Rex, der von dem Wegweiser nichts wissen wollte, war einfach für

Weiterreiten, und das war auch das Richtige. Denn keine halbe Stunde

mehr, so holte Stechlin sie wieder ein. »Ich wußte, daß ich Sie noch

vor Genshagen treffen würde. Die Frau Oberförsterin läßt sich übrigens

den Herren empfehlen. Er war nicht da, was recht gut war.«

»Kann ich mir denken,« sagte Czako.

»Und was noch besser war, sie sah brillant aus. Eigentlich ist sie

nicht hübsch, Blondine mit großen Vergißmeinnichtaugen und etwas

lymphatisch; auch wohl nicht ganz gesund. Aber sonderbar, solche Damen,

wenn was in Sicht steht, sehen immer besser aus als in natürlicher

Verfassung, ein Zustand, der allerdings bei der Katzler kaum vorkommt.

Sie ist noch nicht volle sechs Jahre verheiratet und erwartet mit

nächstem das Siebente.«

»Das ist aber doch unerhört. Ich glaube, so was ist Scheidungsgrund.«

»Mir nicht bekannt und auch, offen gestanden, nicht sehr

wahrscheinlich. Jedenfalls wird es die Prinzessin nicht als

Scheidungsgrund nehmen.«

»Die Prinzessin?« fuhren Rex und Czako a tempo heraus.

»Ja, die Prinzessin,« wiederholte Woldemar. »Ich war all die Zeit über

gespannt, was das wohl für einen Eindruck auf Sie machen würde, weshalb

ich mich auch gehütet habe, vorher mit Andeutungen zu kommen. Und es

traf sich gut, daß mein Vater gestern abend nur so ganz leicht drüber

hinging, ich möchte beinah sagen diskret, was sonst nicht seine Sache

ist.«

»Prinzessin,« wiederholte Rex, dem die Sache beinah den Atem nahm. »Und

aus einem regierenden Hause?«

»Ja, was heißt aus einem regierenden Hause? Regiert haben sie alle mal.

Und soviel ich weiß, wird ihnen dies ›mal regiert haben‹ auch immer

noch angerechnet, wenigstens sowie sich's um Eheschließungen handelt.

Um so großartiger, wenn einzelne der hier in Betracht kommenden

Damen auf alle diese Vorrechte verzichten und ohne Rücksicht auf

Ebenbürtigkeit sich aus reiner Liebe vermählen. Ich sage ›vermählen‹,

weil ›sich verheiraten‹ etwas plebeje klingt. Frau Katzler ist eine

Ippe-Büchsenstein.«

»Eine Ippe!« sagte Rex. »Nicht zu glauben. Und erwartet wieder. Ich

bekenne, daß mich das am meisten chokiert. Diese Ausgiebigkeit, ich

finde kein anderes Wort, oder richtiger, ich +will+ kein andres finden,

ist doch eigentlich das Bürgerlichste, was es gibt.«

»Zugegeben. Und so hat es die Prinzessin auch wohl selber aufgefaßt.

Aber das ist gerade das Große an der Sache; ja, so sonderbar es klingt,

das Ideale.«

»Stechlin, Sie können nicht verlangen, daß man das so ohne weiteres

versteht. Ein halb Dutzend Bälge, wo steckt da das Ideale?«

»Doch, Rex, doch. Die Prinzessin selbst, und das ist das Rührendste,

hat sich darüber ganz unumwunden ausgesprochen. Und zwar zu meinem

Alten. Sie sieht ihn öfter und möcht ihn, glaub ich, bekehren, --

sie ist nämlich von der strengen Richtung und hält sich auch zu

Superintendent Koseleger, unserm Papst hier. Und kurz und gut, sie

macht meinem Papa beinah den Hof und erklärt ihn für einen perfekten

Kavalier, wobei Katzler immer ein etwas süßsaures Gesicht macht, aber

natürlich nicht widerspricht.«

»Und wie kam sie nur dazu, Ihrem Papa gerade Konfessions in einer so

delikaten Sache zu machen?«

»Das war voriges Jahr, genau um diese Zeit, als sie auch mal wieder

erwartete. Da war mein Vater drüben und sprach, als das durch die

Situation gegebene Thema berührt wurde, halb diplomatisch, halb

humoristisch von der Königin Luise, hinsichtlich deren der alte Doktor

Heim, als der Königin das ›Sechste oder Siebente‹ geboren werden

sollte, ziemlich freiweg von der Notwendigkeit der ›Brache‹ gesprochen

hatte.«

»Bißchen stark,« sagte Rex. »Ganz im alten Heimstil. Aber freilich,

Königinnen lassen sich viel gefallen. Und wie nahm es die Prinzessin

auf?«

»O, sie war reizend, lachte, war weder verlegen noch verstimmt, sondern

nahm meines Vaters Hand so zutraulich, wie wenn sie seine Tochter

gewesen wäre. ›Ja, lieber Herr von Stechlin,‹ sagte sie, ›wer A sagt,

der muß auch B sagen. Wenn ich diesen Segen durchaus nicht wollte, dann

mußt ich einen Durchschnittsprinzen heiraten, -- da hätt ich vielleicht

das gehabt, was der alte Heim empfehlen zu müssen glaubte. Statt dessen

nahm ich aber meinen guten Katzler. Herrlicher Mann. Sie kennen ihn und

wissen, er hat die schöne Einfachheit aller stattlichen Männer, und

seine Fähigkeiten, soweit sich überhaupt davon sprechen läßt, haben

etwas Einseitiges. Als ich ihn heiratete, war ich deshalb ganz von

dem einen Gedanken erfüllt, alles Prinzeßliche von mir abzustreifen

und nichts bestehen zu lassen, woraus Übelwollende hätten herleiten

können: ›Ah, sie will immer noch eine Prinzessin sein.‹ Ich entschloß

mich also für das Bürgerliche, und zwar ›voll und ganz‹, wie man jetzt,

glaub ich, sagt. Und was dann kam, nun, das war einfach die natürliche

Konsequenz.‹«

»Großartig,« sagte Rex. »Ich entschlage mich nach solchen Mitteilungen

jeder weiteren Opposition. Welch ein Maß von Entsagung! Denn auch im

Nichtentsagen kann ein Entsagen liegen. Andauernde Opferung eines

Innersten und Höchsten.«

»Unglaublich!« lachte Czako. »Rex, Rex. Ich hab Ihnen da schon vorhin

alle Menschenkenntnis abgesprochen. Aber hier übertrumpfen Sie sich

selbst. Wer Konventikel leitet, der sollte doch wenigstens die Weiber

kennen. Erinnern Sie sich, Stechlin sagte, sie sei lymphatisch und habe

Vergißmeinnichtaugen. Und nun sehen Sie sich den Katzler an. Beinah

sechs Fuß und rotblond und das Eiserne Kreuz.«

»Czako, Sie sind mal wieder frivol. Aber man darf es mit Ihnen nicht so

genau nehmen. Das ist das Slawische, was in Ihnen nachspukt; latente

Sinnlichkeit.«

»Ja, sehr latent; durchaus vergrabner Schatz. Und ich wollte wohl, daß

ich in die Lage käme, besser damit wuchern zu können. Aber ...«

So ging das Gespräch noch eine gute Weile.

Die große Chaussee, darauf ihr Weg inzwischen wieder eingemündet,

stieg allmählich an, und als man den Höhepunkt dieser Steigung

erreicht hatte, lag das Kloster samt seinem gleichnamigen Städtchen

in verhältnismäßiger Nähe vor ihnen. Auf ihrem Hinritte hatten Rex

und Czako so wenig davon zu Gesicht bekommen, daß ein gewisses

Betroffensein über die Schönheit des sich ihnen jetzt darbietenden

Landschafts- und Architekturbildes kaum ausbleiben konnte. Czako

besonders war ganz aus dem Häuschen, aber auch Rex stimmte mit ein.

»Die große Feldsteingiebelwand,« sagte er, »so gewagt im allgemeinen

bestimmte Zeitangaben auf diesem Gebiete sind, möcht ich in das Jahr

1375, also Landbuch Kaiser Karls ~IV.~, setzen dürfen.«

»Wohl möglich,« lachte Woldemar. »Es gibt nämlich Zahlen, die nicht gut

widerlegt werden können, und ›Landbuch Kaiser Karls ~IV.~‹ paßt beinah

immer.«

Rex hörte drüber hin, weil er in seinem Geiste mal wieder einer

allgemeineren und zugleich höheren Auffassung der Dinge zustrebte.

»Ja, meine Herren,« hob er an, »das geschmähte Mittelalter. Da

verstand man's. Ich wage den Ausspruch, den ich übrigens nicht einem

Kunsthandbuch entnehme, sondern der langsam in mir herangereift ist:

›Die Platzfrage geht über die Stilfrage.‹ Jetzt wählt man immer die

häßlichste Stelle. Das Mittelalter hatte noch keine Brillen, aber man

sah besser.«

»Gewiß,« sagte Czako. »Aber dieser Angriff auf die Brillen, Rex,

ist nichts für Sie. Wer mit seinem Pincenez oder Monocle so viel

operiert ...«

Das Gespräch kam nicht weiter, weil in eben diesem Augenblick mächtige

Turmuhrschläge vom Städtchen Wutz her herüberklangen. Man hielt an, und

jeder zählte »Vier«. Kaum aber hatte die Uhr ausgeschlagen, so begann

eine zweite und tat auch ihre vier Schläge.

»Das ist die Klosteruhr,« sagte Czako.

»Warum?«

»Weil sie nachschlägt; alle Klosteruhren gehen nach. Natürlich. Aber

wie dem auch sei, Freund Woldemar hat uns, glaub ich, für vier Uhr

angemeldet, und so werden wir uns eilen müssen.«

Kloster Wutz

Siebentes Kapitel

Alle setzten sich denn auch wieder in Trab, mit ihnen Fritz, der dabei

näher an die voraufreitenden Herren herankam. Das Gespräch schwieg

ganz, weil jeder in Erwartung der kommenden Dinge war.

Die Chaussee lief hier, auf eine gute Strecke, zwischen Pappeln hin;

als man aber bis in unmittelbare Nähe von Kloster Wutz gekommen war,

hörten diese Pappeln auf, und der sich mehr und mehr verschmälernde

Weg wurde zu beiden Seiten von Feldsteinmauern eingefaßt, über die man

alsbald in die verschiedensten Gartenanlagen mit allerhand Küchen- und

Blumenbeeten und mit vielen Obstbäumen dazwischen hineinsah. Alle drei

ließen jetzt die Pferde wieder in Schritt fallen.

»Der Garten hier links,« sagte Woldemar, »ist der Garten der Domina,

meiner Tante Adelheid; etwas primitiv, aber wundervolles Obst. Und hier

gleich rechts, da bauen die Stiftsdamen ihren Dill und ihren Meiran. Es

sind aber nur ihrer vier, und wenn welche gestorben sind -- aber sie

sterben selten --, so sind es noch weniger.«

Unter diesen orientierenden Mitteilungen des hier aus seinen

Knabenjahren her Weg und Steg kennenden Woldemar waren alle durch

eine Maueröffnung in einen großen Wirtschaftshof eingeritten, der

baulich so ziemlich jegliches enthielt, was hier, bis in die Tage des

Dreißigjährigen Krieges hinein, der dann freilich alles zerstörte,

mal Kloster Wutz gewesen war. Vom Sattel aus ließ sich alles bequem

überblicken. Das meiste, was sie sahen, waren wirr durcheinander

geworfene, von Baum und Strauch überwachsene Trümmermassen.

»Es erinnert mich an den Palatin,« sagte Rex, »nur ins christlich

Gotische transponiert.«

»Gewiß,« bestätigte Czako lachend. »Soweit ich urteilen kann, sehr

ähnlich. Schade, daß Krippenstapel nicht da ist. Oder Tucheband.«

Damit brach das Gespräch wieder ab.

In der Tat, wohin man sah, lagen Mauerreste, in die, seltsamlich genug,

die Wohnungen der Klosterfrauen eingebaut waren, zunächst die größere

der Domina, daneben die kleineren der vier Stiftsdamen, alles an der

vorderen Langseite hin. Dieser gegenüber aber zog sich eine zweite,

parallel laufende Trümmerlinie, darin die Stallgebäude, die Remisen

und die Rollkammern untergebracht waren. Verblieben nur noch die zwei

Schmalseiten, von denen die eine nichts als eine von Holunderbüschen

übergrünte Mauer, die andere dagegen eine hochaufragende mächtige

Giebelwand war, dieselbe, die man schon beim Anritt aus einiger

Entfernung gesehen hatte. Sie stand da, wie bereit, alles unter

ihrem beständig drohenden Niedersturz zu begraben, und nur das eine

konnte wieder beruhigen, daß sich auf höchster Spitze der Wand ein

Storchenpaar eingenistet hatte. Störche, deren feines Vorgefühl immer

weiß, ob etwas hält oder fällt.

Von der Maueröffnung, durch die man eingeritten, bis an die in die

Feldsteintrümmer eingebauten Wohngebäude waren nur wenige Schritte,

und als man davor hielt, erschien alsbald die Domina selbst, um ihren

Neffen und seine beiden Freunde zu begrüßen. Fritz, der, wie überall,

so auch hier Bescheid wußte, nahm die Pferde, um sie nach einem an der

andern Seite gelegenen Stallgebäude hinüberzuführen, während Rex und

Czako nach kurzer Vorstellung in den von Schränken umstellten Flur

eintraten.

»Ich habe dein Telegramm,« sagte die Domina, »erst um ein Uhr erhalten.

Es geht über Gransee, und der Bote muß weit laufen. Aber sie wollen

ihm ein Rad anschaffen, solches, wie jetzt überall Mode ist. Ich

sage Rad, weil ich das fremde Wort, das so verschieden ausgesprochen

wird, nicht leiden kann. Manche sagen ›ci,‹ und manche sagen ›schi‹.

Bildungsprätensionen sind mir fremd, aber man will sich doch auch nicht

bloßstellen.«

Eine Treppe führte bis in den ersten Stock hinauf, eigentlich war es

nur eine Stiege. Die Domina, nachdem sie die Herren bis an die unterste

Stufe begleitet hatte, verabschiedete sich hier auf eine Weile. »Du

wirst so gut sein, Woldemar, alles in deine Hand zu nehmen. Führe die

Herren hinauf. Ich habe unser bescheidenes Klostermahl auf fünf Uhr

angeordnet; also noch eine gute halbe Stunde. Bis dahin, meine Herren.«

Oben war eine große Plättkammer zur Fremdenstube hergerichtet

worden. Ein Waschtisch mit Finkennäpfchen und Krügen in Kleinformat

war aufgestellt worden, was in Erwägung der beinah liliputanischen

Raumverhältnisse durchaus passend gewesen wäre, wenn nicht sechs an

ebenso vielen Türhaken hängende Riesenhandtücher das Ensemble wieder

gestört hätten. Rex, der sich -- ihn drückten die Stiefel -- auf kurze

zehn Minuten nach einer kleinen Erleichterung sehnte, bediente sich

eines eisernen Stiefelknechts, während Czako sein Gesicht in einer der

kleinen Waschschüsseln begrub und beim Abreiben das feste Gewebe der

Handtücher lobte.

»Sicherlich Eigengespinst. Überhaupt, Stechlin, das muß wahr sein, Ihre

Tante hat so was; man merkt doch, daß sie das Regiment führt. Und wohl

schon seit lange. Wenn ich recht gehört, ist sie älter als Ihr Papa.«

»O, viel; beinahe um zehn Jahre. Sie wird sechsundsiebzig.«

»Ein respektables Alter. Und ich muß sagen, wohl konserviert.«

»Ja, man kann es beinahe sagen. Das ist eben der Vorzug solcher, die

man ›schlank‹ nennt. Beiläufig ein Euphemismus. Wo nichts ist, hat

der Kaiser sein Recht verloren und die Zeit natürlich auch; sie kann

nichts nehmen, wo sie nichts mehr findet. Aber ich denke -- Rex tut mir

übrigens leid, weil er wieder in seine Stiefel muß -- wir begeben uns

jetzt nach unten und machen uns möglichst liebenswürdig bei der Tante.

Sie wird uns wohl schon erwarten, um uns ihren Liebling vorzustellen.«

»Wer ist das?«

»Nun, das wechselt. Aber da es bloß vier sein können, so kommt jeder

bald wieder an die Reihe. Während ich das letztemal hier war, war es

ein Fräulein von Schmargendorf. Und es ist leicht möglich, daß sie

jetzt gerade wieder dran ist.«

»Eine nette Dame?«

»O ja. Ein Pummel.«

* * * * *

Und wie vorgeschlagen, nach kurzem »Sichadjustieren« in der

improvisierten Fremdenstube, kehrten alle drei Herren in Tante

Adelheids Salon zurück, der niedrig und verblakt und etwas altmodisch

war. Die Möbel, lauter Erbschaftsstücke, wirkten in dem niedrigen

Raume beinah grotesk, und die schwere Tischdecke, mit einer mächtigen,

ziemlich modernen Astrallampe darauf, paßte schlecht zu dem Zeisigbauer

am Fenster und noch schlechter zu dem über einem kleinen Klavier

hängenden Schlachtenbilde: »König Wilhelm auf der Höhe von Lipa«.

Trotzdem hatte dies stillose Durcheinander etwas Anheimelndes. In dem

primitiven Kamin -- nur eine Steinplatte mit Rauchfang -- war ein

Holzfeuer angezündet; beide Fenster standen auf, waren aber durch

schwere Gardinen so gut wie wieder geschlossen, und aus dem etwas

schief über dem Sofa hängenden Quadratspiegel wuchsen drei Pfauenfedern

heraus.

Tante Adelheid hatte sich in Staat geworfen und ihre Karlsbader

Granatbrosche vorgesteckt, die der alte Dubslav wegen der sieben

mittelgroßen Steine, die einen größeren und buckelartig vorspringenden

umstanden, die »Sieben-Kurfürsten-Brosche« nannte. Der hohe hagere

Hals ließ die Domina noch größer und herrischer erscheinen, als sie

war, und rechtfertigte durchaus die brüderliche Malice: »Wickelkinder,

wenn sie sie sehen, werden unruhig, und wenn sie zärtlich wird, fangen

sie an zu schreien.« Man sah ihr an, daß sie nur immer vorübergehend

in einer höheren Gesellschaftssphäre gelebt hatte, sich trotzdem aber

zeitlebens der angeborenen Zugehörigkeit zu eben diesen Kreisen bewußt

gewesen war. Daß man sie zur Domina gemacht hatte, war nur zu billigen.

Sie wußte zu rechnen und anzuordnen und war nicht bloß von sehr gutem

natürlichen Verstand, sondern unter Umständen auch voller Interesse für

ganz bestimmte Personen und Dinge. Was aber, trotz solcher Vorzüge,

den Verkehr mit ihr so schwer machte, das war die tiefe Prosa ihrer

Natur, das märkisch Enge, das Mißtrauen gegen alles, was die Welt der

Schönheit oder gar der Freiheit auch nur streifte.

Sie erhob sich, als die drei Herren eintraten, und war gegen Rex und

Czako aufs neue von verbindlichstem Entgegenkommen. »Ich muß Ihnen noch

einmal aussprechen, meine Herren, wie sehr ich bedaure, Sie nur so

kurze Zeit unter meinem Dache sehen zu dürfen.«

»Du vergißt mich, liebe Tante,« sagte Woldemar. »Ich bleibe dir noch

eine gute Weile. Mein Zug geht, glaub ich, erst um neun. Und bis dahin

erzähl ich dir eine Welt und -- beichte.«

»Nein, nein, Woldemar, nicht das, nicht das. Erzählen sollst du mir

recht, recht viel. Und ich habe sogar Fragen auf dem Herzen. Du weißt

wohl schon, welche. Aber nur nicht beichten. Schon das Wort macht

mir jedesmal ein Unbehagen. Es hat solch ausgesprochen katholischen

Beigeschmack. Unser Rentmeister Fix hat recht, wenn er sagt: ›Beichte

sei nichts, weil immer unaufrichtig, und es habe in Berlin -- aber

das sei nun freilich schon sehr, sehr lange her -- einen Geistlichen

gegeben, der habe den Beichtstuhl einen Satansstuhl genannt.‹ Das find

ich nun offenbar übertrieben und habe mich auch in diesem Sinne zu

Fix geäußert. Aber andrerseits freue ich mich doch immer aufrichtig,

einem so mutig protestantischen Worte zu begegnen. Mut ist, was uns not

tut. Ein fester Protestant, selbst wenn er schroff auftritt, ist mir

jedesmal eine Herzstärkung, und ich darf ein gleiches Empfinden auch

wohl bei Ihnen, Herr von Rex, voraussetzen?«

Rex verbeugte sich. Woldemar aber sagte zu Czako: »Ja, Czako, da sehen

Sie's. Sie sind nicht einmal genannt worden. Eine Domina -- verzeih,

Tante -- bildet eben ein feines Unterscheidungsvermögen aus.«

Die Tante lächelte gnädig und sagte: »Herr von Czako ist Offizier.

Es gibt viele Wohnungen in meines Vaters Hause. Das aber muß ich

aussprechen, der Unglaube wächst, und das Katholische wächst auch. Und

das Katholische, das ist das Schlimmere. Götzendienst ist schlimmer als

Unglaube.«

»Gehst du darin nicht zu weit, liebe Tante?«

»Nein, Woldemar. Sieh, der Unglaube, der ein Nichts ist, kann den

lieben Gott nicht beleidigen; aber Götzendienst beleidigt ihn. Du

sollst keine andern Götter haben neben mir. Da steht es. Und nun gar

der Papst in Rom, der ein Obergott sein will und unfehlbar.«

Czako, während Rex schwieg und nur seine Verbeugung wiederholte, kam

auf die verwegene Idee, für Papst und Papsttum eine Lanze brechen

zu wollen, entschlug sich dieses Vorhabens aber, als er wahrnahm,

daß die alte Dame ihr Dominagesicht aufsetzte. Das war indessen nur

eine rasch vorüberziehende Wolke. Dann fuhr Tante Adelheid, das Thema

wechselnd, in schnell wiedergewonnener guter Laune fort: »Ich habe

die Fenster öffnen lassen. Aber auch jetzt noch, meine Herren, ist

es ein wenig stickig. Das macht die niedrige Decke. Darf ich Sie

vielleicht auffordern, noch eine Promenade durch unsern Garten zu

machen? Unser Klostergarten ist eigentlich das Beste, was wir hier

haben. Nur der unsers Rentmeisters ist noch gepflegter und größer und

liegt auch am See. Rentmeister Fix, der hier alles zusammenhält, ist

uns, wie in wirtschaftlichen Dingen, so auch namentlich in seinen

Gartenanlagen, ein Vorbild; überhaupt ein charaktervoller Mann, und

dabei treu wie Gold, trotzdem sein Gehalt unbedeutend ist und seine

Nebeneinnahmen ganz unsicher in der Luft schweben. Ich hatte Fix denn

auch bitten lassen, mit uns bei Tisch zu sein; er versteht so gut zu

plaudern, gut und leicht, ja beinahe freimütig und doch immer durchaus

diskret. Aber er ist dienstlich verhindert. Die Herren müssen sich

also mit mir begnügen und mit einer unsrer Konventualinnen, einem mir

lieben Fräulein, das immer munter und ausgelassen, aber doch zugleich

bekenntnisstreng ist, ganz von jener schönen Heiterkeit, die man bloß

bei denen findet, deren Glaube feste Wurzeln getrieben hat. Ein gut

Gewissen ist das beste Ruhekissen. Damit hängt es wohl zusammen.«

Rex, an den sich diese Worte vorzugsweise gerichtet hatten, drückte

wiederholt seine Zustimmung aus, während Czako beklagte, daß Fix

verhindert sei. »Solche Männer sprechen zu hören, die mit dem Volke

Fühlung haben und genau wissen, wie's einerseits in den Schlössern,

andrerseits in den Hütten der Armut aussieht, das ist immer in hohem

Maße fördernd und lehrreich und ein Etwas, auf das ich jederzeit ungern

verzichte.«

Gleich danach erhob man sich und ging ins Freie.

Der Garten war von sehr ländlicher Art. Durch seine ganze Länge hin

zog sich ein von Buchsbaumrabatten eingefaßter Gang, neben dem links

und rechts, in wohlgepflegten Beeten, Rittersporn und Studentenblumen

blühten. Gerade in seiner Mitte weitete sich der sonst schmale Gang zu

einem runden Platz aus, darauf eine große Glaskugel stand, ganz an die

Stechliner erinnernd, nur mit dem Unterschied, daß hier das eingelegte

blanke Zinn fehlte. Beide Kugeln stammten natürlich aus der Globsower

»grünen Hütte«. Weiterhin, ganz am Ausgange des Gartens, wurde man

eines etwas schiefen Bretterzaunes ansichtig, mit einem Pflaumenbaum

dahinter, dessen einer Hauptzweig aus dem Nachbargarten her in den der

Domina herüberreichte.

Rex führte die Tante. Dann folgte Woldemar mit Hauptmann Czako, weit

genug ab von dem vorausgehenden Paar, um ungeniert miteinander sprechen

zu können.

»Nun, Czako,« sagte Woldemar, »bleiben wir, wenn's sein kann, noch ein

bißchen weiter zurück. Ich kann Ihnen gar nicht sagen, wie gern ich

in diesem Garten bin. Allen Ernstes. Ich habe hier nämlich als Junge

hundertmal gespielt und in den Birnbäumen gesessen; damals standen hier

noch etliche, hier links, wo jetzt die Mohrrübenbeete stehen. Ich mache

mir nichts aus Mohrrüben, woraus ich übrigens schließe, daß wir heute

welche zu Tisch kriegen. Wie gefällt Ihnen der Garten?«

»Ausgezeichnet. Es ist ja eigentlich ein Bauerngarten, aber doch mit

viel Rittersporn drin. Und zu jedem Rittersporn gehört eine Stiftsdame.«

»Nein, Czako, nicht so. Sagen Sie mir ganz ernsthaft, ob Sie solche

Gärten leiden können.«

»Ich kann solche Gärten eigentlich nur leiden, wenn sie eine Kegelbahn

haben. Und dieser hier ist wie geschaffen dazu, lang und schmal. Alle

unsre modernen Kegelbahnen sind zu kurz, wie früher alle Betten zu

kurz waren. Wenn die Kugel aufsetzt, ist sie auch schon da, und der

Bengel unten schreit einen an mit seinem ›acht um den König‹. Für mich

fängt das Vergnügen erst an, wenn das Brett lang ist und man der Kugel

anmerkt, sie möchte links oder rechts abirren, aber die eingeborene

Gewalt zwingt sie zum Ausharren, zum Bleiben auf der rechten Bahn.

Es hat was Symbolisches oder Pädagogisches, oder meinetwegen auch

Politisches.«

Unter diesem Gespräche waren sie, ganz nach unten hin, bis an die

Stelle gekommen, wo der nachbarliche Pflaumenbaum seinen Zweig über

den Zaun wegstreckte. Neben dem Zaun aber, in gleicher Linie mit ihm,

stand eine grüngestrichene Bank, auf der, von dem Gezweig überdacht,

eine Dame saß, mit einem kleinen runden Hut und einer Adlerfeder. Als

sich die Herrschaften ihr näherten, erhob sie sich und schritt auf die

Domina zu, dieser die Hand zu küssen; zugleich verneigte sie sich gegen

die drei Herren.

»Erlauben Sie mir,« sagte Adelheid, »Sie mit meiner lieben Freundin,

Fräulein von Schmargendorf, bekannt zu machen. Hauptmann von Czako,

Ministerialassessor von Rex ... Meinen Neffen, liebe Schmargendorf,

kennen Sie ja.«

Adelheid, als sie so vorgestellt hatte, zog ihre kleine Uhr aus dem

Gürtel hervor und sagte: »Wir haben noch zehn Minuten. Wenn es Ihnen

recht ist, bleiben wir noch in Gottes freier Natur. Woldemar, führe

meine liebe Freundin, oder lieber Sie, Herr Hauptmann, -- Fräulein von

Schmargendorf wird ohnehin Ihre Tischdame sein.«

Der Stechlin: Roman · 第 6 / 33 段