»Ja, du lachst, Woldemar, und ich will dir auch nicht bestreiten,

daß man über die gute Seele lachen kann. Aber sie hat doch auch

was Gehaltvolles in ihrer Natur, was sich erst neulich wieder in

einem intimen Gespräch mit unserm Fix zeigte, der trotz aller

Bekenntnisstrenge (die selbst Koseleger ihm zugesteht) an unserm

letzten Whistabend Äußerungen tat, die wir alle tief bedauern mußten,

wir, die wir die Whistpartie machten, nun schon ganz gewiß, aber auch

die gute, taube Schimonski, der wir, weil sie uns so aufgeregt sah,

alles auf einen Zettel schreiben mußten.«

»Und was war es denn?«

»Ach, es handelte sich um das, was uns allen, wie du dir denken kannst,

jetzt das Teuerste bedeutet, um den ›Wortlaut‹. Und denke dir, unser

Fix war dagegen. Er mußte wohl denselben Tag was gelesen haben, was

ihn abtrünnig gemacht hatte. Personen wie Fix sind sehr bestimmbar.

Und kurz und gut, er sagte: das mit dem ›Wortlaut‹, das ginge nicht

länger mehr, die ›Werte‹ wären jetzt anders, und weil die Werte nicht

mehr dieselben wären, müßten auch die Worte sich danach richten und

müßten gemodelt werden. Er sagte ›gemodelt‹. Aber was er am meisten

immer wieder betonte, das waren die ›Werte‹ und die Notwendigkeit der

›Umwertung‹.«

»Und was sagte die Schmargendorf dazu?«

»Du hast ganz recht, mich dabei wieder auf die Schmargendorf zu

bringen. Nun, die war außer sich und hat die darauffolgende Nacht

nicht schlafen können. Erst gegen Morgen kam ihr ein tiefer Schlaf,

und da sah sie, so wenigstens hat sie's mir und dem Superintendenten

versichert, einen Engel, der mit seinem Flammenfinger immer auf ein

Buch wies und in dem Buch auf eine und dieselbe Stelle.«

»Welche Stelle?«

»Ja, darüber war ein Streit; die Schmargendorf hatte sie genau gelesen

und wollte sie hersagen. Aber sie sagte sie falsch, weil sie Sonntags

in der Kirche nie recht aufpaßt. Und wir sagten ihr das auch. Und denke

dir, sie widersprach nicht und blieb überhaupt ganz ruhig dabei. ›Ja,‹

sagte sie, ›sie wisse recht gut, daß sie die Stelle falsch hergesagt

hätte, sie habe nie was richtig hersagen können; aber das wisse sie

ganz genau, die Stelle mit dem Flammenfinger, das sei der ›Wortlaut‹

gewesen.‹«

»Und das hast du wirklich alles geglaubt, liebe Tante? Diese gute

Schmargendorf! Ich will ihr ja gerne folgen; aber was ihren Traum

angeht, da kann ich beim besten Willen nicht mit. Es wird ihr ein

Amtmann erschienen sein oder ein Pastor. Dreißig Jahre früher wär es

ein Student gewesen.«

»Ach, Woldemar, sprich doch nicht so. Das ist ja die neue Façon, in

der die Berliner sprechen, und in dem Punkt ist einer wie der andre.

Dein Freund Czako spricht auch so. Du mokierst dich jetzt über die gute

Schmargendorf, und dein Freund, der Hauptmann, soviel hab ich ganz

deutlich gesehen, tat es auch und hat sie bei Tische geuzt.«

»Geuzt?«

»Du wunderst dich über das Wort, und ich wundre mich selber darüber.

Aber daran ist auch unser guter Fix schuld. Der ist alle Monat mal

nach Berlin rüber, und wenn er dann wiederkommt, dann bringt er so was

mit, und wiewohl ich's unpassend finde, nehm ich's doch an und die

Schmargendorf auch. Bloß die Triglaff nicht und natürlich die gute

Schimonski auch nicht, wegen der Taubheit. Ja, Woldemar, ich sage

›geuzt‹, und dein Freund Czako hätt es lieber unterlassen sollen. Aber

das muß wahr sein, er ist amüsant, wenn auch ein bißchen auf der Wippe.

Siehst du ihn oft?«

»Nein, liebe Tante. Nicht oft. Bedenke die weiten Entfernungen. Von

unsrer Kaserne bis zu seiner, oder auch umgekehrt, das ist eine kleine

Reise. Dazu kommt noch, daß wir vor unserm Halleschen Tor eigentlich

gar nichts haben, bloß die Kirchhöfe, das Tempelhofer Feld und das

Rotherstift.«

»Aber ihr habt doch die Pferdebahn, wenn ihr irgendwo hin wollt. Beinah

muß ich sagen leider. Denn es gibt mir immer einen Stich, wenn ich mal

in Berlin bin, so die Offiziere zu sehen, wie sie da hinten stehen und

Platz machen, wenn eine Madamm aufsteigt, manchmal mit nem Korb und

manchmal auch mit ner Spreewaldsamme. Mir immer ein Horreur.«

»Ja, die Pferdebahn, liebe Tante, die haben wir freilich, und man kann

mit ihr in einer halben Stunde bis in Czakos Kaserne. Der weite Weg ist

es auch eigentlich nicht, wenigstens nicht allein, weshalb ich Czako so

selten sehe. Der Hauptgrund ist doch wohl der, er paßt nicht so ganz zu

uns und eigentlich auch kaum zu seinem Regiment. Er ist ein guter Kerl,

aber ein Äquivokenmensch und erzählt immer Nachmitternachtsgeschichten.

Wenn man ihn allein hat, geht es. Aber hat er ein Publikum, dann

kribbelt es ihn ordentlich, und je feiner das Publikum ist, desto mehr.

Er hat mich schon oft in Verlegenheit gebracht. Ich muß sagen, ich hab

ihn sehr gern, aber gesellschaftlich ist ihm Rex doch sehr überlegen.«

»Ja, Rex; natürlich. Das hab ich auch gleich bemerkt, ohne mir weiter

Rechenschaft darüber zu geben. Du wirst es aber wissen, wodurch er ihm

überlegen ist.«

»Durch vieles. Erstens, wenn man die Familien abwägt. Rex ist mehr als

Czako. Und dann ist Rex Kavallerist.«

»Aber ich denke, er ist Ministerialassessor.«

»Ja, das ist er auch. Aber nebenher, oder vielleicht noch darüber

hinaus, ist er Offizier, und sogar in unsrer Dragonerbrigade.«

»Das freut mich; da ist er ja so gut wie ein Spezialkamerad von dir.«

»Ich kann das zugeben und doch auch wieder nicht. Denn erstens ist er

in der Reserve, und zweitens steht er bei den zweiten Dragonern.«

»Macht das nen Unterschied?«

»Gott, Tante, wie man's nehmen will. Ja und nein. Bei Mars la Tour

haben wir dieselbe Attacke geritten.«

»Und doch ...«

»Und doch ist da ein gewisses ~je ne sais quoi~.«

»Sage nichts Französisches. Das verdrießt mich immer. Manche sagen

jetzt auch Englisches, was mir noch weniger gefällt. Aber lassen wir

das; ich finde nur, es wäre doch schrecklich, wenn es so bloß nach

der Zahl ginge. Was sollte denn da das Regiment anfangen, bei dem

ein Bruder unsrer guten Schmargendorf steht? Es ist, glaube ich, das

hundertfünfundvierzigste.«

»Ja, wenn es so hoch kommt, dann vertut es sich wieder. Aber so bei der

Garde ...«

Die Domina schüttelte den Kopf. »Darin, mein lieber Woldemar, kann

ich dir doch kaum folgen. Unser Fix sagt mitunter, ich sei zu

exklusiv, aber so exklusiv bin ich doch noch lange nicht. Und solch

Verstandesmensch, wie du bist, so ruhig und dabei so ›abgeklärt‹, wie

manche jetzt sagen, und, Gott verzeih mir die Sünde, auch so liberal,

worüber selbst dein Vater klagt. Und nun kommst du mir mit solchem

Vorurteil, ja, verzeih mir das Wort, mit solchen Überheblichkeiten.

Ich erkenne dich darin gar nicht wieder. Und wenn ich nun das erste

Garderegiment nehme, das ist ja doch auch ein erstes. Ist es denn

mehr als das zweite? Man kann ja sagen, soviel will ich zugeben, sie

haben die Blechmützen und sehen aus, als ob sie lauter Holländerinnen

heiraten wollten ... Was ihnen schon gefallen sollte.«

»Den Holländerinnen?«

»Nun, denen auch,« lachte die Tante. »Aber ich meinte jetzt unsre

Leute. Mißversteh mich übrigens nicht. Ich weiß recht gut, was es

mit den großen Grenadieren auf sich hat; aber die andern sind doch

ebensogut, und Potsdam ist doch schließlich bloß Potsdam.«

»Ja, Tante, das ist es ja eben. Daß sie noch immer in Potsdam sind,

das macht es. Deshalb ist es nach wie vor die ›Potsdamer Wachtparade‹.

Und dann das Wort ›erstes‹ spielt allerdings auch mit. Ein alter

Römer, mit dessen Namen ich dich nicht behelligen will, der wollte in

seinem Potsdam lieber der Erste, als in seinem Berlin der Zweite sein.

Wer der Erste ist, nun, der ist eben der Erste, und als die andern

aufstanden, da hatte dieser ›Erste‹ schon seinen Morgenspaziergang

gemacht und mitunter was für einen! Sieh, als das zweite Garderegiment

geboren wurde, da hatten die mit den Blechmützen schon den ganzen

Siebenjährigen Krieg hinter sich. Es ist damit wie mit dem ältesten

Sohn. Der älteste Sohn kann unter Umständen dümmer und schlechter

sein als sein Bruder, aber er ist der älteste, das kann ihm keiner

nehmen, und das gibt ihm einen gewissen Vorrang, auch wenn er sonst gar

keinen Vorzug hat. Alles ist göttliches Geschenk. Warum ist der eine

hübsch und der andere häßlich? Und nun gar erst die Damen. In das eine

Fräulein verliebt sich alles, und das andre spielt bloß Mauerblümchen.

Es wird jedem seine Stelle gegeben. Und so ist es auch mit unserm

Regiment. Wir mögen nicht besser sein als die andern, aber wir sind die

ersten, wir haben die Nummer eins.«

»Ich kann da beim besten Willen nicht recht mit, Woldemar. Was in

unsrer Armee den Ausschlag gibt, ist doch immer die Schneidigkeit.«

»Liebe Tante, sprich, wovon du willst, nur nicht davon. Das ist ein

Wort für kleine Garnisonen. Wir wissen, was wir zu tun haben. Dienst

ist alles, und Schneidigkeit ist bloß Renommisterei. Und das ist das,

was bei uns am niedrigsten steht.«

»Gut, Woldemar; was du da zuletzt gesagt hast, das gefällt mir. Und

in diesem Punkte muß ich auch deinen Vater loben. Er hat vieles, was

mir nicht zusagt, aber darin ist er doch ein echter Stechlin. Und du

bist auch so. Und das hab ich immer gefunden, alle, die so sind, die

schießen zuletzt doch den Vogel ab, ganz besonders auch bei den Damen.«

Dies »bei den Damen« war nicht ohne Absicht gesprochen und schien auf

das bis dahin vorsichtig vermiedene Hauptthema hinüberführen zu sollen.

Aber ehe die Tante noch eine direkte Frage stellen konnte, wurde der

Rentmeister gemeldet, der ihr in diesem Augenblicke sehr ungelegen kam.

Die Domina wandte sich denn auch in sichtlicher Verstimmung an Woldemar

und sagte: »Soll ich ihn fortschicken?«

»Es wird kaum gehen, liebe Tante.«

»Nun denn.«

Und gleich danach trat Fix ein.

Zehntes Kapitel

Während Woldemar und die Domina miteinander plauderten, erst im

Tete-a-Tete, dann in Gegenwart von Rentmeister Fix, ritten Rex und

Czako (Fritz mit dem Leinpferd folgend) auf Cremmen zu. Das war noch

eine tüchtige Strecke, gute drei Meilen. Aber trotzdem waren beide

Reiter übereingekommen, nichts zu übereilen und sich's nach Möglichkeit

bequem zu machen. »Es ist am Ende gleichgültig, ob wir um acht oder

um neun über den Cremmer Damm reiten. Das bißchen Abendrot, das da

drüben noch hinter dem Kirchturm steht ... Fritz, wie heißt er? Welcher

Kirchturm ist es? ...« -- »Das ist der Wulkowsche, Herr Hauptmann!« --

»... Also, das bißchen Abendrot, das da noch hinter dem Wulkowschen

steht, wird ohnehin nicht lange mehr vorhalten. Dunkel wird's also

doch, und von dem Hohenlohedenkmal, das ich mir übrigens gern einmal

näher angesehen hätte (man muß so was immer auf dem Hinwege mitnehmen),

kommt uns bei Tageslicht nichts mehr vor die Klinge. Das Denkmal liegt

etwas ab vom Wege.«

»Schade,« sagte Rex.

»Ja, man kann es beinah sagen. Ich für meine Person komme schließlich

drüber hin, aber ein Mann wie Sie, Rex, sollte dergleichen mehr

wallfahrtartig auffassen.«

»Ach Czako, Sie reden wieder tolles Zeug, diesmal mit einem kleinen

Abstecher ins Lästerliche. Was soll ›Wallfahrt‹ hier überhaupt? Und

dann, was haben Sie gegen Wallfahrten? Und was haben Sie gegen die

Hohenlohes?«

»Gott, Rex, wie Sie sich wieder irren. Ich habe nichts gegen die einen,

und ich habe nichts gegen die andern. Alles, was ich von Wallfahrten

gelesen habe, hat mich immer nur wünschen lassen, mal mit dabei zu

sein. Und ~ad vocem~ der Hohenlohes, so kann ich Ihnen nur sagen, für

die hab ich sogar was übrig in meinem Herzen, viel, viel mehr als für

unser eigentliches Landesgewächs. Oder, wenn Sie wollen, für unsre

Autochthonen.«

»Und das meinen Sie ganz ernsthaft?«

»Ganz ernsthaft. Und wir wollen mal fünf Minuten wie vernünftige Leute

darüber reden. Wenn ich sage ›wir‹, so meine ich natürlich mich. Denn

Sie sprechen immer vernünftig. Vielleicht ein bißchen zu sehr.«

Rex lächelte. »Nun gut; ich will's Ihnen glauben.«

»Also die Hohenlohes,« fuhr Czako fort. »Ja, wie steht es damit? Wie

liegt da die Sache? Da kommt hier so Anno Domini ein Burggraf ins

Land, und das Land will ihn nicht, und er muß sich alles erst erobern,

die Städte beinah und die Schlösser gewiß. Und die Herzen natürlich

erst recht. Und der Kaiser sitzt mal wieder weitab und kann ihm nicht

helfen. Und da hat nun dieser Nürnberger Burggraf, wenn's hoch kommt,

ein halbes Dutzend Menschen um sich, schwäbische Leute, die mit ihm in

diese Mördergrube hinabsteigen. Denn ein bißchen so was war es. Und

geht auch gleich los, und die Quitzows und die, die's sein wollen,

rufen die Pommern ins Land, und hier auf diesem alten Cremmer Damm

stoßen sie zusammen, und die paar, die da fallen, das sind eben die

Schwaben, die's gewagt hatten und mit in den Kahn gestiegen waren.

Allen vorauf aber ein Graf, so ein Herr in mittleren Jahren. Der fiel

zuerst und versank in den Sumpf, und da liegt er. Das heißt, sie haben

ihn rausgeholt, und nun liegt er in der Klosterkirche. Und dieser eine,

der da voran fiel, der hieß Hohenlohe.«

»Ja, Czako, das weiß ich ja alles. Das steht ja schon im

Brandenburgischen Kinderfreund. Sie denken aber immer, Sie haben so was

allein gepachtet.«

»Immer vorsichtig, Rex; im Kinderfreund steht es. Gewiß. Aber was steht

nicht alles -- von Kinderfreund gar nicht zu reden -- in Bibel und

Katechismus, und die Leute wissen es doch nicht. Ich zum Beispiel. Und

ob es nun drin steht oder nicht drin steht, ich sage nur: so hat es

angefangen, und so läuft der Hase noch. Oder glauben Sie, daß der alte

Fürst, der jetzt dran ist, daß der zu seinem Spezialvergnügen in unser

sogenanntes Reichskanzlerpalais gezogen ist, drin die Bismarckschen

Nachfolger, die sich wahrhaftig nicht danach drängten, ihre Tage

vertrauern? Ein Opfer ist es, nicht mehr und nicht weniger, und ein

Opfer bringt auch der alte Fürst, gerade wie der, der damals am Cremmer

Damm als erster fiel. Und ich sage Ihnen, Rex, das ist das, was mir

imponiert; immer da sein, wenn Not an Mann ist. Die Kleinen von hier,

trotz der ›Loyalität bis auf die Knochen‹, die mucken immer bloß auf,

aber die wirklich Vornehmen, die gehorchen, nicht einem Machthaber,

sondern dem Gefühl ihrer Pflicht.«

Rex war einverstanden und wiederholte nur: »Schade, daß wir so spät an

dem Denkmal vorbeikommen.«

»Ja, schade,« sagte Czako. »Wir müssen es uns aber schenken. Im

übrigen, denk ich, lassen wir in dem, was wir uns noch weiter zu sagen

haben, die Hohenlohes aus dem Spiel. Andres liegt uns heute näher. Wie

hat Ihnen denn eigentlich die Schmargendorf gefallen?«

»Ich werde mich hüten, Czako, Ihnen darauf zu antworten. Außerdem haben

Sie sie durch den Garten geführt, nicht ich, und mir war immer, als ob

ich Faust und Gretchen sähe.«

Czako lachte. »Natürlich schwebt Ihnen das andre Paar vor, und ich

bin nicht böse darüber. Die Rolle, die mir dabei zufällt -- der mit

der Hahnenfeder ist doch am Ende ne andre Nummer wie der sentimentale

›Habe-nun-ach-Mann‹ -- diese Mephistorolle, sag ich, gefällt mir

besser, und was die Schmargendorf angeht, so kann ich nur sagen: Von

meiner Martha lass' ich nicht.«

»Czako, Sie münden wieder ins Frivole.«

»Gut, gut, Rex, Sie werden unwirsch, und Sie sollen recht haben.

Lassen wir also die Schmargendorf so gut wie die Hohenlohes. Aber

über die Domina ließe sich vielleicht sprechen, und sind wir erst

bei der Tante, so sind wir auch bald bei dem Neffen. Ich fürchte,

unser Freund Woldemar befindet sich in diesem Augenblick in einer

scharfen Zwickmühle. Die Domina liegt ihm seit Jahr und Tag (er hat mir

selber Andeutungen darüber gemacht) mit Heiratsplänen in den Ohren,

mutmaßlich weil ihr die Vorstellung einer Stechlinlosen Welt einfach

ein Schrecknis ist. Solche alten Jungfern mit einer Granatbrosche haben

immer eine merkwürdig hohe Meinung von ihrer Familie. Freilich auch

andre, die klüger sein sollten. Unsre Leute gefallen sich nun mal in

der Idee, sie hingen mit dem Fortbestande der göttlichen Weltordnung

aufs engste zusammen. In Wahrheit liegt es so, daß wir sämtlich

abkommen können. Ohne die Czakos geht es nun schon gewiß, wofür

sozusagen historisch-symbolisch der Beweis erbracht ist.«

»Und die Rex?«

»Vor diesem Namen mach ich halt.«

»Wer's Ihnen glaubt. Aber lassen wir die Rex und lassen wir die Czakos,

und bleiben wir bei den Stechlins, will sagen bei unserm Freunde

Woldemar. Die Tante will ihn verheiraten, darin haben Sie recht.«

»Und ich habe wohl auch recht, wenn ich das eine heikle Lage nenne.

Denn ich glaube, daß er sich seine Freiheit wahren will und mit

Bewußtsein auf den Célibataire lossteuert.«

»Ein Glauben, in dem Sie sich, lieber Czako, wie jedesmal, wenn Sie zu

glauben anfangen, in einem großen Irrtum befinden.«

»Das kann nicht sein.«

»Es kann nicht bloß sein, es ist. Und ich wundre mich nur, daß

gerade Sie, der Sie doch sonst das Gras wachsen hören und allen

Gesellschaftsklatsch kennen wie kaum ein zweiter, daß gerade Sie von

dem allen kein Sterbenswörtchen vernommen haben sollen. Sie verkehren

doch auch bei den Xylanders, ja, ich glaube, Sie da, letzten Winter,

mal kämpfend am Büfett gesehen zu haben.«

»Gewiß.«

»Und da waren an jenem Abend auch die Berchtesgadens, Baron und

Frau, und in lebhaftestem Gespräche mit diesem bayerischen Baron ein

distinguierter alter Herr und zwei Damen. Und diese drei, das waren die

Barbys.«

»Die Barbys,« wiederholte Czako, »Botschaftsrat oder dergleichen.

Ja, gewiß, ich habe davon gehört; aber ich kann mich jedenfalls

nicht erinnern, ihn und die Damen gesehen zu haben. Und sicherlich

nicht an jenem Abend, wo ja von Vorstellen keine Rede war, die reine

Völkerschlacht. Aber Sie wollten mir, glaube ich, von eben diesen

Barbys erzählen.«

»Ja, das wollt ich. Ich wollte Sie nämlich wissen lassen, daß Ihr

Célibataire seit Ausgang vorigen Winters in eben diesem Hause

regelmäßig verkehrt.«

»Er wird wohl in vielen Häusern verkehren.«

»Möglich, aber nicht sehr wahrscheinlich, da das eine Haus ihn ganz in

Anspruch nimmt.«

»Nun gut, so lassen wir ihn bei den Barbys. Aber was bedeutet das?«

»Das bedeutet, daß in einem solchen Hause verkehren und sich mit

einer Tochter verloben so ziemlich ein und dasselbe ist. Bloß eine

Frage der Zeit. Und die Tante wird sich damit aussöhnen müssen, auch

wenn sie, wie beinah gewiß, über ihr Herzblatt bereits anders verfügt

haben sollte. Solche Dinge begleichen sich indessen fast immer. Unser

Woldemar wird sich aber mittlerweile vor ganz andre Schwierigkeiten

gestellt sehen.«

»Und die wären? Ist er nicht vornehm genug? Oder mankiert vielleicht

Gegenliebe?«

»Nein, Czako, von ›mankierender Gegenliebe‹, wie Sie sich auszudrücken

belieben, kann keine Rede sein. Die Schwierigkeiten liegen in was

anderm. Es sind da nämlich, wie ich mir schon anzudeuten erlaubte,

zwei Komtessen im Hause. Nun, die jüngere wird es wohl werden, schon

weil sie eben die jüngere ist. Aber so ganz sicher ist es doch

keineswegs. Denn auch die ältere, wiewohl schon über dreißig, ist sehr

reizend und zum Überfluß auch noch Witwe -- das heißt eigentlich nicht

Witwe, sondern richtiger eine gleich nach der Ehe geschiedene Frau.

Sie war nur ein halbes Jahr verheiratet, oder vielleicht auch nicht

verheiratet.«

»Verheiratet, oder vielleicht auch nicht verheiratet,« wiederholte

Czako, während er unwillkürlich sein Pferd anhielt. »Aber Rex, das ist

ja hoch pikant. Und daß ich erst heute davon höre und noch dazu durch

Sie, der Sie sich von solchen Dingen doch zunächst entsetzt abwenden

müßten. Aber so seid ihr Konventikler. Schließlich ist all dergleichen

doch eigentlich euer Lieblingsfeld. Und nun erzählen Sie weiter,

ich bin neugierig wie ein Backfisch. Wer war denn der unglücklich

Glückliche?«

»Sie meinen, wenn ich Sie recht verstehe, wer es war, der diese

ältere Komtesse heiratete. Nun dieser glücklich Unglückliche -- oder

vielleicht auch umgekehrt -- war auch Graf, sogar ein italienischer

(vorausgesetzt, daß Sie dies als eine Steigerung ansehn), und hatte

natürlich einen echt italienischen Namen: Conte Ghiberti, derselbe Name

wie der des florentinischen Bildhauers, von dem die berühmten Türen

herrühren.«

»Welche Türen?«

»Nun, die berühmten Baptisteriumtüren in Florenz, von denen

Michelangelo gesagt haben soll, ›sie wären wert, den Eingang zum

Paradiese zu bilden‹. Und diese Türen heißen denn auch, ihrem großen

Künstler zu Ehren, die Ghibertischen Türen. Übrigens eine Sache, von

der ein Mann wie Sie was wissen müßte.«

»Ja, Rex, Sie haben gut reden von ›wissen müssen‹. Sie sind aus einem

großen Hause, haben mutmaßlich einen frommen Kandidaten als Lehrer

gehabt und sind dann auf Reisen gegangen, wo man so feine Dinge

wegkriegt. Aber ich! Ich bin aus Ostrowo.«

»Das ändert nichts.«

»Doch, doch, Rex. Italienische Kunst! Ich bitte Sie, wo soll

dergleichen bei mir herkommen? Was Hänschen nicht lernt, -- dabei

bleibt es nun mal. Ich erinnere mich noch ganz deutlich einer Auktion

in Ostrowo, bei der (es war in einem kommerzienrätlichen Hause)

schließlich ein roter Kasten zur Versteigerung kam, ein Kasten mit

Doppelbildern und einem Opernkucker dazu, der aber keiner war. Und all

das kaufte sich meine Mutter. Und an diesem Stereoskopenkasten, ein

Wort, das ich damals noch nicht kannte, habe ich meine italienische

Kunst gelernt. Die ›Türen‹ waren aber nicht dabei. Was können Sie da

groß verlangen? Ich habe, wenn Sie das Wort gelten lassen wollen, ne

Panoptikumbildung.«

Rex lachte. »Nun, gleichviel. Also der Graf, der die ältere Komtesse

Barby heiratete, hieß Ghiberti. Seiner Ehe fehlten indes durchaus

die Himmelstüren, -- soviel läßt sich mit aller Bestimmtheit sagen.

Und deshalb kam es zur Scheidung. Ja, mehr, die scharmante Frau

(›scharmant‹ ist übrigens ein viel zu plebejes und minderwertiges Wort)

hat in ihrer Empörung den Namen Ghiberti wieder abgetan, und alle Welt

nennt sie jetzt nur noch bei ihrem Vornamen.«

»Und der ist?«

»Melusine.«

»Melusine? Hören Sie, Rex, das läßt aber tief blicken.«

* * * * *

Unter diesem Gespräch waren sie bis an den Cremmer Damm herangekommen.

Es dunkelte schon stark, und ein Gewölk, das am Himmel hinzog,

verbarg die Mondsichel. Ein paarmal indessen trat sie hervor, und

dann sahen sie bei halber Beleuchtung das Hohenlohedenkmal, das unten

im Luche schimmerte. Hinunterzureiten, was noch einmal flüchtig in

Erwägung gezogen wurde, verbot sich, und so setzten sie sich in einen

munteren Trab und hielten erst wieder in Cremmen vor dem Gasthause zum

»Markgrafen Otto«. Es schlug eben neun von der Nikolaikirche.

Drinnen war man bald in einem lebhaften Gespräch, in dem sich Rex

über die in der Stadt herrschende Gesinnung und Kirchlichkeit zu

unterrichten suchte. Der Wirt stellte der einen wie der andern ein

gleich gutes Zeugnis aus und hatte die Genugtuung, daß ihm Rex

freundlich zunickte. Czako aber sagte: »Sagen Sie, Herr Wirt, Sie haben

da ein so schönes Billard; ich habe mir jüngst erst sagen lassen,

wenn's wirklich flott gehe, so könne man's im Jahr bis auf dreitausend

Mark bringen. Natürlich bei zwölfstündigem Arbeitstag. Wie steht es

damit? Für möglich halt ich es.«

Nach dem Eierhäuschen

Elftes Kapitel

Der Stechlin: Roman · 第 8 / 33 段