»Aber, wollen verzeihn, Komtesse, wenn ich trotzdem bin für Frondeur.
Frondeur ist Krittikk, und wo Guttes sein will, muß sein Krittikk.
Deutsche Kunst viel Krittikk. Erst muß sein Kunst, gewiß, gewiß, aber
gleich danach muß sein Krittikk. Krittikk ist wie große Revolution.
Kopf ab aus Prinzipp. Kunst muß haben ein Prinzipp. Und wo Prinzipp is,
is Kopf ab.«
Alles schwieg, so daß dem Grafen nichts übrigblieb, als etwas verspätet
seine halbe Zustimmung auszudrücken. Armgard ihrerseits beeilte
sich, auf Rheinsberg zurückzukommen, das ihr, trotz des fatalen
Zwischenfalls mit »Kopf ab,« im Vergleich zu vielleicht wiederkehrenden
Musikgesprächen immer noch als wenigstens ein Nothafen erschien.
»Ich glaube,« sagte sie, »neben manchem andern auch mal von der
Frauenfeindschaft des Prinzen gehört zu haben. Er soll -- irre ich
mich, so werden Sie mich korrigieren -- ein sogenannter Misogyne
gewesen sein. Etwas durchaus Krankhaftes in meinen Augen oder doch
mindestens etwas sehr Sonderbares.«
»Sehr sonderbarr,« sagte Wrschowitz, während sich, unter huldigendem
Hinblick auf Armgard, sein Gesicht wie verklärte.
»Wie gut, lieber Wrschowitz,« fuhr Armgard fort, »daß Sie, mein Wort
bestätigend, für uns arme Frauen und Mädchen eintreten. Es gibt immer
noch Ritter, und wir sind ihrer so sehr benötigt. Denn wie mir Melusine
erzählt hat, sind die Weiberfeinde sogar stolz darauf, Weiberfeinde
zu sein, und behandeln ihr Denken und Tun als eine höhere Lebensform.
Kennen Sie solche Leute, Herr von Stechlin? Und wenn Sie solche Leute
kennen, wie denken Sie darüber?«
»Ich betrachte sie zunächst als Unglückliche.«
»Das ist recht.«
»Und zum zweiten als Kranke. Der Prinz, wie Komtesse schon ganz richtig
ausgesprochen haben, war auch ein solcher Kranker.«
»Und wie äußerte sich das? Oder ist es überhaupt nicht möglich, über
das Thema zu sprechen?«
»Nicht ganz leicht, Komtesse. Doch in Gegenwart des Herrn Grafen und
nicht zu vergessen auch in Gegenwart von Doktor Wrschowitz, der so
schön und ritterlich gegen die Misogynität Partei genommen, unter
solchem Beistande will ich es doch wagen.«
»Nun, das freut mich. Denn ich brenne vor Neugier.«
»Und will auch nicht länger ängstlich um die Sache herumgehen. Unser
Rheinsberger Prinz war ein richtiger Prinz aus dem vorigen Jahrhundert.
Die jetzigen sind Menschen; die damaligen waren +nur+ Prinzen. Eine der
Passionen unsers Rheinsberger Prinzen -- wenn man will, in einer Art
Gegensatz von dem, was schon gesagt wurde -- war eine geheimnisvolle
Vorliebe für jungfräuliche Tote, besonders Bräute. Wenn eine Braut im
Rheinsbergischen, am liebsten auf dem Lande, gestorben war, so lud er
sich zu dem Begräbnis zu Gast. Und eh der Geistliche noch da sein
konnte (den vermied er), erschien er und stellte sich an das Fußende
des Sarges und starrte die Tote an. Aber sie mußte geschminkt sein und
aussehen wie das Leben.«
»Aber das ist ja schrecklich,« brach es beinahe leidenschaftlich aus
Armgard hervor. »Ich mag diesen Prinzen nicht und seine ganze Fronde
nicht. Denn die müssen ebenso gewesen sein. Das ist ja Blasphemie, das
ist ja Gräberschändung, -- ich muß das Wort aussprechen, weil ich so
empört bin und nicht anders kann.«
Der alte Graf sah die Tochter an, und ein Freudenstrahl umleuchtete
sein gutes altes Gesicht. Auch Wrschowitz empfand so was von
unbedingter Huldigung, bezwang sich aber und sah, statt auf Armgard,
auf das Bild der Gräfin-Mutter, das von der Wand niederblickte.
Nur Woldemar blieb ruhig und sagte: »Komtesse, Sie gehen vielleicht zu
weit. Wissen Sie, was in der Seele des Prinzen vorgegangen ist? Es kann
etwas Infernales gewesen sein, aber auch etwas ganz andres. Wir wissen
es nicht. Und weil er nebenher unbedingt große Züge hatte, so bin ich
dafür, ihm das in Rechnung zu stellen.«
»Bravo, Stechlin,« sagte der alte Graf. »Ich war erst Armgards Meinung.
Aber Sie haben recht, wir wissen es nicht. Und soviel weiß ich noch von
der Juristerei her, in der ich, wohl oder übel, eine Gastrolle gab,
daß man in zweifelhaften Fällen ~in favorem~ entscheiden muß. Übrigens
geht eben die Klingel. An bester Stelle wird ein Gespräch immer
unterbrochen. Es wird Melusine sein. Und so sehr ich gewünscht hätte,
sie wäre von Anfang an mit dabei gewesen, wenn sie jetzt so mit einem
Male dazwischen fährt, ist selbst Melusine eine Störung.«
Es war wirklich Melusine. Sie trat, ohne draußen abgelegt zu haben, ins
Zimmer, warf das schottische Cape, das sie trug, in eine Sofaecke und
schritt, während sie noch den Hut aus dem Haare nestelte, bis an den
Tisch, um hier zunächst den Vater, dann aber die beiden andern Herren
zu begrüßen. »Ich seh euch so verlegen, woraus ich schließe, daß eben
etwas Gefährliches gesagt worden ist. Also etwas über mich.«
»Aber, Melusine, wie eitel.«
»Nun, dann also nicht über mich. Aber über wen? Das wenigstens will ich
wissen. Von wem war die Rede?«
»Vom Prinzen Heinrich. Aber von dem ganz alten, der schon fast hundert
Jahre tot ist.«
»Da konntet ihr auch was Besseres tun.«
»Wenn du wüßtest, was uns Stechlin von ihm erzählt hat, und daß er
-- nicht Stechlin, aber der Prinz -- ein Misogyne war, so würdest du
vielleicht anders sprechen.«
»Misogyne. Das freilich ändert die Sache. Ja, lieber Stechlin, da kann
ich Ihnen nicht helfen, davon muß ich auch noch hören. Und wenn Sie
mir's abschlagen, so wenigstens was Gleichwertiges.«
»Gräfin Melusine, was Gleichwertiges gibt es nicht.«
»Das ist gut, sehr gut, weil es so wahr ist. Aber dann bitt ich um
etwas zweiten Ranges. Ich sehe, daß Sie von Ihrem Ausfluge erzählt
haben, von Ihrem Papa, von Schloß Stechlin selbst oder von Ihrem Dorf
und Ihrer Gegend. Und davon möcht ich auch hören, wenn es auch freilich
nicht an das andre heranreicht.«
»Ach, Gräfin, Sie wissen nicht, wie bescheiden es mit unserm Stechliner
Erdenwinkel bestellt ist. Wir haben da, von einem Pastor abgesehen,
der beinah Sozialdemokrat ist, und des weiteren von einem Oberförster
abgesehen, der eine Prinzessin, eine Ippe-Büchsenstein, geheiratet
hat ...«
»Aber das ist ja alles großartig ...«
»Wir haben da, von diesen zwei Sehenswürdigkeiten abgesehen, eigentlich
nur noch den ›Stechlin‹. Der ginge vielleicht, über den ließe sich
vielleicht etwas sagen.«
»Den ›Stechlin?‹ Was ist das? Ich bin so glücklich zu wissen« (und sie
machte verbindlich eine Handbewegung auf Woldemar zu), »ich bin so
glücklich, zu wissen, daß es Stechline gibt. Aber der Stechlin! Was ist
der Stechlin?«
»Das ist ein See.«
»Ein See. Das besagt nicht viel. Seen, wenn es nicht grade der
Vierwaldstätter ist, werden immer erst interessant durch ihre Fische,
durch Sterlet oder Felchen. Ich will nicht weiter aufzählen. Aber was
hat der Stechlin? Ich vermute, Steckerlinge.«
»Nein, Gräfin, die hat er nun gerade nicht. Er hat genau das, was
Sie geneigt sind am wenigsten zu vermuten. Er hat Weltbeziehungen,
vornehme, geheimnisvolle Beziehungen, und nur alles Gewöhnliche, wie
beispielsweise Steckerlinge, hat er nicht. Steckerlinge fehlen ihm.«
»Aber, Stechlin, Sie werden doch nicht den Empfindlichen spielen.
Rittmeister in der Garde!«
»Nein, Gräfin. Und außerdem, den wollt ich sehen, der das Ihnen
gegenüber zuwege brächte.«
»Nun dann also, was ist es? Worin bestehen seine vornehmen Beziehungen?«
»Er steht mit den höchsten und allerhöchsten Herrschaften, deren
genealogischer Kalender noch über den Gothaischen hinauswächst, auf
du und du. Und wenn es in Java oder auf Island rumort oder der Geiser
mal in Doppelhöhe dampft und springt, dann springt auch in unserm
Stechlin ein Wasserstrahl auf, und einige (wenn es auch noch niemand
gesehen hat), einige behaupten sogar, in ganz schweren Fällen erscheine
zwischen den Strudeln ein roter Hahn und krähe hell und weckend in die
Ruppiner Grafschaft hinein. Ich nenne das vornehme Beziehungen.«
»Ich auch,« sagte Melusine.
Wrschowitz aber, dessen Augen immer größer geworden waren, murmelte vor
sich hin: »Sehr warr, sehr warr.«
Vierzehntes Kapitel
Es war zu Beginn der Woche, daß Woldemar seinen Besuch im Barbyschen
Hause gemacht hatte. Schon am Mittwoch früh empfing er ein Billett von
Melusine.
»Lieber Freund. Lassen Sie mich Ihnen noch nachträglich mein Bedauern
aussprechen, daß ich vorgestern nur gerade noch die letzte Szene
des letzten Aktes (Geschichte vom Stechlin) miterleben konnte. Mich
verlangt es aber lebhaft, mehr davon zu wissen. In unsrer sogenannten
großen Welt gibt es so wenig, was sich zu sehen und zu hören verlohnt;
das meiste hat sich in die stillen Winkel der Erde zurückgezogen. Allen
vorauf, wie mir scheint, in Ihre Stechliner Gegend. Ich wette, Sie
haben uns noch über vieles zu berichten, und ich kann nur wiederholen,
ich möchte davon hören. Unsre gute Baronin, der ich davon erzählt
habe, denkt ebenso; sie hat den Zug aller naiven und liebenswürdigen
Frauen, neugierig zu sein. Ich, ohne die genannten Vorbedingungen zu
erfüllen, bin ihr trotzdem an Neugier gleich. Und so haben wir denn
eine Nachmittagspartie verabredet, bei der Sie der große Erzähler sein
sollen. In der Regel freilich verläuft es anders wie gedacht, und man
hört nicht das, was man hören wollte. Das darf uns aber in unserm
guten Vorhaben nicht hindern. Die Baronin hat mir etwas vorgeschwärmt
von einer Gegend, die sie ›Oberspree‹ nannte (die vielleicht auch
wirklich so heißt), und wo's so schön sein soll, daß sich die
Havelherrlichkeiten daneben verstecken müssen. Ich will es ihr glauben,
und jedenfalls werd ich es ihr nachträglich versichern, auch wenn ich
es nicht gefunden haben sollte. Das Ziel unsrer Fahrt -- ein Punkt,
den übrigens die Berchtesgadens noch nicht kennen; sie waren bisher
immer erheblich weiter flußaufwärts -- das Ziel unsrer Reise hat einen
ziemlich sonderbaren Namen und heißt das ›Eierhäuschen‹. Ich werde
seitdem die Vorstellung von etwas Ovalem nicht los und werde wohl erst
geheilt sein, wenn sich mir die so sonderbar benamste Spreeschönheit
persönlich vorgestellt haben wird. Also morgen, Donnerstag:
Eierhäuschen. Ein ›Nein‹ gibt es natürlich nicht. Abfahrt vier Uhr,
Jannowitzbrücke. Papa begleitet uns; es geht ihm seit heut um vieles
besser, so daß er sich's zutraut. Vielleicht ist vier etwas spät; aber
wir haben dabei, wie mir Lizzi sagt, den Vorteil, auf der Rückfahrt
die Lichter im Wasser sich spiegeln zu sehen. Und vielleicht ist auch
irgendwo Feuerwerk, und wir sehen dann die Raketen steigen. Armgard
ist in Aufregung, fast auch ich. ~Au revoir.~ Eines Herrn Rittmeisters
wohlaffektionierte
Melusine.«
* * * * *
Nun war der andre Nachmittag da, und kurz vor vier Uhr fuhren
erst die Berchtesgadens und gleich danach auch die Barbys bei
der Jannowitzbrücke vor. Woldemar wartete schon. Alle waren in
jener heitern Stimmung, in der man geneigt ist, alles schön und
reizend zu finden. Und diese Stimmung kam denn auch gleich der
Dampfschiffahrtsstation zustatten. Unter lachender Bewunderung der sich
hier darbietenden Holzarchitektur stieg man ein Gewirr von Stiegen
und Treppen hinab und schritt, unten angekommen, an den um diese
Stunde noch leeren Tischen eines hier etablierten »Lokals« vorüber,
unmittelbar auf das Schiff zu, dessen Glocke schon zum erstenmal
geläutet hatte. Das Wetter war prachtvoll, flußaufwärts alles klar und
sonnig, während über der Stadt ein dünner Nebel lag. Zu beiden Seiten
des Hinterdecks nahm man auf Stühlen und Bänken Platz und sah von hier
aus auf das verschleierte Stadtbild zurück.
»Da heißt es nun immer,« sagte Melusine, »Berlin sei so kirchenarm;
aber wir werden bald Köln und Mainz aus dem Felde geschlagen haben.
Ich sehe die Nikolaikirche, die Petrikirche, die Waisenkirche,
die Schloßkuppel, und das Dach da, mit einer Art von chinesischer
Deckelmütze, das ist, glaub ich, der Rathausturm. Aber freilich, ich
weiß nicht, ob ich den mitrechnen darf.«
»Turm ist Turm,« sagte die Baronin. »Das fehlte so gerade noch, daß man
dem armen alten Berlin auch seinen Rathausturm als Turm abstritte. Man
eifersüchtelt schon genug.«
Und nun schlug es vier. Von der Parochialkirche her klang das
Glockenspiel, die Schiffsglocke läutete dazwischen, und als diese
wieder schwieg, wurde das Brett aufgeklappt, und unter einem schrillen
Pfiff setzte sich der Dampfer auf das mittlere Brückenjoch zu in
Bewegung.
* * * * *
Oben, in Nähe der Jannowitzbrücke, hielten immer noch die beiden
herrschaftlichen Wagen, die's für angemessen erachten mochten, ehe sie
selber aufbrachen, zuvor den Aufbruch des Schiffes abzuwarten, und
erst als dieses unter der Brücke verschwunden war, fuhr der gräflich
Barbysche Kutscher neben den freiherrlich Berchtesgadenschen, um
mit diesem einen Gruß auszutauschen. Beide kannten sich seit lange,
schon von London her, wo sie bei denselben Herrschaften in Dienst
gestanden hatten. In diesem Punkte waren sie sich gleich, sonst
aber so verschieden wie nur möglich, auch schon in ihrer äußeren
Erscheinung. Imme, der Barbysche Kutscher, ein ebenso martialisch wie
gutmütig dreinschauender Mecklenburger, hätte mit seinem angegrauten
Sappeurbart ohne weiteres vor eine Gardetruppe treten und den Zug als
Tambourmajor eröffnen können, während der Berchtesgadensche, der seine
Jugend als Trainer und halber Sportsmann zugebracht hatte, nicht bloß
einen englischen Namen führte, sondern auch ein typischer Engländer
war, hager, sehnig, kurz geschoren und glatt rasiert. Seine Glotzaugen
hatten etwas Stupides; er war aber trotzdem klug genug und wußte,
wenn's galt, seinem Vorteil nachzugehen. Das Deutsche machte ihm noch
immer Schwierigkeiten, trotzdem er sich aufrichtige Mühe damit gab und
sogar das bequeme Zuhilfenehmen englischer Wörter vermied, am meisten
dann, wenn er sich die Berlinerinnen seiner Bekanntschaft abquälen sah,
ihm mit »~well, well, Mr. Robinson~« oder gar mit einem geheimnisvollen
»~indeed~« zu Hilfe zu kommen. Nur mit dem einen war er einverstanden,
daß man ihn »Mr. Robinson« nannte. Das ließ er sich gefallen.
»~Now, Mr. Robinson~,« sagte Imme, als sie Bock an Bock nebeneinander
hielten, »~how are you? I hope quite well.~«
»Danke, Mr. Imme, danke! Was macht die Frau?«
»Ja, Robinson, da müssen Sie, denk ich, selber nachsehen, und zwar
gleich heute, wo die Herrschaften fort sind und erst spät wiederkommen.
Noch dazu mit der Stadtbahn. Wenigstens von hier aus, Jannowitzbrücke.
Sagen wir also neun; eher sind sie nicht zurück. Und bis dahin haben
wir einen guten Skat. Hartwig als dritter wird schon kommen; Portiers
können immer. Die Frau zieht ebensogut die Tür auf wie er, und weiter
ist es ja nichts. Also Klocker fünf: ein ›Nein‹ gilt nicht; ~where
there is a will, there is a way~. Ein bißchen ist doch noch hängen
geblieben von ~dear old England~.«
»Danke, Mr. Imme,« sagte Robinson, »danke! Ja, Skat ist das Beste von
~all Germany~. Komme gern. Skat ist noch besser als Bayrisch.«
»Hören Sie, Robinson, ich weiß doch nicht, ob das stimmt. Ich denke
mir, so beides zusammen, das ist das Wahre. ~That's it.~«
Robinson war einverstanden, und da beide weiter nichts auf dem Herzen
hatten, so brach man hier ab und schickte sich an, die Rückfahrt in
einem mäßig raschen Trab anzutreten, wobei der Berchtesgadensche
Kutscher den Weg über Molkenmarkt und Schloßplatz, der Barbysche den
auf die Neue Friedrichstraße nahm. Jenseits der Friedrichsbrücke hielt
sich dieser dann dicht am Wasser hin und kam so am bequemsten bis an
sein Kronprinzenufer.
* * * * *
Der Dampfer, gleich nachdem er das Brückenjoch passiert hatte, setzte
sich in ein rascheres Tempo, dabei die linke Flußseite haltend, so daß
immer nur eine geringe Entfernung zwischen dem Schiff und den sich
dicht am Ufer hinziehenden Stadtbahnbögen war. Jeder Bogen schuf den
Rahmen für ein dahinter gelegenes Bild, das natürlich die Form einer
Lunette hatte. Mauerwerk jeglicher Art, Schuppen, Zäune zogen in buntem
Wechsel vorüber, aber in Front aller dieser der Alltäglichkeit und der
Arbeit dienenden Dinge zeigte sich immer wieder ein Stück Gartenland,
darin ein paar verspätete Malven oder Sonnenblumen blühten. Erst als
man die zweitfolgende Brücke passiert hatte, traten die Stadtbahnbögen
so weit zurück, daß von einer Ufereinfassung nicht mehr die Rede sein
konnte; statt ihrer aber wurden jetzt Wiesen und pappelbesetzte Wege
sichtbar, und wo das Ufer kaiartig abfiel, lagen mit Sand beladene
Kähne, große Zillen, aus deren Innerem eine baggerartige Vorrichtung
die Kies- und Sandmassen in die dicht am Ufer hin etablierten
Kalkgruben schüttete. Es waren dies die Berliner Mörtelwerke, die hier
die Herrschaft behaupteten und das Uferbild bestimmten.
Unsre Reisenden sprachen wenig, weil unter dem raschen Wechsel der
Bilder eine Frage die andre zurückdrängte. Nur als der Dampfer
an Treptow vorüber zwischen den kleinen Inseln hinfuhr, die hier
mannigfach aus dem Fluß aufwachsen, wandte sich Melusine an Woldemar
und sagte: »Lizzi hat mir erzählt, hier zwischen Treptow und Stralau
sei auch die ›Liebesinsel‹; da stürben immer die Liebespaare, meist mit
einem Zettel in der Hand, drauf alles stünde. Trifft das zu?«
»Ja, Gräfin, soviel ich weiß, trifft es zu. Solche Liebesinseln gibt
es übrigens vielfach in unsrer Gegend und kann als Beweis gelten, wie
weitverbreitet der Zustand ist, dem abgeholfen werden soll, und wenn's
auch durch Sterben wäre.«
»Das nehm ich Ihnen übel, daß Sie darüber spotten. Und Armgard wird
es noch mehr tun, weil sie gefühlvoller ist als ich. Zudem sollten Sie
wissen, daß sich so was rächt.«
»Ich weiß es. Aber Sie lesen auch durchaus falsch in meiner Seele.
Sicher haben Sie mal gehört, daß der, der Furcht hat, zu singen
anfängt, und wer nicht singen kann, nun, der witzelt eben. Übrigens, so
schön ›Liebesinsel‹ klingt, der Zauber davon geht wieder verloren, wenn
Sie sich den Namen des Ganzen vergegenwärtigen. Die sich so mächtig
hier verbreiternde Spreefläche heißt nämlich der ›Rummelsburger‹ See.«
»Freilich nicht hübsch; das kann ich zugeben. Aber die Stelle selbst
ist schön, und Namen bedeuten nichts.«
»Wer Melusine heißt, sollte wissen, was Namen bedeuten.«
»Ich weiß es leider. Denn es gibt Leute, die sich vor ›Melusine‹
fürchten.«
»Was immer eine Dummheit, aber doch viel mehr noch eine Huldigung ist.«
Unter diesem Gespräche waren sie bis über die Breitung der Spree hinaus
gekommen und fuhren wieder in das schmaler werdende Flußbett ein.
An beiden Ufern hörten die Häuserreihen auf, sich in dünnen Zellen
hinzuziehen, Baumgruppen traten in nächster Nähe dafür ein, und weiter
landeinwärts wurden aufgeschüttete Bahndämme sichtbar, über die hinweg
die Telegraphenstangen ragten und ihre Drähte von Pfahl zu Pfahl
spannten. Hie und da, bis ziemlich weit in den Fluß hinein, stand ein
Schilfgürtel, aus dessen Dickicht vereinzelte Krickenten aufflogen.
»Es ist doch weiter, als ich dachte,« sagte Melusine. »Wir sind ja
schon wie in halber Einsamkeit. Und dabei wird es frisch. Ein Glück,
daß wir Decken mitgenommen. Denn wir bleiben doch wohl im Freien? Oder
gibt es auch Zimmer da? Freilich kann ich mir kaum denken, daß wir zu
sechs in einem Eierhäuschen Platz haben.«
»Ach, Frau Gräfin, ich sehe, Sie rechnen auf etwas extrem Idyllisches
und erwarten, wenn wir angelangt sein werden, einen Mischling von
Kiosk und Hütte. Da harrt Ihrer aber eine grausame Enttäuschung.
Das Eierhäuschen ist ein sogenanntes ›Lokal‹, und wenn uns die Lust
anwandelt, so können wir da tanzen oder eine Volksversammlung abhalten.
Raum genug ist da. Sehen Sie, das Schiff wendet sich schon, und der
rote Bau da, der zwischen den Pappelweiden mit Turm und Erker sichtbar
wird, das ist das Eierhäuschen.«
»O weh! Ein Palazzo,« sagte die Baronin und war auf dem Punkt, ihrer
Mißstimmung einen Ausdruck zu geben. Aber ehe sie dazu kam, schob
sich das Schiff schon an den vorgebauten Anlegesteg, über den hinweg
man, einen Uferweg einschlagend, auf das Eierhäuschen zuschritt.
Dieser Uferweg setzte sich, als man das Gartenlokal endlich erreicht
hatte, jenseits desselben noch eine gute Strecke fort, und weil
die wundervolle Frische dazu einlud, beschloß man, ehe man sich im
Eierhäuschen selber niederließ, zuvor noch einen gemeinschaftlichen
Spaziergang am Ufer hin zu machen. Immer weiter flußaufwärts.
Der Enge des Weges halber ging man zu zweien, vorauf Woldemar mit
Melusine, dann die Baronin mit Armgard. Erheblich zurück erst
folgten die beiden älteren Herren, die schon auf dem Dampfschiff
ein politisches Gespräch angeschnitten hatten. Beide waren liberal,
aber der Umstand, daß der Baron ein Bayer und unter katholischen
Anschauungen aufgewachsen war, ließ doch beständig Unterschiede
hervortreten.
»Ich kann Ihnen nicht zustimmen, lieber Graf. Alle Trümpfe heut, und
zwar mehr denn je, sind in des Papstes Hand. Rom ist ewig und Italien
nicht so fest aufgebaut, als es die Welt glauben machen möchte. Der
Quirinal zieht wieder aus, und der Vatikan zieht wieder ein. Und was
dann?«
»Nichts, lieber Baron. Auch dann nicht, wenn es wirklich dazu kommen
sollte, was, glaub ich, ausgeschlossen ist.«
»Sie sagen das so ruhig, und ruhig ist man nur, wenn man sicher ist.
Sind Sie's? Und wenn Sie's sind, dürfen Sie's sein? Ich wiederhole, die
letzten Entscheidungen liegen immer bei dieser Papst- und Rom-Frage.«
»Lagen einmal. Aber damit ist es gründlich vorbei, auch in Italien
selbst. Die letzten Entscheidungen, von denen Sie sprechen, liegen
heutzutage ganz wo anders, und es sind bloß ein paar Ihrer Zeitungen,
die nicht müde werden, der Welt das Gegenteil zu versichern. Alles
bloße Nachklänge. Das moderne Leben räumt erbarmungslos mit all dem
Überkommenen auf. Ob es glückt, ein Nilreich aufzurichten, ob Japan
ein England im Stillen Ozean wird, ob China mit seinen vierhundert
Millionen aus dem Schlaf aufwacht und, seine Hand erhebend, uns und
der Welt zuruft: ›Hier bin ich,‹ allem vorauf aber, ob sich der vierte
Stand etabliert und stabiliert (denn darauf läuft doch in ihrem
vernünftigen Kern die ganze Sache hinaus) -- das alles fällt ganz
anders ins Gewicht als die Frage ›Quirinal oder Vatikan‹. Es hat sich
überlebt. Und anstaunenswert ist nur das eine, daß es überhaupt noch so
weiter geht. Das ist der Wunder größtes.«
»Und das sagen Sie, der Sie zeitweilig den Dingen so nahe gestanden?«
»+Weil+ ich ihnen so nahe gestanden.«
* * * * *
Auch die beiden voranschreitenden Paare waren in lebhaftem Gespräch.
An dem schon in Dämmerung liegenden östlichen Horizont stiegen
die Fabrikschornsteine von Spindlersfelde vor ihnen auf, und die
Rauchfahnen zogen in langsamem Zuge durch die Luft.
»Was ist das?« fragte die Baronin, sich an Woldemar wendend.
»Das ist Spindlersfelde.«
»Kenn ich nicht.«
»Doch vielleicht, gnädigste Frau, wenn Sie hören, daß in eben diesem
Spindlersfelde der für die weibliche Welt so wichtige Spindler seine
geheimnisvollen Künste treibt. Besser noch seine verschwiegenen. Denn
unsre Damen bekennen sich nicht gern dazu.«
»So, der! Ja, dieser unser Wohltäter, den wir -- Sie haben ganz recht
-- in unserm Undank so gern unterschlagen. Aber dies Unterschlagen hat
doch auch wieder sein Verzeihliches. Wir tun jetzt (leider) so vieles,
was wir, nach einer alten Anschauung, eigentlich nicht tun sollten. Es
ist, mein ich, nicht passend, auf einem Pferdebahnperron zu stehen,
zwischen einem Schaffner und einer Kiepenfrau, und es ist noch weniger
passend, in einem Fünfzigpfennigbasar allerhand Einkäufe zu machen und
an der sich dabei aufdrängenden Frage: ›Wodurch ermöglichen sich diese
Preise?‹ still vorbeizugehen. Unser Freund in Spindlersfelde da drüben
degradiert uns vielleicht auch durch das, was er so hilfreich für uns
tut. Armgard, wie denken Sie darüber?«
»Ganz wie Sie, Baronin.«
»Und Melusine?«
Diese gab kopfschüttelnd die Frage weiter und drang darauf, daß die
beiden älteren Herren, die mittlerweile herangekommen waren, den
Ausschlag geben sollten. Aber der alte Graf wollte davon nichts wissen.
»Das sind Doktorfragen. Auf derlei Dinge lass' ich mich nicht ein. Ich
schlage vor, wir machen lieber kehrt und suchen uns im Eierhäuschen
einen hübschen Platz, von dem aus wir das Leben auf dem Fluß beobachten
und hoffentlich auch den Sonnenuntergang gut sehen können.«
* * * * *