verlegen vor sich hinblickend, und Melusine, die Zweifel, die sich
in der Wiederholung dieser Worte ziemlich deutlich aussprachen, mit
scharfem Ohre heraushörend, fuhr in plötzlich verändertem und beinah
heiterem Tone fort: »Wie grausam Sie sind. Aber Sie haben recht.
Demütig. Und daß ich mich dessen auch noch berühme. Wer ist demütig?
Wir alle sind im letzten doch eigentlich das Gegenteil davon. Aber das
darf ich sagen, ich habe den Willen dazu.«
»Und schon +der+ gilt, Frau Gräfin. Nur freilich ist Demut nicht genug;
sie schafft nicht, sie fördert nicht nach außen, sie belebt kaum.«
»Und ist doch mindestens der Anfang zum Bessern, weil sie mit dem
Egoismus aufräumt. Wer die Staffel hinauf will, muß eben von unten
an dienen. Und soviel bleibt, es birgt sich in ihr die Lösung jeder
Frage, die jetzt die Welt bewegt. Demütig sein heißt christlich sein,
christlich in meinem, vielleicht darf ich sagen in +unsrem+ Sinne.
Demut erschrickt vor dem zweierlei Maß. Wer demütig ist, der ist
duldsam, weil er weiß, wie sehr er selbst der Duldsamkeit bedarf;
wer demütig ist, der sieht die Scheidewände fallen und erblickt den
Menschen im Menschen.«
»Ich kann Ihnen zustimmen,« lächelte Lorenzen. »Aber wenn ich, Frau
Gräfin, in Ihren Mienen richtig lese, so sind diese Bekenntnisse doch
nur Einleitung zu was andrem. Sie halten noch das Eigentliche zurück
und verbinden mit Ihrer Aussprache, so sonderbar es klingen mag, etwas
Spezielles und beinah Praktisches.«
»Und ich freue mich, daß Sie das herausgefühlt haben. Es ist so. Wir
kommen da eben von Ihrem Stechlin her, von Ihrem See, dem Besten,
was Sie hier haben. Ich habe mich dagegen gewehrt, als das Eis
aufgeschlagen werden sollte, denn alles Eingreifen oder auch nur
Einblicken in das, was sich verbirgt, erschreckt mich. Ich respektiere
das Gegebene. Daneben aber freilich auch das Werdende, denn eben dies
Werdende wird über kurz oder lang abermals ein Gegebenes sein. Alles
Alte, soweit es Anspruch darauf hat, sollen wir lieben, aber für das
Neue sollen wir recht eigentlich leben. Und vor allem sollen wir,
wie der Stechlin uns lehrt, den großen Zusammenhang der Dinge nie
vergessen. Sich abschließen heißt sich einmauern, und sich einmauern
ist Tod. Es kommt darauf an, daß wir gerade +das+ beständig gegenwärtig
haben. Mein Vertrauen zu meinem Schwager ist unbegrenzt. Er hat einen
edeln Charakter, aber ich weiß nicht, ob er auch einen festen Charakter
hat. Er ist feinen Sinnes, und wer fein ist, ist oft bestimmbar. Er
ist auch nicht geistig bedeutend genug, um sich gegen abweichende
Meinungen, gegen Irrtümer und Standesvorurteile wehren zu können. Er
bedarf der Stütze. Diese Stütze sind Sie meinem Schwager Woldemar von
Jugend auf gewesen. Und um was ich jetzt bitte, das heißt: ›Seien Sie's
ferner.‹«
»Daß ich Ihnen sagen könnte, wie freudig ich in Ihren Dienst trete,
gnädigste Gräfin. Und ich kann es um so leichter, als Ihre Ideale, wie
Sie wissen, auch die meinigen sind. Ich lebe darin und empfind es als
eine Gnade, da, wo das Alte versagt, ganz in einem Neuen aufzugehn. Um
ein solches ›Neues‹ handelt es sich. Ob ein solches ›Neues‹ sein soll
(weil es sein muß), oder ob es +nicht+ sein soll, um diese Frage dreht
sich alles. Es gibt hier um uns her eine große Zahl vorzüglicher Leute,
die ganz ernsthaft glauben, das uns Überlieferte -- das Kirchliche
voran (leider nicht das Christliche) -- müsse verteidigt werden wie der
salomonische Tempel. In unserer Obersphäre herrscht außerdem eine naive
Neigung, alles ›Preußische‹ für eine höhere Kulturform zu halten.«
»Genau wie Sie sagen. Aber ich möchte doch, um der Gerechtigkeit
willen, die Frage stellen dürfen, ob dieser naive Glaube nicht eine
gewisse Berechtigung hat?«
»Er hatte sie mal. Aber das liegt zurück. Und kann nicht anders sein.
Der Hauptgegensatz alles Modernen gegen das Alte besteht darin, daß die
Menschen nicht mehr durch ihre Geburt auf den von ihnen einzunehmenden
Platz gestellt werden. Sie haben jetzt die Freiheit, ihre Fähigkeiten
nach allen Seiten hin und auf jedem Gebiete zu betätigen. Früher war
man dreihundert Jahre lang ein Schloßherr oder ein Leinenweber; jetzt
kann jeder Leinenweber eines Tages ein Schloßherr sein.«
»Und beinah auch umgekehrt,« lachte Melusine. »Doch lassen wir
dies heikle Thema. Viel, viel lieber hör ich ein Wort von Ihnen
über den Wert unsrer Lebens- und Gesellschaftsformen, über unsre
Gesamtanschauungsweise, deren besondere Zulässigkeit Sie, wie mir
scheint, so nachdrücklich anzweifeln.«
»Nicht absolut. Wenn ich zweifle, so gelten diese Zweifel nicht so
sehr den Dingen selbst, als dem Hochmaß des Glaubens daran. Daß man
all diese Mittelmaßdinge für etwas Besonderes und Überlegenes und
deshalb, wenn's sein kann, für etwas ewig zu Konservierendes ansieht,
das ist das Schlimme. Was mal galt, soll weiter gelten, was mal gut
war, soll weiter ein Gutes oder wohl gar ein Bestes sein. Das ist
aber unmöglich, auch wenn alles, was keineswegs der Fall ist, einer
gewissen Herrlichkeitsvorstellung entspräche ... Wir haben, wenn wir
rückblicken, drei große Epochen gehabt. Dessen sollen wir eingedenk
sein. Die vielleicht größte, zugleich die erste, war die unter dem
Soldatenkönig. Das war ein nicht genug zu preisender Mann, seiner Zeit
wunderbar angepaßt und ihr zugleich voraus. Er hat nicht bloß das
Königtum stabiliert, er hat auch, was viel wichtiger, die Fundamente
für eine neue Zeit geschaffen und an die Stelle von Zerfahrenheit,
selbstischer Vielherrschaft und Willkür Ordnung und Gerechtigkeit
gesetzt, Gerechtigkeit, das war sein bester ›~rocher de bronce~‹.«
»Und dann?«
»Und dann kam Epoche zwei. Die ließ, nach jener ersten, nicht lange
mehr auf sich warten, und das seiner Natur und seiner Geschichte nach
gleich ungeniale Land sah sich mit einem Male von Genie durchblitzt.«
»Muß das ein Staunen gewesen sein.«
»Ja. Aber doch mehr draußen in der Welt als daheim. Anstaunen ist auch
eine Kunst. Es gehört etwas dazu, Großes als groß zu begreifen ... Und
dann kam die dritte Zeit. Nicht groß und doch auch wieder ganz groß. Da
war das arme, elende, halb dem Untergange verfallene Land nicht von
Genie, wohl aber von Begeisterung durchleuchtet, von dem Glauben an die
höhere Macht des Geistigen, des Wissens und der Freiheit.«
»Gut, Lorenzen. Aber weiter.«
»Und all das, was ich da so hergezählt, umfaßte zeitlich ein
Jahrhundert. Da waren wir den andern voraus, mitunter geistig
und moralisch gewiß. Aber der ›~Non soli cedo~-Adler‹ mit seinem
Blitzbündel in den Fängen, er blitzt nicht mehr, und die Begeisterung
ist tot. Eine rückläufige Bewegung ist da, längst Abgestorbenes,
ich muß es wiederholen, soll neu erblühn. Es tut es nicht. In
gewissem Sinne freilich kehrt alles einmal wieder, aber bei dieser
Wiederkehr werden Jahrtausende übersprungen; wir können die römischen
Kaiserzeiten, Gutes und Schlechtes, wieder haben, aber nicht das
spanische Rohr aus dem Tabakskollegium und nicht einmal den Krückstock
von Sanssouci. Damit ist es vorbei. Und gut, daß es so ist. Was einmal
Fortschritt war, ist längst Rückschritt geworden. Aus der modernen
Geschichte, der eigentlichen, der lesenswerten, verschwinden die
Bataillen und die Bataillone (trotzdem sie sich beständig vermehren)
und wenn sie nicht selbst verschwinden, so schwindet doch das
Interesse daran. Und mit dem Interesse das Prestige. An ihre Stelle
treten Erfinder und Entdecker, und James Watt und Siemens bedeuten
uns mehr als du Guesclin und Bayard. Das Heldische hat nicht direkt
abgewirtschaftet und wird noch lange nicht abgewirtschaftet haben,
aber sein Kurs hat nun mal seine besondere Höhe verloren, und anstatt
sich in diese Tatsache zu finden, versucht es unser Regime, dem
Niedersteigenden eine künstliche Hausse zu geben.«
»Es ist, wie Sie sagen. Aber gegen wen richtet sich's? Sie sprachen von
›Regime‹. Wer ist dies Regime? Mensch oder Ding? Ist es die von alter
Zeit her übernommene Maschine, deren Räderwerk tot weiterklappert,
oder ist es der, der an der Maschine steht? Oder endlich, ist es eine
bestimmte abgegrenzte Vielheit, die die Hand des Mannes an der Maschine
zu bestimmen, zu richten trachtet? In allem, was Sie sagen, klingt eine
sich auflehnende Stimme. Sind Sie gegen den Adel? Stehen Sie gegen die
›alten Familien‹?«
»Zunächst: nein. Ich liebe, hab auch Ursach dazu, die alten Familien
und möchte beinah glauben, jeder liebt sie. Die alten Familien sind
immer noch populär, auch heute noch. Aber sie vertun und verschütten
diese Sympathien, die doch jeder braucht, jeder Mensch und jeder
Stand. Unsre alten Familien kranken durchgängig an der Vorstellung,
›daß es ohne sie nicht gehe‹, was aber weit gefehlt ist, denn es geht
sicher auch ohne sie; -- sie sind nicht mehr die Säule, die das Ganze
trägt, sie sind das alte Stein- und Moosdach, das wohl noch lastet und
drückt, aber gegen Unwetter nicht mehr schützen kann. Wohl möglich,
daß aristokratische Tage mal wiederkehren, vorläufig, wohin wir sehen,
stehen wir im Zeichen einer demokratischen Weltanschauung. Eine neue
Zeit bricht an. Ich glaube, eine bessere und eine glücklichere. Aber
wenn auch nicht eine glücklichere, so doch mindestens eine Zeit mit
mehr Sauerstoff in der Luft, eine Zeit, in der wir besser atmen
können. Und je freier man atmet, je mehr lebt man. Was aber Woldemar
angeht, +meiner+ sind Sie sicher, Frau Gräfin. Bleibt freilich, als
Hauptfaktor, noch die Komtesse. Für +die+ müssen +Sie+ die Bürgschaft
übernehmen. Die Frauen bestimmen schließlich doch alles.«
»So heißt es immer. Und wir sind eitel genug, es zu glauben. Aber das
führt uns auf ganz neue Gebiete. Vorläufig Ihre Hand zur Besieglung.
Und nun erlauben Sie mir, nach diesem unserm revolutionären Diskurse,
zu den Hütten friedlicher Menschen zurückzukehren. Ich habe mich bei
dem alten Herrn nur auf eine halbe Stunde beurlaubt und rechne darauf,
daß Sie mich, wenn nicht bis ins ›Museum‹ selbst (das dem Programm nach
besucht werden sollte), so doch wenigstens bis auf die Schloßrampe
begleiten.«
Dreißigstes Kapitel
Lorenzen tat, wie gewünscht, und auf dem Wege zum Schloß plauderten
beide weiter, wenn auch über sehr andere Dinge.
»Was ist es eigentlich mit diesem ›Museum‹?« fragte Melusine; »kann ich
mir doch kaum was Rechtes darunter vorstellen. Eine alte Papptafel mit
Inschrift hängt da schräg über der Saaltür, alles dicht neben meinem
Schlafzimmer, und ich habe mich etwas davor geängstigt.«
»Sehr mit Unrecht, gnädigste Gräfin. Die primitive Papptafel, die
freilich verwunderlich genug aussieht, sollte wohl nur andeuten,
daß es sich bei der ganzen Sache mehr um einen Scherz als um etwas
Ernsthaftes handelt. Etwa wie bei Sammlung von Meerschaumpfeifen und
Tabaksdosen. Und Sie werden auch vorwiegend solchen Seltsamkeiten
begegnen. Anderseits aber ist es auch wieder ein richtiges historisches
Museum, trotzdem es nur halb das geworden ist, worauf Herr von Stechlin
anfänglich aus war.«
»Und das war?«
»Das war mehr etwas Groteskes. Es mögen nun wohl schon zwanzig Jahre
sein, da las er eines Tages in der Zeitung von einem Engländer, der
historische Türen sammle und neuerdings sogar für eine enorme Summe,
ich glaube es waren tausend Pfund, die Gefängnistür erstanden habe,
durch die Ludwig ~XVI.~ und dann später Danton und Robespierre zur
Guillotinierung abgeführt worden seien. Und diese Notiz machte solchen
Eindruck auf unsern liebenswürdigen Stechliner Schloßherrn, daß er
auch solche historische Türensammlung anzulegen beschloß. Er ist aber
nicht weit damit gekommen und hat sich mit dem Küstriner Schloßfenster
begnügen müssen. an dem Kronprinz Friedrich stand, als Katte zur
Enthauptung vorübergeführt wurde. Doch auch das ist unsicher, ja, die
meisten wollen nichts davon wissen. Nur Krippenstapel hält noch daran
fest.«
»Krippenstapel?«
»Ja. Der Name frappiert Sie. Das ist nämlich unser Lehrer hier,
Liebling des alten Herrn und sein Berater in derlei Dingen. Der hat
ihm denn auch das gegenwärtige ›Museum‹, das man als Abschlagszahlung
auf die ›historischen Türen‹ ansehen kann, zusammengestellt. Außer dem
angezweifelten Fenster werden Frau Gräfin noch ein paar phantastische
Regentraufen finden und vor allem viele Wetterhähne, die von alten
märkischen Kirchtürmen herabgenommen wurden. Einige sollen ganz
interessant sein. Ich habe keinen Sinn dafür. Aber Krippenstapel hat
einen Katalog angefertigt.«
Unter diesen Worten waren beide bis an die Rampe gekommen, auf der
Engelke schon stand und auf die Gräfin wartete. Lorenzen empfahl sich.
Aber auch Melusine wollte nicht gleich ins Museum hinauf, zog es
vielmehr vor, erst unten in das große Gesellschaftszimmer einzutreten
und sich da zu wärmen.
Engelke machte sich auch sofort am Kamin zu schaffen, was der Gräfin
gut paßte, weil sie noch manches fragen wollte.
»Das ist recht, Engelke, daß Sie Kohlen aufschütten und auch Kienäpfel.
Ich freue mich immer, wenn es so lustig brennt. Und oben im ›Museum‹
wird es wohl noch kalt sein.«
»Ja, kalt ist es, Frau Gräfin. Aber mit der Kälte, na, das ging am Ende
noch, und der viele Staub, der oben liegt, das ginge vielleicht auch
noch; Staub wärmt. Und die Dachtraufen und Wetterhähne tun auch keinem
Menschen was ...«
»Aber was ist denn sonst noch?«
»Ach, ich meine bloß die verdammten Dinger, die Spinnen ...«
»Um Gottes willen, Spinnen?« erschrak Melusine.
»Ja, Spinnen, Frau Gräfin. Aber so ganz schlimme sind nich dabei.
Solche mit'm Kreuz oben hab ich bei uns noch nicht gesehn. Bloß solche,
die Schneider heißen.«
»Ach, das sind die, die die langen Beine haben.«
»Ja, lange Beine haben sie. Aber sie tun einem nichts. Und eigentlich
sind es sehr ängstliche Tiere und verkriechen sich, wenn sie hören, daß
aufgeschlossen wird, und bloß wenn Krippenstapel kommt, dann kommen sie
alle raus un kucken sich um. Krippenstapeln, den kennen sie ganz gut,
und ich hab auch mal gesehn, daß er ihnen Fliegen mitbringt, und machen
sich dann gleich drüber her.«
»Aber das ist ja grausam. Ist es denn ein guter Mensch?«
»O, sehr gut, Frau Gräfin. Und als ich ihm mal so was sagte, sagte er:
›Ja, Engelke, das is nu mal so; einer frißt den andern auf.‹«
Das Gespräch setzte sich noch eine Weile fort; dann sagte Melusine:
»Nun, Engelke, ist es aber wohl die höchste Zeit für das Museum, sonst
komm ich zu spät und seh und höre gar nichts mehr. Ich bin nun auch
wieder warm geworden.« Dabei erhob sie sich und stieg die Doppeltreppe
hinauf und klopfte. Sie wollte nicht gleich eintreten.
Auf ihr Klopfen wurde sehr bald von innen her geöffnet, und
Krippenstapel, mit der Hornbrille, stand vor ihr. Er verbeugte sich
und trat zurück, um den Platz freizugeben. Aber Melusine, deren Angst
vor ihm wiederkehrte, zauderte, was eine momentane Verlegenheit schuf.
Inzwischen war aber auch Dubslav herangekommen. »Ich fürchtete schon,
daß Lorenzen Sie nicht herausgeben würde. Seine Gelegenheiten, hier
in Stechlin ein Gespräch zu führen, sind nicht groß, und nun gar ein
Gespräch mit Gräfin Melusine! Nun, er hat es gnädig gemacht. Jetzt
aber, Gräfin, halten Sie gefälligst Umschau; vielleicht daß Lorenzen
schon geplaudert hat oder gar Engelke.«
»So ganz im Dunkeln bin ich nicht mehr; ein Küstriner Schloßfenster,
ein paar Kirchendachreliquien und dazu Wetterhähne -- lauter
Gegenstände (denn ich bin auch ein bißchen fürs Aparte), zu deren
Auswahl ich Ihnen gratuliere.«
»Wofür ich der Frau Gräfin dankbar bin, ohne sonderlich überrascht zu
sein. Ich wußte, Damen wie Gräfin Ghiberti haben Sinn für derlei Dinge.
Darf ich Ihnen übrigens zunächst hier diesen Lebuser Bischof zeigen und
hier weiter einen Heiligen oder vielleicht Anachoreten? Beide, Bischof
und Anachoret, sind sehr unähnlich untereinander, schon in bezug auf
Leibesumfang, -- der richtige Gegensatz von Refektorium und Wüste.
Wenn ich den Heiligen hier so sehe, taxier ich ihn höchstens auf eine
Dattel täglich. Und nun denk ich, wir fahren in unsrer Besichtigung
fort. Krippenstapel war nämlich eben dabei, der Komtesse Armgard
unsern Derfflingerschen Dragoner mit der kleinen Standarte und der
Jahreszahl 1675 zu zeigen. Bitte, Gräfin Melusine, bemerken Sie hier
die Zahl, dicht unter dem brandenburgischen Adler. Es wirkt, wie wenn
er die Nachricht vom Siege bei Fehrbellin überbringen wolle. Daß es
ein Dragoner ist, ist klar; der Filzhut mit der breiten Krempe hebt
jeden Zweifel, und ich hab es für mein gutes Recht gehalten, ihn auch
speziell als Derfflingerschen Dragoner festzusetzen. Aber mein Freund
Krippenstapel will davon nichts wissen, und wir liegen darüber seit
Jahr und Tag in einer ernsten Fehde. Glücklicherweise unsre einzige.
Nicht wahr, Krippenstapel?«
Dieser lächelte und verbeugte sich.
»Die beiden Damen,« fuhr Dubslav fort, »mögen aber nicht etwa glauben,
daß ich mich für berechtigt halte, die freie Wissenschaft hier in
meinem Museum in Banden zu schlagen. Grad umgekehrt. Ich kann also
nur wiederholen: ›Krippenstapel, Sie haben das Wort.‹ Und nun bitte,
setzen Sie den Damen Ihrerseits auseinander, warum es nach ganz
bestimmten Begleiterscheinungen ein Derfflingerscher +nicht+ sein kann.
Bilderbücher aus der Zeit her hat man nicht, und die großen Gobelins
lassen einen im Stich und beweisen gar nichts.«
Unter diesen Worten hatte Krippenstapel die den Gegenstand des Streits
bildende Wetterfahne wieder in die Hand genommen, und als er sah, daß
die Gräfin -- die, wie das in ihrer Natur lag, den vor zehn Minuten
noch so gefürchteten ›Fliegentöter‹ längst in ihr Herz geschlossen
hatte -- ihm freundlich zunickte, ließ er auf Geltendmachung seines
Standpunktes auch nicht lange mehr warten und sagte: »Ja, Frau Gräfin,
der Streit schwebt nun schon so lange, wie wir den Dragoner überhaupt
haben, und Herr von Stechlin wäre wohl schon längst in das gegnerische
Lager, in dem ich und Oberlehrer Tucheband stehn, übergegangen, wenn er
nicht an meiner wissenschaftlichen Ereiferung seine beständige Freude
hätte. Tucheband, einer unsrer Besten und ein Mann, der nicht leicht
vorbeischießt, hat auch in dieser Frage gleich das Richtige getroffen.
Er hat nämlich den Ort in Erwägung gezogen, von wo diese Wetterfahne
stammt. Sie stammt aus dem wenigstens damals noch der alten Familie
von Mörner zugehörigen Dorfe Zellin in der Neumark. Das Regiment
aber, das sich bei Fehrbellin vor allen andern auszeichnete, war das
Dragonerregiment Mörner. Es ist also kein Derfflingerscher, sondern ein
Mörnerscher Dragoner, der, in fliegender Eile, die Nachricht von dem
erfochtenen Siege nach Zellin bringt.«
»Bravo,« sagte Melusine. »Wenn ich je eine richtige Schlußfolgerung
gehört habe (die meisten sind Blender), so haben wir sie hier. Herr von
Stechlin, ich kann Ihnen nicht helfen, Sie sind besiegt.«
Dubslav war einverstanden und küßte Melusine die Hand, ohne sich um
die mißbilligenden Blicke seiner Schwester zu kümmern, die jetzt
ihrerseits auf endliche Vorführung der ›beiden Mühlen‹ drang, ihrer
zwei Lieblingsstücke. Diese beiden Mühlen, so versicherte sie,
seien das einzige, was hier überhaupt einen Anspruch auf ›Museum‹
erheben dürfe. Beinah war es wirklich so, wie selbst Krippenstapel
zugab, trotzdem sich, bis wenigstens ganz vor kurzem, nichts von
historischer Kontroverse (die doch schließlich immer die Hauptsache
bleibt) daran geknüpft hatte. Neuerdings freilich hatte sich das
geändert. Zwei Berliner Herren vom Gewerbemuseum waren über die Mühlen
in Streit geraten, speziell über ihren Ursprungsort. Zwar hatte man
sich vorläufig dahin geeinigt, daß die Wassermühle holländisch, die
Windmühle dagegen (eine richtige alte Bockmühle) eine Nürnberger
Arbeit sei; Krippenstapel aber hatte bei diesem Friedensschlusse nur
gelächelt. Er war viel zu sehr ernster Wissenschaftsmensch, als daß
er nicht hätte herausfühlen sollen, wie diese sogenannte ›Beilegung‹
nichts als eine Verkleisterung war. Der Ausbruch neuer Streitigkeiten
stand nahe bevor.
Die waren aber zunächst wenigstens ausgeschlossen, da beide Schwestern,
Armgard wie Melusine, wie Kinder vor einem Lieblingsspielzeug, in einem
ganz ausbündigen Vergnügen aufgingen. Die Windmühle klapperte, daß es
eine Lust war, und das Rad der Wassermühle, wenn es grad in der Sonne
blitzte, gab einen solchen Silberschein, daß es aussah, als fiele das
blinkende Wasser wirklich über die Schaufelbretter. All das wurde
gesehn und bewundert, und was nicht gesehn wurde, nahm man auf Treu und
Glauben mit in den Kauf. Von den Spinnen kam keine zum Vorschein; nur
hier und da hingen lange graue Gewebe, was jedoch nur feierlich aussah,
und als Mittag heran war, verließ man das »Museum«, um sich erst eine
Stunde zu ruhn und dann bei Tische wiederzusehn. Die Gräfin aber, ehe
sie den großen, wüsten Raum verließ, trat noch einmal an Krippenstapel
heran, um ihn, unter gewinnendstem Lächeln, zu bitten, ihr, sobald
ein ernsterer Streit über die beiden Mühlen entbrennen sollte, die
betreffenden Schriftstücke nicht vorzuenthalten.
Krippenstapel versprach alles.
* * * * *
Auf drei war das Mittagsmahl angesetzt. Schon eine Viertelstunde
vorher erschien Lorenzen und traf den alten Dubslav in einer gewissen
stattlichen Herrichtung an oder, wie er sich selbst zu Engelke geäußert
hatte, »ganz feudal«.
»Ach, das ist gut, Lorenzen, daß Sie schon kommen. Ich habe noch
allerhand auf dem Herzen. Es muß doch was geschehn, eine richtige
Begrüßung (denn das gestern abend war zu wenig) oder aber ein solennes
Abschiedswort, kurzum irgendwas, das in das Gebiet der Toaste gehört.
Und da müssen Sie helfen. Sie sind ein Mann von Fach, und wer jeden
Sonntag predigen kann, kann doch schließlich auch ne Tischrede halten.«
»Ja, das sagen Sie so, Herr von Stechlin. Mitunter ist eine Tischrede
leicht und eine Predigt schwer, aber es kann auch umgekehrt liegen.
Außerdem, wenn Sie sich nur erst mit dem Gedanken vertraut gemacht
haben, daß es so sein muß, dann geht es auch. Sie werden sehn, das
Herz, wie immer, macht den Redner. Und dazu diese Damen, beide von so
seltener Liebenswürdigkeit. Was die Gräfin angeht ...«
»Ja,« lachte der Alte, »was die Gräfin angeht ... Sie machen sich's
bequem, Pastor. Die Gräfin, -- wenn sich's um die handelte, da könnt
ich's vielleicht auch. Aber die Komtesse, die hat so was Ernstes. Und
dann ist sie zum übrigen auch noch meine Schwiegertochter oder soll es
wenigstens werden, und da muß ich doch sprechen wie ne Respektsperson.
Und das ist schwer, vielleicht, weil sich in meiner Vorstellung die
Gräfin immer vor die Komtesse schiebt.«