Ziemlich um dieselbe Stunde, wo die Barbyschen und Berchtesgadenschen

Herrschaften ihren Spaziergang auf Spindlersfelde zu machten, erschien

unser Freund Mr. Robinson, von seinem Stallgebäude her, in Front der

Lennéstraße, sah erst gewohnheitsmäßig nach dem Wetter und ging dann

quer durch den Tiergarten auf das Kronprinzenufer zu, wo die Immes ihn

bereits erwarteten.

Frau Imme, die, wie die meisten kinderlosen Frauen (und Frauen

mit Sappeurbartmännern sind fast immer kinderlos), einen großen

Wirtschafts- und Sauberkeitssinn hatte, hatte zu Mr. Robinsons Empfang

alles in die schönste Ordnung gebracht, um so mehr, als sie wußte, daß

ihr Gast, als ein verwöhnter Engländer, immer der Neigung nachgab,

alles Deutsche, wenn auch nur andeutungsweise, zu bemängeln. Es lag

ihr daran, ihn fühlen zu lassen, daß man's hier auch verstehe. So war

denn von ihr nicht bloß eine wundervolle Kaffeeserviette, sondern auch

eine silberne Zuckerdose mit Streuselkuchentellern links und rechts

aufgestellt worden. Frau Imme konnte das alles und noch mehr infolge

der bevorzugten Stellung, die sie von langer Zeit her bei den Barbys

einnahm, zu denen sie schon als fünfzehnjähriges junges Ding gekommen

und in deren Dienst sie bis zu ihrer Verheiratung geblieben war. Auch

jetzt noch hingen beide Damen an ihr, und mit Hilfe Lizzis, die, so

diskret sie war, doch gerne plauderte, war Frau Imme jederzeit über

alles unterrichtet, was im Vorderhause vorging. Daß der Rittmeister

sich für die Damen interessierte, wußte sie natürlich wie jeder andre,

nur nicht -- auch darin wie jeder andre --, für welche.

Ja, für welche?

Das war die große Frage, selbst für Mr. Robinson, der regelmäßig, wenn

er die Immes sah, sich danach erkundigte. Dazu kam es denn auch heute

wieder, und zwar sehr bald nach seinem Eintreffen.

Eine große Familientasse mit einem in Front eines Tempels den Bogen

spannenden Amor war vor ihn hingestellt worden, und als er dem

Streuselkuchen (für den er eine so große Vorliebe hatte, daß er

regelmäßig erklärte, so was gäb es in den vereinigten drei Königreichen

nicht) -- als er dem Streusel liebevoll und doch auch wieder maßvoll

zugesprochen hatte, betrachtete er das Bild auf der großen Tasse,

zeigte, was bei seiner Augenbeschaffenheit etwas Komisches hatte,

schelmisch lächelnd auf den bogenspannenden Amor und sagte: »Hier

hinten ein Tempel und hier vorn ein Lorbeerbusch. Und hier ~this little

fellow with his arrow~. Ich möchte mir die Frage gestatten -- Sie sind

eine so kluge Frau, Frau Imme --: wird er den Pfeil fliegen lassen oder

nicht, und wenn er den Pfeil fliegen läßt, ist es die Priesterin, die

hier neben dem Lorbeer steht, oder ist es eine andre?«

»Ja, Mr. Robinson,« sagte Frau Imme, »darauf ist schwer zu antworten.

Denn erstens wissen wir nicht, was er überhaupt vorhat, und dann

wissen wir auch nicht: wer ist die Priesterin? Ist die Komtesse die

Priesterin, oder ist die Gräfin die Priesterin? Ich glaube, wer schon

verheiratet war, kann wohl eigentlich nicht Priesterin sein.«

»Ach,« sagte Imme, in dem sich der naturwüchsige Mecklenburger regte,

»sein kann alles. Über so was wächst Gras. Ich glaube, es is die

Gräfin.«

Robinson nickte. »Glaub ich auch. ~And what's the reason, dear~ Mrs.

Imme? Weil Witib vor Jungfrau geht. Ich weiß wohl, es ist immer viel

die Rede von ~virginity~, aber ~widow~ ist mehr als ~virgin~.«

Frau Imme, die nur halb verstanden hatte, verstand doch genug, um zu

kichern, was sie übrigens sittsam mit der Bemerkung begleitete, sie

habe so was von Mr. Robinson nicht geglaubt.

Robinson nahm es als Huldigung und trat, nachdem er sich mit Erlaubnis

der »Lady« ein kurzes Pfeifchen mit türkischem Tabak angesteckt hatte,

an ein Fensterchen, in dessen mit einer kleinen Laubsäge gemachten

Blumenkasten rote Verbenen blühten, und sagte, während er auf den

Hof mit seinen drei Akazienbäumen herunterblickte: »Wer ist denn der

hübsche Junge da, der da mit seinem ~hoop~ spielt? Hier sagen sie

Reifen.«

»Das is ja Hartwigs Rudolf,« sagte Frau Imme. »Ja, der Junge hat viel

Chic. Und wie er da mit dem Reifen spielt und die Hedwig immer hinter

ihm her, wiewohl sie doch beinahe seine Mutter sein könnte. Na, ich

freue mich immer, wenn ich ausgelassene Menschen sehe, und wenn Hartwig

kommt -- ich wundere mich bloß, daß er noch nicht da ist --, da können

Sie ihm ja sagen, wie hübsch Sie die verwöhnte kleine Range finden. Das

wird ihn freuen; er ist furchtbar eitel. Alle Portiersleute sind eitel.

Aber das muß wahr sein, es ist ein reizender Junge.«

Während sie noch so sprachen, erschien Hartwig, auf den Imme,

skatdurstig, schon seit einer Viertelstunde gewartet hatte, und keine

drei Minuten mehr, so war auch Hedwig da, die sich bis kurz vorher mit

ihrem kleinen Cousin Rudolf in dem Hof unten abgeäschert hatte. Beide

wurden mit gleicher Herzlichkeit empfangen, Hartwig, weil nach seinem

Erscheinen die Skatpartie beginnen konnte, Hedwig, weil Frau Imme

nun gute Gesellschaft hatte. Denn Hedwig konnte wundervoll erzählen

und brachte jedesmal Neuigkeiten mit. Sie mochte vierundzwanzig

sein, war immer sehr sauber gekleidet und von heiter-übermütigem

Gesichtsausdruck. Dazu krauses, kastanienbraunes Haar. Es traf sich,

daß sie mal wieder außer Dienst war.

»Nun, das ist recht, Hedwig, daß du kommst,« sagte Frau Imme. »Rudolfen

hab ich eben erst gefragt, wo du geblieben wärst, denn ich habe dich ja

mit ihm spielen sehen; aber solch Junge weiß nie was; der denkt bloß

immer an sich, und ob er sein Stück Kuchen kriegt. Na, wenn er kommt,

er soll's haben; Robinson ißt immer so wenig, wiewohl er den Streusel

ungeheuer gern mag. Aber so sind die Engländer, sie sind nicht so

zugreifsch, und dann geniert sich mein Imme auch, und die Hälfte bleibt

übrig. Na, jedenfalls is es nett, daß du wieder da bist. Ich habe dich

ja seit deinem letzten Dienst noch gar nicht ordentlich gesehen. Es war

ja wohl ne Hofrätin? Na, Hofrätinnen, die kenn ich. Aber es gibt auch

gute. Wie war +er+ denn?«

»Na, mit +ihm+ ging es.«

»Deine krausen Haare werden wohl wieder schuld sein. Die können manche

nicht vertragen. Und wenn dann die Frau was merkt, dann is es vorbei.«

»Nein, so war es nicht. Er war ein sehr anständiger Mann. Beinahe zu

sehr.«

»Aber, Kind, wie kannst du nur so was sagen? Wie kann einer +zu+

anständig sein?«

»Ja, Frau Imme. Wenn einen einer gar nicht ansieht, das ist einem auch

nicht recht.«

»Ach, Hedwig, was du da bloß so redst! Und wenn ich nich wüßte, daß du

gar nich so bist ... Aber was war es denn?«

»Ja, Frau Imme, was soll ich sagen, was es war; es is ja immer wieder

dasselbe. Die Herrschaften können einen nicht richtig unterbringen.

Oder wollen auch nich. Immer wieder die Schlafstelle oder, wie manche

hier sagen, die Schlafgelegenheit.«

»Aber, Kind, wie denn? Du mußt doch ne Gelegenheit zum Schlafen haben.«

»Gewiß, Frau Imme. Und ne Gelegenheit, so denkt mancher, is ne

Gelegenheit. Aber gerade +die+, die hat man nich. Man ist müde zum

Umfallen und kann doch nicht schlafen.«

»Versteh ich nich.«

»Ja, Frau Imme, das macht, weil Sie von Kindesbeinen an immer bei so

gute Herrschaften waren, und mit Lizzi is es jetzt wieder ebenso.

Die hat es auch gut un is, wie wenn sie mit dazu gehörte. Meine

Tante Hartwig erzählt mir immer davon. Und einmal hab ich es auch so

gut getroffen. Aber bloß das eine Mal. Sonst fehlt eben immer die

Schlafgelegenheit.«

Frau Imme lachte.

»Sie lachen darüber, Frau Imme. Das is aber nich recht, daß Sie lachen.

Glauben Sie mir, es is eigentlich zum Weinen. Und mitunter hab ich

auch schon geweint. Als ich nach Berlin kam, da gab es ja noch die

Hängeböden.«

»Kenn ich, kenn ich; das heißt, ich habe davon gehört.«

»Ja, wenn man davon gehört hat, das is nich viel. Man muß sie richtig

kennen lernen. Immer sind sie in der Küche, mitunter dicht am Herd oder

auch gerade gegenüber. Und nun steigt man auf eine Leiter, und wenn man

müde is, kann man auch runterfallen. Aber meistens geht es. Und nun

macht man die Tür auf und schiebt sich in das Loch hinein, ganz so wie

in einen Backofen. Das is, was sie ne Schlafgelegenheit nennen. Und

ich kann Ihnen bloß sagen: auf einem Heuboden is es besser, auch wenn

Mäuse da sind. Und am schlimmsten is es im Sommer. Draußen sind dreißig

Grad, und auf dem Herd war den ganzen Tag Feuer; da is es denn, als ob

man auf den Rost gelegt würde. So war es, als ich nach Berlin kam. Aber

ich glaube, sie dürfen jetzt so was nich mehr bauen. Polizeiverbot.

Ach, Frau Imme, die Polizei is doch ein rechter Segen. Wenn wir die

Polizei nich hätten (und sie sind auch immer so artig gegen einen), so

hätten wir gar nichts. Mein Onkel Hartwig, wenn ich ihm so erzähle,

daß man nicht schlafen kann, der sagt auch immer: ›Kenn ich, kenn ich;

der Bourgeois tut nichts für die Menschheit. Und wer nichts für die

Menschheit tut, der muß abgeschafft werden.‹«

»Ja, dein Onkel spricht so. Und war es denn bei deinem Hofrat, wo du nu

zuletzt warst, auch so?«

»Nein, bei Hofrats war es +nicht+ so. Die wohnten ja auch in einem

ganz neuen Hause. Hofrats waren Trockenwohner. Und in dem, was jetzt

die neuen Häuser sind, da kommen, glaub ich, die Hängeböden gar nicht

mehr vor; da haben sie bloß noch die Badestuben.«

»Nu, das is aber doch ein Fortschritt.«

»Ja, das kann man sagen; Badestube als Badestube ist ein Fortschritt

oder, wie Onkel Hartwig immer sagt, ein Kulturfortschritt. Er hat

meistens solche Wörter. Aber Badestube als Schlafgelegenheit is kein

Fortschritt.«

»Gott, Kind, sie werden dich aber doch nich in eine Badewanne gepackt

haben?«

»I bewahre. Das tun sie schon der Badewanne wegen nich. Da werden sie

sich hüten. Aber ... Ach, Frau Imme, ich kann nur immer wieder sagen,

Sie wissen nich Bescheid; Sie hatten es gut, wie Sie noch unverheiratet

waren, und nu haben Sie's erst recht gut. Sie wohnen hier wie in einer

kleinen Sommerwohnung, un daß es ein bißchen nach Pferde riecht, das

schadet nich; das Pferd is ein feines und reinliches Tier, und all

seine Verrichtungen sind so edel. Man sagt ja auch: das edle Pferd. Und

außerdem soll es so gesund sein, fast so gut wie Kuhstall, womit sie ja

die Schwindsucht kurieren. Und dazu haben Sie hier den Blick auf die

Kugelakazien und drüben auf das Marinepanorama, wo man sehen kann, wie

alles is, und dahinter haben Sie den Blick auf die Kunstausstellung, wo

es so furchtbar zieht, bloß damit man immer frische Luft hat. Aber bei

Hofrats ... Nein, diese Badestube!«

»Gott, Hedwig,« sagte Frau Imme, »du tust ja, wie wenn es eine

Mördergrube oder ein Verbrecherkeller gewesen wäre.«

»Verbrecherkeller? Ach, Frau Imme, das is ja gar nichts. Ich habe

Verbrecherkeller gesehen, natürlich bloß zufällig. Da trinken sie

Weißbier und spielen Sechsundsechzig. Und in einer Ecke wird was

ausbaldowert, aber davon merkt man nichts.«

»Und die Badestube ... warum is sie dir denn so furchtbar, daß du dich

ordentlich schudderst? Der Mensch muß doch am Ende baden können.«

»Ach was, baden! natürlich. Aber ne Badestube is nie ne Badestube.

Wenigstens hier nicht. Eine Badestube is ne Rumpelkammer, wo man

alles unterbringt, alles, wofür man sonst keinen Platz hat. Und

dazu gehört auch ein Dienstmädchen. Meine eiserne Bettstelle, die

abends aufgeklappt wurde, stand immer neben der Badewanne, drin alle

alten Bier- und Weinflaschen lagen. Und nun drippten die Neigen aus.

Und in der Ecke stand ein Bettsack, drin die Fräuleins ihre Wäsche

hineinstopften, und in der andern Ecke war eine kleine Tür. Aber

davon will ich zu Ihnen nicht sprechen, weil ich einen Widerwillen

gegen Unanständigkeiten habe, weshalb schon meine Mutter immer sagte:

›Hedwig, du wirst noch Jesum Christum erkennen lernen.‹ Und ich muß

sagen, das hat sich bei Hofrats denn auch erfüllt. Aber fromm waren sie

weiter nich.«

Während Hedwig noch so weiter klagte, hörte man, daß draußen die

Klingel ging, und als Frau Imme öffnete, stand Rudolf auf dem kleinen

Flur und sagte, daß er Vatern holen solle und Hedwigen auch; Mutter

müsse weg.

»Na,« sagte Frau Imme, »dann komm nur, Rudolf, un iß erst ein Stück

Streusel und bestell es nachher bei deinem Vater.«

Bald danach nahm sie denn auch den Jungen bei der Hand und führte ihn

in das Nebenzimmer, wo die drei Männer vergnügt an ihrem Skattisch

saßen. Ein großes Spiel war eben gemacht; alles noch in Aufregung.

Robinson, als er Rudolfen sah, nickte ihm zu und sagte zu Imme: »Das

is ja der hübsche Junge, den ich vorhin auf dem Hof gesehen habe mit

seinem ~hoop~; -- ~nice boy~.«

»Ja,« sagte Imme, »das ist unserm Freund Hartwig seiner.« Hartwig

selber aber rief seinen Jungen heran und sagte: »Na, Rudolf, was

gibt's? Du willst mich holen. Du sollst aber auch noch ne Freude

haben. Kuck dir mal den Herrn da an, der dich so freundlich ansieht.

Das is Robinson.«

»Haha.«

»Ja, Junge, warum lachst du? Glaubst du's nich, wenn ich dir sage, das

is Robinson?«

»I bewahre, Vater. Robinson, +den+ kenn ich. Robinson hat nen

Sonnenschirm und ein Lama. Un der is auch schon lange dod.«

Fünfzehntes Kapitel

Unsere Landpartieler waren im Angesicht von Spindlersfelde nach dem

Eierhäuschen zurückgekehrt und hatten sich hier an zwei dicht am Ufer

zusammengerückten Tischen niedergelassen, eine Laube von Baumkronen

über sich. Sperlinge hüpften umher und warteten auf ihre Zeit. Gleich

danach erschien auch ein Kellner, um die Bestellungen entgegenzunehmen.

Es entstand dabei die herkömmliche Verlegenheitspause; niemand

wußte was zu sagen, bis die Baronin auf den Stamm einer ihr

gegenüberstehenden Ulme wies, drauf »Wiener Würstel« und daneben

in noch dickeren Buchstaben das gefällige Wort »Löwenbräu« stand.

In kürzester Frist erschien denn auch der Kellner wieder, und die

Baronin hob ihr Seidel und ließ das Eierhäuschen und die Spree leben,

zugleich versichernd, »daß man ein echtes Münchener überhaupt nur noch

in Berlin tränke«. Der alte Berchtesgaden wollte jedoch nichts davon

wissen und drang in seine Frau, lieber mehr nach links zu rücken, um

den Sonnenuntergang besser beobachten zu können; »der sei freilich in

Berlin ebenso gut wie wo anders«. Die Baronin hielt aber aus und rührte

sich nicht. »Was Sonnenuntergang! den seh ich jeden Abend. Ich sitze

hier sehr gut und freue mich schon auf die Lichter.«

Und nicht lange mehr, so waren diese Lichter auch wirklich da.

Nicht nur das ganze Lokal erhellte sich, sondern auch auf dem

drüben am andern Ufer sich hinziehenden Eisenbahndamme zeigten sich

allmählich die verschiedenfarbigen Signale, während mitten auf der

Spree, wo Schleppdampfer die Kähne zogen, ein verblaktes Rot aus den

Kajütenfenstern hervorglühte. Dabei wurde es kühl, und die Damen

wickelten sich in ihre Plaids und Mäntel.

Auch die Herren fröstelten ein wenig, und so trat denn der ersichtlich

etwas planende Woldemar nach kurzem Aufundabschreiten an das in der

Nähe befindliche Büfett heran, um da zur Herstellung einer besseren

Innentemperatur das Nötige zu veranlassen. Und siehe da, nicht lange

mehr, so stand auch schon ein großes Tablett mit Gläsern und Flaschen

vor ihnen und dazwischen ein Deckelkrug, aus dem, als man den Deckel

aufklappte, der heiße Wrasen emporschlug. Die Baronin, in solchen

Dingen die scharfblickendste, war sofort orientiert und sagte: »Lieber

Stechlin, ich beglückwünsche Sie. Das war eine große Idee.«

»Ja, meine Damen, ich glaubte, daß etwas geschehen müsse, sonst haben

wir morgen samt und sonders einen akuten Rheumatismus. Und zurück

müssen wir doch auch. Auf dem Schiffe, wo solche Hilfsmittel, glaub

ich, fehlen, sind wir allen Unbilden der Elemente preisgegeben.«

»Und Sie konnten wirklich nicht besser wählen,« unterbrach Melusine.

»Schwedischer Punsch, für den ich ein ~liking~ habe. Wie für Schweden

überhaupt. Da Doktor Wrschowitz nicht da ist, können wir uns ungestraft

einem gewissen Maß von Skandinavismus überlassen.«

»Am liebsten ohne alles Maß,« sagte Woldemar, »so skandinavisch bin

ich. Ich ziehe die Skandinaven den sonst ›Meistbegünstigten‹ unter

den Nationen immer noch vor. Alle Länder erweitern übrigens ihre

Spezialgebiete. Früher hatte Schweden nur zweierlei: Mut und Eisen,

von denen man sagen muß, daß sie gut zusammen passen. Dann kamen die

›Säkerhets Tändstickors‹, und nun haben wir den schwedischen Punsch,

den ich in diesem Augenblick unbedingt am höchsten stelle. Ihr Wohl,

meine Damen.«

»Und das Ihre,« sagte Melusine, »denn Sie sind doch der Schöpfer dieses

glücklichen Moments. Aber wissen Sie, lieber Stechlin, daß ich in

Ihrer Aufzählung schwedischer Herrlichkeiten etwas vermißt habe. Die

Schweden haben noch eins -- oder hatten es wenigstens. Und das war die

schwedische Nachtigall.«

»Ja, die hab ich vergessen. Es fällt vor meine Zeit.«

»Ich müßte,« lachte die Gräfin, »vielleicht auch sagen: es fällt vor

+meine+ Zeit. Aber ich darf doch andrerseits nicht verschweigen,

die Lind noch leibhaftig gekannt zu haben. Freilich nicht mehr so

eigentlich als schwedische Nachtigall. Und überhaupt unter anderm

Namen.«

»Ja, ich erinnere mich,« sagte Woldemar, »sie hatte sich verheiratet.

Wie hieß sie doch?«

»Goldschmidt, -- ein Name, den man schon um ›Goldschmieds Töchterlein‹

willen gelten lassen kann. Aber an Jenny Lind reicht er allerdings

nicht heran.«

»Gewiß nicht. Und Sie sagten, Frau Gräfin, Sie hätten sie noch

persönlich gekannt?«

»Ja, gekannt und auch gehört. Sie sang damals, wenn auch nicht mehr

öffentlich, so doch immer noch in ihrem häuslichen Salon. Diese

Bekanntschaft zählt zu meinen liebsten und stolzesten Erinnerungen. Ich

war noch ein halbes Kind, aber trotzdem doch mit eingeladen, was mir

allein schon etwas bedeutete. Dazu die Fahrt von Hyde-Park bis in die

Villa hinaus. Ich weiß noch deutlich, ich trug ein weißes Kleid und

einen hellblauen Kaschmirumhang und das Haar ganz aufgelöst. Die Lind

beobachtete mich, und ich sah, daß ich ihr gefiel. Wenn man Eindruck

macht, das behält man. Und nun gar mit vierzehn!«

»Die Lind,« warf die Baronin etwas prosaisch ein, »soll ihrerseits als

Kind sehr häßlich gewesen sein.«

»Ich hätte das Gegenteil vermutet,« bemerkte Woldemar.

»Und auf welche Veranlassung hin, lieber Stechlin?«

»Weil ich ein Bild von ihr kenne. Wir haben es, wie bekannt, seit

einiger Zeit von einem unsrer besten Maler auf unsrer Nationalgalerie.

Aber lange bevor ich es da sah, kannt ich es schon ~en miniature~,

und zwar aus einer im Besitz meines Freundes Lorenzen befindlichen

Aquarelle. Diese Kopie hängt über seinem Sofa, dicht unter einer

Rubensschen Kreuzabnahme. Wenn man will, eine etwas sonderbare

Zusammenstellung.«

»Und das alles in Ihrer Stechliner Pfarre!« sagte Melusine. »Wissen

Sie, Rittmeister, daß ich die Tatsache, daß so was überhaupt in einem

kleinen Dorfe vorkommen kann, Ihrem berühmten See beinah gleichstelle?

Unsre schwedische Nachtigall in Ihrem ›Ruppiner Winkel‹, wie Sie selbst

beständig sich auszudrücken lieben. Die Lind! Und wie kam Ihr Pastor

dazu?«

»Die Lind war, glaub ich, seine erste Liebe. Sehr wahrscheinlich auch

seine letzte. Lorenzen saß damals noch auf der Schulbank und schlug

sich mit Stundengeben durch. Aber er hörte die Diva trotzdem jeden

Abend und wußte sich auch, trotz bescheidenster Mittel, das Bildchen

zu verschaffen. Fast grenzt es ans Wunderbare. Freilich verlaufen die

Dinge meist so. Wär er reich gewesen, so hätt er sein Geld anderweitig

vertan und die Lind vielleicht nie gehört und gesehen. Nur die Armen

bringen die Mittel auf für das, was jenseits des Gewöhnlichen liegt;

aus Begeisterung und Liebe fließt alles. Und es ist etwas sehr Schönes,

daß es so ist in unserm Leben. Vielleicht das Schönste.«

»Das will ich meinen,« sagte die Gräfin. »Und ich dank es Ihnen, lieber

Stechlin, daß Sie das gesagt haben. Das war ein gutes Wort, das ich

Ihnen nicht vergessen will. Und dieser Lorenzen war Ihr Lehrer und

Erzieher?«

»Ja, mein Lehrer und Erzieher. Zugleich mein Freund und Berater. Der,

den ich über alles liebe.«

»Gehen Sie darin nicht zu weit?« lachte Melusine.

»Vielleicht, Gräfin, oder sag ich lieber: gewiß. Und ich hätte dessen

eingedenk sein sollen, gerade heut und gerade hier. Aber soviel bleibt:

ich liebe ihn sehr, weil ich ihm alles verdanke, was ich bin, und weil

er reinen Herzens ist.«

»Reinen Herzens,« sagte Melusine. »Das ist viel. Und Sie sind dessen

sicher?«

»Ganz sicher.«

»Und von diesem Unikum erzählen Sie uns erst heute! Da waren Sie

neulich mit dem guten Wrschowitz bei uns und haben uns allerhand

Schreckliches von Ihrem misogynen Prinzen wissen lassen. Und während

Sie den in den Vordergrund stellen, halten Sie diesen Pastor Lorenzen

ganz gemütlich in Reserve. Wie kann man so grausam sein und mit

seinen Berichten und Redekünsten so launenhaft operieren! Aber holen

Sie wenigstens nach, was Sie versäumt haben. Die Fragen drängen sich

ordentlich. Wie kam Ihr Vater auf den Einfall, Ihnen einen solchen

Erzieher zu geben? Und wie kam ein Mann wie dieser Lorenzen in diese

Gegenden? Und wie kam er überhaupt in diese Welt? Es ist so selten, so

selten.«

Armgard und die Baronin nickten.

»Ich bekenne, mich quält die Neugier, mehr von ihm zu hören,« fuhr

Melusine fort. »Und er ist unverheiratet? Schon das allein ist immer

ein gutes Zeichen. Durchschnittsmenschen glauben sich so schnell wie

möglich verewigen zu müssen, damit die Herrlichkeit nicht ausstirbt.

Ihr Lorenzen ist eben in allem, wie mir scheint, ein Ausnahmemensch.

Also beginnen.«

»Ich bin dazu besten Willens, Frau Gräfin. Aber es ist zu spät dazu,

denn das helle Licht, das Sie da sehen, das ist bereits unser Dampfer.

Wir haben keine Wahl mehr, wir müssen abbrechen, wenn wir nicht im

Eierhäuschen ein Nachtquartier nehmen wollen. Unterwegs ist übrigens

Lorenzen ein wundervolles Thema, vorausgesetzt, daß uns der Anblick der

Liebesinsel nicht wieder auf andre Dinge bringt. Aber hören Sie ... der

Dampfer läutet schon ... wir müssen eilen. Bis an die Anlegestelle sind

noch mindestens drei Minuten!«

* * * * *

Und nun war man glücklich auf dem Schiff, auf dem Woldemar und die

Damen ihre schon auf der Hinfahrt innegehabten Plätze sofort wieder

einnahmen. Nur die beiden in ihre Plaids gewickelten alten Herren

schritten auf Deck auf und ab und sahen, wenn sie vorn am Bugspriet

eine kurze Rast machten, auf die vielen hundert Lichter, die sich von

beiden Ufern her im Fluß spiegelten. Unten im Maschinenraum hörte man

das Klappern und Stampfen, während die Schiffsschraube das Wasser nach

hinten schleuderte, daß es in einem weißen Schaumstreifen dem Schiffe

folgte. Sonst war alles still, so still, daß die Damen ihr Gespräch

unterbrachen. »Armgard, du bist so schweigsam,« sagte Melusine, »finden

Sie nicht auch, lieber Stechlin? Meine Schwester hat noch keine zehn

Worte gesprochen.«

»Ich glaube, Gräfin, wir lassen die Komtesse. Manchen kleidet es zu

sprechen, und manchen kleidet es zu schweigen. Jedes Beisammensein

braucht einen Schweiger.«

»Ich werde Nutzen aus dieser Lehre ziehen.«

»Ich glaub es nicht, Gräfin, und vor allem wünsch ich es nicht. Wer

könnt es wünschen?«

Sie drohte ihm mit dem Finger. Dann schwieg man wieder und sah auf

die Landschaft, die da, wo der am Ufer hinlaufende Straßenzug breite

Lücken aufwies, in tiefem Dunkel lag. Urplötzlich aber stieg gerad aus

dem Dunkel heraus ein Lichtstreifen hoch in den Himmel und zerstob da,

wobei rote und blaue Leuchtkugeln langsam zur Erde niederfielen.

»Wie schön,« sagte Melusine. »Das ist mehr, als wir erwarten durften;

Ende gut, alles gut, -- nun haben wir auch noch ein Feuerwerk. Wo mag

es sein? Welche Dörfer liegen da hinüber? Sie sind ja so gut wie ein

Generalstäbler, lieber Stechlin, Sie müssen es wissen. Ich vermute

Friedrichsfelde. Reizendes Dorf und reizendes Schloß. Ich war einmal

da; die Dame des Hauses ist eine Schwester der Frau von Hülsen. Ist es

Friedrichsfelde?«

Der Stechlin: Roman · 第 12 / 33 段