vorher, um bei Lorenzen vorzusprechen, von den andern Herrn getrennt
-- waren Dubslav, Rex und Czako von dem Globsower Ausfluge zurück,
und Rex, feiner Mann, der er war, war bei Passierung des Vorhofs
verbindlich an die mit Zinn ausgelegte blanke Glaskugel herangetreten,
um ihr, als einem mutmaßlichen Produkte der eben besichtigten »grünen
Glashütte,« seine Ministerialaufmerksamkeit zu schenken. Er ging dabei
so weit, von »Industriestaat« zu sprechen. Czako, der gemeinschaftlich
mit Rex in die Glaskugel hineinguckte, war mit allem einverstanden, nur
nicht mit seinem Spiegelbilde. »Wenn man nur bloß etwas besser aussähe
...« Rex versuchte zu widersprechen, aber Czako gab nicht nach und
versicherte: »Ja, Rex, Sie sind ein schöner Mann, Sie haben eben mehr
zuzusetzen. Und da bleibt denn immer noch was übrig.«
Oben auf der Rampe stand Engelke.
»Nun, Engelke, wie steht's? Woldemar und der Pastor schon da?«
»Nein, gnädger Herr. Aber ich kann ja die Christel schicken.«
»Nein, nein, schicke nicht. Das stört bloß. Aber warten wollen wir auch
nicht. Es war doch weiter nach Globsow, als ich dachte; das heißt,
eigentlich war es nicht weiter, bloß die Beine wollen nicht mehr recht.
Und hat solche Anstrengung bloß das eine Gute, daß man hungrig und
durstig wird. Aber da kommen ja die Herren.«
Und er grüßte von der Rampe her nach der Bohlenbrücke hinüber, über
die Woldemar und Lorenzen eben in den Schloßhof eintraten. Rex ging
ihnen entgegen. Dubslav dagegen nahm Czakos Arm und sagte: »Nun kommen
Sie, Hauptmann, wir wollen derweilen ein bißchen recherchieren und uns
einen guten Platz aussuchen. Mit der ewigen Veranda, das is nichts;
unter der Marquise steht die Luft wie ne Mauer, und ich muß frische
Luft haben. Vielleicht erstes Zeichen von Hydropsie. Kann eigentlich
Fremdwörter nicht leiden. Aber mitunter sind sie doch ein Segen. Wenn
ich so zwischen Hydropsie und Wassersucht die Wahl habe, bin ich immer
für Hydropsie. Wassersucht hat so was kolossal Anschauliches.«
Unter diesen Worten waren sie bis in den Garten gekommen, an eine
Stelle, wo viel Buchsbaum stand, dem Poetensteige gerad gegenüber.
»Sehen Sie hier, Hauptmann, das wäre so was. Niedrige Buchsbaumwand.
Da haben wir Luft und doch keinen Zug. Denn vor Zug muß ich mich auch
hüten wegen Rheumatismus, oder vielleicht ist es auch Gicht. Und dabei
hören wir das Plätschern von meiner Sanssouci-Fontäne. Was meinen Sie?«
»Kapital, Herr Major.«
»Ach, lassen Sie den Major. Major klingt immer so dienstlich ... Also
hier, Engelke, hier decke den Tisch und stell auch ein paar Fuchsien
oder was gerade blüht in die Mitte. Nur nicht Astern. Astern sind
ganz gut, aber doch sozusagen unterm Stand und sehen immer aus wie'n
Bauerngarten. Und dann mache dich in den Keller und hol uns was
Ordentliches herauf. Du weißt ja, was ich zum Frühstück am liebsten
habe. Vielleicht hat Hauptmann Czako denselben Geschmack.«
»Ich weiß noch nicht, um was es sich handelt, Herr von Stechlin; aber
ich möchte mich für Übereinstimmung schon jetzt verbürgen.«
Inzwischen waren auch Woldemar, Rex und der Pastor vom Gartensalon her
auf die Veranda hinausgetreten, und Dubslav ging ihnen entgegen. »Guten
Tag, Pastor. Nun, das ist recht. Ich dachte schon, Woldemar würde von
Ihnen annektiert werden.«
»Aber, Herr von Stechlin ... Ihre Gäste ... Und Woldemars Freunde.«
»Betonen Sie das nicht so, Lorenzen. Es gibt Umgangsformen und
Artigkeitsgesetze. Gewiß. Aber das alles reicht nicht weit. Was der
Mensch am ehesten durchbricht, das sind gerade solche Formen. Und
wer sie nicht durchbricht, der kann einem auch leid tun. Wie geht es
denn in der Ehe? Haben Sie schon einen Mann gesehen, der die Formen
wahrt, wenn seine Frau ihn ärgert? Ich nicht. Leidenschaft ist immer
siegreich.«
»Ja, Leidenschaft. Aber Woldemar und ich ...«
»Sind auch in Leidenschaft. Sie haben die Freundschaftsleidenschaft,
Orest und Pylades -- so was hat es immer gegeben. Und dann,
was noch viel mehr sagen will, Sie haben nebenher die
Konspirationsleidenschaft ...«
»Aber, Herr von Stechlin.«
»Nein, nicht die Konspirationsleidenschaft, ich nehm es zurück; aber
Sie haben dafür was anderes, nämlich die Weltverbesserungsleidenschaft.
Und das ist eine der größten, die es gibt. Und wenn solche zwei
Weltverbesserer zusammen sind, da können Rex und Czako warten, und da
kann selbst ein warmes Frühstück warten. Sagt man noch ~Déjeuner à la
fourchette~?«
»Kaum, Papa. Wie du weißt, es ist jetzt alles englisch.«
»Natürlich. Die Franzosen sind abgesetzt. Und ist auch recht gut so,
wiewohl unsre Vettern drüben erst recht nichts taugen. Selbst ist der
Mann. Aber ich glaube, das Frühstück wartet.«
Wirklich, es war so. Während die Herren zu zwei und zwei an der
Buchsbaumwandung auf und ab schritten, hatte Engelke den Tisch
arrangiert, an den jetzt Wirt und Gäste herantraten.
Es war eine längliche Tafel, deren dem Rundell zugekehrte Längsseite
man frei gelassen hatte, was allen einen Überblick über das hübsche
Gartenbild gestattete. Dubslav, das Arrangement musternd, nickte
Engelke zu, zum Zeichen, daß er's getroffen habe. Dann aber nahm er
die Mittelschüssel und sagte, während er sie Rex reichte: »~Toujours
perdrix.~ Das heißt, es sind eigentlich Krammetsvögel, wie schon
gestern abend. Aber wer weiß, wie Krammetsvögel auf französisch heißen?
Ich wenigstens weiß es nicht. Und ich glaube, nicht einmal Tucheband
wird uns helfen können.«
Ein allgemeines verlegenes Schweigen bestätigte Dubslavs Vermutung über
französische Vokabelkenntnis.
»Wir kamen übrigens,« fuhr dieser fort, »dicht vor Globsow durch einen
Dohnenstrich, überall hingen noch viele Krammetsvögel in den Schleifen,
was mir auffiel und was ich doch, wie so vieles Gute, meinem alten
Krippenstapel zuschreiben muß. Es wäre doch ne Kleinigkeit für die
Jungens, den Dohnenstrich auszuplündern. Aber so was kommt nicht vor.
Was meinen Sie, Lorenzen?«
»Ich freue mich, daß es ist, wie es ist, und daß die Dohnenstriche
nicht ausgeplündert werden. Aber ich glaube, Herr von Stechlin, Sie
dürfen es Krippenstapel nicht anrechnen.«
Dubslav lachte herzlich. »Da haben wir wieder die alte Geschichte.
Jeder Schulmeister schulmeistert an seinem Pastor herum, und jeder
Pastor pastort über seinen Schulmeister. Ewige Rivalität. Der
natürliche Zug ist doch, daß die Jungens nehmen, was sie kriegen
können. Der Mensch stiehlt wie'n Rabe. Und wenn er's mit einmal
unterläßt, so muß das doch nen Grund haben.«
»Den hat es auch, Herr von Stechlin. Bloß einen andern. Was sollen sie
mit nem Krammetsvogel machen? Für uns ist es eine Delikatesse, für
einen armen Menschen ist es gar nichts, knapp soviel wie'n Sperling.«
»Ach, Lorenzen, ich sehe schon, Sie liegen da wieder mit dem
›Patrimonium der Enterbten‹ im Anschlag; Sperling, das klingt ganz so.
Aber soviel ist doch richtig, daß Krippenstapel die Jungens brillant
in Ordnung hält; wie ging das heute Schlag auf Schlag, als ich den
kurzgeschorenen Schwarzkopp ins Examen nahm, und wie stramm waren die
Jungens und wie manierlich, als wir sie nach ner Stunde in Globsow
wiedersahen. Wie sie da so fidel spielten und doch voll Respekt in
allem. ›Frei, aber nicht frech‹, das ist so mein Satz.«
Woldemar und Lorenzen, die nicht mit dabei gewesen waren, waren
neugierig, auf welchen Vorgang sich all dies Lob des Alten bezöge.
»Was hat denn,« fragte Woldemar, »die Globsower Jungens mit einemmal zu
so guter Reputation gebracht?«
»O, es war wirklich scharmant,« sagte Czako, »wir steckten noch
unter den Waldbäumen, als wir auch schon Stimmen wie Kommandorufe
hörten, und kaum daß wir auf einen freien, von Kastanien umstellten
Platz hinausgetreten waren (eigentlich war es wohl schon ein großer
Fabrikhof), so sahen wir uns wie mitten in einer Bataille.«
Rex nickte zustimmend, während Czako fortfuhr: »Auf unserer Seite stand
die bis dahin augenscheinlich siegreiche Partei, deren weiterer Angriff
aber wegen der guten gegnerischen Deckung mit einem Male stoppte. Kaum
zu verwundern. Denn eben diese Deckung bestand aus wohl tausend, ein
großes Karree bildenden Glasballons, hinter die sich die geschlagene
Truppe wie hinter eine Barrikade zurückgezogen hatte. Da standen
sie nun und nahmen ein mit den massenhaft umherliegenden Kastanien
geführtes Feuergefecht auf. Die meisten ihrer Schüsse gingen zu kurz
und fielen klappernd wie Hagel auf die Ballons nieder. Ich hätte
dem Spiel, ich weiß nicht wie lange, zusehn können. Als man unserer
aber ansichtig wurde, stob alles unter Hurra und Mützenschwenken
auseinander. Überall sind Photographen. Nur wo sie hingehören, da
fehlen sie. Genau so wie bei der Polizei.«
Dubslav hatte schmunzelnd der Schilderung zugehört.
»Hören Sie, Hauptmann, Sie verstehen es aber; Sie können mit nem
Dukaten den Großen Kurfürsten vergolden.«
»Ja,« sagte Rex, seinen Partner plötzlich im Stiche lassend, »das tut
unser Freund Czako nicht anders; dreiviertel ist immer Dichtung.«
»Ich gebe mich auch nicht für einen Historiker aus und am wenigsten für
einen korrekten Aktenmenschen.«
»Und dabei, lieber Czako,« nahm jetzt Dubslav das Wort, »dabei bleiben
Sie nur. Auf Ihr Spezielles! In so wichtiger Sache müssen Sie mir aber
in meiner Lieblingssorte Bescheid tun, nicht in Rotwein, den mein
berühmter Miteinsiedler das ›natürliche Getränk des norddeutschen
Menschen‹ genannt hatte. Einer seiner mannigfachen Irrtümer; vielleicht
der größte. Das natürliche Getränk des norddeutschen Menschen ist am
Rhein und Main zu finden. Und am vorzüglichsten da, wo sich, wenn ich
den Ausdruck gebrauchen darf, beide vermählen. Ungefähr von dieser
Vermählungsstelle kommt auch der hier.« Und dabei wies er auf eine vor
ihm stehende Bocksbeutelflasche. »Sehen Sie, meine Herren, verhaßt sind
mir alle langen Hälse; das hier aber, das nenn ich eine gefällige Form.
Heißt es nicht irgendwo: ›Laßt mich dicke Leute sehn,‹ oder so ähnlich.
Da stimm ich zu; dicke Flaschen, die sind mein Fall.« Und dabei stieß
er wiederholt mit Czako an. »Noch einmal, auf Ihr Wohl. Und auf Ihres,
Herr von Rex. Und dann auf das Wohl meiner Globsower, oder wenigstens
meiner Globsower Jungens, die sich nicht bloß um Fehrbellin kümmern und
um Leipzig, sondern, wie wir gesehen haben, auch selber ihre Schlachten
schlagen. Ich ärgere mich nur immer, wenn ich diese riesigen Ballons
da zwischen meinen Globsowern sehe. Und hinter dem ersten Fabrikhof
(ich wollte Sie nur nicht weiter damit behelligen), da ist noch ein
zweiter Hof, der sieht noch schlimmer aus. Da stehen nämlich wahre
Glasungeheuer, auch Ballons, aber mit langem Hals dran, und die heißen
dann Retorten.«
»Aber Papa,« sagte Woldemar, »daß du dich über die paar Retorten und
Ballons nie beruhigen kannst. So lang ich nur denken kann, eiferst du
dagegen. Es ist doch ein wahres Glück, daß so viel davon in die Welt
geht und den armen Fabrikleuten einen guten Lohn sichert. So was wie
Streik kommt hier ja gar nicht vor, und in diesem Punkt ist unsre
Stechliner Gegend doch wirklich noch wie ein Paradies.«
Lorenzen lachte.
»Ja, Lorenzen, Sie lachen,« warf Dubslav hier ein. »Aber bei Lichte
besehen hat Woldemar doch recht, was (und Sie wissen auch warum)
eigentlich nicht oft vorkommt. Es ist genau so, wie er sagt. Natürlich
bleibt uns Eva und die Schlange; das ist uralte Erbschaft. Aber so
viel noch von guter alter Zeit in dieser Welt zu finden ist, so viel
findet sich hier, hier in unsrer lieben alten Grafschaft. Und in dies
Bild richtiger Gliederung, oder meinetwegen auch richtiger Unterordnung
(denn ich erschrecke vor solchem Worte nicht), in dieses Bild des
Friedens paßt mir diese ganze Globsower Retortenbläserei nicht hinein.
Und wenn ich nicht fürchten müßte, für einen Querkopf gehalten zu
werden, so hätt ich bei hoher Behörde schon lange meine Vorschläge
wegen dieser Retorten und Ballons eingereicht. Und natürlich +gegen+
beide. Warum müssen es immer Ballons sein? Und wenn schon, na, dann
lieber solche wie diese. Die lass' ich mir gefallen.« Und dabei hob er
die Bocksbeutelflasche.
»Wie diese,« bestätigte Czako.
»Ja, Czako, Sie sind ganz der Mann, meinen Papa in seiner Idiosynkrasie
zu bestärken.«
»Idiosynkrasie,« wiederholte der Alte. »Wenn ich so was höre. Ja,
Woldemar, da glaubst du nun wieder wunder was Feines gesagt zu haben.
Aber es ist doch bloß ein Wort. Und was bloß ein Wort ist, ist nie was
Feines, auch wenn es so aussieht. Dunkle Gefühle, die sind fein. Und so
gewiß die Vorstellung, die ich mit dieser lieben Flasche hier verbinde,
für mich persönlich was Celestes hat ... kann man Celestes sagen? ...«
Lorenzen nickte zustimmend, »so gewiß hat die Vorstellung, die sich
für mich an diese Globsower Riesenbocksbeutelflaschen knüpft, etwas
Infernalisches.«
»Aber Papa.«
»Still, unterbrich mich nicht, Woldemar. Denn ich komme jetzt eben an
eine Berechnung, und bei Berechnungen darf man nicht gestört werden.
Über hundert Jahre besteht nun schon diese Glashütte, und wenn ich nun
so das jedesmalige Jahresprodukt mit hundert multipliziere, so rechne
ich mir alles in allem wenigstens eine Million heraus. Die schicken sie
zunächst in andre Fabriken, und da destillieren sie flott drauflos,
und zwar allerhand schreckliches Zeug in diese grünen Ballons hinein:
Salzsäure, Schwefelsäure, rauchende Salpetersäure. Das ist die
schlimmste, die hat immer einen rotgelben Rauch, der einem gleich die
Lunge anfrißt. Aber wenn einen der Rauch auch zufrieden läßt, jeder
Tropfen brennt ein Loch, in Leinwand oder in Tuch, oder in Leder,
überhaupt in alles; alles wird angebrannt und angeätzt. Das ist das
Zeichen unsrer Zeit jetzt, ›angebrannt und angeätzt‹. Und wenn ich dann
bedenke, daß meine Globsower da mittun und ganz gemütlich die Werkzeuge
liefern für die große Generalweltanbrennung, ja, hören Sie, meine
Herren, das gibt mir einen Stich. Und ich muß Ihnen sagen, ich wollte,
jeder kriegte lieber einen halben Morgen Land von Staats wegen und
kaufte sich zu Ostern ein Ferkelchen, und zu Martini schlachteten sie
ein Schwein und hätten den Winter über zwei Speckseiten, jeden Sonntag
eine ordentliche Scheibe, und alltags Kartoffeln und Grieben.«
»Aber Herr von Stechlin,« lachte Lorenzen, »das ist ja die reine
Neulandtheorie. Das wollen ja die Sozialdemokraten auch.«
»Ach was, Lorenzen, mit Ihnen ist nicht zu reden ... Übrigens Prosit
... wenn Sie's auch eigentlich nicht verdienen.«
* * * * *
Das Frühstück zog sich lange hin, und das dabei geführte Gespräch nahm
noch ein paarmal einen Anlauf ins Politische hinein; Lorenzen aber, der
kleine Schraubereien gern vermeiden wollte, wich jedesmal geschickt aus
und kam lieber auf die Stechliner Kirche zu sprechen. Er war aber auch
hier vorsichtig und beschränkte sich, unter Anlehnung an Tucheband, auf
Architektonisches und Historisches, bis Dubslav, ziemlich abrupt, ihn
fragte: »Wissen Sie denn, Lorenzen, auf unserm Kirchenboden Bescheid?
Krippenstapel hat mich erst heute wissen lassen, daß wir da zwei
vergoldete Bischöfe mit Krummstab haben. Oder vielleicht sind es auch
bloß Äbte.« Lorenzen wußte nichts davon, weshalb ihm Dubslav gutmütig
mit dem Finger drohte.
So ging das Gespräch. Aber kurz vor zwei mußte dem allen ein Ende
gemacht werden. Engelke kam und meldete, daß die Pferde da und die
Mantelsäcke bereits aufgeschnallt seien. Dubslav ergriff sein Glas, um
auf ein frohes Wiedersehn anzustoßen. Dann erhob man sich.
Rex, bei Passierung der Rampe, trat noch einmal an die kranke Aloe
heran und versicherte, daß solche Blüte doch etwas eigentümlich
Geheimnisvolles habe. Dubslav hütete sich, zu widersprechen, und freute
sich, daß der Besuch mit etwas für ihn so Erheiterndem abschloß.
* * * * *
Gleich danach ritt man ab. Als sie bei der Glaskugel vorbeikamen,
wandten sich alle drei noch einmal zurück, und jeder lüpfte seine
Mütze. Dann ging es, zwischen den Findlingen hin, auf die Dorfstraße
hinaus, auf der eben eine ziemlich ramponiert aussehende Halbchaise,
das lederne Verdeck zurückgeschlagen, an ihnen vorüberfuhr; die Sitze
leer, alles an dem Fuhrwerk ließ Ordnung und Sauberkeit vermissen;
das eine Pferd war leidlich gut, das andre schlecht, und zu dem neuen
Livreerock des Kutschers wollte der alte Hut, der wie ein fuchsiges
Torfstück aussah, nicht recht passen.
»Das war ja Gundermanns Wagen.«
»So, so,« sagte Czako. »Auf den hätt ich beinah geraten.«
»Ja, dieser Gundermann,« lachte Woldemar. »Mein Vater wollt Ihnen
gestern gern etwas Grafschaftliches vorsetzen, aber er vergriff sich.
Gundermann auf Siebenmühlen ist so ziemlich unsere schlechteste Nummer.
Ich sehe, er hat Ihnen nicht recht gefallen.«
»Gott, gefallen, Stechlin, -- was heißt gefallen? Eigentlich
gefällt mir jeder oder auch keiner. Eine Dame hat mir mal gesagt,
die langweiligen Leute wären schließlich gerade so gut wie die
interessanten, und es hat was für sich. Aber dieser Gundermann! Zu
welchem Zwecke läßt er denn eigentlich seinen leeren Wagen in der Welt
herumkutschieren?«
»Ich bin dessen auch nicht sicher. Wahrscheinlich in
Wahlangelegenheiten. Er persönlich wird irgendwo hängen geblieben sein,
um Stimmen einzufangen. Unser alter braver Kortschädel nämlich, der
allgemein beliebt war, ist diesen Sommer gestorben, und da will nun
Gundermann, der sich auf den Konservativen hin ausspielt, aber keiner
ist, im trüben fischen. Er intrigiert. Ich habe das in einem Gespräch,
das ich mit ihm hatte, ziemlich deutlich herausgehört, und Lorenzen hat
es mir bestätigt.«
»Ich kann mir denken,« sagte Rex, »daß gerade Lorenzen gegen ihn ist.
Aber dieser Gundermann, für den ich weiter nichts übrig habe, hat doch
wenigstens die richtigen Prinzipien.«
»Ach, Rex, ich bitte Sie,« sagte Czako, »richtige Prinzipien!
Geschmacklosigkeiten hat er und öde Redensarten. Dreimal hab
ich ihn sagen hören: ›Das wäre wieder Wasser auf die Mühlen der
Sozialdemokratie.‹ So was sagt kein anständiger Mensch mehr, und
jedenfalls setzt er nicht hinzu: ›daß er das Wasser abstellen wolle‹.
Das ist ja eine schreckliche Wendung.«
Unter diesen Worten waren sie bis an den hochüberwölbten Teil der
Kastanienallee gekommen.
Engelke, der gleich frühmorgens ein allerschönstes Wetter in Aussicht
gestellt hatte, hatte recht behalten; es war ein richtiger Oktobertag,
klar und frisch und milde zugleich. Die Sonne fiel hie und da durch das
noch ziemlich dichte Laub, und die Reiter freuten sich des Spielens der
Schatten und Lichter. Aber noch anmutiger gestaltete sich das Bild, als
sie bald danach in einen Seitenweg einmündeten, der sich durch eine
flache, nur hie und da von Wasserlachen durchzogene Wiesenlandschaft
hinschlängelte. Die großen Heiden und Forsten, die das eigentlich
Charakteristische dieses nordöstlichen Grafschaftswinkels bilden,
traten an dieser Stelle weit zurück, und nur ein paar einzelne, wie
vorgeschobene Kulissen wirkende Waldstreifen wurden sichtbar.
Alle drei hielten an, um das Bild auf sich wirken zu lassen; aber sie
kamen nicht recht dazu, weil sie, während sie sich umschauten, eines
alten Mannes ansichtig wurden, der, nur durch einen flachen Graben
von ihnen getrennt, auf einem Stück Wiese stand und das hochstehende
Gras mähte. Jetzt erst sah auch er von seiner Arbeit auf und zog seine
Mütze. Die Herren taten ein Gleiches und schwankten, ob sie näher
heranreiten und eine Ansprache mit ihm haben sollten. Aber er schien
das weder zu wünschen noch zu erwarten, und so ritten sie denn weiter.
»Mein Gott,« sagte Rex, »das war ja Krippenstapel. Und hier draußen, so
weit ab von seiner Schule. Wenn er nicht die Seehundsfellmütze gehabt
hätte, die wie aus einer konfiszierten Schulmappe geschnitten aussah,
hätt ich ihn nicht wieder erkannt.«
»Ja, er war es, und das mit der Schulmappe wird wohl auch zutreffen,«
sagte Woldemar. »Krippenstapel kann eben alles -- der reine Robinson.«
»Ja, Stechlin,« warf Czako hier ein, »Sie sagen das so hin, als ob
Sie's bespötteln wollten. Eigentlich ist es doch aber was Großes,
sich immer selber helfen zu können. Er wird wohl nen Sparren haben,
zugegeben, aber Ihrem gepriesenen Lorenzen ist er denn doch um ein gut
Stück überlegen. Schon weil er ein Original ist und ein Eulengesicht
hat. Eulengesichtsmenschen sind anderen Menschen fast immer überlegen.«
»Aber Czako, ich bitte Sie, das ist ja doch alles Unsinn. Und Sie
wissen es auch. Sie möchten nur, ganz wie Rex, wenn auch aus einem
andern Motiv, dem armen Lorenzen was am Zeug flicken, bloß weil Sie
herausfühlen: ›das ist eine lautere Persönlichkeit‹.«
»Da tun Sie mir unrecht, Stechlin. Ganz und gar. Ich bin auch fürs
Lautere, wenn ich nur persönlich nicht in Anspruch genommen werde.«
»Nun, davor sind Sie sicher, -- vom Brombeerstrauch keine Trauben. Im
übrigen muß ich hier abbrechen und Sie bitten, mich auf ein Weilchen
entschuldigen zu wollen. Ich muß da nämlich nach dem Forsthause
hinüber, da drüben neben der Waldecke.«
»Aber Stechlin, was wollen Sie denn bei nem Förster?«
»Kein Förster. Es ist ein Oberförster, zu dem ich will, und zwar
derselbe, den Sie gestern abend bei meinem Papa gesehen haben.
Oberförster Katzler, bürgerlich, aber doch beinah schon historischer
Name.«
»So, so; jedenfalls nach dem, was mir Rex erzählt, ein brillanter
Billardspieler. Und doch, wenn Sie nicht ganz intim mit ihm sind, find
ich diesen Abstecher übertrieben artig.«
»Sie hätten recht, Czako, wenn es sich lediglich um Katzler handelte.
Das ist aber nicht der Fall. Es handelt sich nicht um ihn, sondern um
seine junge Frau.«
»~A la bonne heure.~«
»Ja, da sind Sie nun auch wieder auf einer falschen Fährte. So was
kann nicht vorkommen, ganz abgesehen davon, daß mit Oberförstern
immer schlecht Kirschen pflücken ist; die blasen einen weg, man weiß
nicht wie ... Es handelt sich hier einfach um einen Teilnahmebesuch,
um etwas, wenn Sie wollen, schön Menschliches. Frau Katzler erwartet
nämlich.«
»Aber mein Gott, Stechlin, Ihre Worte werden immer rätselhafter. Sie
können doch nicht bei jeder Oberförstersfrau, die ›erwartet‹, eine
Visite machen wollen. Das wäre denn doch eine Riesenaufgabe, selbst
wenn Sie sich auf Ihre Grafschaft hier beschränken wollten.«
»Es liegt alles ganz exceptionell. Übrigens mach ich es kurz mit meinem
Besuch, und wenn Sie Schritt reiten, worum ich bitte, so hol ich Sie
bei Genshagen noch wieder ein. Von da bis Wutz haben wir kaum noch eine
Stunde, und wenn wir's forcieren wollen, keine halbe.«
Und während er noch so sprach, bog er rechts ein und ritt auf das
Forsthaus zu.
Woldemar hatte die Mitte zwischen Rex und Czako gehabt; jetzt ritten
diese beiden nebeneinander. Czako war neugierig und hätte gern
Fritz herangerufen, um dies und das über Katzler und Frau zu hören.
Aber er sah ein, daß das nicht ginge. So blieb ihm nichts als ein
Meinungsaustausch mit Rex.
»Sehen Sie,« hob er an, »unser Freund Woldemar, trabt er da nicht
hin, wie wenn er dem Glücke nachjagte? Glauben Sie mir, da steckt ne
Geschichte dahinter. Er hat die Frau geliebt oder liebt sie noch. Und
dies merkwürdige Interesse für den in Sicht stehenden Erdenbürger.
Übrigens vielleicht ein Mädchen. Was meinen Sie dazu, Rex?«
»Ach Czako, Sie wollen ja doch nur hören, was Ihrer eignen frivolen
Natur entspricht. Sie haben keinen Glauben an reine Verhältnisse. Sehr
mit Unrecht. Ich kann Ihnen versichern, es gibt dergleichen.«
»Nun ja, Sie, Rex. Sie, der sich Frühgottesdienste leistet. Aber
Stechlin ...«
»Stechlin ist auch eine sittliche Natur. Sittlichkeit ist ihm
angeboren, und was er von Natur mitbrachte, das hat sein Regiment
weiter in ihm ausgebildet.«
Czako lachte. »Nun hören Sie, Rex, Regimenter kenn ich doch auch. Es
gibt ihrer von allen Arten, aber Sittlichkeitsregimenter kenn ich noch
nicht.«
»Es gibt's ihrer aber. Zum mindesten hat's ihrer immer gegeben, sogar
solche mit Askese.«
»Nun ja, Cromwell und die Puritaner. Aber, ~long, long ago~. Verzeihen
Sie die abgedudelte Phrase. Aber wenn sich's um so feine Dinge wie
Askese handelt, muß man notwendig einen englischen Brocken einschalten.
In Wirklichkeit bleibt alles beim alten. Sie sind ein schlechter
Menschenkenner, Rex, wie alle Konventikler. Die glauben immer, was sie
wünschen. Und auch an unserm Stechlin werden Sie mutmaßlich erfahren,
wie falsch Sie gerechnet haben. Im übrigen kommt da gerade zu rechter
Zeit ein Wegweiser. Lassen Sie uns nachsehen, wo wir eigentlich sind.
Wir reiten so immer drauflos und wissen nicht mehr, ob links oder
rechts.«