mancher sieht besser aus, als er ist. Aber natürlich komm ich, um Ihnen
wohl oder übel meine Glückwünsche zu bringen und meinen Reisesegen
dazu. Donnerwetter, Stechlin, wo will das noch mit Ihnen hinaus! Sie
werden natürlich Londoner Militärattaché, sagen wir in einem halben
Jahr, und in ebensoviel Zeit haben Sie sich drüben sportlich eingelebt
und etablieren sich als Sieger in einem Steeple Chase, vorausgesetzt,
daß es so was noch gibt (ich glaube nämlich, man nennt es jetzt alles
ganz anders). Und vierzehn Tage nach Ihrem ersten großen Sportsiege
verloben Sie sich mit Ruth Russel oder mit Geraldine Cavendish, haben
den Bedforder- oder den Devonshire-Herzog als Rückendeckung und gehen
als Generalgouverneur nach Mittelafrika, links die Zwerge, rechts die
Menschenfresser. Emin soll ja doch eigentlich aufgefressen sein.«
»Czako, Sie machen sich's zunutze, daß die Mittagsstunde glücklich
vorüber ist, sonst könnten Sie's kaum verantworten. Aber rücken Sie
sich einen Sessel ran, und hier sind Zigaretten. Oder lieber Zigarre?«
»Nein, Zigaretten ... Ja, sehen Sie, Stechlin, solche Mission oder wenn
auch nur ein Bruchteil davon ...«
»Sagen wir Anhängsel.«
»... Solche Mission ist gerade das, was ich mir all mein Lebtag
gewünscht habe. Bloß ›Erhörung kam nicht geschritten‹. Und doch ist
gerad in unserm Regiment immer was los. Immer ist wer auf dem Wege nach
Petersburg. Aber weiß der Teufel, trotz der vielen Schickerei, meine
Wenigkeit ist noch nicht rangekommen. Ich denke mir, es liegt an meinem
Namen. Hier hat ›Czako‹ ja auch schon einen Beigeschmack, einen Stich
ins Komische, aber das Slawische drin gibt ihm in Berlin etwas Apartes,
während es in Petersburg wahrscheinlich heißen würde: ›Czako, was soll
das? Was soll Czako? Dergleichen haben wir hier echter und besser.‹
Ja, ich gehe noch weiter und bin nicht einmal sicher, ob man da drüben
nicht Lust bezeugen könnte, in der Wahl von ›Czako‹ einen Witz oder
versteckten Affront zu wittern. Aber wie dem auch sei, Winterpalais
und Kreml sind mir verschlossen. Und nun gehen Sie nach London und
sogar nach Windsor. Und Windsor ist doch nun mal das denkbar Feinste.
Rußland, wenn Sie mir solche Frühstücksvergleiche gestatten wollen,
hat immer was von Astrachan, England immer was von Colchester. Und ich
glaube, Colchester steht höher. In meinen Augen gewiß. Ach, Stechlin,
Sie sind ein Glückspilz, ein Wort, das Sie meiner erregten Stimmung
zugute halten müssen. Ich werde wohl an der Majorsecke scheitern, wegen
verschiedener Mankos. Aber sehn Sie, daß ich das einsehe, das könnte
das Schicksal doch auch wieder mit mir versöhnen.«
»Czako, Sie sind der beste Kerl von der Welt. Es ist eigentlich schade,
daß wir solche Leute wie Sie nicht bei unserm Regiment haben. Oder
wenigstens nicht genug. ›Fein‹ ist ja ganz gut, aber es muß doch auch
mal ein Donnerwetter dazwischen fahren, ein Zynismus, eine Bosheit;
sie braucht ja nicht gleich einen Giftzahn zu haben. Übrigens, was die
Patentheit angeht, so fühl ich deutlich, daß ich auch nur so gerade
noch passiere. Nehmen Sie beispielsweise bloß das Sprachliche. Wer
heutzutage nicht drei Sprachen spricht, gehört in die Ecke ...«
»Sag ich mir auch. Und ich habe deshalb auch mit dem Russischen
angefangen. Und wenn ich dann so dabei bin und über meine Fortschritte
beinah erstaune, dann berapple ich mich momentan wieder und sage mir:
›Courage gewonnen, alles gewonnen.‹ Und dabei laß ich dann zu meinem
weitern Trost all unsre preußischen Helden zu Fuß und zu Pferde an mir
vorüberziehen, immer mit dem Gefühl einer gewissen wissenschaftlichen
und mitunter auch moralischen Überlegenheit. Da ist zuerst der
Derfflinger. Nun, der soll ein Schneider gewesen sein. Dann kam
Blücher, -- der war einfach ein ›~Jeu~‹er. Und dann kam Wrangel und
trieb sein verwegenes Spiel mit ›mir und mich‹.«
»Bravo, Czako. Das ist die Sprache, die Sie sprechen müssen. Und Sie
werden auch nicht an der Majorsecke scheitern. Eigentlich läuft doch
alles bloß darauf hinaus, wie hoch man sich selber einschätzt. Das ist
freilich eine Kunst, die nicht jeder versteht. Das Wort vom alten
Fritz: ›Denk Er nur immer, daß Er hunderttausend Mann hinter sich hat,‹
dies Trostwort ist manchem von uns ein bißchen verloren gegangen, trotz
unsrer Siege. Oder vielleicht auch eben deshalb. Siege produzieren
unter Umständen auch Bescheidenheit.«
»Jedenfalls haben Sie, lieber Stechlin, zuviel davon. Aber wenn Sie
erst Ihre Ruth haben ...«
»Ach, Czako, kommen Sie mir nicht immer mit Ruth. Oder eigentlich,
seien Sie doch bedankt dafür. Denn dieser weibliche Name mahnt mich,
daß ich mich für heut abend am Kronprinzenufer angemeldet habe, bei den
Barbys, wo's, wie Sie wissen, freilich keine Ruth gibt, aber dafür eine
Melusine, was fast noch mehr ist.«
»Versteht sich, Melusine is mehr. Alles, was aus dem Wasser kommt,
ist mehr. Venus kam aus dem Wasser, ebenso Hero ... Nein, nein,
entschuldigen Sie, es war Leander.«
»Egal. Lassen Sie's, wie's ist. Solche verwechselte Schillerstelle tut
einem immer wohl. Übrigens können Sie mich in meinem Coupé begleiten;
vom Kronprinzenufer aus haben Sie knapp noch halben Weg bis in Ihre
Kaserne.«
* * * * *
Das Coupé tat seine Schuldigkeit, und es schlug eben erst acht,
als Woldemar vor dem Barbyschen Hause hielt und, sich von Czako
verabschiedend, die Treppe hinaufstieg. Er fand nur die Familie vor,
was ihm sehr lieb war, weil er kein allgemeines Gespräch führen,
sondern sich lediglich für seine Reise Rats erholen wollte. Der alte
Graf kannte London besser als Berlin, und auch Melusine war schon über
siebzehn, als man, bald nach dem Tode der Mutter, England verlassen und
sich auf die Graubündner Güter zurückgezogen hatte. Darüber waren nun
wieder nah an anderthalb Jahrzehnte vergangen, aber Vater und Töchter
hingen nach wie vor an Hydepark und dem schönen Hause, das sie da
bewohnt hatten, und gedachten dankbar der in London verlebten Tage.
Selbst Armgard sprach gern von dem Wenigen, dessen sie sich noch aus
ihrer frühen Kindheit her erinnerte.
»Wie glücklich bin ich,« sagte Woldemar, »Sie allein zu finden!
Das klingt freilich sehr selbstisch, aber ich bin doch vielleicht
entschuldigt. Wenn Besuch da wäre, nehmen wir beispielsweise
Wrschowitz, und ich ließe mich hinreißen, von der Prinzessin von Wales
und in natürlicher Konsequenz von ihren zwei Schwestern Dagmar und
Thyra zu sprechen, so hätt ich vielleicht wegen Dänenfreundlichkeit
heut abend noch ein Duell auszufechten. Was mir doch unbequem wäre.
Besser ist besser.«
Der alte Barby nickte vergnüglich.
»Ja, Herr Graf,« fuhr Woldemar fort, »ich komme, mich von Ihnen und
den Damen zu verabschieden: aber ich komme vor allem auch, um mich
in zwölfter Stunde noch nach Möglichkeit zu informieren. In dem
Augenblick, wo der gänzlich ignorante Kandidatus in seinen Frack fährt,
guckt er -- so was soll vorkommen -- noch einmal ins Corpus juris und
liest, sagen wir zehn Zeilen, und gerad über diese wird er nachher
gefragt und sieht sich gerettet. Dergleichen könnte mir doch auch
vorbehalten sein. Sie waren lange drüben und die Damen ebenso. Auf was
muß ich achten, was vermeiden, was tun? Vor allem, was muß ich sehn und
was nicht sehn? Das letztere vielleicht das Wichtigste von allem.«
»Gewiß, lieber Stechlin. Aber ehe wir anfangen, rücken Sie hier ein
und gönnen Sie sich eine Tasse Tee. Freilich, daß Sie den Tee würdigen
werden, ist so gut wie ausgeschlossen; dazu sind Sie viel zu aufgeregt.
Sie sind ja wie ein Wasserfall; ich erkenne Sie kaum wieder.«
Woldemar wollte sich entschuldigen.
»Nur keine Entschuldigungen. Und am wenigsten über das. Alles ist
heutzutage so nüchtern, daß ich immer froh bin, mal einer Aufregung zu
begegnen; Aufregung kleidet besser als Indifferenz, und jedenfalls ist
sie interessanter. Was meinst du dazu, Melusine?«
»Papa schraubt mich. Ich werde mich aber hüten, zu antworten.«
»Und so denn wieder zur Sache. Ja, lieber Stechlin, was tun, was sehn?
Oder wie Sie ganz richtig bemerken, was nicht sehn? Überall etwas sehr
Schwieriges. In Italien vertrödelt man die Zeit mit Bildern, in England
mit Hinrichtungsblöcken. Sie haben drüben ganze Kollektionen davon.
Also möglichst wenig Historisches. Und dann natürlich keine Kirchen,
immer mit Ausnahme von Westminster. Ich glaube, was man so mit billiger
Wendung »Land und Leute« nennt, das ist und bleibt das Beste. Die
Themse hinauf und hinunter, Richmond-Hill (auch jetzt noch, trotzdem
wir schon November haben) und Werbekneipen und Dudelsackspfeifer.
Und wenn Sie bei Passierung eines stillen Squares einem sogenannten
›Straßen-Raffael‹ begegnen, dann stehenbleiben und zusehen, was das
sonderbare Genie mit seiner linken und oft verkrüppelten Hand auf die
breiten Straßensteine hinmalt. Denn diese Straßen-Raffaels haben immer
nur eine linke Hand.«
»Und was malt er?«
»Was? Das wechselt. Er ist imstande und zaubert Ihnen in zehn Minuten
eine richtige Sixtina aufs Trottoir. Aber in der Regel ist er mehr
Ruysdael oder Hobbema. Landschaften sind seine Force; dazu Seestücke.
Die Klippe von Dover hab ich wohl zwanzigmal gesehn und über das Meer
hin den zitternden Mondstrahl. Da haben Sie schon was zur Auswahl. Und
nun fragen Sie Melusine. Die hat von London und Umgegend viel mehr
gesehn als ich und weiß, glaub ich, in Hampton-Court und Waltham-Abbey
besser Bescheid als an der Oberspree, natürlich das Eierhäuschen
ausgenommen. Und wenn Melusine versagen sollte, nun, so haben wir ja
noch unsere Tochter Cordelia. Cordelia war damals freilich erst sechs
oder doch nicht viel mehr. Aber Kindermund tut Wahrheit kund. Armgard,
wie wär es, wenn du dich unsers Freundes annähmest?«
»Ich weiß nicht, Papa, ob Herr von Stechlin damit einverstanden ist
oder auch nur sein kann. Vielleicht ging es, wenn du nur nicht von
meinen sechs Jahren gesprochen hättest. Aber so. Mit sechs Jahren hat
man eben nichts erlebt, was, in den Augen andrer, des Erzählens wert
wäre.«
»Komtesse, gestatten Sie mir ... die Dinge an sich sind gleichgültig.
Alles Erlebte wird erst was durch den, der es erlebt.«
»Ei,« sagte Melusine. »So bin ich zum Erzählen noch mein Lebtag nicht
aufgefordert worden. Nun wirst du sprechen müssen, Armgard.«
»Und ich will auch, selbst auf die Gefahr hin einer Niederlage.«
»Keine Vorreden, Armgard. Am wenigsten, wenn sie wie Selbstlob klingen.«
»Also wir hatten damals eine alte Person im Hause, die schon bei
Melusine Kindermuhme gewesen war, und hieß Susan. Ich liebte sie sehr,
denn sie hatte wie die meisten Irischen etwas ungemein Heiteres und
Gütiges. Ich ging viel mit ihr im Hydepark spazieren, wohnten wir doch
in der an seiner Nordseite sich hinziehenden großen Straße. Hydepark
erschien mir immer sehr schön. Aber weil es tagaus, tagein dasselbe
war, wollt ich doch gern einmal was andres sehen, worauf Susan auch
gleich einging, trotzdem es ihr eigentlich verboten war. ›Ei freilich,
Komtesse,‹ sagte sie, ›da wollen wir nach Martins le Grand.‹ ›Was ist
das?‹ fragte ich; aber statt aller Antwort gab sie mir nur ein kleines
Mäntelchen um, denn es war schon Spätherbst, so etwa wie jetzt, und
dunkelte auch schon. Aus dem, was dann kam, muß ich annehmen, daß es
um die fünfte Stunde war. Und so brachen wir denn auf, unsre Straße
hinunter, und weil an dem Parkgitter entlang lauter große Röhren
gelegt waren, um hier neu zu kanalisieren, so sprang ich auf die Röhren
hinauf, und Susan hielt mich an meinem linken Zeigefinger. So gingen
wir, ich immer auf den Röhren oben, bis wir an eine Stelle kamen, wo
der Park aufhörte. Hier war gerad ein Droschkenstand, und Hafer und
Häcksel lagen umher und zahllose Sperlinge dazwischen. In der Mitte von
dem allem aber stand ein eiserner Brunnen. Auf den wies Susan hin und
sagte: ›~Look at it, dear Armgard. There stood Tyburn-Gallows.~‹ Und
wer soviel gestohlen hatte, wie gerad ein Strick kostete, der wurde da
gehängt.«
»Eine merkwürdige Kindermuhme,« sagte Stechlin. »Und erschraken Sie
nicht, Komtesse?«
»Nein, von Erschrecken, solange Susan bei mir war, war keine Rede. Sie
hätte mich gegen eine Welt verteidigt.«
»Das söhnt wieder aus.«
»Und kurz und gut, wir blieben auf unserm Weg und stiegen alsbald in
ein zweirädriges Cab, aus dem heraus wir sehr gut sehen konnten, und
jagten die Oxfordstraße hinunter in die City hinein, in ein immer
dichter werdendes Straßengewirr, drin ich nie vorher gekommen war und
auch nachher nicht wieder gekommen bin. Bloß vor zwei Jahren, als wir
auf Besuch drüben waren und ich den alten Plätzen wieder nachging.«
»Ich glaube,« sagte Melusine, »daß du bei diesem zweiten Besuch eine
gute Anleihe machst. Denn von dem mit Susan Gesehenen wirst du zurzeit
nicht mehr viel zur Verfügung haben.«
»Doch, doch. Und nun hielt unser Hansom-Cab vor einem großen Hause,
das halb wie ein Palast und halb wie ein griechischer Tempel aussah
und unter dessen Säulengang hinweg wir in eine große, mit vielen
hundert Menschen erfüllte Halle traten. Über ihren Köpfen aber lag es
wie ein Strom von Licht, und ganz nach hinten zu, wo die Lichtmasse
sich zu verdichten schien, standen auf einem Podium zwei in rote
Röcke gekleidete Bedienstete mit ein paar großen Behältern links und
rechts neben sich, die wie Futterkisten mit weit aufgeklapptem Deckel
aussahen.«
»Und nun laß Stechlin raten, was es war.«
»Er braucht es nicht zu raten,« fuhr Armgard fort, »er weiß es
natürlich schon. Aber er muß trotzdem aushalten. Denn er hat es selber
so gewollt. Also Podium und Rotröcke samt aufgeklappter Kiste links
und rechts. Und die hell erleuchtete Uhr darüber zeigte, daß es nur
noch eine Minute bis sechs war. An ein Sichherandrängen war nicht zu
denken, und so flogen denn die Brief- und Zeitungspakete, die noch mit
den letzten Postzügen fort sollten, in weitem Bogen über die Köpfe der
in Front Stehenden weg; was aber dabei statt in die Behälter bloß auf
das Podium fiel, das wurde von den Rotröcken mit einer geschickten
Fußbewegung in die Futterkisten wie hineingeharkt. Und nun setzte der
Uhrzeiger ein, und das Fliegen der Pakete steigerte sich, bis genau mit
dem sechsten Schlag auch der Deckel jeder der beiden Kisten zuschlug.«
»Reizend, Komtesse. Natürlich seh ich mir das an, und wenn ich ein
Rendezvous mit der Königin darüber versäumen müßte.«
»Nichts Antimonarchisches,« lachte der alte Graf. »Und so kommen Susans
Untaten schließlich noch ans Licht.«
»Und meine eignen dazu. Glücklicherweise durch mich selbst.«
Das Gespräch setzte sich noch eine Weile fort, und allerlei
Schilderungen aus dem Klein- und Alltagsleben behielten dabei die
Oberhand. Ein paarmal, weil er wohl sah, daß Woldemar gern auch andres
zu hören wünschte, versuchte der alte Graf das Thema zu wechseln, aber
beide Damen blieben bei »~shopping~« und »~five o'clock tea~«, bis
Melusine, der Woldemars Ungeduld ebenfalls nicht entgangen war, mit
einem Male fragte: »Haben Sie denn je von Traitors-Gate gehört?«
»Nein,« sagte Woldemar. »Ich kann es mir aber übersetzen und meine
Schlüsse daraus ziehn.«
»Das reicht aus. Also natürlich Tower. Nun sehen Sie, Traitors-Gate,
das war meine Domäne, wenn Besuch aus Deutschland kam und ich wohl oder
übel den Führer machen mußte. Vieles im Tower langweilte mich, aber
Traitors-Gate nie, vielleicht deshalb nicht, weil es ziemlich zu Anfang
liegt, so daß ich, wenn wir's erreichten, immer noch bei Frische war,
nicht abgestumpft durch all die Schrecklichkeiten, die dann weiterhin
folgen.«
»Also Traitors-Gate muß ich sehn?«
»Unbedingt. Freilich, wenn ich dann wieder erwäge, daß an dieser
berühmten Stelle nichts unmittelbar Wirkungsvolles zu sehn ist, so muß
ich mich bei meinen Ratschlägen auf Ihre Phantasie verlassen können.
Und ob das geht, weiß ich nicht. Wer aus der Mark ist, hat meist keine
Phantasie.«
Der alte Graf und Armgard schwiegen, und auch Melusine sah wohl,
daß sie mit ihrer Bemerkung etwas zu weit gegangen war. Irgendeine
Reparierung schien also geboten. »Ich will's aber doch mit Ihnen
wagen,« nahm sie das Gespräch wieder auf und lachte. »Traitors-Gate.
Nun sehen Sie, Sie kommen da vom Eingange her einen schmalen Gang
entlang, und mit einem Male haben Sie statt der grauen Steinwand ein
eisenbeschlagenes Holztor neben sich. Hinter diesem Tor aber befindet
sich ein kleiner, ganz unten in der Tiefe gelegener Wasserhof, von dem
aus eine mehrstufige Treppe heraufführt und an eben der Stelle mündet,
an der Sie stehn. Und nun rechnen Sie dreihundert Jahre zurück. Wem
sich die Pforte damals auftat, um sich hinter ihm wieder zu schließen,
der hatte vom Leben Abschied genommen ... Es sind da, verzeihen Sie
das Wort, lauter glibbrige Stufen, und +wer+ alles stieg diese Stufen
hinauf: Essex, Sir Walter Raleigh, Thomas Morus und zuletzt noch jene
Clanhäuptlinge, die für Prince Charlie gefochten hatten und deren
Köpfe wenige Tage später von Temple-Bar herab auf die City niedersahen.«
»Liegt, Gott sei Dank, weit zurück.«
»Ja, weit zurück. Aber es kann wiederkommen. Und gerade +das+ war es,
was immer, wenn ich da so stand, den größten Eindruck auf mich machte.
Diese Möglichkeit, daß es wiederkehre. Denn ich erinnere mich noch sehr
wohl -- ja, du warst es selbst, Papa, der es mir erzählte --, daß Lord
Palmerston einmal, unwirsch über die koburgische Nebenpolitik (ich
glaube während der Krimkriegtage) sich dahin geäußert hätte: ›Dieser
Prince-Consort, er täte gut, sich unser Traitors-Gate bei Gelegenheit
anzusehen. Es ist zwar schon lange, daß Könige da die glibbrige Treppe
hinaufgestiegen sind, aber es ist doch noch nicht +so+ lange, daß wir
uns dessen nicht mehr entsinnen könnten. Und ein Prince-Consort ist
noch lange nicht ein König.‹«
Woldemar, als Melusine dies mit überlegener Miene gesagt hatte,
lächelte vor sich hin, was die Gräfin derartig verdroß, daß sie mit
einer gewissen Gereiztheit hinzusetzte: »Sie lächeln. Da seh ich doch,
wie sehr ich im Rechte war, Ihnen die Phantasie abzusprechen.«
»Verzeihen Sie mir ...«
»Und nun werden Sie auch noch pathetisch. Das ist die richtige
Ergänzung. Im übrigen, wie könnt ich mit Ihnen ernsthaft zürnen! Ein
berühmter deutscher Professor soll einmal irgendwo gesagt haben:
›niemand sei verpflichtet, ein großer Mann zu sein.‹ Und ebensowenig
wird er ›große Phantasie‹ als etwas Pflichtmäßiges gefordert haben.«
Woldemar küßte ihr die Hand. »Wissen Sie, Gräfin, daß Sie doch
eigentlich recht hochmütig sind?«
»Vielleicht. Aber mancher entwaffnet mich wieder. Und zu diesen gehören
Sie.«
»Das ist nun auch wieder aus dem Ton.«
»Ich weiß es nicht. Aber lassen wir's. Und versprechen Sie mir
lieber, mir von Windsor oder London aus eine Karte zu schreiben ...
nein, eine Karte, das geht nicht ... also einen Brief, darin Sie mir
ein Wort über die Engländerinnen sagen, und ob Sie jede taillenlose
Rotblondine drüben auch so schön gefunden haben werden, wie's von den
Kontinentalen, wenn sie dies Thema berühren, fast immer versichert
wird.«
»Es wird davon abhängen, an wen ich gerade denke.«
»Nach dieser Bemerkung ist Ihnen alles verziehn.«
* * * * *
Woldemar blieb bis neun. Er hatte gleich in den Zeilen, in denen er
sich anmeldete, die Damen wissen lassen, daß er seinen Besuch auf eine
kurze Stunde beschränken müsse. So war er denn bei guter Zeit wieder
daheim. Auf seinem Tische fand er ein Briefchen vor und erkannte Rex'
Handschrift. »Lieber Stechlin,« so schrieb dieser, »ich höre eben,
daß Sie nach London gehn. In der Zeitung, wo's schon gestanden haben
soll, hab ich es übersehn. Ich beglückwünsche Sie von Herzen zu dieser
Auszeichnung und lege Ihnen eine Karte bei, die Sie (wenn's Ihnen paßt)
bei meinem Freunde Ralph Waddington einführen soll. Er ist Advokat und
einer der angesehensten Führer unter den Irvingianern. Fürchten Sie
übrigens keine Bekehrungsversuche. Waddington ist ein durchaus feiner
Mann, also zurückhaltend. Er kann Ihnen aber mannigfach behilflich
sein, wenn Ihnen daran gelegen sein sollte, sich um das Wesen der
englischen Dissenter, ihre Chapels und Tabernakels zu kümmern. Er ist
ein Wissenschaftler auf diesem Gebiet. Und ich kenne ja Ihre Vorliebe
für derlei Fragen.«
Stechlin legte den Brief unter den Briefbeschwerer und sagte: »Der gute
Rex! Er überschätzt mich. Dissenterstudien. Es genügt mir, wenn ich
einen einzigen Quäker sehe.«
Dreiundzwanzigstes Kapitel
Was Rex da schrieb, hatte doch ein Gutes gehabt; Woldemar, erheitert
bei dem Gedanken, sich durch Ralph Waddington in ein Tabernakel
eingeführt zu sehn, sah sich mit einemmale einer gewissen Abspannung
entrissen und war froh darüber, denn er brauchte durchaus Stimmung,
um noch einige Briefe zu schreiben. Das ging ihm nun leichter von der
Hand, und als elf Uhr kaum heran war, war alles erledigt.
Der andre Morgen sah ihn selbstverständlich früh auf. Fritz war um
ihn her und half, wo noch zu helfen war. »Und nun, Fritz,« so waren
Woldemars letzte Worte, »sieh nach dem Rechten. Schicke mir nichts
nach; Zeitungen wirf weg. Und die drei Briefe hier, wenn ich fort bin,
die tue sofort in den Kasten ... Ist die Droschke schon da?«
»Zu Befehl, Herr Rittmeister.«
»Na, dann mit Gott. Und jeden Tag lüften. Und paß auf die Pferde.«
Damit verabschiedete sich Woldemar.
* * * * *
Von den drei Briefen war einer nach Stechlin hin adressiert. Er traf,
weil er noch mit dem ersten Zuge fort konnte, gleich nach Tische bei
dem Alten ein und lautete:
»Mein lieber Papa. Wenn Du diese Zeilen erhältst, sind wir schon auf
dem Wege. ›Wir,‹ das will sagen, unser Oberst, unser zweitältester
Stabsoffizier, ich und zwei jüngere Offiziere. Aus Deinen eignen
Soldatentagen her kennst Du den Charakter solcher Abordnungen. Nachdem
wir ›Regiment Königin von Großbritannien und Irland‹ geworden sind,
war dies ›uns drüben vorstellen‹ nur noch eine Frage der Zeit. Dieser
Mission beigesellt zu sein ist selbstverständlich eine große Ehre für
mich, doppelt, wenn ich die Namen, über die wir in unserm Regiment
Verfügung haben, in Erwägung ziehe. Die Zeiten, wo man das Wort
›historische Familie‹ betonte, sind vorüber. Auch an Tante Adelheid hab
ich in dieser Sache geschrieben. Was mir persönlich an Glücksgefühl
vielleicht noch fehlen mag, wird sie leicht aufbringen. Und ich freue
mich dessen, weil ich ihr, alles in allem, doch so viel verdanke.
Daß ich mich von Berlin gerade jetzt nicht gerne trenne, sei nur
angedeutet; Du wirst den Grund davon unschwer erraten. Mit besten
Wünschen für Dein Wohl, unter herzlichen Grüßen an Lorenzen, wie immer
Dein Woldemar.«
Dubslav saß am Kamin, als ihm Engelke den Brief brachte. Nun war der
Alte mit dem Lesen durch und sagte: »Woldemar geht nach England. Was
sagst du dazu, Engelke?«
»So was hab ich mir all immer gedacht.«
»Na, dann bist du klüger gewesen als ich. Ich habe mir gar nichts
gedacht. Und nu noch drei Tage, so stellt er sich mit seinem Oberst und
seinem Major vor die Königin von England hin und sagt: ›Hier bin ich.‹«
»Ja, gnädger Herr, warum soll er nich?«
»Is auch 'n Standpunkt. Und vielleicht sogar der richtige. Volksstimme,
Gottesstimme. Na, nu geh mal zu Pastor Lorenzen und sag ihm, ich ließ
ihn bitten. Aber sage nichts von dem Brief; ich will ihn überraschen.
Du bist mitunter ne alte Plappertasche.«
* * * * *
Schon nach einer halben Stunde war Lorenzen da.
»Haben befohlen ...«
»Haben befohlen. Ja, das ist gerade so das Richtige; sieht mir ähnlich
... Nun, Lorenzen, schieben Sie sich mal nen Stuhl ran, und wenn
Engelke nicht geplaudert hat (denn er hält nicht immer dicht), so hab
ich eine richtige Neuigkeit für Sie. Woldemar ist nach England ...«
»Ah, mit der Abordnung.«
»Also wissen Sie schon davon?«
»Nein, ausgenommen das eine, daß eine Deputation oder Gesandtschaft
beabsichtigt sei. Das las ich, und dabei hab ich dann freilich auch an
Woldemar gedacht.«
Dubslav lachte. »Sonderbar. Engelke hat sich so was gedacht, Lorenzen
hat sich auch so was gedacht. Nur der eigne Vater hat an gar nichts
gedacht.«
»Ach, Herr von Stechlin, das ist immer so. Väter sind Väter und können
nie vergessen, daß die Kinder Kinder waren. Und doch hört es mal auf
damit. Napoleon war mit zwanzig ein armer Leutnant und an Ansehn noch
lange kein Stechlin. Und als er so alt war wie jetzt unser Woldemar,
ja, da stand er schon zwischen Marengo und Austerlitz.«