»Gewiß, Ermyntrud. Wir sind einig darüber. Es ist dies außerdem auch

etwas speziell Preußisches. Wir sind dadurch vor andern Nationen

ausgezeichnet, und selbst bei denen, die uns nicht begreifen oder

übelwollen, dämmert die Vorstellung von unsrer daraus entspringenden

Überlegenheit. Aber es gibt doch Unterschiede, Grade. Wenn ich statt

zu der Stechliner Wählerversammlung lieber zu Doktor Sponholz oder zur

alten Stinten in Kloster Wutz (die ja schon früher einmal dabei war)

gefahren wäre, so wäre das doch vielleicht das Bessere gewesen. Es ist

ein Glück, daß es noch mal so vorübergegangen. Aber darauf darf man

nicht in jedem Falle rechnen.«

»Nein, darauf darf man nicht in jedem Falle rechnen. Aber man darf

darauf rechnen, daß, wenn man das Pflichtgemäße tut, man zugleich auch

das Rechte tut. Es hängt so viel an der Wahl unsers alten trefflichen

Stechlin. Er steht außerdem sittlich höher als Kortschädel, dem man,

trotz seiner siebzig, allerhand nachsagen durfte. Stechlin ist ganz

intakt. Etwas sehr Seltenes. Und einem sittlichen Prinzip zum Siege zu

verhelfen, dafür leben wir doch recht eigentlich. Dafür lebe wenigstens

+ich+.«

»Gewiß, Ermyntrud, gewiß.«

»In jedem Augenblicke seiner Obliegenheiten eingedenk sein, ohne erst

bei Neigung oder Stimmung anzufragen, +das+ hab ich mir in feierlicher

Stunde gelobt, du weißt, in welcher, und du wirst mir das Zeugnis

ausstellen, daß ich diesem Gelöbnis nachgekommen ...«

»Gewiß, Ermyntrud, gewiß. Es war unser Fundament ...«

»Und wenn es sich um eine sittliche Pflicht handelt, wie doch heute

ganz offenbar, wie hätt ich da sagen wollen: bleibe. Ich wäre mir klein

vorgekommen, klein und untreu.«

»Nicht untreu, Ermyntrud.«

»Doch, doch, es gibt viele Formen der Untreue. Das Persönliche hat sich

der Familie zu bequemen und unterzuordnen und die Familie wieder der

Gesellschaft. In diesem Sinne bin ich erzogen, und in diesem Sinne tat

ich den Schritt. Verlange nicht, daß ich in irgend etwas diesen Schritt

zurücktue.«

»Nie.«

Das kleine Dienstmädchen, eine Heideläufertochter, deren storres Haar,

von keiner Bürste gezähmt, immer weit abstand, erschien in diesem

Augenblicke, meldend, daß sie das Teezeug gebracht habe.

Katzler nahm seiner Frau Arm, um sie bis in das zweite, nach dem Hof

hinaus gelegene Zimmer zu führen. Als er aber wahrnahm, wie schwer ihr

das Gehen wurde, sagte er: »Ich freue mich, dich so sprechen zu hören.

Immer du selbst. Ich bin aber doch in Unruhe und will morgen früh zur

Frau schicken.«

Sie nickte zustimmend, während ein halb zärtlicher Blick den guten

Katzler streifte, der, solange das ihm nur zu wohlbekannte Gespräch

über Pflicht gedauert hatte, von Minute zu Minute verlegener geworden

war.

Neunzehntes Kapitel

Und nun war Wahltagmorgen. Kurz vor acht erschien Lorenzen auf dem

Schloß, um in Dubslavs schon auf der Rampe haltenden Kaleschewagen

einzusteigen und mit nach Rheinsberg zu fahren. Der Alte, bereits

gestiefelt und gespornt, empfing ihn mit gewohnter Herzlichkeit und

guter Laune. »Das ist recht, Lorenzen. Und nun wollen wir auch gleich

aufsteigen. Aber warum haben Sie mich nicht an Ihrem Pfarrgarten

erwartet? Muß ja doch dran vorüber« -- und dabei schob er ihm voll

Sorglichkeit eine Decke zu, während die Pferde schon anrückten.

»Übrigens freut es mich trotzdem (man widerspricht sich immer), daß

Sie nicht so praktisch gewesen und doch lieber gekommen sind. Es is ne

Politesse. Und die Menschen sind jetzt so schrecklich unpoliert und

geradezu unmanierlich ... Aber lassen wir's; ich kann es nicht ändern,

und es grämt mich auch nicht.«

»Weil Sie gütig sind und jene Heiterkeit haben, die, menschlich

angesehn, so ziemlich unser Bestes ist.«

Dubslav lachte. »Ja, soviel ist richtig; Kopfhängerei war nie meine

Sache, und wäre das verdammte Geld nicht ... Hören Sie, Lorenzen, das

mit dem Mammon und dem goldnen Kalb, das sind doch eigentlich alles

sehr feine Sachen.«

»Gewiß, Herr von Stechlin.«

»... Und wäre das verdammte Geld nicht, so hätt ich den Kopf noch

weniger hängen lassen, als ich getan. Aber das Geld. Da war, noch

unter Friedrich Wilhelm ~III.~, der alte General von der Marwitz auf

Friedersdorf, von dem Sie gewiß mal gehört haben, der hat in seinen

Memoiren irgendwo gesagt: ›er hätte sich aus dem Dienst gern schon

früher zurückgezogen und sei bloß geblieben um des Schlechtesten

willen, was es überhaupt gäbe, um des Geldes willen‹ -- und das hat

damals, als ich es las, einen großen Eindruck auf mich gemacht. Denn

es gehört was dazu, das so ruhig auszusprechen. Die Menschen sind in

allen Stücken so verlogen und unehrlich, auch in Geldsachen, fast noch

mehr als in Tugend. Und das will was sagen. Ja, Lorenzen, so ist es

... Na, lassen wir's, Sie wissen ja auch Bescheid. Und dann sind das

schließlich auch keine Betrachtungen für heute, wo ich gewählt werden

und den Triumphator spielen soll. Übrigens geh ich einem totalen

Kladderadatsch entgegen. Ich werde nicht gewählt.«

Lorenzen wurde verlegen, denn was Dubslav da zuletzt sagte, das stimmte

nur zu sehr mit seiner eigenen Meinung. Aber er mußte wohl oder übel,

so schwer es ihm wurde, das Gegenteil versichern. »Ihre Wahl, Herr

von Stechlin, steht, glaub ich, fest; in unsrer Gegend wenigstens.

Die Globsower und Dagower gehen mit gutem Beispiel voran. Lauter gute

Leute.«

»Vielleicht. Aber schlechte Musikanten. Alle Menschen sind

Wetterfahnen, ein bißchen mehr, ein bißchen weniger. Und wir selber

machen's auch so. Schwapp, sind wir auf der andern Seite.«

»Ja, schwach ist jeder, und ich mag mich auch nicht für all und jeden

verbürgen. Aber in diesem speziellen Falle ... Selbst Koseleger schien

mir voll Zuversicht und Vertrauen, als er am Donnerstag noch mit mir

plauderte.«

»Koseleger voll Vertrauen! Na, dann geht es gewiß in die Brüche. Wo

Koseleger Amen sagt, das ist schon so gut wie letzte Ölung. Er hat

keine glückliche Hand, dieser Ihr Amtsbruder und Vorgesetzter.«

»Ich teile leider einigermaßen Ihre Bedenken gegen ihn. Aber was

vielleicht mit ihm versöhnen kann, er hat angenehme Formen und durchaus

etwas Verbindliches.«

»Das hat er. Und doch, so sehr ich sonst für Formen und

Verbindlichkeiten bin, nicht für seine. Man soll einem Menschen nicht

seinen Namen vorhalten. Aber Koseleger! Ich weiß immer nicht, ob er

mehr Kose oder mehr Leger ist; vielleicht beides gleich. Er ist wie ne

Baisertorte, süß, aber ungesund. Nein, Lorenzen, da bin ich doch mehr

für Sie. Sie taugen auch nicht viel, aber Sie sind doch wenigstens

ehrlich.«

»Vielleicht,« sagte Lorenzen. »Übrigens hat Koseleger inmitten seiner

Verbindlichkeiten und schönen Worte doch auch wieder was Freies, beinah

Gewagtes und ist mir da neulich mit Bekenntnissen gekommen, fast wie

ein Charakter.«

Dubslav lachte hell auf. »Charakter. Aber Lorenzen. Wie können Sie

sich so hinters Licht führen lassen. Ich verwette mich, er hat Ihnen

irgendwas über Ihre ›Gaben‹ gesagt; das ist jetzt so Lieblingswort,

das die Pastoren immer gegenseitig brauchen. Es soll bescheiden und

unpersönlich klingen und sozusagen alles auf Inspiration zurückführen,

für die man ja, wie für alles, was von oben kommt, am Ende nicht kann.

Es ist aber gerade dadurch das Hochmütigste ... War es so was? Hat er

meinen klugen Lorenzen, eh er sich als ›Charakter‹ ausspielte, durch

solche Schmeicheleien eingefangen?«

»Es war nicht so, Herr von Stechlin. Sie tun ihm hier ausnahmsweise

unrecht. Er sprach überhaupt nicht über mich, sondern über sich, und

machte mir dabei seine Konfessions. Er gestand mir beispielsweise, daß

er sich unglücklich fühle.«

»Warum?«

»Weil er in Quaden-Hennersdorf deplaziert sei.«

»Deplaziert. Das ist auch solch Wort; das kenn ich. Wenn man durchaus

will, ist jeder deplaziert, ich, Sie, Krippenstapel, Engelke. Ich müßte

Präses von einem Stammtisch oder vielleicht auch ein Badedirektor

sein, Sie Missionar am Kongo, Krippenstapel Kustos an einem märkischen

Museum und Engelke, nun der müßte gleich selbst hinein, Nummer

hundertdreizehn. Deplaziert! Alles bloß Eitelkeit und Größenwahn. Und

dieser Koseleger mit dem Konsistorialratskinn! Er war Galopin bei ner

Großfürstin; das kann er nicht vergessen, damit will er's nun zwingen,

und in seinem Ärger und Unmut spielt er sich auf den Charakter aus und

versteigt sich, wie Sie sagen, bis zu Konfessions und Gewagtheiten.

Und wenn er nun reüssierte (Gott verhüt es), so haben Sie den

Scheiterhaufenmann ~comme il faut~. Und der erste, der raus muß, das

sind Sie. Denn er wird sofort das Bedürfnis spüren, seine Gewagtheiten

von heute durch irgendein Brandopfer wieder wettzumachen.«

Unter diesem Gespräche waren sie schließlich aus dem Walde heraus und

näherten sich einem beinah meilenlangen und bis an den Horizont sich

ausdehnenden Stück Bruchland, über das mehrere mit Kropfweiden und

Silberpappeln besetzte Wege strahlenförmig auf Rheinsberg zuliefen.

Alle diese Wege waren belebt, meist mit Fußgängern, aber auch mit

Fuhrwerken. Eins davon, aus gelblichem Holz, das hell in der Sonne

blinkte, war leicht zu erkennen.

»Da fährt ja Katzler,« sagte Dubslav. »Überrascht mich beinah. Es

ist nämlich, was Sie vielleicht noch nicht wissen werden, wieder was

einpassiert; er schickte mir heute früh einen Boten mit der Nachricht

davon, und daraus schloß ich, er würde +nicht+ zur Wahl kommen. Aber

Ermyntrud mit ihrer grandiosen Pflichtvorstellung wird ihn wohl wieder

fortgeschickt haben.«

»Ist es wieder ein Mädchen?« fragte Lorenzen.

»Natürlich, und zwar das siebente. Bei sieben (freilich müssen es

Jungens sein) darf man, glaub ich, den Kaiser zu Gevatter laden.

Übrigens sind mehrere bereits tot, und alles in allem ist es wohl

möglich, daß sich Ermyntrud über das beständige ›bloß Mädchen‹ allerlei

Sorgen und Gedanken macht.«

Lorenzen nickte. »Kann mir's denken, daß die Prinzessin etwas wie

eine zu leistende Sühne darin sieht, Sühne wegen des von ihr getanen

Schrittes. Alles an ihr ist ein wenig überspannt. Und doch ist es eine

sehr liebenswürdige Dame.«

»Wovon niemand überzeugter ist als ich,« sagte Dubslav. »Freilich bin

ich bestochen, denn sie sagt mir immer das Schmeichelhafteste. Sie

plaudre so gern mit mir, was auch am Ende wohl zutrifft. Und dabei

wird sie dann jedesmal ganz ausgelassen, trotzdem sie eigentlich

hochgradig sentimental ist. Sentimental, was nicht überraschen darf;

denn aus Sentimentalität ist doch schließlich die ganze Katzlerei

hervorgegangen. Bin übrigens ernstlich in Sorge, wo Hoheit den

richtigen Taufnamen für das Jüngstgeborene hernehmen wird. In diesem

Stücke, vielleicht dem einzigen, ist sie nämlich noch ganz und gar

Prinzessin geblieben. Und Sie, lieber Lorenzen, werden dabei sicherlich

mit zu Rate gezogen werden.«

»Was ich mir nicht schwierig denken kann.«

»Sagen Sie das nicht. Es gibt in diesem Falle viel weniger Brauchbares,

als Sie sich vorzustellen scheinen. Prinzessinnennamen an und für

sich, ohne weitere Zutat, ja, die gibt es genug. Aber damit ist

Ermyntrud nicht zufrieden; sie verlangt ihrer Natur nach zu dem

Dynastisch-Genealogischen auch noch etwas poetisch Märchenhaftes.

Und das kompliziert die Sache ganz erheblich. Sie können das sehen,

wenn Sie die Katzlersche Kinderstube durchmustern oder sich die Namen

der bisher Getauften ins Gedächtnis zurückrufen. Die Katzlersche

Kronprinzeß heißt natürlich auch Ermyntrud. Und dann kommen ebenso

selbstverständlich Dagmar und Thyra. Und danach begegnen wir einer

Inez und einer Maud und zuletzt einer Arabella. Aber bei Arabella

können Sie schon deutlich eine gewisse Verlegenheit wahrnehmen. Ich

würde ihr, wenn sie sich wegen des Jüngstgeborenen an mich wendete,

was Altjüdisches vorschlagen; das ist schließlich immer das Beste. Was

meinen Sie zu Rebekka?«

Lorenzen kam nicht mehr dazu, Dubslav diese Frage zu beantworten, denn

eben jetzt waren sie durch das Stück Bruchland hindurch und rasselten

bereits über einen ein weiteres Gespräch unmöglich machenden Steindamm

weg, scharf auf Rheinsberg zu.

* * * * *

Dubslav war in ausgezeichneter Laune. Das prachtvolle Herbstwetter,

dazu das bunte Leben, alles hatte seine Stimmung gehoben, am meisten

aber, daß er unterwegs und beim Passieren der Hauptstraße bereits

Gelegenheit gehabt hatte, verschiedene gute Freunde zu begrüßen. Von

der Kirche her schlug es zehn, als er vor dem als Wahllokal etablierten

Gasthause »Zum Prinzregenten« hielt, in dessen Front denn auch bereits

etliche mehr oder weniger verwegen aussehende Wahlmänner standen, alle

bemüht, ihre Zettel an mutmaßliche Parteigenossen aufzuteilen.

Drinnen im Saal war der Wahlakt schon im Gange. Hinter der Urne

präsidierte der alte Herr von Zühlen, ein guter Siebziger, der die

groteskesten Feudalansichten mit ebenso grotesker Bonhomie zu verbinden

wußte, was ihm, auch bei seinen politischen Gegnern, eine große

Beliebtheit sicherte. Neben ihm, links und rechts, saßen Herr von

Storbeck und Herr van dem Peerenboom, letzterer ein Holländer aus der

Gegend von Delft, der vor wenig Jahren erst ein großes Gut im Ruppiner

Kreise gekauft und sich seitdem zum Preußen und, was noch mehr sagen

wollte, zum ›Grafschaftler‹ herangebildet hatte. Man sah ihn aus allen

möglichen Gründen -- auch schon um seines ›van‹ willen -- nicht ganz

für voll an, ließ aber nichts davon merken, weil er der bei den meisten

Grafschaftlern stark ins Gewicht fallenden Haupteigenschaft eines vor

so und soviel Jahren in Batavia geborenen holländisch-javanischen

Kaffeehändlers nicht entbehrte. Seines Nachbarn von Storbeck

Lebensgeschichte war durchschnittsmäßiger. Unter denen, die sonst noch

am Komiteetisch saßen, befand sich auch Katzler, den Ermyntrud (wie

Dubslav ganz richtig vermutet) mit der Bemerkung, »daß im modernen

bürgerlichen Staate Wählen so gut wie Kämpfen sei,« von ihrem

Wochenbette fortgeschickt hatte. »Das Kind wird inzwischen mein Engel

sein, und das Gefühl erfüllter Pflicht soll mich bei Kraft erhalten.«

Auch Gundermann, der immer mit dabei sein mußte, saß am Komiteetisch.

Sein Benehmen hatte was Aufgeregtes, weil er -- wie Lorenzen bereits

angedeutet -- wirklich im geheimen gegen Dubslav intrigiert hatte. Daß

er selber unterliegen würde, war klar und beschäftigte ihn kaum noch,

aber ihn erfüllte die Sorge, daß sein voraufgegangenes doppeltes Spiel

vielleicht an den Tag kommen könne.

Dubslav wollte die Sache gern hinter sich haben. Er trat deshalb,

nachdem er sich draußen mit einigen Bekannten begrüßt und an jeden

einzelnen ein paar Worte gerichtet hatte, vom Vorplatz her in das

Wahllokal ein, um da so rasch wie möglich seinen Zettel in die Urne

zu tun. Es traf ihn bei dieser Prozedur der Blick des alten Zühlen,

der ihm in einer Mischung von Feierlichkeit und Ulk sagen zu wollen

schien: »Ja, Stechlin, das hilft nu mal nicht; man muß die Komödie mit

durchmachen.« Dubslav kam übrigens kaum dazu, von diesem Blicke Notiz

zu nehmen, weil er Katzlers gewahr wurde, dem er sofort entgegentrat,

um ihm durch einen Händedruck zu dem siebenten Töchterchen zu

gratulieren. An Gundermann ging der Alte ohne Notiznahme vorüber. Dies

war aber nur Zufall; er wußte nichts von den Zweideutigkeiten des

Siebenmühlners, und nur dieser selbst, weil er ein schlechtes Gewissen

hatte, wurde verlegen und empfand des Alten Haltung wie eine Absage.

Als Dubslav wieder draußen war, war natürlich die große Frage:

»Ja, was jetzt tun?« Es ging erst auf elf, und vor sechs war die

Geschichte nicht vorbei, wenn sich's nicht noch länger hinzog. Er

sprach dies auch einer Anzahl von Herren aus, die sich auf einer vor

dem Gasthause stehenden Bank niedergelassen und hier dem Likörkasten

des »Prinzregenten«, der sonst immer erst nach dem Diner auftauchte,

vorgreifend zugesprochen hatten.

Es waren ihrer fünf, lauter Kreis- und Parteigenossen, aber nicht

eigentlich Freunde, denn der alte Dubslav war nicht sehr für

Freundschaften. Er sah zu sehr, was jedem einzelnen fehlte. Die da

saßen und aus purer Langeweile sich über die Vorzüge von Allasch

und Chartreuse stritten, waren die Herren von Molchow, von Krangen

und von Gnewkow, dazu Baron Beetz und ein Freiherr von der Nonne,

den die Natur mit besonderer Rücksicht auf seinen Namen geformt zu

haben schien. Er trug eine hohe schwarze Krawatte, darauf ein kleiner

vermickerter Kopf saß, und wenn er sprach, war es, wie wenn Mäuse

pfeifen. Er war die komische Figur des Kreises und wurde gehänselt,

nahm es aber nicht übel, weil seine Mutter eine schlesische Gräfin auf

»inski« war, was ihm in seinen Augen ein solches Übergewicht sicherte,

daß er, wie Friedrich der Große, jeden Augenblick bereit war, »die sich

etwa einstellenden Pasquille niedriger hängen zu lassen«.

»Ich denke, meine Herren,« sagte Dubslav, »wir gehen in den Park. Da

hat man doch immer was. An der einen Stelle ruht das Herz des Prinzen,

und an der andern Stelle ruht er selbst und hat sogar eine Pyramide

zu Häupten, wie wenn er Sesostris gewesen wäre. Ich würde gern einen

andern nennen, aber ich kenne bloß den.«

»Natürlich gehen wir in den Park,« sagte von Gnewkow. »Und es ist

schließlich immer noch ein Glück, daß man so was hat ...«

»Und auch ein Glück,« ergänzte von Molchow, »daß man solchen Wahltag

wie heute hat, der einen ordentlich zwingt, sich mal um Historisches

und Bildungsmäßiges zu kümmern. Bismarcken is es auch mal so gegangen,

noch dazu mit ner reichen Amerikanerin, und hat auch gleich (das heißt

eigentlich lange nachher) das rechte Wort dafür gefunden.«

»Der hat immer das rechte Wort gefunden.«

»Immer. Aber weiter, Molchow.«

»... Und als nun also die reiche Amerikanerin so runde vierzig Jahr

später ihn wiedersah und sich bei ihm bedanken wollte von wegen des

Bildermuseums, in das er sie halb aus Verlegenheit und halb aus

Ritterlichkeit begleitet und ihr mutmaßlich alle Bilder falsch erklärt

hatte, da hat er all diesen Dank abgewiesen und ihr -- ich seh und

hör ihn ordentlich -- in aller Fidelität gesagt, sie habe nicht ihm,

sondern er habe ihr zu danken, denn wenn jener Tag nicht gewesen wäre,

so hätt er das ganze Bildermuseum höchstwahrscheinlich nie zu sehen

gekriegt. Ja, Glück hat er immer gehabt. Im großen und im kleinen.

Es fehlt bloß noch, daß er hinterher auch noch Generaldirektor der

königlichen Museen geworden wäre, was er schließlich doch auch noch

gekonnt hätte. Denn eigentlich konnt er alles und ist auch beinah alles

gewesen.«

»Ja,« nahm Gnewkow, der aus Langeweile viel gereist war, seinen

Urgedanken, daß solcher Park eigentlich ein Glück sei, wieder auf.

»Ich finde, was Molchow da gesagt hat, ganz richtig; es kommt drauf

an, daß man reingezwungen wird, sonst weiß man überhaupt gar nichts.

Wenn ich so bloß an Italien zurückdenke. Sehen Sie, da läuft man nu

so rum, was einen doch am Ende strapziert, und dabei dieser ewige

pralle Sonnenschein. Ein paar Stunden geht es; aber wenn man nu schon

zweimal Kaffee getrunken und Granito gegessen hat, und es ist noch

nicht mal Mittag, ja, ich bitte Sie, was hat man da? Was fängt man da

an? Gradezu schrecklich. Und da kann ich Ihnen bloß sagen, da bin ich

ein kirchlicher Mensch geworden. Und wenn man dann so von der Seite her

still eintritt und hat mit einem Male die Kühle um sich rum, ja, da

will man gar nicht wieder raus und sieht sich so seine funfzig Bilder

an, man weiß nicht wie. Is doch immer noch besser als draußen. Und die

Zeit vergeht, und die Stunde, wo man was Reguläres kriegt, läppert sich

so heran.«

»Ich glaube doch,« sagte der für kirchliche Kunst schwärmende Baron

Beetz, »unser Freund Gnewkow unterschätzt die Wirkung, die, vielleicht

gegen seinen Willen, die Quattrozentisten auf ihn gemacht haben. Er

hat ihre Macht an sich selbst empfunden, aber er will es nicht wahr

haben, daß die Frische von ihnen ausgegangen sei. Jeder, der was davon

versteht ...«

»Ja, Baron, das is es eben. Wer was davon versteht! Aber wer versteht

was davon? Ich jedenfalls nicht.«

Unter diesen Worten war man, vom »Prinzregenten« aus, die Hauptstraße

hinuntergeschritten und über eine kleine Brücke fort erst in den

Schloßhof und dann in den Park eingetreten. Der See plätscherte leis.

Kähne lagen da, mehrere an einem Steg, der von dem Kiesufer her in

den See hineinlief. Ein paar der Herren, unter ihnen auch Dubslav,

schritten die ziemlich wacklige Bretterlage hinunter und blickten, als

sie bis ans Ende gekommen waren, wieder auf die beiden Schloßflügel

und ihre kurz abgestumpften Türme zurück. Der Turm rechts war der, wo

Kronprinz Fritz sein Arbeitszimmer gehabt hatte.

»Dort hat er gewohnt,« sagte von der Nonne. »Wie begrenzt ist doch

unser Können. Mir weckt der Anblick solcher Fridericianischen Stätten

immer ein Schmerzgefühl über das Unzulängliche des Menschlichen

überhaupt, freilich auch wieder ein Hochgefühl, daß wir dieser

Unzulänglichkeit und Schwäche Herr werden können. Tod, wo ist dein

Stachel, Hölle, wo ist dein Sieg? Dieser König. Er war ein großer

Geist, gewiß; aber doch auch ein verirrter Geist. Und je patriotischer

wir fühlen, je schmerzlicher berührt uns die Frage nach dem Heil seiner

Seele. Die Seelenmessen -- das empfind ich in solchem Augenblicke --

sind doch eine wirklich trostspendende Seite des Katholizismus, und

daß es (selbstverständlich unter Gewähr eines höchsten Willens) in die

Macht Überlebender gelegt ist, eine Seele freizubeten, das ist und

bleibt eine große Sache.«

»Nonne,« sagte Molchow, »machen Sie sich nicht komisch. Was haben Sie

für ne Vorstellung vom lieben Gott? Wenn Sie kommen und den alten

Fritzen freibeten wollen, werden Sie rausgeschmissen.«

Baron Beetz -- auch ein Anzweifler des Philosophen von Sanssouci --

wollte seinem Freunde Nonne zu Hilfe kommen und erwog einen Augenblick

ernstlich, ob er nicht seinen in der ganzen Grafschaft längst bekannten

Vortrag über die »schiefe Ebene« oder »~c'est le premier pas qui

coute~« noch einmal zum besten geben solle. Klugerweise jedoch ließ

er es wieder fallen und war einverstanden, als Dubslav sagte: »Meine

Herren, ich meinerseits schlage vor, daß wir unsern Auslug von dem

Wackelstege, drauf wir hier stehen (jeden Augenblick kann einer von uns

ins Wasser fallen), endlich aufgeben und uns lieber in einem der hier

herumliegenden Kähne über den See setzen lassen. Unterwegs, wenn noch

welche da sind, können wir Teichrosen pflücken und drüben am andern

Ufer den großen Prinz-Heinrich-Obelisken mit seinen französischen

Inschriften durchstudieren. Solche Rekapitulation stärkt einen immer

historisch und patriotisch, und unser Etappenfranzösisch kommt auch

wieder zu Kräften.«

Alle waren einverstanden, selbst Nonne.

* * * * *

Gegen vier war man von dem Ausfluge zurück und hielt wieder vor

dem »Prinzregenten«, auf einem mit alten Bäumen besetzten Platz,

der wegen seiner Dreiecksform schon von alter Zeit her den Namen

Triangelplatz führte. Die Wahlresultate lagen noch keineswegs sicher

vor; es ließ sich aber schon ziemlich deutlich erkennen, daß viele

Fortschrittlerstimmen auf den sozialdemokratischen Kandidaten,

Feilenhauer Torgelow, übergehen würden, der, trotzdem er nicht

persönlich zugegen war, die kleinen Leute hinter sich hatte. Hunderte

seiner Parteigenossen standen in Gruppen auf dem Triangelplatz umher

und unterhielten sich lachend über die Wahlreden, die während der

letzten Tage teils in Rheinsberg und Wutz, teils auf dem platten

Lande von Rednern der gegnerischen Parteien gehalten worden waren.

Einer der mit unter den Bäumen Stehenden, ein Intimus Torgelows, war

der Drechslergeselle Söderkopp, der sich schon lediglich in seiner

Eigenschaft als Drechslergeselle eines großen Ansehens erfreute. Jeder

dachte: der kann auch noch mal Bebel werden. »Warum nicht? Bebel is

alt, und dann haben wir den.« Aber Söderkopp verstand es auch wirklich,

die Leute zu packen. Am schärfsten ging er gegen Gundermann vor. »Ja,

dieser Gundermann, den kenn ich. Brettschneider und Börsenfilou; jeder

Groschen is zusammengejobbert. Sieben Mühlen hat er, aber bloß zwei

Redensarten, und der Fortschritt ist abwechselnd die ›Vorfrucht‹ und

dann wieder der ›Vater‹ der Sozialdemokratie. Vielleicht stammen wir

auch noch von Gundermann ab. So einer bringt alles fertig.«

Der Stechlin: Roman · 第 15 / 33 段