Dubslav sprach noch so weiter. Aber es half ihm nichts; Lorenzen

war in seinem Widerstande nicht zu besiegen, und so kam denn die

Tisch- und endlich auch die gefürchtete Redezeit heran. Der Alte

hatte sich schließlich drin gefunden. »Meine lieben Gäste,« hob er

an, »geliebte Braut, hochverehrte Brautschwester! Ein andres Wort, um

meine Beziehungen zu Gräfin Melusine zu bezeichnen, hat vorläufig die

deutsche Sprache nicht, was ich bedaure. Denn das Wort sagt mir lange

nicht genug. Wenige Stunden erst ist es, daß ich Sie, meine Damen, an

dieser Stelle begrüßen durfte, noch kein voller Tag, und schon ist der

Abschied da. Währenddem hab ich kein ›Du‹ beantragt, aber es liegt doch

in der Luft, mehr noch auf meiner Lippe ... Teuerste Armgard! dies

alte Haus Stechlin also soll Ihre dereinstige Heimstätte werden; Sie

werden sie zu neuem Leben erheben. Unter meinem Regime war es nicht

viel damit. Auch heute nicht. Ich habe nur das gute Gewissen, Ihnen

während dieser kurzen Spanne Zeit alles gezeigt zu haben, was gezeigt

werden konnte: mein Museum und meinen See. Die Sprudelstelle (die

Winterhand lag darauf) hat geschwiegen, aber mein Derfflingerscher

Dragoner -- in Krippenstapels Abwesenheit darf ich ihn ja wieder so

nennen -- hat dafür um so deutlicher zu Ihnen gesprochen. Er hat

die Zahl 1675 in seiner Standarte und trägt die Siegesnachricht von

Fehrbellin ins märkische Land. Erleb ich's noch und gibt Krippenstapel

seine Zustimmung, so stell ich, kurz oder lang, auch meinerseits einen

Dragoner auf meinen Dachreiter (einen Turm hab ich nicht) und zwar

einen Dragoner vom Regiment Königin von Großbritannien und Irland, und

auch er trägt eine Siegesbotschaft ins Land. Nicht die von Königgrätz

und nicht die von Mars-la-Tour, aber die von einem gleich gewichtigen

Siege. Das Haus Barby lebe hoch und meine liebe Schwiegertochter

Armgard!«

Alle waren bewegt. Am meisten Lorenzen. Als er an den Alten herantrat,

flüsterte er ihm zu: »Sehn Sie. Ich wußt es.« Armgard küßte dem Alten

die Hand, Melusine strahlte. »Ja, die alte Garde!« sagte sie. Nur

Schwester Adelheid konnte sich in dieser allgemeinen Freude nicht gut

zurechtfinden. Alle Feierungen mußten eben das Maß halten, das sie

vorschrieb. Sie hatte den landesüblichen Zug: »Nur nicht zuviel von

irgendwas, am wenigsten aber von Huldigungen oder gar von Hingebung.«

Als man wieder saß, sagte Melusine: »Krippenstapel wird übrigens

verstimmt sein, wenn er von Ihrem Trinkspruche hört. Es war doch

eigentlich eine erneute feierliche Proklamierung des Derfflingerschen.

Und was bei solcher Gelegenheit gesagt wird, das gilt ... Interessiert

sich übrigens irgendwer für dies Ihr Museum?«

»Dann und wann ein Mann von Fach. Sonst niemand.«

»Was Sie verdrießt.«

»Nein, gnädigste Gräfin. Nicht im geringsten. Ich nehme nicht vieles

ernsthaft, und am wenigsten ernsthaft nehm ich mein Museum. Es ist

freilich von mir ausgegangen und interessierte mich auch eine Weile;

hinterher aber hat sich eigentlich alles ohne mich gemacht. Das ist

so die Regel. Ist überhaupt erst ein Anfang da, so laufen die Dinge

von selber weiter, und die Leute lassen einen nicht wieder los, halten

einen fest, man mag wollen oder nicht. Ich hätte vielleicht alles schon

längst wieder aufgegeben, man will's aber nicht. Einigen gereicht es

zur Befriedigung, mich für einen Querkopf halten zu können, und andre

sprechen wenigstens von Originalitätshascherei. Man muß eben allerhand

über sich ergehen lassen.«

Einunddreißigstes Kapitel

Um fünf Uhr brachen Woldemar und die Barbyschen Damen auf, um den Zug,

der um sieben Uhr Gransee passierte, nicht zu versäumen. Es dunkelte

schon, aber der Schnee sorgte für einen Lichtschimmer; so ging es

über die Bohlenbrücke fort in die Kastanienallee mit ihrem kahlen und

übereisten Gezweige hinein.

Lorenzen war noch im Schlosse zurückgeblieben und setzte sich, um

wieder warm zu werden -- auf der Rampe war's kalt und zugig gewesen

--, in die Nähe des Kamins, dem alten Dubslav gegenüber. Dieser hatte

seinen Meerschaum angezündet und sah behaglich in die Flamme, blieb

aber ganz gegen seine Gewohnheit schweigsam, weil eben noch eine

dritte Person da war, die von den liebenswürdigen Damen, über die

sich auszulassen es ihn in seiner Seele drängte, ganz augenscheinlich

nichts hören wollte. Diese dritte Person war natürlich Tante Adelheid.

+Die+ wollte nicht sprechen. Andrerseits mußte durchaus der Versuch

einer Konversation gemacht werden, und so griff denn Dubslav zu den

Gundermanns hinüber, um in ein paar Worten sein Bedauern darüber

auszudrücken, daß er die Siebenmühlner nicht habe mit heranziehn

können. »Engelke sei so sehr dagegen gewesen.« All dies Bedauern

-- wie's der ganzen Sachlage nach nicht anders sein konnte -- kam

flau genug heraus, aber die Domina war so hochgradig verstimmt, daß

ihr selbst so nüchterne, das Verbindliche nur ganz leise, nur ganz

ohnehin streifende Worte schon zuwider waren. »Ach, laß doch diese

geborne Helfrich,« sagte sie, »diese Tochter von dem alten Hauptmann,

der die Schlacht bei Leipzig gewonnen haben soll. So wenigstens

erzählt sie beständig. Eine schreckliche Frau, die gar nicht in unsre

Gesellschaft paßt. Und dabei so laut. Ich kann es nicht leiden, wenn

wir so mit Gewalt nach oben blicken sollen, aber diese Helfrich, das

muß ich sagen, ist denn doch auch nicht mein Geschmack. Ich halte das

Untersichbleiben für das einzig Richtige. Bescheidene Verhältnisse,

aber bestimmt gezogene Grenzen.«

Lorenzen hütete sich zu widersprechen, versuchte vielmehr umgekehrt,

durch ein halbes Eingehn auf Adelheid und ihren Ton, eine bessere Laune

wieder herzustellen. Als er aber sah, daß er damit scheiterte, brach er

auf.

Und nun waren die beiden alten Geschwister allein.

Dubslav ging im Zimmer unruhig auf und ab und trat nur dann und wann an

den Tisch heran, auf dem noch vom Kaffee her die Likörflaschen standen.

Er wollte was sagen, traute sich's aber nicht recht, und erst als er zu

zwei Curaçaos auch noch einen Benediktiner hinzugefügt hatte, wandte

er sich an die Schwester, die, schweigsam wie er selbst, ihre kleine

goldene Kette hin und her zog.

»Ja,« sagte er, »jetzt sind sie nun wohl schon in Woltersdorf.«

»Ich vermute drüber raus. Woldemar wird die Pferde natürlich ausholen

lassen. Es sind, glaub ich, Damen, die nicht gerne langsam fahren.«

»Du sagst das so, Adelheid, als ob du's tadeln wolltest, überhaupt als

ob dir die Damen nicht sonderlich gefallen hätten. Das sollte mir leid

tun. Ich bin sehr glücklich über die Partie. Gewiß, sowohl die Gräfin

wie die Komtesse sind verwöhnt; das merkt man. Aber ich möchte sagen,

je verwöhnter sie sind ...«

»Desto besser gefallen sie dir. Das sieht dir ähnlich. Ich liebe mehr

unsre Leute. Beide sind doch beinah wie Fremde.«

»Nun, das ist nicht schlimm.«

»Doch. Mir widersteht das Fremde. Laß dir erzählen. Da war ich vorigen

Sommer mit der Schmargendorf in Berlin und ging zu Josty, weil die

Schmargendorf, die so was liebt, gern eine Tasse Schokolade trinken

wollte.«

»Du hoffentlich auch.«

»Allerdings. Ich auch. Aber ich kam nicht recht dazu, nippte bloß, weil

ich mich über die Maßen ärgern mußte. Denn an dem Tische neben mir saß

ein Herr und eine Dame, wenn es überhaupt eine Dame war. Aber Engländer

waren es. Er steckte ganz in Flanell und hatte die Beinkleider

umgekrempelt, und die Dame trug einen Rock und eine Bluse und einen

Matrosenhut. Und der Herr hatte ein Windspiel, das immer zitterte,

trotzdem fünfundzwanzig Grad Wärme waren.«

»Ja, warum nicht?«

»Und zwischen ihnen stand eine Tablette mit Wasser und Kognak, und die

Dame hielt außerdem noch eine Zigarette zwischen den Fingern und sah in

die Ringelwölkchen hinein, die sie blies.«

»Charmant. Das muß ja reizend ausgesehn haben.«

»Und ich verwette mich, diese Melusine raucht auch.«

»Ja, warum soll sie nicht? Du schlachtest Gänse. Warum soll Melusine

nicht rauchen?«

»Weil Rauchen männlich ist.«

»Und Schlachten weiblich ... Ach, Adelheid, wir können uns über so was

nicht einigen. Ich gelte schon für leidlich altmodisch, aber du, du

bist ja geradezu petrefakt.«

»Ich verstehe das Wort nicht und wünsche nur, daß es etwas ist, dessen

du dich nicht zu schämen hast. Es klingt sonderbar genug. Aber ich

weiß, du liebst dergleichen und liebst gewiß auch (und hast so deine

Vorstellungen dabei) den Namen Melusine.«

»Kann ich beinah sagen.«

»Ich dacht es mir.«

»Ja, Schwester, du hast gut reden. So sicher wie du wohnt eben nicht

jeder. Adelheid! das ist ein Name, der paßt immer. Und im Kirchenbuche,

wie mir Lorenzen erst neulich gezeigt hat, steht sogar Adelheide. Das

Schluß-›e‹ ist bei der schlechten Wirtschaft in unserm Hause so mit

drauf gegangen. Die Stechline haben immer alles verurscht.«

»Ich bitte dich, wähle doch andere Worte.«

»Warum? Verurscht ist ein ganz gutes Wort. Und außerdem, schon der

alte Kortschädel sagte mir mal, man müsse gegen Wörter nicht so streng

sein und gegen Namen erst recht nicht, da sitze manch einer in einem

Glashause. Hältst du Rentmeister Fix für einen schönen Namen? Und als

ich noch bei den Kürassieren in Brandenburg war, in meinem letzten

Dienstjahr, da hatten wir dicht bei uns einen kleinen Mann von der

Feuerversicherung, der hieß Briefbeschwerer. Ja, Adelheid, wenn ich

+dem+ gegenüber so verfahren wäre, wie du jetzt mit Gräfin Melusine, so

hätt ich mir den Mann als eine halbe Bombe vorstellen müssen oder als

einen Kugelmann. Denn damals, es war anno vierundsechzig, waren alle

›Briefbeschwerer‹ bloß ›Kugelmänner‹: ne Flintenkugel oben und zwei

Flintenkugeln unten. Und natürlich ne Kartätschenkugel als Bauch in der

Mitte. Das Feuerversicherungsmännchen aber, das zufällig so sonderbar

hieß, das war so dünn wie'n Strich.«

»Ja, Dubslav, was soll das nun alles wieder? Du gibst da deinem Zeisig

mal wieder ein gut Stück Zucker. Ich sage Zeisig, weil ich nicht

verletzlich werden will.«

»Küss' die Hand ...«

»Und was ich dir zur Sache darauf zu sagen habe, das ist das. Ich habe

nichts dagegen, daß jemand Briefbeschwerer heißt, und überlass' es ihm,

ob er ein Strich oder ein Kugelmann sein will. Aber ich habe sehr viel

gegen Melusine. Briefbeschwerer, nu, das ist bloß ein Zufall, Melusine

aber ist kein Zufall, und ich kann dir bloß sagen, diese Melusine ist

eben eine richtige Melusine. Alles an dieser Person ...«

»Ich bitte dich, Adelheid ...«

»Alles an dieser Dame, wenn sie durchaus so etwas sein soll, ist

verführerisch. Ich habe so was von Koketterie noch nie gesehn. Und

wenn ich mir dann unsern armen Woldemar daneben denke! Der is ja

solcher Eva gegenüber von Anfang an verloren. Eh er noch weiß, was los

ist, ist er schon umstrickt, trotzdem er doch bloß ihr Schwager ist.

Oder vielleicht auch grade deshalb. Und dazu das ewige Sichbiegen und

-wiegen in den Hüften. Alles wie zum Beweise, daß es mit der Schlange

denn doch etwas auf sich hat. Und wie sie nun gar erst mit dem Lorenzen

umsprang. Aber freilich, der ist womöglich noch leichter zu fangen als

Woldemar. Er sah sie immer an wie ne Offenbarung. Und sie ist auch so

was. Darüber is kein Zweifel. Aber wovon?«

Hochzeit

Zweiunddreißigstes Kapitel

Zu guter Zeit waren die Reisenden wieder in Berlin zurück. Woldemar

hatte Braut und Schwägerin bis an das Kronprinzenufer begleitet, mußte

jedoch auf Verbleib im Barbyschen Hause verzichten, weil im Kasino eine

kleine Festlichkeit stattfand, der er beiwohnen wollte.

Der alte Graf ging, als unten die Droschke hielt, mühsamlich auf seinem

Zimmerteppich auf und ab, weil ihn sein Fuß, wie stets, wenn das Wetter

umschlug, mal wieder mit einer ziemlich heftigen Neuralgie quälte.

»Nun, da seid ihr ja wieder. Der Zug muß Verspätung gehabt haben. Und

wo ist Woldemar?«

Man gab ihm Auskunft und daß Woldemar wegen seines Nichterscheinens um

Entschuldigung bäte. »Gut, gut. Und nun setzt euch und erzählt. Mit

dem Conte, das ließ damals allerlei zu wünschen übrig ... verzeih,

Melusine. Da möcht ich denn begreiflicherweise, daß es uns diesmal

besser ginge. Woldemar macht mir natürlich kein Kopfzerbrechen, aber

die Familie, der alte Stechlin. Armgard braucht selbstverständlich auf

eine so delikate Frage nicht zu antworten, wenn sie nicht will, wiewohl

erfahrungsmäßig ein Unterschied ist zwischen Schwiegermüttern und

Schwiegervätern. Diese sind mitunter verbindlicher als der Sohn.«

Armgard lachte. »Mir, Papa, passiert so was Nettes nicht. Aber mit

Melusine war es wieder das Herkömmliche. Der alte Stechlin fing an, und

der Pastor folgte. Wenigstens schien es mir so.«

»Dann bin ich beruhigt, vorausgesetzt, daß Melusine über den neuen

Schwiegervater ihren richtigen alten Vater nicht vergißt.«

Sie ging auf ihn zu und küßte ihm die Hand.

»Dann bin ich beruhigt,« wiederholte der Alte. »Melusine gefällt

fast immer. Aber manchem gefällt sie freilich auch nicht. Es gibt

so viele Menschen, die haben einen natürlichen Haß gegen alles,

was liebenswürdig ist, weil sie selber unliebenswürdig sind. Alle

beschränkten und aufgesteiften Individuen, alle, die eine bornierte

Vorstellung vom Christentum haben -- das richtige sieht ganz anders

aus --, alle Pharisäer und Gernegroß, alle Selbstgerechten und Eiteln

fühlen sich durch Personen wie Melusine gekränkt und verletzt, und wenn

sich der alte Stechlin in Melusine verliebt hat, dann lieb ich ihn

schon darum, denn er ist dann eben ein guter Mensch. Mehr brauch ich

von ihm gar nicht zu wissen. Übrigens konnt es kaum anders sein. Der

Apfel fällt nicht weit vom Stamm. Aber auch umgekehrt: wenn ich den

Apfel kenne, kenn ich auch den Stamm ... Und wer war denn noch da? Ich

meine, von Verwandtschaft?«

»Nur noch Tante Adelheid von Kloster Wutz,« sagte Armgard.

»Das ist die Schwester des Alten?«

»Ja, Papa. Ältere Schwester. Wohl um zehn Jahr älter und auch nur

Halbschwester. Und eine Domina.«

»Sehr fromm?«

»Das wohl eigentlich nicht.«

»Du bist so einsilbig. Sie scheint dir nicht recht gefallen zu haben.«

Armgard schwieg.

»Nun, Melusine, dann sprich du. Nicht fromm also; das ist gut. Aber

vielleicht ~hautaine~?«

»Fast könnte man's sagen,« antwortete Melusine. »Doch paßt es auch

wieder nicht recht, schon deshalb nicht, weil es ein französisches Wort

ist. Tante Adelheid ist eminent unfranzösisch.«

»Ah, ich versteh. Also komische Figur.«

»Auch das nicht so recht, Papa. Sagen wir einfach, zurückgeblieben,

vorweltlich.«

Der alte Graf lachte. »Ja, das ist in allen alten Familien so, vor

allem bei reichen und vornehmen Juden. Kenne das noch von Wien her, wo

man überhaupt solche Fragen studieren kann. Ich verkehrte da viel in

einem großen Bankierhause, drin alles nicht bloß voll Glanz, sondern

auch voll Orden und Uniformen war. Fast zuviel davon. Aber mit einem

Male traf ich in einer Ecke, ganz einsam und doch beinah vergnüglich,

einen merkwürdigen Urgreis, der wie der alte Gobbo -- der in dem Stück

von Shakespeare vorkommt -- aussah, und als ich mich später bei einem

Tischnachbar erkundigte, wer denn das sei, da hieß es: ›Ach, das ist ja

Onkel Manasse.‹ Solche Onkel Manasses gibt es überall, und sie können

unter Umständen auch Tante Adelheid heißen.«

Daß der alte Graf das so leicht nahm, erfreute die Töchter sichtlich,

und als Jeserich bald danach das Teezeug brachte, wurd auch Armgard

mitteilsamer und erzählte zunächst von Superintendent Koseleger und

Pastor Lorenzen, danach vom Stechlinsee (der ganz überfroren gewesen

sei, so daß sie die berühmte Stelle nicht hätten sehen können) und

zuletzt von dem Museum und den Wetterfahnen.

Diese waren das, was den alten Grafen am meisten interessierte.

»Wetterfahnen, ja, die müssen gesammelt werden, nicht bloß alte

Dragoner in Blech geschnitten, sondern auch allermodernste Silhouetten,

sagen wir aus der Diplomatenloge. Da kommt dann schon eine ganz

hübsche Galerie zusammen. Und wißt ihr, Kinder, das mit dem Museum

gibt mir erst eine richtige Vorstellung von dem Alten und eine volle

Befriedigung, beinah mehr noch, als daß ihm Melusine gefallen hat. Ich

bin sonst nicht für Sammler. Aber wer Wetterfahnen sammelt, das will

doch was sagen, das ist nicht bloß eine gute Seele, sondern auch eine

kluge Seele, denn es is da so was drin, wie ein Fingerknips gegen die

Gesellschaft. Und wer den machen kann, das ist mein Mann, mit dem kann

ich leben.«

* * * * *

Man blieb nicht lange mehr beisammen; beide Schwestern, ziemlich

ermüdet von der Tagesanstrengung, zogen sich früh zurück, aber ihr

Gespräch über Schloß Stechlin und die beiden Geistlichen und vor allem

über die Domina (gegen die Melusine heftig eiferte) setzte sich noch in

ihrem Schlafzimmer fort.

»Ich glaube,« sagte Armgard, »du legst zuviel Gewicht auf das, was

du das Ästhetische nennst. Und Woldemar tut es leider auch. Er läßt

auf seine Mark Brandenburg sonst nichts kommen, aber in diesem Punkte

spricht er beinah so wie du. Wohin er blickt, überall vermißt er das

Schönheitliche. Das Wenige, was danach aussieht, so klagt er beständig,

sei bloß Nachahmung. Aus eignem Trieb heraus würde hier nichts der Art

geboren.«

»Und daß er so klagt, das ist das, was ich so ziemlich am meisten an

ihm schätze. Du meinst, daß ich, wenn ich von der Domina spreche,

zuviel Gewicht auf diese doch bloß äußerlichen Dinge lege. Glaube mir,

diese Dinge sind nicht bloß äußerlich. Wer kein feines Gefühl hat,

sei's in Kunst, sei's im Leben, der existiert für mich überhaupt nicht

und für meine Freundschaft und Liebe nun schon ganz gewiß nicht. Da

hast du mein Programm. Unser ganzer Gesellschaftszustand, der sich

wunder wie hoch dünkt, ist mehr oder weniger Barbarei; Lorenzen, von

dem du doch soviel hältst, hat sich ganz in diesem Sinne gegen mich

ausgesprochen. Ach, wie weit voraus war uns doch die Heidenzeit, die

wir jetzt so verständnislos bemängeln! Und selbst unser ›dunkles

Mittelalter‹ -- schönheitlich stand es höher als wir, und seine

Scheiterhaufen, wenn man nicht gleich selbst an die Reihe kam, waren

gar nicht so schlimm.«

»Ich erlebe noch,« lachte Armgard, »daß du nen neuen Kreuzzug oder

ähnliches predigst. Aber wir sind von unserm eigentlichen Thema ganz

abgekommen, von der Domina. Du sagtest, ihre Gefühle widersprächen sich

untereinander. Welche Gefühle?«

»Darauf ist leicht Antwort geben. Erst beglückwünscht sie sich zu sich

selbst, und hinterher ärgert sie sich über sich selbst. Und daß sie das

+muß+, daran sind wir schuld, und das kann sie uns nicht verzeihn.«

»Ich würde vielleicht zustimmen, wenn das, was du da sagst, nicht gar

so eitel klänge ... Sie hat übrigens einen guten Verstand.«

»Den hat sie, gewiß, den haben sie alle hier oder doch die meisten.

Aber ein guter Verstand, soviel er ist, ist auch wieder recht wenig,

und schließlich -- ich muß leider zu diesem Berolinismus greifen -- ist

diese gute Domina doch nichts weiter als eine Stakete, lang und spitz.

Und nicht mal grün gestrichen.«

»Und der Alte? +Der+ wenigstens wird doch vor deiner Kritik bestehn.«

»O, der; der ist ~hors concours~ und geht noch über Woldemar hinaus.

Was meinst du, wenn ich den Alten heiratete?«

»Sprich nicht so, Melusine. Ich weiß ja recht gut, wie das alles

von dir gemeint ist, Übermut und wieder Übermut. Aber er ist doch

am Ende noch nicht so steinalt. Und +du+, so lieb ich dich habe,

du bist schließlich imstande, dich in solche Kompliziertheiten von

Schwiegervater und Schwager, alles in einem, und womöglich noch

allerhand dazu, zu verlieben.«

»Jedenfalls mehr als in +den+, der diese Kompliziertheiten darstellt

oder gar erst schaffen soll ... Also sei ruhig, freundlich Element.«

Dreiunddreißigstes Kapitel

Das war in den letzten Dezembertagen; auf Ende Februar hatte man die

Hochzeit des jungen Paares festgesetzt. In der Zwischenzeit war seitens

des alten Grafen erwogen worden, ob die Trauung nicht doch vielleicht

auf einem der Barbyschen Elbgüter stattfinden solle; die Braut selbst

aber war dagegen gewesen und hatte mit einer ihr sonst nicht eignen

Lebhaftigkeit versichert: sie hänge an der Armee, weshalb sie -- ganz

abgesehn von ihrem teuren Frommel -- die Berliner Garnisonkirche weit

vorziehe. Daß diese, nach Ansicht vieler, bloß ein großer Schuppen

sei, habe für sie gar keine Bedeutung; was ihr an der Garnisonkirche

soviel gelte, das seien die großen Erinnerungen, und ein Gotteshaus,

drin die Schwerins und die Zietens ständen (und wenn sie nicht drin

ständen, so doch andre, die kaum schlechter wären) -- eine historisch

so bevorzugte Stelle wäre ihr an ihrem Trautage viel lieber als ihre

Familienkirche, trotz der Särge so vieler Barbys unterm Altar. Woldemar

war sehr glücklich darüber, seine Braut so preußisch-militärisch zu

finden, die denn auch, als einmal die Zukunft und mit ihr die Frage

nach ›Verbleib oder Nichtverbleib‹ in der Armee durchgesprochen wurde,

lachend erwidert hatte: »Nein, Woldemar, nicht jetzt schon Abschied;

ich bin sehr für Freiheit, aber doch beinah mehr noch für Major.«

* * * * *

Auf drei Uhr war die Trauung festgesetzt. Schon eine halbe Stunde

vorher erschien der Brautwagen und hielt vor dem Schickedanzschen

Hause, dessen Flur auszuschmücken sich die Frau Versicherungssekretärin

nicht hatte nehmen lassen. Von der Treppe bis auf das Trottoir hinaus

waren zu beiden Seiten Blumenestraden aufgestellt, auf denen die

Lieblinge der Frau Schickedanz in einer Schönheit und Fülle standen,

als ob es sich um eine Maiblumenausstellung gehandelt hätte. Hinter

den verschiedenen Estraden aber hatten alle Hausbewohner Aufstellung

genommen, Lizzi, Frau Imme und sämtliche Hartwigs und natürlich auch

Hedwig, die, nach ganz kurzem Dienst im Kommerzienrat Seligmannschen

Hause, vor etwa acht Tagen ihre Stelle wieder aufgegeben hatte.

»Gott, Hedwig, war es denn wieder so was?«

»Nein, Frau Imme, diesmal war es mehr.«

* * * * *

Frommel traute. Die Kirche war dicht besetzt, auch von bloß

Neugierigen, die sich, ehe die große Orgel einsetzte, die

merkwürdigsten Dinge mitzuteilen hatten. Die Barbys seien eigentlich

Italiener aus der Gegend von Neapel, und der alte Graf, was man ihm

auch noch ansehe, sei in seinen jungen Jahren unter den Carbonaris

gewesen; aber mit einem Male hab er geschwenkt und sei zum Verräter

an seiner heiligen Sache geworden. Und weil in solchem Falle jedesmal

einer zur Vollstreckung der Gerechtigkeit ausgelost würde (was der Graf

auch recht gut gewußt habe), hab er vorsichtigerweise seine schöne

Heimat verlassen und sei nach Berlin gekommen und sogar an den Hof.

Und Friedrich Wilhelm ~IV.~, der ihn sehr gern gemocht, hab auch immer

Italienisch mit ihm gesprochen.

* * * * *

Das Hochzeitsmahl fand im Barbyschen Hause statt, notgedrungen ~en

petit comité~, da das große Mittelzimmer, auch bei geschicktester

Anordnung, immer nur etwa zwanzig Personen aufnehmen konnte. Der

weitaus größte Teil der Gesellschaft setzte sich aus uns schon

bekannten Personen zusammen, obenan natürlich der alte Stechlin. Er war

gern gekommen, trotzdem ihm die Weltabgewandtheit, in der er lebte, den

Entschluß anfänglich erschwert hatte. Tante Adelheid fehlte. »Trösten

wir uns,« sagte Melusine mit einer ihr kleidenden Überheblichkeit.

Selbstverständlich waren die Berchtesgadens da, desgleichen Rex und

Czako, sowie Cujacius und Wrschowitz. Außerdem ein behufs Abschluß

seiner landwirtschaftlichen Studien erst seit kurzem in Berlin

lebender junger Baron von Planta, Neffe der verstorbenen Gräfin, zu

dem sich zunächst ein Premierleutnant von Szilagy (Freund und früherer

Regimentskamerad von Woldemar) und des weiteren ein Doktor Pusch

gesellte, den die Barbys noch von ihren Londoner Tagen her gut kannten.

Dem Brautpaare gegenüber saßen die beiden Väter, beziehungsweise

Schwiegerväter. Da weder der eine noch der andre zu den Rednern zählte,

so ließ Frommel das Brautpaar in einem Toaste leben, drin Ernst und

Scherz, Christlichkeit und Humor in glücklichster Weise verteilt

waren. Alles war entzückt, der alte Stechlin, Frommels Tischnachbar,

am meisten. Beide Herren hatten sich schon vorher angefreundet, und

als nach Erledigung des offiziellen Toastes das Tischgespräch ganz

allgemein wieder in Konversation mit dem Nachbar überging, sahen

sich Frommel und der alte Stechlin in Anknüpfung einer intimeren

Privatunterhaltung nicht weiter behindert.

»Ihr Herr Sohn,« sagte Frommel, »wovon ich mich persönlich überzeugen

konnte, wohnt sehr hübsch. Darf ich daraus schließen, daß Sie sich bei

ihm einlogiert haben?«

»Nein, Herr Hofprediger. So bei Kindern wohnen ist immer mißlich. Und

mein Sohn weiß das auch; er kennt den Geschmack oder meinetwegen auch

bloß die Schrullenhaftigkeit seines Vaters, und so hat er mich, was

immer das Beste bleibt, in einem Hotel untergebracht.«

»Und Sie sind da zufrieden?«

Der Stechlin: Roman · 第 24 / 33 段