Diesem allem hatte Riekchen seitdem gelebt. Die Beletage, die leer

stand, als Schickedanz starb, blieb noch drei Vierteljahre unbewohnt,

trotzdem sich viele Herrschaften meldeten. Aber sie deckten sich nicht

mit der Forderung, die Schickedanz vor seinem Hinscheiden gestellt

hatte. Herbst fünfundachtzig kamen dann die Barbys. Die kleine Frau

sah gleich »ja, das sind die, die mein Seliger gemeint hat«. Und sie

hatte wirklich richtig gewählt. In den fast zehn Jahren, die seitdem

verflossen waren, war es auch nicht ein einziges Mal zu Konflikten

gekommen, mit der gräflichen Familie schon gewiß nicht, aber auch kaum

mit den Dienerschaften. Ein persönlicher Verkehr zwischen Erdgeschoß

und Beletage konnte natürlich nicht stattfinden, -- Hartwig war einfach

der ~alter ego~, der mit Jeserich alles Nötige durchzusprechen hatte.

Kam es aber ausnahmsweise zwischen Wirtin und Mieter zu irgendeiner

Begegnung, so bewahrte dabei die kleine winzige Frau (die nie »viel«

war und seit ihres Mannes Tode noch immer weniger geworden war)

eine merkwürdig gemessene Haltung, die jedem mit dem Berliner Wesen

Unvertrauten eine Verwunderung abgenötigt haben würde. Riekchen

empfand sich nämlich in solchem Augenblicke durchaus als »Macht gegen

Macht«. Wie beinah jedem hierlandes Geborenen, war auch ihr die Gabe

wirklichen Vergleichenkönnens völlig versagt, weil jeder echte, mit

Spreewasser getaufte Berliner, männlich oder weiblich, seinen Zustand

nur an seiner eigenen kleinen Vergangenheit, nie aber an der Welt

draußen mißt, von der er, wenn er ganz echt ist, weder eine Vorstellung

hat noch überhaupt haben will. Der autochthone »Kellerwurm«, wenn er

fünfzig Jahre später in eine Steglitzer Villa zieht, bildet -- auch

wenn er seiner Natur nach eigentlich der bescheidenste Mensch ist --

eine gewisse naive Krösusvorstellung in sich aus und glaubt ganz

ernsthaft, jenen Gold- und Silberkönigen zuzugehören, die die Welt

regieren. So war auch die Schickedanz. Hinter einem Dachfenster in

der Georgenkirchstraße geboren, an welchem Dachfenster sie später

für ein Weißzeuggeschäft genäht hatte, kam ihr ihr Leben, wenn sie

rückblickte, wie ein Märchen vor, drin sie die Rolle der Prinzessin

spielte. Dementsprechend durchdrang sie sich, still aber stark, mit

einem Hochgefühl, das sowohl Geld- wie Geburtsgrößen gegenüber auf

Ebenbürtigkeit lossteuerte. Sie rangierte sich ein und wies sich,

soweit ihre historische Kenntnis das zuließ, einen ganz bestimmten

Platz an: Fürst Dolgorucki, Herzog von Devonshire, Schickedanz.

Die Treue, die der Verstorbene noch in seinen letzten Augenblicken

ihr nachgerühmt hatte, steigerte sich mehr und mehr zum Kult. Die

Vormittagsstunden jedes Tages gehörten dem hohen Palisanderschrank

an, drin die Jubiläumsgeschenke wohlgeordnet standen: ein großer

Silberpokal mit einem drachentötenden Sankt Georg auf dem Deckel, ein

Album mit photographischen Aufnahmen aller Sehenswürdigkeiten von

Kaputt, eine große Huldigungsadresse mit Aquarellarabesken, mehrere

Lieder in Prachtdruck (darunter ein Kegelklublied mit dem Refrain

»alle Neune«), Riesensträuße von Sonnenblumen, ein Oreiller mit dem

Eisernen Kreuz und einem aufgehefteten Gedicht, von einem Damenkomitee

herrührend, in dessen Auftrag er, Schickedanz, die Liebesgaben bis

vor Paris gebracht hatte. Neben dem Schrank, auf einer Ebenholzsäule,

stand eine Gipsbüste, Geschenk eines dem Stammtisch angehörigen

Bildhauers, der daraufhin einen leider ausgebliebenen Auftrag in

Marmor erwartet hatte. Fauteuils und Stühle steckten in großblumigen

Überzügen, desgleichen der Kronleuchter in einem Gazemantel, und an

den Frontfenstern standen, den ganzen Winter über, Maiblumen. Riekchen

trug auch Maiblumen auf jeder ihrer Hauben, war überhaupt, seit das

Trauerjahr um war, immer hell gekleidet, wodurch ihre Gestalt noch

unkörperlicher wirkte. Jeden ersten Montag im Monat war allgemeines

Reinmachen, auch bei Wind und Kälte. Dies war immer ein Tag größter

Aufregung, weil jedesmal etwas zerbrochen oder umgestoßen wurde. Das

blieb auch so durch Jahre hin, bis das Auftreten von Hedwig, die sich

einer sehr geschickten Hand erfreute, Wandel in diesem Punkte schaffte.

Die Nippsachen zerbrachen nun nicht mehr, und Riekchen war um so

glücklicher darüber, als Hartwigs hübsche Nichte, wenn sie mal wieder

den Dienst gekündigt hatte, regelmäßig allerlei davon zu erzählen und

mit immer neuen und oft sehr intrikaten Geschichten ins Feld zu rücken

wußte.

Die Barbys hatten alle Ursache, mit dem Schickedanzschen Hause

zufrieden zu sein. Nur eines störte, das war, daß jeden Mittwoch und

Sonnabend die Teppiche geklopft wurden, immer gerade zu der Stunde,

wo der alte Graf seine Nachmittagsruhe halten wollte. Das verdroß ihn

eine Weile, bis er schließlich zu dem Ergebnis kam: »Eigentlich bin

ich doch selber schuld daran. Warum setz ich mich immer wieder in die

Hinterstube, statt einfach vorn an mein Fenster? Immer hasardier ich

wieder und denke: heute bleibt es vielleicht ruhig; willst es doch noch

mal versuchen.«

* * * * *

Ja, der alte Graf war nicht bloß froh, die Wohnung zu haben, er hielt

auch beinah abergläubisch an ihr fest. So lange er darin wohnte, war es

ihm gut ergangen, nicht glänzender als früher, aber sorgenloser. Und

das sagte er sich jeden neuen Tag.

Sein Leben, so bunt es gewesen, war trotzdem in gewissem Sinne

durchschnittsmäßig verlaufen, ganz so wie das Leben eines preußischen

»Magnaten« (worunter man in der Regel Schlesier versteht; aber es gibt

doch auch andre) zu verlaufen pflegt.

Im Juli dreißig, gerade als die Franzosen Algier bomdardierten und

nebenher das Haus Bourbon endgültig beseitigten, war der Graf auf

einem der an der mittleren Elbe gelegenen Barbyschen Güter geboren

worden. Auf eben diesem Gute -- das landwirtschaftlich einer von

fremder Hand geführten Administration unterstand -- vergingen ihm die

Kinderjahre; mit zwölf kam er dann auf die Ritterakademie, mit achtzehn

in das Regiment Garde-du-Corps, drin die Barbys standen, solang es

ein Regiment Garde-du-Corps gab. Mit dreißig war er Rittmeister und

führte eine Schwadron. Aber nicht lange mehr. Auf einem in der Nähe von

Potsdam veranstalteten Kavalleriemanöver stürzte er unglücklich und

brach den Oberschenkel, unmittelbar unter der Hüfte. Leidlich genesen,

ging er nach Ragaz, um dort völlige Wiederherstellung zu suchen, und

machte hier die Bekanntschaft eines alten Freiherrn von Planta, der

ihn alsbald auf seine Besitzungen einlud. Weil diese ganz in der Nähe

lagen, nahm er die Einladung nach Schloß Schuder an. Hier blieb er

länger als erwartet, und als er das schön gelegene Bergschloß wieder

verließ, war er mit der Tochter und Erbin des Hauses verlobt. Es war

eine große Neigung, was sie zusammenführte. Die junge Freiin drang

alsbald in ihn, den Dienst zu quittieren, und er entsprach dem um so

lieber, als er seiner völligen Wiederherstellung nicht ganz sicher

war. Er nahm also den Abschied und trat aus dem militärischen in den

diplomatischen Dienst über, wozu seine Bildung, sein Vermögen, seine

gesellschaftliche Stellung ihn gleichmäßig geeignet erscheinen ließen.

Noch im selben Jahre ging er nach London, erst als Attaché, wurde dann

Botschaftsrat und blieb in dieser Stellung zunächst bis in die Tage

der Aufrichtung des Deutschen Reiches. Seine Beziehungen sowohl zu

der heimisch-englischen wie zu der außerenglischen Aristokratie waren

jederzeit die besten, und sein Freundschaftsverhältnis zu Baron und

Baronin Berchtesgaden entstammte jener Zeit. Er hing sehr an London.

Das englische Leben, an dem er manches, vor allem die geschraubte

Kirchlichkeit, beanstandete, war ihm trotzdem außerordentlich

sympathisch, und er hatte sich daran gewöhnt, sich als verwachsen

damit anzusehen. Auch seine Familie, die Frau und die zwei Töchter --

beide, wenn auch in großem Abstande, während der Londoner Tage geboren

-- teilten des Vaters Vorliebe für England und englisches Leben. Aber

ein harter Schlag warf alles um, was der Graf geplant: die Frau starb

plötzlich, und der Aufenthalt an der ihm so lieb gewordenen Stätte war

ihm vergällt. Er nahm in der ersten Hälfte der achtziger Jahre seine

Demission, ging zunächst auf die Plantaschen Güter nach Graubünden und

dann weiter nach Süden, um sich in Florenz seßhaft zu machen. Die Luft,

die Kunst, die Heiterkeit der Menschen, alles tat ihm hier wohl, und

er fühlte, daß er genas, soweit er wieder genesen konnte. Glückliche

Tage brachen für ihn an, und sein Glück schien sich noch steigern

zu sollen, als sich die ältere Tochter mit dem italienischen Grafen

Ghiberti verlobte. Die Hochzeit folgte beinah unmittelbar. Aber die

Fortdauer dieser Ehe stellte sich bald als eine Unmöglichkeit heraus,

und ehe ein Jahr um war, war die Scheidung ausgesprochen. Kurze Zeit

danach kehrte der Graf nach Deutschland zurück, das er, seit einem

Vierteljahrhundert, immer nur flüchtig und besuchsweise wiedergesehen

hatte. Sich auf das eine oder andere seiner Elbgüter zu begeben,

widerstand ihm auch jetzt noch, und so kam es, daß er sich für Berlin

entschied. Er nahm Wohnung am Kronprinzenufer und lebte hier ganz sich,

seinem Hause, seinen Töchtern. Von dem Verkehr mit der großen Welt

hielt er sich so weit wie möglich fern, und nur ein kleiner Kreis von

Freunden, darunter auch die durch einen glücklichen Zufall ebenfalls

von London nach Berlin verschlagenen Berchtesgadens waren, versammelte

sich um ihn. Außer diesen alten Freunden waren es vorzugsweise

Hofprediger Frommel, Doktor Wrschowitz und seit letztem Frühjahr

auch Rittmeister von Stechlin, die den Barbyschen Kreis bildeten.

An Woldemar hatte man sich rasch attachiert, und die freundlichen

Gefühle, denen er bei dem alten Grafen sowohl wie bei den Töchtern

begegnete, wurden von allen Hausbewohnern geteilt. Selbst die Hartwigs

interessierten sich für den Rittmeister, und wenn er abends an der

Portierloge vorüberkam, guckte Hedwig neugierig durch das Fensterchen

und sagte: »So einen, -- ja, das lass' ich mir gefallen.«

Dreizehntes Kapitel

Woldemar, als er sich von den jungen Damen im Barbyschen Hause

verabschiedet hatte, hatte versprechen müssen, seinen Besuch recht bald

zu wiederholen.

Aber was war »recht bald«? Er rechnete hin und her und fand, daß der

dritte Tag dem etwa entsprechen würde; das war »recht bald« und doch

auch wieder nicht zu früh. Und so ging er denn, als der Abend dieses

dritten Tages da war, auf die Hallesche Brücke zu, wartete hier die

Ringbahn ab und fuhr, am Potsdamer und Brandenburger Tor vorüber,

bis an jene sonderbare Reichstagsuferstelle, wo, von mächtiger

Giebelwand herab, ein wohl zwanzig Fuß hohes, riesiges Kaffeemädchen

mit einem ganz kleinen Häubchen auf dem Kopf freundlich auf die Welt

der Vorübereilenden herniederblickt, um ihnen ein Paket Kneippschen

Malzkaffee zu präsentieren. An dieser echt berlinisch-pittoresken Ecke

stieg Woldemar ab, um die von hier aus nur noch kurze Strecke bis an

das Kronprinzenufer zu Fuß zurückzulegen.

Es war gegen acht, als er in dem Barbyschen Hause die mit Teppich

überdeckte Marmortreppe hinaufstieg und die Klingel zog. Im selben

Augenblick, wo Jeserich öffnete, sah Woldemar an des Alten verlegenem

Gesicht, daß die Damen aller Wahrscheinlichkeit nach wieder nicht zu

Hause waren. Aber eine Verstimmung darüber durfte nicht aufkommen, und

so ließ er es geschehen, daß Jeserich ihn bei dem alten Grafen meldete.

»Der Herr Graf lassen bitten.«

Und nun trat Woldemar in das Zimmer des wieder mal von Neuralgie

Geplagten ein, der ihm, auf einen dicken Stock gestützt, unter

freundlichem Gruß entgegenkam.

»Aber Herr Graf,« sagte Woldemar und nahm des alten Herrn linken

Arm, um ihn bis an seinen Lehnstuhl und eine für den kranken Fuß

zurechtgemachte Stellage zurückzuführen. »Ich fürchte, daß ich störe.«

»Ganz im Gegenteil, lieber Stechlin. Mir hochwillkommen. Außerdem hab

ich strikten Befehl, Sie, ~coûte que coûte~, festzuhalten; Sie wissen,

Damen sind groß in Ahnungen, und bei Melusine hat es schon geradezu was

Prophetisches.«

Woldemar lächelte.

»Sie lächeln, lieber Stechlin, und haben recht. Denn daß sie nun

schließlich doch gegangen ist (natürlich zu den Berchtesgadens) ist ein

Beweis, daß sie sich und ihrer Prophetie doch auch wieder einigermaßen

mißtraute. Aber man ist immer nur klug und weise für andre. Die Doktors

machen es ebenso; wenn sie sich selber behandeln sollen, wälzen sie die

Verantwortung von sich ab und sterben lieber durch fremde Hand. Aber

was sprech ich nur immer von Melusine. Freilich, wer in unserm Hause so

gut Bescheid weiß wie Sie, wird nichts Überraschliches darin finden.

Und zugleich wissen Sie, wie's gemeint ist. Armgard ist übrigens in

Sicht; keine zehn Minuten mehr, so werden wir sie hier haben.«

»Ist sie mit bei der Baronin?«

»Nein, Sie dürfen sie nicht so weit suchen. Armgard ist in ihrem

Zimmer, und Doktor Wrschowitz ist bei ihr. Es kann aber nicht lange

mehr dauern.«

»Aber ich bitte Sie, Herr Graf, ist die Komtesse krank?«

»Gott sei Dank, nein. Und Wrschowitz ist auch kein Medizindoktor,

sondern ein Musikdoktor. Sie haben von ihm rein zufällig noch nicht

gehört, weil erst vorige Woche, nach einer langen, langen Pause, die

Musikstunden wieder aufgenommen wurden. Er ist aber schon seit Jahr und

Tag Armgards Lehrer.«

»Musikdoktor? Gibt es denn die?«

»Lieber Stechlin, es gibt alles. Also natürlich auch das. Und so sehr

ich im ganzen gegen die Doktorhascherei bin, so liegt es hier doch

so, daß ich dem armen Wrschowitz seinen Musikdoktor gönnen oder doch

mindestens verzeihen muß. Er hat den Titel auch noch nicht lange.«

»Das klingt ja fast wie ne Geschichte.«

»Trifft auch zu. Können Sie sich denken, daß Wrschowitz aus einer Art

Verzweiflung Doktor geworden ist?«

»Kaum. Und wenn kein Geheimnis ...«

»Durchaus nicht; nur ein Kuriosum. Wrschowitz hieß nämlich bis vor zwei

Jahren, wo er als Klavierlehrer, aber als ein höherer (denn er hat auch

eine Oper komponiert), in unser Haus kam, einfach Niels Wrschowitz,

und er ist bloß Doktor geworden, um den Niels auf seiner Visitenkarte

loszuwerden.«

»Und das ist ihm auch geglückt?«

»Ich glaube ja, wiewohl es immer noch vorkommt, daß ihn einzelne

ganz wie früher Niels nennen, entweder aus Zufall oder auch wohl aus

Schändlichkeit. In letzterem Falle sind es immer Kollegen. Denn die

Musiker sind die boshaftesten Menschen. Meist denkt man, die Prediger

und die Schauspieler seien die schlimmsten. Aber weit gefehlt. Die

Musiker sind ihnen über. Und ganz besonders schlimm sind die, die die

sogenannte heilige Musik machen.«

»Ich habe dergleichen auch schon gehört,« sagte Woldemar. »Aber was ist

das nur mit Niels? Niels ist doch an und für sich ein hübscher und ganz

harmloser Name. Nichts Anzügliches drin.«

»Gewiß nicht. Aber Wrschowitz und Niels. Er litt, glaub ich, unter

diesem Gegensatz.«

Woldemar lachte. »Das kenn ich. Das kenn ich von meinem Vater her, der

Dubslav heißt, was ihm auch immer höchst unbequem war. Und da reichen

wohl nicht hundertmal, daß ich ihn wegen dieses Namens seinen Vater

habe verklagen hören.«

»Genau so hier,« fuhr der Graf in seiner Erzählung fort. »Wrschowitz'

Vater, ein kleiner Kapellmeister an der tschechisch-polnischen Grenze,

war ein Niels-Gade-Schwärmer, woraufhin er seinen Jungen einfach Niels

taufte. Das war nun wegen des Kontrastes schon gerade bedenklich genug.

Aber das eigentlich Bedenkliche kam doch erst, als der allmählich

ein scharfer Wagnerianer werdende Wrschowitz sich zum direkten

Niels-Gade-Verächter ausbildete. Niels Gade war ihm der Inbegriff alles

Trivialen und Unbedeutenden, und dazu kam noch, wie Amen in der Kirche,

daß unser junger Freund, wenn er als ›Niels Wrschowitz‹ vorgestellt

wurde, mit einer Art Sicherheit der Phrase begegnete: ›Niels? Ah,

Niels. Ein schöner Name innerhalb unsrer musikalischen Welt. Und hoch

erfreulich, ihn hier zum zweiten Male vertreten zu sehen.‹ All das

konnte der arme Kerl auf die Dauer nicht aushalten, und so kam er auf

den Gedanken, den Vornamen auf seiner Karte durch einen Doktortitel

wegzueskamotieren.«

Woldemar nickte.

»Jedenfalls, lieber Stechlin, ersehen Sie daraus zur Genüge, daß unser

Wrschowitz, als richtiger Künstler, in die Gruppe ~gens irritabilis~

gehört, und wenn Armgard ihn vielleicht aufgefordert haben sollte,

zum Tee zu bleiben, so bitt ich Sie herzlich, dieser Reizbarkeit

eingedenk zu sein. Wenn irgend möglich, vermeiden Sie Beziehungen auf

die ganze skandinavische Welt, besonders aber auf Dänemark direkt. Er

wittert überall Verrat. Übrigens, wenn man auf seiner Hut ist, ist er

ein feiner und gebildeter Mann. Ich hab ihn eigentlich gern, weil er

anders ist wie andre.«

* * * * *

Der alte Graf behielt recht mit seiner Vermutung: Armgard hatte

den Doktor Wrschowitz aufgefordert zu bleiben, und als bald danach

Jeserich eintrat, um den Grafen und Woldemar zum Tee zu bitten, fanden

diese beim Eintritt in das Mittelzimmer nicht nur Armgard, sondern

auch Wrschowitz vor, der, die Finger ineinander gefaltet, mitten in

dem Salon stand und die an der Büfettwand hängenden Bilder mit jenem

eigentümlichen Mischausdruck von aufrichtigem Gelangweiltsein und

erkünsteltem Interesse musterte. Der Rittmeister hatte dem Grafen

wieder seinen Arm geboten; Armgard ging auf Woldemar zu und sprach

ihm ihre Freude aus, daß er gekommen; auch Melusine werde gewiß bald

da sein; sie habe noch zuletzt gesagt: »Du sollst sehen, heute kommt

Stechlin.« Danach wandte sich die junge Komtesse wieder Wrschowitz zu,

der sich eben in das von Hubert Herkomer gemalte Bild der verstorbenen

Gräfin vertieft zu haben schien, und sagte, gegenseitig vorstellend,

»Doktor Wrschowitz, Rittmeister von Stechlin.« Woldemar, seiner

Instruktion eingedenk, verbeugte sich sehr artig, während Wrschowitz,

ziemlich ablehnend, seinem Gesicht den stolzen Doppelausdruck von

Künstler und Hussiten gab.

Der alte Graf hatte mittlerweile Platz genommen, entschuldigte sich,

mit der unglücklichen Stellage beschwerlich fallen zu müssen, und bat

die beiden Herren, sich neben ihm niederzulassen, während Armgard,

dem Vater gegenüber, an der andern Schmalseite des Tisches saß. Der

alte Graf nahm seine Tasse Tee, schob den Kognak, »des Tees bessren

Teil,« mit einem humoristischen Seufzer beiseit und sagte, während er

sich links zu Wrschowitz wandte: »Wenn ich recht gehört habe -- so ein

bißchen von musikalischem Ohr ist mir geblieben --, so war es Chopin,

was Armgard zu Beginn der Stunde spielte ...«

Wrschowitz verneigte sich.

»Chopin, für den ich eine Vorliebe habe, wie für alle Polen,

vorausgesetzt, daß sie Musikanten oder Dichter oder auch

Wissenschaftsmenschen sind. Als Politiker kann ich mich mit ihnen nicht

befreunden. Aber vielleicht nur deshalb nicht, weil ich Deutscher und

sogar Preuße bin.«

»Sehr warr, sehr warr,« sagte Wrschowitz, mehr gesinnungstüchtig als

artig.

»Ich darf sagen, daß ich für polnische Musiker, von meinen frühesten

Leutnantstagen an, eine schwärmerische Vorliebe gehabt habe. Da gab es

unter anderm eine Polonaise von Oginski, die damals so regelmäßig und

mit soviel Passion gespielt wurde, wie später der ›Erlkönig‹ oder die

›Glocken von Speier‹. Es war auch die Zeit vom ›Alten Feldherrn‹ und

von ›Denkst du daran, mein tapferer Lagienka‹.«

»Jawohl, Herr Graff, eine schlechte Zeit. Und warr mir immerdarr eine

besondere Lust zu sehen, wie das Sentimentalle wieder fällt. Immer

merr, immer merr. Ich hasse das Sentimentalle ~de tout mon cœur~.«

»Worin ich,« sagte Woldemar, »Herrn Doktor Wrschowitz durchaus

zustimme. Wir haben in der Poesie genau dasselbe. Da gab es

auch dergleichen, und ich bekenne, daß ich als Knabe für solche

Sentimentalitäten geschwärmt habe. Meine besondere Schwärmerei war

›König Renés Tochter‹ von Henrik Hertz, einem jungen Kopenhagener, wenn

ich nicht irre ...«

Wrschowitz verfärbte sich, was Woldemar, als er es wahrnahm, zu

sofortigem raschen Einlenken bestimmte. »... ›König Renés Tochter‹, ein

lyrisches Drama. Aber schon seit lange wieder vergessen. Wir stehen

jetzt im Zeichen von Tolstoj und der Kreutzersonate.«

»Sehr warr, sehr warr,« sagte der rasch wieder beruhigte Wrschowitz und

nahm nur noch Veranlassung, energisch gegen die Mischung von Kunst und

Sektierertum zu protestieren.

Woldemar, großer Tolstojschwärmer, wollte für den russischen Grafen

eine Lanze brechen, aber Armgard, die, wenn derartige Themata berührt

wurden, der Salonfähigkeit ihres Freundes Wrschowitz arg mißtraute,

war sofort aufrichtig bemüht, das Gespräch auf harmlosere Gebiete

hinüberzuspielen. Als ein solches friedeverheißendes Gebiet erschien

ihr in diesem Augenblicke ganz eminent die Grafschaft Ruppin, aus deren

abgelegenster Nordostecke Woldemar eben wieder eingetroffen war, und so

sprach sie denn gegen diesen den Wunsch aus, ihn über seinen jüngsten

Ausflug einen kurzen Bericht erstatten zu sehen. »Ich weiß wohl, daß

ich meiner Schwester Melusine (die voll Neugier und Verlangen ist, auch

davon zu hören) einen schlechten Dienst damit leiste; Herr von Stechlin

wird es aber nicht verschmähen, wenn meine Schwester erst wieder da

ist, darauf zurückzukommen. Es braucht ja, wenn man plaudert, nicht

alles absolut neu zu sein. Man darf sich wiederholen. Papa hat auch

einzelnes, das er öfter erzählt.«

»Einzelnes?« lachte der alte Graf, »meine Tochter Armgard meint

›vieles‹.«

»Nein, Papa, ich meine einzelnes. Da gibt es denn doch ganz andre, zum

Beispiel unser guter Baron. Und die Baronin sieht auch immer weg, wenn

er anfängt. Aber lassen wir den Baron und seine Geschichten, und hören

wir lieber von Herrn von Stechlins Ausfluge. Doktor Wrschowitz teilt

gewiß meinen Geschmack.«

»Teile vollkommen.«

»Also, Herr von Stechlin,« fuhr Armgard fort. »Sie haben nach diesen

Erklärungen unsers Freundes Wrschowitz einen freundlichen Zuhörer mehr,

vielleicht sogar einen begeisterten. Auch für Papa möcht ich mich

verbürgen. Wir sind ja eigentlich selber märkisch oder doch beinah,

und wissen trotzdem so wenig davon, weil wir immer draußen waren.

Ich kenne wohl Saatwinkel und den Grunewald, aber das eigentliche

brandenburgische Land, das ist doch noch etwas andres. Es soll alles so

romantisch sein und so melancholisch, Sand und Sumpf und im Wasser ein

paar Binsen oder eine Birke, dran das Laub zittert. Ist Ihre Ruppiner

Gegend auch so?«

»Nein, Komtesse, wir haben viel Wald und See, die sogenannte

Mecklenburgische Seenplatte.«

»Nun, das ist auch gut. Mecklenburg, wie mir die Berchtesgadens erst

neulich versichert haben, hat auch seine Romantik.«

»Sehr warr. Habe gelesen Stromtid und habe gelesen Franzosentid ...«

»Und dann glaub ich auch zu wissen,« fuhr Armgard fort, »daß Sie

Rheinsberg ganz in der Nähe haben. Ist es richtig? Und kennen Sie's? Es

soll soviel Interessantes bieten. Ich erinnere mich seiner aus meinen

Kindertagen her, trotzdem wir damals in London lebten. Oder vielleicht

auch gerade deshalb. Denn es war die Zeit, wo das Carlylesche Buch

über Friedrich den Großen immer noch in Mode war, und wo's zum guten

Ton gehörte, sich nicht bloß um die Terrasse von Sanssouci zu kümmern,

sondern auch um Rheinsberg und den Orden ~de la générosité~. Lebt das

alles noch da? Spricht das Volk noch davon?«

»Nein, Komtesse, das ist alles fort. Und überhaupt, von dem großen

König spricht im Rheinsbergischen niemand mehr, was auch kaum anders

sein kann. Der große König war als Kronprinz nur kurze Zeit da, sein

Bruder Heinrich aber fünfzig Jahre. Und so hat die Prinz-Heinrich-Zeit

beklagenswerterweise die Kronprinzenzeit ganz erdrückt. Aber

beklagenswert doch nicht in allem. Denn Prinz Heinrich war auch

bedeutend und vor allem sehr kritisch. Was doch immer ein Vorzug ist.«

»Sehr warr, sehr warr,« unterbrach hier Wrschowitz.

»Er war sehr kritisch,« wiederholte Woldemar. »Namentlich auch gegen

seinen Bruder, den König. Und die Malkontenten, deren es auch damals

schon die Hülle und Fülle gab, waren beständig um ihn herum. Und dabei

kommt immer was heraus.«

»Sehr warr, sehr warr ...«

»Denn zufriedene Hofleute sind allemal öd und langweilig, aber die

Frondeurs, wenn +die+ den Mund auftun, da kann man was hören, da tut

sich einem was auf.«

»Gewiß,« sagte Armgard. »Aber trotzdem, Herr von Stechlin, ich

kann das Frondieren nicht leiden. Frondeur ist doch immer nur der

gewohnheitsmäßig Unzufriedene, und wer immer unzufrieden ist, der taugt

nichts. Immer Unzufriedene sind dünkelhaft und oft boshaft dazu, und

während sie sich über andre lustig machen, lassen sie selber viel zu

wünschen übrig.«

Der Stechlin: Roman · 第 10 / 33 段