Uncke, während Söderkopp so sprach, war von Baum zu Baum immer näher

gerückt und machte seine Notizen. In weiterer Entfernung stand

Pyterke, schmunzelnd und sichtlich verwundert, was Uncke wieder alles

aufzuschreiben habe.

Pyterkes Verwunderung über das »Aufschreiben« war nur zu berechtigt,

aber sie wär es um ein gut Teil weniger gewesen, wenn sich Unckes

aufhorchender Diensteifer statt dem Sozialdemokraten Söderkopp lieber

dem Gespräch einer nebenstehenden Gruppe zugewandt hätte. Hier

plauderten nämlich mehrere »Staatserhaltende« von dem mutmaßlichen

Ausgange der Wahl und daß es mit dem Siege des alten Stechlin von

Minute zu Minute schlechter stünde. Besonders die Rheinsberger schienen

den Ausschlag zu seinen Ungunsten geben zu sollen.

»Hole der Teufel das ganze Rheinsberg!« verschwor sich ein alter Herr

von Kraatz, dessen roter Kopf, während er so sprach, immer röter wurde.

»Dies elende Nest! Wir bringen ihn wahr und wahrhaftig nicht durch,

unsern guten alten Stechlin. Und was das sagen will, das wissen wir.

Wer gegen +uns+ stimmt, stimmt auch gegen den König. Das ist all eins.

Das ist das, was man jetzt solidarisch nennt.«

»Ja, Kraatz,« nahm Molchow, an den sich diese Rede vorzugsweise

gerichtet hatte, das Wort, »nennen Sie's, wie Sie wollen, solidarisch

oder nicht; das eine sagt nichts, und das andre sagt auch nichts. Aber

mit Ihrem Wort über Rheinsberg, da haben Sie's freilich getroffen.

Aufmuckung war hier immer zu Hause, von Anfang an. Erst frondierte

Fritz gegen seinen Vater, dann frondierte Heinrich gegen seinen Bruder,

und zuletzt frondierte August, unser alter forscher Prinz August, den

manche von uns ja noch gut gekannt haben, ich sage: frondierte unser

alter August gegen die Moral. Und das war natürlich das Schlimmste.

(Zustimmung und Heiterkeit.) Und bestraft sich zuletzt auch immer. Denn

wissen Sie denn, meine Herren, wie's mit Augusten schließlich ging, als

er durchaus in den Himmel wollte?«

»Nein. Wie war es denn, Molchow?«

»Ja, er mußte da wohl ne halbe Stunde warten, und als er nu mit nem

Anschnauzer gegen Petrus rausfahren wollte, da sagte ihm der Fels

der Kirche: ›Königliche Hoheit, halten zu Gnaden, aber es ging nicht

anders.‹ Und warum nicht? Er hatte die elftausend Jungfrauen erst in

Sicherheit bringen müssen.«

»Stimmt, stimmt,« sagte Kraatz. »So war der Alte. Der reine

Deubelskerl. Aber schneidig. Und ein richtiger Prinz. Und dann, meine

Herren, -- ja, du mein Gott, wenn man nu mal Prinz is, irgend was muß

man doch von der Sache haben ... Und soviel weiß ich, wenn ich Prinz

wäre ...«

Zwanzigstes Kapitel

Um sechs stand das Wahlresultat so gut wie fest; einige Meldungen

fehlten noch, aber das war aus Ortschaften, die mit ihren paar Stimmen

nichts mehr ändern konnten. Es lag zutage, daß die Sozialdemokraten

einen beinahe glänzenden Sieg davongetragen hatten; der alte Stechlin

stand weit zurück, Fortschrittler Katzenstein aus Gransee noch weiter.

Im ganzen aber ließen beide besiegte Parteien dies ruhig über sich

ergehen; bei den Freisinnigen war wenig, bei den Konservativen gar

nichts von Verstimmung zu merken. Dubslav nahm es ganz von der heiteren

Seite, seine Parteigenossen noch mehr, von denen eigentlich ein jeder

dachte: »Siegen ist gut, aber zu Tische gehen ist noch besser.« Und in

der Tat, gegessen mußte werden. Alles sehnte sich danach, bei Forellen

und einem guten Chablis die langweilige Prozedur zu vergessen. Und war

man erst mit den Forellen fertig und dämmerte der Rehrücken am Horizont

herauf, so war auch der Sekt in Sicht. Im »Prinzregenten« hielt man auf

eine gute Marke.

Durch den oberen Saal hin zog sich die Tafel: der Mehrzahl nach

Rittergutsbesitzer und Domänenpächter, aber auch Gerichtsräte, die so

glücklich waren, den »Hauptmann in der Reserve« mit auf ihre Karte

setzen zu können. Zu diesem ~gros d'armée~ gesellten sich Forst- und

Steuerbeamte, Rentmeister, Prediger und Gymnasiallehrer. An der Spitze

dieser stand Rektor Thormeyer aus Rheinsberg, der große, vorstehende

Augen, ein mächtiges Doppelkinn, noch mächtiger als Koseleger, und

außerdem ein Renommee wegen seiner Geschichten hatte. Daß er nebenher

auch ein in der Wolle gefärbter Konservativer war, versteht sich von

selbst. Er hatte, was aber schon Jahrzehnte zurücklag, den großartigen

Gedanken gefaßt und verwirklicht: die ostelbischen Provinzen, da, wo

sie strauchelten, durch Gustav Kühnsche Bilderbogen auf den richtigen

Pfad zurückzuführen, und war dafür dekoriert worden. Es hieß denn auch

von ihm, »er gelte was nach oben hin,« was aber nicht recht zutraf. Man

kannte ihn »oben« ganz gut.

Um halb sieben (Lichter und Kronleuchter brannten bereits) war

man unter den Klängen des Tannhäusermarsches die hie und da schon

ausgelaufene Treppe hinaufgestiegen. Unmittelbar vorher hatte noch ein

Schwanken wegen des Präsidiums bei Tafel stattgefunden. Einige waren

für Dubslav gewesen, weil man sich von ihm etwas Anregendes versprach,

auch speziell mit Rücksicht auf die Situation. Aber die Majorität

hatte doch schließlich Dubslavs Vorsitz als ganz undenkbar abgelehnt,

da der Edle Herr von Alten-Friesack, trotz seiner hohen Jahre, mit zur

Wahl gekommen war; der Edle Herr von Alten-Friesack, so hieß es, sei

doch nun mal -- und von einem gewissen Standpunkt aus auch mit Fug und

Recht -- der Stolz der Grafschaft, überhaupt ein Unikum, und ob er nun

sprechen könne oder nicht, das sei, wo sich's um eine Prinzipienfrage

handle, durchaus gleichgültig. Überhaupt, die ganze Geschichte mit

dem »Sprechenkönnen« sei ein moderner Unsinn. Die einfache Tatsache,

daß der Alte von Alten-Friesack dasäße, sei viel, viel wichtiger

als eine Rede, und sein großes Präbendenkreuz ziere nicht bloß ihn,

sondern den ganzen Tisch. Einige sprächen freilich immer von seinem

Götzengesicht und seiner Häßlichkeit, aber auch das schade nichts.

Heutzutage, wo die meisten Menschen einen Friseurkopf hätten, sei es

eine ordentliche Erquickung, einem Gesicht zu begegnen, das in seiner

Eigenart eigentlich gar nicht unterzubringen sei. Dieser von dem alten

Zühlen, trotz seiner Vorliebe für Dubslav, eindringlich gehaltenen

Rede war allgemein zugestimmt worden, und Baron Beetz hatte den

götzenhaften Alten-Friesacker an seinen Ehrenplatz geführt. Natürlich

gab es auch Schandmäuler. An ihrer Spitze stand Molchow, der dem neben

ihm sitzenden Katzler zuflüsterte: »Wahres Glück, Katzler, daß der

Alte drüben die große Blumenvase vor sich hat; sonst, so bei ~veau en

tortue~, -- vorausgesetzt, daß so was Feines überhaupt in Sicht steht

-- würd ich der Sache nicht gewachsen sein.«

Und nun schwieg der von einem Thormeyerschen Unterlehrer gespielte

Tannhäusermarsch, und als eine bestimmte Zeit danach der Moment für

den ersten Toast da war, erhob sich Baron Beetz und sagte: »Meine

Herren. Unser Edler Herr von Alten-Friesack ist von der Pflicht und

dem Wunsch erfüllt, den Toast auf Seine Majestät den Kaiser und

König auszubringen.« Und während der Alte, das Gesagte bestätigend,

mit seinem Glase grüßte, setzte der in seiner ~alter ego~-Rolle

verbleibende Baron Beetz hinzu: »Seine Majestät der Kaiser und König

lebe hoch!« Der Alten-Friesacker gab auch hierzu durch Nicken seine

Zustimmung, und während der junge Lehrer abermals auf den auf einer

Rheinsberger Schloßauktion erstandenen alten Flügel zueilte, stimmte

man an der ganzen Tafel hin das »Heil dir im Siegerkranz« an, dessen

erster Vers stehend gesungen wurde.

Das Offizielle war hierdurch erledigt, und eine gewisse Fidelitas,

an der es übrigens von Anfang an nicht gefehlt hatte, konnte jetzt

nachhaltiger in ihr Recht treten. Allerdings war noch immer ein

wichtiger und zugleich schwieriger Toast in Sicht, +der+, der sich mit

Dubslav und dem unglücklichen Wahlausgange zu beschäftigen hatte. Wer

sollte den ausbringen? Man hing dieser Frage mit einiger Sorge nach

und war eigentlich froh, als es mit einemmale hieß, Gundermann werde

sprechen. Zwar wußte jeder, daß der Siebenmühlener nicht ernsthaft zu

nehmen sei, ja, daß Sonderbarkeiten und vielleicht sogar Scheiterungen

in Sicht stünden, aber man tröstete sich, je mehr er scheitere, desto

besser. Die meisten waren bereits in erheblicher Aufregung, also sehr

unkritisch. Eine kleine Weile verging noch. Dann bat Baron Beetz, dem

die Rolle des Festordners zugefallen war, für Herrn von Gundermann auf

Siebenmühlen ums Wort. Einige sprachen ungeniert weiter; »Ruhe, Ruhe!«

riefen andre dazwischen, und als Baron Beetz noch einmal an das Glas

geklopft und nun, auch seinerseits um Ruhe bittend, eine leidliche

Stille hergestellt hatte, trat Gundermann hinter seinen Stuhl und

begann, während er mit affektierter Nonchalance seine Linke in die

Hosentasche steckte:

»Meine Herren. Als ich vor so und soviel Jahren in Berlin studierte«

(»na nu«), »als ich vor Jahren in Berlin studierte, war da mal ne

Hinrichtung ...«

»Alle Wetter, +der+ setzt gut ein.«

»... war da mal ne Hinrichtung, weil eine dicke Klempnermadam, nachdem

sie sich in ihren Lehrburschen verliebt, ihren Mann, einen würdigen

Klempnermeister, vergiftet hatte. Und der Bengel war erst siebzehn.

Ja, meine Herren, soviel muß ich sagen, es kamen damals auch schon

dolle Geschichten vor. Und ich, weil ich den Gefängnisdirektor kannte,

ich hatte Zutritt zu der Hinrichtung, und um mich rum standen lauter

Assessoren und Referendare, ganz junge Herren, die meisten mit nem

Kneifer. Kneifer gab es damals auch schon. Und nun kam die Witwe, wenn

man sie so nennen darf, und sah soweit ganz behäbig und beinahe füllig

aus, weil sie, was damals viel besprochen wurde, nen Kropf hatte,

weshalb auch der Block ganz besonders hatte hergerichtet werden müssen.

Sozusagen mit nem Ausschnitt.«

»Mit nem Ausschnitt ...; gut, Gundermann.«

»Und als sie nun, ich meine die Delinquentin, all die jungen

Referendare sah, wobei ihr wohl ihr Lehrling einfallen mochte ...«

»Keine Verspottung unsrer Referendare ...«

»... Wobei ihr vielleicht ihr Lehrling einfallen mochte, da trat sie

ganz nahe an den Schafottrand heran und nickte uns zu (ich sage ›uns,‹

weil sie mich auch ansah) und sagte: ›Ja, ja, meine jungen Herrens,

+dat kommt davon+ ...‹ Und sehen Sie, meine Herren, +dieses+ Wort, wenn

auch von einer Delinquentin herrührend, bin ich seitdem nicht wieder

losgeworden, und wenn ich so was erlebe wie heute, dann +muß+ einem

solch Wort auch immer wieder in Erinnerung kommen, und ich sage dann

auch, ganz wie die Alte damals sagte: ›Ja, meine Herren, dat kommt

davon.‹ Und wovon kommt es? Von den Sozialdemokraten. Und wovon kommen

die Sozialdemokraten?«

»Vom Fortschritt. Alte Geschichte, kennen wir. Was Neues!«

»Es gibt da nichts Neues. Ich kann nur bestätigen, vom Fortschritt

kommt es. Und wovon kommt +der+? Davon, daß wir die Abstimmungsmaschine

haben und das große Haus mit den vier Ecktürmen. Und wenn es

meinetwegen ohne das große Haus nicht geht, weil das Geld für den Staat

am Ende bewilligt werden muß -- und ohne Geld, meine Herren, geht es

nicht« (Zustimmung: »ohne Geld hört die Gemütlichkeit auf«) --, »nun

denn, wenn es also sein muß, was ich zugebe, was sollen wir, auch unter

derlei gern gemachten Zugeständnissen, anfangen mit einem Wahlrecht, wo

Herr von Stechlin gewählt werden soll, und wo sein Kutscher Martin, der

ihn zur Wahl gefahren, tatsächlich gewählt wird oder wenigstens gewählt

werden kann. Und der Kutscher Martin unsers Herrn von Stechlin ist mir

immer noch lieber als dieser Torgelow. Und all das nennt sich Freiheit.

Ich nenn es Unsinn, und viele tun desgleichen. Ich denke mir aber,

gerade +diese+ Wahl, in einem Kreise, drin das alte Preußen noch lebt,

gerade diese Wahl wird dazu beitragen, die Augen oben helle zu machen.

Ich sage nicht, welche Augen.«

»Schluß, Schluß!«

»Ich komme zum Schluß. Es hieß anno siebzig, daß sich die Franzosen

als die ›glorreich Besiegten‹ bezeichnet hätten. Ein stolzes und

nachahmenswertes Wort. Auch für uns, meine Herren. Und wie wir, ohne

uns was zu vergeben, diesen Sekt aus Frankreich nehmen, so dürfen wir,

glaub ich, auch das eben zitierte stolze Klagewort aus Frankreich

herübernehmen. Wir sind besiegt, aber wir sind glorreich Besiegte. Wir

haben eine Revanche. +Die+ nehmen wir. Und bis dahin in alle Wege: Herr

von Stechlin auf Schloß Stechlin, er lebe hoch!«

Alles erhob sich und stieß mit Dubslav an. Einige freilich lachten,

und von Molchow, als er einen neuen Weinkübel heranbestellte, sagte zu

dem neben ihm sitzenden Katzler: »Weiß der Himmel, dieser Gundermann

ist und bleibt ein Esel. Was sollen wir mit solchen Leuten? Erst

beschreibt er uns die Frau mit nem Kropf, und dann will er das große

Haus abschaffen. Ungeheure Dämelei. Wenn wir das große Haus nicht mehr

haben, haben wir gar nichts; das ist noch unsre Rettung und die beinah

einzige Stelle, wo wir den Mund (ich sage Mund) einigermaßen auftun

und was durchsetzen können. Wir müssen mit dem Zentrum paktieren. Dann

sind wir egal raus. Und nun kommt dieser Gundermann und will uns auch

das noch nehmen. Es ist doch ne Wahrheit, daß sich die Parteien und die

Stände jedesmal selbst ruinieren. Das heißt, von ›Ständen‹ kann hier

eigentlich nicht die Rede sein; denn dieser Gundermann gehört nicht mit

dazu. Seine Mutter war ne Hebamme in Wrietzen. Drum drängt er sich auch

immer vor.«

Bald nach Gundermanns Rede, die schon eine Art Nachspiel gewesen war,

flüsterte Baron Beetz dem Alten-Friesacker zu, daß es Zeit sei, die

Tafel aufzuheben. Der Alte wollte jedoch noch nicht recht, denn wenn

er mal saß, saß er; aber als gleich danach mehrere Stühle gerückt

wurden, blieb ihm nichts anderes übrig, als sich anzuschließen, und

unter den Klängen des »Hohenfriedbergers« -- der »Prager«, darin es

heißt: »Schwerin fällt,« wäre mit Rücksicht auf die Gesamtsituation

vielleicht paßlicher gewesen -- kehrte man in die Parterreräume

zurück, wo die Majorität dem Kaffee zusprechen wollte, während eine

kleine Gruppe von Allertapfersten in die Straße hinaustrat, um da,

unter den Bäumen des »Triangelplatzes,« sich bei Sekt und Kognak des

weiteren ~bene~ zu tun. Obenan saß von Molchow, neben ihm von Kraatz

und van Peerenboom; Molchow gegenüber Direktor Thormeyer und der bis

dahin mit der Festmusik betraute Lehrer, der bei solchen Gelegenheiten

überhaupt Thormeyers Adlatus war. Sonderbarerweise hatte sich auch

Katzler hier niedergelassen (er sehnte sich wohl nach Eindrücken,

die jenseits aller »Pflicht« lagen), und neben ihm, was beinahe noch

mehr überraschen konnte, saß von der Nonne. Molchow und Thormeyer

führten das Wort. Von Wahl und Politik -- nur über Gundermann fiel

gelegentlich eine spöttische Bemerkung -- war längst keine Rede mehr,

statt dessen befleißigte man sich, die neuesten Klatschgeschichten aus

der Grafschaft heranzuziehen. »Ist es denn wahr,« sagte Kraatz, »daß

die schöne Lilli nun doch ihren Vetter heiraten wird, oder richtiger,

der Vetter die schöne Lilli?«

»Vetter?« fragte Peerenboom.

»Ach, Peerenboom, Sie wissen auch gar nichts; Sie sitzen immer noch

zwischen Ihren Delfter Kacheln und waren doch schon ne ganze Weile

hier, als die Lilli-Geschichte spielte.«

Peerenboom ließ sich's gesagt sein und begrub jede weitere Frage, was

er, ohne sich zu schädigen, auch ganz gut konnte, da kein Zweifel war,

daß der, der das Lilli-Thema heraufbeschworen, über kurz oder lang

ohnehin alles klarlegen würde. Das geschah denn auch.

»Ja, diese verdammten Kerle,« fuhr von Kraatz fort, »diese Lehrer!

Entschuldigen Sie, Luckhardt, aber Sie sind ja beim Gymnasium, da liegt

alles anders, und +der+, der hier ne Rolle spielt, war ja natürlich

bloß ein Hauslehrer, Hauslehrer bei Lillis jüngstem Bruder. Und eines

Tages waren beide weg, der Kandidat und Lilli. Selbstverständlich nach

England. Es kann einer noch so dumm sein, aber von Gretna Green hat er

doch mal gehört oder gelesen. Und da wollten sie denn auch beide hin.

Und sind auch. Aber ich glaube, der Gretna Greensche darf nicht mehr

trauen. Und so nahmen sie denn Lodgings in London, ganz ohne Trauung.

Und es ging auch so, bis ihnen das kleine Geld ausging.«

»Ja, das kennt man.«

»Und da kamen sie denn also wieder. Das heißt, Lilli kam wieder. Und

sie war auch schon vorher mit dem Vetter so gut wie verlobt gewesen.«

»Und der sprang nu ab?«

»Nicht so ganz. Oder eigentlich gar nicht. Denn Lilli ist sehr hübsch

und nebenher auch noch sehr reich. Und da soll denn der Vetter gesagt

haben, er liebe sie so sehr, und wo man liebe, da verzeihe man auch.

Und er halte auch eine Entsühnung für durchaus möglich. Ja, er soll

dabei von Purgatorium gesprochen haben.«

»Mißfällt mir, klingt schlecht,« sagte Molchow. »Aber was er vorher

gesagt, ›Entsühnung,‹ das ist ein schönes Wort und eine schöne Sache.

Nur das ›Wie,‹ -- ach, man weiß immer so wenig von diesen Dingen, --

will mir nicht recht einleuchten. Als Christ weiß ich natürlich (so

schlimm steht es am Ende auch nicht mit einem), als Christ weiß ich,

daß es eine Sühne gibt. Aber in solchem Falle? Thormeyer, was meinen

Sie, was sagen Sie dazu? Sie sind ein Mann von Fach und haben alle

Kirchenväter gelesen und noch ein paar mehr.«

Thormeyer verklärte sich. Das war so recht ein Thema nach seinem

Geschmack; seine Augen wurden größer und sein glattes Gesicht noch

glatter.

»Ja,« sagte er, während er sich über den Tisch zu Molchow vorbeugte,

»so was gibt es. Und es ist ein Glück, daß es so was gibt. Denn die

arme Menschheit braucht es. Das Wort Purgatorium will ich vermeiden,

einmal, weil sich mein protestantisches Gewissen dagegen sträubt, und

dann auch wegen des Anklangs; aber es gibt eine Purifikation. Und das

ist doch eigentlich das, worauf es ankommt: Reinheitswiederherstellung.

Ein etwas schwerfälliges Wort. Indessen die Sache, drum sich's hier

handelt, gibt es doch gut wieder. Sie begegnen diesem Hange nach

Restitution überall, und namentlich im Orient -- aus dem doch unsre

ganze Kultur stammt -- finden Sie diese Lehre, dieses Dogma, diese

Tatsache.«

»Ja, ist es eine Tatsache?«

»Schwer zu sagen. Aber es wird als Tatsache genommen. Und das ist

ebensogut. +Blut sühnt.+«

»Blut sühnt,« wiederholte Molchow. »Gewiß. Daher haben wir ja auch

unsere Duellinstitution. Aber wo wollen Sie hier die Blutsühne

hernehmen? In diesem Spezialfalle ganz undurchführbar. Der

Hauslehrer ist drüben in England geblieben, wenn er nicht gar nach

Amerika gegangen ist. Und wenn er auch wiederkäme, er ist nicht

satisfaktionsfähig. Wär er Reserveoffizier, so hätt ich das längst

erfahren ...«

»Ja, Herr von Molchow, das ist die hiesige Anschauung. Etwas primitiv,

naturwüchsig, das sogenannte Blutracheprinzip. Aber es braucht nicht

immer das Blut des Übeltäters selbst zu sein. Bei den Orientalen ...«

»Ach, Orientalen ... dolle Gesellschaft ...«

»Nun denn meinetwegen, bei fast allen Völkern des Ostens sühnt Blut

überhaupt. Ja mehr, nach orientalischer Anschauung -- ich kann das

Wort nicht vermeiden, Herr von Molchow, ich muß immer wieder darauf

zurückkommen -- nach orientalischer Anschauung stellt Blut die Unschuld

als solche wieder her.«

»Na, hören Sie, Rektor.«

»Ja, es ist so, meine Herren. Und ich darf sagen, es zählt das zu dem

Feinsten und Tiefsinnigsten, was es gibt. Und ich habe da auch neulich

erst eine Geschichte gelesen, die das alles nicht bloß so obenhin

bestätigt, sondern beinahe +großartig+ bestätigt. Und noch dazu aus

Siam.«

»Aus Siam?«

»Ja, aus Siam. Und ich würde Sie damit behelligen, wenn die Sache

nicht ein bißchen zu lang wäre. Die Herren vom Lande werden so leicht

ungeduldig, und ich wundere mich oft, daß sie die Predigt bis zu Ende

mitanhören. Daneben ist freilich meine Geschichte aus Siam ...«

»Erzählen, Direktorchen, erzählen.«

»Nun denn, auf Ihre Gefahr. Freilich auch auf meine ... Da war also,

und es ist noch gar nicht lange her, ein König von Siam. Die Siamesen

haben nämlich auch Könige.«

»Nu, natürlich. So tief stehen sie doch nicht.«

»Also da war ein König von Siam, und dieser König hatte eine Tochter.«

»Klingt ja wie aus'm Märchen.«

»Ist auch, meine Herren. Eine Tochter, eine richtige Prinzessin, und

ein Nachbarfürst (aber von geringerem Stande, so daß man doch auch hier

wieder an den Kandidaten erinnert wird) -- dieser Nachbarfürst raubte

die Prinzessin und nahm sie mit in seine Heimat und seinen Harem, trotz

alles Sträubens.«

»Na, na.«

»So wenigstens wird berichtet. Aber der König von Siam war nicht der

Mann, so was ruhig einzustecken. Er unternahm vielmehr einen heiligen

Krieg gegen den Nachbarfürsten, schlug ihn und führte die Prinzessin

im Triumphe wieder zurück. Und alles Volk war wie von Sieg und Glück

berauscht. Aber die Prinzessin selbst war schwermütig.«

»Kann ich mir denken. Wollte wieder weg.«

»Nein, ihr Herren. Wollte +nicht+ zurück. Denn es war eine sehr feine

Dame, die gelitten hatte ...«

»Ja. Aber wie ...«

»Die gelitten hatte und fortan nur dem einen Gedanken der Entsühnung

lebte, dem Gedanken, wie das Unheilige, das Berührtsein, wieder von ihr

genommen werden könne.«

»Geht nicht. Berührt is berührt.«

»Mitnichten, Herr von Molchow. Die hohe Priesterschaft wurde

herangezogen und hielt, wie man hier vielleicht sagen würde, einen

Synod, in dem man sich mit der Frage der Entsühnung oder, was dasselbe

sagen will, mit der Frage der Wiederherstellung der Virginität

beschäftigte. Man kam überein (oder fand es auch vielleicht in alten

Büchern), daß sie in Blut gebadet werden müsse.«

»Brrr.«

»Und zu diesem Behufe wurde sie bald danach in eine Tempelhalle

geführt, drin zwei mächtige Wannen standen, eine von rotem Porphyr

und eine von weißem Marmor, und zwischen diesen Wannen, auf einer Art

Treppe, stand die Prinzessin selbst. Und nun wurden drei weiße Büffel

in die Tempelhalle gebracht, und der Hohepriester trennte mit einem

Schnitt jedem der drei das Haupt vom Rumpf und ließ das Blut in die

daneben stehende Porphyrwanne fließen. Und jetzt war das Bad bereitet,

und die Prinzessin, nachdem siamesische Jungfrauen sie entkleidet

hatten, stieg in das Büffelblut hinab, und der Hohepriester nahm ein

heiliges Gefäß und schöpfte damit und goß es aus über die Prinzessin.«

»Eine starke Geschichte; bei Tisch hätt ich mehrere Gänge passieren

lassen. Ich find es doch entschieden zu viel.«

»Ich nicht,« sagte der alte Zühlen, der sich inzwischen eingefunden und

seit ein paar Minuten mit zugehört hatte. »Was heißt zuviel oder zu

stark? Stark ist es, soviel geb ich zu; aber nicht +zu+ stark. Daß es

stark ist, das ist ja eben der Witz von der Sache. Wenn die Prinzessin

bloß einen Leberfleck gehabt hätte, so fänd ich es ohne weiteres

zu stark; es muß immer ein richtiges Verhältnis da sein zwischen

Mittel und Zweck. Ein Leberfleck ist gar nichts. Aber bedenken Sie,

ne richtige Prinzessin als Sklavin in einem Harem; da muß denn doch

ganz anders vorgegangen werden. Wir reden jetzt so viel von ›großen

Mitteln‹. Ja, meine Herren, auch +hier+ war nur mit großen Mitteln was

auszurichten.«

»~Igni et ferro~,« bestätigte der Rektor.

»Und,« fuhr der alte Zühlen fort, »soviel wird jedem einleuchten,

um den Teufel auszutreiben (als den ich diesen Nachbarfürsten und

seine Tat durchaus ansehe), dazu mußte was Besonderes geschehn, etwas

Beelzebubartiges. Und das war eben das Blut dieser drei Büffel. Ich

find es +nicht+ zu viel.«

Der Stechlin: Roman · 第 16 / 33 段