Das Fräulein von Schmargendorf war klein und rundlich, einige

vierzig Jahre alt, von kurzem Hals und wenig Taille. Von den sieben

Schönheiten, über die jede Evastochter Verfügung haben soll, hatte

sie, soweit sich ihr »Kredit« feststellen ließ, nur die Büste. Sie war

sich dessen denn auch bewußt und trug immer dunkle Tuchkleider, mit

einem Sammetbesatz oberhalb der Taille. Dieser Besatz bestand aus drei

Dreiecken, deren Spitze nach unten lief. Sie war immer fidel, zunächst

aus glücklicher Naturanlage, dann aber auch, weil sie mal gehört hatte:

Fidelität erhalte jung. Ihr lag daran, jung zu sein, obwohl sie keinen

rechten Nutzen mehr daraus ziehen konnte. Benachbarte Adlige gab es

nicht, der Pastor war natürlich verheiratet und Fix auch. Und weiter

nach unten ging es nicht.

Adelheid und Rex waren meist weit voraus, so daß man sich immer erst an

der Glaskugel traf, wenn das voranschreitende Paar schon wieder auf dem

Rückwege war. Czako grüßte dann jedesmal militärisch zur Domina hinüber.

Diese selbst war in einem Gespräch mit Rex fest engagiert und

verhandelte mit ihm über ein bedrohliches Wachsen des Sektiererwesens.

Rex fühlte sich davon getroffen, da er selbst auf dem Punkte stand,

Irvingianer zu werden; er war aber Lebemann genug, um sich schnell

zurechtzufinden und vor allem auf jede nachhaltige Bekämpfung der von

Adelheid geäußerten Ansichten zu verzichten. Er lenkte geschickt in

das Gebiet des allgemeinen Unglaubens ein, dabei sofort einer vollen

Zustimmung begegnend. Ja, die Domina ging weiter, und sich abwechselnd

auf die Apokalypse und dann wieder auf Fix berufend, betonte sie, daß

wir am Anfang vom Ende stünden. Fix gehe freilich wohl etwas zu weit,

wenn er eigentlich keinem Tage mehr so recht traue. Das seien nutzlose

Beunruhigungen, weshalb sie denn auch in ihn gedrungen sei, von solchen

Berechnungen Abstand zu nehmen oder wenigstens alles nochmals zu

prüfen. »Kein Zweifel,« so schloß sie, »Fix ist für Rechnungssachen

entschieden talentiert, aber ich habe ihm trotzdem sagen müssen, daß

zwischen Rechnungen und Rechnungen doch immer noch ein Unterschied sei.«

Czako hatte dem Fräulein von Schmargendorf den Arm gereicht; Woldemar,

weil der Mittelgang zu schmal war, folgte wenige Schritte hinter den

beiden und trat nur immer da, wo der Weg sich erweiterte, vorübergehend

an ihre Seite.

»Wie glücklich ich bin, Herr Hauptmann,« sagte die Schmargendorf, »Ihre

Partnerin zu sein, jetzt schon hier und dann später bei Tisch.«

Czako verneigte sich.

»Und merkwürdig,« fuhr sie fort, »daß gerade das Regiment Alexander

immer so vergnügte Herren hat; einen Namensvetter von Ihnen, oder

vielleicht war es auch Ihr älterer Herr Bruder, den hab ich noch von

einer Einquartierung in der Priegnitz her ganz deutlich in Erinnerung,

trotzdem es schon an die zwanzig Jahre ist oder mehr. Denn ich war

damals noch blutjung und tanzte mit Ihrem Herrn Vetter einen richtigen

Radowa, der um jene Zeit noch in Mode war, aber schon nicht mehr so

recht. Und ich hab auch noch den Namenszug und einen kleinen Vers von

ihm in meinem Album. ›Jegor von Baczko, Secondelieutenant im Regiment

Alexander.‹ Ja, Herr von Baczko, so kommt man wieder zusammen. Oder

wenigstens mit einem Herrn gleichen Namens.«

Czako schwieg und nickte nur, weil er Richtigstellungen überhaupt

nicht liebte; Woldemar aber, der jedes Wort gehört und in bezug auf

solche Dinge kleinlicher als sein Freund, der Hauptmann, dachte, wollte

durchaus Remedur schaffen und bat, das Fräulein darauf aufmerksam

machen zu dürfen, daß der Herr, der den Vorzug habe, sie zu führen,

nicht ein Herr von Baczko, sondern ein Herr von Czako sei.

Die kleine Rundliche geriet in eine momentane Verlegenheit, Czako

selbst aber kam ihr mit großer Courtoisie zu Hilfe.

»Lieber Stechlin,« begann er, »ich beschwöre Sie um sechsundsechzig

Schock sächsische Schuhzwecken, kommen Sie doch nicht mit solchen

Kleinigkeiten, die man jetzt, glaub ich, Velleitäten nennt. Wenigstens

hab ich das Wort immer so übersetzt. Czako, Baczko, Baczko, Czako --

wie kann man davon so viel Aufhebens machen. Name, wie Sie wissen,

ist Schall und Rauch, siehe Goethe, und Sie werden sich doch nicht in

Widerspruch mit dem bringen wollen. Dazu reicht es denn doch am Ende

nicht aus.«

»Hihi.«

»Außerdem, ein Mann wie Sie, der es trotz seines Liberalismus

fertig bringt, immer seinen Adel bis wenigstens dritten Kreuzzug

zurückzuführen, ein Mann wie Sie sollte mir doch diese kleine

Verwechslung ehrlich gönnen. Denn dieser mir in den Schoß gefallene

›Baczko‹ ... Gott sei Dank, daß auch unsereinem noch was in den Schoß

fallen kann ...«

»Hihi.«

»Denn dieser mir in den Schoß gefallene Baczko ist doch einfach eine

Rang- und Standeserhöhung, ein richtiges Avancement. Die Baczkos

reichen mindestens bis Huß oder Ziska, und wenn es vielleicht Ungarn

sind, bis auf die Hunyadis zurück, während der erste wirkliche Czako

noch keine zweihundert Jahre alt ist. Und von diesem ersten wirklichen

Czako stammen wir doch natürlich ab. Erwägen Sie, bevor es nicht einen

wirklichen Czako gab, also einen steifen grauen Filzhut mit Leder

oder Blech beschlagen, eher kann es auch keinen ›+von+ Czako‹ gegeben

haben; der Adel schreibt sich immer von solchen Dingen seiner Umgebung

oder seines Metiers oder seiner Beschäftigung her. Wenn ich wirklich

noch mal Lust verspüren sollte, mich standesgemäß zu verheiraten, so

scheitre ich vielleicht an der Jugendlichkeit meines Adels und werde

mich dann dieser Stunde wehmütig freundlich erinnern, die mich, wenn

auch nur durch eine Namensverwechslung, auf einen kurzen Augenblick zu

erhöhen trachtete.«

Woldemar, seiner Philisterei sich bewußt werdend, zog sich wieder

zurück, während die Schmargendorf treuherzig sagte: »Sie glauben also

wirklich, Herr von ... Herr Hauptmann ... daß Sie von einem Czako

herstammen?«

»Soweit solch merkwürdiges Spiel der Natur überhaupt möglich ist, bin

ich fest davon durchdrungen.«

In diesem Moment, nach abermaliger Passierung des Platzes mit der

Glaskugel, erreichte das Paar die Bank unter dem Pflaumenbaumzweige.

Die Schmargendorf hatte schon lange vorher nach zwei großen, dicht

zusammensitzenden Pflaumen hinübergeblickt und sagte, während sie jetzt

ihre Hand danach ausstreckte: »Nun wollen wir aber ein Vielliebchen

essen, Herr Hauptmann; wo, wie hier, zwei zusammensitzen, da ist immer

ein Vielliebchen.«

»Eine Definition, der ich mich durchaus anschließe. Aber mein

gnädigstes Fräulein, wenn ich vorschlagen dürfte, mit dieser herrlichen

Gabe Gottes doch lieber bis zum Dessert zu warten. Das ist ja doch auch

die eigentliche Zeit für Vielliebchen.«

»Nun, wie Sie wollen, Herr Hauptmann. Und ich werde diese zwei bis

dahin für uns aufheben. Aber diese dritte hier, die nicht mehr so ganz

dazu gehört, die werd ich essen. Ich esse so gern Pflaumen. Und Sie

werden sie mir auch gönnen.«

»Alles, alles. Eine Welt.«

Es schien fast, als ob sich Czako noch weiter über dies Pflaumenthema,

namentlich auch über die sich darin bergenden Wagnisse verbreiten

wollte, kam aber nicht dazu, weil eben jetzt ein Diener in weißen

Baumwollhandschuhen, augenscheinlich eine Gelegenheitsschöpfung, in der

Hoftür sichtbar wurde. Dies war das mit der Domina verabredete Zeichen,

daß der Tisch gedeckt sei. Die Schmargendorf, ebenfalls eingeweiht in

diese zu raschen Entschlüssen drängende Zeichensprache, bückte sich

deshalb, um von einem der Gemüsebeete rasch noch ein großes Kohlblatt

abzubrechen, auf das sie sorglich die beiden rotgetüpfelten Pflaumen

legte. Gleich danach aber aufs neue des Hauptmanns Arm nehmend, schritt

sie, unter Vorantritt der Domina, auf Hof und Flur und ganz zuletzt

auf den Salon zu, der sich inzwischen in manchem Stücke verändert

hatte, vor allem darin, daß neben dem Kamin eine zweite Konventualin

stand, in dunkler Seide, mit Kopfschleifen und tiefliegenden, starren

Kakadu-Augen, die in das Wesen aller Dinge einzudringen schienen.

»Ah, meine Liebste,« sagte die Domina, auf diese zweite Konventualin

zuschreitend, »es freut mich herzlich, daß Sie sich, trotz Migräne,

noch herausgemacht haben; wir wären sonst ohne dritte Tischdame

geblieben. Erlauben Sie mir vorzustellen: Herr von Rex, Herr von Czako

... Fräulein von Triglaff aus dem Hause Triglaff.«

Rex und Czako verbeugten sich, während Woldemar, dem sie keine Fremde

war, an die Konventualin herantrat, um ein Wort der Begrüßung an sie

zu richten. Czako, die Triglaff unwillkürlich musternd, war sofort von

einer ihn frappierenden Ähnlichkeit betroffen und flüsterte gleich

danach dem sein Monocle wiederholentlich in Angriff nehmenden Rex leise

zu: »Krippenstapel, weibliche Linie.«

Rex nickte.

Während dieser Vorstellung hatte der im Hintergrunde stehende Diener

den oberen und unteren Türriegel mit einer gewissen Ostentation

zurückgezogen; einen Augenblick noch, und beide Flügel zu dem neben dem

Salon gelegenen Eßzimmer taten sich mit einer stillen Feierlichkeit auf.

»Herr von Rex,« sagte die Domina, »darf ich um Ihren Arm bitten?«

Im Nu war Rex an ihrer Seite, und gleich danach traten alle drei Paare

in den Nebenraum ein, auf dessen gastlicher und nicht ohne Geschick

hergerichteter Tafel zwei Blumenvasen und zwei silberne Doppelleuchter

standen. Auch der Diener war schon in Aktion; er hatte sich inzwischen

am Büfett in Front einer Meißner Suppenterrine aufgestellt, und indem

er den Deckel (mit einem abgestoßenen Engel obenauf) abnahm, stieg der

Wrasen wie Opferrauch in die Höhe.

Achtes Kapitel

Tante Adelheid, wenn sich nichts geradezu Verstimmliches ereignete,

war, von alten Zeiten her, eine gute Wirtin und besaß neben anderm auch

jene Direktoralaugen, die bei Tische so viel bedeuten; aber +eine+ Gabe

besaß sie nicht, die, das Gespräch, wie's in einem engsten Zirkel doch

sein sollte, zusammenzufassen. So zerfiel denn die kleine Tafelrunde

von Anfang an in drei Gruppen, von denen eine, wiewohl nicht absolut

schweigsam, doch vorwiegend als Tafelornament wirkte. Dies war die

Gruppe Woldemar-Triglaff. Und das konnte nicht wohl anders sein. Die

Triglaff, wie sich das bei Kakadugesichtern so häufig findet, verband

in sich den Ausdruck höchster Tiefsinnigkeit mit ganz ungewöhnlicher

Umnachtung, und ein letzter Rest von Helle, der ihr vielleicht

geblieben sein mochte, war ihr durch eine stupende Triglaffvorstellung

schließlich doch auch noch abhanden gekommen. Eine direkte Deszendenz

von dem gleichnamigen Wendengotte, etwa wie Czako von Czako, war

freilich nicht nachzuweisen, aber doch auch nicht ausgeschlossen, und

wenn dergleichen überhaupt vorkommen oder nach stiller Übereinkunft

auch nur allgemein angenommen werden konnte, so war nicht abzusehen,

warum gerade +sie+ leer ausgehen oder auf solche Möglichkeit verzichten

sollte. Dieser hochgespannten, ganz im Speziellen sich bewegenden

Adelsvorstellung entsprach denn auch das gereizte Gefühl, das sie

gegen +den+ Zweig des Hauses Thadden unterhielt, der sich, nach

seinem pommerschen Gute Triglaff, Thadden-Triglaff nannte, -- eine

Zubenennung, die +ihr+, der einzig wirklichen Triglaff, einfach

als ein Übergriff oder doch mindestens als eine Beeinträchtigung

erschien. Woldemar, der dies alles kannte, war dagegen gefeit und wußte

seinerseits seit lange, wie zu verfahren sei, wenn ihm die Triglaff

als Tischnachbarin zufiel. Er hatte sich für diesen Fall, der übrigens

öfter eintrat als ihm lieb war, die Namen aller Konventualinnen

auswendig gelernt, die während seiner Kinderzeit in Kloster Wutz gelebt

hatten und von denen er recht gut wußte, daß sie seit lange tot waren.

Er begann aber trotzdem regelmäßig seine Fragen so zu stellen, als ob

das Dasein dieser längst Abgeschiedenen immer noch einer Möglichkeit

unterläge.

»Da war ja hier früher, mein gnädigstes Fräulein, eine Drachenhausen,

Aurelie von Drachenhausen, und übersiedelte dann, wenn ich nicht

irre, nach Kloster Zehdenick. Es würde mich lebhaft interessieren, in

Erfahrung zu bringen, ob sie noch lebt oder ob sie vielleicht schon tot

ist.«

Die Triglaff nickte.

Czako, dieses Nicken beobachtend, sprach sich später gegen Rex dahin

aus, daß das alles mit der Abstammung der Triglaff ganz natürlich

zusammenhänge. »Götzen nicken bloß.«

Um vieles lebendiger waren Rede und Gegenrede zwischen Tante Adelheid

und dem Ministerialassessor, und das Gespräch beider, das nur

sittliche Hebungsfragen berührte, hätte durchaus den Charakter einer

gemütlichen, aber doch durch Ernst geweihten Synodalplauderei gehabt,

wenn sich nicht die Gestalt des Rentmeisters Fix beständig eingedrängt

hätte, dieses Dominaprotegés, von dem Rex, unter Zurückhaltung

seiner wahren Meinung, immer aufs neue versicherte, »daß in diesem

klösterlichen Beamten eine seltene Verquickung von Prinzipienstrenge

mit Geschäftsgenie vorzuliegen scheine«.

Das waren die zwei Paare, die den linken Flügel beziehungsweise die

Mitte des Tisches bildeten. Die beiden Hauptfiguren waren aber doch

Czako und die Schmargendorf, die ganz nach rechts hin saßen, in Nähe

der dicken Fenstergardinen aus Wollstoff, in deren Falten denn auch

vieles glücklicherweise verklang. An die Suppe hatte sich ein Fisch

und an diesen ein Linsenpüree mit gebackenem Schinken gereiht, und nun

wurden gespickte Rebhuhnflügel in einer pikanten Sauce, die zugleich

Küchengeheimnis der Domina war, herumgereicht. Czako, trotzdem er

schon dem gebackenen Schinken erheblich zugesprochen hatte, nahm ein

zweites Mal auch noch von dem Rebhuhngericht und fühlte das Bedürfnis,

dies zu motivieren.

»Eine gesegnete Gegend, Ihre Grafschaft hier,« begann er. »Aber

freilich heuer auch eine gesegnete Jahreszeit. Gestern abend bei

Dubslav von Stechlin Krammetsvögelbrüste, heute bei Adelheid von

Stechlin Rebhuhnflügel.«

»Und was ziehen Sie vor?« fragte die Schmargendorf.

»Im allgemeinen, mein gnädigstes Fräulein, ist die Frage wohl zugunsten

ersterer entschieden. Aber hier und speziell für mich ist doch wohl der

Ausnahmefall gegeben.«

»Warum ein Ausnahmefall?«

»Sie haben recht, eine solche Frage zu stellen. Und ich antworte, so

gut ich kann. Nun denn, in Brust und Flügel ...«

»Hihi.«

»In Brust und Flügel schlummert, wie mir scheinen will, ein großartiger

Gegensatz von hüben und drüben; es gibt nichts Diesseitigeres als

Brust, und es gibt nichts Jenseitigeres als Flügel. Der Flügel trägt

uns, erhebt uns. Und deshalb, trotz aller nach der andern Seite hin

liegenden Verlockung, möchte ich alles, was Flügel heißt, doch höher

stellen.«

Er hatte dies in einem möglichst gedämpften Tone gesprochen. Aber

es war nicht nötig, weil einerseits die links ihm zunächst sitzende

Triglaff aus purem Hochgefühl ihr Ohr gegen alles, was gesprochen

wurde, verschloß, während andrerseits die Domina, nachdem der Diener

allerlei kleine Spitzgläser herumgereicht hatte, ganz ersichtlich mit

einer Ansprache beschäftigt war.

»Lassen Sie mich Ihnen noch einmal aussprechen,« sagte sie, während sie

sich halb erhob, »wie glücklich es mich macht, Sie in meinem Kloster

begrüßen zu können. Herr von Rex, Herr von Czako, Ihr Wohl.«

Man stieß an. Rex dankte unmittelbar und sprach, als man sich wieder

gesetzt hatte, seine Bewunderung über den schönen Wein aus. »Ich

vermute Montefiascone.«

»Vornehmer, Herr von Rex,« sagte Adelheid in guter Stimmung, »eine

Rangstufe höher. Nicht Montefiascone, den wir allerdings unter meiner

Amtsvorgängerin auch hier im Keller hatten, sondern ~Lacrimae Christi~.

Mein Bruder, der alles bemängelt, meinte freilich, als ich ihm vor

einiger Zeit davon vorsetzte, das passe nicht, das sei Begräbniswein,

höchstens Wein für Einsegnungen, aber nicht für heitere Zusammenkünfte.«

»Ein Wort von eigenartiger Bedeutung, darin ich Ihren Herrn Bruder

durchaus wiedererkenne.«

»Gewiß, Herr von Rex. Und ich bin mir bewußt, daß uns der Name gerade

dieses Weines allerlei Rücksichten auferlegt. Aber wenn Sie sich

vergegenwärtigen wollen, daß wir in einem Stift, einem Kloster sind ...

und so meine ich denn, der Ort, an dem wir leben, gibt uns doch auch

ein Recht und eine Weihe.«

»Kein Zweifel. Und ich muß nachträglich die Bedenken Ihres Herrn

Bruders als irrtümlich anerkennen. Aber wenn ich mich so ausdrücken

darf, ein kleidsamer Irrtum ... Auf das Wohl Ihres Herrn Bruders.«

Damit schloß das etwas difficile Zwiegespräch, dem alle mit einiger

Verlegenheit gefolgt waren. Nur nicht die Schmargendorf. »Ach,« sagte

diese, während sie sich halb in den Vorhängen versteckte, »wenn wir von

dem Wein trinken, dann hören wir auch immer dieselbe Geschichte. Die

Domina muß sich damals sehr über den alten Herrn von Stechlin geärgert

haben. Und doch hat er eigentlich recht; schon der bloße Name stimmt

ernst und feierlich, und es liegt was drin, das einem Christenmenschen

denn doch zu denken gibt. Und gerade wenn man so recht vergnügt ist.«

»Darauf wollen wir anstoßen,« sagte Czako, völlig im Dunkeln lassend,

ob er mehr den Christenmenschen oder den Ernst oder das Vergnügtsein

meinte.

»Und überhaupt,« fuhr die Schmargendorf fort, »die Weine müßten

eigentlich alle anders heißen, oder wenigstens sehr, sehr viele.«

»Ganz meine Meinung, meine Gnädigste,« sagte Czako. »Da sind wirklich

so manche ... Man darf aber andrerseits das Zartgefühl nicht

überspannen. Will man das, so bringen wir uns einfach um die reichsten

Quellen wahrer Poesie. Da haben wir beispielsweise, so ganz allgemein

und bloß als Gattungsbegriff, die ›Milch der Greise‹ -- zunächst ein

durchaus unbeanstandenswertes Wort. Aber alsbald (denn unsre Sprache

liebt solche Spiele) treten mannigfache Fort- und Weiterbildungen,

selbst Geschlechtsüberspringungen an uns heran, und ehe wir's uns

versehen, hat sich die ›Milch der Greise‹ in eine ›Liebfrauenmilch‹

verwandelt.«

»Hihi ... Ja, Liebfrauenmilch, die trinken wir auch. Aber nur selten.

Und es ist auch nicht +der+ Name, woran ich eigentlich dachte.«

»Sicherlich nicht, meine Gnädigste. Denn wir haben eben noch andre,

decidiertere, denen gegenüber uns dann nur noch das Refugium der

französischen Aussprache bleibt.«

»Hihi ... Ja, französisch, da geht es. Aber doch auch nicht immer, und

jedesmal, wenn Rentmeister Fix unser Gast ist und die Triglaff die

Flasche hin und her dreht (und ich habe gesehen, daß sie sie dreimal

herumdrehte), dann lacht Fix ... Übrigens sieht es so aus, als ob die

Domina noch was auf dem Herzen hätte; sie macht ein so feierliches

Gesicht. Oder vielleicht will sie auch bloß die Tafel aufheben.«

Und wirklich, es war so, wie die Schmargendorf vermutete. »Meine

Herren,« sagte die Domina, »da Sie zu meinem Leidwesen so früh fort

wollen (wir haben nur noch wenig über eine Viertelstunde), so geb ich

anheim, ob wir den Kaffee lieber in meinem Zimmer nehmen wollen oder

draußen unter dem Holunderbaum.«

Eine Gesamtantwort wurde nicht laut, aber während man sich unmittelbar

danach erhob, küßte Czako der Schmargendorf die Hand und sagte mit

einem gewissen Empressement: »Unter dem Holunderbaum also.«

Die Schmargendorf verstand nicht im entferntesten, auf was es sich

bezog. Aber das war Czako gleich. Ihm lag lediglich daran, sich ganz

privatim, ganz für sich selbst, die Schmargendorf auf einen kurzen,

aber großen Augenblick als »Käthchen« vorstellen zu können.

Im übrigen zeigte sich's, daß nicht bloß Czako, sondern auch Rex und

Woldemar für den Holunderbaum waren, und so näherte man sich denn

diesem.

Es war derselbe Baum, den die Herren schon beim Einreiten in den

Klosterhof gesehen, aber in jenem Augenblick wenig beachtet hatten.

Jetzt erst bemerkten sie, was es mit ihm auf sich habe. Der Baum,

der uralt sein mochte, stand außerhalb des Gehöftes, war aber,

ähnlich wie der Pflaumenbaum im Garten, mit seinem Gezweig über das

zerbröckelte Gemäuer fortgewachsen. Er war an und für sich schon eine

Pracht. Was ihm aber noch eine besondere Schönheit lieh, das war, daß

sein Laubendach von ein paar dahinter stehenden Ebereschenbäumen wie

durchwachsen war, so daß man überall neben den schwarzen Fruchtdolden

des Holunders die leuchtenden roten Ebereschenbüschel sah. Auch das

verschiedene Laub schattierte sich. Rex und Czako waren aufrichtig

entzückt, beinahe mehr als zulässig. Denn so reizend die Laube selbst

war, so zweifelhaft war das unmittelbar vor ihnen in großer Unordnung

und durchaus ermangelnder Sauberkeit ausgebreitete Hofbild. Aber

pittoresk blieb es doch. Zusammengemörtelte Feldsteinklumpen lagen in

hohem Grase, dazwischen Karren und Düngerwagen, Enten- und Hühnerkörbe,

während ein kollernder Truthahn von Zeit zu Zeit bis dicht an die

Laube herankam, sei's aus Neugier oder um sich mit der Triglaff zu

messen.

Als sechs Uhr heran war, erschien Fritz und führte die Pferde vor.

Czako wies darauf hin. Bevor er aber noch an die Domina herantreten

und ihr einige Dankesworte sagen konnte, kam die Schmargendorf, die

kurz vorher ihren Platz verlassen, mit dem großen Kohlblatt zurück, auf

dem die beiden zusammengewachsenen Pflaumen lagen. »Sie wollten mir

entgehen, Herr von Czako. Das hilft Ihnen aber nichts. Ich will mein

Vielliebchen gewinnen. Und Sie sollen sehen, ich siege.«

»Sie siegen immer, meine Gnädigste.«

Neuntes Kapitel

Rex und Czako ritten ab; Fritz führte Woldemars Pferd am Zügel. Aber

weder die Schmargendorf noch die Triglaff erwiesen sich, als die

beiden Herren fort und die drei Damen samt Woldemar in die Wohnräume

zurückgekehrt waren, irgendwie beflissen, das Feld zu räumen, was die

Domina, die wegen zu verhandelnder difficiler Dinge mit ihrem Neffen

allein sein wollte, stark verstimmte. Sie zeigte das auch, war steif

und schweigsam und belebte sich erst wieder, als die Schmargendorf mit

einem Male glückstrahlend versicherte: jetzt wisse sie's; sie habe noch

eine Photographie, die wolle sie gleich an Herrn von Czako schicken,

und wenn er dann morgen mittag von Cremmen her in Berlin einträfe,

dann werd er Brief und Bild schon vorfinden und auf der Rückseite des

Bildes ein »Guten Morgen, Vielliebchen«. Die Domina fand alles so

lächerlich und unpassend wie nur möglich; weil ihr aber daran lag, die

Schmargendorf loszuwerden, so hielt sie mit ihrer wahren Meinung zurück

und sagte: »Ja, liebe Schmargendorf, wenn Sie so was vorhaben, dann

ist es allerdings die höchste Zeit. Der Postbote kann gleich kommen.«

Und wirklich, die Schmargendorf ging, nur die Triglaff zurücklassend,

deren Auge sich jetzt von der Domina zu Woldemar hinüber und dann

wieder von Woldemar zur Domina zurückbewegte. Sie war bei dem allem

ganz unbefangen. Ein Verlangen, etwas zu belauschen oder von ungefähr

in Familienangelegenheiten eingeweiht zu werden, lag ihr völlig fern,

und alles, was sie trotzdem zum Ausharren bestimmte, war lediglich

der Wunsch, solchem historischen Beisammensein eine durch ihre

Triglaffgegenwart gesteigerte Weihe zu geben. Indessen schließlich ging

auch sie. Man hatte sich wenig um sie gekümmert, und Tante und Neffe

ließen sich, als sie jetzt allein waren, in zwei braune Plüschfauteuils

(Erbstücke noch vom Schloß Stechlin her) nieder, Woldemar allerdings

mit äußerster Vorsicht, weil die Sprungfedern bereits jenen Altersgrad

erreicht hatten, wo sie nicht nur einen dumpfen Ton von sich zu geben,

sondern auch zu stechen anfangen.

Die Tante bemerkte nichts davon, war vielmehr froh, ihren Neffen

endlich allein zu haben, und sagte mit rasch wiedergewonnenem Behagen:

»Ich hätte dir schon bei Tische gern was Bessres an die Seite gegeben;

aber wir haben hier, wie du weißt, nur unsre vier Konventualinnen, und

von diesen vieren sind die Schmargendorf und die Triglaff immer noch

die besten. Unsre gute Schimonski, die morgen einundachtzig wird, ist

eigentlich ein Schatz, aber leider stocktaub, und die Teschendorf,

die mal Gouvernante bei den Esterhazys war und auch noch den Fürsten

Schwarzenberg, dessen Frau in Paris verbrannte, gekannt hat, ja, die

hätt ich natürlich solchem feinen Herrn wie dem Herrn von Rex gerne

vorgesetzt, aber es ist ein Unglück, die arme Person, die Teschendorf,

ist so zittrig und kann den Löffel nicht recht mehr halten. Da hab

ich denn doch lieber die Triglaff genommen; sie ist sehr dumm, aber

doch wenigstens manierlich, soviel muß man ihr lassen. Und die

Schmargendorf ...«

Woldemar lachte.

Der Stechlin: Roman · 第 7 / 33 段