›Krankheit‹ heute, das war mir

doch zuviel. Wenn sich die Menschen erst nach Krankheit erkundigen,

dann ist es immer schlimm. Eigentlich is es jedem gleich, wie's einem

geht. Und ich habe sogar welche gekannt, die sahen sich, wenn sie so

fragten, immer schon die Möbel und Bilder an und dachten an nichts wie

an Auktion.«

Siebenunddreißigstes Kapitel

Auch die nächsten Tage waren beinahe sommerlich, taten dem Alten

wohl und erleichterten ihm das Atmen. Er begann wieder zu hoffen,

sprach mit Wirtschaftsinspektor und Förster und war nicht bloß voll

wiedererwachten Interesses, sondern überhaupt guter Dinge.

So kam Mitte März heran. Der Himmel war blau, Dubslav saß auf seiner

Veranda, den kleinen Springbrunnen vor sich, und sah dabei das leichte

weiße Gewölk ziehen. Vom Park her vernahm er den ersten Finkenschlag.

Er mochte wohl schon eine Stunde so gesessen haben, als Engelke kam und

den Doktor meldete.

»Das ist recht, Sponholz, daß Sie kommen. Nicht um mir zu helfen (das

ist immer schlimm, wenn einem erst geholfen werden soll), nein, um zu

sehen, daß Sie mir schon geholfen haben. Diese Tropfen. Es ist doch was

damit. Wenn sie nur nicht so schlecht schmeckten; ich muß mir immer

einen Ruck geben. Und daß sie so grün sind. Grün ist Gift, heißt es bei

den Leuten. Eigentlich eine ganz dumme Vorstellung. Wald und Wiese sind

auch grün und doch so ziemlich unser Bestes.«

»Ja, es ist ein Spezifikum. Und ich bin froh, daß die Digitalis hier

bei Ihnen mal wieder zeigt, was sie kann. Und ich bin doppelt froh,

weil ich mich auf sechs Wochen von Ihnen verabschieden muß.«

»Auf sechs Wochen. Aber Doktor, das is ja ne halbe Ewigkeit. Haben Sie

Schulden gemacht und sollen in Prison?«

»Man könnte beinahe so was denken. Denn so lange Gransee historisch

beglaubigt dasteht, ist noch kein Doktor auf sechs Wochen weg gewesen,

noch dazu ein Kreisphysikus. Eine Doktorexistenz gestattet solchen

Luxus nicht. Wie lebt man denn hier? Und wie hat man gelebt? Immer

Furunkel aufgeschnitten, immer Karbolwatte, immer in den Wagen

gestiegen, immer einem alten Erdenbürger seinen Entlassungsschein

ausgestellt oder einen neuen Erdenbürger geholt. Und nun sechs Wochen

weg. Wie ich meinen Kreis wiederfinden werde ... nu, vielleicht hat

Gott ein Einsehen.«

»Er ist doch wohl eigentlich der beste Assistenzarzt.«

»Und vor allem der billigste. Der andre, den ich mir aus Berlin habe

verschreiben müssen (ach, und so viel Schreiberei), der ist teurer. Und

meine Reise kommt mir ohnedies schon teuer genug.«

»Aber wohin denn, Doktor?«

»Nach Pfäffers.«

»Pfäffers. Kenn ich nicht. Und was wollen Sie da? Warum? Wozu?«

»Meine Frau laboriert an einem Rheumatismus, hochgradig, schon nicht

mehr schön. Und da ist denn Pfäffers der letzte Trumpf. Schweizerbad

mit allen Schikanen und wahrscheinlich auch mit allen Kosten. Ein

Granseer, der allerdings für Geld gezeigt werden kann, war mal an

diesem merkwürdigen Ort und hat mir denn auch ne Beschreibung davon

gemacht. Habe natürlich auch noch im Bädeker nachgeschlagen und unter

anderm einen Fluß da verzeichnet gefunden, der Tamina heißt. Erinnert

ein bißchen an Zauberflöte und klingt soweit ganz gut. Aber trotzdem

eine tolle Geschichte, dies Pfäffers. Soweit es nämlich als Bad in

Betracht kommt, ist es nichts als ein Felsenloch, ein großer Backofen,

in den man hineingeschoben wird. Und da hockt man denn, wie die

Indianer hocken, und die Dämpfe steigen siedeheiß von unten herauf. Wer

da nicht wieder zustande kommt, der kann überhaupt einpacken. Übrigens

will ich für meine Person gleich mit hineinkriechen. Denn das darf

ich wohl sagen, wer so fünfunddreißig Jahre lang durch Kreis Gransee

hin und her kutschiert ist, mitunter bei Ostwind, der hat sich sein

Gliederreißen ehrlich verdient. Sonderbar, daß der Hauptteil davon auf

meine Frau gefallen ist.«

»Ja, Sponholz, in einer christlichen Ehe ...«

»Freilich, Herr Major, freilich. Wiewohl das mit ›christlicher Ehe‹

auch immer bloß so so ist. Da hatten wir, als ich noch Militär war,

einen Kompaniechirurgus, richtige alte Schule, der sagte, wenn er von

so was hörte: ›Ja, christliche Ehe, ganz gut, kenn ich. Is wie Schinken

in Burgunder. Das eine is immer da, aber das andere fehlt.‹«

»Ja,« sagte Dubslav, »diese richtigen alten Kompaniechirurgusse, die

hab ich auch noch gekannt. Blutige Zyniker, jetzt leider ausgestorben

... Und in solchem Pfäfferschen Backofen wollen Sie sechs Wochen

zubringen?«

»Nein, Herr von Stechlin, nicht solange. Bloß vier, höchstens vier.

Denn es strengt sehr an. Aber wenn man nu doch mal da ist, ich meine

in der Schweiz und da herum, wo sie stellenweise schon Italienisch

sprechen, da will man doch schließlich auch gern in das gelobte Land

Italia hineinkucken. Und da haben wir denn also, meine Frau und ich,

vor, von diesem Pfäffers aus erst noch durch die Viamala zu fahren, den

Splügen hinauf oder auf irgendeinen andern Paß. Und wenn wir dann einen

Blick in all die Herrlichkeit drüben hinein getan haben, dann kehren

wir wieder um, und ich für meine Person ziehe mir wieder meinen grauen

Mantel an (denn für die Reise hab ich mir einen neuen Paletot bauen

lassen) und kutschiere wieder durch Kreis Gransee.«

»Na, Sponholz, das freut mich aber wirklich, daß Sie mal rauskommen.

Und bloß wenn Sie durch die Viamala fahren, da müssen Sie sich in acht

nehmen.«

»Waren Sie denn mal da, Herr Major?«

»Bewahre. Meine Weltfahrten, mit ganz schwachen Ausnahmen, lagen immer

nur zwischen Berlin und Stechlin. Höchstens mal Dresden und ein bißchen

ins Bayrische. Wenn man so gar nicht mehr weiß, wo man hin soll, fährt

man natürlich nach Dresden. Also Viamala nie gesehen. Aber ein Bild

davon. Im allgemeinen ist Bilderankucken auch nicht gerade mein Fall,

und wenn die Museums von mir leben sollten, dann täten sie mir leid.

Indessen wie so der Zufall spielt, mal sieht man doch so was, und war

da auf dem Viamala-Bilde ne Felsenschlucht mit Figuren von einem sehr

berühmten Malermenschen, der, glaub ich, Böcking oder Böckling hieß.«

»Ah so. Einer, wenn mir recht ist, heißt Böcklin.«

»Wohl möglich, daß es der gewesen ist. Ja, sogar sehr wahrscheinlich.

Nun sehen Sie, Doktor, da war denn also auf diesem Bilde diese

Viamala, mit einem kleinen Fluß unten, und über den Fluß weg lief ein

Brückenbogen, und ein Zug von Menschen (es können aber auch Ritter

gewesen sein) kam grade die Straße lang. Und alle wollten über die

Brücke.«

»Sehr interessant.«

»Und nun denken Sie sich, was geschieht da? Grade neben dem

Brückenbogen, dicht an der rechten Seite, tut sich mit einem Male der

Felsen auf, etwa wie wenn morgens ein richtiger Spießbürger seine Laden

aufmacht und nachsehen will, wie's Wetter ist. Der aber, der an dieser

Brücke da von ungefähr rauskuckte, hören Sie, Sponholz, das war kein

Spießbürger, sondern ein richtiger Lindwurm oder so was Ähnliches aus

der sogenannten Zeit der Saurier, also so weit zurück, daß selbst der

älteste Adel (die Stechline mit eingeschlossen) nicht dagegen ankann,

und dies Biest, als der herankommende Zug eben den Fluß passieren

wollte, war mit seinem aufgesperrten Rachen bis dicht an die Menschen

und die Brücke heran, und ich kann Ihnen bloß sagen, Sponholz, mir

stand, als ich das sah, der Atem still, weil ich deutlich fühlte, nu

noch einen Augenblick, dann schnappt er zu, und die ganze Bescherung is

weg.«

»Ja, Herr von Stechlin, da hat man bloß den Trost, daß die Saurier,

soviel ich weiß, seitdem ausgestorben sind. Aber meiner Frau will

ich diese Geschichte doch lieber nicht erzählen; die kriegt nämlich

mitunter Ohnmachten. In Doktorhäusern ist immer was los.«

Dubslav nickte.

»Und nur das eine möcht ich Ihnen noch sagen, Herr von Stechlin,

mit der Digitalis immer ruhig so weiter, und wenn der Appetit nicht

wiederkommt, lieber nur zweimal täglich. Und nie mehr als zehn Tropfen.

Und wenn Sie sich unpaß fühlen, mein Stellvertreter ist von allem

unterrichtet. Er wird Ihnen gefallen. Neue Schule, moderner Mensch;

aber doch nicht zuviel davon (so wenigstens hoff ich) und jedenfalls

sehr gescheit. An seinem Namen -- er heißt nämlich Moscheles -- dürfen

Sie nicht Anstoß nehmen. Er ist aus Brünn gebürtig, und da heißen die

meisten so.«

Der Alte drückte mit allem seine Zustimmung aus, auch mit dem Namen,

trotzdem dieser ihm quälende Erinnerungen weckte. Schon vor etlichen

fünfzig Jahren habe er Musikstücke spielen müssen, die alle auf den

Namen Moscheles liefen. Aber das wolle er dem Insichtstehenden nicht

weiter entgelten lassen.

Und nach diesen beruhigenden Versicherungen empfahl sich Sponholz und

fuhr zu weiteren Abschiedsbesuchen in die Grafschaft hinein.

* * * * *

Am zweitfolgenden Tage brachen die Sponholzschen Eheleute von Gransee

nach Pfäffers hin auf; die Frau, sehr leidend, war schweigsam, er

aber befand sich in einem hochgradigen Reisefieber, was sich, als

sie draußen auf dem Bahnhof angelangt waren, in immer wachsender

Gesprächigkeit äußerte.

Mehrere Freunde (meist Logenbrüder) hatten ihn bis hinaus begleitet.

Sponholz kam hier sofort vom Hundertsten aufs Tausendste. »Ja, unser

guter Stechlin, mit dem steht es so so ... Baruch hat ihn auch gesehn

und ihn einigermaßen verändert gefunden ... Und Sie, Kirstein, Sie

schreiben mir natürlich, wenn der junge Burmeister eintritt; ich

weiß, er will nicht recht (bloß der Vater will) und soll sogar von

›Hokuspokus‹ gesprochen haben. Aber dergleichen muß man leicht nehmen.

Unwissenheit, Verkennungen, über so was sind wir weg; viel Feind, viel

Ehr ... Nur, es noch einmal zu sagen, der Alte drüben in Stechlin macht

mir Sorge. Man muß aber hoffen; bei Gott kein Ding unmöglich ist. Und

zu Moscheles hab ich Vertrauen; ihn auskultieren zu sehn ist ein wahres

Vergnügen für nen Fachmann.«

So klang, was Sponholz noch in letzter Minute vom Coupéfenster aus zum

besten gab. Alles, am meisten aber das über den alten Stechlin Gesagte,

wurde weitergetragen und drang bis auf die Dörfer hinaus, so namentlich

auch bis nach Quaden-Hennersdorf zu Superintendent Koseleger, der seit

kurzem mit Ermyntrud einen lebhaften Verkehr unterhielt und, angeregt

durch die mit jedem Tage kirchlicher werdende Prinzessin, einen

energischen Vorstoß gegen den Unglauben und die in der Grafschaft

überhandnehmende Laxheit plante. Koseleger sowohl wie die Prinzessin

wollten zu diesem Zwecke beim alten Dubslav als »nächstem Objekt«

einsetzen und hielten sein Asthma für den geeignetsten Zeitpunkt. In

einem Briefe der Prinzessin an Koseleger hieß es dementsprechend: »Ich

will die gute Gesinnung des alten Herrn in nichts anzweifeln; außerdem

hat er etwas ungemein Affables. Ich bin ihm menschlich durchaus

zugetan. Aber sein Prinzip, das nichts Höheres kennt, als ›leben

und leben lassen‹, hat in unsrer Gegend alle möglichen Irrtümer und

Sonderbarkeiten ins Kraut schießen lassen. Nehmen Sie beispielsweise

diesen Krippenstapel. Und nun den Lorenzen selbst! Katzler, mit dem ich

gestern über unsern Plan sprach, hat mich gebeten, mit Rücksicht auf

die Krankheit des alten Herrn wenigstens vorläufig von allem Abstand zu

nehmen, aber ich hab ihm widersprechen müssen. Krankheit (soviel ist

richtig) macht schroff und eigensinnig, aber in bedrängten Momenten

auch wiederum ebenso gefügig, und es sind wohl auch hier wieder gerade

die Auferlegungen und Bitternisse, daraus ein Segen für den Kranken und

jedenfalls für die Gesamtheit unsres Kreises entspringen wird. Unter

allen Umständen aber muß uns das Bewußtsein trösten, unsre Pflicht

erfüllt zu haben.«

* * * * *

Es war eine Woche nach Sponholz' Abreise, daß Ermyntrud diese Zeilen

schrieb, und schon am andern Vormittage fuhr Koseleger, der mit der

Prinzessin im wesentlichen derselben Meinung war, auf die Stechliner

Rampe. Gleich danach trat Engelke bei Dubslav ein und meldete den Herrn

Superintendenten.

»Superintendent? Koseleger?«

»Ja, gnädger Herr. Superintendent Koseleger. Er sieht sehr wohl aus,

und ganz blank.«

»Was es doch für merkwürdige Tage gibt. Heute (du sollst sehn)

ist wieder so einer. Mit Moscheles fing's an. Sage dem Herrn

Superintendenten, ich ließe bitten.«

»Ich komme hoffentlich zu guter Stunde, Herr von Stechlin.«

»Zur allerbesten, Herr Superintendent. Eben war der neue Doktor hier.

Und eine Viertelstunde, wenn's mit dem ›~praesente medico~‹ nur ein

ganz klein wenig auf sich hat, muß solche Doktorgegenwart doch wohl

noch nachwirken.«

»Sicher, sicher. Und dieser Moscheles soll sehr gescheit sein. Die

Wiener und Prager verstehn es; namentlich alles, was nach +der+ Seite

hin liegt.«

»Ja,« sagte Dubslav, »nach +der+ Seite hin,« und wies auf Brust und

Herz. »Aber, offen gestanden, nach mancher andern Seite hin ist mir

dieser Moscheles nicht sehr sympathisch. Er faßt seinen Stock so

sonderbar an und schlenkert auch so.«

»Ja, so was muß man unter Umständen mit in den Kauf nehmen. Und dann

heißt es ja auch, der Major von Stechlin habe mehr oder weniger einen

philosemitischen Zug.«

»Den hat der Major von Stechlin auch wirklich, weil er

Unchristlichkeiten nicht leiden kann und Prinzipienreitereien erst

recht nicht. Ich gehöre zu denen, die sich immer den Einzelfall ansehn.

Aber freilich, mancher Einzelfall gefällt mir nicht. So zum Beispiel

der hier mit dem neuen Doktor. Und auch mein alter Baruch Hirschfeld,

den der Herr Superintendent mutmaßlich kennen werden, auch der gefällt

mir nicht mehr so recht. Ich hielt große Stücke von ihm, aber --

vielleicht daß sein Sohn Isidor schuld ist -- mit einemmal ist der

Pferdefuß rausgekommen.«

»Ja,« lachte Koseleger, »der kommt immer mal raus. Und nicht bloß bei

Baruch. Ich muß aber sagen, das alles hat mit der Rasse viel, viel

weniger zu schaffen als mit dem jeweiligen Beruf. Da war ich eben bei

der Frau von Gundermann ...«

»Und da war auch so was?«

»In gewissem Sinne, ja. Natürlich ein bißchen anders, weil es sich um

etwas Weibliches handelte. ›Stütze der Hausfrau‹. Und da bändelt sich

denn leicht was an. Eben diese ›Stütze der Hausfrau‹ war bis vor kurzem

noch Erzieherin, und mit Erzieherinnen, alten und jungen, hat's immer

einen Haken, wie mit den Lehrern überhaupt. Es liegt im Beruf. Und der

Seminarist steht obenan.«

»Ich kann mich nicht erinnern,« sagte Dubslav, »in unserer Gegend

irgendwas gröblich Verletzliches erlebt zu haben.«

»O, ich bin mißverstanden,« beschwichtigte Koseleger und rieb sich

mit einem gewissen Behagen seine wohlgepflegten Hände. »Nichts von

Vergehungen auf erotischem Gebiet, wiewohl es bei den Gundermanns (die

gerad in +diesem+ Punkte viel heimgesucht werden) auch diesmal wieder,

ich möchte sagen diese kleine Nebenform angenommen hatte. Nein, der

große Seminaristenpferdefuß, an den ich bei meiner ersten Bemerkung

dachte, trägt ganz andere Signaturen: Unbotmäßigkeit, Überschätzung und

infolge davon ein eigentümliches Bestreben, sich von den Heilsgütern

loszulösen und die Befriedigung des inneren Menschen in einer falschen

Wissenschaftlichkeit zu suchen.«

»Ich will das nicht loben; aber auch solche ›falsche

Wissenschaftlichkeit‹ zählt, dächt ich, in unserer alten Grafschaft zu

den allerseltensten Ausnahmen.«

»Nicht so sehr, als Sie vermuten, Herr Major, und aus Ihrer eigenen

Stechliner Schule sind mir Klagen kirchlich gerichteter Eltern über

solche Dinge zugegangen. Allerdings Altlutheraner aus der Globsower

Gegend. Indessen, so lästig diese Leute zuzeiten sind, so haben sie

doch andrerseits den Ernst des Glaubens und finden, wie sie sich in

einem Skriptum an mich ausgedrückt haben, in der Krippenstapelschen

Lehrmethode diesen Ernst des Glaubens arg vernachlässigt.«

Dubslav wiegte den Kopf hin und her und hätte trotz allen Respekts

vor dem Vertreter einer kirchlichen Behörde wahrscheinlich ziemlich

scharf und spitz geantwortet, wenn ihm nicht alles, was er da hörte,

gleichzeitig in einem heiteren Licht erschienen wäre. Krippenstapel,

sein Krippenstapel, er, der den alten Fritzen so gut wie den

Katechismus, aber den Katechismus auch reichlich so gut wie den alten

Fritzen kannte, -- Krippenstapel, sein großartiger Bienenvater,

sein korrespondierendes Mitglied märkisch-historischer Vereine, die

Seele seines »Museums«, sein guter Freund, dieser Krippenstapel

sollte den »Ernst des Glaubens« verkannt haben, bei ihm sollte der

Seminaristenhochmut zu gemeingefährlichem Ausbruch gekommen sein. Wohl

entsann er sich, in eigenster Person (was ihn in diesem Augenblick ein

wenig verstimmte) gelegentlich sehr Ähnliches gesagt zu haben. Aber

doch immer nur scherzhaft. Und wenn zwei dasselbe tun, so ist es nicht

mehr dasselbe. Traf dieser Satz je zu, so hier. Er erhob sich also mit

einiger Anstrengung von seinem Platz, ging auf Koseleger zu, schüttelte

ihm die Hand und sagte: »Herr Superintendent, so wie Sie's da sagen, so

kann es nicht sein. Von richtigen Altlutheranern gibt es hier überhaupt

nichts, und am wenigsten in Globsow; die glauben sozusagen gar nichts.

Ich wittere da was von Intrigue. Da stecken andere dahinter. Bei

meinem alten Baruch ist der Pferdefuß rausgekommen, aber bei meinem

alten Krippenstapel ist er +nicht+ rausgekommen und wird auch nicht

rauskommen, weil er überhaupt nicht da ist. Meinen alten Krippenstapel,

den kenn ich.«

Koseleger, Weltmann, wie er war, lenkte rasch ein, sprach von

Konventiklerbeschränktheit und gab die Möglichkeit einer Intrigue zu.

»Natürlich wird es einem schwer, in diesem Erdenwinkel an derlei

Dinge zu glauben, denn ›Intrigue‹ zählt ganz eminent zu den höheren

Kulturformen. Intrigue hat hier in unserer alten Grafschaft, glaub ich,

noch keinen Boden. Aber andrerseits ist es doch freilich wahr, daß

heutzutage die Verwerflichkeiten, ja selbst die Verbrechen und Laster,

nicht bloß im Gefolge der Kultur auftreten, sondern umgekehrt ihr

voranschreiten, als beklagenswerte Herolde falscher Gesittung! Bedenken

Sie, was wir neuerdings in unsern Äquatorialprovinzen erlebt haben.

Die Zivilisation ist noch nicht da, und schon haben wir ihre Greuel.

Man erschauert, wenn man davon liest, und freut sich der kleinen und

alltäglichen Verhältnisse, drin der Wille Gottes uns gnädig stellte.«

Nach diesen Worten, die was von einem guten Abgang hatten, erhob

sich Koseleger, und der Alte, seinerseits seinen Arm in den des

Superintendenten einhakend, »um sich,« wie er sagte, »auf die Kirche

zu stützen,« begleitete seinen Besuch bis wieder auf die Rampe hinaus

und grüßte noch mit der Hand, als der Wagen schon über die Bohlenbrücke

fuhr. Dann wandte er sich rasch an Engelke, der neben ihm stand, und

sagte:

»Engelke, schade, daß ich mit dir nicht wetten kann. Lust hätt ich.

Heute kommt noch wer, du wirst es sehn. Eine Woche lang läßt sich keine

Katze blicken, aber wenn unser Schicksal erst mal nen Entschluß gefaßt

hat, dann kann es sich auch wieder nicht genug tun. Man gewinnt dreimal

das große Los, oder man stößt sich dreimal den Kopp. Und immer an

derselben Stelle.«

* * * * *

Es schlug zwölf, als Dubslav vom Portal her wieder den Flur passierte.

Dabei sah er nach dem Hippenmann hinauf und zählte die Schläge.

»Zwölf,« sagte er, »und um zwölf ist alles aus, und dann fängt der neue

Tag an. Es gibt freilich zwei Zwölfen, und die Zwölf, die da oben jetzt

schlägt, das is die Mittagszwölf. Aber Mittag! ... Wo bist du Sonne

geblieben!« All dem weiter nachhängend, wie er jetzt öfter tat, kam er

an seinen Kaminplatz und nahm eine Zeitung in die Hand. Er sah jedoch

kaum drauf hin und beschäftigte sich, während er zu lesen schien,

eigentlich nur mit der Frage, »wer wohl heute noch kommen könne,«

und dabei neben andren Personen aus seiner Umgebung auch an Lorenzen

denkend, kam er zu dem Schlußresultat, daß ihm Lorenzen »mit all

seinem neuen Unsinn« doch am Ende lieber sei als Koseleger mit seinen

Heilsgütern, von denen er wohl zwei-, dreimal gesprochen hatte. »Ja,

die Heilsgüter, die sind ganz gut. Versteht sich. Ich werde mich nicht

so versündigen. Die Kirche kann was, is was, und der alte Luther, nu,

der war schon ganz gewiß was, weil er ehrlich war und für seine Sache

sterben wollte. Nahe dran war er. Eigentlich kommt's doch immer bloß

darauf an, daß einer sagt, ›dafür sterb ich‹. Und es dann aber auch

tut. Für was, is beinah gleich. Daß man überhaupt so was kann, wie sich

opfern, das ist das Große. Kirchlich mag es ja falsch sein, was ich da

so sage; aber was sie jetzt ›sittlich‹ nennen (und manche sagen auch

›schönheitlich‹, aber das is ein zu dolles Wort), also was sie jetzt

sittlich nennen, so bloß auf +das+ hin angesehn, da is das persönliche

Sicheinsetzen und Fürwassterbenkönnen und -wollen doch das Höchste.

Mehr kann der Mensch nich. Aber Koseleger. Der will leben.«

Und während er noch so vor sich hin seinen Faden spann, war sein gutes,

altes Faktotum eingetreten, an das er denn auch ohne weiteres und bloß

zu eignem Ergötzen die Frage richtete: »Nich wahr, Engelke?«

Der aber hörte gar nichts mehr, so sehr war er in Verwirrung, und

stotterte nur aus sich heraus: »Ach Gott, gnädger Herr, nu is es doch

so gekommen.«

»Wie? Was?«

»Die Frau Gemahlin von unserm Herrn Oberförster ...«

»Was? Die Prinzessin?«

»Ja, die Frau Katzler, Durchlaucht.«

»Alle Wetter, Engelke ... Da haben wir's. Aber ich hab es ja gesagt,

ich wußt es. Wie so'n Tag anfängt, so bleibt er, so geht es weiter ...

Und wie das hier durcheinander liegt, alles wie Kraut und Rüben. Nimm

die Zudecke weg, ach was Zudecke, die reine Pferdedecke; wir müssen

eine andre haben. Und nimm auch die grünen Tropfen weg, daß es nicht

gleich aussieht wie ne Krankenstube ... Die Prinzessin ... Aber rasch,

Engelke, flink ... Ich lasse bitten, ich lasse die Frau Oberförsterin

bitten.«

Dubslav rückte sich, so gut es ging, zurecht; im übrigen aber hielt

er's in seinem desolaten Zustande doch für besser, in seinem Rollstuhl

zu bleiben, als der Prinzessin entgegenzugehn oder sie durch ein

Sicherheben von seinem Sitz mehr oder weniger feierlich zu begrüßen.

Ermyntrud paßte sich seinen Intentionen denn auch an und gab durch

eine gemessene Handbewegung zu verstehen, daß sie nicht zu stören

wünsche. Gleich danach legte sie den rechten Arm auf die Lehne eines

nebenstehenden Stuhles und sagte: »Ich komme, Herr von Stechlin,

um nach Ihrem Befinden zu fragen; Katzler (sie nannte ihn, unter

geflissentlichster Vermeidung des allerdings plebejen »mein Mann«,

immer nur bei seinem Familiennamen) hat mir von Ihrem Unwohlsein

erzählt und mir Empfehlungen aufgetragen. Ich hoffe, es geht besser.«

Der Stechlin: Roman · 第 27 / 33 段