»Vielleicht, gnädigste Gräfin. Aber doch nicht wahrscheinlich.

Friedrichsfelde gehört nicht in die Reihe der Vororte, wo Feuerwerke

sozusagen auf dem Programm stehen. Ich denke, wir lassen es im

Ungewissen und freuen uns der Sache selbst. Sehen Sie, jetzt beginnt

es erst recht eigentlich. Die Rakete, die wir da vorhin gesehen haben,

das war nur Vorspiel. Jetzt haben wir erst das Stück. Es ist zu weit

ab, sonst würden wir das Knattern hören und die Kanonenschläge.

Wahrscheinlich ist es Sedan oder Düppel oder der Übergang nach Alsen.

Übrigens ist die Pyrotechnik eine profunde Wissenschaft geworden.«

»Und es soll auch Personen geben, die ganz dafür leben und ihr Vermögen

hinopfern wie früher die Holländer für die Tulpen. Tulpen wäre nun

freilich nicht mein Geschmack! Aber Feuerwerk!«

»Ja, unbedingt. Und nur schade, daß alle die, die damit zu tun haben,

über kurz oder lang in die Luft fliegen.«

»Das ist fatal. Aber es steigert andrerseits doch auch wieder den

Reiz. Sonderbar, gefahrlose Berufe, solche, die sozusagen eine

Zipfelmütze tragen, sind mir von jeher ein Greuel gewesen. Interesse

hat doch immer nur das Vabanque: Torpedoboote, Tunnel unter dem

Meere, Luftballons. Ich denke mir, das Nächste, was wir erleben, sind

Luftschifferschlachten. Wenn dann so eine Gondel die andre entert. Ich

kann mich in solche Vorstellungen geradezu verlieben.«

»Ja, liebe Melusine, das seh ich,« unterbrach hier die Baronin. »Sie

verlieben sich in solche Vorstellungen und vergessen darüber die

Wirklichkeiten und sogar unser Programm. Ich muß angesichts dieser doch

erst kommenden Luftschifferschlachten ganz ergebenst daran erinnern,

daß für heute noch wer anders in der Luft schwebt, und zwar Pastor

Lorenzen. Von +dem+ sollte die Rede sein. Freilich, der ist kein

Pyrotechniker.«

»Nein,« lachte Woldemar, »+das+ ist er nicht. Aber als einen Aeronauten

kann ich ihn Ihnen beinahe vorstellen. Er ist so recht ein Excelsior-,

ein Aufsteigemensch, einer aus der wirklichen Obersphäre, genau von

daher, wo alles Hohe zu Haus ist, die Hoffnung und sogar die Liebe.«

»Ja,« lachte die Baronin, »die Hoffnung und sogar die Liebe! Wo bleibt

aber das Dritte? Da müssens zu uns kommen. Wir haben noch das Dritte;

das heißt also, wir wissen auch, was wir +glauben+ sollen.«

»Ja, +sollen+.«

»Sollen, gewiß. Sollen, das ist die Hauptsache. Wenn man weiß, was man

soll, so find't sich's schon. Aber wo das Sollen fehlt, da fehlt auch

das Wollen. Es ist halt a Glück, daß wir Rom haben und den heiligen

Vater.«

»Ach,« sagte Melusine, »wer's Ihnen glaubt, Baronin! Aber lassen wir

so heikle Fragen und hören wir lieber von +dem+, den ich -- ich bin

beschämt darüber -- in so wenig verbindlicher Weise vergessen konnte,

von unserm Wundermann mit der Studentenliebe, von dem Säulenheiligen,

der reinen Herzens ist, und vor allem von dem Schöpfer und geistigen

Nährvater unsers Freundes Stechlin. ~Eh bien~, was ist es mit ihm?

›An ihren Früchten sollt ihr sie erkennen,‹ -- das könnt uns beinahe

genügen. Aber ich bin doch für ein Weiteres. Und so denn ~attention au

jeu~. Unser Freund Stechlin hat das Wort.«

»Ja, unser Freund Stechlin hat das Wort,« wiederholte Woldemar, »so

sagen Sie gütigst, Frau Gräfin. Aber dem nachkommen ist nicht so

leicht. Vorhin, da war ich im Zuge. Jetzt wieder damit anfangen, das

hat seine Schwierigkeiten. Und dann erwarten die Damen immer eine

Liebesgeschichte, selbst wenn es sich um einen Mann handelt, den ich,

was diese Dinge betrifft, so wenig versprechend eingeführt habe.

Sie gehen also, wie heute schon mehrfach (ich erinnere nur an das

Eierhäuschen) einer grausamen Enttäuschung entgegen.«

»Keine Ausflüchte!«

»Nun, so sei's denn. Ich muß es aber auf einem Umwege versuchen und

Ihnen bei der Gelegenheit als Nächstes schildern, wie meine letzte

Begegnung mit Lorenzen verlief. Er war, als ich bei ihm eintrat, in

ersichtlich großer Erregung, und zwar über ein Büchelchen, das er in

Händen hielt.«

»Und ich will raten, was es war,« unterbrach Melusine.

»Nun?«

»Ein Buch von Tolstoj. Etwas mit viel Opfer und Entsagung. Anpreisung

von Askese.«

»Sie sind auf dem richtigen Wege, Gräfin, nur nicht geographisch. Es

handelt sich nämlich nicht östlich um einen Russen, sondern westlich um

einen Portugiesen.«

»Um einen Portugiesen,« lachte die Baronin. »O, ich kenne welche. Sie

sind alle so klein und gelblich. Und einer fand einen Seeweg. Freilich

schon lange her. Ist es nicht so?«

»Gewiß, Frau Baronin, es ist so. Nur der, um den es sich hier handelt,

das ist keiner mit einem Seeweg, sondern bloß ein Dichter.«

»Ach, dessen erinnere ich mich auch, ja, ich habe sogar seinen Namen

auf der Zunge. Mit einem großen C fängt er an. Aber Calderon ist es

nicht.«

»Nein, Calderon ist es nicht; es deckt sich da manches, auch schon

rein landkartlich, nicht mit +dem+, um den sich's hier handelt. Und

ist überhaupt kein alter Dichter, sondern ein neuer. Und heißt Joao de

Deus.«

»Joao de Deus,« wiederholte die Gräfin. »Schon der Name. Sonderbar. Und

was war es mit dem?«

»Ja, was war es mit +dem+? Dieselbe Frage tat ich auch, und ich habe

nicht vergessen, was Lorenzen mir antwortete: ›Dieser Joao de Deus,‹

so etwa waren seine Worte, ›war genau +das+, was ich wohl sein möchte,

wonach ich suche, seit ich zu leben, +wirklich+ zu leben angefangen,

und wovon es beständig draußen in der Welt heißt, es gäbe dergleichen

nicht mehr. Aber es gibt dergleichen noch, es muß dergleichen geben

oder doch +wieder+ geben. Unsre ganze Gesellschaft (und nun gar erst

das, was sich im besonderen so nennt) ist aufgebaut auf dem Ich. Das

ist ihr Fluch, und daran muß sie zugrunde gehen. Die zehn Gebote, das

war der Alte Bund, der Neue Bund aber hat ein andres, ein einziges

Gebot, und das klingt aus in: Und du hättest der Liebe nicht ...‹«

»Ja, so sprach Lorenzen,« fuhr Woldemar nach einer Pause fort, »und

sprach auch noch andres, bis ich ihn unterbrach und ihm zurief:

›Aber, Lorenzen, das sind ja bloß Allgemeinheiten. Sie wollten mir

Persönliches von Joao de Deus erzählen. Was ist es mit dem? Wer war er?

Lebt er? Oder ist er tot?‹«

»›Er ist tot, aber seit kurzem erst, und von seinem Tode spricht das

kleine Heft hier. Höre.‹ Und nun begann er zu lesen. Das aber, was er

las, das lautete etwa so: ›... Und als er nun tot war, der Joao de

Deus, da gab es eine Landestrauer, und alle Schulen der Hauptstadt

waren geschlossen, und die Minister und die Leute vom Hof und die

Gelehrten und die Handwerker, alles folgte dem Sarge dicht gedrängt,

und die Fabrikarbeiterinnen hoben schluchzend ihre Kinder in die Höh

und zeigten auf den Toten und sagten: ~Un Santo, un Santo.~ Und sie

taten so und sagten so, weil er für die Armen gelebt hatte und +nicht

für sich+.‹«

»Das ist schön,« sagte Melusine.

»Ja, das ist schön,« wiederholte Woldemar, »und ich darf hinzusetzen,

in dieser Geschichte haben Sie nicht bloß den Joao de Deus, sondern

auch meinen Freund Lorenzen. Er ist vielleicht nicht ganz wie sein

Ideal. Aber Liebe gibt Ebenbürtigkeit.«

»Und so schlag ich denn vor,« sagte die Baronin, »daß wir den mit dem

C, dessen Namen mir übrigens noch einfallen wird, vorläufig absetzen

und statt seiner den neuen mit dem D leben lassen. Und natürlich unsern

Lorenzen dazu.«

»Ja, leben lassen,« lachte Woldemar. »Aber womit? worin? ~Les jours de

fête~ ...« und er wies auf das Eierhäuschen zurück.

»In dieser Notlage wollen wir uns helfen, so gut es geht, und uns statt

andrer Beschwörung einfach die Hände reichen, selbstverständlich über

Kreuz; hier, erst Stechlin und Armgard und dann Melusine und ich.«

Und wirklich, sie reichten sich in heiterer Feierlichkeit die Hände.

Gleich danach aber traten die beiden alten Herren an die Gruppe heran,

und der Baron sagte: »Das ist ja wie Rütli.«

»Mehr, mehr. Bah, Freiheit! Was ist Freiheit gegen Liebe!«

»So, hat's denn eine Verlobung gegeben?«

»Nein ... noch nicht,« lachte Melusine.

Wahl in Rheinsberg-Wutz

Sechzehntes Kapitel

Der andre Morgen rief Woldemar zeitig zum Dienst. Als er um neun Uhr

auf sein Zimmer zurückkehrte, fand er auf dem Frühstückstisch Zeitungen

und Briefe. Darunter war einer mit einem ziemlich großen Siegel, der

Lack schlecht und der Brief überhaupt von sehr unmodischer Erscheinung,

ein bloß zusammengelegter Quartbogen. Woldemar, nach Poststempel und

Handschrift sehr wohl wissend, woher und von wem der Brief kam, schob

ihn, während Fritz den Tee brachte, beiseite, und erst als er eine

Tasse genommen und länger als nötig dabei verweilt hatte, griff er

wieder nach dem Brief und drehte ihn zwischen Daumen und Zeigefinger.

»Ich hätte mir, nach dem gestrigen Abend, heute früh was andres

gewünscht als gerade +diesen+ Brief.« Und während er das so vor sich

hin sprach, standen ihm, er mochte wollen oder nicht, die letzten

Wutzer Augenblicke wieder vor der Seele. Die Tante hatte, kurz bevor er

das Kloster verließ, noch einmal vertraulich seine Hand genommen und

ihm bei der Gelegenheit ausgesprochen, was sie seit lange bedrückte.

»Das Junggesellenleben, Woldemar, taugt nichts. Dein Vater war auch

schon zu alt, als er sich verheiratete. Ich will nicht in deine

Geheimnisse eindringen, aber ich möchte doch fragen dürfen: wie stehst

du dazu?«

»Nun, ein Anfang ist gemacht. Aber doch erst obenhin.«

»Berlinerin?«

»Ja und nein. Die junge Dame lebt seit einer Reihe von Jahren in Berlin

und liebt unsre Stadt über Erwarten. Insoweit ist sie Berlinerin. Aber

eigentlich ist sie doch keine; sie wurde drüben in London geboren, und

ihre Mutter war eine Schweizerin.«

»Um Gottes willen!«

»Ich glaube, liebe Tante, du machst dir falsche Vorstellungen von einer

Schweizerin. Du denkst sie dir auf einer Alm und mit einem Milchkübel.«

»Ich denke sie mir gar nicht, Woldemar. Ich weiß nur, daß es ein wildes

Land ist.«

»Ein freies Land, liebe Tante.«

»Ja, das kennt man. Und wenn du das Spiel noch einigermaßen in der Hand

hast, so beschwör ich dich ...«

An dieser Stelle war, wie schon vorher durch Fix, abermals (weil eine

Störung kam) das Gespräch mit der Tante auf andre Dinge hingeleitet

worden, und nun hielt er ihren Brief in Händen und zögerte, das Siegel

zu brechen. »Ich weiß, was drin steht, und ängstige mich doch beinahe.

Wenn es nicht Kämpfe gibt, so gibt es wenigstens Verstimmungen. Und die

sind mir womöglich noch fataler ... Aber was hilft es!«

Und nun brach er den Brief auf und las:

»Ich nehme an, mein lieber Woldemar, daß Du meine letzten Worte noch

in Erinnerung hast. Sie liefen auf den Rat und die Bitte hinaus: gib

auch in dieser Frage die Heimat nicht auf, halte Dich, wenn es sein

kann, an das Nächste. Schon unsre Provinzen sind so sehr verschieden.

Ich sehe Dich über solche Worte lächeln, aber ich bleibe doch dabei.

Was ich Adel nenne, das gibt es nur noch in unsrer Mark und in unsrer

alten Nachbar- und Schwesterprovinz, ja, da vielleicht noch reiner als

bei uns. Ich will nicht ausführen, wie's bei schärferem Zusehen auf dem

adligen Gesamtgebiete steht, aber doch wenigstens ein paar Andeutungen

will ich machen. Ich habe sie von allen Arten gesehen. Da sind zum

Beispiel die rheinischen jungen Damen, also die von Köln und Aachen;

nun ja, die mögen ganz gut sein, aber sie sind katholisch, und wenn

sie nicht katholisch sind, dann sind sie was anders, wo der Vater erst

geadelt wurde. Neben den rheinischen haben wir dann die westfälischen.

Über die ließe sich reden. Aber Schlesien. Die schlesischen

Herrschaften, die sich mitunter auch Magnaten nennen, sind alle so gut

wie polnisch und leben vom Jeu und haben die hübschesten Erzieherinnen;

immer ganz jung, da macht es sich am leichtesten. Und dann sind da

noch weiterhin die preußischen, das heißt die ostpreußischen, wo schon

alles aufhört. Nun die kenn ich, die sind ganz wie ihre Litauer Füllen

und schlagen aus und beknabbern alles. Und je reicher sie sind, desto

schlimmer. Und nun wirst du fragen, warum ich gegen andre so streng

und so sehr für unsre Mark bin, ja speziell für unsre Mittelmark.

Deshalb, mein lieber Woldemar, weil wir in unsrer Mittelmark nicht so

bloß äußerlich in der Mitte liegen, sondern weil wir auch in allem die

rechte Mitte haben und halten. Ich habe mal gehört, unser märkisches

Land sei +das+ Land, drin es nie Heilige gegeben, drin man aber auch

keine Ketzer verbrannt habe. Sieh, das ist das, worauf es ankommt,

Mittelzustand, -- darauf baut sich das Glück auf. Und dann haben wir

hier noch zweierlei: in unserer Bevölkerung die reine Lehre und in

unserm Adel das reine Blut. +Die+, wo das nicht zutrifft, die kennt

man. Einige meinen freilich, das, was sie das ›Geistige‹ nennen, das

litte darunter. Das ist aber alles Torheit. Und wenn es litte (es

leidet aber nicht), so schadet das gar nichts. Wenn das Herz gesund

ist, ist der Kopf nie ganz schlecht. Auf diesen Satz kannst Du Dich

verlassen. Und so bleibe denn, wenn Du suchst, in unsrer Mark und

vergiß nie, daß wir das sind, was man so ›brandenburgische Geschichte‹

nennt. Am eindringlichsten aber laß Dir unsre Rheinsberger Gegend

empfohlen sein, von der mir selbst Koseleger -- trotzdem seine Feinde

behaupten, er betrachte sich hier bloß wie in Verbannung und sehne sich

fort nach einer Berliner Domstelle -- von der mir selbst Koseleger

sagte: ›Wenn man sich die preußische Geschichte genau ansieht, so

findet man immer, daß sich alles auf unsre alte, liebe Grafschaft

zurückführen läßt; da liegen die Wurzeln unsrer Kraft.‹ Und so schließe

ich denn mit der Bitte: heirate heimisch und heirate lutherisch. Und

nicht nach Geld (Geld erniedrigt), und halte Dich dabei versichert der

Liebe Deiner Dich herzlich liebenden Tante und Patin Adelheid von St.«

Woldemar lachte. »Heirate heimisch und heirate lutherisch -- das hör

ich nun schon seit Jahren. Und auch das dritte höre ich immer wieder:

›Geld erniedrigt.‹ Aber das kenn ich. Wenn's nur recht viel ist,

kann es schließlich auch eine Chinesin sein. In der Mark ist alles

Geldfrage. Geld -- weil keins da ist -- spricht Person und Sache heilig

und, was noch mehr sagen will, beschwichtigt zuletzt auch den Eigensinn

einer alten Tante.«

Während er lachend so vor sich hin sprach, überflog er noch einmal

den Brief und sah jetzt, daß eine Nachschrift an den Rand der vierten

Seite gekritzelt war. »Eben war Katzler hier, der mir von der am

Sonnabend in unserm Kreise stattfindenden Nachwahl erzählte. Dein Vater

ist aufgestellt worden und hat auch angenommen. Er bleibt doch immer

der Alte. Gewiß wird er sich einbilden, ein Opfer zu bringen, -- er

litt von Jugend auf an solchen Einbildungen. Aber was ihm ein Opfer

bedünkte, waren, bei Lichte besehen, immer bloß Eitelkeiten. Deine A.

von St.«

Siebzehntes Kapitel

Es war so, wie die Tante geschrieben: Dubslav hatte sich als

konservativen Kandidaten aufstellen lassen, und wenn für Woldemar

noch Zweifel darüber gewesen wären, so hätten einige am Tage darauf

von Lorenzen eintreffende Zeilen diese Zweifel beseitigt. Es hieß in

Lorenzens Brief:

»Seit Deinem letzten Besuch hat sich hier allerlei Großes zugetragen.

Noch am selben Abend erschienen Gundermann und Koseleger und drangen

in Deinen Vater, zu kandidieren. Er lehnte zunächst natürlich ab; er

sei weltfremd und verstehe nichts davon. Aber damit kam er nicht weit.

Koseleger, der -- was ihm auch später noch von Nutzen sein wird --

immer ein paar Anekdoten auf der Pfanne hat, erzählte ihm sofort, daß

vor Jahren schon, als ein von Bismarck zum Finanzminister Ausersehener

sich in gleicher Weise mit einem ›Ich verstehe nichts davon‹ aus der

Affäre ziehen wollte, der bismarckisch-prompten Antwort begegnet sei:

›Darum wähle ich Sie ja gerade, mein Lieber,‹ -- eine Geschichte,

der Dein Vater natürlich nicht widerstehen konnte. Kurzum, er hat

eingewilligt. Von Herumreisen ist selbstverständlich Abstand genommen

worden, ebenso vom Redenhalten. Schon nächsten Sonnabend haben wir

Wahl. In Rheinsberg, wie immer, fallen die Würfel. Ich glaube, daß er

siegt. Nur die Fortschrittler können in Betracht kommen und allenfalls

die Sozialdemokraten, wenn vom Fortschritt (was leicht möglich ist)

einiges abbröckelt. Unter allen Umständen schreibe Deinem Papa, daß Du

Dich seines Entschlusses freutest. Du kannst es mit gutem Gewissen.

Bringen wir ihn durch, so weiß ich, daß kein Besserer im Reichstag

sitzt und daß wir uns alle zu seiner Wahl gratulieren können. Er sich

persönlich allerdings auch. Denn sein Leben hier ist zu einsam, so

sehr, daß er, was doch sonst nicht seine Sache ist, mitunter darüber

klagt. Das war das, was ich Dich wissen lassen mußte. ›Sonst nichts

Neues vor Paris.‹ Krippenstapel geht in großer Aufregung einher; ich

glaube, wegen unsrer auf Donnerstag in Stechlin selbst angesetzten

Vorversammlung, wo er mutmaßlich seine herkömmliche Rede über den

Bienenstaat halten wird. Empfiehl mich Deinen zwei liebenswürdigen

Freunden, besonders Czako. Wie immer, Dein alter Freund Lorenzen.«

Woldemar, als er gelesen, wußte nicht recht, wie er sich dazu stellen

sollte. Was Lorenzen da schrieb, »daß kein Besserer im Hause sitzen

würde«, war richtig; aber er hatte trotzdem Bedenken und Sorge. Der

Alte war durchaus kein Politiker, er konnte sich also stark in die

Nesseln setzen, ja vielleicht zur komischen Figur werden. Und dieser

Gedanke war ihm, dem Sohne, der den Vater schwärmerisch liebte, sehr

schmerzlich. Außerdem blieb doch auch immer noch die Möglichkeit, daß

er in dem Wahlkampf unterlag.

* * * * *

Diese Bedenken Woldemars waren nur allzu berechtigt. Es stand durchaus

nicht fest, daß der alte Dubslav, so beliebt er selbst bei den

Gegnern war, als Sieger aus der Wahlschlacht hervorgehen müsse. Die

Konservativen hatten sich freilich daran gewöhnt, Rheinsberg-Wutz

als eine »Hochburg« anzusehen, die der staatserhaltenden Partei

nicht verloren gehen könne; diese Vorstellung aber war ein Irrtum,

und die bisherige Reverenz gegen den alten Kortschädel wurzelte

lediglich in etwas Persönlichem. Nun war ihm Dubslav an Ansehen und

Beliebtheit freilich ebenbürtig, aber das mit der ewigen persönlichen

Rücksichtnahme mußte doch mal ein Ende nehmen, und das Anrecht, das

sich der alte Kortschädel ersessen hatte, mit diesem mußt es vorbei

sein, eben weil sich's endlich um einen Neuen handelte. Kein Zweifel,

die gegnerischen Parteien regten sich, und es lag genau so, wie

Lorenzen an Woldemar geschrieben, »daß ein Fortschrittler, aber auch

ein Sozialdemokrat gewählt werden könne«.

Wie die Stimmung im Kreise wirklich war, das hätte der am besten

erfahren, der im Vorübergehen an der Kontortür des alten Baruch

Hirschfeld gehorcht hätte.

»Laß dir sagen, Isidor, du wirst also wählen den guten alten Herrn von

Stechlin.«

»Nein, Vater. Ich werde +nicht+ wählen den guten alten Herrn von

Stechlin.«

»Warum nicht? Ist er doch ein lieber Herr und hat das richtige Herz.«

»Das hat er; aber er hat das falsche Prinzip.«

»Isidor, sprich mir nicht von Prinzip. Ich habe dich gesehn, als du

hast scharmiert mit dem Mariechen von nebenan und hast ihr aufgebunden

das Schürzenband, und sie hat dir gegeben einen Klaps. Du hast gebuhlt

um das christliche Mädchen. Und du buhlst jetzt, wo die Wahl kommt,

um die öffentliche Meinung. Und das mit dem Mädchen, das hab ich dir

verziehen. Aber die öffentliche Meinung verzeih ich dir nicht.«

»Wirst du, Vaterleben; haben wir doch die neue Zeit. Und wenn ich

wähle, wähl ich für die Menschheit.«

»Geh mir, Isidor, +die+ kenn ich. Die Menschheit, die will haben, aber

nicht geben. Und jetzt wollen sie auch noch teilen.«

»Laß sie teilen, Vater.«

»Gott der Gerechte, was meinst du, was du kriegst? Nicht den zehnten

Teil.«

Und ähnlich ging es in den andern Ortschaften. In Wutz sprach Fix für

das Kloster und die Konservativen im allgemeinen, ohne dabei Dubslav

in Vorschlag zu bringen, weil er wußte, wie die Domina zu ihrem Bruder

stand. Ein Linkskandidat aus Cremmen schien denn auch in der Wutzer

Gegend die Oberhand gewinnen zu wollen. Noch gefährlicher für die ganze

Grafschaft war aber ein Wanderapostel aus Berlin, der von Dorf zu Dorf

zog und die kleinen Leute dahin belehrte, daß es ein Unsinn sei, von

Adel und Kirche was zu erwarten. Die vertrösteten immer bloß auf den

Himmel. Achtstündiger Arbeitstag und Lohnerhöhung und Sonntagspartie

nach Finkenkrug, -- +das+ sei das Wahre.

So zersplitterte sich's allerorten. Aber wenigstens um den Stechlin

herum hoffte man der Sache noch Herr werden und alle Stimmen auf

Dubslav vereinigen zu können. Im Dorfkruge wollte man zu diesem Zwecke

beraten, und Donnerstag sieben Uhr war dazu festgesetzt.

* * * * *

Der Stechliner Krug lag an dem Platze, der durch die Kreuzung der von

Wutz her heranführenden Kastanienallee mit der eigentlichen Dorfstraße

gebildet wurde, und war unter den vier hier gelegenen Eckhäusern das

stattlichste. Vor seiner Front standen ein paar uralte Linden, und

drei, vier Stehkrippen waren bis dicht an die Hauswand herangeschoben,

aber alle ganz nach links hin, wo sich Eckladen und Gaststube befanden,

während nach der rechten Seite hin der große Saal lag, in dem heute

Dubslav, wenn nicht für die Welt, so doch für Rheinsberg-Wutz, und

wenn nicht für Rheinsberg-Wutz, so doch für Stechlin und Umgegend

proklamiert werden sollte. Dieser große Saal war ein fünffenstriger

Längsraum, der schon manchen Schottischen erlebt, was er in seiner

Erscheinung auch heute nicht zu verleugnen trachtete. Denn nicht nur

waren ihm alle seine blanken Wandleuchter verblieben, auch die mächtige

Baßgeige, die jedesmal wegzuschaffen viel zu mühsam gewesen wäre,

guckte, schräg gestellt, mit ihrem langen Halse von der Musikempore her

über die Brüstung fort.

Unter dieser Empore, quer durch den Saal hin, stand ein für das Komitee

bestimmter länglicher Tisch mit Tischdecke, während auf den links

und rechts sich hinziehenden Bänken einige zwanzig Vertrauensmänner

saßen, denen es hinterher oblag, im Sinne der Komiteebeschlüsse

weiter zu wirken. Die Vertrauensmänner waren meist wohlhabende

Stechliner Bauern, untermischt mit offiziellen und halboffiziellen

Leuten aus der Nachbarschaft: Förster und Waldhüter und Vormänner

von den verschiedenen Glas- und Teeröfen. Zu diesen gesellte sich

noch ein Torfinspektor, ein Vermessungsbeamter, ein Steueroffiziant

und schließlich ein gescheiterter Kaufmann, der jetzt Agent war und

die Post besorgte. Natürlich war auch Landbriefträger Brose da samt

der gesamten Sicherheitsbehörde: Fußgensdarm Uncke und Wachtmeister

Pyterke von der reitenden Gensdarmerie. Pyterke gehörte nur halb mit

zum Revier (es war das immer ein streitiger Punkt), erschien aber

trotzdem mit Vorliebe bei Versammlungen der Art. Es gab nämlich für

ihn nichts Vergnüglicheres, als seinen Kameraden und Amtsgenossen

Uncke bei solcher Gelegenheit zu beobachten und sich dabei seiner

ungeheuren, übrigens durchaus berechtigten Überlegenheit als schöner

Mann und ehemaliger Gardekürassier bewußt zu werden. Uncke war ihm

der Inbegriff des Komischen, und wenn ihn schon das rote, verkupferte

Gesicht an und für sich amüsierte, so doch viel, viel mehr noch der

gefärbte Schuhbürstenbackenbart, vor allem aber das Augenspiel, mit

dem er den Verhandlungen zu folgen pflegte. Pyterke hatte recht: Uncke

war wirklich eine komische Figur. Seine Miene sagte beständig: »An mir

hängt es.« Dabei war er ein höchst gutmütiger Mann, der nie mehr als

nötig aufschrieb und auch nur selten auflöste.

Der Saal hatte nach dem Flur hin drei Türen. An der Mitteltür

standen die beiden Gensdarmen und rückten sich zurecht, als sich

der Vorsitzende des Komitees mit dem Glockenschlag sieben von

seinem Platz erhob und die Sitzung für eröffnet erklärte. Dieser

Vorsitzende war natürlich Oberförster Katzler, der heute, statt

des bloßen schwarz-weißen Bandes, sein bei St. Marie aux Chênes

erworbenes Eisernes Kreuz in Substanz eingeknöpft hatte. Neben ihm

saßen Superintendent Koseleger und Pastor Lorenzen, an der linken

Schmalseite Krippenstapel, an der rechten Schulze Kluckhuhn, letzterer

auch dekoriert, und zwar mit der Düppelmedaille, trotzdem er bei Düppel

in der Reserve gestanden. Er scherzte gern darüber und sagte, während

er seine beneidenswerten Zähne zeigte: »Ja, Kinder, so geht es. Bei

Alsen war ich, aber bei Düppel war ich nich, und dafür hab ich nu die

Düppelmedaille.«

Der Stechlin: Roman · 第 13 / 33 段