»Hören Sie, Lorenzen, Sie greifen aber hoch. Meine Schwester Adelheid

wird sich Ihnen übrigens wohl anschließen und von heut ab eine neue

Zeitrechnung datieren. Ich nehm es ruhiger, trotzdem ich einsehe,

daß es nach großer Auszeichnung schmeckt. Und ist er wieder zurück,

dann wird er auch allerlei Gutes davon haben. Aber so lang er drüben

ist! Ich trau der Sache nicht. Von Behagen jedenfalls keine Rede. Die

Vettern sind nun mal nicht zufriedenzustellen; vielleicht ärgern sie

sich, daß es draußen in der Welt auch noch ein ›Regiment Königin von

Großbritannien und Irland‹ gibt. Das besorgen sie sich lieber selbst

und nehmen so was, wenn andre damit kommen, wie ne Prätension. Wie

stehen denn Sie dazu? Sie haben die Beefeaters vielleicht in Ihr Herz

geschlossen wegen der vielen Dissenter. Ein Kardinal, der freilich auch

noch Gourmand war, soll mal gesagt haben: ›Schreckliches Volk; hundert

Sekten und bloß eine Sauce.‹«

»Ja,« lachte Lorenzen, »da bin ich freilich für die ›Beefeaters‹, wie

Sie sagen, und gegen den Kardinal. Das mit den hundert Sekten laß ich

auf sich beruhn (mein Geschmack, beiläufig, ist es nicht), aber unter

allen Umständen bin ich für höchstens eine Sauce. Das ist das einzig

Richtige, weil Gesunde. Die Dinge müssen in sich etwas sein, und wenn

das zutrifft, so ist eigentlich jede Sauce, und nun gar erst die Sauce

im Plural, von vornherein schon gerichtet. Aber lassen wir den Kardinal

und seine Gewagtheiten und nehmen wir den Gegenstand seiner Abneigung:

England. Es hat für mich eine Zeit gegeben, wo ich bedingungslos dafür

schwärmte. Nicht zu verwundern. Hieß es doch damals in dem ganzen

Kreise, drin ich lebte: ›Ja, wenn wir England nicht mehr lieben sollen,

was sollen wir dann überhaupt noch lieben?‹ Diese halbe Vergötterung

hab ich noch ehrlich mit durchgemacht. Aber das ist nun eine hübsche

Weile her. Sie sind drüben schrecklich runtergekommen, weil der Kult

vor dem goldenen Kalbe beständig wächst; lauter Jobber und die vornehme

Welt obenan. Und dabei so heuchlerisch; sie sagen ›Christus‹ und meinen

Kattun.«

»Is leider so, wenigstens nach dem bißchen, was ich davon weiß. Und

alles in allem, und neuerdings erst recht, bin ich deshalb immer für

Rußland gewesen. Wenn ich da so an unsern Kaiser Nikolaus zurückdenke

und an die Zeit, wo seine Uniform als Geschenk bei uns eintraf und dann

als Kirchenstück in die Garnisonskirche kam. Natürlich in Potsdam.

Wir haben zwar die Reliquien abgeschafft, aber wir haben sie doch auf

unsre Art, und ganz ohne so was geht es nu mal nicht. Mit dem alten

Fritzen fing es natürlich an. Wir haben seinen Krückstock und den

Dreimaster und das Taschentuch (na, das hätten sie vielleicht weglassen

können), und zu den drei Stücken haben wir nu jetzt auch noch die

Nikolaus-Uniform.«

Lorenzen sah verlegen vor sich hin; etwas dagegen sagen ging nicht, und

zustimmen noch weniger.

Dubslav aber fuhr fort: »Und dann sind sie da forscher in Petersburg

und geht alles mehr aus dem Vollen, auch wenn die besten Steine

mitunter schon rausgebrochen sind. So was kommt vor; is eben noch ein

Naturvolk. Ich kann das ›Schenken‹ eigentlich nicht leiden, es hat

so was von Bestechung und sieht aus wie'n Trinkgeld. Und Trinkgeld

ist noch schlimmer als Bestechung und paßt mir eigentlich ganz und

gar nicht. Aber es hat doch auch wieder was Angenehmes, solche

Tabatiere. Wenn es einem gut geht, ist es ein Familienstück, und wenn

es einem schlecht geht, ist es ne letzte Zuflucht. Natürlich, ein ganz

reinliches Gefühl hat man nicht dabei.«

* * * * *

Lorenzen blieb eine volle Stunde. Der Alte war immer froh, wenn sich

ihm Gelegenheit bot, sich mal ausplaudern zu können, und heute standen

ja die denkbar besten Themata zur Verfügung: Woldemar, England, Kaiser

Nikolaus und dazwischen Tante Adelheid, über die zwar immer nur kurze

Worte fielen, aber doch so, daß sie, weil spöttisch, die gute Laune des

Alten wesentlich steigerten.

Und in dieser guten Laune war er auch noch, als er um die fünfte Stunde

seinen Eichenstock und seinen eingeknautschten Filzhut vom Riegel nahm,

um am See hin, in der Richtung auf Globsow zu, seinen gewöhnlichen

Spaziergang zu machen. Unmittelbar am Südufer, da wo die Wand steil

abfiel, befand sich eine von Buchenzweigen überdachte Steinbank.

Das war sein Lieblingsplatz. Die Sonne stand schon unterm Horizont,

und nur das Abendrot glühte noch durch die Bäume. Da saß er nun und

überdachte sein Leben, Altes und Neues, seine Kindheits- und seine

Leutnantstage, die Tage kurz vor seiner Verheiratung, wo das junge,

blasse Fräulein, das seine Frau werden sollte, noch Lieblingshofdame

bei der alten Prinzeß Karl war. All das zog jetzt wieder an ihm

vorüber, und dazwischen seine Schwester Adelheid, in jenen Tagen noch

leidlich gut bei Weg, aber auch schon hart und herbe wie heute, so daß

sie den reizenden Kerl, den Baron Krech, bloß weil er über ein schon

halbabgestorbenes ›Verhältnis‹ und eine freilich noch fortlebende

Spielschuld verfügte, durch ihre Tugend weggegrault hatte. Das waren

die alten Geschichten. Und dann wurde Woldemar geboren, und die junge

Frau starb, und der Junge wuchs heran und lernte bei Lorenzen all das

dumme Zeug, das Neue (dran vielleicht doch was war), und nun fuhr er

nach England rüber und war vielleicht schon in Köln und in ein paar

Stunden in Ostende.

Dabei sah er vor sich hin und malte mit seinem Stock Figuren in den

Sand. Der Wald war ganz still; auf dem See schwanden die letzten roten

Lichter, und aus einiger Entfernung klangen Schläge herüber, wie wenn

Leute Holz fällen. Er hörte mit halbem Ohr hin und sah eben auf die von

Globsow her heraufführende schmale Straße, als er einer alten Frau von

wohl siebzig gewahr wurde, die, mit einer mit Reisig bepackten Kiepe,

den leis ansteigenden Weg heraufkam, etliche Schritte vor ihr ein Kind

mit ein paar Enzianstauden in der Hand. Das Kind, ein Mädchen, mochte

zehn Jahr sein, und das Licht fiel so, daß das blonde wirre Haar wie

leuchtend um des Kindes Kopf stand. Als die Kleine bis fast an die

Bank heran war, blieb sie stehn und erwartete da das Näherkommen der

alten Frau. Diese, die wohl sah, daß das Kind in Furcht oder doch in

Verlegenheit war, sagte: »Geih man vorupp, Agnes; he deiht di nix.«

Das Kind, sich bezwingend, ging nun auch wirklich, und während es an

der Bank vorüberkam, sah es den alten Herrn mit großen, klugen Augen an.

Inzwischen war auch die Alte herangekommen.

»Na, Buschen,« sagte Dubslav, »habt Ihr denn auch bloß Bruchholz in

Eurer Kiepe? Sonst packt Euch der Förster.«

Die Alte griente. »Jott, jnädiger Herr, wenn Se doabi sinn, denn wird

he joa woll nich.«

»Na, ich denk auch; is immer nich so schlimm. Und wer is denn das Kind

da?«

»Dat is joa Karlinens.«

»So, so, Karlinens. Is sie denn noch in Berlin? Und wird er sie denn

heiraten? Ich meine den Rentsch in Globsow.«

»Ne, he will joa nich.«

»Is aber doch von ihm?«

»Joa, se seggt so. Awers he seggt, he wihr et nich.«

Der alte Dubslav lachte. »Na, hört, Buschen, ich kann's ihm eigentlich

nich verdenken. Der Rentsch is ja doch ein ganz schwarzer Kerl. Un nu

seht Euch mal das Kind an.«

»Dat hebb ick ehr ook all seggt. Und Karline weet et ook nich so recht

un lacht man ümmer. Un se brukt em ook nich.«

»Geht es ihr denn so gut?«

»Joa; man kann et binah seggen. Se plätt't ümmer. Alle so'ne plätten

ümmer. Ick wihr oak dissen Summer mit Agnessen (se heet Agnes) in

Berlin, un doa wihr'n wi joa tosamen in'n Zirkus. Ud Karline wihr ganz

fidel.«

»Na, das freut mich. Und Agnes, sagt Ihr, heißt sie. Is ein hübsches

Kind.«

»Joa, det is se. Un is ook en gaudes Kind; se weent gliks un is immer

so patschlich mit ehre lütten Hänn'. Sünne sinn immer so.«

»Ja, das is richtig. Aber Ihr müßt aufpassen, sonst habt Ihr nen

Urenkel, Ihr wißt nicht wie. Na, gu'n Abend, Buschen.«

»'n Abend, jnädger Herr.«

Vierundzwanzigstes Kapitel

Der Baron Berchtesgadensche Wagen fuhr am Kronprinzenufer vor, und

die Baronin, als sie gehört hatte, daß die Herrschaften oben zu Hause

seien, stieg langsam die Treppe hinauf, denn sie war nicht gut zu Fuß

und ein wenig asthmatisch. Armgard und Melusine begrüßten sie mit

großer Freude. »Wie gut, wie hübsch, Baronin,« sagte Melusine, »daß wir

Sie sehn. Und wir erwarten auch noch Besuch. Wenigstens ich. Ich habe

solch Kribbeln in meinem kleinen Finger, und dann kommt immer wer.

Wrschowitz gewiß (denn er war drei Tage lang nicht hier) und vielleicht

auch Professor Cujacius. Und wenn nicht der, so Doktor Pusch, den Sie

noch nicht kennen, trotzdem Sie ihn eigentlich kennen müßten, -- noch

alte Bekanntschaft aus Londoner Tagen her. Möglicherweise kommt auch

Frommel. Aber vor allem, Baronin, was bringen Sie für Wetter mit? Lizzi

sagte mir eben, es neble so stark, man könne die Hand vor Augen nicht

sehn.«

»Lizzi hat Ihnen ganz recht berichtet, der richtige ~London fog~, wobei

mir natürlich Ihr Freund Stechlin einfällt. Aber über den sprechen wir

nachher. Jetzt sind wir noch beim Nebel. Es war draußen wirklich so,

daß ich immer dachte, wir würden zusammenfahren; und am Brandenburger

Tor, mit den großen Kandelabern dazwischen, sah es beinah aus wie ein

Bild von Skarbina. Kennen Sie Skarbina?«

»Gewiß,« sagte Melusine, »den kenn ich sehr gut. Aber allerdings

erst von der letzten Ausstellung her. Und was, außer den Gaslaternen

im Nebel, mir so eigentlich von ihm vorschwebt, das ist ein kleines

Bild: langer Hotelkorridor, Tür an Tür, und vor einer der vielen Türen

ein paar Damenstiefelchen. Reizend. Aber die Hauptsache war doch die

Beleuchtung. Von irgendwoher fiel ein Licht ein und vergoldete das

Ganze, den Flur und die Stiefelchen.«

»Richtig,« sagte die Baronin. »Das war von ihm. Und gerade das hat

Ihnen so sehr gefallen?«

»Ja. Was auch natürlich ist. In meinen italienischen Tagen -- wenn ich

von ›italienischen Tagen‹ spreche, so meine ich übrigens nie meine

Verheiratungstage; während meiner Verheiratungstage hab ich Gott sei

Dank so gut wie gar nichts gesehn, kaum meinen Mann, aber freilich

immer noch zu viel --, also während meiner italienischen Tage hab ich

vor so vielen Himmelfahrten gestanden, daß ich jetzt für Stiefeletten

im Sonnenschein bin.«

»Ganz mein Fall, liebe Melusine. Freilich bin ich jetzt nebenher auch

noch fürs Japanische: Wasser und drei Binsen und ein Storch daneben.

In meinen Jahren darf ich ja von Storch sprechen. Früher hätt ich

vielleicht Kranich gesagt.«

»Nein, Baronin, das glaub ich Ihnen nicht. Sie waren immer für das, was

sie jetzt Realismus nennen, was meistens mehr Ton und Farbe hat, und

dazu gehört auch der Storch. Deshalb lieb ich Sie ja gerade so sehr.

Ach, daß doch das Natürliche wieder obenauf käme.«

»Kommt, liebe Melusine.«

* * * * *

Melusinens kribbelnder kleiner Finger behielt recht. Es kam wirklich

Besuch, erst Wrschowitz, dann aber -- statt der drei, die sie noch

nebenher gemutmaßt hatte -- nur Czako.

Der Empfang des einen wie des andern der beiden Herren hatte vorn im

Damenzimmer stattgefunden, ohne Gegenwart des alten Grafen. Dieser

erschien erst, als man zum Tee ging; er hieß seine Gäste herzlich

willkommen, weil er jederzeit das Bedürfnis hatte, von dem, was

draußen in der Welt vorging, etwas zu hören. Dafür sorgte denn auch

jeder auf seine Weise: die Baronin durch Mitteilungen aus der oberen

Gesellschaftssphäre, Czako durch Avancements und Demissionen und

Wrschowitz durch »Krittikk.« Alles, was zur Sprache kam, hatte für den

alten Grafen so ziemlich den gleichen Wert, aber das Liebste waren ihm

doch die Hofnachrichten, die die Baronin mit glücklicher Ungeniertheit

zum besten gab. Wendungen wie »ich darf mich wohl Ihrer Diskretion

versichert halten« waren ihr gänzlich fremd. Sie hatte nicht bloß ganz

allgemein den Mut ihrer Meinung, sondern diesen Mut auch in betreff

ihrer jedesmaligen Spezialgeschichte, von der man in der Regel freilich

sagen durfte, daß sie desselben auch dringend bedürftig war.

»Sagen Sie, liebe Freundin,« begann der alte Graf, »was wird das jetzt

so eigentlich mit den Briefen bei Hofe?«

»Mit den Briefen? O, das wird immer schöner.«

»Immer schöner?«

»Nun, immer schöner,« lachte hier die Baronin, »ist vielleicht nicht

gerade das rechte Wort. Aber es wird immer geheimnisvoller. Und das

Geheimnisvolle hat nun mal das, worauf es ankommt, will sagen den

Charme. Schon die beliebte Wendung ›rätselhafte Frau‹ spricht dafür;

eine Frau, die nicht rätselhaft ist, ist eigentlich gar keine, womit

ich mir persönlich freilich eine Art Todesurteil ausspreche. Denn ich

bin alles, nur kein Rätsel. Aber am Ende, man ist, wie man ist, und

so muß ich dies Manko zu verwinden suchen ... Es heißt immer, ›üble

Nachrede, drin man sich mehr oder weniger mit Vorliebe gefalle, sei

was Sündhaftes‹. Aber was heißt hier ›üble Nachrede‹? Vielleicht ist

das, was uns so bruchstückweise zu Gehör kommt, nur ein schwaches

Echo vom Eigentlichen und bedeutet eher ein Zuwenig als ein Zuviel.

Im übrigen, wie's damit auch sei, mein Sinn ist nun mal auf das

Sensationelle gerichtet. Unser Leben verläuft, offen gestanden, etwas

durchschnittsmäßig, also langweilig, und weil dem so ist, setz ich

getrost hinzu: ›Gott sei Dank, daß es Skandale gibt.‹ Freilich für

Armgard ist so was nicht gesagt. Die darf es nicht hören.«

»Sie hört es aber doch,« lachte die Komtesse, »und denkt dabei: was es

doch für sonderbare Neigungen und Glücke gibt. Ich habe für dergleichen

kein Organ. Unsre teure Baronin findet unser Leben langweilig und

solche Chronik interessant. Ich, umgekehrt, finde solche Chronik

langweilig und unser alltägliches Leben interessant. Wenn ich den

Rudolf unsers Portier Hartwig unten mit seinem ~hoop~ und seinen dünnen

langen Berliner Beinen über die Straße laufen sehe, so find ich das

interessanter als diese sogenannte Pikanterie.«

Melusine stand auf und gab Armgard einen Kuß. »Du bist doch deiner

Schwester Schwester, oder mein Erziehungsprodukt, und zum erstenmal in

meinem Leben muß ich meine teure Baronin ganz im Stiche lassen. Es ist

nichts mit diesem Klatsch; es kommt nichts dabei heraus.«

»Ach, liebe Melusine, das ist durchaus nicht richtig. Es kommt

umgekehrt sehr viel dabei heraus. Ihr Barbys seid alle so schrecklich

diskret und ideal, aber ich für mein Teil, ich bin anders und nehme

die Welt, wie sie ist; ein Bier und ein Schnaderhüpfl und mal ein

Haberfeldtreiben, damit kommt man am weitesten. Was wir da jetzt hier

erleben, das ist auch solch Haberfeldtreiben, ein Stück Feme.«

»Nur keine heilige.«

»Nein,« sagte die Baronin, »keine heilige. Die Feme war aber auch

nicht immer heilig. Habe mir da neulich erst den Götz wieder angesehn,

bloß wegen dieser Szene. Die Poppe beiläufig vorzüglich. Und der

schwarze Mann von der Feme soll im Urtext noch viel schlimmer gewesen

sein, so daß man es (Goethe war damals noch sehr jung) eigentlich

kaum lesen kann. Ich würde mir's aber doch getrauen. Und nun wend ich

mich an unsre Herren, die dies diffizile Kampffeld, ich weiß nicht

ritterlicher- oder unritterlicherweise, mir ganz allein überlassen

haben. Doktor Wrschowitz, wie denken Sie darüber?«

»Ich denke darüber ganz wie gnädige Frau. Was wir da lesen wie

Runenschrift ... nein, +nicht+ wie Runenschrift ... (Wrschowitz

unterbrach sich hier mißmutig über sein eignes Hineingeraten ins

Skandinavische) -- was wir da lesen in Briefen vom Hofe, das ist

Krittikk. Und weil es Krittikk ist, ist es gutt. Mag es auch sein

Mißbrauch von Krittikk. Alles hat Mißbrauch. Gerechtigkeit hat

Mißbrauch, Kirche hat Mißbrauch, Krittikk hat Mißbrauch. Aber trotzdem.

Auf die Feme kommt es an, und das große Messer muß wieder stecken im

Baum.«

»Brrr,« sagte Czako, was ihm einen ernsten Augenaufschlag von

Wrschowitz eintrug. --

Als man sich nach einer halben Stunde von Tisch erhoben hatte,

wechselte man den Raum und begab sich in das Damenzimmer zurück, weil

der alte Graf etwas Musik hören und sich von Armgards Fortschritten

überzeugen wollte. »Doktor Wrschowitz hat vielleicht die Güte, dich zu

begleiten.«

So folgte denn ein Quatremains, und als man damit aufhörte, nahm der

alte Barby Veranlassung, seiner Vorliebe für solch vierhändiges Spiel

Ausdruck zu geben, was Wrschowitz, dessen Künstlerüberheblichkeit keine

Grenzen kannte, zu der ruhig lächelnden Gegenbemerkung veranlaßte,

daß man dieser Auffassung bei Dilettanten sehr häufig begegne.

Der alte Graf, wenig befriedigt von dieser »Krittikk«, war doch

andrerseits viel zu vertraut mit Künstlerallüren im allgemeinen und

mit den Wrschowitzschen im besonderen, um sich ernstlich über solche

Worte zu verwundern. Er begnügte sich vielmehr mit einer gemessenen

Verbeugung gegen den Musikdoktor und zog, auf einer nebenstehenden

Causeuse Platz nehmend, die gute Frau von Berchtesgaden ins Gespräch,

von der er wußte, daß ihre Munterkeiten nie den Charakter »goldener

Rücksichtslosigkeiten« annahmen.

Wrschowitz seinerseits war an dem aufgeklappten Flügel stehen

geblieben, ohne jede Spur von Verlegenheit, so daß ein Sichkümmern um

ihn eigentlich nicht nötig gewesen wäre. Trotzdem hielt es Czako für

angezeigt, sich seiner anzunehmen und dabei die herkömmliche Frage zu

tun, »ob er, der Herr Doktor Wrschowitz, sich schon in Berlin eingelebt

habe«.

»Hab ich,« sagte Wrschowitz kurz.

»Und beklagen es nicht, Ihr Zelt unter uns aufgeschlagen zu haben?«

»~Au contraire.~ Berlin eine schöne Stadt, eine serr gutte Stadt. Eine

serr gutte Stadt ~pour moi en particulier et pour les étrangers en

général~. Eine serr gutte Stadt, weil es hat Musikk und weil es hat

Krittikk.«

»Ich bin beglückt, Doktor Wrschowitz, speziell aus Ihrem Munde so viel

Gutes über unsre Stadt zu hören. Im allgemeinen ist die slawische,

besonders die tschechische Welt ...«

»O, die tschechische Welt. ~Vanitas vanitatum.~«

»Es ist sehr selten, in nationalen Fragen einem so freien Drüberstehn

zu begegnen ... Aber wenn es Ihnen recht ist, Doktor Wrschowitz, wir

stehen hier wie zwei Schildhalter neben diesem aufgeklappten Klavier,

-- vielleicht daß wir uns setzen könnten. Gräfin Melusine lugt ohnehin

schon nach uns aus.« Und als Wrschowitz seine Zustimmung zu diesem

Vorschlage Czakos ausgedrückt hatte, schritten beide Herren vom Klavier

her auf den Kamin zu, vor dem sich die Gräfin auf einem Fauteuil

niedergelassen hatte. Neben ihr stand ein Marmortischchen, drauf sie

den linken Arm stützte.

»Nun endlich, Herr von Czako. Vor allem aber rücken Sie Stühle heran.

Ich sah die beiden Herren in einem anscheinend intimen Gespräche. Wenn

es sich um etwas handelte, dran ich teilnehmen darf, so gönnen Sie mir

diesen Vorzug. Papa hat sich, wie Sie sehn, mit der Baronin engagiert,

ich denke mir über berechtigte bajuvarische Eigentümlichkeiten, und

Armgard denkt über ihr Spiel nach und all die falschen Griffe. Was

müssen Sie gelitten haben, Wrschowitz. Und nun noch einmal, Hauptmann

Czako, worüber plauderten Sie?«

»Berlin.«

»Ein unerschöpfliches Thema für die Medisance.«

»Worauf Doktor Wrschowitz zu meinem Staunen verzichtete. Denken Sie

sich, gnädigste Gräfin, er schien alles loben zu wollen. Allerdings

waren wir erst bei Musik und Kritik. Über die Menschen noch kein Wort.«

»O, Wrschowitz, das müssen Sie nachholen. Ein Fremder sieht mehr

als ein Einheimischer. Also frei weg und ohne Scheu. Wie sind die

Vornehmen? Wie sind die kleinen Leute?«

Wrschowitz wiegte den Kopf hin und her, als ob er überlege, wie weit

er in seiner Antwort gehen könne. Dann mit einem Male schien er einen

Entschluß gefaßt zu haben und sagte: »Oberklasse gutt, Unterklasse serr

gutt; Mittelklasse +nicht+ serr gutt.«

»Kann ich zustimmen,« lachte Melusine. »Fehlen nur noch ein paar

Details. Wie wär es damit?«

»Mittelklassberliner findet gutt, was +er+ sagt, aber findet +nicht+

gutt, was sagt ein andrer.«

Czako, trotzdem er sich getroffen fühlte, nickte.

»Mittelklassberliner, wenn spricht andrer, fällt in Krampf. In

versteckten Krampf oder auch in nicht versteckten Krampf. In

verstecktem Krampf ist er ein Bild des Jammers, in nicht verstecktem

Krampf ist er ein Affront.«

»Brav, Wrschowitz. Aber mehr. Ich bitte.«

»Berliner immer an der Tete. So wenigstens glaubt er. Berliner immer

Held. Berliner weiß alles, findet alles, entdeckt alles. Erst Borsig,

dann Stephenson, erst Rudolf Hertzog, dann Herzog Rudolf, erst

Pfefferküchler Hildebrand, dann Papst Hildebrand.«

»Nicht geschmeichelt, aber ähnlich. Und nun, Wrschowitz, noch eins,

dann sind Sie wieder frei ... Wie sind die Damen?«

»Ach, gnädigste Gräfin ...«

»Nichts, nichts. Die Damen.«

»Die Damen. O, die Damen serr gutt. Aber nicht speziffisch. Speziffisch

in Berlin bloß die Madamm.«

»Da bin ich aber doch neugierig.«

»Speziffisch bloß die Madamm. Ich war, gnädigste Gräfin, in Pettersburg

und ich war in Moscou. Und war in Budapest. Und war auch in Saloniki.

Ah, Saloniki! Schöne Damen von Helikon und schöne Damen von Libanon,

hoch und schlank wie die Zeder. Aber keine Madamm. Madamm nirgendwo;

Madamm bloß in Berlin.«

»Aber Wrschowitz, es müssen doch schließlich Ähnlichkeiten da sein.

Eine Madamm ist doch immerhin auch eine Dame, wenigstens eine Art Dame.

Schon das Wort spricht es aus.«

»Nein, gnäddigste Gräfin; ~rien du tout~ Dame! Dame denkt an Galan,

Dame denkt an Putz; oder vielleicht auch an ~Divorçons~. Aber Madamm

denkt bloß an Rieke draußen und mitunter auch an Paul. Und wenn sie zu

Paul spricht, der ihr Jüngster ist, so sagt sie: ›Jott, dein Vater.‹

Oh, die Madamm! Einige sagen, sie stürbe aus, andre sagen, sie stürbe

nie.«

»Wrschowitz,« sagte Melusine, »wie schade, daß die Baronin und Papa

nicht zugehört haben und daß unser Freund Stechlin, der solche Themata

liebt, nicht hier ist. Übrigens hatten wir heut ein Telegramm von ihm.

Haben Sie vielleicht auch Nachricht, Herr Hauptmann?«

»Heute, gnädigste Gräfin. Und auch ein Telegramm. Ich hab es

mitgebracht, weil ich an die Möglichkeit dachte ...«

»Bitte, lesen.«

Und Czako las: »London, Charing Croß-Hotel. Alles über Erwarten groß.

Sieben unvergeßliche Tage. Richmond schön. Windsor schöner. Und die

Nelsonsäule vor mir. Ihr v. St.«

Melusine lachte. »Das hat er uns auch telegraphiert.«

»Ich fand es wenig,« stotterte Czako verlegen, »und als Doublette find

ich es noch weniger. Und ein Mann wie Stechlin, ein Mann in Mission!

Und jetzt sogar unter den Augen Ihrer Majestät von Großbritannien und

Indien.«

Alles stimmte dem, »daß es wenig sei«, zu. Nur der alte Graf wollte

davon nichts wissen.

»Was verlangt ihr? Es ist umgekehrt ein sehr gutes Telegramm, weil

ein richtiges Telegramm; Richmond, Windsor, Nelsonsäule. Soll er etwa

telegraphieren, daß er sich sehnt, uns wiederzusehn? Und das wird er

nicht einmal können, so riesig verwöhnt er jetzt ist. Ihr werdet euch

alle sehr zusammennehmen müssen. Auch du, Melusine.«

»Natürlich, ich am meisten.«

Verlobung

Weihnachtsreise nach Stechlin

Fünfundzwanzigstes Kapitel

Drei Tage später war Woldemar zurück und meldete sich für den

nächsten Abend am Kronprinzenufer an. Er traf nur die beiden Damen,

die, Melusine voran, kein Hehl aus ihrer Freude machten. »Papa läßt

Ihnen sein Bedauern aussprechen, Sie nicht gleich heute mitbegrüßen

zu können. Er ist bei den Berchtesgadens zur Spielpartie, bei der er

natürlich nicht fehlen durfte. Das ist ›Dienst‹, weit strenger als der

Ihrige. Wir haben Sie nun ganz allein, und das ist auch etwas Gutes. An

Besuch ist kaum zu denken; Rex war erst gestern auf eine kurze Visite

hier, etwas steif und formell wie gewöhnlich, und mit Ihrem Freunde

Czako haben wir letzten Sonnabend eine Stunde verplaudern können.

Wrschowitz war an demselben Abend auch da; beide treffen sich jetzt

öfter und vertragen sich besser, als ich bei Beginn der Bekanntschaft

dachte. Wer also sollte noch kommen? ... Und nun setzen Sie sich, um

Ihr Reisefüllhorn über uns auszuschütten; -- die Füllhörner, die jetzt

Mode sind, sind meist Bonbontüten, und genau so was erwart ich auch

von Ihnen. Sie sollten mir in einem Briefe von den Engländerinnen

schreiben. Aber wer darüber nicht schrieb, das waren Sie, wenn wir uns

auch entschließen wollen, Ihr Telegramm für voll anzusehn.« Und dabei

lachte Melusine. »Vielleicht haben Sie uns in unsrer Eitelkeit nicht

kränken wollen. Aber offen Spiel ist immer das beste. Wovon Sie nicht

geschrieben, davon müssen Sie jetzt sprechen. Wie war es drüben? Ich

meine mit der Schönheit.«

»Ich habe nichts einzelnes gesehn, was mich frappiert oder gar

hingerissen hätte.«

»Nichts einzelnes. Soll das heißen, daß Sie dafür das Ganze beinah

bewundert haben, will also sagen, die weibliche Totalität?«

»Fast könnt ich dem zustimmen. Ich erinnere mich, daß mir vor Jahr und

Tag schon ein Freund einmal sagte, ›in der ganzen Welt fände man, Gott

sei Dank, schöne Frauen, aber nur in England seien die Frauen überhaupt

schön‹.«

Der Stechlin: Roman · 第 19 / 33 段