»Im höchsten Maße, wiewohl es ein bißchen über mich hinausgeht. Ich

bin noch aus der Zeit von Hotel de Brandebourg, an dem mich immer nur

die Französierung ärgerte, -- sonst alles vorzüglich. Aber solche

Gasthäuser sind eben, seit wir Kaiser und Reich sind, mehr oder weniger

altmodisch geworden, und so bin ich denn durch meinen Sohn im Hotel

Bristol untergebracht worden. Alles ersten Ranges, kein Zweifel, wozu

noch kommt, daß mich der bloße Name schon erheitert, der neuerdings

jeden Mitbewerb so gut wie ausschließt. Als ich noch Leutnant war,

freilich lange her, mußten alle Witze von Glasbrenner oder von Beckmann

sein. Beckmann war erster Komiker, und wenn man in Gesellschaft sagte:

›da hat ja wieder der Beckmann ...‹, so war man mit seiner Geschichte

so gut wie raus. Und wie damals mit den Witzen, so heute mit den

Hotels. Alle müssen ›Bristol‹ heißen. Ich zerbreche mir den Kopf

darüber, wie gerade Bristol dazu kommt. Bristol ist doch am Ende nur

ein Ort zweiten Ranges, aber Hotel Bristol ist immer prima. Ob es hier

wohl Menschen gibt, die Bristol je gesehn haben? Viele gewiß nicht,

denn Schiffskapitäne, die zwischen Bristol und Newyork fahren, sind

in unserm guten Berlin immer noch Raritäten. Übrigens darf ich bei

allem Respekt vor meinem berühmten Hotel sagen, unberühmte sind meist

interessanter. So zum Beispiel bayrische Wirtshäuser im Gebirge, wo man

eine dicke Wirtin hat, von der es heißt, sie sei mal schön gewesen und

ein Kaiser oder König habe ihr den Hof gemacht. Und dazu dann Forellen

und ein Landjäger, der eben einen Wilderer oder Haberfeldtreiber über

den stillen See bringt. An solchen Stellen ist es am schönsten. Und

ist der See aufgeregt, so ist es noch schöner. Das alles würde mir

unser Baron Berchtesgaden, der da drüben sitzt, gewiß gern bestätigen,

und Sie, Herr Hofprediger, bestätigen es mir schließlich auch. Denn

mir fällt eben ein, Sie waren ja mit unserm guten Kaiser Wilhelm,

dem letzten Menschen, der noch ein wirklicher Mensch war, immer in

Gastein zusammen und viel an seiner Seite. Jetzt hat man statt des

wirklichen Menschen den sogenannten Übermenschen etabliert; eigentlich

gibt es aber bloß noch Untermenschen, und mitunter sind es gerade die,

die man durchaus zu einem ›Über‹ machen will. Ich habe von solchen

Leuten gelesen und auch welche gesehn. Ein Glück, daß es, nach meiner

Wahrnehmung, immer entschieden komische Figuren sind, sonst könnte man

verzweifeln. Und daneben unser alter Wilhelm! Wie war er denn so, wenn

er so still seine Sommertage verbrachte? Können Sie mir was von ihm

erzählen? So was, woran man ihn so recht eigentlich erkennt.«

»Ich darf sagen ›ja‹, Herr von Stechlin. Habe so was mit ihm erlebt.

Eine ganz kleine Geschichte; aber das sind gerade die besten. Da

hatten wir mal einen schweren Regentag in Gastein, so daß der alte

Herr nicht ins Freie kam und, statt draußen in den Bergen, in seinem

großen Wohnzimmer seinen gewohnten Spaziergang machen mußte, so gut

es eben ging. Unter ihm aber (was er wußte) lag ein Schwerkranker.

Und nun denken Sie sich, als ich bei dem guten alten Kaiser eintrete,

seh ich ihn, wie er da lange Läufer und Teppiche zusammenschleppt und

übereinander packt, und als er mein Erstaunen sieht, sagt er mit einem

unbeschreiblichen und mir unvergeßlichen Lächeln: ›Ja, lieber Frommel,

da unter mir liegt ein Kranker; ich mag nicht, daß er die Empfindung

hat, ich trample ihm da so über den Kopf hin ...‹ Sehn Sie, Herr von

Stechlin, da haben Sie den alten Kaiser.«

Dubslav schwieg und nickte. »Wie beneid ich Sie, so was erlebt zu

haben,« hob er nach einer Weile an. »Ich kannt ihn auch ganz gut, das

heißt in Tagen, wo er noch Prinz Wilhelm war, und dann oberflächlich

auch später noch. Aber seine eigentliche Zeit ist doch seine

Kaiserzeit.«

»Gewiß, Herr von Stechlin. Es wächst der Mensch mit seinen größern

Zwecken.«

»Richtig, richtig,« sagte Dubslav, »das schwebte mir auch vor; ich

konnt es bloß nicht gleich finden. Ja, so war er, und so einen kriegen

wir nicht wieder. Übrigens sag ich das in aller Reverenz. Denn ich bin

kein Frondeur. Fronde ist mir gräßlich und paßt nicht für uns. Bloß

mitunter, da paßt sie doch vielleicht.«

* * * * *

Inzwischen war die siebente Stunde herangekommen, und um halb acht

ging der Zug, mit dem das junge Paar noch bis Dresden wollte, dieser

herkömmlich ersten Etappe für jede Hochzeitsreise nach dem Süden. Man

erhob sich von der Tafel, und während die Gäste, bunte Reihe machend,

untereinander zu plaudern begannen, zogen sich Woldemar und Armgard

unbemerkt zurück. Ihr Reisegepäck war seit einer Stunde schon voraus,

und nun hielt auch der viersitzige Wagen vor dem Barbyschen Hause.

Die Baronin und Melusine hatten sich zur Begleitung des jungen Paares

miteinander verabredet und nahmen jetzt, ohne daß Woldemar und Armgard

es hindern konnten, die beiden Rücksitze des Wagens ein. Das ergab

aber, besonders zwischen den zwei Schwestern, eine vollkommene Rang-

und Höflichkeitsstreiterei. »Ja, wenn es jetzt in die Kirche ginge,«

sagte Armgard, »so hättest du recht. Aber unser Wagen ist ja schon

wieder ein ganz einfacher Landauer geworden, und Woldemar und ich

sind, vier Stunden nach der Trauung, schon wieder wie zwei gewöhnliche

Menschen. Und sich dessen bewußt zu werden, damit kann man nicht früh

genug anfangen.«

»Armgard, du wirst mir zu gescheit,« sagte Melusine.

Man einigte sich zuletzt, und als der Wagen am Anhalter Bahnhof

eintraf, waren Rex und Czako bereits da -- beide mit Riesensträußen

--, zogen sich aber unmittelbar nach Überreichung ihrer Buketts wieder

zurück. Nur die Baronin und Melusine blieben noch auf dem Bahnsteig

und warteten unter lebhafter Plauderei bis zum Abgange des Zuges.

In dem von dem jungen Paare gewählten Coupé befanden sich noch zwei

Reisende; der eine, blond und artig und mit goldener Brille, konnte nur

ein Sachse sein, der andre dagegen, mit Pelz und Juchtenkoffer, war

augenscheinlich ein »Internationaler« aus dem Osten oder selbst aus dem

Südosten Europas.

Nun aber hörte man das Signal, und der Zug setzte sich in Bewegung.

* * * * *

Die Baronin und Melusine grüßten noch mit ihren Tüchern. Dann bestiegen

sie wieder den draußen haltenden Wagen. Es war ein herrliches Wetter,

einer jener Vorfrühlingstage, wie sie sich gelegentlich schon im

Februar einstellen.

»Es ist so schön,« sagte Melusine. »Benutzen wir's. Ich denke, liebe

Baronin, wir fahren hier zunächst am Kanal hin in den Tiergarten hinein

und dann an den Zelten vorbei bis in Ihre Wohnung.«

Eine Weile schwiegen beide Damen; im Augenblick aber, wo sie von dem

holprigen Pflaster in den stillen Asphaltweg einbogen, sagte die

Baronin: »Ich begreife Stechlin nicht, daß er nicht ein Coupé apart

genommen.«

Melusine wiegte den Kopf.

»Den mit der goldenen Brille,« fuhr die Baronin fort, »den nehm ich

nicht schwer. Ein Sachse tut keinem was und ist auch kaum eine Störung.

Aber der andre mit dem Juchtenkoffer. Er schien ein Russe, wenn nicht

gar ein Rumäne. Die arme Armgard. Nun hat sie ihren Woldemar und hat

ihn auch wieder nicht.«

»Wohl ihr.«

»Aber Gräfin ...«

»Sie sind verwundert, liebe Baronin, mich das sagen zu hören. Und doch

hat's damit nur zu sehr seine Richtigkeit: gebranntes Kind scheut das

Feuer.«

»Aber Gräfin ...«

»Ich verheiratete mich, wie Sie wissen, in Florenz und fuhr an

demselben Abende noch bis Venedig. Venedig ist in einem Punkte ganz

wie Dresden: nämlich erste Station bei Vermählungen. Auch Ghiberti --

ich sage immer noch lieber ›Ghiberti‹ als ›mein Mann‹; ›mein Mann‹ ist

überhaupt ein furchtbares Wort -- auch Ghiberti also hatte sich für

Venedig entschieden. Und so hatten wir denn den großen Apennintunnel zu

passieren.«

»Weiß, weiß. Endlos.«

»Ja, endlos. Ach, liebe Baronin, wäre doch da wer mit uns gewesen, ein

Sachse, ja selbst ein Rumäne. Wir waren aber allein. Und als ich aus

dem Tunnel heraus war, wußt ich, welchem Elend ich entgegenlebte.«

»Liebste Melusine, wie beklag ich Sie; wirklich, teuerste Freundin, und

ganz aufrichtig. Aber so gleich ein Tunnel. Es ist doch auch wie ein

Schicksal.«

* * * * *

Rex und Czako hatten sich unmittelbar nach Überreichung ihrer Buketts

vom Bahnhof her in die Königgrätzerstraße zurückgezogen, und hier

angekommen, sagte Czako: »Wenn es Ihnen recht ist, Rex, so gehen wir

bis in das Restaurant Bellevue.«

»Tasse Kaffee?«

»Nein; ich möchte gern was Ordentliches essen. Drei Löffel Suppe, ne

Forelle ~en miniature~ und ein Poulardenflügel, -- das ist zu wenig für

meine Verhältnisse. Rund heraus, ich habe Hunger.«

»Sie werden sich zu gut unterhalten haben.«

»Nein, auch das nicht. Unterhaltung sättigt außerdem, wenigstens

Menschen, die, wie ich, wenn Sie auch drüber lachen, aufs Geistige

gestellt sind. Ein bißchen mag ich übrigens an meinem elenden Zustande

selbst schuld sein. Ich habe nämlich immer nur die Gräfin angesehn und

begreife nach wie vor unsren Stechlin nicht. Nimmt da die Schwester!

Er hatte doch am Ende die Wahl. Der kleine Finger der Gräfin (und

ihr kleiner Zeh nun schon ganz gewiß) ist mir lieber als die ganze

Komtesse.«

»Czako, Sie werden wieder frivol.«

Vierunddreißigstes Kapitel

Unter den Hochzeitsgästen hatte sich, wie schon kurz erwähnt, auch

ein Doktor Pusch befunden, ein gewandter und durchaus weltmännisch

wirkender Herr mit gepflegtem, aber schon angegrautem Backenbart. Er

war vor etwa fünfundzwanzig Jahren an der Assessorecke gescheitert und

hatte damals nicht Lust gehabt, sich ein zweites Mal in die Zwickmühle

nehmen zu lassen. »Das Studium der Juristerei ist langweilig und die

Karriere hinterher miserabel« -- so war er denn als Korrespondent für

eine große rheinische Zeitung nach England gegangen und hatte sich

dort auf der deutschen Botschaft einzuführen gewußt. Das ging so durch

Jahre. Ziemlich um dieselbe Zeit aber, wo der alte Graf seine Londoner

Stellung aufgab, war auch Doktor Pusch wieder flügge geworden und hatte

sich nach Amerika hinüber begeben. Er fand indessen das Freie dort

freier, als ihm lieb war, und kehrte sehr bald, nachdem er es erst in

Newyork, dann in Chikago versucht hatte, nach Europa zurück. Und zwar

nach Deutschland. »Wo soll man am Ende leben?« Unter dieser Betrachtung

nahm er schließlich in Berlin wieder seinen Wohnsitz. Er war ungeniert

von Natur und ein klein wenig überheblich. Als wichtigstes Ereignis

seiner letzten sieben Jahre galt ihm sein Übertritt vom Pilsener

zum Weihenstephan. »Sehen Sie, meine Herren, vom Weihenstephan zum

Pilsener, das kann jeder; aber das Umgekehrte, das ist was. Chinesen

werden christlich, gut. Aber wenn ein Christ ein Chinese wird, das ist

doch immer noch eine Sache von Belang.«

Pusch, als er sich in Berlin niederließ, hatte sich auch bei den

Barbys wieder eingeführt; Melusine entsann sich seiner noch,

und der alte Graf war froh, die zurückliegenden Zeiten wieder

durchsprechen und von Sandrigham und Hatfieldhouse, von Chatsworth

und Prembroke-Lodge plaudern zu können. Eigentlich paßte der etwas

weitgehende Ungeniertheitston, in dem der Doktor seiner Natur wie

seiner Newyorker Schulung nach zu sprechen liebte, nicht sonderlich zu

den Gepflogenheiten des alten Grafen; aber es lag doch auch wieder ein

gewisser Reiz darin, ein Reiz, der sich noch verdoppelte durch das, was

Pusch aus aller Welt Enden mitzuteilen wußte. Brillanter Korrespondent,

der er war, unterhielt er Beziehungen zu den Ministerien und, was fast

noch schwerer ins Gewicht fiel, auch zu den Gesandtschaften. Er hörte

das Gras wachsen. Auf Titulaturen ließ er sich nicht ein; die vielen

Telegramme hatten einen gewissen allgemeinen Telegrammstil in ihm

gezeitigt, dessen er sich nur entschlug, wenn er ins Ausmalen kam. Es

war im Zusammenhang damit, daß er gegen Worte wie: »Wirklicher Geheimer

Oberregierungsrat« einen förmlichen Haß unterhielt. Herzog von Ujest

oder Herzog von Ratibor waren ihm, trotz ihrer Kürze, immer noch zu

lang, und so warf er denn statt ihrer einfach mit »Hohenlohes« um sich.

In der Tat, er hatte mancherlei Schwächen. Aber diese waren doch auch

wieder von eben so vielen Tugenden begleitet. So beispielsweise sah er

über alles, was sich an Liebesgeschichten ereignete, mit einer beinah

vornehmen Gleichgültigkeit hinweg, was manchem sehr zu paß kam. Ob dies

Drüberhinsehn bloß Geschäftsmaxime war, oder ob er all dergleichen

einfach alltäglich und deshalb mehr oder weniger langweilig fand,

war nicht recht festzustellen; er kultivierte dafür mit Vorliebe das

Finanzielle, vielleicht davon ausgehend, daß, wer die Finanzen hat,

auch selbstverständlich alles andere hat, besonders die Liebe.

Das war ~Dr.~ Pusch. Er schloß sich, als man aufbrach, einer Gruppe

von Personen an, die den »angerissenen Abend« noch in einem Lokal

verbringen wollten.

»Ja, wo?«

»Natürlich Siechen.«

»Ach, Siechen. Siechen ist für Philister.«

»Nun denn also, beim ›schweren Wagner‹.«

»Noch philiströser. Ich bin für Weihenstephan.«

»Und ich für Pilsener.«

Man einigte sich schließlich auf ein Lokal in der Friedrichstraße, wo

man beides haben könne.

Die Herren, die dahin aufbrachen, waren außer Pusch noch der

junge Baron Planta, dann Cujacius und Wrschowitz und abschließend

Premierleutnant von Szilagy, der, wie schon angedeutet, früher bei den

Gardedragonern gestanden, aber wegen einer großen Generalbegeisterung

für die Künste, das Malen und Dichten obenan, schon vor etlichen

Jahren seinen Abschied genommen hatte. Mit seinen Genrebildern war

er nicht recht von der Stelle gekommen, weshalb er sich neuerdings

der Novellistik zugewandt und einen Sammelband unter dem bescheidenen

Titel »~Bellis perennis~« veröffentlicht hatte. Lauter kleine

Liebesgeschichten.

Alle fünf Herren, mit alleiniger Ausnahme des jungen Graubündner

Barons, erwiesen sich von Anfang an als ziemlich aufgeregt, und

jeder ihnen Zuhörende hätte sofort das Gefühl haben müssen, daß hier

viel Explosionsstoff aufgehäuft sei. Trotzdem ging es zunächst gut;

Wrschowitz hielt sich in Grenzen, und selbst Cujacius, der nicht gern

andern das Wort ließ, freute sich über Puschs Schwadronage, vielleicht

weil er nur das heraushörte, was ihm gerade paßte.

Leutnant von Szilagy -- man kam vom Hundertsten aufs Tausendste --

wurde bei den Fragen, die hin und her gingen, von ungefähr auch nach

seinem Novellenbande gefragt und ob er Freude daran gehabt habe.

»Nein, meine Herren,« sagte Szilagy, »das kann ich leider nicht sagen.

Ich habe ~Bellis perennis~ auf eigne Kosten herstellen lassen und

hundertzehn Rezensionsexemplare verschickt, unter Beilegung eines

Zettels; der ist denn auch von einigen Zeitungen abgedruckt worden,

aber nur von ganz wenigen. Im übrigen schweigt die Kritik.«

»O, Krittikk« sagte Wrschowitz. »Ich liebe Krittikk. Aber gutte

Krittikk schweigt.«

»Und doch,« fuhr Szilagy fort, der sich in dem etwas delphischen

Ausspruch des guten Wrschowitz nicht gleich zurechtfinden konnte, »doch

sind diese schmerzlichen Gefühle nichts gegen das, was voraufgegangen.

Ich unterhielt nämlich vor Erscheinen des Buches selbst die Hoffnung

in mir, einige dieser kleinen Arbeiten in einem Parteiblatt und, als

dies mißlang, in einem Familienjournal unterbringen zu können. Aber ich

scheiterte ...«

»Ja, natürlich scheiterten Sie,« sagte Pusch, »das spricht für Sie.

Lassen Sie sich sagen und raten, denn ich weiß in diesen Dingen

einigermaßen Bescheid. War nämlich drüben, ja ich darf beinah sagen,

ich war doppelt drüben, erst drüben in England und dann drüben in

Amerika. Da versteht man's. Ja, du lieber Himmel, dies bedruckte

Löschpapier! Man lebt davon und es regiert eigentlich die Welt. Aber,

aber ... Und dabei, wenn ich recht gehört habe, sprachen Sie von

Parteiblatt, -- furchtbar. Und dann sprachen Sie von Familienjournal,

-- zweimal furchtbar!«

»Haben Sie selbst Erfahrungen gemacht auf diesem schwierigen Gebiete?«

»Nein, Herr von Szilagy, so tief ließ mich die Gnade nicht sinken. Aber

ich treibe mein Wesen über dem Strich, und wenn man so Wand an Wand

wohnt, da weiß man doch einigermaßen, wie's bei dem Nachbar aussieht.

Ach, und außerdem, wie so mancher hat mir sein Herz ausgeschüttet

und mir dabei seine liebe Not geklagt! Wer's nicht leicht nimmt, der

ist verloren. Roman, Erzählung, Kriminalgeschichte. Jeder, der der

großen Masse genügen will, muß ein Loch zurückstecken. Und wenn er das

redlich getan hat, dann immer noch eins. Es gibt eine Normalnovelle.

Etwa so: tiefverschuldeter adeliger Assessor und ›Sommerleutnant‹

liebt Gouvernante von stupender Tugend, so stupende, daß sie, wenn

geprüft, selbst auf diesem schwierigsten Gebiete bestehen würde.

Plötzlich aber ist ein alter Onkel da, der den halb entgleisten Neffen

an eine reiche Cousine standesgemäß zu verheiraten wünscht. Höhe der

Situation! Drohendster Konflikt. Aber in diesem bedrängten Moment

entsagt die Cousine nicht nur, sondern vermacht ihrer Rivalin auch ihr

Gesamtvermögen. Und wenn sie nicht gestorben sind, so leben sie heute

noch ... Ja, Herr von Szilagy, wollen Sie damit konkurrieren?«

Alles stimmte zu; nur Baron Planta meinte: »Doktor Pusch, Pardon, aber

ich glaube beinah, Sie übertreiben. Und Sie wissen es auch.«

Pusch lachte: »Wenn man etwas der Art sagt, übertreibt man immer. Wer

ängstlich abwägt, sagt gar nichts. Nur die scharfe Zeichnung, die schon

die Karikatur streift, macht eine Wirkung. Glauben Sie, daß Peter von

Amiens den ersten Kreuzzug zusammengetrommelt hätte, wenn er so etwa

beim Erdbeerpflücken einem Freunde mitgeteilt hätte, das Grab Christi

sei vernachlässigt und es müsse für ein Gitter gesorgt werden?!«

»Serr gutt, serr gutt.«

»Und so auch, meine Herren, wenn ich von moderner Literatur spreche.

Herr von Szilagy, den wir so glücklich sind unter uns zu sehn, soll

aufgerichtet, seine Seele soll mit neuem Vertrauen erfüllt werden.

Oder aber mit Heiterkeit, was noch besser ist. Er soll wieder lachen

können. Und wenn man solche Wirkung erzielen will, ja, dann muß man

eben deutlich und zugleich etwas phantastisch sprechen. Indessen

auch ernsthaft angesehen, wie steht es denn mit der Herstellung

(ich vermeide mit Vorbedacht das Wort ›Schöpfung‹) oder gar mit dem

Verschleiß der meisten dieser Dinge! Lassen Sie mich in einem Bilde

sprechen. Da haben wir jetzt in unsern Blumenläden allerlei Kränze,

voran den aus Eichenlaub und Lorbeer bestehenden und meist noch behufs

besserer Dauerbarkeit auf eine herzhafte Weidenrute geflochtenen

Urkranz. Und nun treten Sie, je nach der Situation, an die sich Ihnen

mit betrübter oder auch mit lächelnder Miene nähernde Kranzbinderin

heran, um zu Begräbnis oder Trauung Ihre Bestellung zu machen, zu

drei Mark oder zu fünf oder zu zehn. Und genau dieser Bestellung

entsprechend, werden in den vorgeschilderten Urkranz etliche Georginen

oder Teichrosen eingebunden und bei stattgehabter Höchstbewilligung

sogar eine Orchidee von ganz unglaublicher Form und Farbe.«

»Kenne die Orchidee,« rief Wrschowitz in höchster Ekstase, »lila mit

gelb.«

Pusch nickte, zugleich in steigendem Übermut fortfahrend: »Und genau

so mit der Urnovelle. Die liegt fertig da wie der Urkranz; nichts

fehlt als der Aufputz, der nunmehr freundschaftlich verabredet

wird. Bei Höchstbewilligung wird ein Verstoß gegen die Sittlichkeit

eingeflochten. Das ist dann die große Orchidee, lila mit gelb, wie

Freund Wrschowitz sehr richtig hervorgehoben hat.«

»Unter diesen Umständen,« bemerkte hier Baron Planta, »will es mir

als ein wahres Glück erscheinen, daß Herr von Szilagy, wie ich höre,

mehrere Eisen im Feuer hat. Was ihm die Novellistik schuldig bleibt,

muß ihm die Malerei bringen.«

»Was sie leider bisher nicht tat und mutmaßlich auch nie tun wird,«

lachte Szilagy halb wehmütig, »trotzdem ich vom Genrebild aus, mit

dem ich anfing, eine Schwenkung gemacht und mich unter Anleitung

meines Freundes Salzmann neuerdings der Marinemalerei zugewandt habe.

Mitunter auch Bataillen. Und was die blauen Töne betrifft, so darf ich

vielleicht behaupten, hinter keinem zurückgeblieben zu sein. Habe mich

außerdem in Gudin und William Turner vergafft. Aber trotzdem ...«

»Aber trotzdem ohne rechten Erfolg,« unterbrach hier Cujacius,

»was mich nicht Wunder nimmt. Was wollen Sie mit Gudin oder gar

mit Turner? Wer das Meer malen will, muß nach Holland gehn und die

alten Niederländer studieren. Und unter den Modernen vor allem die

Skandinaven: die Norweger, die Dänen.«

Wrschowitz zuckte zusammen.

»Wir haben da beispielsweise den Melby, Däne ~pur sang~, der sehr gut

und beinah bedeutend ist.«

»O nein, nein,« platzte jetzt Wrschowitz mit immer mehr erzitternder

Stimme heraus. »Nicht serr gutt, nicht bedeutend, auch nicht einmal

+beinah+ bedeutend.«

»Der +sehr+ bedeutend ist,« wiederholte Cujacius. »Grade darin

bedeutend, daß er nicht bedeutend sein will. Er erhebt keine falschen

Prätensionen; er ist schlicht, ohne Phantastereien, aber stimmungsvoll;

und wenn ich Bilder von ihm sehe, besonders solche, wo das graublaue

Meer an einer Klippe brandet, so berührt mich das jedesmal spezifisch

skandinavisch, etwa wie der ossianische Meereszauber in den

Kompositionen unsers trefflichen Niels Gade.«

»Niels Gade? Von Niels Gade spricht man nicht.«

»Ich spreche von Niels Gade. Seine Kompositionen reichen bis an

Mendelssohn heran.«

»Was ihn nicht größer macht.«

»Doch, mein Herr Doktor. Wirkliche Kunstgrößen zu stürzen, dazu reichen

Überheblichkeiten nicht aus.«

»Was Sie nicht abhielt, mein Herr Professor, den großen Gudin

culbütieren zu wollen.«

»Über Malerei zu sprechen steht mir zu.«

»Über Musik zu sprechen steht mir zu.«

»Sonderbar. Immer Personen aus unkontrollierbaren Grenzbezirken führen

bei uns das große Wort.«

»Ich bin Tscheche. Weiß aber, daß es ein deutsches Sprichwort gibt:

›Der Deutsche lüggt, wenn er höfflich wird.‹«

»Weshalb ich unter Umständen darauf verzichte.«

»~En quoi vous réussissez à merveille.~«

»Aber, meine Herren,« warf Pusch hier ein, den die ganze Streiterei

natürlich entzückte, »könnten wir nicht das Kriegsbeil begraben?

Proponiere: Begegnung auf halbem Wege; ~shaking hands~. Nehmen Sie

zurück, hüben und drüben.«

»Nie,« donnerte Cujacius.

»~Jamais~,« sagte Wrschowitz.

Und damit erhoben sich alle. Cujacius und Pusch hatten die Tete,

Wrschowitz und Baron Planta folgten in einiger Entfernung. Szilagy war

vorsichtigerweise abgeschwenkt.

Wrschowitz, immer noch in großer Erregung, mühte sich, dem jungen

Graubündner auseinanderzusetzen, daß Cujacius ganz allgemein den Ruf

eines Krakeelers habe. »~Je vous assure, Monsieur le Baron, il est un

fou et plus que ça -- un blagueur.~«

Baron Planta schwieg und schien seinen Begleiter im Stich lassen zu

wollen. Aber er bekehrte sich, als er einen Augenblick danach von der

Front her die mit immer steigender Heftigkeit ausgestoßenen Worte

hörte: Kaschube, Wende, Böhmake.

Fünfunddreißigstes Kapitel

Um dieselbe Stunde, wo sich die fünf Herren von der Barbyschen

Hochzeitstafel entfernt hatten, waren auch Baron Berchtesgaden und

Hofprediger Frommel aufgebrochen, so daß sich, außer dem Brautvater,

nur noch der alte Stechlin im Hochzeitshause befand. Dieser hatte

sich -- Melusine war vom Bahnhofe noch nicht wieder da -- vom Eßsaal

her zunächst in das verwaiste Damenzimmer und von diesem aus auf die

Loggia zurückgezogen, um da die Lichter im Strom sich spiegeln zu sehn

und einen Zug frische Luft zu tun. An dieser Stelle fand ihn denn auch

schließlich der alte Graf und sagte, nachdem er seinem Staunen über

den gesundheitlich etwas gewagten Aufenthalt Ausdruck gegeben hatte:

»Nun aber, mein lieber Stechlin, wollen wir endlich einen kleinen

Schwatz haben und uns näher miteinander bekannt machen. Ihr Zug geht

erst zehn ein halb; wir haben also noch beinah anderthalb Stunden.«

Und dabei nahm er Dubslavs Arm, um ihn in sein Wohnzimmer, das bis

dahin als Estaminet gedient hatte, hinüberzuführen.

»Erlauben Sie mir,« fuhr er hier fort, »daß ich zunächst mein halb

eingewickeltes und halb eingeschientes Elefantenbein auf einen Stuhl

strecke; es hat mich all die Zeit über ganz gehörig gezwickt, und

namentlich das Stehen vor dem Altar ist mir blutsauer geworden. Bitte,

rücken Sie heran. Es ging während unsers kleinen Diners alles so

rasch, und ich wette, Sie sind bei dem Kaffee ganz erheblich zu kurz

gekommen. Der Moment, wo das Bier herumgereicht wird, ist in den Augen

des modernen Menschen immer das wichtigste; da wird dann der Kaffeezeit

manches abgeknapst.«

Und dabei drückte er auf den Knopf der Klingel.

»Jeserich, noch eine Tasse für Herrn von Stechlin und natürlich einen

Kognak oder Curaçao oder lieber die ganze ›Benediktinerabtei‹, --

Witz von Cujacius, für den Sie mich also nicht verantwortlich machen

dürfen ... Leider werde ich Ihnen bei diesem ›zweiten Kaffee‹ nicht

Gesellschaft leisten können; ich habe mich schon bei Tische mit einer

lügnerisch und bloß anstandshalber in einen Champagnerkübel gestellten

Apollinarisflasche begnügen müssen. Aber was hilft es, man will doch

nicht auffallen mit all seinen Gebresten.«

Der Stechlin: Roman · 第 25 / 33 段