Schulze Kluckhuhn war überhaupt eine humoristisch angeflogene

Persönlichkeit, Liebling des alten Dubslav, und trat immer, wenn

sich die alten Kriegerbundleute von sechsundsechzig und siebzig aufs

hohe Pferd setzen wollten, für die von vierundsechzig ein. »Ja,

vierundsechzig, Kinder, da fing es an. Und aller Anfang ist schwer.

Anfangen ist immer die Hauptsache; das andre kommt dann schon wie von

selbst.« Ein alter Globsower, der bei Spichern mitgestürmt und sich

durch besondere Tapferkeit hervorgetan hatte, war denn auch, bloß

weil er einer von Anno siebzig war, ein Gegenstand seiner besonderen

Bemängelungen. »Ich will ja nich sagen, Tübbecke, daß es bei Spichern

gar nichts war; aber gegen Düppel (wenn ich auch nicht mit dabei

gewesen), gegen Düppel war es gar nichts. Wie war es denn bei Spichern,

wovon du soviel redst, als ob sich vierundsechzig daneben verstecken

müßte? Bei Spichern, da waren Menschen oben, aber bei Düppel, da waren

Schanzen oben. Und ich sag dir, Schanzen mit'm Turm drin. Da pfeift

es ganz anders. Das heißt, von Pfeifen war schon eigentlich gar keine

Rede mehr.« Eine Folge dieser Anschauung war es denn auch, daß in den

Augen Kluckhuhns der Pionier Klinke, der bei Düppel unter Opferung

seines Lebens den Palisadenpfahl von Schanze drei weggesprengt hatte,

der eigentliche Held aller drei Kriege war und alles in allem nur

einen Rivalen hatte. Dieser +eine+ Rivale stand aber drüben auf Seite

der Dänen und war überhaupt kein Mensch, sondern ein Schiff und hieß

Rolf Krake. »Ja, Kinder, wie wir nu da so rüber gondelten, da lag das

schwarze Biest immer dicht neben uns und sah aus wie'n Sarg. Und wenn

es gewollt hätte, so wär es auch alle mit uns gewesen und bloß noch

plumps in den Alsensund. Und weil wir das wußten, schossen wir immer

drauflos, denn wenn einem so zu Mute ist, dann schießt der Mensch

immerzu.«

Ja, Rolf Krake war eine fatale Sache für Kluckhuhn gewesen. Aber

dasselbe schwarze Schiff, das ihm damals so viel Furcht und Sorge

gemacht hatte, war doch auch wieder ein Segen für ihn geworden, und

man durfte sagen, sein Leben stand seitdem im Zeichen von Rolf Krake.

Wie Gundermann immer der Sozialdemokratie das »Wasser abstellen«

wollte, so verglich Kluckhuhn alles zur Sozialdemokratie Gehörige mit

dem schwarzen Ungetüm im Alsensund. »Ich sag euch, was sie jetzt die

soziale Revolution nennen, das liegt neben uns wie damals Rolf Krake;

Bebel wartet bloß, und mit eins fegt er dazwischen.«

Schulze Kluckhuhn war in der ganzen Stechliner Gegend sehr angesehen,

und als er jetzt mit seiner Medaille so dasaß, dicht neben Koseleger,

war er sich dessen auch wohl bewußt. Aber gegen Krippenstapel, den er

als Schulpauker und Bienenvater eigentlich nicht für voll ansah, kam

er bei dieser Gelegenheit doch nicht an; Krippenstapel hatte heute

ganz seinen großen Tag, so sehr, daß selbst Kluckhuhn seinen Ton

herabstimmen mußte.

Katzler, ein entschiedener Nichtredner, begann, als er sich mit seinem

Notizenzettel, auf dem verschiedene Satzanfänge standen, erhoben hatte,

mit der Versicherung, daß er den so zahlreich Anwesenden, unter denen

vielleicht auch einige Andersdenkende seien, für ihr Erscheinen danke.

Sie wüßten alle, zu welchem Zweck sie hier seien. Der alte Kortschädel

sei tot, »er ist in Ehren hingegangen«, und es handle sich heute darum,

dem alten Herrn von Kortschädel im Reichstag einen Nachfolger zu geben.

Die Grafschaft habe immer konservativ gewählt; es sei Ehrensache,

wieder konservativ zu wählen. »Und ob die Welt voll Teufel wär'.« Es

liege der Grafschaft ob, dieser Welt des Abfalls zu zeigen, daß es noch

»Stätten« gäbe. Und hier sei eine solche Stätte. »Wir haben, glaub

ich,« so schloß er, »niemand an diesem Tisch, der das Parlamentarische

voll beherrscht, weshalb ich bemüht gewesen bin, das, was uns hier

zusammengeführt hat, schriftlich niederzulegen. Es ist ein schwacher

Versuch. Jeder tut, soviel er kann, und der Brombeerstrauch hat eben

nur seine Beeren. Aber auch +sie+ können den durstigen Wanderer

erfrischen. Und so bitte ich denn unsern politischen Freund, dem wir

außerdem für die Erforschung dieser Gegenden so viel verdanken, ich

bitte Herrn Lehrer Krippenstapel, uns das von mir Aufgesetzte vorlesen

zu wollen. Ein ~pro memoria~. Man kann es vielleicht so nennen.«

Katzler, unter Verneigung, setzte sich wieder, während sich

Krippenstapel erhob. Er blätterte wie ein Rechtsanwalt in einer Anzahl

von Papieren und sagte dann: »Ich folge der Aufforderung des Herrn

Vorsitzenden und freue mich, berufen zu sein, ein Schriftstück zur

Verlesung zu bringen, das unser +aller+ Gefühlen -- ich bin dessen

sicher und glaube von den Einschränkungen, die unser Herr Vorsitzender

gemacht hat, absehen zu dürfen -- zu kräftigstem Ausdruck verhilft.«

Und nun setzte Krippenstapel seine Hornbrille auf und las. Es war

ein ganz kurzes Schriftstück und enthielt eigentlich dasselbe, was

Katzler schon gesagt hatte. Die Betonungen Krippenstapels sorgten aber

dafür, daß der Beifall reichlicher war, und daß die Schlußwendung »und

so vereinigen wir uns denn in dem Satze: was um den Stechlin herum

wohnt, das ist +für+ Stechlin,« einen ungeheuren Beifall fand. Pyterke

hob seinen Helm und stieß mit dem Pallasch auf, während Uncke sich

umsah, ob doch vielleicht ein einzelner Übelwollender zu notieren sei.

Nicht um ihn direkt anzuzeigen, aber doch zur Kenntnisnahme. Brose,

der (wohl eine Folge seines Berufs) unter dem ungewohnten langen

Stillstehen gelitten hatte, nahm im Vorflur, wie zur Niederkämpfung

seiner Beinnervosität, eine Art Probegeschwindschritt rasch wieder

auf, während Kluckhuhn sich von seinem Stuhl erhob, um Katzler erst

militärisch und dann unter gewöhnlicher Verbeugung zu begrüßen, wobei

seine Düppelmedaille dem Katzlerschen Eisernen Kreuz entgegenpendelte.

Nur Koseleger und Lorenzen blieben ruhig. Um des Superintendenten Mund

war ein leiser ironischer Zug.

Dann erklärte der Vorsitzende die Sitzung für geschlossen; alles brach

auf, und nur Uncke sagte zu Brose: »Wir bleiben noch, Brose; morgen

wird es Lauferei genug geben.«

»Denk ich auch. Aber lieber laufen als hier so stillestehen.«

Achtzehntes Kapitel

Draußen, unter dem Gezweig der alten Linden, standen mehrere

Kaleschwagen, aber der des Superintendenten fehlte noch, weil Koseleger

eine viel längere Sitzung erwartet und daraufhin seinen Wagen erst zu

zehn Uhr bestellt hatte. Bis dahin war noch eine hübsche Zeit; der

Superintendent indessen schien nicht unzufrieden darüber, und seines

Amtsbruders Arm nehmend, sagte er: »Lieber Lorenzen, ich muß mich, wie

Sie sehen, bei Ihnen zu Gaste laden. Als Unverheirateter werden Sie,

so hoffe ich, über die Störung leicht hinwegkommen. Die Ehe bedeutet

in der Regel Segen, wenigstens an Kindern, aber die Nichtehe hat auch

ihre Segnungen. Unsere guten Frauen entschlagen sich dieser Einsicht,

und dieser unbedingte Glauben an sich und ihre Wichtigkeit hat oft was

Rührendes.«

Lorenzen, der sich -- bei voller Würdigung der Gaben seines ihm

vorgesetzten und zugleich gern einen spöttischen Ton anschlagenden

Amtsbruders -- im allgemeinen nicht viel aus ihm machte, war diesmal

mit allem einverstanden und nickte, während sie, schräg über den Platz

fort, auf die Pfarre zuschritten.

»Ja, diese Einbildungen!« fuhr Koseleger fort, zu dessen

Lieblingsgesprächen dieses Thema gehörte. »Gewiß ist es richtig, daß

wir samt und sonders von Einbildungen leben, aber für die Frauen ist

es das tägliche Brot. Sie malträtieren ihren Mann und sprechen dabei

von Liebe, sie +werden+ malträtiert und sprechen erst recht von Liebe;

sie sehen alles so, wie sie's sehen wollen, und vor allem haben sie ein

Talent, sich mit Tugenden auszurüsten (erlassen Sie mir, diese Tugenden

aufzuzählen), die sie durchaus nicht besitzen. Unter diesen meist nur

in der Vorstellung existierenden Tugenden befindet sich auch die der

Gastlichkeit, wenigstens hierlandes. Und nun gar unsre Pfarrmütter!

Eine jede hält sich für die heilige Elisabeth mit den bekannten Broten

im Korb. Haben Sie übrigens das Bild auf der Wartburg gesehen? Unter

allen Schwindschen Sachen steht es mir so ziemlich obenan. Und in

Wahrheit, um auf unsere Pfarrmütter zurückzukommen, liegt es doch so,

daß ich mich bei pastorlichen Junggesellen immer am besten aufgehoben

gefühlt habe.«

Lorenzen lachte: »Wenn Sie nur heute nicht widerlegt werden, Herr

Superintendent.«

»Ganz undenkbar, lieber Lorenzen. Ich bin noch nicht lange in dieser

Gegend, in meinem guten Quaden-Hennersdorf da drüben, aber wenn

auch nicht lange, so doch lange genug, um zu wissen, wie's hier

herum aussieht. Und Ihr Renommee ... Sie sollen so was von einem

Feinschmecker an sich haben. Kann ich mir übrigens denken. Sie sind

Ästhetikus, und das ist man nicht ungestraft, am wenigsten in bezug

auf die Zunge. Ja, das Ästhetische. Für manchen ist es ein Unglück.

Ich weiß davon. Das Haus hier vor uns ist wohl Ihr Schulhaus?

Weißgestrichen und kein Fetzchen Gardine, das ist immer ne preußische

Schule. So wird bei uns die Volksseele für das, was schön ist,

großgezogen. Aber es kommt auch was dabei heraus! Mitunter wundert's

mich nur, daß sie die Bauten aus der Zeit Friedrich Wilhelms ~I.~

nicht besser konservieren. Eigentlich war +das+ doch das Ideal. Graue

Wand, hundert Löcher drin und unten großes Hauptloch. Und natürlich

ein Schilderhaus daneben. Letzteres das Wichtigste. Schade, daß so was

verloren geht. Übrigens rettet hier der grüne Staketenzaun das Ganze

... Wie heißt doch der Lehrer?«

»Krippenstapel.«

»Richtig, Krippenstapel. Katzler nannte ihn ja während der Sitzung mit

einer Art Aplomb. Ich erinnere mich noch, wie mir der Name wohltat, als

ich ihn das erstemal hörte. So heißt nicht jeder. Wie kommen Sie mit

dem Manne aus?«

»Sehr gut, Herr Superintendent.«

»Freut mich aufrichtig. Aber es muß ein Kunststück sein. Er hat

ein Gesicht wie ne Eule. Dabei so was Steifleinenes und zugleich

Selbstbewußtes. Der richtige Lehrer. Meiner in Quaden-Hennersdorf war

ebenso. Aber er läßt nun schon ein bißchen nach.«

Unter diesen Worten waren sie bis an die Pfarre gekommen, in der man,

ohne daß ein Bote vorausgeschickt worden wäre, doch schon wußte, daß

der Herr Superintendent mit erscheinen würde. Nun war er da. Nur

wenige Minuten waren seit dem Aufbruch vom Krug her vergangen, die

trotz Kürze für Frau Kulicke (eine Lehrerswitwe, die Lorenzen die

Wirtschaft führte) ausgereicht hatten, alles in Schick und Ordnung zu

bringen. Auf dem länglichen Hausflur, an dessen äußerstem Ende man

gleich beim Eintreten die blinkblanke Küche sah, brannten ein paar

helle Paraffinkerzen, während rechts daneben, in der offenstehenden

Studierstube, eine große Lampe mit grünem Bilderschirm ein gedämpftes

Licht gab. Lorenzen schob den Sofatisch, darauf Zeitungen hoch

aufgeschichtet lagen, ein wenig zurück und bat Koseleger, Platz zu

nehmen. Aber dieser, eben jetzt das große Bild bemerkend, das in

beinahe reicher Umrahmung über dem Sofa hing, nahm den ihm angebotenen

Platz nicht gleich ein, sondern sagte, sich über den Tisch vorbeugend:

»Ah, gratuliere, Lorenzen. Kreuzabnahme; Rubens. Das ist ja ein

wunderschöner Stich. Oder eigentlich Aquatinta. Dergleichen wird hier

wohl im siebenmeiligen Umkreis nicht oft betroffen werden, nicht

einmal in dem etwas heraufgepufften Rheinsberg; in Rheinsberg war

man für Watteausche Reifrockdamen auf einer Schaukel, aber nicht für

Kreuzabnahmen und dergleichen. Und stammt auch sicher nicht aus dem

sogenannten Schloß Ihres liebenswürdigen alten Herrn drüben, Riesenkate

mit Glaskugel davor. Ach, wenn ich diese Glaskugeln sehe. Und daneben

+das+ hier! Wissen Sie, Lorenzen, das Bild hier ruft mir eine schöne

Stunde meines Lebens zurück, einen Reisetag, wo ich mit Großfürstin

Wera vom Haag aus in Antwerpen war. Da sah ich das Bild in der

Kathedrale. Waren Sie da?«

Lorenzen verneinte.

»Das wäre was für Sie. Dieser Rubens im Original, in seiner

Farbenallgewalt. Es heißt immer, daß er nur Flamänderinnen hätte malen

können. Nun, das wäre wohl auch noch nicht das Schlimmste gewesen.

Aber er konnte mehr. Sehen Sie den Christus. Wohl jedem, der draußen

war, und zu dem die Welt mal in andern Zungen redete! Hier blüht der

Bilderbogen, Türke links, Russe rechts. Ach, Lorenzen, es ist traurig,

hier versauern zu müssen.«

Als er so gesprochen, ließ er sich, vor sich hinstarrend, in die

Sofaecke nieder, ganz wie in andre Zeiten verloren, und sah erst wieder

auf, als ein junges Ding ins Zimmer trat, groß und schlank und blond,

und dem Pastor verlegen und errötend etwas zuflüsterte.

»Meine gute Frau Kulicke,« sagte Lorenzen, »läßt eben fragen, ob wir

unsern Imbiß im Nebenzimmer nehmen wollen? Ich möchte beinahe glauben,

es ist das beste, wir bleiben hier. Es heißt zwar, ein Eßzimmer müsse

kalt sein. Nun, das hätten wir nebenan. Ich persönlich finde jedoch

das Temperierte besser. Aber ich bitte, bestimmen zu wollen, Herr

Superintendent.«

»Temperiert. Mir aus der Seele gesprochen. Also wir bleiben, wo

wir sind ... Aber sagen Sie mir, Lorenzen, wer war das entzückende

Geschöpf? Wie ein Bild von Knaus. Halb Prinzeß, halb Rotkäppchen. Wie

alt ist sie denn?«

»Siebzehn. Eine Nichte meiner guten Frau Kulicke.«

»Siebzehn. Ach, Lorenzen, wie Sie zu beneiden sind. Immer solche

Menschenblüte zu sehn. Und siebzehn, sagen Sie. Ja, das ist das

Eigentliche. Sechzehn hat noch ein bißchen von der Eierschale, noch

ein bißchen den Einsegnungscharakter, und achtzehn ist schon wieder

alltäglich. Achtzehn kann jeder sein. Aber siebzehn. Ein wunderbarer

Mittelzustand. Und wie heißt sie?«

»Elfriede.«

»Auch +das+ noch.«

Lorenzen wiegte den Kopf und lächelte.

»Ja, Sie lächeln, Lorenzen, und wissen nicht, wie gut Sie's haben

in dieser Ihrer Waldpfarre. Was ich hier sehe, heimelt mich an, das

ganze Dorf, alles. Wenn ich mir da beispielsweise den Tisch wieder

vergegenwärtige, dran wir, drüben im Krug, vor einer halben Stunde

gesessen haben, an der linken Seite dieser Krippenstapel (er sei wie

er sei) und an der rechten Seite dieser Rolf Krake. Das sind ja doch

lauter Größen. Denn das Groteske hat eben auch seine Größen und nicht

die schlechtesten. Und dazu dieser Katzler mit seiner Ermyntrud. All

das haben Sie dicht um sich her und dazu dies Kind, diese Elfriede,

die hoffentlich nicht Kulicke heißt, -- sonst bricht freilich mein

ganzes Begeisterungsgebäude wieder zusammen. Und nun nehmen Sie +mich+,

Ihren Superintendenten, das große Kirchenlicht dieser Gegenden! Alles

nackte Prosa, widerhaarige Kollegen und Amtsbrüder, die mir nicht

verzeihen können, daß ich im Haag war und mit einer Großfürstin über

Land fahren konnte. Glauben Sie mir, Großfürstinnen, selbst wenn sie

Mängel haben (und sie haben Mängel), sind mir immer noch lieber als das

Landesgewächs von Quaden-Hennersdorf, und mitunter ist mir zumut, als

gäbe es keine Weltordnung mehr.«

»Aber Herr Superintendent ...«

»Ja, Lorenzen, Sie setzen ein überraschtes Gesicht auf und wundern

sich, daß einer, für den die hohe Klerisei so viel getan und ihn zum

Superintendenten in der gesegneten Mittelmark und der noch gesegneteren

Grafschaft Ruppin gemacht hat, -- Sie wundern sich, daß solch zehnmal

Glücklicher solchen Hochverrat redet. Aber bin ich ein Glücklicher? Ich

bin ein Unglücklicher ...«

»Aber Herr Superintendent ...«

»... Und möchte, daß ich eine Hundertundfünfzig-Seelen-Gemeinde hätte,

sagen wir auf dem ›toten Mann‹ oder in der Tuchler Heide. Sehen Sie,

dann wär es vorbei, dann wüßt ich bestimmt: ›du bist in den Skat

gelegt‹. Und das kann unter Umständen ein Trost sein. Die Leute,

die Schiffbruch gelitten und nun in einer Isolierzelle sitzen und

Tüten kleben oder Wolle zupfen, das sind nicht die Unglücklichsten.

Unglücklich sind immer bloß die Halben. Und als einen solchen habe

ich die Ehre mich Ihnen vorzustellen. Ich bin ein Halber, vielleicht

sogar in +dem+, worauf es ankommt; aber lassen wir das, ich will hier

nur vom allgemein Menschlichen sprechen. Und daß ich auch in diesem

Menschlichen ein Halber bin, das quält mich. Über das andre käm ich

vielleicht weg.«

Lorenzens Augen wurden immer größer.

»Sehen Sie, da war ich also -- verzeihen Sie, daß ich immer wieder

darauf zurückkomme -- da war ich also mit siebenundzwanzig im Haag und

kam in die vornehme Welt, die da zu Hause ist. Und da war ich denn

heut in Amsterdam und morgen in Scheveningen und den dritten Tag in

Gent oder in Brügge. Brügge, Reliquienschrein, Hans Memling -- so was

müßten Sie sehn. Was sollen uns diese ewigen Markgrafen oder gar die

faule Grete? Mancher, ich weiß wohl, ist für's härene Gewand oder

zum Eremiten geboren. Ich nicht. Ich bin von der andern Seite; meine

Seele hängt an Leben und Schönheit. Und nun spricht da draußen all

dergleichen zu einem, und man tränkt sich damit und hat einen Ehrgeiz,

nicht einen kindischen, sondern einen echten, der höher hinauf will,

weil man da wirken und schaffen kann, für sich gewiß, aber auch für

andre. Danach dürstet einen. Und nun kommt der Becher, der diesen Durst

stillen soll. Und dieser Becher heißt Quaden-Hennersdorf. Das Dorf, das

mich umgibt, ist ein großes Bauerndorf, aufgesteifte Leute, geschwollen

und hartherzig, und natürlich so trocken und trivial, wie die Leute

hier alle sind. Und noch stolz darauf. Ach, Lorenzen, immer wieder, wie

beneide ich Sie!«

Während Koseleger noch so sprach, erschien Frau Kulicke. Sie schob die

Zeitungen zurück, um zwei Kuverts legen zu können, und nun brachte sie

den Rotwein und ein Kabarett mit Brötchen. In dünngeschliffene große

Gläser schenkte Lorenzen ein, und die beiden Amtsbrüder stießen an »auf

bessere Zeiten«. Aber sie dachten sich sehr Verschiedenes dabei, weil

sich der eine nur mit sich, der andre nur mit andern beschäftigte.

»Wir könnten, glaub ich,« sagte Lorenzen, »neben den ›besseren

Zeiten‹ noch dies und das leben lassen. Zunächst +Ihr+ Wohl, Herr

Superintendent. Und zum zweiten auf das Wohl unsers guten alten

Stechlin, der uns doch heute zusammengeführt. Ob wir ihn durchbringen?

Katzler tat so sicher und Kluckhuhn und Krippenstapel nun schon ganz

gewiß. Aber ich habe trotzdem Zweifel. Die Konservativen -- ich kann

kaum sagen ›unsere Parteigenossen‹, oder doch nur in sehr bedingtem

Sinne -- die Konservativen sind in sich gespalten. Es gibt ihrer

viele, denen unser alter Stechlin um ein gut Teil zu flau ist.

›~Fortiter in re, suaviter in modo~,‹ hat neulich einer, der sich auf

Bildung ausspielt, von dem Alten gesagt, und von ›~suaviter~,‹ wenn

auch nur ›~in modo~‹, wollen alle diese Herren nichts wissen. Unter

diesen Ultras ist natürlich auch Gundermann auf Siebenmühlen, der Ihnen

vielleicht bekannt geworden ist ...«

»Versteht sich. War neulich bei mir. Ein Mann von drei Redensarten, von

denen die zwei besten aus der Wassermüllersphäre genommen sind.«

»Nun, dieser Gundermann, wie immer die Dummen, ist zugleich Intrigant,

und während er vorgibt, für unsern guten alten Stechlin zu werben,

tropft er den Leuten Gift ins Ohr und erzählt ihnen, daß der Alte senil

sei und keinen Schneid habe. Der alte Stechlin hat aber mehr Schneid

als sieben Gundermanns. Gundermann ist ein Bourgeois und ein Parvenu,

also so ziemlich das Schlechteste, was einer sein kann. Ich bin schon

zufrieden, wenn dieser Jämmerling unterliegt. Aber um den Alten bin ich

besorgt. Ich kann nur wiederholen: es liegt nicht so günstig für ihn,

wie die Gegend hier sich einbildet. Denn auf das arme Volk ist kein

Verlaß. Ein Versprechen und ein Kornus, und alles schnappt ab.«

»Ich werde das meine tun,« sagte Koseleger mit einer Mischung von

Pathos und Wohlwollen. Aber Lorenzen hatte dabei den Eindruck, daß

sein Quaden-Hennersdorfer Superintendent bereits ganz andern Bildern

nachhing. Und so war es auch. Was war für Koseleger diese traurige

Gegenwart? Ihn beschäftigte nur die Zukunft, und wenn er in die

hineinsah, so sah er einen langen, langen Korridor mit Oberlicht und

am Ausgang ein Klingelschild mit der Aufschrift: Doktor Koseleger,

Generalsuperintendent.

* * * * *

So ziemlich um dieselbe Stunde, wo die beiden Amtsbrüder »auf bessere

Zeiten« anstießen, hielt Katzlers Pürschwagen -- die Sterne blinkten

schon -- vor seiner Oberförsterei. Das Blaffen der Hunde, das,

solange der Wagen noch weit ab war, unausgesetzt über die Waldwiese

hingeklungen war, verkehrte sich mit einemmal in winseliges Geheul und

wunderliche Freudentöne. Katzler sprang aus dem Wagen, hing den Hut

an einen im Flur stehenden Ständer (von den ewigen »Geweihen« wollte

er als feiner Mann nichts wissen) und trat gleich danach in das an

der linken Flurseite gelegene, matt erleuchtete Wohnzimmer seiner

Frau. Das gedämpfte Licht ließ sie noch blasser erscheinen, als sie

war. Sie hatte sich, als der Wagen hielt, von ihrem Sofaplatz erhoben

und kam ihrem Manne, wie sie regelmäßig zu tun pflegte, wenn er aus

dem Walde zurückkehrte, zu freundlicher Begrüßung entgegen. Ein als

Weihnachtsgeschenk für eine jüngere Schwester bestimmtes Batisttuch,

in das sie eben die letzte Zacke der Ippe-Büchsensteinschen Krone

hineinstickte, hatte sie, bevor sie sich vom Sofa erhob, aus der Hand

gelegt. Sie war nicht schön, dazu von einem lymphatisch-sentimentalen

Ausdruck, aber ihre stattliche Haltung und mehr noch die Art, wie sie

sich kleidete, ließen sie doch als etwas durchaus Apartes und beinahe

Fremdländisches erscheinen. Sie trug, nach Art eines Morgenrockes,

ein glatt herabhängendes, leis gelbgetöntes Wollkleid und als

Eigentümlichstes einen aus demselben gelblichen Wollstoff hergestellten

Kopfputz, von dem es unsicher blieb, ob er einen Turban oder eine Krone

darstellen sollte. Das Ganze hatte etwas Gewolltes, war aber neben dem

Auffälligen doch auch wieder kleidsam. Es sprach sich ein Talent darin

aus, etwas aus sich zu machen.

»Wie glücklich bin ich, daß du wieder da bist,« sagte Ermyntrud. »Ich

habe mich recht gebangt, diesmal nicht um dich, sondern um mich. Ich

muß dies egoistischerweise gestehen. Es waren recht schwere Stunden für

mich, die ganze Zeit, daß du fort warst.«

Er küßte ihr die Hand und führte sie wieder auf ihren Platz zurück.

»Du darfst nicht stehen, Ermyntrud. Und nun bist du auch wieder bei

der Stickerei. Das strengt dich an und hat, wie du weißt, auf +alles+

Einfluß. Der gute Doktor sagte noch gestern, alles sei im Zusammenhang.

Ich seh auch, wie blaß du bist.«

»O, das macht der Schirm.«

»Du willst es nicht wahr haben und mir nichts sagen, was vielleicht

wie Vorwurf klingen könnte. Ich mache mir aber den Vorwurf selbst. Ich

mußte hier bleiben und nicht hin zu dieser Stechliner Wahlversammlung.«

»Du +mußtest+ hin, Wladimir.«

»Ich rechne es dir hoch an, Ermyntrud, daß du so sprichst. Aber es wäre

schließlich auch ohne mich gegangen. Koseleger war da, der konnte das

Präsidium nehmen so gut wie ich. Und wenn der nicht wollte, so konnte

Torfinspektor Etzelius einspringen. Oder vielleicht auch Krippenstapel.

Krippenstapel ist doch zuletzt der, der alles macht. Jedenfalls liegt

es so, wenn es der eine nicht ist, ist es der andre.«

»Ich kann das zugeben, wie könnte sonst die Welt bestehen? Es gibt

nichts, was uns so Demut predigte wie die Wahrnehmung von der

Entbehrlichkeit des einzelnen. Aber darauf kommt es nicht an. Worauf es

ankommt, das ist Erfüllung unsrer Pflicht.«

Katzler, als er dies Wort hörte, sah sich nach einem Etwas um, das

ihn in den Stand gesetzt hätte, dem Gespräch eine andere Wendung zu

geben. Aber, wie stets in solchen Momenten, das, was retten konnte, war

nicht zu finden, und so sah er denn wohl, daß er einem Vortrage der

Prinzessin über ihr Lieblingsthema »von der Pflicht« verfallen sei.

Dabei war er eigentlich hungrig.

Ermyntrud wies auf ein Taburett, das sie mittlerweile neben ihren

Sofaplatz geschoben, und sagte: »Daß ich immer wieder davon sprechen

muß, Wladimir. Wir leben eben nicht in der Welt um unsert-, sondern um

andrer willen. Ich will nicht sagen um der Menschheit willen, was eitel

klingt, wiewohl es eigentlich wohl so sein sollte. Was uns obliegt, ist

nicht die Lust des Lebens, auch nicht einmal die Liebe, die wirkliche,

sondern lediglich die Pflicht ...«

Der Stechlin: Roman · 第 14 / 33 段