Reihe von Jahren in Berlin, und zwar am Kronprinzenufer, zwischen
Alsen- und Moltkebrücke. Das Haus, dessen erste Etage sie bewohnten,
unterschied sich, ohne sonst irgendwie hervorragend zu sein (Berlin
ist nicht reich an Privathäusern, die Schönheit und Eigenart in sich
vereinigen), immerhin vorteilhaft von seinen Nachbarhäusern, von
denen es durch zwei Terrainstreifen getrennt wurde; der eine davon
ein kleiner Baumgarten, mit allerlei Buschwerk dazwischen, der andre
ein Hofraum mit einem zierlichen, malerisch wirkenden Stallgebäude,
dessen obere Fenster, hinter denen sich die Kutscherwohnung befand,
von wildem Wein umwachsen waren. Schon diese Lage des Hauses hätte
demselben ein bestimmtes Maß von Aufmerksamkeit gesichert, aber auch
seine Fassade mit ihren zwei Loggien links und rechts ließ die des
Weges Kommenden unwillkürlich ihr Auge darauf richten. Hier, in eben
diesen Loggien, verbrachte die Familie mit Vorliebe die Früh- und
Nachmittagsstunden und bevorzugte dabei, je nach der Jahreszeit,
mal den zum Zimmer des alten Grafen gehörigen, in pompejischem Rot
gehaltenen Einbau, mal die gleichartige Loggia, die zum Zimmer der
beiden jungen Damen gehörte. Dazwischen lag ein dritter großer Raum,
der als Repräsentations- und zugleich als Eßzimmer diente. Das war,
mit Ausnahme der Schlaf- und Wirtschaftsräume, das Ganze, worüber man
Verfügung hatte; man wohnte mithin ziemlich beschränkt, hing aber sehr
an dem Hause, so daß ein Wohnungswechsel, oder auch nur der Gedanke
daran, so gut wie ausgeschlossen war. Einmal hatte die liebenswürdige,
besonders mit Gräfin Melusine befreundete Baronin Berchtesgaden einen
solchen Wohnungswechsel in Vorschlag gebracht, aber nur um sofort
einem lebhaften Widerspruche zu begegnen. »Ich sehe schon, Baronin,
Sie führen den ganzen Lennéstraßenstolz gegen uns ins Gefecht. Ihre
Lennéstraße! Nun ja, wenn's sein muß. Aber was haben Sie da groß? Sie
haben den Lessing ganz und den Goethe halb. Und um beides will ich
Sie beneiden und Ihnen auch die Spreewaldsammen in Rechnung stellen.
Aber die Lennéstraßenwelt ist geschlossen, ist zu, sie hat keinen
Blick ins Weite, kein Wasser, das fließt, keinen Verkehr, der flutet.
Wenn ich in unsrer Nische sitze, die lange Reihe der herankommenden
Stadtbahnwaggons vor mir, nicht zu nah und nicht zu weit, und sehe
dabei, wie das Abendrot den Lokomotivenrauch durchglüht und in dem
Filigranwerk der Ausstellungsparktürmchen schimmert, was will Ihre
grüne Tiergartenwand dagegen?« Und dabei wies die Gräfin auf einen
gerade vorüberdampfenden Zug, und die Baronin gab sich zufrieden.
Ein solcher Abend war auch heute; die Balkontür stand auf, und ein
kleines Feuer im Kamin warf seine Lichter auf den schweren Teppich, der
durch das ganze Zimmer hin lag. Es mochte die sechste Stunde sein, und
die Fenster drüben an den Häusern der andern Seite standen wie in roter
Glut. Ganz in der Nähe des Kamins saß Armgard, die jüngere Tochter, in
ihren Stuhl zurückgelehnt, die linke Fußspitze leicht auf den Ständer
gestemmt. Die Stickerei, daran sie bis dahin gearbeitet, hatte sie,
seit es zu dunkeln begann, aus der Hand gelegt und spielte statt dessen
mit einem Ballbecher, zu dem sie regelmäßig griff, wenn es galt, leere
Minuten auszufüllen. Sie spielte das Spiel sehr geschickt, und es gab
immer einen kleinen hellen Schlag, wenn der Ball in den Becher fiel.
Melusine stand draußen auf dem Balkon, die Hand an die Stirn gelegt, um
sich gegen die Blendung der untergehenden Sonne zu schützen.
»Armgard,« rief sie in das Zimmer hinein, »komm; die Sonne geht eben
unter!«
»Laß. Ich sehe hier lieber in den Kamin. Und ich habe auch schon
zwölfmal gefangen.«
»Wen?«
»Nun natürlich den Ball.«
»Ich glaube, du fingst lieber wen anders. Und wenn ich dich so dasitzen
sehe, so kommt es mir fast vor, als dächtest du selber auch so was. Du
sitzt so märchenhaft da.«
»Ach, du denkst immer nur an Märchen und glaubst, weil du Melusine
heißt, du hast so was wie eine Verpflichtung dazu.«
»Kann sein. Aber vor allem glaub ich, daß ich es getroffen habe. Weißt
du, was?«
»Nun?«
»Ich kann es so leicht nicht sagen. Du sitzt zu weit ab.«
»Dann komm und sag es mir ins Ohr.«
»Das ist zuviel verlangt. Denn erstens bin ich die ältere, und zweitens
bist du's, die was von mir will. Aber ich will es so genau nicht
nehmen.«
Und dabei ging Melusine vom Balkon her auf die Schwester zu, nahm ihr
das Fangspiel fort und sagte, während sie ihr die Hand auf die Stirn
legte: »Du bist verliebt.«
»Aber Melusine, was das nun wieder soll! Und wenn man so klug ist wie
du ... Verliebt. Das ist ja gar nichts; etwas verliebt ist man immer.«
»Gewiß. Aber in wen? Da beginnen die Fragen und die Finessen.«
In diesem Augenblicke ging die Klingel draußen, und Armgard horchte.
»Wie du dich verrätst,« lachte Melusine. »Du horchst und willst wissen,
wer kommt.«
Melusine wollte noch weiter sprechen, aber die Tür ging bereits auf und
Lizzi, die Kammerjungfer der beiden Schwestern, trat ein, unmittelbar
hinter ihr ein Gersonscher Livreediener mit einem in einen Riemen
geschnallten Karton. »Er bringt die Hüte,« sagte die Kammerjungfer.
»Ah, die Hüte. Ja, Armgard, da müssen wir freilich unsre Frage
vertagen. Was doch wohl auch deine Meinung ist. Bitte, stellen Sie hin.
Aber Lizzi, du, du bleibst und mußt uns helfen; du hast einen guten
Geschmack. Übrigens, ist kein Stehspiegel da?«
»Soll ich ihn holen?«
»Nein, nein, laß. Unsre Köpfe, worauf es doch bloß ankommt, können
wir schließlich auch in diesem Spiegel sehen ... Ich denke, Armgard,
du läßt mir die Vorhand; dieser hier mit dem Heliotrop und den
Stiefmütterchen, der ist natürlich für mich; er hat den richtigen
Frauencharakter, fast schon Witwe.«
Unter diesen Worten setzte sie sich den Hut auf und trat an den
Spiegel. »Nun, Lizzi, sprich.«
»Ich weiß nicht recht, Frau Gräfin, er scheint mir nicht modern genug.
Der, den Komtesse Armgard eben aufsetzt, der würde wohl auch für Frau
Gräfin besser passen -- die hohen Straußfedern, wie ein Ritterhelm, und
auch die Hutform selbst. Hier ist noch einer, fast ebenso und beinah
noch hübscher.«
Beide Damen stellten sich jetzt vor den Spiegel; Armgard, hinter der
Schwester stehend und größer als diese, sah über deren linke Schulter
fort. Beide gefielen sich ungemein, und schließlich lachten sie, weil
jede der andern ansah, wie hübsch sie sich fand.
»Ich möchte doch beinah glauben ...,« sagte Melusine, kam aber nicht
weiter, denn in eben diesem Augenblicke trat ein in schwarzen Frack und
Escarpins gekleideter alter Diener ein und meldete: »Rittmeister von
Stechlin.«
Unmittelbar darauf erschien denn auch Woldemar selbst und verbeugte
sich gegen die Damen. »Ich fürchte, daß ich zu sehr ungelegener Stunde
komme.«
»Ganz im Gegenteil, lieber Stechlin. Um wessentwillen quälen wir uns
denn überhaupt mit solchen Sachen? Doch bloß um unsrer Gebieter willen,
die man ja (vielleicht leider) auch noch hat, wenn man sie nicht mehr
hat.«
»Immer die liebenswürdige Frau.«
»Keine Schmeicheleien. Und dann, diese Hüte sind wichtig. Ich nehm
es als eine Fügung, daß Sie da gerade hinzukommen; Sie sollen
entscheiden. Wir haben freilich schon Lizzis Meinung angerufen, aber
Lizzi ist zu diplomatisch; Sie sind Soldat und müssen mehr Mut haben;
Armgard, sprich auch; du bist nicht mehr jung genug, um noch ewig die
Verlegene zu spielen. Ich bin sonst gegen alle Gutachten, namentlich in
Prozeßsachen (ich weiß ein Lied davon zu singen), aber ein Gutachten
von Ihnen, da laß ich all meine Bedenken fallen. Außerdem bin ich für
Autoritäten, und wenn es überhaupt Autoritäten in Sachen von Geschmack
und Mode gibt, wo wären sie besser zu finden als im Regiment Ihrer
Kaiserlich Königlichen Majestät von Großbritannien und Indien? Irland
laß ich absichtlich fallen und nehme lieber Indien, woher aller gute
Geschmack kommt, alle alte Kultur, alle Schals und Teppiche, Buddha
und die weißen Elefanten. Also antreten, Armgard; du natürlich an den
rechten Flügel, denn du bist größer. Und nun, lieber Stechlin, wie
finden Sie uns?«
»Aber, meine Damen ...«
»Keine Feigheiten. Wie finden Sie uns?«
»Unendlich nett.«
»Nett? Verzeihen Sie, Stechlin, nett ist kein Wort. Wenigstens kein
nettes Wort. Oder wenigstens ungenügend.«
»Also schlankweg entzückend.«
»Das ist gut. Und zur Belohnung die Frage: wer ist entzückender?«
»Aber Frau Gräfin, das ist ja die reine Geschichte mit dem seligen
Paris. Bloß, er hatte es viel leichter, weil es drei waren. Aber zwei.
Und noch dazu Schwestern.«
»Wer? Wer?«
»Nun, wenn es denn durchaus sein muß, Sie, gnädigste Frau.«
»Schändlicher Lügner. Aber wir behalten diese zwei Hüte. Lizzi, gib all
das andre zurück. Und Jeserich soll die Lampen bringen; draußen ein
Streifen Abendrot und hier drinnen ein verglimmendes Feuer, -- das ist
denn doch zu wenig oder, wenn man will, zu gemütlich.«
Die Lampen hatten draußen schon gebrannt, so daß sie gleich da waren.
»Und nun schließen Sie die Balkontür, Jeserich, und sagen Sie's Papa,
daß der Herr Rittmeister gekommen. Papa ist nicht gut bei Wege, wieder
die neuralgischen Schmerzen; aber wenn er hört, daß Sie da sind, so tut
er ein übriges. Sie wissen, Sie sind sein Verzug. Man weiß immer, wenn
man Verzug ist. Ich wenigstens hab es immer gewußt.«
»Das glaub ich.«
»Das glaub ich! Wie wollen Sie das erklären?«
»Einfach genug, gnädigste Gräfin. Jede Sache will gelernt sein.
Alles ist schließlich Erfahrung. Und ich glaube, daß Ihnen reichlich
Gelegenheit gegeben wurde, der Frage ›Verzug oder Nichtverzug‹
praktisch näherzutreten.«
»Gut herausgeredet. Aber nun, Armgard, sage dem Herrn von Stechlin (ich
persönlich getraue mich's nicht), daß wir in einer halben Stunde fort
müssen, Opernhaus, ›Tristan und Isolde‹. Was sagen Sie dazu? Nicht zu
Tristan und Isolde, nein, zu der heikleren Frage, daß wir eben gehen,
im selben Augenblick, wo Sie kommen. Denn ich seh es Ihnen an, Sie
kamen nicht so bloß um ›~five o'clock tea's~‹ willen, Sie hatten es
besser mit uns vor. Sie wollten bleiben ...«
»Ich bekenne ...«
»Also getroffen. Und zum Zeichen, daß Sie großmütig sind und Verzeihung
üben, versprechen Sie, daß wir Sie bald wiedersehen, recht, recht bald.
Ihr Wort darauf. Und dem Papa, der Sie vielleicht erwartet, wenn es
Jeserich für gut befunden hat, die Meldung auszurichten, -- dem Papa
werd ich sagen, Sie hätten nicht bleiben können, eine Verabredung, Klub
oder sonst was.«
* * * * *
Während Woldemar nach diesem abschließenden Gespräch mit Melusine die
Treppe hinabstieg und auf den nächsten Droschkenstand zuschritt, saß
der alte Graf in seinem Zimmer und sah, den rechten Fuß auf einen
Stuhl gelehnt, durch das Balkonfenster auf den Abendhimmel. Er liebte
diese Dämmerstunde, drin er sich nicht gerne stören ließ (am wenigsten
gern durch vorzeitig gebrachtes Licht), und als Jeserich, der das also
wußte, jetzt eintrat, war es nicht, um dem alten Grafen die Lampe zu
bringen, sondern nur um ein paar Kohlen aufzuschütten.
»Wer war denn da, Jeserich?«
»Der Herr Rittmeister.«
»So, so. Schade, daß er nicht geblieben ist. Aber freilich, was soll
er mit mir? Und der Fuß und die Schmerzen, dadurch wird man auch nicht
interessanter. Armgard und nun gar erst Melusine, ja, da geht es, da
redet sich's schon besser, und das wird der Rittmeister wohl auch
finden. Aber soviel ist richtig, ich spreche gern mit ihm; er hat so
was Ruhiges und Gesetztes und immer schlicht und natürlich. Meinst du
nicht auch?«
Jeserich nickte.
»Und glaubst du nicht auch (denn warum käme er sonst so oft), daß er
was vorhat?«
»Glaub ich auch, Herr Graf.«
»Na, was glaubst du?«
»Gott, Herr Graf ...«
»Ja, Jeserich, du willst nicht raus mit der Sprache. Das hilft dir aber
nichts. Wie denkst du dir die Sache?«
Jeserich schmunzelte, schwieg aber weiter, weshalb dem alten Grafen
nichts übrig blieb, als seinerseits fortzufahren. »Natürlich paßt
Armgard besser, weil sie jung ist; es ist so mehr das richtige
Verhältnis, und überhaupt, Armgard ist sozusagen dran. Aber, weiß der
Teufel, Melusine ...«
»Freilich, Herr Graf.«
»Also du hast doch auch so was gesehen. Alles dreht sich immer um die.
Wie denkst du dir nun den Rittmeister? Und wie denkst du dir die Damen?
Und wie steht es überhaupt? Ist es die oder ist es die?«
»Ja, Herr Graf, wie soll ich darüber denken? Mit Damen weiß man ja nie
-- vornehm und nicht vornehm, klein und groß, arm und reich, das is all
eins. Mit unsrer Lizzi is es gerad ebenso wie mit Gräfin Melusine. Wenn
man denkt, es is so, denn is es so, und wenn man denkt, es is so, denn
is es wieder so. Wie meine Frau noch lebte, Gott habe sie selig, die
sagte auch immer: ›Ja, Jeserich, was du dir bloß denkst; wir sind eben
ein Rätsel.‹ Ach Gott, sie war ja man einfach, aber das können Sie mir
glauben, Herr Graf, so sind sie alle.«
»Hast ganz recht, Jeserich. Und deshalb können wir auch nicht gegen an.
Und ich freue mich, daß du das auch so scharf aufgefaßt hast. Du bist
überhaupt ein Menschenkenner. Wo du's bloß her hast? Du hast so was von
nem Philosophen. Hast du schon mal einen gesehen?«
»Nein, Herr Graf. Wenn man so viel zu tun hat und immer Silber putzen
muß.«
»Ja, Jeserich, das hilft doch nu nich, davon kann ich dich nicht
freimachen ...«
»Nein, so mein ich es ja auch nich, Herr Graf, und ich bin ja auch
fürs Alte. Gute Herrschaft und immer denken, ›man gehört so halb wie
mit dazu,‹ -- dafür bin ich. Und manche sollen ja auch halb mit dazu
gehören ... Aber ein bißchen anstrengend is es doch mitunter, und man
is doch am Ende auch ein Mensch ...«
»Na, höre, Jeserich, das hab ich dir doch noch nicht abgesprochen.«
»Nein, nein, Herr Graf. Gott, man sagt so was bloß. Aber ein bißchen is
es doch damit ...«
Zwölftes Kapitel
Woldemar -- wie Rex seinem Freunde Czako, als beide über den Cremmer
Damm ritten, ganz richtig mitgeteilt hatte -- verkehrte seit Ausgang
des Winters im Barbyschen Hause, das er sehr bald vor andern Häusern
seiner Bekanntschaft bevorzugte. Vieles war es, was ihn da fesselte,
voran die beiden Damen; aber auch der alte Graf. Er fand Ähnlichkeiten,
selbst in der äußern Erscheinung, zwischen dem Grafen und seinem
Papa, und in seinem Tagebuche, das er, trotz sonstiger Modernität, in
altmodischer Weise von jung an führte, hatte er sich gleich am ersten
Abend über eine gewisse Verwandtschaft zwischen den beiden geäußert.
Es hieß da unterm achtzehnten April: »Ich kann Wedel nicht dankbar
genug sein, mich bei den Barbys eingeführt zu haben; alles, was er
von dem Hause gesagt, fand ich bestätigt. Diese Gräfin, wie charmant,
und die Schwester ebenso, trotzdem größere Gegensätze kaum denkbar
sind. An der einen alles Temperament und Anmut, an der andern alles
Charakter oder, wenn das zuviel gesagt sein sollte, Schlichtheit,
Festigkeit. Es bleibt mit den Namen doch eine eigene Sache; die Gräfin
ist ganz Melusine und die Komtesse ganz Armgard. Ich habe bis jetzt
freilich nur eine dieses Namens kennen gelernt, noch dazu bloß als
Bühnenfigur, und ich mußte beständig an diese denken, wie sie da
(ich glaube, es war Fräulein Stolberg, die ja auch das Maß hat) dem
Landvogt so mutig in den Zügel fällt. Ganz so wirkt Komtesse Armgard!
Ich möchte beinah sagen, es läßt sich an ihr wahrnehmen, daß ihre
Mutter eine richtige Schweizerin war. Und dazu der alte Graf! Wie
ein Zwillingsbruder von Papa; derselbe Bismarckkopf, dasselbe humane
Wesen, dieselbe Freundlichkeit, dieselbe gute Laune. Papa ist aber
ausgiebiger und auch wohl origineller. Vielleicht hat der verschiedene
Lebensgang diese Verschiedenheiten erst geschaffen. Papa sitzt nun seit
richtigen dreißig Jahren in seinem Ruppiner Winkel fest, der Graf war
ebensolange draußen! Ein Botschaftsrat ist eben was anderes als ein
Ritterschaftsrat, und an der Themse wächst man sich anders aus als am
›Stechlin‹ -- unsern Stechlin dabei natürlich in Ehren. Trotzdem, die
Verwandtschaft bleibt. Und der alte Diener, den sie Jeserich nennen,
der ist nun schon ganz und gar unser Engelke vom Kopf bis zur Zeh. Aber
was am verwandtesten ist, das ist doch die gesamte Hausatmosphäre, das
Liberale. Papa selbst würde zwar darüber lachen -- er lacht über nichts
so sehr wie über Liberalismus --, und doch kenne ich keinen Menschen,
der innerlich so frei wäre, wie gerade mein guter Alter. Zugeben wird
er's freilich nie und wird in dem Glauben sterben: ›Morgen tragen sie
einen echten alten Junker zu Grabe.‹ Das ist er auch, aber doch auch
wieder das volle Gegenteil davon. Er hat keine Spur von Selbstsucht.
Und diesen schönen Zug (ach, so selten), den hat auch der alte Graf.
Nebenher freilich ist er Weltmann, und das gibt dann den Unterschied
und das Übergewicht. Er weiß -- was sie hierzulande nicht wissen oder
nicht wissen wollen --, daß hinterm Berge auch noch Leute wohnen. Und
mitunter noch ganz andre.«
* * * * *
Das waren die Worte, die Woldemar in sein Tagebuch eintrug. Von allem,
was er gesehen, war er angenehm berührt worden, auch von Haus und
Wohnung. Und dazu war guter Grund da, mehr als er nach seinem ersten
Besuche wissen konnte. Das von der gräflichen Familie bewohnte Haus
mit seinen Loggien und seinem diminutiven Hof und Garten teilte sich
in zwei Hälften, von denen jede noch wieder ihre besondern Annexe
hatte. Zu der Beletage gehörte das zur Seite gelegene pittoreske Hof-
und Stallgebäude, drin der gräfliche Kutscher, Herr Imme, residierte,
während zu dem die zweite Hälfte des Hauses bildenden Hochparterre
ziemlich selbstverständlich noch das kleine niedrige Souterrain
gerechnet wurde, drin, außer Portier Hartwig selbst, dessen Frau,
sein Sohn Rudolf und seine Nichte Hedwig wohnten. Letztere freilich
nur zeitweilig, und zwar immer nur dann, wenn sie, was allerdings
ziemlich häufig vorkam, mal wieder ohne Stellung war. Die Wirtin des
Hauses, Frau Hagelversicherungssekretär Schickedanz, hätte diesen
gelegentlichen Aufenthalt der Nichte Hartwigs eigentlich beanstanden
müssen, ließ es aber gehen, weil Hedwig ein heiteres, quickes und sehr
anstelliges Ding war und manches besaß, was die Schickedanz mit der
Ungehörigkeit des ewigen Dienstwechsels wieder aussöhnte.
Die Schickedanz, eine Frau von sechzig, war schon verwitwet, als im
Herbst fünfundachtzig die Barbys einzogen, Komtesse Armgard damals
erst zehnjährig. Frau Schickedanz selbst war um jene Zeit noch in
Trauer, weil ihr Gatte, der Versicherungssekretär, erst im Dezember des
vorausgegangenen Jahres gestorben war, »drei Tage vor Weihnachten«,
ein Umstand, auf den der Hilfsprediger, ein junger Kandidat, in seiner
Leichenrede beständig hingewiesen und die gewollte Wirkung auch
richtig erzielt hatte. Allerdings nur bei der Schickedanz selbst
und einigermaßen auch bei der Frau Hartwig, die während der ganzen
Rede beständig mit dem Kopf genickt und nachträglich ihrem Manne
bemerkt hatte: »Ja. Hartwig, da liegt doch was drin.« Hartwig selber
indes, der, im Gegensatz zu den meisten seines Standes, humoristisch
angeflogen war, hatte für die merkwürdige Fügung von »drei Tage vor
Weihnachten« nicht das geringste Verständnis gezeigt, vielmehr nur die
Bemerkung dafür gehabt: »Ich weiß nicht, Mutter, was du dir eigentlich
dabei denkst? Ein Tag ist wie der andre; mal muß man ran,« -- worauf
die Frau jedoch geantwortet hatte: »Ja, Hartwig, das sagst du so immer;
aber wenn du dran bist, dann redst du anders.«
Der verstorbene Schickedanz hatte, wie der Tod ihn ankam, ein Leben
hinter sich, das sich in zwei sehr verschiedene Hälften, in eine ganz
kleine unbedeutende und in eine ganz große, teilte. Die unbedeutende
Hälfte hatte lange gedauert, die große nur ganz kurz. Er war ein
Ziegelstreichersohn aus dem bei Potsdam gelegenen Dorfe Kaputt, was er,
als er aus dem diesem Dorfnamen entsprechenden Zustande heraus war,
in Gesellschaft guter Freunde gern hervorhob. Es war so ziemlich der
einzige Witz seines Lebens, an dem er aber zäh festhielt, weil er sah,
daß er immer wieder wirkte. Manche gingen so weit, ihm den Witz auch
noch moralisch gutzuschreiben und behaupteten: Schickedanz sei nicht
bloß ein Charakter, sondern auch eine bescheidene Natur.
Ob dies zutraf, wer will es sagen! Aber das war sicher, daß er
sich von Anfang an als ein aufgeweckter Junge gezeigt hatte. Schon
mit sechzehn war er als Hilfsschreiber in die deutsch-englische
Hagelversicherungsgesellschaft Pluvius eingetreten und hatte mit
sechsundsechzig sein fünfzigjähriges Dienstjubiläum in eben dieser
Gesellschaft gefeiert. Das war aus bestimmten Gründen ein großer Tag
gewesen. Denn als Schickedanz ihn erlebte, hieß er nur noch so ganz
obenhin »Herr Versicherungssekretär«, war aber in Wahrheit über diesen
seinen Titel weit hinausgewachsen und besaß bereits das schöne Haus am
Kronprinzenufer. Er hatte sich das leisten können, weil er im Laufe
der letzten fünf Jahre zweimal hintereinander ein Viertel vom großen
Lose gewonnen hatte. Dies sah er sich allerseits als persönliches
Verdienst angerechnet und auch wohl mit Recht. Denn arbeiten kann
jeder, das große Los gewinnen kann nicht jeder. Und so blieb er denn
bei der Versicherungsgesellschaft lediglich nur noch als verhätscheltes
Zierstück, weil es damals wie jetzt einen guten Eindruck machte,
Personen der Art im Dienst oder gar als Teilnehmer zu haben. An der
Spitze muß immer ein Fürst stehen. Und Schickedanz war jetzt Fürst.
Alles drängte sich nicht bloß an ihn, sondern seine Stammtischfreunde,
die zu seiner zweimal bewährten Glückshand ein unbedingtes Vertrauen
hatten, drangen sogar eine Zeitlang in ihn, die Lotterielose für sie
zu ziehen. Aber keiner gewann, was schließlich einen Umschlag schuf
und einzelne von »bösem Blick« und sogar ganz unsinnigerweise von
Mogelei sprechen ließ. Die meisten indessen hielten es für klug, ihr
Übelwollen zurückzuhalten; war er doch immerhin ein Mann, der jedem,
wenn er wollte, Deckung und Stütze geben konnte. Ja, Schickedanz' Glück
und Ansehen waren groß, am größten natürlich an seinem Jubiläumstage.
Nicht zu glauben, wer da alles kam. Nur ein Orden kam nicht, was denn
auch von einigen Schickedanzfanatikern sehr mißliebig bemerkt wurde.
Besonders schmerzlich empfand es die Frau. »Gott, er hat doch immer
so treu gewählt,« sagte sie. Sie kam aber nicht in die Lage, sich
in diesen Schmerz einzuleben, da schon die nächsten Zeiten bestimmt
waren, ihr Schwereres zu bringen. Am 21. September war das Jubiläum
gewesen, am 21. Oktober erkrankte er, am 21. Dezember starb er. Auf
dem Notizenzettel, den man damals dem Kandidaten zugestellt hatte,
hatte dieser dreimal wiederkehrende »einundzwanzigste« gefehlt, was
alles in allem wohl als ein Glück angesehen werden konnte, weil,
entgegengesetztenfalls die »drei Tage vor Weihnachten« entweder gar
nicht zustande gekommen oder aber durch eine geteilte Herrschaft in
ihrer Wirkung abgeschwächt worden wären.
Schickedanz war bei voller Besinnung gestorben. Er rief, kurz vor
seinem Ende, seine Frau an sein Bett und sagte: »Riekchen, sei ruhig.
Jeder muß. Ein Testament hab ich nicht gemacht. Es gibt doch bloß immer
Zank und Streit. Auf meinem Schreibtisch liegt ein Briefbogen, drauf
hab ich alles Nötige geschrieben. Viel wichtiger ist mir das mit dem
Haus. Du mußt es behalten, damit die Leute sagen können: ›Da wohnt
Frau Schickedanz.‹ Hausname, Straßenname, das ist überhaupt das Beste.
Straßenname dauert noch länger als Denkmal.«
»Gott, Schickedanz, sprich nicht so viel; es strengt dich an. Ich will
es ja alles heilig halten, schon aus Liebe ...«
»Das ist recht, Riekchen. Ja, du warst immer eine gute Frau, wenn wir
auch keine Nachfolge gehabt haben. Aber darum bitte ich dich, vergiß
nie, daß es meine Puppe war. Du darfst bloß vornehme Leute nehmen;
reiche Leute, die bloß reich sind, nimm nicht; die quängeln bloß und
schlagen große Haken in die Türfüllung und hängen eine Schaukel dran.
Überhaupt, wenn es sein kann, keine Kinder. Hartwigen unten mußt du
behalten; er ist eigentlich ein Klugschmus, aber die Frau ist gut. Und
der kleine Rudolf, mein Patenkind, wenn er ein Jahr alt wird, soll er
hundert Taler kriegen. Taler, nicht Mark. Und der Schullehrer in Kaputt
soll auch hundert Taler kriegen. Der wird sich wundern. Aber darauf
freu ich mich schon. Und auf dem Invalidenkirchhof will ich begraben
sein, wenn es irgend geht. Invalide ist ja doch eigentlich jeder. Und
anno siebzig war ich doch auch mit Liebesgaben bis dicht an den Feind,
trotzdem Luchterhand immer sagte: ›Nicht so nah ran.‹ Sei freundlich
gegen die Leute und nicht zu sparsam (du bist ein bißchen zu sparsam)
und bewahre mir einen Platz in deinem Herzen. Denn treu warst du, das
sagt mir eine innere Stimme.«