Dubslav war der Aufforderung des alten Grafen nachgekommen und saß,

eine Lampe mit grünem Schirm zwischen sich und ihm, seinem Wirte gerade

gegenüber. Jeserich kam mit der Tablette.

»Den Kognak,« fuhr der alte Barby fort, »kann ich Ihnen empfehlen;

noch Beziehungen aus Zeiten her, wo man mit einem Franzosen ungeniert

sprechen und nach einer guten Firma fragen konnte. Waren Sie siebzig

noch mit dabei?«

»Ja, so halb. Eigentlich auch das kaum. Aus meinem Regiment war ich

lange heraus. Nur als Johanniter.«

»Ganz wie ich selber.«

»Eine wundervolle Zeit, dieser Winter siebzig,« fuhr Dubslav fort,

»auch rein persönlich angesehn. Ich hatte damals das, was mir

zeitlebens, wenn auch nicht absolut, so doch mehr als wünschenswert

gefehlt hatte: Fühlung mit der großen Welt. Es heißt immer, der Adel

gehöre auf seine Scholle, und je mehr er mit der verwachse, desto

besser sei es. Das ist auch richtig. Aber etwas ganz Richtiges gibt es

nicht. Und so muß ich denn sagen, es war doch was Erquickliches, den

alten Wilhelm so jeden Tag vor Augen zu haben. Hab ihn freilich immer

nur flüchtig gesehn, aber auch das war schon eine Herzensfreude. Sie

nennen ihn jetzt den ›Großen‹ und stellen ihn neben Fridericus Rex.

Nun, so einer war er sicherlich nicht, an den reicht er nicht ran.

Aber als Mensch war er ihm über, und das gibt, mein ich, in gewissem

Sinne den Ausschlag, wenn auch zur ›Größe‹ noch was anders gehört. Ja,

der alte Fritz! Man kann ihn nicht hoch genug stellen; nur in einem

Punkte find ich trotzdem, daß wir eine falsche Position ihm gegenüber

einnehmen, gerade wir vom Adel. Er war nicht so sehr für uns, wie wir

immer glauben oder wenigstens nach außen hin versichern. Er war für

sich und für das Land oder, wie er zu sagen liebte, ›für den Staat‹.

Aber daß wir als Stand und Kaste so recht was von ihm gehabt hätten,

das ist eine Einbildung.«

»Überrascht mich, aus Ihrem Munde zu hören.«

»Ist aber doch wohl richtig. Wie lag es denn eigentlich? Wir hatten

die Ehre, für König und Vaterland hungern und dursten und sterben

zu dürfen, sind aber nie gefragt worden, ob uns das auch passe. Nur

dann und wann erfuhren wir, daß wir ›Edelleute‹ seien und als solche

mehr ›Ehre‹ hätten. Aber damit war es auch getan. In seiner innersten

Seele rief er uns eigentlich genau dasselbe zu wie den Grenadieren

bei Torgau. Wir waren Rohmaterial und wurden von ihm mit meist sehr

kritischem Auge betrachtet. Alles in allem, lieber Graf, find ich

unser Jahr dreizehn eigentlich um ein Erhebliches größer, weil alles,

was geschah, weniger den Befehlscharakter trug und mehr Freiheit und

Selbstentschließung hatte. Ich bin nicht für die patentierte Freiheit

der Parteiliberalen, aber ich bin doch für ein bestimmtes Maß von

Freiheit überhaupt. Und wenn mich nicht alles täuscht, so wird auch

in unsern Reihen allmählich der Glaube lebendig, daß wir uns dabei --

besonders auch rein praktisch-egoistisch -- am besten stehn.«

Der alte Barby freute sich sichtlich dieser Worte. Dubslav aber fuhr

fort: »Übrigens, +das+ muß ich sagen dürfen, lieber Graf, Sie wohnen

hier brillant an Ihrem Kronprinzenufer; ein entzückender Blick, und

Fremde würden vielleicht kaum glauben, daß an unsrer alten Spree so

was Hübsches zu finden sei. Die Niederlassungs- und speziell die

Wohnungsfrage spielt doch, wo sich's um Glück und Behagen handelt,

immer stark mit, und gerade Sie, der Sie so lange draußen waren,

werden, ehe Sie hier dies Visavis von unsrer Jungfernheide wählten,

nicht ohne Bedenken gewesen sein. In bezug auf die Landschaft gewiß und

in bezug auf die Menschen vielleicht.«

»Sagen wir, auch da gewiß. Ich hatte wirklich solche Bedenken. Aber sie

sind niedergekämpft. Vieles gefiel mir durchaus nicht, als ich, nach

langen, langen Jahren, aus der Fremde wieder nach hier zurückkam, und

vieles gefällt mir auch noch nicht. Überall ein zu langsames Tempo. Wir

haben in jedem Sinne zuviel Sand um uns und in uns, und wo viel Sand

ist, da will nichts recht vorwärts, immer bloß hü und hott. Aber dieser

Sandboden ist doch auch wieder tragfähig, nicht glänzend, aber sicher.

Er muß nur, und vor allem der moralische, die richtige Witterung

haben, also zu rechter Zeit Regen und Sonnenschein. Und ich glaube,

Kaiser Friedrich hätt ihm diese Witterung gebracht.«

»Ich glaub es nicht,« sagte Dubslav.

»Meinen Sie, daß es ihm schließlich doch nicht ein rechter Ernst mit

der Sache war?«

»O nein, nein. Es war ihm Ernst, ganz und gar. Aber es würd ihm zu

schwer gemacht worden sein. Rund heraus, er wäre gescheitert.«

»Woran?«

»An seinen Freunden vielleicht, an seinen Feinden gewiß. Und das waren

die Junker. Es heißt immer, das Junkertum sei keine Macht mehr, die

Junker fräßen den Hohenzollern aus der Hand und die Dynastie züchte sie

bloß, um sie für alle Fälle parat zu haben. Und das ist eine Zeitlang

vielleicht auch richtig gewesen. Aber heut ist es nicht mehr richtig,

es ist heute grundfalsch. Das Junkertum (trotzdem es vorgibt, seine

Strohdächer zu flicken, und sie gelegentlich vielleicht auch wirklich

flickt), dies Junkertum -- und ich bin inmitten aller Loyalität und

Devotion doch stolz, dies sagen zu können -- hat in dem Kampf dieser

Jahre kolossal an Macht gewonnen, mehr als irgendeine andre Partei,

die Sozialdemokratie kaum ausgeschlossen, und mitunter ist mir's, als

stiegen die seligen Quitzows wieder aus dem Grabe herauf. Und wenn das

geschieht, wenn unsre Leute sich auf das besinnen, worauf sie sich seit

über vierhundert Jahren nicht mehr besonnen haben, so können wir was

erleben. Es heißt immer: ›unmöglich.‹ Ah bah, was ist unmöglich? Nichts

ist unmöglich. Wer hätte vor dem 18. März den 18. März für möglich

gehalten, für möglich in diesem echten und rechten Philisternest

Berlin! Es kommt eben alles mal an die Reihe; das darf nicht vergessen

werden. Und die Armee! Nun ja. Wer wird etwas gegen die Armee sagen?

Aber jeder glückliche General ist immer eine Gefahr! Und unter

Umständen auch noch andre. Sehen Sie sich den alten Sachsenwalder an,

unsren Zivil-Wallenstein. Aus dem hätte schließlich doch Gott weiß was

werden können.«

»Und Sie glauben,« warf der Graf hier ein, »an dieser scharfen

Quitzow-Ecke wäre Kaiser Friedrich gescheitert?«

»Ich glaub es.«

»Hm, es läßt sich hören. Und wenn so, so wär es schließlich ein Glück,

daß es nach den neunundneunzig Tagen anders kam und wir nicht vor diese

Frage gestellt wurden.«

»Ich habe mit meinem Woldemar, der einen stark liberalen Zug hat (ich

kann es nicht loben und mag's nicht tadeln) oft über diese Sache

gesprochen. Er war natürlich für Neuzeit, also für Experimente ...

Nun hat er inzwischen das bessere Teil erwählt, und während wir hier

sprechen, ist er schon über Trebbin hinaus. Sonderbar, ich bin nicht

allzuviel gereist, aber immer, wenn ich an diesem märkischen Neste

vorbeikam, hatt ich das Gefühl: ›jetzt wird es besser, jetzt bist du

frei.‹ Ich kann sagen, ich liebe die ganze Sandbüchse da herum, schon

bloß aus diesem Grunde.«

Der alte Graf lachte behaglich. »Und Trebbin wird sich von dieser Ihrer

Schwärmerei nichts träumen lassen. Übrigens haben Sie recht. Jeder lebt

zu Hause mehr oder weniger wie in einem Gefängnis und will weg. Und

doch bin ich eigentlich gegen das Reisen überhaupt und speziell gegen

die Hochzeitsreiserei. Wenn ich so Personen in ein Coupé nach Italien

einsteigen sehe, kommt mir immer ein Dankgefühl, dieses ›höchste Glück

auf Erden‹ nicht mehr mitmachen zu müssen. Es ist doch eigentlich eine

Qual, und die Welt wird auch wieder davon zurückkommen; über kurz oder

lang wird man nur noch reisen, wie man in den Krieg zieht oder in einen

Luftballon steigt, bloß von Berufs wegen. Aber nicht um des Vergnügens

willen. Und wozu denn auch? Es hat keinen rechten Zweck mehr. In alten

Zeiten ging der Prophet zum Berge, jetzt vollzieht sich das Wunder und

der Berg kommt zu uns. Das Beste vom Parthenon sieht man in London und

das Beste von Pergamum in Berlin, und wäre man nicht so nachsichtig

mit den lieben, nie zahlenden Griechen verfahren, so könnte man sich

(am Kupfergraben) im Laufe des Vormittags in Mykenä und nachmittags in

Olympia ergehn.«

»Ganz Ihrer Meinung, teuerster Graf. Aber doch zugleich auch ein wenig

betrübt, Sie so dezidiert gegen alle Reiserei zu finden. Ich stand

nämlich auf dem Punkte, Sie nach Stechlin hin einzuladen, in meine alte

Kate, die meine guten Globsower unentwegt ein ›Schloß‹ nennen.«

»Ja, lieber Stechlin, Ihre ›Kate‹, das ist was andres. Und um Ihnen

ganz die Wahrheit zu sagen, wenn Sie mich nicht eingeladen hätten

(eigentlich ist es ja noch nicht geschehn, aber ich greife bereits

vor), so hätt ich mich bei Ihnen angemeldet. Das war schon lange mein

Plan.«

In diesem Augenblicke ging draußen die Klingel. Es war Melusine.

»Bringe den Vätern, respektive Schwiegervätern allerschönste Grüße. Die

Kinder sind jetzt mutmaßlich schon über Wittenberg, die große Luther-

beziehungsweise Apfelkuchenstation, hinaus, und in weniger als zwei

Stunden fahren sie in den Dresdener Bahnhof ein. O diese Glücklichen!

Und dabei verwett ich mich, Armgard hat bereits Sehnsucht nach Berlin

zurück. Vielleicht sogar nach mir.«

»Kein Zweifel,« sagte Dubslav. Die Gräfin selbst aber fuhr fort: »Ehe

man nämlich ganz Abschied von dem alten Leben nimmt, sehnt man sich

noch einmal gründlich danach zurück. Freilich, Schwester Armgard wird

weniger davon empfinden als andere. Sie hat eben den liebenswürdigsten

und besten Mann, und ich könnt ihn ihr beinah beneiden, trotzdem ich

noch im Abschiedsmoment einen wahren Schreck kriegte, als ich ihn sagen

hörte, daß er morgen vormittag mit ihr vor die Sixtinische Madonna

treten wolle. Worte, bei denen er noch dazu wie verklärt aussah. Und

das find ich einfach unerhört. Warum, werden Sie mich vielleicht

fragen. Nun denn, weil es erstens eine Beleidigung ist, sich auf eine

Madonna so extrem zu freuen, wenn man eine Braut oder gar eine junge

Frau zur Seite hat, und zweitens, weil dieser geplante Galeriebesuch

einen Mangel an Disposition und Ökonomie bedeutet, der mich für

Woldemars ganze Zukunft besorgt machen kann. Diese Zukunft liegt doch

am Ende nach der agrarischen Seite hin, und richtige ›Dispositionen‹

bedeuten in der Landwirtschaft so gut wie alles.«

Der alte Graf wollte widersprechen, aber Melusine ließ es nicht

dazu kommen und fuhr ihrerseits fort: »Jedenfalls -- das ist nicht

wegzudisputieren -- fährt unser Woldemar jetzt in das Land der Madonnen

hinein und will da mutmaßlich mit leidlich frischen Kräften antreten;

wenn er sich aber schon in Deutschland etappenweise vertut, so wird

er, wenn er in Rom ist, wohl sein Programm ändern und im Café Cavour

eine Berliner Zeitung lesen müssen, statt nebenan im Palazzo Borghese

Kunst zu schwelgen. Ich sage mit Vorbedacht: eine +Berliner+ Zeitung,

denn wir werden jetzt Weltstadt und wachsen mit unserer Presse schon

über Charlottenburg hinaus ... Übrigens läßt, wie das junge Paar, so

auch die Baronin bestens grüßen. Eine reizende Frau, Herr von Stechlin,

die grad Ihnen ganz besonders gefallen würde. Glaubt eigentlich gar

nichts und geriert sich dabei streng katholisch. Das klingt widersinnig

und ist doch richtig und reizend zugleich. All die Süddeutschen

sind überhaupt viel netter als wir, und die nettesten, weil die

natürlichsten, sind die Bayern.«

Sonnenuntergang

Sechsunddreißigstes Kapitel

Der alte Dubslav, als er bald nach elf auf seinem Granseer Bahnhof

eintraf, fand da Martin und seinen Schlitten bereits vor. Engelke

hatte zum Glück für warme Sachen gesorgt, denn es war inzwischen

recht kalt geworden. Im ersten Augenblicke tat dem Alten, in dessen

Coupé die herkömmliche Stickluft gebrütet hatte, der draußen wehende

Ostwind überaus wohl; sehr bald aber stellte sich ein Frösteln ein.

Schon tags zuvor, bei Beginn seiner Reise, war ihm nicht so recht

zumute gewesen, Kopfweh, Druck auf die Schläfe; jetzt war derselbe

Zustand wieder da. Trotzdem nahm er's leicht damit und sah in das

Sterngeflimmer über ihm. Die wie Riesenbesen aufragenden Pappeln warfen

dunkle, groteske Schatten über den Weg, während er die nach links und

rechts hin liegenden toten Schneefelder mit den wechselnden Bildern

alles dessen, was ihm der zurückliegende Tag gebracht harte, belebte.

Da sah er wieder die mit rotem Teppich belegte Hotel-Marmortreppe

mit dem Oberkellner in Gesandtschaftsattachéhaltung, und im nächsten

Augenblicke den Garnisonkirchenküster, den er anfänglich für einen

zur Feier eingeladenen Konsistorialrat gehalten hatte. Daneben aber

stand die blasse, schöne Braut und die reizende, bieg- und schmiegsame

Melusine. »Ja, der alte Barby, wenn er auf +die+ sieht, der hat's gut,

der kann es aushalten. Immer einen guten und klugen Menschen um sich

haben, immer was hören und sehen, was einen anlacht und erquickt, das

ist was. Aber ich! Ich für meinen Teil, gleichviel ob mit oder ohne

Schuld, ich war immer nur auf ein Pflichtteil gesetzt, -- als Kind,

weil ich faul war, und als Leutnant, weil ich nicht recht was hatte.

Dann kam ein Lichtblick. Aber gleich danach starb sie, die mir Stab und

Stütze hätte sein können, und durch all die dreißig Jahre, die seitdem

kamen und gingen, blieb mir nichts als Engelke (der noch das Beste war)

und meine Schwester Adelheid. Gott, verzeih mir's, aber ein Trost war

die nicht; immer bloß herbe wie'n Holzapfel.«

Unter solchen Betrachtungen fuhr er in das Dorf ein und hielt gleich

danach vor der Tür seines alten Hauses. Engelke war schon da, half ihm

und tat sein Bestes, ihn aus der schweren Wolfsschur herauszuwickeln.

Der immer noch Fröstelnde stapfte dabei mit den Füßen, warf seinen

Staatshut -- den er unterwegs, weil er ihn drückte, wohl hundertmal

verwünscht hatte -- mit ersichtlicher Befriedigung beiseite und sagte

gleich danach beim Eintreten in sein Zimmer: »Ach, das is recht,

Engelke. Du hast ein Feuer gemacht; du weißt, was einem alten Menschen

gut tut. Aber es reicht noch nicht aus. Ob wohl unten noch heißes

Wasser ist? So'n fester Grog, der sollte mir jetzt passen; ich friere

Stein und Bein.«

»Heiß Wasser is nicht mehr, gnädiger Herr. Aber ich kann ja ne

Kasseroll aufstellen. Oder noch besser, ich hole den Petroleumkocher.«

»Nein, nein, Engelke, nicht soviel Umstände. Das mag ich nicht. Und

den Petroleumkocher, den erst recht nich; da kriegt man bloß Kopfweh,

und ich habe schon genug davon. Aber bringe mir den Kognak und kaltes

Wasser. Und wenn man dann so halb und halb nimmt, dann is es so gut,

als wär es ganz heiß gewesen.«

Engelke brachte, was gefordert, und eine Viertelstunde danach ging

Dubslav zu Bett.

* * * * *

Er schlief auch gleich ein. Aber bald war er wieder wach und druste nur

noch so hin. So kam endlich der Morgen heran.

Als Engelke zu gewohnter Stunde das Frühstück brachte, schleppte sich

Dubslav mühsamlich von seinem Schlafzimmer bis an den Frühstückstisch.

Aber es schmeckte ihm nicht. »Engelke, mir ist schlecht; der Fuß ist

geschwollen, und das mit dem Kognak gestern abend war auch nicht

richtig. Sage Martin, daß er nach Gransee fährt und Doktor Sponholz

mitbringt. Und wenn Sponholz nicht da ist -- der arme Kerl kutschiert

in einem fort rum; ohne Landpraxis geht es nicht --, dann soll er

warten, bis er kommt.«

Es traf sich so, wie Dubslav vermutet hatte; Sponholz war wirklich auf

Landpraxis und kam erst nachmittags zurück. Er aß einen Bissen und

stieg dann auf den Stechliner Wagen.

»Na, Martin, was macht denn der gnädge Herr?«

»Joa, Herr Doktor, ick möt doch seggen, he seiht en beten verännert ut;

em wihr schon nich so recht letzten Sünndag, un doa müßt he joa nu grad

nach Berlin. Un ick weet schon, wenn ihrst een nach Berlin muß, denn

is ook ümmer wat los. Ick weet nich, wat se doa mit'n ollen Minschen

moaken.«

»Ja, Martin, das ist die große Stadt. Da übernehmen sie sich denn. Und

dann war ja auch Hochzeit. Da werden sie wohl ein bißchen gepichelt

haben. Und vorher die kalte Kirche. Und dazu so viele feine Damen.

Daran ist der gnädge Herr nicht mehr gewöhnt, und dann will er sich

berappeln und strengt sich an, und da hat man denn gleich was weg.«

Es dämmerte schon, als der kleine Jagdwagen auf der Rampe vorfuhr.

Sponholz stieg aus, und Engelke nahm ihm den grauen Mantel mit

Doppelkragen ab und auch die hohe Lammfellmütze, darin er -- freilich

das einzige an ihm, das diese Wirkung ausübte -- wie ein Perser aussah.

So trat er denn bei Dubslav ein. Der alte Herr saß an seinem Kamin und

sah in die Flamme.

»Nun, Herr von Stechlin, da bin ich. War über Land. Es geht jetzt

scharf. Jeder dritte hustet und hat Kopfweh. Natürlich Influenza. Ganz

verdeubelte Krankheit.«

»Na, +die+ wenigstens hab ich nicht.«

»Kann man nicht wissen. Ein bißchen fliegt jedem leicht an. Nun, wo

sitzt es?«

Dubslav wies auf sein rechtes Bein und sagte: »Stark geschwollen. Und

das andre fängt auch an.«

»Hm. Na, wollen mal sehen. Darf ich bitten?«

Dubslav zog sein Beinkleid herauf, den Strumpf herunter und sagte: »Da

is die Bescherung. Gicht ist es nicht. Ich habe keine Schmerzen ...

Also was andres.«

Sponholz tippte mit dem Finger auf dem geschwollenen Fuß herum und

sagte dann: »Nichts von Belang, Herr von Stechlin. Einhalten, Diät,

wenig trinken, auch wenig Wasser. Das verdammte Wasser drückt gleich

nach oben, und dann haben Sie Atemnot. Und von Medizin bloß ein paar

Tropfen. Bitte bleiben Sie sitzen; ich weiß ja Bescheid hier.« Und

dabei ging er an Dubslavs Schreibtisch heran, schnitt sich ein Stück

Papier ab und schrieb ein Rezept. »Ihr Kutscher, das wird das beste

sein, kann bei der Apotheke gleich mit vorfahren.«

Im Vorflur, nach Verabschiedung von Dubslav, fuhr Sponholz alsbald

wieder in seinen Mantel. Engelke half ihm und sagte dabei: »Na, Herr

Doktor?«

»Nichts, nichts, Engelke!«

Martin mit seinem Jagdwagen hielt noch wartend auf der Rampe draußen,

und so ging es denn in rascher Fahrt wieder nach der Stadt zurück, von

wo der alte Kutscher die Tropfen gleich mitbringen sollte.

Der Winterabend dämmerte schon, als Martin zurück war und die Medizin

an Engelke abgab. Der brachte sie seinem Herrn.

»Sieh mal,« sagte dieser, als er das rundliche Fläschchen in Händen

hielt, »die Granseer werden jetzt auch fein. Alles in rosa Seidenpapier

gewickelt.« Auf einem angebundenen Zettel aber stand: »Herrn Major

von Stechlin. Dreimal täglich zehn Tropfen.« Dubslav hielt die kleine

Flasche gegen das Licht und tröpfelte die vorgeschriebene Zahl in einen

Löffel voll Wasser. Als er sie genommen hatte, bewegte er die Lippen

hin und her, etwa wie wenn ein Kenner eine neue Weinsorte probt. Dann

nickte er und sagte: »Ja, Engelke, nu geht es los. Fingerhut.«

* * * * *

Der alte Dubslav nahm durch mehrere Tage hin seine Tropfen ganz

gewissenhaft und fand auch, daß sich's etwas bessere. Die Geschwulst

ging um ein geringes zurück. Aber die Tropfen nahmen ihm den Appetit,

so daß er noch weniger aß, als ihm gestattet war.

Es war ein schöner Frühmärzentag, die Mittagszeit schon vorüber.

Dubslav saß an der weit offenstehenden Glastür seines Gartensalons

und las die Zeitung. Es schien indes, daß ihm das, was er las, nicht

sonderlich gefiel. »Ach, Engelke, die Zeitung ist ja soweit ganz gut;

nur so für den ganzen Tag ist sie doch zu wenig. Du könntest mir lieber

ein Buch bringen.«

»Was für eines?«

»Is egal.«

»Da liegt ja noch das kleine gelbe Buch: ›Keine Lupine mehr!‹«

»Nein, nein; nicht so was. Lupine, davon hab ich schon so viel gelesen;

das wechselt in einem fort, und eins ist so dumm wie das andre. Die

Landwirtschaft kommt doch nicht wieder obenauf oder wenigstens nicht

durch so was. Bringe mir lieber einen Roman; früher in meiner Jugend

sagte man Schmöker. Ja, damals waren alle Wörter viel besser als jetzt.

Weißt du noch, wie ich mir in dem Jahre, wo ich Zivil wurde, den

ersten Schniepel machen ließ? Schniepel is auch solch Wort und doch

wahrhaftig besser als Frack. Schniepel hat so was Fideles: Einsegnung,

Hochzeit, Kindtaufe.«

»Gott, gnädiger Herr, immer is es doch auch nicht so. Die meisten

Schniepel sind doch, wenn einer begraben wird.«

»Richtig, Engelke. Wenn einer begraben wird. Das war ein guter Einfall

von dir. Früher würd ich gesagt haben ›zeitgemäß‹; jetzt sagt man

›opportun‹. Hast du schon mal davon gehört?«

»Ja, gnädiger Herr, gehört hab ich schon mal davon.«

»Aber nich verstanden. Na, ich eigentlich auch nich. Wenigstens nicht

so recht. Und du, du warst ja nich mal auf Schulen.«

»Nein, gnädiger Herr.«

»Alles in allem, sei froh drüber ... Aber, Engelke, wenn du mir nu ein

Buch gebracht hast, dann will ich mich mit meinem Stuhl doch lieber

gleich auf die Veranda rausrücken. Es ist wie Frühling heut. Solche

guten Tage muß man mitnehmen. Und bringe mir auch ne Decke. Früher war

ich nich so fürs Pimplige; jetzt aber heißt es: besser bewahrt als

beklagt.«

* * * * *

In dem ganzen Dreieck zwischen Rheinsberg, Kloster Wutz und Gransee

hatte sich die Nachricht von des alten Dubslav ernster Erkrankung

mehr und mehr herumgesprochen, und es war wohl im Zusammenhange

damit, daß ungefähr um dieselbe Stunde, wo Dubslav und Engelke sich

über »Schniepel« und »opportun« unterhielten, ein Einspänner auf die

Stechliner Rampe fuhr, ein etwas sonderbares Gefährt, dem der alte

Baruch Hirschfeld langsam und vorsichtig entstieg. Engelke war ihm

dabei behilflich und meldete gleich danach, daß der Alte da sei.

»Der alte Baruch! Um Gottes willen, Engelke, was will denn der? Es ist

ja doch glücklicherweise nichts los. Und so ganz aus freien Stücken.

Na, laß ihn kommen.«

Und Baruch Hirschfeld trat gleich darauf ein.

Dubslav, in seine Decke gewickelt, begrüßte den Alten. »Aber, Baruch,

um alles in der Welt, was gibt es? Was bringen Sie? Gleichviel

übrigens, ich freue mich, Sie zu sehn. Machen Sie sich's so bequem,

wie's auf den drei Latten eines Gartenstuhls überhaupt möglich ist. Und

dann noch einmal: Was gibt es? Was bringen Sie?«

»Herr Major wollen entschuldigen, es gibt nichts, und ich bringe auch

nichts. Ich kam da bloß so vorbei, Geschäfte mit Herrn von Gundermann,

und da wollt ich mir doch die Freiheit genommen haben, mal nach der

Gesundheit zu fragen. Habe gehört, der Herr Major seien nicht ganz gut

bei Wege.«

»Nein, Baruch, nicht ganz gut bei Wege, beinahe schon schlecht genug.

Aber lassen wir das schlimme Neue; das Alte war doch eigentlich besser

(das heißt dann und wann), und manchmal denk ich so an alles zurück,

was wir so gemeinschaftlich miteinander durchgemacht haben.«

»Und immer glatt, Herr Major, immer glatt, ohne Schwierigkeiten.«

»Ja,« lachte Dubslav, »+gemacht+ hab ich keine Schwierigkeiten, aber

+gehabt+ hab ich genug. Und das weiß keiner besser als mein Freund

Baruch. Und nun sagen Sie mir vor allem, was macht Ihr Isidor, der

große Volksfreund? Ist er mit Torgelow noch zufrieden? Oder sieht er,

daß sie da auch mit Wasser kochen? Ich wundere mich bloß, daß ein Sohn

von Baruch Hirschfeld, Sohn und Firmateilhaber, so sehr für den Umsturz

ist.«

»Nicht für den Umsturz, Herr Major. Isidor, wenn ich so sagen darf, ist

für die alte Valuta. Aber nebenher hat er ein Herz für die Menschheit.«

»Hat er? Na, das ist recht.«

»Und das Herz für die Menschheit, das haben wir alle, Herr Major. Und

kommt uns dabei was heraus, so haben wir, wenn ich so sagen darf,

die Dividende. Gott der Gerechte, wir brauchen's. Und weil ich rede

von Dividende, will ich auch reden von Hypothek. Wir haben da seit

letzten Freitag 'n Kapital, Granseer Bürger, und will's hergeben zu

dreiundeinhalb.«

Der Stechlin: Roman · 第 26 / 33 段