»Und das haben Sie geglaubt?«

»Es liegt eigentlich schlimmer, gnädigste Gräfin. Ich hab es nicht

geglaubt; aber ich hab es, meinem Nichtglauben zum Trotz, nachträglich

bestätigt gefunden.«

»Und Sie schaudern nicht vor solcher Übertreibung?«

»Ich kann es nicht, so sehr ich gerade hier eine Verpflichtung dazu

fühle ...«

»Keine Bestechungen.«

»Ich soll schaudern vor einer Übertreibung,« fuhr Woldemar fort. »Aber

Sie werden mir, Frau Gräfin, dies Schaudern vielleicht erlassen, wenn

ich Erklärungen abgegeben haben werde. Der Englandschwärmer, den

ich da vorhin zitierte, war ein Freund von zugespitzten Sätzen, und

zugespitzte Sätze darf man nie wörtlich nehmen. Und am wenigsten auf

diesem diffizilen Gebiete. Nirgends in der Welt blühen Schönheiten wie

die gelben Butterblumen übers Feld hin; wirkliche Schönheiten sind

schließlich immer Seltenheiten. Wären sie nicht selten, so wären sie

nicht schön, oder wir fänden es nicht, weil wir einen andern Maßstab

hätten. All das steht fest. Aber es gibt doch Durchschnittsvorzüge,

die den Typus des Ganzen bestimmen, und diesem Maße nicht

geradezu frappierender, aber doch immerhin noch sehr gefälliger

Durchschnittsschönheit, dem bin ich drüben begegnet.«

»Ich laß es mit dieser Einschränkung gelten, und Sie werden in Papa,

mit dem wir oft darüber streiten, einen Anwalt für Ihre Meinung finden.

Durchschnittsvorzüge. Zugegeben. Aber was sich darin ausspricht, das

beinah Unpersönliche, das Typische ...«

Melusine schrak in diesem Augenblick leise zusammen, weil sie draußen

die Klingel gehört zu haben glaubte. Wirklich, Jeserich trat ein

und meldete: Professor Cujacius. »Um Gottes willen,« entfuhr es der

Gräfin, und die kleine Pause benutzend, die ihr noch blieb, flüsterte

sie Woldemar zu: »Cujacius ... Malerprofessor. Er wird über Kunst

sprechen; bitte, widersprechen Sie ihm nicht, er gerät dabei so leicht

in Feuer oder in mehr als das.« Und kaum, daß Melusine soweit gekommen

war, erschien auch schon Cujacius und schritt unter rascher Verbeugung

gegen Armgard auf die Gräfin zu, dieser die Hand zu küssen. Sie hatte

sich inzwischen gesammelt und stellte vor: »Professor Cujacius, ...

Rittmeister von Stechlin.« Beide verneigten sich gegeneinander,

Woldemar ruhig, Cujacius mit dem ihm eignen superioren Apostelausdruck,

der, wenn auch ungewollt, immer was Provozierendes hatte. »Bin,« so

ließ er sich mit einer gewissen Kondescenz vernehmen, »durch Gräfin

Melusine ganz auf dem Laufenden. Abordnung, England, Windsor. Ich habe

Sie beneidet, Herr Rittmeister. Eine so schöne Reise.«

»Ja, das war sie, nur leider zu kurz, so daß ich intimeren Dingen,

beispielsweise der englischen Kunst, nicht das richtige Maß von

Aufmerksamkeit widmen konnte.«

»Worüber Sie sich getrösten dürfen. Was ich persönlich an solcher

Reise jedem beneiden möchte, das sind ausschließlich die großen

Gesamteindrücke, der Hof und die Lords, die die Geschichte des Landes

bedeuten.«

»All das war auch mir die Hauptsache, mußt es sein. Aber ich hätte mich

dem ohnerachtet auch gern um Künstlerisches gekümmert, speziell um

Malerisches. So zum Beispiel um die Schule der Präraffaeliten.«

»Ein überwundener Standpunkt. Einige waren da, deren Auftreten auch von

uns (ich spreche von den Künstlern meiner Richtung) mit Aufmerksamkeit

und selbst mit Achtung verfolgt wurde. So beispielsweise Millais ...«

»Ah, +der+. Sehr wahr. Ich erinnere mich seines bedeutendsten Bildes,

das leider nach Amerika hin verkauft wurde. Wenn ich nicht irre, zu

einem enormen Preise.«

Cujacius nickte. »Mutmaßlich das vielgefeierte ›Angelusbild‹, was

Ihnen vorschwebt, Herr Rittmeister, eine von Händlern heraufgepuffte

Marktware, für die Sie glücklicherweise den englischen Millais, will

also sagen den ›+ais+‹-Millais, nicht verantwortlich machen dürfen.

+Der+ Millet, der für eine, wie Sie schon bemerkten, lächerlich

hohe Summe nach Amerika hin verkauft wurde, war ein ›+et+‹-Millet,

Vollblutpariser oder wenigstens Franzose.«

Woldemar geriet über diese Verwechslung in eine kleine Verlegenheit,

die Damen mit ihm, alles sehr zur Erbauung des Professors, dessen rasch

wachsendes Überlegenheitsgefühl unter dem Eindruck dieses Fauxpas immer

neue Blüten übermütiger Laune trieb. »Im übrigen sei mir's verziehen,«

fuhr er, immer leuchtender werdend, fort, »wenn ich mein Urteil über

beide kurz dahin zusammenfasse: ›sie sind einander wert,‹ und die

zwei großen westlichen Kulturvölker mögen sich darüber streiten, wer

von ihnen am meisten genasführt wurde. Der französische Millet ist

eine Null, ein Zwerg, neben dem der englische vergleichsweise zum

Riesen anwächst, wohlverstanden vergleichsweise. Trotzdem, wie mir

gestattet sein mag zu wiederholen, war er zu Beginn seiner Laufbahn

ein Gegenstand unsrer hiesigen Aufmerksamkeit. Und mit Recht. Denn das

Präraffaelitentum, als dessen Begründer und Vertreter ich ihn ansehe,

trug damals einen Zukunftskeim in sich; eine große Revolution schien

sich anbahnen zu wollen, jene große Revolution, die Rückkehr heißt.

Oder wenn Sie wollen ›Reaktion‹. Man hat vor solchen Wörtern nicht zu

erschrecken. Wörter sind Kinderklappern.«

»Und dieser englische Millais, -- den mit dem französischen verwechselt

zu haben ich aufrichtig bedaure, -- dieser ›+ais+‹-Millais, dieser

großer Reformer, ist, wenn ich Sie recht verstehe, sich selber untreu

geworden.«

»Man wird dies sagen dürfen. Er und seine Schule verfielen in

Excentricitäten. Die Zucht ging verloren, und das straft sich auf

jedem Gebiet. Was da neuerdings in der Welt zusammengekleckst wird,

zumal in der schottischen und amerikanischen Schule, die sich jetzt

auch bei uns breitzumachen sucht, das ist der Überschwang einer an

sich beachtenswerten Richtung. Der Zug, der unter Mitteldampf gut und

erfreulich fuhr, unter Doppeldampf (und das reicht noch nicht einmal

aus) ist er entgleist; er liegt jetzt neben den Schienen und pustet und

keucht. Und ein Jammer nur, daß seine Heizer nicht mit auf dem Platze

geblieben sind. Das ist der Fluch der bösen Tat ... ich verzichte

darauf, in Gegenwart der Damen das Zitat zu Ende zu führen.«

Eine kleine Pause trat ein, bis Woldemar, der einsah, daß irgendwas

gesagt werden müsse, sich zu der Bemerkung aufraffte: »Von Neueren hab

ich eigentlich nur Seestücke kennen gelernt; dazu die Phantastika des

Malers William Turner, leider nur flüchtig. Er hat die ›drei Männer im

feurigen Ofen‹ gemalt. Stupend. Etwas Großartiges schien mir aus seinen

Schöpfungen zu sprechen, wenigstens in allem, was das Kolorit angeht.«

»Eine gewisse Großartigkeit,« nahm Cujacius mit lächelnd überlegener

Miene wieder das Wort, »ist ihm nicht abzusprechen. Aber aller Wahnsinn

wächst sich leicht ins Großartige hinein und düpiert dann regelmäßig

die Menge. ~Mundus vult decipi~. Allem vorauf in England. Es gibt

nur ein Heil: Umkehr, Rückkehr zur keuschen Linie. Die Koloristen

sind das Unglück in der Kunst. Einige wenige waren hervorragend, aber

nicht ~parceque~, sondern ~quoique~. Noch heute wird es mir obliegen,

in unserm Verein über eben dieses Thema zu sprechen. Gewiß unter

Widerspruch, vielleicht auch unter Lärm und Gepolter; denn mit den

richtigen Linien in der Kunst sind auch die richtigen Formen in der

Gesellschaft verloren gegangen. Aber viel Feind, viel Ehr, und jede

Stelle verlangt heutzutage ihren Mann von Worms, ihren Luther. ›Hier

stehe ich.‹ Am elendesten aber sind die paktierenwollenden Halben.

Zwischen schön und häßlich ist nicht zu paktieren.«

»Und schön und häßlich,« unterbrach hier Melusine (froh, überhaupt

unterbrechen zu können), »war auch die große Frage, die wir, als wir

Sie begrüßen durften, eben unter Diskussion stellten. Herr von Stechlin

sollte beichten über die Schönheit der Engländerinnen. Und nun frag

ich +Sie+, Herr Professor, finden auch Sie sie so schön, wie einem

hierlandes immer versichert wird?«

»Ich spreche nicht gern über Engländerinnen,« fuhr Cujacius fort.

»Etwas von Idiosynkrasie beherrscht mich da. Diese Töchter Albions,

sie singen so viel und musizieren so viel und malen so viel. Und haben

eigentlich kein Talent.«

»Vielleicht. Aber davon dürfen Sie jetzt nicht sprechen. Bloß das eine:

schön oder nicht schön?«

»Schön? Nun denn ›nein‹. Alles wirkt wie tot. Und was wie tot

wirkt, wenn es nicht der Tod selbst ist, ist nicht schön. Im

übrigen, ich sehe, daß ich nur noch zehn Minuten habe. Wie gerne

wär ich an einer Stelle geblieben, wo man so vielem Verständnis und

Entgegenkommen begegnet. Herr von Stechlin, ich erlaube mir, Ihnen

morgen eine Radierung nach einem Bilde des richtigen englischen

Millais zu schicken. Dragonerkaserne, Hallesches Tor, -- ich weiß.

Übermorgen laß ich die Mappe wieder abholen. Name des Bildes: ›Sir

Isumbras.‹ Merkwürdige Schöpfung. Schade, daß er, der Vater des

Präraffaelitentums, dabei nicht aushielt. Aber nicht zu verwundern.

Nichts hält jetzt aus, und mit nächstem werden wir die Berühmtheiten

nach Tagen zählen. Tizian entzückte noch mit hundert Jahren; wer jetzt

fünf Jahre gemalt hat, ist altes Eisen. Gnädigste Gräfin, Komtesse

Armgard ... Darf ich bitten, mich meinem Gönner, Ihrem Herrn Vater, dem

Grafen, angelegentlichst empfehlen zu wollen.«

* * * * *

Woldemar, die Honneurs des Hauses machend, was er bei seiner intimen

Stellung durfte, hatte den Professor bis auf den Korridor geleitet

und ihm hier den Künstlermantel umgegeben, den er, in unverändertem

Schnitt, seit seinen Romtagen trug. Es war ein Radmantel. Dazu ein

Kalabreser von Seidenfilz.

»Er ist doch auf seine Weise nicht übel,« sagte Woldemar, als er bei

den Damen wieder eintrat. »An einem starken Selbstbewußtsein, dran er

wohl leidet, darf man heutzutage nicht Anstoß nehmen, vorausgesetzt,

daß die Tatsachen es einigermaßen rechtfertigen.«

»Ein starkes Selbstbewußtsein ist nie gerechtfertigt,« sagte Armgard,

»Bismarck vielleicht ausgenommen. Das heißt also in jedem Jahrhundert

einer.«

»Wonach Cujacius günstigstenfalls der zweite wäre,« lachte Woldemar.

»Wie steht es eigentlich mit ihm? Ich habe nie von ihm gehört, was aber

nicht viel besagen will, namentlich nachdem ich Millais und Millet

glücklich verwechselt habe. Nun geht alles so in einem hin. Ist er ein

Mann, den ich eigentlich kennen müßte?«

»Das hängt ganz davon ab,« sagte Melusine, »wie Sie sich einschätzen.

Haben Sie den Ehrgeiz, nicht bloß den eigentlichen alten Giotto von

Florenz zu kennen, sondern auch all die Giottinos, die neuerdings

in Ostelbien von Rittergut zu Rittergut ziehn, um für Kunst und

Christentum ein übriges zu leisten, so müssen Sie Cujacius freilich

kennen. Er hat da die große Lieferung; ist übrigens lange nicht der

Schlimmste. Selbst seine Gegner, und er hat deren ein gerüttelt und

geschüttelt Maß, gestehen ihm ein hübsches Talent zu; nur verdirbt er

alles durch seinen Dünkel. Und so hat er denn keine Freunde, trotzdem

er beständig von Richtungsgenossen spricht und auch heute wieder

sprach. Gerade diese Richtungsgenossen aber hat er aufs entschiedenste

gegen sich, was übrigens nicht bloß an ihm, sondern auch an den

Genossen liegt. Gerade die, die dasselbe Ziel verfolgen, bekämpfen

sich immer am heftigsten untereinander, vor allem auf christlichem

Gebiet, auch wenn es sich nicht um christliche Dogmen, sondern bloß um

christliche Kunst handelt. Zu des Professors Lieblingswendungen zählt

die, daß er ›in der Tradition stehe‹, was ihm indessen nur Spott und

Achselzucken einträgt. Einer seiner Richtungsgenossen -- als ob er mich

persönlich dafür hätte verantwortlich machen wollen -- fragte mich erst

neulich voll ironischer Teilnahme: ›Steht denn Ihr Cujacius immer noch

in der Tradition?‹ Und als ich ihm antwortete: ›Sie spötteln darüber,

hat er denn aber keine?‹ bemerkte dieser Spezialkollege: ›Gewiß hat er

eine Tradition, und das ist seine eigne. Seit fünfundvierzig Jahren

malt er immer denselben Christus und bereist als Kunst-, aber fast auch

schon als Kirchenfanatiker die ihm unterstellten Provinzen, so daß man

betreffs seiner beinah sagen kann: Es predigt sein Christus allerorten,

ist aber drum nicht schöner geworden.‹«

»Melusine, du darfst so nicht weitersprechen,« unterbrach hier Armgard.

»Sie wissen übrigens, Herr von Stechlin, wie's hier steht, und daß ich

meine ältere Schwester, die mich erzogen hat (hoffentlich gut), jetzt

nachträglich mitunter meinerseits erziehen muß.« Dabei reichte sie

Melusine die Hand. »Eben erst ist er fort, der arme Professor, und

jetzt schon so schlechte Nachrede. Welchen Trost soll sich unser Freund

Stechlin daraus schöpfen? Er wird denken, heute dir, morgen mir.«

»Du sollst in allem recht haben, Armgard, nur nicht in diesem letzten.

Schließlich weiß doch jeder, was er gilt, ob er geliebt wird oder

nicht, vorausgesetzt, daß er ein Gentleman und nicht ein Gigerl ist.

Aber Gentleman. Da hab ich wieder die Einhakeöse für England. Das

Schönheitskapitel ist erledigt, war ohnehin nur Kaprize. Von all dem

andern aber, das schließlich doch wichtiger ist, wissen wir noch immer

so gut wie gar nichts. Wie war es im Tower? Und hab ich recht behalten

mit Traitors Gate?«

»Nur in einem Punkt, Gräfin, in Ihrem Mißtrauen gegen meine Phantasie.

Die versagte da total, wenn es nicht doch vielleicht an der Sache

selbst, also an Traitors Gate, gelegen hat. Denn an einer anderen

Stelle konnt ich mich meiner Phantasie beinah berühmen und am meisten

da, wo (wie mir übrigens nur zu begreiflich) auch Sie persönlich mit so

viel Vorliebe verweilt haben.«

»Und welche Stelle war das?«

»Waltham-Abbey.«

»Waltham-Abbey. Aber davon weiß ich ja gar nichts. Waltham-Abbey kenn

ich nicht, kaum dem Namen nach.«

»Und doch weiß ich bestimmt, daß mir Ihr Herr Papa gerade am Abend

vor meiner Abreise sagte: ›das muß Melusine wissen; die weiß ja dort

überall Bescheid und kennt, glaub ich, Waltham-Abbey besser als Treptow

oder Stralau.‹«

»So bilden sich Renommees,« lachte Melusine. »Der Papa hat das auf gut

Glück hin gesagt, hat bloß ein beliebiges Beispiel herausgegriffen. Und

nun diese Tragweite! Lassen wir das aber und sagen Sie mir lieber: was

ist Waltham-Abbey? Und wo liegt es?«

»Es liegt ganz in der Nähe von London und ist eine Nachmittagsfahrt,

etwa wie wenn man das Mausoleum in Charlottenburg besucht oder das in

der Potsdamer Friedenskirche.«

»Hat es denn etwas von einem Mausoleum?«

»Ja und nein. Der Denkstein fehlt, aber die ganze Kirche kann als ein

Denkmal gelten.«

»Als ein Denkmal für wen?«

»Für König Harald.«

»Für den, den Editha Schwanenhals auf dem Schlachtfelde von Hastings

suchte?«

»Für denselben.«

»Ich habe während meiner Londoner Tage das Bild von Horace Vernet

gesehn, das den Moment darstellt, wo die schöne Col de Cygne zwischen

den Toten umherirrt. Und ich erinnre mich auch, daß zwei Mönche neben

ihr herschritten. Aber weiter weiß ich nichts. Und am wenigsten weiß

ich, was daraus wurde.«

»Was daraus wurde, -- das ist eben der Schlußakt des Dramas. Und dieser

Schlußakt heißt Waltham-Abbey. Die Mönche, deren Sie sich erinnern und

die da neben Editha herschritten, das waren Waltham-Abbeymönche, und

als sie schließlich gefunden hatten, was sie suchten, legten sie den

König auf dichtes Baumgezweig und trugen ihn den weiten Weg bis nach

Waltham-Abbey zurück. Und da begruben sie ihn.«

»Und die Stätte, wo sie ihn begruben, die haben Sie besucht?«

»Nein, nicht sein Grab; das existiert nicht. Man weiß nur, daß man

ihn dort überhaupt begrub. Und als ich da, die Sonne ging eben unter,

in einem uralten Lindengange stand, zwischen Grabsteinen links und

rechts, und das Abendläuten von der Kirche her begann, da war es mir,

als käme wieder der Zug mit den Mönchen den Lindengang herauf, und

ich sah Editha und sah auch den König, trotzdem ihn die Zweige halb

verdeckten. Und dabei (wenn auch eigentlich der Papa schuld ist und

nicht Sie, Gräfin) gedacht ich Ihrer in alter und neuer Dankbarkeit.«

»Und daß Sie mich besiegt haben. Aber das sage nur ich. Sie sagen es

natürlich nicht, denn Sie sind nicht der Mann, sich eines Sieges zu

rühmen, noch dazu über eine Frau. Waltham-Abbey kenn ich nun, und an

Ihre Phantasie glaub ich von heut an, trotzdem Sie mich mit Traitors

Gate im Stich gelassen. Daß Sie nebenher noch, und zwar Armgard zu

Ehren, in Martins le Grand waren, dessen bin ich sicher und ebenso, daß

Sie Papas einzige Forderung erfüllt und der Kapelle Heinrichs ~VII.~

Ihren Besuch gemacht haben, diesem Wunderwerk der Tudors. Welchen

Eindruck hatten Sie von der Kapelle?«

»Den denkbar großartigsten. Ich weiß, daß man die herabhängenden

Trichter, die sie ›Tromben‹ nennen, unschön gefunden hat; aber

ästhetische Vorschriften existieren für mich nicht. Was auf mich

wirkt, wirkt. Ich konnte mich nicht satt sehen daran. Trotzdem, das

Eigentlichste war doch noch wieder ein andres und kam erst, als ich

da zwischen den Sarkophagen der beiden feindlichen Königinnen stand.

Ich wüßte nicht, daß etwas je so beweglich und eindringlich zu mir

gepredigt hätte wie gerade diese Stelle.«

»Und was war es, was Sie da so bewegte?«

»Das Gefühl: ›zwischen diesen beiden Gegensätzen pendelt die

Weltgeschichte.‹ Zunächst freilich scheinen wir da nur den Gegensatz

zwischen Katholizismus und Protestantismus zu haben, aber weit

darüber hinaus (weil nicht an Ort und Zeit gebunden) haben wir

bei tiefergehender Betrachtung den Gegensatz von Leidenschaft und

Berechnung, von Schönheit und Klugheit. Und das ist der Grund, warum

das Interesse daran nicht ausstirbt. Es sind große Typen, diese

feindlichen Königinnen.«

Beide Schwestern schwiegen. Dann sagte Melusine, der daran lag, wieder

ins Heitere hinüber zu lenken: »Und nun, Armgard, sage, für welche von

den beiden Königinnen bist du?«

»Nicht für die eine und nicht für die andre. Nicht einmal für beide.

Gewiß sind es Typen. Aber es gibt andre, die mir mehr bedeuten, und, um

es kurz zu sagen, Elisabeth von Thüringen ist mir lieber als Elisabeth

von England. Andern leben und der Armut das Brot geben -- darin allein

ruht das Glück. Ich möchte, daß ich mir +das+ erringen könnte. Aber man

erringt sich nichts. Alles ist Gnade.«

»Du bist ein Kind,« sagte Melusine, während sie sich mühte, ihrer

Bewegung Herr zu werden. »Du wirst noch Unter den Linden für Geld

gezeigt werden. Auf der einen Seite die ›Mädchen von Dahomey‹, auf der

andern du.«

Stechlin ging. Armgard gab ihm das Geleit bis auf den Korridor. Es war

eine Verlegenheit zwischen beiden, und Woldemar fühlte, daß er etwas

sagen müsse. »Welche liebenswürdige Schwester Sie haben.«

Armgard errötete. »Sie werden mich eifersüchtig machen.«

»Wirklich, Komtesse?«

»Vielleicht ... Gute Nacht.«

* * * * *

Eine halbe Stunde später saß Melusine neben dem Bett der Schwester,

und beide plauderten noch. Aber Armgard war einsilbig, und Melusine

bemerkte wohl, daß die Schwester etwas auf dem Herzen habe.

»Was hast du, Armgard? Du bist so zerstreut, so wie abwesend.«

»Ich weiß es nicht, aber ich glaube fast ...«

»Nun was?«

»Ich glaube fast, ich bin verlobt.«

Sechsundzwanzigstes Kapitel

Und was die jüngere Schwester der älteren zugeflüstert hatte, das

wurde wahr, und schon wenige Tage nach diesem ersten Wiedersehn waren

Armgard und Woldemar Verlobte. Der alte Graf sah einen Wunsch erfüllt,

den er seit lange gehegt, und Melusine küßte die Schwester mit einer

Herzlichkeit, als ob sie selber die Glückliche wäre.

»Du gönnst ihn mir doch?«

»Ach, meine liebe Armgard,« sagte Melusine, »wenn du wüßtest! Ich habe

nur die Freude, du hast auch die Last.«

* * * * *

An demselben Abende noch, wo die Verlobung stattgefunden hatte, schrieb

Woldemar nach Stechlin und nach Wutz; der eine Brief war so wichtig wie

der andre, denn die Tante-Domina, deren Mißstimmung so gut wie gewiß

war, mußte nach Möglichkeit versöhnlich gestimmt werden. Freilich blieb

es fraglich, ob es glücken würde.

Zwei Tage später waren die Antwortbriefe da, von denen diesmal der

Wutzer Brief über den Stechliner siegte, was einfach daran lag,

daß Woldemar von Wutz her nur Ausstellungen, von Stechlin her nur

Entzücken erwartet hatte. Das traf aber nun beides nicht zu. Was die

Tante schrieb, war durchaus nicht so schlimm (sie beschränkte sich auf

Wiederholung der schon mündlich von ihr ausgesprochenen Bedenken),

und was der Alte schrieb, war nicht so gut oder doch wenigstens nicht

so der Situation angepaßt, wie's Woldemar gewärtigte. Natürlich war

es eine Beglückwünschung, aber doch mehr noch ein politischer Exkurs.

Dubslav litt als Briefschreiber daran, gern bei Nebensächlichkeiten zu

verweilen und gelegentlich über die Hauptsache wegzusehn. Er schrieb:

Der Stechlin: Roman · 第 20 / 33 段