»Mein lieber Woldemar. Die Würfel sind nun also gefallen (früher hieß

es ~alea jacta est~, aber so altmodisch bin ich denn doch nicht mehr),

und da zwei Sechsen obenauf liegen, kann ich nur sagen: ich gratuliere.

Nach dem Gespräch übrigens, das ich am 3. Oktober morgens mit Dir

führte, während wir um unsern Stechliner Springbrunnen herumgingen

(seit drei Tagen springt er nicht mehr; wahrscheinlich werden die

Mäuse das Röhrenwerk angeknabbert haben) -- seit jenem Oktobermorgen

hab ich so was erwartet, nicht mehr, aber auch nicht weniger. Du wirst

nun also Karriere machen, glücklicherweise zunächst durch Dich selbst

und dann allerdings auch durch Deine Braut und deren Familie. Graf

Barby -- mit Rübenboden im Magdeburgischen und mit Mineralquellen im

Graubündischen -- höher hinauf geht es kaum, Du müßtest Dich denn bis

ins Katzlersche verirren. Armgard ist auch schon viel, aber Ermyntrud

doch mehr und für den armen Katzler jedenfalls zu viel. Ja, mein

lieber Woldemar, Du kommst nun also zu Vermögen und Einfluß und kannst

die Stechlins wieder raufbringen (gestern war Baruch Hirschfeld hier

und in allem willfährig; die Juden sind nicht so schlimm, wie manche

meinen), und wenn Du dann hier einziehst und statt der alten Kate so

was in Chateaustil bauen läßt und vielleicht sogar eine Fasanenzucht

anlegst, so daß erst der Post-Stephan und dann der Kaiser selbst bei

Dir zu Besuch kommen kann, ja, da kannst Du möglicherweise selbst das

erreichen, was Dein alter Vater, weil Feilenhauer Torgelow mächtiger

war als er, nicht erreichen konnte: den Einzug ins Reichshaus mit

dem freien Blick auf Kroll. Mehr kann ich in diesem Augenblick nicht

sagen, auch meine Freude nicht höher spannen, und in diesem relativen

Ruhigbleiben empfind ich zum erstenmal eine gewisse Familienähnlichkeit

mit meiner Schwester Adelheid, deren Glaubensbekenntnis im letzten

darauf hinausläuft: Kleinadel über Hochadel, Junker über Graf. Ja,

ich fühle, Deinen Gräflichkeiten gegenüber, wie sich der Junker ein

bißchen in mir regt. Die reichen und vornehmen Herren sind doch immer

ganz eigene Leute, die wohl Fühlung mit uns haben, unter Umständen

auch suchen, aber das Fühlunghalten nach oben ist ihnen schließlich

doch viel, viel wichtiger. Es heißt wohl immer »wir Kleinen, wir

machten alles und könnten alles,« aber bei Lichte besehn, ist es bloß

das alte: ›Du glaubst zu schieben und Du wirst geschoben.‹ Glaube

mir, Woldemar, wir werden geschoben und sind bloß Sturmbock. Immer

dieselbe Geschichte, wie mit Protz und Proletarier. Die Proletarier

-- wie sie noch echt waren, jetzt mag es wohl anders damit sein --

waren auch bloß immer dazu da, die Kastanien aus dem Feuer zu holen;

aber ging es dann schief, dann wanderte Bruder Habenichts nach Spandau

und Bruder Protz legte sich zu Bett. Und mit Hochadel und Kleinadel

ist es beinah ebenso. Natürlich heiratet eine Ermyntrud mal einen

Katzler, aber eigentlich äugt sie doch mehr nach einem Stuart oder

Wasa, wenn es deren noch gibt. Wird aber wohl nich. Entschuldige diesen

Herzenserguß, dem Du nicht mehr Gewicht beilegen mußt, als ihm zukommt.

Es kam mir das alles so von ungefähr in die Feder, weil ich grade heute

wieder gelesen habe, wie man einen von uns, der durch Eintreten eines

Ippe-Büchsenstein hätte gerettet werden können, schändlich im Stich

gelassen hat. Ippe-Büchsenstein ist natürlich nur Begriff. Alles in

allem: ich habe zu Dir das Vertrauen, daß Du richtig gewählt hast,

und daß man Dich nicht im Stiche lassen wird. Außerdem, ein richtiger

Märker hat Augen im Kopf und is beinah so helle wie'n Sachse.

Wie immer Dein alter Vater Dubslav von Stechlin.«

* * * * *

Es war Ende November, als Woldemar diesen Brief erhielt. Er überwand

ihn rasch, und am dritten Tag las er alles schon mit einer gewissen

Freudigkeit. Ganz der Alte; jede Zeile voll Liebe, voll Güte, voll

Schnurrigkeiten. Und eben diese Schnurren, trafen sie nicht eigentlich

auch den Nagel auf den Kopf? Sicherlich. Was aber das Beste war, so

sehr das alles im allgemeinen passen mochte, auf die Barbys paßte so

gut wie nichts davon; die waren doch anders, die suchten nicht Fühlung

nach oben und nicht nach unten, die marchandierten nicht mit links und

nicht mit rechts, die waren nur Menschen, und daß sie nur +das+ sein

wollten, das war ihr Glück und zugleich ihr Hochgefühl. Woldemar sagte

sich denn auch, daß der Alte, wenn er sie nur erst kennen gelernt haben

würde, mit fliegenden Fahnen ins Barbysche Lager übergehen würde. Der

alte Graf, Armgard und vor allem Melusine. Die war genau das, was der

Alte brauchte, wobei ihm das Herz aufging.

Den Weihnachtsabend verbrachte Woldemar am Kronprinzenufer. Auch

Wrschowitz und Cujacius -- von denen jener natürlich unverheiratet,

dieser wegen beständiger Streiterei von seiner Frau geschieden war --

waren zugegen. Cujacius hatte gebeten, ein Krippentransparent malen zu

dürfen, was denn auch, als es erschien, auf einen Nebentisch gestellt

und allseitig bewundert wurde. Die drei Könige waren Porträts: der alte

Graf, Cujacius selbst und Wrschowitz (als Mohrenkönig); letzterer,

trotz Wollhaar und aufgeworfener Lippe, von frappanter Ähnlichkeit.

Auch in der Maria suchte man nach Anlehnungen und fand sie zuletzt;

es war Lizzi, die, wie so viele Berliner Kammerjungfern, einen

sittig verschämten Ausdruck hatte. Nach dem Tee wurde musiziert, und

Wrschowitz spielte -- weil er dem alten Grafen eine Aufmerksamkeit

zu erweisen wünschte -- die Polonaise von Oginski, bei deren erster,

nunmehr um siebzig Jahre zurückliegenden Aufführung, einem alten ~on

dit~ zufolge, der polnisch gräfliche Komponist im Schlußmomente sich

erschossen haben sollte. Natürlich aus Liebe. »Brav, brav,« sagte der

alte Graf und war, während er sich beinah überschwenglich bedankte, so

sehr aus dem Häuschen, daß Wrschowitz schließlich schelmisch bemerkte:

»Den Piffpaffschluß muß ich mir versagen, Herr Graff, trotzdem meine

Vererrung (Blick auf Armgard) serr groß ist, fast so groß wie die

Vererrung des Grafen vor Graff Oginski.«

So verlief der Heiligabend.

Schon vorher war man übereingekommen, am zweiten Feiertage zu

dritt einen Ausflug nach Stechlin zu machen, um dort die künftige

Schwiegertochter dem Schwiegervater vorzustellen. Noch am Christabend

selbst, trotzdem Mitternacht schon vorüber, schrieb denn auch Woldemar

einige Zeilen nach Stechlin hin, in denen er sich samt Braut und

Schwägerin für den zweiten Feiertagabend anmeldete.

Rechtzeitig trafen Woldemars Zeilen in Stechlin ein. »Lieber Papa. Wir

haben vor, am zweiten Feiertage mit dem Spätnachmittagszuge von hier

aufzubrechen. Wir sind dann um sieben auf dem Granseer Bahnhof und

um neun oder nicht viel später bei Dir. Armgard ist glücklich, Dich

endlich kennen zu lernen, +den+ kennen zu lernen, den sie seit lange

verehrt. Dafür, mein lieber Papa, hab ich Sorge getragen. Graf Barby,

der nicht gut bei Wege ist, was ihn hindert mitzukommen, will Dir

angelegentlich empfohlen sein. Desgleichen Gräfin Ghiberti, die uns als

Dame d'honneur begleiten wird. Armgard ist in Furcht und Aufregung wie

vor einem Examen. Sehr ohne Not. Kenn ich doch meinen Papa, der die

Güte und Liebe selbst ist. Wie immer Dein Woldemar.«

Engelke stand neben seines Herrn Stuhl, als dieser die Zeilen halblaut,

aber doch in aller Deutlichkeit vorlas. »Nun, Engelke, was sagst du

dazu?«

»Ja, gnädger Herr, was soll ich dazu sagen. Es is ja doch, was man sone

›gute Nachricht‹ nennt.«

»Natürlich is es ne gute Nachricht. Aber hast du noch nicht erlebt, daß

einen gute Nachrichten auch genieren können?«

»Jott, gnädger Herr, ich kriege keine.«

»Na, denn sei froh; dann weißt du nicht, was ›gemischte Gefühle‹ sind.

Sieh, ich habe jetzt gemischte Gefühle. Da kommt nun mein Woldemar.

Das is gut. Und da bringt er seine Braut mit, das is wieder gut. Und

da bringt er seine Schwägerin mit, und das is wahrscheinlich auch gut.

Aber die Schwägerin ist eine Gräfin mit einem italienischen Namen, und

die Braut heißt Armgard, was doch auch schon sonderbar ist. Und beide

sind in England geboren, und ihre Mutter war aus der Schweiz, von einer

Stelle her, von der man nicht recht weiß, wozu sie gehört, weil da

alles schon durcheinander geht. Und überall haben sie Besitzungen, und

Stechlin ist doch bloß ne Kate. Sieh, Engelke, das is genierlich und

gibt das, was ich ›gemischte Gefühle‹ nenne.«

»Nu ja, nu ja.«

»Und dann müssen wir doch auch repräsentieren. Ich muß ihnen doch

irgendeinen Menschen vorsetzen. Ja, wen soll ich ihnen vorsetzen? Viel

is hier nich. Da hab ich Adelheiden. Natürlich, die muß ich einladen,

und sie wird auch kommen, trotzdem Schnee gefallen ist; aber sie kann

ja nen Schlitten nehmen. Vielleicht ist ihr Schlitten besser als ihr

Wagen. Gott, wenn ich an das Verdeck denke mit der großen Lederflicke,

da wird mir auch nicht besser. Und dabei denkt sie, ›sie is was‹, was

am Ende auch wieder gut is, denn wenn der Mensch erst denkt, ›es is gar

nichts mit ihm‹, dann is es auch nichts.«

»Und dann, gnädger Herr, sie is ja doch ne Domina und hat nen Rang. Und

ich hab auch mal gelesen, sie sei eigentlich mehr als ein Major.«

»Na, jedenfalls ist sie mehr als ihr Bruder; so'n vergessener Major

is ein Jammer. Aber Adelheid selbst, so auf'n ersten Anhieb, is auch

bloß so so. Wir müssen jedenfalls noch wen dazu haben. Schlage was vor.

Baron Beetz und der alte Zühlen, die die besten sind, die wohnen zu

weit ab, und ich weiß nicht, seit wir die Eisenbahnen haben, laufen die

Pferde schlechter. Oder es kommt einem auch bloß so vor. Also die guten

Nummern fallen aus. Und da sind wir denn wieder bei Gundermann.«

»Ach, gnädger Herr, den nich. Un er soll ja auch so zweideutig

sein. Uncke hat es mir gesagt; Uncke hat freilich immer das Wort

›zweideutig‹. Aber es wird wohl stimmen. Un dann die Frau Gundermann.

Das is ne richtige Berlinsche. Verlaß is auf ihm nich und auf ihr nich.«

»Ja, Engelke, du sollst mir helfen und machst es bloß noch schlimmer.

Wir könnten es mit Katzler versuchen, aber da ist das Kind krank, und

vielleicht stirbt es. Und dann haben wir natürlich noch unsern Pastor;

nu der ginge, bloß daß er immer so still dasitzt, wie wenn er auf den

heiligen Geist wartet. Und mitunter kommt er; aber noch öfter kommt er

nicht. Und solche Herrschaften, die dran gewöhnt sind, daß einer in

einem fort was Feines sagt, ja, was sollen die mit unserm Lorenzen? Er

ist ein Schweiger.«

»Aber er schweigt doch immer noch besser, als die Gundermannsche red't.«

»Das is richtig. Also Lorenzen, und vielleicht, wenn das Kind sich

wieder erholt, auch Katzler. Ein Schelm gibt mehr, als er hat. Und

dann, Engelke, solche Damen, die überall rum in der Welt waren, da

weiß man nie, wie der Hase läuft. Es ist möglich, daß sie sich für

Krippenstapel interessieren. Oder höre, da fällt mir noch was ein. Was

meinst du zu Koseleger?«

»Den hatten wir ja noch nie.«

»Nein, aber Not lehrt beten. Ich mache mir eigentlich nicht viel aus

ihm, indessen is und bleibt er doch immer ein Superintendent, und das

klingt nach was. Und dann war er ja mit ner russischen Großfürstin

auf Reisen, und solche Großfürstin is eigentlich noch mehr als ne

Prinzessin. Also sprich mal mit Kluckhuhn, der soll nen Boten schicken.

Ich schreibe gleich ne Karte.«

* * * * *

Katzler sagte ab oder ließ es doch unbestimmt, ob er kommen könne,

Koseleger dagegen, was ein Glück war, nahm an, und auch Schwester

Adelheid antwortete durch den Boten, den Dubslav geschickt hatte:

»daß sie den zweiten Feiertag in Stechlin eintreffen und soweit wie

dienlich und schicklich nach dem Rechten sehen würde.« Adelheid war

in ihrer Art eine gute Wirtin und stammte noch aus den alten Zeiten,

wo die Damen bis zum »Schlachten« und »Aalabziehen« herunter alles

lernten und alles konnten. Also nach dieser Seite hin entschlug sich

Dubslav jeder Befürchtung. Aber wenn er sich dann mit einem Male

vergegenwärtigte, daß es seiner Schwester vielleicht in den Sinn kommen

könne, sich auf ihren Uradel oder auf die Vorzüge sechshundertjähriger

märkischer »Eingesessenheit« zu besinnen, so fiel alles, was er sich

in dem mit Engelke geführten Gespräch an Trost zugesprochen hatte,

doch wieder von ihm ab. Ihm bangte vor der Möglichkeit einer seitens

seiner Schwester »aufgesetzten hohen Miene« wie vor einem Gespenst, und

desgleichen vor der Kostümfrage. Wohl war er sich, ob er nun seine rote

Landstandsuniform oder seinen hochkragigen schwarzen Frack anlegte,

seiner eignen altmodischen Erscheinung voll bewußt, aber nebenher, was

seine Person anging, doch auch wieder einer gewissen Patriarchalität.

Einen gleichen Trost konnt er dem äußern Menschen seiner Schwester

Adelheid nicht entnehmen. Er wußte genau, wie sie kommen würde:

schwarzes Seidenkleid, Rüsche mit kleinen Knöpfelchen oben und die

Siebenkurfürstenbrosche. Was ihn aber am meisten ängstigte, war der

Moment nach Tisch, wo sie, wenn sie sich einigermaßen behaglich zu

fühlen anfing, ihre Wutzer Gesamtchaussure auf das Kamingitter zu

stellen und die Wärme von unten her einzusaugen pflegte.

* * * * *

Gleich nach sieben trafen Woldemar und die Barbyschen Damen auf dem

Granseer Bahnhof ein und fanden Martin und den Stechlinschen Schlitten

vor, letzterer insoweit ein Prachtstück, als er ein richtiges Bärenfell

hatte, während andrerseits Geläut und Schneedecken und fast auch die

Pferde mehr oder weniger zu wünschen übrigließen. Aber Melusine sah

nichts davon und Armgard noch weniger. Es war eine reizende Fahrt; die

Luft stand, und am stahlblauen Himmel oben blinkten die Sterne. So ging

es zwischen den eingeschneiten Feldern hin, und wenn ihre Kappen und

Hüte hier und dort die herniederhängenden Zweige streiften, fielen die

Flocken in ihren Schlitten. In den Dörfern war überall noch Leben, und

das Anschlagen der Hunde, das vom nächsten Dorf her beantwortet wurde,

klang übers Feld. Alle drei Schlitteninsassen waren glücklich, und ohne

daß sie viel gesprochen hätten, bogen sie zuletzt, eine weite Kurve

machend, in die Kastanienallee ein, die sie nun rasch, über Dorfplatz

und Brücke fort, bis auf die Rampe von Schloß Stechlin führte. Dubslav

und Engelke standen hier schon im Portal und waren den Damen beim

Aussteigen behilflich. Beim Eintritt in den großen Flur war für diese

das erste, was sie sahen, ein mächtiger, von der Decke herabhängender

Mistelbusch; zugleich schlug die Treppenuhr, deren Hippenmann wie

verwundert und beinah verdrießlich auf die fremden Gäste herniedersah.

Viele Lichter brannten, aber es wirkte trotzdem alles wie dunkel.

Woldemar war ein wenig befangen, Dubslav auch. Und nun wollte Armgard

dem Alten die Hand küssen. Aber das gab diesem seinen Ton und seine

gute Laune wieder: »Umgekehrt wird ein Schuh draus.«

»Und zuletzt ein Pantoffel,« lachte Melusine.

Siebenundzwanzigstes Kapitel

»Das ist eine Dame und ein Frauenzimmer dazu,« sagte sich Dubslav still

in seinem alten Herzen, als er jetzt Melusine den Arm bot, um sie vom

Flur her in den Salon zu führen. »So müssen Weiber sein.«

Auch Adelheid mühte sich, Entgegenkommen zu zeigen, aber sie war wie

gelähmt. Das Leichte, das Heitre, das Sprunghafte, das die junge Gräfin

in jedem Wort zeigte, das alles war ihr eine fremde Welt, und daß ihr

eine innere Stimme dabei beständig zuraunte: »Ja, dies Leichte, das

du nicht hast, das ist das Leben, und das Schwere, das du hast, das

ist eben das Gegenteil davon,« -- das verdroß sie. Denn trotzdem sie

beständig Demut predigte, hatte sie doch nicht gelernt, sich in Demut

zu überwinden. So war denn alles, was über ihre Lippen kam, mehr oder

weniger verzerrt, ein Versuch zu Freundlichkeiten, die schließlich

in Herbigkeiten ausliefen. Lorenzen, der erschienen war, half nach

Möglichkeit aus, aber er war kein Damenmann, noch weniger ein Causeur,

und so kam es denn, daß Dubslav mit einer Art Sehnsucht nach dem

Oberförster aufblickte, trotzdem er doch seit Mittag wußte, daß er

nicht kommen würde. Das jüngste Töchterchen war nämlich gestorben und

sollte den andern Tag schon auf einem kleinen, von Weihnachtsbäumen

umstellten Privatfriedhofe, den sich Katzler zwischen Garten und Wald

angelegt hatte, begraben werden. Es war das vierte Töchterchen in der

Reihe; jede lag in einer Art Gartenbeet und hatte, wie ein Samenkorn,

dessen Aufgehen man erwartet, ein Holztäfelchen neben sich, drauf der

Name stand. Als Dubslavs Einladung eingetroffen war, war Ermyntrud, wie

gewöhnlich, in Katzler gedrungen, der Einladung zu folgen. »Ich wünsche

nicht, daß du dich deinen gesellschaftlichen Pflichten entziehst, auch

heute nicht, trotz des Ernstes der Stunde. Gesellschaftlichkeiten

sind auch Pflichten. Und die Barbyschen Damen -- ich erinnere mich

der Familie -- werden gerade wegen der Trauer, in der wir stehn, in

deinem Erscheinen eine besondere Freundlichkeit sehen. Und das ist

genau das, was ich wünsche. Denn die Komtesse wird über kurz oder

lang unsre nächste Nachbarin sein.« Aber Katzler war fest geblieben

und hatte betont, daß es Höheres gäbe als Gesellschaftlichkeiten und

daß er durchaus wünsche, daß dies gezeigt werde. Der Prinzessin Auge

hatte während dieser Worte hoheitsvoll auf Katzler geruht, mit einem

Ausdruck, der sagen zu wollen schien: »Ich weiß, daß ich meine Hand

keinem Unwürdigen gereicht habe.«

Katzler also fehlte. Doch auch Koseleger, trotz seiner Zusage, war

noch nicht da, so daß Dubslav in die sonderbare Lage kam, sich den

Quaden-Hennersdorfer, aus dem er sich eigentlich nichts machte,

herbeizuwünschen. Endlich aber fuhr Koseleger vor, sein etwas

verspätetes Kommen mit Dienstlichkeiten entschuldigend. Unmittelbar

danach ging man zu Tisch, und ein Gespräch leitete sich ein. Zunächst

wurde von der Nordbahn gesprochen, die, seit der neuen Kopenhagener

Linie, den ihr von früher her anhaftenden Schreckensnamen siegreich

überwunden habe. Jetzt heiße sie die »Apfelsinenbahn,« was doch kaum

noch übertroffen werden könne. Dann lenkte man auf den alten Grafen und

seine Besitzungen im Graubündischen über, endlich aber auf den langen

Aufenthalt der Familie drüben in England, wo beide Töchter geboren

seien.

Dies Gespräch war noch lange nicht erledigt, als man sich von Tisch

erhob, und so kam es, daß sich das Plaudern über eben dasselbe Thema

beim Kaffee, der im Gartensalon und zwar in einem Halbzirkel um

den Kamin herum eingenommen wurde, fortsetzte. Dubslav sprach sein

Bedauern aus, daß ihn in seiner Jugend der Dienst und später die

Verhältnisse daran gehindert hätten, England kennen zu lernen; es sei

nun doch mal das vorbildliche Land, eigentlich für alle Parteien,

auch für die Konservativen, die dort ihr Ideal mindestens ebensogut

verwirklicht fänden wie die Liberalen. Lorenzen stimmte lebhaft

zu, während andrerseits die Domina ziemlich deutliche Zeichen von

Ungeduld gab. England war ihr kein erfreuliches Gesprächsthema, was

selbstverständlich ihren Bruder nicht hinderte, dabei zu verharren.

»Ich möchte mich,« fuhr Dubslav fort, »in dieser Angelegenheit an

unsern Herrn Superintendenten wenden dürfen. Waren Sie drüben?«

»Leider nein, Herr von Stechlin, ich war nicht drüben, sehr zu meinem

Bedauern. Und ich hätt es so leicht haben können. Aber es ist immer

wieder die alte Geschichte: was man in ein paar Stunden und mitunter

in ein paar Minuten erreichen kann, das verschiebt man, eben weil es

so nah ist, und mit einemmal ist es zu spät. Ich war Jahr und Tag

im Haag, und von da nach Dover hinüber war nicht viel mehr als nach

Potsdam. Trotzdem unterblieb es, oder richtiger gerade deshalb. Daß ich

den Tunnel oder den Tower nicht gesehn, das könnt ich mir verzeihn.

Aber das Leben drüben! Wenn irgendwo das viel zitierte Wort von dem

›in einem Tag mehr gewinnen, als in des Jahres Einerlei‹ hinpaßt,

so da drüben. Alles modern und zugleich alles alt, eingewurzelt,

stabilisiert. Es steht einzig da; mehr als irgendein andres Land ist es

ein Produkt der Zivilisation, so sehr, daß die Neigungen der Menschen

kaum noch dem Gesetze der Natur folgen, sondern nur noch dem einer

verfeinerten Sitte.«

Die Domina fühlte sich von dem allem mehr und mehr unangenehm berührt,

besonders als sie sah, daß Melusine zu dem, was Koseleger ausführte,

beständig zustimmend nickte. Schließlich wurd es ihr zu viel. »Alles,

was ich da so höre,« sagte sie, »kann mich für dieses Volk nicht

einnehmen, und weil sie rundum von Wasser umgeben sind, ist alles so

kalt und feucht und die Frauen, bis in die höchsten Stände hinauf,

sind beinah immer in einem Zustand, den ich hier nicht bei Namen

nennen mag. So wenigstens hat man mir erzählt. Und wenn es dann neblig

ist, dann kriegen sie das, was sie den Spleen nennen, und fallen zu

Hunderten ins Wasser, und keiner weiß, wo sie geblieben sind. Denn, wie

mir unser Rentmeister Fix, der drüben war, aufs Wort versichert hat,

sie stehen in keinem Buch und haben auch nicht einmal das, was wir

Einwohnermeldeamt nennen, so daß man beinah sagen kann, sie sind so

gut wie gar nicht da. Und wie sie kochen und braten! Alles fast noch

blutig, besonders das, was wir hier ›englische Beefsteaks‹ nennen. Und

kann auch nicht anders sein, weil sie so viel mit Wilden umgehn und gar

keine Gelegenheit haben, sich einer feineren Gesittung anzuschließen.«

Koseleger und Melusine wechselten verständnisvoll Blicke. Die Domina

aber sah nichts davon und fuhr unentwegt fort: »Fix ist ein guter

Beobachter, auch von Sittenzuständen, und einer ihrer Könige, worüber

ich auch schon als Mädchen einen Aufsatz machen mußte, hat fünf Frauen

gehabt, meist Hofdamen. Und eine hat er köpfen lassen, und eine hat

er wieder nach Hause geschickt. Und war noch dazu eine Deutsche. Und

sie sollen auch keinen eigentlichen Adel mehr haben, weil mal ein

Krieg war, drin sie sich umschichtig enthaupteten, und als alle weg

waren, haben sie gewöhnliche Leute rangezogen und ihnen die alten Namen

gegeben, und wenn man denkt, es ist ein Graf, so ist es ein Bäcker oder

höchstens ein Bierbrauer. Aber viel Geld sollen sie haben, und ihre

Schiffe sollen gut sein und dauerhaft und auch sehr sauber, fast schon

wie holländisch; aber in ihrem Glauben sind sie zersplittert und fangen

auch schon wieder an katholisch zu werden.«

Der alte Dubslav, als die Schwester mit ihrem Vortrag über England

einsetzte, hatte sich mit einem »Schicksal, nimm deinen Lauf« sofort

resigniert. Woldemar aber war immer wieder und wieder bemüht gewesen,

einen Themawechsel eintreten zu lassen, worin er vielleicht auch

reüssiert hätte, wenn nicht Koseleger gewesen wäre. Dieser -- entweder

weil er als ästhetischer Feinschmecker an Adelheids Auslassungen ein

aufrichtiges Gefallen fand, oder aber weil er die von ihm selbst

angeregte Frage hinsichtlich »Natur und Sitte« (die sein Steckenpferd

war) gern weiterspinnen wollte -- hielt an England fest und sagte:

»Die Frau Domina scheint mir davon auszugehn, daß gerade der mitunter

schon an den Wilden grenzende Naturmensch drüben in vollster Blüte

steht. Und ich will das auch nicht in jedem Punkte bestreiten. Aber

daneben begegnen wir einem Lebens- und Gesellschaftsraffinement, das

ich, trotz manchem Anfechtbaren, als einen höchsten Kulturausdruck

bezeichnen muß. Ich erinnere mich unter anderm eines gerade damals

geführten Prozesses, über den ich, als ich im Haag lebte, meiner

kaiserlichen Hoheit täglich Bericht erstatten mußte (High life-Prozesse

gingen ihr über alles), und der Gegenstand, um den sich's dabei

handelte, war so recht der Ausdruck eines verfeinerten oder meinetwegen

auch überfeinerten Kulturlebens. So recht das Gegenteil von bloßem

Naturburschentum. Es ist freilich eine ziemlich lange Geschichte ...«

»Schade,« sagte Dubslav. »Aber trotzdem, -- wenn überhaupt

erzählbar ...«

»O, gewiß, gewiß; das denkbar Harmloseste ...«

»Nun denn, lieber Superintendent, wenn wirklich so harmlos, so mach

ich mich ohne weiteres zum Anwalt unsrer gewiß neugierigen Damen,

meine Schwester, die Domina, mit eingeschlossen. Wie war es? Wie

verlief die Geschichte, für die sich eine kaiserliche Hoheit so lebhaft

interessieren konnte?«

»Nun, wenn es denn sein soll,« nahm Koseleger langsam und wie bloß

einer Pression nachgebend das Wort, »es lebte da zu jener Zeit eine

schöne Herzogin in London, die's nicht ertragen konnte, daß die Jahre

nicht spurlos an ihr vorübergehen wollten; Fältchen und Krähenfüße

zeigten sich. In dieser Bedrängnis hörte sie von ungefähr von einer

›plastischen Künstlerin‹, die durch Auftrag einer Wachspaste die Jugend

wiederherzustellen wisse. Diese Künstlerin wurde gerufen, und die

Wiederherstellung gelang auch. Aber nun traf eines Tages die Rechnung

ein, ›die Bill‹, wie sie da drüben sagen. Es war eine Summe, vor der

selbst eine Herzogin erschrecken durfte. Und da die Künstlerin auf

ihrer Forderung beharrte, so kam es zu dem angedeuteten Prozeß, der

sich alsbald zu einer ~cause célèbre~ gestaltete.«

»Sehr begreiflich,« versicherte Dubslav, und Melusine stimmte zu.

»Zahlreiche Personen traten in der Verhandlung auf, und als

Sachverständige wurden zuletzt auch Konkurrentinnen auf diesem

Spezialgebiete der ›plastischen Kunst‹ vernommen. Alle fanden

die Forderung erheblich zu hoch, und der Sieg schien sich rasch

der Herzogin zuneigen zu wollen. Aber in eben diesem Augenblicke

trat die sich arg bedrängt sehende Künstlerin an den Vorsitzenden

des Gerichtshofes heran und bat ihn, an die erschienenen

Fachgenossinnen einfach die Frage nach der Dauer der durch ihre Kunst

wiederhergestellten Jugend und Schönheit richten zu wollen, eine Bitte,

der der Oberrichter auch sofort nachkam. Was darauf geantwortet wurde,

lautete hinsichtlich der Dauer sehr verschieden. Als aber, trotz der

Verschiedenheit dieser Angaben, keine der Konkurrentinnen mehr als

ein Vierteljahr zu garantieren wagte, wandte sich die Verklagte ruhig

an den hohen Gerichtshof und sagte nicht ohne Würde: ›Meine Herren

Richter: meine Mitkünstlerinnen, wie Sie soeben vernommen haben, helfen

auf +Zeit+; was ich leiste, ist, ›~beautifying for ever~‹.‹ Und alles

war von diesem Worte hingerissen, der hohe Gerichtshof mit, und die

Herzogin hatte die Riesensumme zu zahlen.«

»Und wäre dergleichen hierlandes möglich?« fragte Melusine.

»Ganz unmöglich,« erwiderte der für alles Fremde schwärmende Koseleger.

»Es kann hier einfach deshalb nicht vorkommen, weil uns der dazu nötige

höhere Kulturzustand und die dementsprechende Anschauung fehlt. In

unserm guten Preußen, und nun gar erst in unsrer Mark, sieht man in

einem derartigen Hergange nur das Karikierte, günstigstenfalls das

Groteske, nicht aber jenes Hochmaß gesellschaftlicher Verfeinerung, aus

dem allein sich solche Dinge, die man im übrigen um ihres Raffinements

willen belächeln oder verurteilen mag, entwickeln können.«

Die meisten waren einverstanden, allen voraus Dubslav, dem dergleichen

immer einleuchtete, während die Domina von »Horreur« sprach und

sichtlich unmutig den Kopf hin und her bewegte. Woldemar erneute

natürlich seine Versuche, die der Tante so mißfällige Konversation

auf andres überzulenken, bei welcher Gelegenheit er nach dem Berühren

verschiedenster Themata zuletzt auch auf den Coventgardenmarkt und den

englischen Gemüsebau zu sprechen kam. Das paßte der Domina.

Der Stechlin: Roman · 第 21 / 33 段