eine Lampe mit grünem Schirm zwischen sich und ihm, seinem Wirte gerade
gegenüber. Jeserich kam mit der Tablette.
»Den Kognak,« fuhr der alte Barby fort, »kann ich Ihnen empfehlen;
noch Beziehungen aus Zeiten her, wo man mit einem Franzosen ungeniert
sprechen und nach einer guten Firma fragen konnte. Waren Sie siebzig
noch mit dabei?«
»Ja, so halb. Eigentlich auch das kaum. Aus meinem Regiment war ich
lange heraus. Nur als Johanniter.«
»Ganz wie ich selber.«
»Eine wundervolle Zeit, dieser Winter siebzig,« fuhr Dubslav fort,
»auch rein persönlich angesehn. Ich hatte damals das, was mir
zeitlebens, wenn auch nicht absolut, so doch mehr als wünschenswert
gefehlt hatte: Fühlung mit der großen Welt. Es heißt immer, der Adel
gehöre auf seine Scholle, und je mehr er mit der verwachse, desto
besser sei es. Das ist auch richtig. Aber etwas ganz Richtiges gibt es
nicht. Und so muß ich denn sagen, es war doch was Erquickliches, den
alten Wilhelm so jeden Tag vor Augen zu haben. Hab ihn freilich immer
nur flüchtig gesehn, aber auch das war schon eine Herzensfreude. Sie
nennen ihn jetzt den ›Großen‹ und stellen ihn neben Fridericus Rex.
Nun, so einer war er sicherlich nicht, an den reicht er nicht ran.
Aber als Mensch war er ihm über, und das gibt, mein ich, in gewissem
Sinne den Ausschlag, wenn auch zur ›Größe‹ noch was anders gehört. Ja,
der alte Fritz! Man kann ihn nicht hoch genug stellen; nur in einem
Punkte find ich trotzdem, daß wir eine falsche Position ihm gegenüber
einnehmen, gerade wir vom Adel. Er war nicht so sehr für uns, wie wir
immer glauben oder wenigstens nach außen hin versichern. Er war für
sich und für das Land oder, wie er zu sagen liebte, ›für den Staat‹.
Aber daß wir als Stand und Kaste so recht was von ihm gehabt hätten,
das ist eine Einbildung.«
»Überrascht mich, aus Ihrem Munde zu hören.«
»Ist aber doch wohl richtig. Wie lag es denn eigentlich? Wir hatten
die Ehre, für König und Vaterland hungern und dursten und sterben
zu dürfen, sind aber nie gefragt worden, ob uns das auch passe. Nur
dann und wann erfuhren wir, daß wir ›Edelleute‹ seien und als solche
mehr ›Ehre‹ hätten. Aber damit war es auch getan. In seiner innersten
Seele rief er uns eigentlich genau dasselbe zu wie den Grenadieren
bei Torgau. Wir waren Rohmaterial und wurden von ihm mit meist sehr
kritischem Auge betrachtet. Alles in allem, lieber Graf, find ich
unser Jahr dreizehn eigentlich um ein Erhebliches größer, weil alles,
was geschah, weniger den Befehlscharakter trug und mehr Freiheit und
Selbstentschließung hatte. Ich bin nicht für die patentierte Freiheit
der Parteiliberalen, aber ich bin doch für ein bestimmtes Maß von
Freiheit überhaupt. Und wenn mich nicht alles täuscht, so wird auch
in unsern Reihen allmählich der Glaube lebendig, daß wir uns dabei --
besonders auch rein praktisch-egoistisch -- am besten stehn.«
Der alte Barby freute sich sichtlich dieser Worte. Dubslav aber fuhr
fort: »Übrigens, +das+ muß ich sagen dürfen, lieber Graf, Sie wohnen
hier brillant an Ihrem Kronprinzenufer; ein entzückender Blick, und
Fremde würden vielleicht kaum glauben, daß an unsrer alten Spree so
was Hübsches zu finden sei. Die Niederlassungs- und speziell die
Wohnungsfrage spielt doch, wo sich's um Glück und Behagen handelt,
immer stark mit, und gerade Sie, der Sie so lange draußen waren,
werden, ehe Sie hier dies Visavis von unsrer Jungfernheide wählten,
nicht ohne Bedenken gewesen sein. In bezug auf die Landschaft gewiß und
in bezug auf die Menschen vielleicht.«
»Sagen wir, auch da gewiß. Ich hatte wirklich solche Bedenken. Aber sie
sind niedergekämpft. Vieles gefiel mir durchaus nicht, als ich, nach
langen, langen Jahren, aus der Fremde wieder nach hier zurückkam, und
vieles gefällt mir auch noch nicht. Überall ein zu langsames Tempo. Wir
haben in jedem Sinne zuviel Sand um uns und in uns, und wo viel Sand
ist, da will nichts recht vorwärts, immer bloß hü und hott. Aber dieser
Sandboden ist doch auch wieder tragfähig, nicht glänzend, aber sicher.
Er muß nur, und vor allem der moralische, die richtige Witterung
haben, also zu rechter Zeit Regen und Sonnenschein. Und ich glaube,
Kaiser Friedrich hätt ihm diese Witterung gebracht.«
»Ich glaub es nicht,« sagte Dubslav.
»Meinen Sie, daß es ihm schließlich doch nicht ein rechter Ernst mit
der Sache war?«
»O nein, nein. Es war ihm Ernst, ganz und gar. Aber es würd ihm zu
schwer gemacht worden sein. Rund heraus, er wäre gescheitert.«
»Woran?«
»An seinen Freunden vielleicht, an seinen Feinden gewiß. Und das waren
die Junker. Es heißt immer, das Junkertum sei keine Macht mehr, die
Junker fräßen den Hohenzollern aus der Hand und die Dynastie züchte sie
bloß, um sie für alle Fälle parat zu haben. Und das ist eine Zeitlang
vielleicht auch richtig gewesen. Aber heut ist es nicht mehr richtig,
es ist heute grundfalsch. Das Junkertum (trotzdem es vorgibt, seine
Strohdächer zu flicken, und sie gelegentlich vielleicht auch wirklich
flickt), dies Junkertum -- und ich bin inmitten aller Loyalität und
Devotion doch stolz, dies sagen zu können -- hat in dem Kampf dieser
Jahre kolossal an Macht gewonnen, mehr als irgendeine andre Partei,
die Sozialdemokratie kaum ausgeschlossen, und mitunter ist mir's, als
stiegen die seligen Quitzows wieder aus dem Grabe herauf. Und wenn das
geschieht, wenn unsre Leute sich auf das besinnen, worauf sie sich seit
über vierhundert Jahren nicht mehr besonnen haben, so können wir was
erleben. Es heißt immer: ›unmöglich.‹ Ah bah, was ist unmöglich? Nichts
ist unmöglich. Wer hätte vor dem 18. März den 18. März für möglich
gehalten, für möglich in diesem echten und rechten Philisternest
Berlin! Es kommt eben alles mal an die Reihe; das darf nicht vergessen
werden. Und die Armee! Nun ja. Wer wird etwas gegen die Armee sagen?
Aber jeder glückliche General ist immer eine Gefahr! Und unter
Umständen auch noch andre. Sehen Sie sich den alten Sachsenwalder an,
unsren Zivil-Wallenstein. Aus dem hätte schließlich doch Gott weiß was
werden können.«
»Und Sie glauben,« warf der Graf hier ein, »an dieser scharfen
Quitzow-Ecke wäre Kaiser Friedrich gescheitert?«
»Ich glaub es.«
»Hm, es läßt sich hören. Und wenn so, so wär es schließlich ein Glück,
daß es nach den neunundneunzig Tagen anders kam und wir nicht vor diese
Frage gestellt wurden.«
»Ich habe mit meinem Woldemar, der einen stark liberalen Zug hat (ich
kann es nicht loben und mag's nicht tadeln) oft über diese Sache
gesprochen. Er war natürlich für Neuzeit, also für Experimente ...
Nun hat er inzwischen das bessere Teil erwählt, und während wir hier
sprechen, ist er schon über Trebbin hinaus. Sonderbar, ich bin nicht
allzuviel gereist, aber immer, wenn ich an diesem märkischen Neste
vorbeikam, hatt ich das Gefühl: ›jetzt wird es besser, jetzt bist du
frei.‹ Ich kann sagen, ich liebe die ganze Sandbüchse da herum, schon
bloß aus diesem Grunde.«
Der alte Graf lachte behaglich. »Und Trebbin wird sich von dieser Ihrer
Schwärmerei nichts träumen lassen. Übrigens haben Sie recht. Jeder lebt
zu Hause mehr oder weniger wie in einem Gefängnis und will weg. Und
doch bin ich eigentlich gegen das Reisen überhaupt und speziell gegen
die Hochzeitsreiserei. Wenn ich so Personen in ein Coupé nach Italien
einsteigen sehe, kommt mir immer ein Dankgefühl, dieses ›höchste Glück
auf Erden‹ nicht mehr mitmachen zu müssen. Es ist doch eigentlich eine
Qual, und die Welt wird auch wieder davon zurückkommen; über kurz oder
lang wird man nur noch reisen, wie man in den Krieg zieht oder in einen
Luftballon steigt, bloß von Berufs wegen. Aber nicht um des Vergnügens
willen. Und wozu denn auch? Es hat keinen rechten Zweck mehr. In alten
Zeiten ging der Prophet zum Berge, jetzt vollzieht sich das Wunder und
der Berg kommt zu uns. Das Beste vom Parthenon sieht man in London und
das Beste von Pergamum in Berlin, und wäre man nicht so nachsichtig
mit den lieben, nie zahlenden Griechen verfahren, so könnte man sich
(am Kupfergraben) im Laufe des Vormittags in Mykenä und nachmittags in
Olympia ergehn.«
»Ganz Ihrer Meinung, teuerster Graf. Aber doch zugleich auch ein wenig
betrübt, Sie so dezidiert gegen alle Reiserei zu finden. Ich stand
nämlich auf dem Punkte, Sie nach Stechlin hin einzuladen, in meine alte
Kate, die meine guten Globsower unentwegt ein ›Schloß‹ nennen.«
»Ja, lieber Stechlin, Ihre ›Kate‹, das ist was andres. Und um Ihnen
ganz die Wahrheit zu sagen, wenn Sie mich nicht eingeladen hätten
(eigentlich ist es ja noch nicht geschehn, aber ich greife bereits
vor), so hätt ich mich bei Ihnen angemeldet. Das war schon lange mein
Plan.«
In diesem Augenblicke ging draußen die Klingel. Es war Melusine.
»Bringe den Vätern, respektive Schwiegervätern allerschönste Grüße. Die
Kinder sind jetzt mutmaßlich schon über Wittenberg, die große Luther-
beziehungsweise Apfelkuchenstation, hinaus, und in weniger als zwei
Stunden fahren sie in den Dresdener Bahnhof ein. O diese Glücklichen!
Und dabei verwett ich mich, Armgard hat bereits Sehnsucht nach Berlin
zurück. Vielleicht sogar nach mir.«
»Kein Zweifel,« sagte Dubslav. Die Gräfin selbst aber fuhr fort: »Ehe
man nämlich ganz Abschied von dem alten Leben nimmt, sehnt man sich
noch einmal gründlich danach zurück. Freilich, Schwester Armgard wird
weniger davon empfinden als andere. Sie hat eben den liebenswürdigsten
und besten Mann, und ich könnt ihn ihr beinah beneiden, trotzdem ich
noch im Abschiedsmoment einen wahren Schreck kriegte, als ich ihn sagen
hörte, daß er morgen vormittag mit ihr vor die Sixtinische Madonna
treten wolle. Worte, bei denen er noch dazu wie verklärt aussah. Und
das find ich einfach unerhört. Warum, werden Sie mich vielleicht
fragen. Nun denn, weil es erstens eine Beleidigung ist, sich auf eine
Madonna so extrem zu freuen, wenn man eine Braut oder gar eine junge
Frau zur Seite hat, und zweitens, weil dieser geplante Galeriebesuch
einen Mangel an Disposition und Ökonomie bedeutet, der mich für
Woldemars ganze Zukunft besorgt machen kann. Diese Zukunft liegt doch
am Ende nach der agrarischen Seite hin, und richtige ›Dispositionen‹
bedeuten in der Landwirtschaft so gut wie alles.«
Der alte Graf wollte widersprechen, aber Melusine ließ es nicht
dazu kommen und fuhr ihrerseits fort: »Jedenfalls -- das ist nicht
wegzudisputieren -- fährt unser Woldemar jetzt in das Land der Madonnen
hinein und will da mutmaßlich mit leidlich frischen Kräften antreten;
wenn er sich aber schon in Deutschland etappenweise vertut, so wird
er, wenn er in Rom ist, wohl sein Programm ändern und im Café Cavour
eine Berliner Zeitung lesen müssen, statt nebenan im Palazzo Borghese
Kunst zu schwelgen. Ich sage mit Vorbedacht: eine +Berliner+ Zeitung,
denn wir werden jetzt Weltstadt und wachsen mit unserer Presse schon
über Charlottenburg hinaus ... Übrigens läßt, wie das junge Paar, so
auch die Baronin bestens grüßen. Eine reizende Frau, Herr von Stechlin,
die grad Ihnen ganz besonders gefallen würde. Glaubt eigentlich gar
nichts und geriert sich dabei streng katholisch. Das klingt widersinnig
und ist doch richtig und reizend zugleich. All die Süddeutschen
sind überhaupt viel netter als wir, und die nettesten, weil die
natürlichsten, sind die Bayern.«
Sonnenuntergang
Sechsunddreißigstes Kapitel
Der alte Dubslav, als er bald nach elf auf seinem Granseer Bahnhof
eintraf, fand da Martin und seinen Schlitten bereits vor. Engelke
hatte zum Glück für warme Sachen gesorgt, denn es war inzwischen
recht kalt geworden. Im ersten Augenblicke tat dem Alten, in dessen
Coupé die herkömmliche Stickluft gebrütet hatte, der draußen wehende
Ostwind überaus wohl; sehr bald aber stellte sich ein Frösteln ein.
Schon tags zuvor, bei Beginn seiner Reise, war ihm nicht so recht
zumute gewesen, Kopfweh, Druck auf die Schläfe; jetzt war derselbe
Zustand wieder da. Trotzdem nahm er's leicht damit und sah in das
Sterngeflimmer über ihm. Die wie Riesenbesen aufragenden Pappeln warfen
dunkle, groteske Schatten über den Weg, während er die nach links und
rechts hin liegenden toten Schneefelder mit den wechselnden Bildern
alles dessen, was ihm der zurückliegende Tag gebracht harte, belebte.
Da sah er wieder die mit rotem Teppich belegte Hotel-Marmortreppe
mit dem Oberkellner in Gesandtschaftsattachéhaltung, und im nächsten
Augenblicke den Garnisonkirchenküster, den er anfänglich für einen
zur Feier eingeladenen Konsistorialrat gehalten hatte. Daneben aber
stand die blasse, schöne Braut und die reizende, bieg- und schmiegsame
Melusine. »Ja, der alte Barby, wenn er auf +die+ sieht, der hat's gut,
der kann es aushalten. Immer einen guten und klugen Menschen um sich
haben, immer was hören und sehen, was einen anlacht und erquickt, das
ist was. Aber ich! Ich für meinen Teil, gleichviel ob mit oder ohne
Schuld, ich war immer nur auf ein Pflichtteil gesetzt, -- als Kind,
weil ich faul war, und als Leutnant, weil ich nicht recht was hatte.
Dann kam ein Lichtblick. Aber gleich danach starb sie, die mir Stab und
Stütze hätte sein können, und durch all die dreißig Jahre, die seitdem
kamen und gingen, blieb mir nichts als Engelke (der noch das Beste war)
und meine Schwester Adelheid. Gott, verzeih mir's, aber ein Trost war
die nicht; immer bloß herbe wie'n Holzapfel.«
Unter solchen Betrachtungen fuhr er in das Dorf ein und hielt gleich
danach vor der Tür seines alten Hauses. Engelke war schon da, half ihm
und tat sein Bestes, ihn aus der schweren Wolfsschur herauszuwickeln.
Der immer noch Fröstelnde stapfte dabei mit den Füßen, warf seinen
Staatshut -- den er unterwegs, weil er ihn drückte, wohl hundertmal
verwünscht hatte -- mit ersichtlicher Befriedigung beiseite und sagte
gleich danach beim Eintreten in sein Zimmer: »Ach, das is recht,
Engelke. Du hast ein Feuer gemacht; du weißt, was einem alten Menschen
gut tut. Aber es reicht noch nicht aus. Ob wohl unten noch heißes
Wasser ist? So'n fester Grog, der sollte mir jetzt passen; ich friere
Stein und Bein.«
»Heiß Wasser is nicht mehr, gnädiger Herr. Aber ich kann ja ne
Kasseroll aufstellen. Oder noch besser, ich hole den Petroleumkocher.«
»Nein, nein, Engelke, nicht soviel Umstände. Das mag ich nicht. Und
den Petroleumkocher, den erst recht nich; da kriegt man bloß Kopfweh,
und ich habe schon genug davon. Aber bringe mir den Kognak und kaltes
Wasser. Und wenn man dann so halb und halb nimmt, dann is es so gut,
als wär es ganz heiß gewesen.«
Engelke brachte, was gefordert, und eine Viertelstunde danach ging
Dubslav zu Bett.
* * * * *
Er schlief auch gleich ein. Aber bald war er wieder wach und druste nur
noch so hin. So kam endlich der Morgen heran.
Als Engelke zu gewohnter Stunde das Frühstück brachte, schleppte sich
Dubslav mühsamlich von seinem Schlafzimmer bis an den Frühstückstisch.
Aber es schmeckte ihm nicht. »Engelke, mir ist schlecht; der Fuß ist
geschwollen, und das mit dem Kognak gestern abend war auch nicht
richtig. Sage Martin, daß er nach Gransee fährt und Doktor Sponholz
mitbringt. Und wenn Sponholz nicht da ist -- der arme Kerl kutschiert
in einem fort rum; ohne Landpraxis geht es nicht --, dann soll er
warten, bis er kommt.«
Es traf sich so, wie Dubslav vermutet hatte; Sponholz war wirklich auf
Landpraxis und kam erst nachmittags zurück. Er aß einen Bissen und
stieg dann auf den Stechliner Wagen.
»Na, Martin, was macht denn der gnädge Herr?«
»Joa, Herr Doktor, ick möt doch seggen, he seiht en beten verännert ut;
em wihr schon nich so recht letzten Sünndag, un doa müßt he joa nu grad
nach Berlin. Un ick weet schon, wenn ihrst een nach Berlin muß, denn
is ook ümmer wat los. Ick weet nich, wat se doa mit'n ollen Minschen
moaken.«
»Ja, Martin, das ist die große Stadt. Da übernehmen sie sich denn. Und
dann war ja auch Hochzeit. Da werden sie wohl ein bißchen gepichelt
haben. Und vorher die kalte Kirche. Und dazu so viele feine Damen.
Daran ist der gnädge Herr nicht mehr gewöhnt, und dann will er sich
berappeln und strengt sich an, und da hat man denn gleich was weg.«
Es dämmerte schon, als der kleine Jagdwagen auf der Rampe vorfuhr.
Sponholz stieg aus, und Engelke nahm ihm den grauen Mantel mit
Doppelkragen ab und auch die hohe Lammfellmütze, darin er -- freilich
das einzige an ihm, das diese Wirkung ausübte -- wie ein Perser aussah.
So trat er denn bei Dubslav ein. Der alte Herr saß an seinem Kamin und
sah in die Flamme.
»Nun, Herr von Stechlin, da bin ich. War über Land. Es geht jetzt
scharf. Jeder dritte hustet und hat Kopfweh. Natürlich Influenza. Ganz
verdeubelte Krankheit.«
»Na, +die+ wenigstens hab ich nicht.«
»Kann man nicht wissen. Ein bißchen fliegt jedem leicht an. Nun, wo
sitzt es?«
Dubslav wies auf sein rechtes Bein und sagte: »Stark geschwollen. Und
das andre fängt auch an.«
»Hm. Na, wollen mal sehen. Darf ich bitten?«
Dubslav zog sein Beinkleid herauf, den Strumpf herunter und sagte: »Da
is die Bescherung. Gicht ist es nicht. Ich habe keine Schmerzen ...
Also was andres.«
Sponholz tippte mit dem Finger auf dem geschwollenen Fuß herum und
sagte dann: »Nichts von Belang, Herr von Stechlin. Einhalten, Diät,
wenig trinken, auch wenig Wasser. Das verdammte Wasser drückt gleich
nach oben, und dann haben Sie Atemnot. Und von Medizin bloß ein paar
Tropfen. Bitte bleiben Sie sitzen; ich weiß ja Bescheid hier.« Und
dabei ging er an Dubslavs Schreibtisch heran, schnitt sich ein Stück
Papier ab und schrieb ein Rezept. »Ihr Kutscher, das wird das beste
sein, kann bei der Apotheke gleich mit vorfahren.«
Im Vorflur, nach Verabschiedung von Dubslav, fuhr Sponholz alsbald
wieder in seinen Mantel. Engelke half ihm und sagte dabei: »Na, Herr
Doktor?«
»Nichts, nichts, Engelke!«
Martin mit seinem Jagdwagen hielt noch wartend auf der Rampe draußen,
und so ging es denn in rascher Fahrt wieder nach der Stadt zurück, von
wo der alte Kutscher die Tropfen gleich mitbringen sollte.
Der Winterabend dämmerte schon, als Martin zurück war und die Medizin
an Engelke abgab. Der brachte sie seinem Herrn.
»Sieh mal,« sagte dieser, als er das rundliche Fläschchen in Händen
hielt, »die Granseer werden jetzt auch fein. Alles in rosa Seidenpapier
gewickelt.« Auf einem angebundenen Zettel aber stand: »Herrn Major
von Stechlin. Dreimal täglich zehn Tropfen.« Dubslav hielt die kleine
Flasche gegen das Licht und tröpfelte die vorgeschriebene Zahl in einen
Löffel voll Wasser. Als er sie genommen hatte, bewegte er die Lippen
hin und her, etwa wie wenn ein Kenner eine neue Weinsorte probt. Dann
nickte er und sagte: »Ja, Engelke, nu geht es los. Fingerhut.«
* * * * *
Der alte Dubslav nahm durch mehrere Tage hin seine Tropfen ganz
gewissenhaft und fand auch, daß sich's etwas bessere. Die Geschwulst
ging um ein geringes zurück. Aber die Tropfen nahmen ihm den Appetit,
so daß er noch weniger aß, als ihm gestattet war.
Es war ein schöner Frühmärzentag, die Mittagszeit schon vorüber.
Dubslav saß an der weit offenstehenden Glastür seines Gartensalons
und las die Zeitung. Es schien indes, daß ihm das, was er las, nicht
sonderlich gefiel. »Ach, Engelke, die Zeitung ist ja soweit ganz gut;
nur so für den ganzen Tag ist sie doch zu wenig. Du könntest mir lieber
ein Buch bringen.«
»Was für eines?«
»Is egal.«
»Da liegt ja noch das kleine gelbe Buch: ›Keine Lupine mehr!‹«
»Nein, nein; nicht so was. Lupine, davon hab ich schon so viel gelesen;
das wechselt in einem fort, und eins ist so dumm wie das andre. Die
Landwirtschaft kommt doch nicht wieder obenauf oder wenigstens nicht
durch so was. Bringe mir lieber einen Roman; früher in meiner Jugend
sagte man Schmöker. Ja, damals waren alle Wörter viel besser als jetzt.
Weißt du noch, wie ich mir in dem Jahre, wo ich Zivil wurde, den
ersten Schniepel machen ließ? Schniepel is auch solch Wort und doch
wahrhaftig besser als Frack. Schniepel hat so was Fideles: Einsegnung,
Hochzeit, Kindtaufe.«
»Gott, gnädiger Herr, immer is es doch auch nicht so. Die meisten
Schniepel sind doch, wenn einer begraben wird.«
»Richtig, Engelke. Wenn einer begraben wird. Das war ein guter Einfall
von dir. Früher würd ich gesagt haben ›zeitgemäß‹; jetzt sagt man
›opportun‹. Hast du schon mal davon gehört?«
»Ja, gnädiger Herr, gehört hab ich schon mal davon.«
»Aber nich verstanden. Na, ich eigentlich auch nich. Wenigstens nicht
so recht. Und du, du warst ja nich mal auf Schulen.«
»Nein, gnädiger Herr.«
»Alles in allem, sei froh drüber ... Aber, Engelke, wenn du mir nu ein
Buch gebracht hast, dann will ich mich mit meinem Stuhl doch lieber
gleich auf die Veranda rausrücken. Es ist wie Frühling heut. Solche
guten Tage muß man mitnehmen. Und bringe mir auch ne Decke. Früher war
ich nich so fürs Pimplige; jetzt aber heißt es: besser bewahrt als
beklagt.«
* * * * *
In dem ganzen Dreieck zwischen Rheinsberg, Kloster Wutz und Gransee
hatte sich die Nachricht von des alten Dubslav ernster Erkrankung
mehr und mehr herumgesprochen, und es war wohl im Zusammenhange
damit, daß ungefähr um dieselbe Stunde, wo Dubslav und Engelke sich
über »Schniepel« und »opportun« unterhielten, ein Einspänner auf die
Stechliner Rampe fuhr, ein etwas sonderbares Gefährt, dem der alte
Baruch Hirschfeld langsam und vorsichtig entstieg. Engelke war ihm
dabei behilflich und meldete gleich danach, daß der Alte da sei.
»Der alte Baruch! Um Gottes willen, Engelke, was will denn der? Es ist
ja doch glücklicherweise nichts los. Und so ganz aus freien Stücken.
Na, laß ihn kommen.«
Und Baruch Hirschfeld trat gleich darauf ein.
Dubslav, in seine Decke gewickelt, begrüßte den Alten. »Aber, Baruch,
um alles in der Welt, was gibt es? Was bringen Sie? Gleichviel
übrigens, ich freue mich, Sie zu sehn. Machen Sie sich's so bequem,
wie's auf den drei Latten eines Gartenstuhls überhaupt möglich ist. Und
dann noch einmal: Was gibt es? Was bringen Sie?«
»Herr Major wollen entschuldigen, es gibt nichts, und ich bringe auch
nichts. Ich kam da bloß so vorbei, Geschäfte mit Herrn von Gundermann,
und da wollt ich mir doch die Freiheit genommen haben, mal nach der
Gesundheit zu fragen. Habe gehört, der Herr Major seien nicht ganz gut
bei Wege.«
»Nein, Baruch, nicht ganz gut bei Wege, beinahe schon schlecht genug.
Aber lassen wir das schlimme Neue; das Alte war doch eigentlich besser
(das heißt dann und wann), und manchmal denk ich so an alles zurück,
was wir so gemeinschaftlich miteinander durchgemacht haben.«
»Und immer glatt, Herr Major, immer glatt, ohne Schwierigkeiten.«
»Ja,« lachte Dubslav, »+gemacht+ hab ich keine Schwierigkeiten, aber
+gehabt+ hab ich genug. Und das weiß keiner besser als mein Freund
Baruch. Und nun sagen Sie mir vor allem, was macht Ihr Isidor, der
große Volksfreund? Ist er mit Torgelow noch zufrieden? Oder sieht er,
daß sie da auch mit Wasser kochen? Ich wundere mich bloß, daß ein Sohn
von Baruch Hirschfeld, Sohn und Firmateilhaber, so sehr für den Umsturz
ist.«
»Nicht für den Umsturz, Herr Major. Isidor, wenn ich so sagen darf, ist
für die alte Valuta. Aber nebenher hat er ein Herz für die Menschheit.«
»Hat er? Na, das ist recht.«
»Und das Herz für die Menschheit, das haben wir alle, Herr Major. Und
kommt uns dabei was heraus, so haben wir, wenn ich so sagen darf,
die Dividende. Gott der Gerechte, wir brauchen's. Und weil ich rede
von Dividende, will ich auch reden von Hypothek. Wir haben da seit
letzten Freitag 'n Kapital, Granseer Bürger, und will's hergeben zu
dreiundeinhalb.«