ist genau so, wie Herr von Zühlen sagt. Und zuletzt geschah denn
auch glücklicherweise das, was unsre mehr auf Schönheit gerichteten
Wünsche -- denn wir leben nun mal in einer Welt der Schönheit --
zufriedenstellen konnte. Direkt aus der Porphyrwanne stieg die
Prinzessin in die Marmorwanne, drin alle Wohlgerüche Arabiens ihre
Heimstätte hatten, und alle Priester traten mit ihren Schöpfkellen
aufs neue heran, und in Kaskaden ergoß es sich über die Prinzessin,
und man sah ordentlich, wie die Schwermut von ihr abfiel und wie all
das wieder aufblühte, was ihr der räuberische Nachbarfürst genommen.
Und zuletzt schlugen die Dienerinnen ihre Herrin in schneeweiße
Gewänder und führten sie bis an ein Lager und fächelten sie hier mit
Pfauenwedeln, bis sie den Kopf still neigte und entschlief. Und ist
nichts zurückgeblieben, und ist später die Gattin des Königs von
Annam geworden. Er soll allerdings sehr aufgeklärt gewesen sein, weil
Frankreich schon seit einiger Zeit in seinem Lande herrschte.«
»Hoffen wir, daß Lillis Vetter auch ein Einsehen hat.«
»Er wird, er wird.«
Darauf stieß man an, und alles brach auf. Die Wagen waren bereits
vorgefahren und standen in langer Reihe zwischen dem »Prinzregenten«
und dem Triangelplatz.
Auch der Stechliner Wagen hielt schon, und Martin, um sich die Zeit zu
vertreiben, knipste mit der Peitsche. Dubslav suchte nach seinem Pastor
und begann schon ungeduldig zu werden, als Lorenzen endlich an ihn
herantrat und um Entschuldigung bat, daß er habe warten lassen. Aber
der Oberförster sei schuld; der habe ihn in ein Gespräch verwickelt,
das auch noch nicht beendet sei, weshalb er vorhabe, die Rückfahrt mit
Katzler gemeinschaftlich zu machen.
Dubslav lachte. »Na, dann mit Gott. Aber lassen Sie sich nicht zu
viel erzählen. Ermyntrud wird wohl die Hauptrolle spielen oder noch
wahrscheinlicher der neuzufindende Name. Werde wohl recht behalten ...
Und nun vorwärts, Martin.«
Damit ging es über das holperige Pflaster fort.
* * * * *
In der Stadt war schon alles still; aber draußen auf der Landstraße
kam man an großen und kleinen Trupps von Häuslern, Teerschwelern und
Glashüttenleuten vorüber, die sich einen guten Tag gemacht hatten
und nun singend und johlend nach Hause zogen. Auch Frauensvolk war
dazwischen und gab allem einen Beigeschmack.
So trabte Dubslav auf den als halber Weg geltenden Nehmitzsee zu. Nicht
weit davon befand sich ein Kohlenmeiler, Dietrichsofen, und als Martin
jetzt um die nach Süden vorgeschobene Seespitze herumbiegen wollte,
sah er, daß wer am Wege lag, den Oberkörper unter Gras und Binsen
versteckt, aber die Füße quer über das Fahrgeleise.
Martin hielt an. »Gnädiger Herr, da liegt wer. Ich glaub, es ist der
alte Tuxen.«
»Tuxen, der alte Süffel von Dietrichsofen?«
»Ja, gnädiger Herr. Ich will mal sehen, was es mit ihm is.«
Und dabei gab er die Leinen an Dubslav und stieg ab und rüttelte und
schüttelte den am Wege Liegenden. »Awer Tuxen, wat moakst du denn hier?
Wenn keen Moonschien wiehr, wiehrst du nu all kaput.«
»Joa, joa,« sagte der Alte. Aber man sah, daß er ohne rechte Besinnung
war.
Und nun stieg Dubslav auch ab, um den ganz Unbehilflichen mit Martin
gemeinschaftlich auf den Rücksitz zu legen. Und bei dieser Prozedur kam
der Trunkene einigermaßen wieder zu sich und sagte: »Nei, nei, Martin,
nich doa; pack mi lewer vörn upp'n Bock.«
Und wirklich, sie hoben ihn da hinauf, und da saß er nun auch ganz
still und sagte nichts. Denn er schämte sich vor dem gnädigen Herrn.
Endlich aber nahm dieser wieder das Wort und sagte: »Nu sage mal,
Tuxen, kannst du denn von dem Branntwein nich lassen? Legst dich da
hin; is ja schon Nachtfrost. Noch ne Stunde, dann warst du dod. Waren
sie denn alle so?«
»Mehrschtendeels.«
»Und da habt ihr denn für den Katzenstein gestimmt?«
»Nei, gnädger Herr, vör Katzenstein nich.«
Und nun schwieg er wieder, während er vorn auf dem Bock unsicher hin
und her schwankte.
»Na, man raus mit der Sprache. Du weißt ja, ich reiß keinem den Kopp
ab. Is auch alles egal. Also für Katzenstein nich. Na, für wen denn?«
»För Torgelow'n.«
Dubslav lachte. »Für Torgelow, den euch die Berliner hergeschickt
haben. Hat er denn schon was für euch getan?«
»Nei, noch nich.«
»Na, warum denn?«
»Joa, se seggen joa, he +will+ wat för uns duhn un is so sihr för de
armen Lüd. Un denn kriegen wi joa'n Stück Tüffelland. Un se seggen ook,
he is klöger, as de annern sinn.«
»Wird wohl. Aber er is doch noch lange nich so klug, wie ihr dumm seid.
Habt ihr denn schon gehungert?«
»Nei, dat grad nich.«
»Na, das kann auch noch kommen.«
»Ach, gnädger Herr, dat wihrd joa woll nich.«
»Na, wer weiß, Tuxen. Aber hier is Dietrichsöfen. Nu steigt ab und
seht Euch vor, daß Ihr nicht fallt, wenn die Pferde anrucken. Und hier
habt Ihr was. Aber nich mehr für heut. Für heut habt Ihr genug. Und nu
macht, daß Ihr zu Bett kommt, und träumt von ›Tüffelland‹.«
In Mission nach England
Einundzwanzigstes Kapitel
Woldemar erfuhr am andern Morgen aus Zeitungstelegrammen, daß der
sozialdemokratische Kandidat, Feilenhauer Torgelow, im Wahlkreise
Rheinsberg-Wutz gesiegt habe. Bald darauf traf auch ein Brief von
Lorenzen ein, der zunächst die Telegramme bestätigte und am Schlusse
hinzusetzte, daß Dubslav eigentlich herzlich froh über den Ausgang
sei. Woldemar war es auch. Er ging davon aus, daß sein Vater wohl das
Zeug habe, bei Dressel oder Borchardt mit viel gutem Menschenverstand
und noch mehr Eulenspiegelei seine Meinung über allerhand politische
Dinge zum besten zu geben; aber im Reichstage fach- und sachgemäß
sprechen, das konnt er nicht und wollt er auch nicht. Woldemar war so
durchdrungen davon, daß er über die Vorstellung einer Niederlage, dran
er als Sohn des Alten immerhin wie beteiligt war, verhältnismäßig rasch
hinwegkam, pries es aber doch, um eben diese Zeit mit einem Kommando
nach Ostpreußen hin betraut zu werden, das ihn auf ein paar Wochen
von Berlin fernhielt. Kam er dann zurück, so waren Anfragen in dieser
Wahlangelegenheit nicht mehr zu befürchten, am wenigsten innerhalb
seines Regiments, in dem man sich, von ein paar Intimsten abgesehen,
eigentlich schon jetzt über den unliebsamen Zwischenfall ausschwieg.
Und in Schweigen hüllte man sich auch am Kronprinzenufer, als Woldemar
hier am Abend vor seiner Abreise noch einmal vorsprach, um sich bei
der gräflichen Familie zu verabschieden. Es wurde nur ganz obenhin
von einem abermaligen Siege der Sozialdemokratie gesprochen, ein
absichtlich flüchtiges Berühren, das nicht auffiel, weil sich das
Gespräch sehr bald um Rex und Czako zu drehen begann, die, seit
lange dazu aufgefordert, gerade den Tag vorher ihren ersten Besuch
im Barbyschen Hause gemacht und besonders bei dem alten Grafen viel
Entgegenkommen gefunden hatten. Auch Melusine hatte sich durch den
Besuch der Freunde durchaus zufriedengestellt gesehen, trotzdem ihr
nicht entgangen war, was, nach freilich entgegengesetzten Seiten hin,
die Schwäche beider ausmachte.
»Wovon der eine zu wenig hat,« sagte sie, »davon hat der andre zu viel.«
»Und wie zeigte sich das, gnädigste Gräfin?«
»O, ganz unverkennbar. Es traf sich, daß im selben Augenblicke, wo
die Herren Platz nahmen, drüben die Glocken der Gnadenkirche geläutet
wurden, was denn -- man ist bei solchen ersten Besuchen immer dankbar,
an irgendwas anknüpfen zu können -- unser Gespräch sofort aufs
Kirchliche hinüberlenkte. Da legitimierten sich dann beide. Hauptmann
Czako, weil er ahnen mochte, was sein Freund in nächster Minute sagen
würde, gab vorweg deutliche Zeichen von Ungeduld, während Herr von Rex
in der Tat nicht nur von dem ›Ernst der Zeiten‹ zu sprechen anfing,
sondern auch von dem Bau neuer Kirchen einen allgemeinen, uns nahe
bevorstehenden Umschwung erwartete. Was mich natürlich erheiterte.«
* * * * *
Woldemars Kommando nach Ostpreußen war bis auf Anfang November
berechnet, und mehr als einmal sprachen im Verlaufe dieser Zeit Rex und
Czako bei den Barbys vor. Freilich immer nur einzeln. Verabredungen
zu gemeinschaftlichem Besuche waren zwar mehrfach eingeleitet worden,
aber jedesmal erfolglos, und erst zwei Tage vor Woldemars Rückkehr
fügte es sich, daß sich die beiden Freunde bei den Barbys trafen.
Es war ein ganz besonders gelungener Abend, da neben der Baronin
Berchtesgaden und Doktor Wrschowitz auch ein alter Malerprofessor
(eine neue Bekanntschaft des Hauses) zugegen waren, was eine sehr
belebte Konversation herbeiführte. Besonders der neben seinen andern
Apartheiten auch durch langes weißes Haar und große Leuchte-Augen
ausgezeichnete Professor hatte -- gestützt auf einen unentwegten
Peter-Cornelius-Enthusiasmus -- alles hinzureißen gewußt. »Ich
bin glücklich, noch die Tage dieses großen und einzig dastehenden
Künstlers gesehen zu haben. Sie kennen seine Kartons, die mir das
Bedeutendste scheinen, was wir überhaupt hier haben. Auf dem einen
Karton steht im Vordergrund ein Tubabläser und setzt das Horn an den
Mund, um zu Gericht zu rufen. Diese eine Gestalt balanciert fünf
Kunstausstellungen, will also sagen netto 15000 Bilder. Und eben diese
Kartons, samt dem Bläser zum Gericht, die wollen sie jetzt fortschaffen
und sagen dabei in naiver Effronterie, solch schwarzes Zeug mit
Kohlenstrichen dürfe überhaupt nicht so viel Raum einnehmen. Ich aber
sage Ihnen, meine Herrschaften, ein Kohlenstrich von Cornelius ist
mehr wert als alle modernen Paletten zusammengenommen, und die Tuba,
die dieser Tubabläser da an den Mund setzt -- verzeihen Sie mir altem
Jüngling diesen Kalauer --, diese Tuba wiegt alle Tuben auf, aus denen
sie jetzt ihre Farben herausdrücken. Beiläufig auch eine miserable
Neuerung. Zu meiner Zeit gab es noch Beutel, und diese Beutel aus
Schweinsblase waren viel besser. Ein wahres Glück, daß König Friedrich
Wilhelm ~IV.~ diese jetzt etablierte Niedergangsepoche nicht mehr
erlebt hat, diese Zeit des Abfalls, so recht eigentlich eine Zeit der
apokalyptischen Reiter. Bloß zu den dreien, die der große Meister uns
da geschaffen hat, ist heutzutage noch ein vierter Reiter gekommen,
ein Mischling von Neid und Ungeschmack. Und dieser vierte sichelt am
stärksten.«
Alles nickte, selbst die, die nicht ganz so dachten, denn der Alte
mit seinem Apostelkopfe hatte ganz wie ein Prophet gesprochen. Nur
Melusine blieb in einer stillen Opposition und flüsterte der Baronin
zu: »Tubabläser. Mir persönlich ist die Böcklinsche Meerfrau mit dem
Fischleib lieber. Ich bin freilich Partei.«
* * * * *
Die Abende bei den Barbys schlossen immer zu früher Stunde. So war es
auch heute wieder. Es schlug eben erst zehn, als Rex und Czako auf die
Straße hinaustraten und drüben an dem langgestreckten Ufer Tausende
von Lichtern vor sich hatten, von denen die vordersten sich im Wasser
spiegelten.
»Ich möchte wohl noch einen Spaziergang machen,« sagte Czako. »Was
meinen Sie, Rex? Sind Sie mit dabei? Wir gehen hier am Ufer entlang, an
den Zelten vorüber bis Bellevue, und da steigen wir in die Stadtbahn
und fahren zurück, Sie bis an die Friedrichstraße, ich bis an den
Alexanderplatz. Da ist jeder von uns in drei Minuten zu Haus.«
Rex war einverstanden. »Ein wahres Glück,« sagte er, »daß wir uns
endlich mal getroffen haben. Seit fast drei Wochen kennen wir nun das
Haus und haben noch keine Aussprache darüber gehabt. Und das ist doch
immer die Hauptsache. Für Sie gewiß.«
»Ja, Rex, das ›für Sie gewiß‹, das sagen Sie so spöttisch und
überheblich, weil Sie glauben, Klatschen sei was Inferiores und für
mich gerade gut genug. Aber da machen Sie meiner Meinung nach einen
doppelten Fehler. Denn erstlich ist Klatschen überhaupt nicht inferior,
und zweitens klatschen Sie gerade so gern wie ich und vielleicht noch
ein bißchen lieber. Sie bleiben nur immer etwas steifer dabei, lehnen
meine Frivolitäten zunächst ab, warten aber eigentlich darauf. Im
übrigen denk ich wir lassen all das auf sich beruhn und sprechen lieber
von der Hauptsache. Ich finde, wir können unserm Freunde Stechlin
nicht dankbar genug dafür sein, uns mit einem so liebenswürdigen Hause
bekannt gemacht zu haben. Den Wrschowitz und den alten Malerprofessor,
der von dem Engel des Gerichts nicht loskonnte, -- nun die beiden
schenk ich Ihnen (ich denke mir, der Maler wird wohl nach Ihrem
Geschmacke sein), aber die andern, die man da trifft, wie reizend alle,
wie natürlich. Obenan dieser Frommel, dieser Hofprediger, der mir am
Teetisch fast noch besser gefällt als auf der Kanzel. Und dann diese
bayrische Baronin. Es ist doch merkwürdig, daß die Süddeutschen uns
im Gesellschaftlichen immer um einen guten Schritt vorauf sind, nicht
von Bildungs-, aber von glücklicher Natur wegen. Und diese glückliche
Natur, das ist doch die wahre Bildung.«
»Ach Czako, Sie überschätzen das. Es ist ja richtig, wenn Sie da so die
Würstel aus dem großen Kessel herausholen und irgendeine Loni oder Toni
mit dem Maßkrug kommt, so sieht das nach was aus, und wir kommen uns
wie verhungerte Schulmeister daneben vor. Aber eigentlich ist das, was
wir haben, doch das Höhere.«
»Gott bewahre. Alles, was mit Grammatik und Examen zusammenhängt, ist
nie das Höhere. Waren die Patriarchen examiniert, oder Moses oder
Christus? Die Pharisäer waren examiniert. Und da sehen Sie, was dabei
herauskommt. Aber, um mehr in der Nähe zu bleiben, nehmen Sie den alten
Grafen. Er war freilich Botschaftsrat, und das klingt ein bißchen
nach was; aber eigentlich ist er doch auch bloß ein unexaminierter
Naturmensch, und das gerade gibt ihm seinen Charme. Beiläufig, finden
Sie nicht auch, daß er dem alten Stechlin ähnlich sieht?«
»Ja, äußerlich.«
»Auch innerlich. Natürlich ne andre Nummer, aber doch derselbe Zwirn,
-- Pardon für den etwas abgehaspelten Berolinismus. Und wenn Sie
vielleicht an Politik gedacht haben, auch da ist wenig Unterschied.
Der alte Graf ist lange nicht so liberal, und der alte Dubslav lange
nicht so junkerlich, wie's aussieht. Dieser Barby, dessen Familie,
glaub ich, vordem zu den Reichsunmittelbaren gehörte, dem steckt noch
so was von ›Gottesgnadenschaft‹ in den Knochen, und das gibt dann die
bekannte Sorte von Vornehmheit, die sich den Liberalismus glaubt gönnen
zu können. Und der alte Dubslav, nun, der hat dafür das im Leibe, was
die richtigen Junker alle haben: ein Stück Sozialdemokratie. Wenn sie
gereizt werden, bekennen sie sich selber dazu.«
»Sie verkennen das, Czako. Das alles ist ja bloß Spielerei.«
»Ja, was heißt Spielerei? Spielen. Wir haben schöne alte Fibelverse,
die vor der Gefährlichkeit des Mit-dem-Feuerspielens warnen. Aber
lassen wir Dubslav und den alten Barby. Wichtiger sind doch zuletzt
immer die Damen, die Gräfin und die Komtesse. Welche wird es? Ich
glaube, wir haben schon mal darüber gesprochen, damals, als wir von
Kloster Wutz her über den Cremmer Damm ritten. Viel Vertrauen zu Freund
Woldemars richtigem Frauenverständnis hab ich eigentlich nicht, aber
ich sage trotzdem: Melusine.«
»Und ich sage: Armgard. Und Sie sagen es im stillen auch.«
* * * * *
Es war zwei Tage vor Woldemars Rückkehr aus Ostpreußen, daß Rex und
Czako dies Tiergartengespräch führten. Eine halbe Stunde später
fuhren sie, wie verabredet, vom Bellevuebahnhof aus wieder in die
Stadt zurück. Überall war noch ein reges Leben und Treiben, und
Leben war denn auch in dem aus bloß drei Zimmern verschiedener Größe
sich zusammensetzenden Kasino der Gardedragoner. In dem zunächst am
Flur gelegenen großen Speisesaale, von dessen Wänden die früheren
Kommandeure des Regiments, Prinzen und Nichtprinzen, herniederblickten,
sah man nur wenig Gäste. Daneben aber lag ein Eckzimmer, das mehr
Insassen und mehr flotte Bewegung hatte. Hier über dem schräg
gestellten Kamin, drin ein kleines Feuer flackerte, hing seit kurzem
das Bildnis des »hohen Chefs« des Regiments, der Königin von England,
und in der Nähe eben dieses Bildes ein ruhmreiches Erinnerungsstück
aus dem sechsundsechziger und siebziger Kriege: die Trompete, darauf
derselbe Mann, Stabstrompeter Wollhaupt, erst am 3. Juli auf der Höhe
von Lipa und dann am 16. August bei Mars-la-Tour das Regiment zur
Attacke gerufen hatte, bis er an der Seite seines Obersten fiel; der
Oberst mit ihm.
Dies Eckzimmer war, wie gewöhnlich, auch heute der bevorzugte kleine
Raum, drin sich jüngere und ältere Offiziere zu Spiel und Plauderei
zusammengefunden hatten, unter ihnen die Herren von Wolfshagen, von
Herbstfelde, von Wohlgemuth, von Grumbach, von Raspe.
»Weiß der Himmel,« sagte Raspe, »wir kommen aus den Abordnungen auch
gar nicht mehr heraus. Wir haben freilich drei Sendens im Regiment,
aber es sind der Sendbotschaften doch fast zuviel. Und diesmal nun auch
unser Stechlin dabei. Was wird er sagen, wenn er oben in Ostpreußen
von der ihm zugedachten Ehre hört. Er wird vielleicht sehr gemischte
Gefühle haben. Übermorgen ist er von Trakehnen wieder da, mutmaßlich
bei dem scheußlichen Wetter schlecht ajustiert, und dann Hals über Kopf
und in großem Trara nach London. Und London ginge noch. Aber auch nach
Windsor. Alles, wenn es sich um Chic handelt, will doch seine Zeit
haben, und gerade die Vettern drüben sehen einem sehr auf die Finger.«
»Laß sie sehn,« sagte Herbstfelde. »Wir sehen auch. Und Stechlin ist
nicht der Mann, sich über derlei Dinge graue Haare wachsen zu lassen.
Ich glaube, daß ihn was ganz andres geniert. Es ist doch immerhin was,
daß er da mit nach England hinüber soll, und einer solchen Auszeichnung
entspricht selbstverständlich eine Nichtauszeichnung andrer. Das paßt
nicht jedem, und nach dem Bilde, das ich mir von unserm Stechlin
mache, gehört er zu diesen. Er ficht nicht gern unter der Devise ›nur
über Leichen‹, hat vielmehr umgekehrt den Zug, sich in die zweite Linie
zu stellen. Und nun sieht es aus, als wär er ein Streber.«
»Stimmt nicht,« sagte Raspe. »Für so verrannt kann ich keinen von uns
halten. Stechlin sitzt da oben in Ostpreußen und kann doch unmöglich
in seinen Mußestunden hierher intrigiert und einen etwaigen Rivalen
aus dem Sattel geworfen haben. Und unser Oberst! Der ist doch auch
nicht der Mann dazu, sich irgendwen aufreden zu lassen. Der kennt seine
Pappenheimer. Und wenn er sich den Stechlin aussucht, dann weiß er,
warum. Übrigens, Dienst ist Dienst; man geht nicht, weil man will,
sondern weil man muß. Spricht er denn Englisch?«
»Ich glaube nicht,« sagte von Grumbach. »Soviel ich weiß, hat er vor
kurzem damit angefangen, aber natürlich nicht wegen dieser Mission,
die ja wie vom blauen Himmel auf ihn niederfällt, sondern der Barbys
wegen, die beinah zwanzig Jahre in England waren und halb englisch
sind. Im übrigen hab ich mir sagen lassen, es geht drüben auch ohne die
Sprache. Herbstfelde, Sie waren ja voriges Jahr da. Mit gutem Deutsch
und schlechtem Französisch kommt man überall durch.«
»Ja,« sagte Herbstfelde. »Bloß ein bißchen Landessprache muß doch
noch dazu kommen. Indessen, es gibt ja kleine Vademekums, und da
muß man dann eben nachschlagen, bis man's hat. Sonst sind hundert
Vokabeln genug. Als ich noch zu Hause war, hatten wir da ganz in unsrer
Nachbarschaft einen verdrehten alten Herrn, der -- eh ihn die Gicht
unterkriegte -- sich so ziemlich in der ganzen Welt herumgetrieben
hatte. Pro neues Land immer neue hundert Vokabeln. Unter anderm war er
auch mal in Südrußland gewesen, von welcher Zeit ab -- und zwar nach
vorgängiger, vor einem großen Likörkasten stattgehabten Anfreundung
mit einem uralten Popen -- er das Amendement zu stellen pflegte:
›Hundert Vokabeln; aber bei nem Popen bloß fünfzig.‹ Und das muß ich
sagen, ich habe das mit den hundert in England durchaus bestätigt
gefunden. ›~Mary, please, a jug of hot water~,‹ soviel muß man
weghaben, sonst sitzt man da. Denn der Naturengländer weiß gar nichts.«
»Wie lange waren Sie denn eigentlich drüben, Herbstfelde?«
»Drei Wochen. Aber die Reisetage mitgerechnet.«
»Und sind Sie so ziemlich auf Ihre Kosten gekommen? Einblick ins
Volksleben, Parlament, Oxford, Cambridge, Gladstone?«
Herbstfelde nickte.
»Und wenn Sie nun so alles zusammennehmen, was hat da so den meisten
Eindruck auf Sie gemacht? Architektur, Kunst, Leben, die Schiffe, die
großen Brücken? Die Straßenjungens, wenn man in einem Cab vorüberfährt,
sollen ja immer Rad neben einem her schlagen, und die Dienstmädchen,
was noch wichtiger ist, sollen sehr hübsch sein, kleine Hauben und
Tändelschürze.«
»Ja, Raspe, da treffen Sie's. Und ist eigentlich auch das
Interessanteste. Denn sogenannte Meisterwerke gibt es ja jetzt überall,
von Kirchen und dergleichen gar nicht zu reden. Und Schiffe haben wir
ja jetzt auch und auch ein Parlament. Und manche sagen, unsres sei noch
besser. Aber das Volk. Sehen Sie, da steckt es. Das Volk ist alles.«
»Na, natürlich Volk. Oberschicht überall ein und dasselbe. Was da los
ist, das wissen wir.«
»Und eigentlich hab ich die ganzen drei Wochen auf nem Omnibus gesessen
und bin abends in die Matrosenkneipen an der Themse gegangen. Ein
bißchen gefährlich; man hat da seinen Messerstich weg, man weiß nicht
wie, ganz wie in Italien. Bloß in Italien gibt es vorher doch immer
noch ein Liebesverhältnis, was in Old-Wapping -- so heißt nämlich der
Stadtteil an der Themse -- nicht mal nötig ist. Und dann, wenn ich zu
Hause war, sprach ich natürlich mit Mary. Viel war es nicht. Denn die
hundert Vokabeln, die dazu nötig sind die hatte ich damals noch nicht
voll.«
»Na, 's ging aber doch?«
»So leidlich. Und dabei hatt ich mal ne Szene, die war eigentlich das
Hübscheste. Meine Wohnung befand sich nämlich eine Treppe hoch in einer
kleinen stillen Querstraße von Oxford-Street. Und Mary war gerade bei
mir. Und in dem Augenblicke, wo ich mich mit dem hübschen Kinde zu
verständigen suche ...«
»Worüber?«
»In demselben Augenblicke sieht ein Chinese grinsend in mein Fenster
hinein, so daß er eigentlich eine Ohrfeige verdient hätte.«
»Wie war denn das aber möglich?«
»Ja, das ist ja eben das, was ich das Londoner Volksleben nenne. Alles
mögliche, wovon wir hier gar keine Vorstellung haben, vollzieht sich da
mitten auf dem Straßendamm. Und so waren denn auch an jenem Tage zwei
Chinesen, ihres Zeichens Akrobaten, in die Querstraße von Oxford-Street
gekommen, und der eine, ein dicker starker Kerl, hatte einen Gurt um
den Leib, und in der Öse dieses Gurtes steckte ne Stange, auf die der
zweite Chinese hinaufkletterte. Und wie er da oben war, war er gerade
in Höhe meiner Beletage und sah hinein, als ich mich eben bemühte, mich
Mary klar zu machen.«
»Ja, Herbstfelde, das war nu freilich ein Pech, und wenn Sie wieder
drüben sind, müssen Sie nach hinten hinaus wohnen oder höher hinauf.
Aber interessant ist es doch. Und ich bezweifle nur, daß Stechlin in
eine gleiche Lage kommen wird.«
»Gewiß nicht. Daran hindern ihn seine Moralitäten.«
»Und noch mehr die Barbys.«
Zweiundzwanzigstes Kapitel
Woldemar, von der ihm bevorstehenden Auszeichnung unterrichtet, kürzte
seinen Aufenthalt in Ostpreußen um vierundzwanzig Stunden ab, hatte
trotzdem aber, nach seinem Wiedereintreffen in Berlin, nur noch zwei
Tage zur Verfügung. Das war wenig. Denn außer allerlei zu treffenden
Reisevorbereitungen lag ihm doch auch noch ob, verschiedene Besuche
zu machen, so bei den Barbys, bei denen er sich für den letzten Abend
schon brieflich angemeldet hatte.
Dieser Abend war nun da. Die Koffer standen gepackt um ihn her, er
selber aber lehnte sich, ziemlich abgespannt, in seinen Schaukelstuhl
zurück, nochmals überschlagend, ob auch nichts vergessen sei. Zuletzt
sagte er sich: »Was nun noch fehlt, fehlt; ich kann nicht mehr.« Und
dabei sah er nach der Uhr. Bis zu seinem am Kronprinzenufer angesagten
Besuche war noch fast eine Stunde. Die wollt er ausnutzen und sich
vorher nach Möglichkeit ruhn. Aber er kam nicht dazu. Sein Bursche trat
ein und meldete: »Hauptmann von Czako.«
»Ah, sehr willkommen.«
Und Woldemar, so wenig gelegen ihm Czako auch kam, sprang doch auf und
reichte dem Freunde die Hand. »Sie kommen, um mir zu meiner englischen
Reise zu gratulieren. Und wiewohl es so so damit steht, +Ihnen+ glaub
ich's, daß Sie's ehrlich meinen. Sie gehören zu den paar Menschen, die
keinen Neid kennen.«