»Ja, Gemüsebau,« sagte sie, »das ist eine wunderbare Sache, daran

hat man eine wirkliche Freude. Kloster Wutz ist eigentlich eine

Gartengegend; unser Spargel ist denn auch weit und breit der beste,

und meine gute Schmargendorf hat Artischocken gezogen so groß wie ne

Sonnenblume. Freilich, es will sie keiner so recht, und alle sagen

immer: ›es dauert so lange, wenn man so jedes Blatt nehmen muß, und

eigentlich hat man nichts davon, auch wenn die Sauce noch so dick ist.‹

Viel mehr Glück hat unsre alte Schimonski mit ihren großen Erdbeeren --

ich meine natürlich nicht die Schimonski selber; sie selber kann gar

nichts, aber sie hat eine sehr geschickte Person -- und ein Berliner

Händler kauft ihr alles ab, bloß daß die Schnecken oft die Hälfte jeder

Erdbeere wegfressen. Man sollte nicht glauben, daß solche Tiere solchen

feinen Geschmack haben. Aber wenn es wegen der Schnecken auch unsicher

ist, Dubslav, du solltest solche Zucht doch auch versuchen. Wenn es

einschlägt, ist es sehr vorteilhaft. Die Schimonski wenigstens hat mehr

davon als von ihren Hühnern, trotzdem sie gut legen. Denn mal sind sie

billig, die Eier, und dann wieder verderben sie, und die schlechten

werden einem berechnet und abgezogen, und die Streiterei nimmt kein

Ende.«

Kurz vor elf brach das Gespräch ab, und man zog sich zurück. Der alte

Dubslav ließ es sich nicht nehmen, die Damen persönlich treppauf

bis an ihre Zimmer zu führen und sich da unter Handkuß von ihnen zu

verabschieden. Es waren dieselben zwei Räume, die vor gerad einem

Vierteljahr Rex und Czako bewohnt hatten, das größere Zimmer jetzt für

Melusine, das kleinere für Armgard bestimmt. Aber als nun beide vor

ihren Reisetaschen standen und sich oberflächlich daran zu tun machten,

sagte Melusine: »Dies Himmelbett ist also für mich. Wenn es dir gleich

ist, beziehe du lieber dies Ehrenlager und lasse mir das kleine

Schlafzimmer. Zusammen sind wir ja doch; die Tür steht auf.«

»Ja, Melusine, wenn du's durchaus wünscht, dann natürlich. Aber ich

verstehe dich nicht recht. Man will dich auszeichnen, und wenn du das

ablehnst, so kann es auffallen. Man muß doch in einem Hause, wo man

noch halb fremd ist, alles so tun, wie's gewünscht wird.«

Melusine ging auf die Schwester zu, sah sie halb verlegen, halb

schelmisch an und sagte: »Natürlich hast du recht. Aber ich bitte dich

trotzdem darum. Und es braucht es ja auch keiner zu merken. Direkte

Kontrolle wird ja wohl ausgeschlossen sein, und ich mache keine tiefere

Kute wie du.«

»Gut, gut,« lachte Armgard. »Aber sage, was soll das alles? Du bist

doch sonst so leichtlebig. Und wenn es dir hier in dem ersten Zimmer,

weil es so nah an der scharfen Flurecke liegt, wirklich etwas ängstlich

zumute sein sollte, nun, so können wir ja zuriegeln.«

»Das hilft nichts, Armgard. In solchen alten Schlössern gibt es immer

Tapetentüren. Und was +das+ hier angeht,« und sie wies dabei auf das

Bett, »alle Spukgeschichten sind immer gerad in Himmelbetten passiert;

ich habe noch nie gehört, daß Gespenster an eine Birkenmaserbettstelle

herangetreten wären. Und hast du nicht unten den ~mistle-toe~ gesehn?

Mistelbusch ist auch noch so Überbleibsel aus heidnischer Zeit her,

bei den alten Deutschen gewiß und bei den Wenden wohl auch, für den

Fall, daß die Stechlins wirkliche Wenden sind. Wenn ich Tante Adelheid

ansehe, glaub ich es beinah. Und wie sie von den Hühnern sprach und den

Eiern. Alles so wendisch. Ich glaube ja nicht eigentlich an Gespenster,

wiewohl ich auch nicht ganz dagegen bin, aber wie dem auch sein möge,

wenn ich mir denke, Tante Adelheid erschiene mir hier und brächte mir

eine Erdbeere, die die Schnecken schon angeknabbert haben, so wäre das

mein Tod.«

Armgard lachte.

»Ja, du lachst, aber hast du denn die Augen von ihr gesehn? Und hast du

ihre Stimme gehört? Und die Stimme, wie du doch weißt, ist die Seele.«

»Gewiß. Aber, Seele oder nicht, sie kann dir doch nichts tun mit ihrer

Stimme und dir auch nicht erscheinen. Und wenn sie trotzdem kommt, nun,

so rufst du mich.«

»Am liebsten wär es mir, du bliebst gleich bei mir.«

»Aber Melusine ...«

»Nun gut, nun gut. Ich sehe wohl ein, daß das nicht gut geht. Aber

was anders! Ich habe da vorhin eine Bibel oder vielleicht auch bloß

ein Gesangbuch liegen sehn, da auf dem Brettchen, wo die kleine Puppe

steht. Beiläufig auch was Sonderbares, diese Puppe. Bitte, nimm die

Bibel von der Etagere fort und lege sie mir hier auf den Nachttisch.

Und das Licht laß brennen. Und wenn du im Bett liegst, sprich immerzu,

bis ich einschlafe.«

Achtundzwanzigstes Kapitel

Am andern Morgen traf man sich beim Frühstück. Es war ziemlich

spät geworden, ohne daß Dubslav, wie das sonst wohl auf dem Lande

Gewohnheit ist, ungeduldig geworden wäre. Nicht dasselbe ließ sich

von Tante Adelheid sagen. »Ich finde das lange Wartenlassen nicht

gerade passend, am wenigsten Personen gegenüber, denen man Respekt

bezeigen will. Oder geh ich vielleicht zu weit, wenn ich hier von

Respektbezeigung spreche?« So hatte sich Adelheid zu Dubslav geäußert.

Als nun aber die Barbyschen Damen wirklich erschienen, bezwang sich die

Domina und stellte all die Fragen, die man an solchem Begrüßungsmorgen

zu stellen pflegt. In aller Unbefangenheit antworteten die Schwestern,

am unbefangensten Melusine, die bei der Gelegenheit dem alten Dubslav

erzählte, daß sie nicht umhin gekonnt hätte, sich die Bibel an ihr Bett

zu legen.

»Und mit der Absicht, drin zu lesen?«

»Beinah. Aber es wurde nichts daraus. Armgard plauderte so viel,

freilich auf meinen Wunsch. Ich hörte von der Treppe her immer die

Uhr schlagen und las dabei beständig das Wort ›Museum‹. Aber das war

natürlich schon im Traum. Ich schlief schon ganz fest. Und heute früh

bin ich wie der Fisch im Wasser.«

Dubslav hätte dies gern bestätigt, dabei nach einem Spezialfisch

suchend, der so recht zum Vergleich für Melusine gepaßt hätte. Die

Blicke seiner Schwester aber, die zu fragen schienen »hast du gehört?«

ließen ihn wieder davon abstehn, und nachdem noch einiges über den

großen Oberflur und seine Bilder und Schränke gesprochen worden war,

wurde, genau wie vor einem Vierteljahr, wo Rex und Czako zu Besuch

da waren, ein Programm verabredet, das dem damaligen sehr ähnlich

sah: Aussichtsturm, See, Globsow; dann auf dem Rückwege die Kirche,

vielleicht auch Krippenstapel. Und zuletzt das »Museum«. Aber manches

davon war unsicher und hing vom Wetter ab. Nur den See wollte man

unter allen Umständen sehn. Engelke wurde beauftragt, mit Plaids und

Decken vorauszugehn und ein paar Leute zum Wegschaufeln des Schnees

mitzunehmen, lediglich für den Fall, daß die Damen vielleicht Lust

bezeigen sollten, die Sprudel- und Trichterstelle genauer zu studieren.

»Und wenn wir auf unserm Hofe keine Leute haben, so geh ins Schulzenamt

und bitte Rolf Krake, daß er aushilft.«

Melusine, die dieser Befehlserteilung zugehört hatte, war überrascht,

in einem märkischen Dorfe dem Namen »Rolf Krake« zu begegnen, und

erfuhr denn auch alsbald den Zusammenhang der Dinge. Sie war ganz

enchantiert davon und sagte: »Das ist hübsch. Aller aufgesteifter

Patriotismus ist mir ein Greuel, aber wenn er diese Formen annimmt und

sich in Humor und selbst in Ironie kleidet, dann ist er das Beste,

was man haben kann. Ein Mann, der solchen Beinamen hat, der lebt, der

ist in sich eine Geschichte.« Dubslav küßte ihr die Hand, Adelheid

aber wandte sich demonstrativ ab; sie wollte nicht Zeuge dieser ewigen

Huldigungen sein. »Wenn man ein alter Major ist, ist man eben ein alter

Major und nicht ein junger Leutnant. Dubslav ist zwanzig, aber zwanzig

Jahr a. D.«

Es war gegen zehn, als man aufbrach, um zunächst auf den Aussichtsturm

zu steigen, und nachdem man von der obersten Etage her die

Waldlandschaft, die sich auch in ihrem Schneeschmuck wundervoll

ausnahm, gebührend bewundert und dann den Abstieg glücklich

bewerkstelligt hatte, passierte man den Schloßhof mit der Glaskugel,

um über den Dorfplatz fort in die nach dem See hinunterführende große

Straße einzubiegen. Auf dem Dorfplatze war alles winterlich still, nur

vor dem Kruge standen drei Menschen: Engelke, der die Schneeschipper

vorausgeschickt hatte, mit seinen Plaids über dem Arm, neben ihm

Schulze Kluckhuhn und neben diesem Gendarm Uncke, das Karabinergewehr

über die Schulter gehängt.

»Da treffen wir ja die ganze hohe Obrigkeit,« sagte Dubslav. »Engelke

kann ich auch mitrechnen, der regiert mich, is also eigentlich die

Feudalitätsspitze.«

Während dieser Worte waren die Herrschaften an die Gruppe herangetreten.

»Freut mich, daß ich Sie treffe, Kluckhuhn. Ich denke, Sie begleiten

uns ... Frau Gräfin, darf ich Ihnen hier unsern Dorfherrscher

vorstellen? Schulze Kluckhuhn, alter Vierundsechziger.«

Und nun ordnete sich der Zug. Dubslav und Uncke schlossen ab, Woldemar,

Armgard und Tante Adelheid hielten die Mitte; Melusine schritt voran,

Rolf Krake neben ihr.

»Ich bin froh,« sagte Melusine, »Sie bei dieser Partie mit dabei zu

sehn. Der alte Herr von Stechlin hat mir schon von Ihnen erzählt, und

daß Sie vierundsechzig mit dabei gewesen. Und ich weiß auch Ihren

Namen; das heißt den zweiten. Und ich darf sagen, ich freue mich immer,

wenn ich so was Hübsches höre.«

»Ach, Rolf Krake,« lachte Kluckhuhn. »Ja, Frau Gräfin, wer den Schaden

hat, darf für den Spott nicht sorgen. Das heißt, von ›Schaden‹ darf ich

eigentlich nicht reden, den hab ich nicht so recht davon gehabt; ich

bin nicht mal angeschossen worden. Und doch is so was billig, wenn's

erst losgeht.«

»Ja, Schulze Kluckhuhn, unsereinem ist so was leider immer verschlossen

oder, wie die Leute hier sagen, verpurrt. Und doch ist das das

eigentliche Leben. So immer bloß einsitzen und ein bißchen Charpie

zupfen, das ist gar nichts. Mit dabei sein, das macht glücklich. Es war

aber trotzdem wohl ein eigenes Gefühl, als Sie da so von Düppel nach

Alsen rüberfuhren und das unheimliche Schiff, der Rolf Krake, so dicht

daneben lag.«

»Ja, das war es, Frau Gräfin, ein ganz eigenes Gefühl. Und mitunter

erscheint mir der Rolf Krake noch im Traum. Und is auch nicht zu

verwundern. Denn Rolf Krake war wie ein richtiges Gespenst. Und wenn

solch Gespenst einen packt, ja, da ist man weg ... Und dabei bleib ich,

Frau Gräfin, sechsundsechzig war nicht viel und siebzig war auch nicht

viel.«

»Aber die großen Verluste ...«

»Ja, die Verluste waren groß, das ist richtig. Aber Verluste, Frau

Gräfin, das is eigentlich gar nichts. Natürlich wen es trifft, für den

is es was. Aber ich meine jetzt das, was man dabei so das Moralische

nennt; und darauf kommt es an, nicht auf die Verluste, nicht auf viel

oder wenig. Wenn einer eine Böschung raufklettert und nu steht er oben

und schleicht sich ran, immer mit nem Pulversack und nem Zünder in der

Hand, und nu legt er an, und nu fliegt alles in die Luft und er mit.

Und nu ist die Festung oder die Schanze offen. Ja, Frau Gräfin, das ist

was. Und das hat unser Pionier Klinke getan. Der war moralisch. Ich

weiß nicht, ob Frau Gräfin mal von ihm gehört haben, aber dafür leb

ich und sterb ich: immer bloß das Kleine, da zeigt sich's, was einer

kann. Wenn ein Bataillon ran muß un ich stecke mitten drin, ja, was

will ich da machen? Da muß ich mit. Und baff, da lieg ich. Und nu bin

ich ein Held. Aber eigentlich bin ich keiner. Es ist alles bloß ›Muß‹,

und solche Mußhelden gibt es viele. Das is, was ich die großen Kriege

nenne. Klinke mit seinem Pulversack, ja, der war bloß was Kleines, aber

er war doch groß. Und ebenso (wenn er auch unser Feind war) dieser Rolf

Krake.«

So ging historisch-retrospektiv das Gespräch an der Tete, während

Dubslav und Uncke, die den Zug abschlossen, mit ihrem Thema mehr in der

Gegenwart standen.

»Is mir lieb, Uncke, Sie mal wieder zu treffen. Seit Rheinsberg hab

ich Sie nicht mehr gesehn. Ich denke mir, Torgelow is nu wohl schon

im besten Gange. So wie Bebel. Ich kriege natürlich jeden Tag meine

Zeitung, aber es is mir immer zu viel und das große Format und das

dünne Papier. Da kuck ich denn nich immer ganz genau zu. Hat er denn

schon gesprochen?«

»Ja, Herr Major, gesprochen hat er schon. Aber nich viel. Un war auch

kein rechter Beifall. Auch nich mal bei seinen eignen Leuten.«

»Er wird wohl die Sache noch nicht recht weghaben. Ich meine das, was

sie jetzt das Parlamentarische nennen. Das schad't aber nichts und ist

eigentlich egal. Wichtiger is, wie sie hier in unserm Ruppiner Winkel,

in unserm Rheinsberg-Wutz über ihn denken. Sind sie denn da mit ihm

zufrieden?«

»Auch nicht, Herr Major. Sie sagen, er sei zweideutig.«

»Ja, Uncke, so heißt es überall. Das is nu mal so, das is nicht zu

ändern. In Frankreich heißt es immer gleich ›Verrat‹, und hier sagen

sie ›zweideutig‹. Da war auch einer von uns, den ich nicht nennen will,

von dem hieß es auch so ...«

»Von dem hieß es auch so. Ja, Herr Major. Und Pyterke, der immer gut

Bescheid weiß, der sagte mir schon damals in Rheinsberg: ›Uncke,

glauben Sie mir, da hat sich der Herr Major eine Schlange an seinem

Busen großgezogen.‹«

»Kann ich mir denken; klingt ganz nach Pyterke. Der spricht immer so

gebildet. Aber is es auch richtig?«

»Is schon richtig, Herr Major. Herr Major denken immer das Gute von nem

Menschen, weil Sie so viel zu Hause sitzen und selber so sind. Aber

wer so rum kommt wie ich. Alle lügen sie. Was sie meinen, das sagen

sie nich, und was sie sagen, das meinen sie nich. Is kein Verlaß mehr;

alles zweideutig.«

»Ja, so rund raus, Uncke, das war früher, aber das geht jetzt nicht

mehr. Man darf keinem so alles auf die Nase binden. Das is eben, was

sie jetzt ›politisches Leben‹ nennen.«

»Ach, Herr Major, das mein ich ja gar nicht. Das Politische ... Jott,

wenn einer sich ins Politische zweideutig macht, na, dann muß ich ihn

anzeigen, das is Dienst. Darum gräm ich mich aber nich. Aber was nich

Dienst is, was man so bloß noch nebenbei sieht, das kann einen mitunter

leid tun. So bloß als Mensch.«

»Aber, lieber Uncke, was is denn eigentlich los? Wenn man Sie so hört,

da sollte man ja wahrhaftig glauben, es ginge zu Ende ... Nu ja, in

der Welt draußen, da klappt nich immer alles. Aber so im Schoß der

Familie ...«

»Jott, Herr Major, das is es ja eben. In diesem Schoß der Familie, da

is es ja gerad am schlimmsten. Und sogar in dem jüdischen Schoß, der

doch immer noch der beste war.«

»Beispiele, Uncke, Beispiele.«

»Da haben wir nu hier, um bloß ein Beispiel zu geben, unsern guten

alten Baruch Hirschfeld in Gransee. Frommer alter Jude ...«

»Kenn ich. Kenn ich ganz gut, beinah zu gut. Nu, der hat nen Sohn, und

mit dem is er mitunter verschiedner Meinung. Aber dagegen is doch nicht

viel zu sagen; das is in der ganzen Welt so. Der Alte hängt noch am

Alten, und der Junge, nu, der is eben ein Jungscher und bramarbasiert

ein bißchen. Ich weiß nicht recht, zu welcher Partei er sich hält, er

wird aber wohl für Torgelow gestimmt haben. Nu, mein Gott, warum nicht?

Das tun jetzt viele. Daran muß man sich gewöhnen. Das is eben das

Politische.«

»Nein, Herr Major. Herr Major wollen verzeihn, aber bei diesem Isidor

is es nicht das Politische. Komme ja jeden dritten Tag hin und seh den

Alten in seinem Laden und höre, was er da red't und red't. Und der

Junge red't auch und red't immer vons ›Prinzip‹. Das Prinzip is ihm

aber egal. Er will bloß mogeln und den Alten an die Wand drücken. Und

das ist das, was ich das Zweideutige nenne.«

* * * * *

Armgard, Woldemar und Tante Adelheid hatten die Mitte genommen. Als

sie bis in die Nähe der Seespitze gekommen waren, immer unter einem

verschneiten Buchen- und Eichengange hin, wurden sie durch ein Geräusch

wie von brechenden kleinen Ästen aufmerksam gemacht, und ihr Auge nach

oben richtend, gewahrten sie, wie zwei Eichhörnchen über ihnen spielten

und in beständigem Sichhaschen von Baum zu Baum sprangen. Die Zweige

knickten, und der Schnee stäubte hernieder. Armgard mochte sich von

dem Schauspiel nicht trennen, lachte, wenn die momentan verschwundenen

Tierchen mit einem Male wieder zum Vorschein kamen, und gab ihre

Beobachtung erst auf, als die Domina, nicht direkt unfreundlich,

aber doch ziemlich ungeduldig und jedenfalls wie gelangweilt, zu ihr

bemerkte: »Ja, Komtesse, die springen; es sind eben Eichhörnchen.«

Einige Minuten später hatten alle die Bank erreicht, von der aus

man den besten Blick auf den zugefrorenen See hatte. Das Eis zeigte

sich hoch mit Schnee bedeckt, aber in seiner Mitte war doch schon

eine gefegte Stelle, zu der vom Ufer her eine schmale, gleichfalls

freigeschaufelte Straße hinüberführte. Engelke legte die Decken über

die Bank, und die Damen, die von dem halbstündigen und zuletzt etwas

ansteigenden Wege müde geworden waren, nahmen alle drei Platz, während

sich Rolf Krake und Uncke wie Schildhalter zu beiden Seiten der Bank

aufstellten. Dubslav dagegen plazierte sich in Front und machte,

während er einen landläufigen Führerton anschlug, den Cicerone. »Hab

die Ehr, Ihnen hier die große Sehenswürdigkeit von Dorf und Schloß

Stechlin zu präsentieren, unsern See, +meinen+ See, wenn Sie mir das

Wort gestatten wollen. Alle möglichen berühmten Naturforscher waren

hier und haben sich höchst schmeichelhaft über den See geäußert. Immer

hieß es: ›es stehe wissenschaftlich fest.‹ Und das ist jetzt das

Höchste. Früher sagte man: ›es steht in den Akten‹. Ich lasse dabei

dahingestellt sein, wovor man sich tiefer verbeugen muß.«

»Ja,« sagte Melusine, »das ist nun also der große Moment. Orientiert

bin ich. Aber wie das mit allem Großen geht, ich empfinde doch auch

etwas von Enttäuschung.«

»Das ist, weil wir Winter haben, gnädigste Gräfin. Wenn Sie die offene

Seefläche vor sich hätten und in der Vorstellung stünden: ›jetzt

bildet sich der Trichter und jetzt steigt es herauf‹, so würden Sie

mutmaßlich nichts von Enttäuschung empfinden. Aber jetzt! Das Eis macht

still und duckt das Revolutionäre. Da kann selbst unser Uncke nichts

notieren. Nicht wahr, Uncke?«

Uncke schmunzelte.

»Im übrigen seh ich zu meiner Freude -- und das verdanken wir wieder

unserm guten Kluckhuhn, der an alles denkt und alles vorsieht --, daß

die Schneeschipper auch ein paar ihrer Pickäxte mitgebracht haben.

Ich taxiere das Eis auf nicht dicker als zwei Fuß, und wenn sich die

Leute dran machen, so haben wir in zehn Minuten eine große Lune, und

der Hahn, wenn er nur sonst Lust hat, kommt aus seiner Tiefe herauf.

Befehlen Frau Gräfin?«

»Um Gottes willen, nein. Ich bin sehr für solche Geschichten und bin

glücklich, daß die Familie Stechlin diesen See hat. Aber ich bin

zugleich auch abergläubisch und mag kein Eingreifen ins Elementare.

Die Natur hat jetzt den See überdeckt; da werd ich mich also hüten,

irgendwas ändern zu wollen. Ich würde glauben, eine Hand führe heraus

und packte mich.«

Adelheid war bei diesen Worten immer gerader und länger geworden und

rückte mit Ostentation von Melusine weg, mehr der Banklehne zu, wo,

halb wie das gute Gewissen, halb wie die göttliche Weltordnung, Uncke

stand und durch seine bloße Gegenwart den Gemütszustand der Domina

wieder beschwichtigte. Nur von Zeit zu Zeit sah sie fragend, forschend

und vorwurfsvoll auf ihren Bruder.

Dieser wußte genau, was in seiner Schwester Seele vorging. Es

erheiterte ihn ungemein, aber es beunruhigte ihn doch auch. Wenn

diese Gefühle wuchsen, wohin sollte das führen? Die Möglichkeit einer

schrecklichen Szene, die sein Haus mit einer nicht zu tilgenden Blame

behaftet hätte, trat dabei vor seine Seele.

Der Himmel hatte aber ein Einsehn. Schon seit einer Viertelstunde

lag ein grauer Ton über der Landschaft, und plötzlich fielen Flocken,

erst vereinzelte, dann dicht und reichlich. Den Weg bis Globsow

fortzusetzen, daran war unter diesen Umständen gar nicht mehr zu

denken, und so brach man denn auf, um ins Schloß zurückzukehren.

Auch auf einen Besuch in der Kirche, weil es da zu kalt sei, wurde

verzichtet.

Neunundzwanzigstes Kapitel

Der Heimweg war gemeinschaftlich angetreten worden, aber doch nur bis

an die Dorfstraße. Hier teilte man sich in drei Gruppen, eine jede mit

verschiedenem Ziel: Dubslav, Tante Adelheid und Armgard gingen auf das

Herrenhaus, Uncke und Rolf Krake auf das Schulzenamt, Woldemar und

Melusine dagegen auf die Pfarre zu. Woldemar freilich nur bis an den

Vorgarten, wo er sich von Melusine verabschiedete.

Lorenzen, so lang er Woldemar und Melusine sich seiner Pfarre nähern

sah, hatte verlegen am Fenster gestanden, kam aber, als das Paar sich

draußen trennte, so ziemlich wieder zu sich. Er war nun schon so lange

jeder Damenunterhaltung entwöhnt, daß ihm ein Besuch wie der der Gräfin

zunächst nur Verlegenheit schaffen konnte; wenn's denn aber durchaus

sein mußte, so war ihm ein Tete-a-Tete mit ihr immer noch lieber,

als eine Plauderei zu dritt. Er ging ihr denn auch bis in den Flur

entgegen, war ihr hier beim Ablegen behilflich und sprach ihr -- weil

er jede Scheu rasch von sich abfallen fühlte -- ganz aufrichtig seine

Freude aus, sie in seiner Pfarre begrüßen zu dürfen. »Und nun bitt ich

Sie, Frau Gräfin, sich's unter meinen Büchern hier nach Möglichkeit

bequem machen zu wollen. Ich bin zwar auch Inhaber einer Putzstube,

mit einem dezenten Teppich und einem kalten Ofen; aber ich könnte das

gesundheitlich nicht verantworten. Hier haben wir wenigstens eine gute

Temperatur.«

»Die immer die Hauptsache bleibt. Ach, eine gute Temperatur!

Gesellschaftlich ist sie beinah alles und dabei leider doch so selten.

Ich kenne Häuser, wo, wenn Sie den Widersinn verzeihen wollen, der

kalte Ofen gar nicht ausgeht. Aber erlassen Sie mir gütigst den

Sofaplatz hier; ich fühle mich dazu noch nicht ›alte Dame‹ genug und

möcht auch gern ~en vue~ der beiden Bilder bleiben, trotzdem ich das

eine davon schon so gut wie kenne.«

»Die Kreuzabnahme?«

»Nein! das andre.«

»Die Lind also?«

»Ja.«

»So haben Sie das schöne Bild in der Nationalgalerie gesehn?«

»Auch das. Aber doch freilich erst seit ganz kurzem, während ich von

Ihrer Aquarellkopie schon seit ein paar Monaten weiß. Das war auf einer

Dampfschiffahrt, die wir nach dem sogenannten Eierhäuschen machten,

und der Ausplauderer über das Bild da vor mir war niemand anders als

Ihr Zögling Woldemar, auf den Sie stolz sein können. Er freilich würde

den Satz umkehren, oder sage ich lieber, er tat es. Denn er sprach mit

solcher Liebe von Ihnen, daß ich Sie von jenem Tag an auch herzlich

liebe, was Sie sich schon gefallen lassen müssen. Ein Glück nur, daß

er sich draußen verabschiedet hat und nicht hören kann, was ich hier

sage ...«

Lorenzen lächelte.

»Sonst hätten sich diese Bekenntnisse verboten. Aber da sie nun mal

gemacht sind und man nie weiß, wann und wie man wieder zusammenkommt,

so lassen Sie mich darin fortfahren. Woldemar erzählte mir -- Pardon

für meine Indiskretion -- von Ihrer Schwärmerei für die Lind. Und da

horchten wir denn auf und beneideten Sie fast. Nichts beneidenswerter

als eine Seele, die schwärmen kann. Schwärmen ist fliegen, eine

himmlische Bewegung nach oben.«

Lorenzen stutzte. Das war doch mehr als eine bloß liebenswürdige Dame

aus der Gesellschaft.

»Und um es kurz zu machen,« fuhr Melusine fort, »Woldemar sprach bei

dieser Gelegenheit wie von Ihrer ersten Liebe« (und dabei wies sie

lächelnd auf das Bildchen der Lind) »so auch von Ihrer letzten -- nein,

nein, nicht von Ihrer letzten; +Sie+ werden immer eine neue finden --,

sprach also von Ihrer Begeisterung für den herrlichen Mann da weit

unten am Tajo, von Ihrer Begeisterung für den Joao de Deus. Und als er

ausgesprochen hatte, da haben wir uns alle, die wir zugegen waren, um

den ›~Un Santo~‹ geschart und einen geheimen Bund geschlossen. Erst

um den ›~Un Santo~‹ und zum zweiten um Sie selbst. Und nun frag ich

Sie, wollen Sie mittun in diesem unserm Bunde, der ohne sie gar nicht

existierte? Mir ist manches verquer gegangen. Aber ich bin, denk ich,

dem Tage nahe, der mich ahnen läßt, daß unsre Prüfungen auch unsre

Segnungen sind und daß mir alles Leid nur kam, um den Stab, der trägt

und stützt, fester zu umklammern. Ich darf leider nicht hinzusetzen,

daß dieser Stab (möglich, daß er sich einst dazu auswächst) das Kreuz

sei. Meiner ganzen Natur nach bin ich ungläubig. Aber ich hoffe sagen

zu dürfen: ich bin wenigstens demütig.«

Der Stechlin: Roman · 第 22 / 33 段