und boshaften Wesen mit Fuchsschwänzen und Fledermausflügeln umstellt,
und wenn wir renommieren oder sicher tun, dann lachen sie. Und wenn
sie erst lachen, dann sind wir schon so gut wie verloren. Mit unsrer
eignen Kraft ist nichts getan, ich habe nicht den Grashalm sicher, den
ich hier ausreiße. Demut, Demut ... Aber trotzdem komm ich dir mit der
naiven Frage (denn man widerspricht sich in einem fort), ist es was
Vornehmes, was Pikfeines?«
»Pikfein, Papa, will ich nicht sagen. Aber vornehm gewiß.«
»Na, das freut mich. Falsche Vornehmheit ist mir ein Greuel; aber
richtige Vornehmheit, -- ~à la bonne heure~. Sage mal, vielleicht was
vom Hofe?«
»Nein, Papa.«
»Na, desto besser. Aber da kommen ja die Herren. Der Rex sieht wirklich
verdeubelt gut aus, ganz das, was wir früher einen Garde-Assessor
nannten. Und fromm, sagst du, -- wird also wohl Karriere machen;
›fromm‹ is wie ne untergelegte Hand.«
* * * * *
Während dieser Worte stiegen Rex und Czako die Stufen zum Garten
hinunter und begrüßten den Alten. Er erkundigte sich nach ihren
nächtlichen Schicksalen, freute sich, daß sie »durchgeschlafen« hätten,
und nahm dann Czakos Arm, um vom Garten her auf die Veranda, wo Engelke
mittlerweile unter der großen Marquise den Frühstückstisch hergerichtet
hatte, zurückzukehren. »Darf ich bitten, Herr von Rex.« Und er wies auf
einen Gartenstuhl, ihm gerade gegenüber, während Woldemar und Czako
links und rechts neben ihm Platz nahmen. »Ich habe neuerdings den Tee
eingeführt, das heißt nicht obligatorisch; im Gegenteil, ich persönlich
bleibe lieber bei Kaffee, ›schwarz wie der Teufel, süß wie die Sünde,
heiß wie die Hölle‹, wie bereits Talleyrand gesagt haben soll. Aber,
Pardon, daß ich Sie mit so was überhaupt noch belästige. Schon mein
Vater sagte mal: ›Ja, wir auf dem Lande, wir haben immer noch die alten
Wiener Kongreßwitze.‹ Und das ist nun schon wieder ein Menschenalter
her.«
»Ach, diese alten Kongreßwitze,« sagte Rex verbindlich, »ich möchte
mir die Bemerkung erlauben, Herr Major, daß diese alten Witze besser
sind als die neuen. Und kann auch kaum anders sein. Denn wer waren denn
die Verfasser von damals? Talleyrand, den Sie schon genannt haben, und
Wilhelm von Humboldt und Friedrich Gentz und ihresgleichen. Ich glaube,
daß das Metier seitdem sehr herabgestiegen ist.«
»Ja, herabgestiegen ist alles, und es steigt immer weiter nach unten.
Das ist, was man neue Zeit nennt, immer weiter runter. Und mein Pastor,
den Sie ja gestern abend kennen gelernt haben, der behauptet sogar, das
sei das Wahre, das sei das, was man Kultur nenne, daß immer weiter nach
unten gestiegen würde. Die aristokratische Welt habe abgewirtschaftet,
und nun komme die demokratische ...«
»Sonderbare Worte für einen Geistlichen,« sagte Rex, »für einen Mann,
der doch die durch Gott gegebenen Ordnungen kennen sollte.«
Dubslav lachte. »Ja, das bestreitet er Ihnen. Und ich muß bekennen, es
hat manches für sich, trotzdem es mir nicht recht paßt. Im übrigen, wir
werden ihn, ich meine den Pastor, ja wohl noch beim zweiten Frühstück
sehen, wo Sie dann Gelegenheit nehmen können, sich mit ihm persönlich
darüber auseinanderzusetzen; er liebt solche Gespräche, wie Sie wohl
schon gemerkt haben, und hat eine kleine Lutherneigung, sich immer auf
das jetzt übliche: ›Hier steh ich, ich kann nicht anders‹ auszuspielen.
Mitunter sieht es wirklich so aus, als ob wieder eine gewisse
Märtyrerlust in die Menschen gefahren wäre, bloß ich trau dem Frieden
noch nicht so recht.«
»Ich auch nicht,« bemerkte Rex, »meistens Renommisterei.«
»Na, na,« sagte Czako. »Da hab ich doch noch diese letzten Tage von
einem armen russischen Lehrer gelesen, der unter die Soldaten gesteckt
wurde (sie haben da jetzt auch so was wie allgemeine Dienstpflicht),
und dieser Mensch, der Lehrer, hat sich geweigert, eine Flinte
loszuschießen, weil das bloß Vorschule sei zu Mord und Totschlag, also
ganz und gar gegen das fünfte Gebot. Und dieser Mensch ist sehr gequält
worden, und zuletzt ist er gestorben. Wollen Sie das auch Renommisterei
nennen?«
»Gewiß will ich das.«
»Herr von Rex,« sagte Dubslav, »sollten Sie dabei nicht zu weit
gehen? Wenn sich's ums Sterben handelt, da hört das Renommieren auf.
Aber diese Sache, von der ich übrigens auch gehört habe, hat einen
ganz andern Schlüssel. Das liegt nicht an der allgemein gewordenen
Renommisterei, das liegt am Lehrertum. Alle Lehrer sind nämlich
verrückt. Ich habe hier auch einen, an dem ich meine Studien gemacht
habe; heißt Krippenstapel, was allein schon was sagen will. Er ist grad
um ein Jahr älter als ich, also runde siebenundsechzig, und eigentlich
ein Prachtexemplar, jedenfalls ein vorzüglicher Lehrer. Aber verrückt
ist er doch.«
»Das sind alle,« sagte Rex. »Alle Lehrer sind ein Schrecknis. Wir im
Kultusministerium können ein Lied davon singen. Diese Abc-Pauker wissen
alles, und seitdem Anno sechsundsechzig der unsinnige Satz in die Mode
kam, ›der preußische Schulmeister habe die Österreicher geschlagen‹
-- ich meinerseits würde lieber dem Zündnadelgewehr oder dem alten
Steinmetz, der alles, nur kein Schulmeister war, den Preis zuerkennen
--, seitdem ist es vollends mit diesen Leuten nicht mehr auszuhalten.
Herr von Stechlin hat eben von einem der Humboldts gesprochen; nun, an
Wilhelm von Humboldt trauen sie sich noch nicht recht heran, aber was
Alexander von Humboldt konnte, das können sie nun schon lange.«
»Da treffen Sie's, Herr von Rex,« sagte Dubslav. »Genau so ist meiner
auch. Ich kann nur wiederholen, ein vorzüglicher Mann; aber er hat
den Prioritätswahnsinn. Wenn Koch das Heilserum erfindet oder Edison
Ihnen auf fünfzig Meilen eine Oper vorspielt, mit Getrampel und
Händeklatschen dazwischen, so weist Ihnen mein Krippenstapel nach, daß
er das vor dreißig Jahren auch schon mit sich rumgetragen habe.«
»Ja, ja, so sind sie alle.«
Ȇbrigens ... Aber darf ich Ihnen nicht noch von diesem gebackenen
Schinken vorlegen? ... Übrigens mahnt mich Krippenstapel daran, daß die
Feststellung eines Vormittagsprogramms wohl an der Zeit sein dürfte;
Krippenstapel ist nämlich der geborene Cicerone dieser Gegenden, und
durch Woldemar weiß ich bereits, daß Sie uns die Freude machen wollen,
sich um Stechlin und Umgegend ein klein wenig zu kümmern, Dorf, Kirche,
Wald, See -- um den See natürlich am meisten, denn der ist unsre ~pièce
de résistance~. Das andere gibt es wo anders auch, aber der See ...
Lorenzen erklärt ihn außerdem noch für einen richtigen Revolutionär,
der gleich mitrumort, wenn irgendwo was los ist. Und es ist auch
wirklich so. Mein Pastor aber sollte, beiläufig bemerkt, so was lieber
nicht sagen. Das sind so Geistreichigkeiten, die leicht übel vermerkt
werden. Ich persönlich lass' es laufen. Es gibt nichts, was mir so
verhaßt wäre wie Polizeimaßregeln, oder einem Menschen, der gern ein
freies Wort spricht, die Kehle zuzuschnüren. Ich rede selber gern, wie
mir der Schnabel gewachsen ist.«
»Und verplauderst dich dabei,« sagte Woldemar, »und vergißt zunächst
unser Programm. Um spätestens zwei müssen wir fort; wir haben also nur
noch vier Stunden. Und Globsow, ohne das es nicht gehen wird, ist weit
und kostet uns wenigstens die Hälfte davon.«
»Alles richtig. Also das Menü, meine Herren. Ich denke mir die
Sache so. Erst (da gleich hinter dem Buxbaumgange) Besteigung des
Aussichtsturms, -- noch eine Anlage von meinem Vater her, die sich,
nach Ansicht der Leute hier, vordem um vieles schöner ausnahm als
jetzt. Damals waren nämlich noch lauter bunte Scheiben da oben, und
alles, was man sah, sah rot oder blau oder orangefarben aus. Und alle
Welt hier war unglücklich, als ich diese bunten Gläser wegnehmen
ließ. Ich empfand es aber wie ne Naturbeleidigung. Grün ist grün, und
Wald ist Wald ... Also Nummer eins der Aussichtsturm; Nummer zwei
Krippenstapel und die Schule; Nummer drei die Kirche samt Kirchhof.
Pfarre schenken wir uns. Dann Wald und See. Und dann Globsow, wo sich
eine Glasindustrie befindet. Und dann wieder zurück, und zum Abschluß
ein zweites Frühstück, eine altmodische Bezeichnung, die mir aber
trotzdem immer besser klingt als Lunch. ›Zweites Frühstück‹ hat etwas
ausgesprochen Behagliches und gibt zu verstehen, daß man ein erstes
schon hinter sich hat ... Woldemar, dies ist mein Programm, das ich
dir, als einem Eingeweihten, hiermit unterbreite. Ja oder nein?«
»Natürlich ja, Papa. Du triffst dergleichen immer am besten. Ich
meinerseits mache aber nur die erste Hälfte mit. Wenn wir in der Kirche
fertig sind, muß ich zu Lorenzen. Krippenstapel kann mich ja mehr als
ersetzen, und in Globsow weiß er all und jedes. Er spricht, als ob er
Glasbläser gewesen wäre.«
»Darf dich nicht wundern. Dafür ist er Lehrer im allgemeinen und
Krippenstapel im besonderen.«
* * * * *
So war denn also das Programm festgestellt, und nachdem Dubslav mit
Engelkes Hilfe seinen noch ziemlich neuen weißen Filzhut, den er sehr
schonte, mit einem wotanartigen schwarzen Filzhut vertauscht und einen
schweren Eichenstock in die Hand genommen hatte, brach man auf, um
zunächst auf den als erste Sehenswürdigkeit festgesetzten Aussichtsturm
hinaufzusteigen. Der Weg dahin, keine hundert Schritte, führte durch
einen sogenannten »Poetensteig«. »Ich weiß nicht,« sagte Dubslav,
»warum meine Mutter diesen etwas anspruchsvollen Namen hier einführte.
Soviel mir bekannt, hat sich hier niemals etwas betreffen lassen, was
zu dieser Rangerhöhung einer ehemaligen Taxushecke hätte Veranlassung
geben können. Und ist auch recht gut so.«
»Warum gut, Papa?«
»Nun, nimm es nicht übel,« lachte Dubslav. »Du sprichst ja, wie wenn du
selber einer wärst. Im übrigen räum ich dir ein, daß ich kein rechtes
Urteil über derlei Dinge habe. Bei den Kürassieren war keiner, und ich
habe überhaupt nur einmal einen gesehen, mit einem kleinen Verdruß und
einer Goldbrille, die er beständig abnahm und putzte. Natürlich bloß
ein Männchen, klein und eitel. Aber sehr elegant.«
»Elegant?« fragte Czako. »Dann stimmt es nicht; dann haben Sie so gut
wie keinen gesehen.«
Unter diesem Gespräche waren sie bis an den Turm gekommen, der in
mehreren Etagen und zuletzt auf bloßen Leitern anstieg. Man mußte
schwindelfrei sein, um gut hinaufzukommen. Oben aber war es wieder
gefahrlos, weil eine feste Wandung das Podium umgab. Rex und Czako
hielten Umschau. Nach Süden hin lag das Land frei, nach den drei andern
Seiten hin aber war alles mit Waldmassen besetzt, zwischen denen
gelegentlich die sich hier auf weite Meilen hinziehende Seenkette
sichtbar wurde. Der nächste See war der Stechlin.
»Wo ist nun die Stelle?« fragte Czako. »Natürlich die, wo's sprudelt
und strudelt.«
»Sehen Sie die kleine Buchtung da, mit der weißen Steinbank?«
»Jawohl; ganz deutlich.«
»Nun, von der Steinbank aus keine zwei Bootslängen in den See hinein,
da haben Sie die Stelle, die, wenn's sein muß, mit Java telephoniert.«
»Ich gäbe was drum,« sagte Czako, »wenn jetzt der Hahn zu krähen
anfinge.«
»Diese kleine Aufmerksamkeit muß ich Ihnen leider schuldig bleiben und
hab überhaupt da nach rechts hin nichts anderes mehr für Sie als die
roten Ziegeldächer, die sich zwischen dem Waldrand und dem See wie
auf einem Bollwerk hinziehen. Das ist Kolonie Globsow. Da wohnen die
Glasbläser. Und dahinter liegt die Glashütte. Sie ist noch unter dem
alten Fritzen entstanden und heißt die ›grüne Glashütte‹«.
»Die grüne? Das klingt ja beinah wie aus nem Märchen.«
»Ist aber eher das Gegenteil davon. Sie heißt nämlich so, weil man da
grünes Glas macht, allergewöhnlichstes Flaschenglas. An Rubinglas mit
Goldrand dürfen Sie hier nicht denken. Das ist nichts für unsre Gegend.«
Und damit kletterten sie wieder hinunter und traten, nach Passierung
des Schloßvorhofs, auf den quadratischen Dorfplatz hinaus, an dessen
einer Ecke die Schule gelegen war. Es mußte die Schule sein, das sah
man an den offenstehenden Fenstern und den Malven davor, und als die
Herren bis an den grünen Staketenzaun heran waren, hörten sie auch
schon den prompten Schulgang da drinnen, erst die scharfe, kurze
Frage des Lehrers und dann die sofortige Massenantwort. Im nächsten
Augenblick, unter Vorantritt Dubslavs, betraten alle den Flur, und weil
ein kleiner weißer Kläffer sofort furchtbar zu bellen anfing, erschien
Krippenstapel, um zu sehen, was los sei.
»Guten Morgen, Krippenstapel,« sagte Dubslav. »Ich bring Ihnen Besuch.«
»Sehr schmeichelhaft, Herr Baron.«
»Ja, das sagen Sie; wenn's nur wahr ist. Aber unter allen Umständen
lassen Sie den Baron aus dem Spiel ... Sehen Sie, meine Herren, mein
Freund Krippenstapel is ein ganz eignes Haus. Alltags nennt er mich
›Herr von Stechlin‹ (den Major unterschlägt er), und wenn er ärgerlich
ist, nennt er mich ›gnädger Herr‹. Aber sowie ich mit Fremden komme,
betitelt er mich ›Herr Baron‹. Er will was für mich tun.«
Krippenstapel, still vor sich hinschmunzelnd, hatte mittlerweile die
Tür zu der seiner Schulklasse gegenüber gelegenen Wohnstube geöffnet
und bat die Herren, eintreten zu wollen. Sie nahmen auch jeder einen
Stuhl in die Hand, aber stützten sich nur auf die Lehne, während das
Gespräch zwischen Dubslav und dem Lehrer seinen Fortgang nahm. »Sagen
Sie, Krippenstapel, wird es denn überhaupt gehen? Sie sollen uns
natürlich alles zeigen, und die Schule ist noch nicht aus.«
»O, gewiß geht es, Herr von Stechlin.«
»Ja, hören Sie, wenn der Hirt fehlt, rebelliert die Herde ...«
»Nicht zu befürchten, Herr von Stechlin. Da war mal ein Burgemeister,
achtundvierziger Zeit, Namen will ich lieber nicht nennen, der sagte:
›Wenn ich meinen Stiefel ans Fenster stelle, regier ich die ganze
Stadt.‹ Das war mein Mann.«
»Richtig; den hab ich auch noch gekannt. Ja, der verstand es. Überhaupt
immer in der Furcht des Herrn. Dann geht alles am besten. Der
Hauptregente bleibt doch der Krückstock.«
»Der Krückstock,« bestätigte Krippenstapel. »Und dann freilich die
Belohnungen.«
»Belohnungen?« lachte Dubslav. »Aber Krippenstapel, wo nehmen Sie denn
die her?«
»O, die hat's schon, Herr von Stechlin. Aber immer mit
Verschiedenheiten. Ist es was Kleines, so kriegt der Junge bloß nen
Katzenkopp weniger, ist es aber was Großes, dann kriegt er ne Wabe.«
»Ne Wabe? Richtig. Davon haben wir schon heute früh beim Frühstück
gesprochen, als Ihr Honig auf den Tisch kam. Ich habe den Herren dabei
gesagt, Sie wären der beste Imker in der ganzen Grafschaft.«
»Zuviel Ehre, Herr von Stechlin. Aber das darf ich sagen, ich versteh
es. Und wenn die Herren mir folgen wollen, um das Volk bei der Arbeit
zu sehen -- es ist jetzt gerade beste Zeit.«
Alle waren einverstanden, und so gingen sie denn durch den Flur bis
in Hof und Garten hinaus und nahmen hier Stellung vor einem offenen
Etageschuppen, drin die Stöcke standen, nicht altmodische Bienenkörbe,
sondern richtige Bienenhäuser, nach der Dzierzonschen Methode, wo
man alles herausnehmen und jeden Augenblick in das Innere bequem
hineingucken kann. Krippenstapel zeigte denn auch alles, und Rex und
Czako waren ganz aufrichtig interessiert.
»Nun aber, Herr Lehrer Krippenstapel,« sagte Czako, »nun bitte, geben
Sie uns auch einen Kommentar. Wie is das eigentlich mit den Bienen? Es
soll ja was ganz Besondres damit sein.«
»Ist es auch, Herr Hauptmann. Das Bienenleben ist eigentlich feiner und
vornehmer als das Menschenleben.«
»Feiner, das kann ich mir schon denken; aber auch vornehmer? Was
Vornehmeres als den Menschen gibt es nicht. Indessen, wie's damit auch
sei, ›ja‹ oder ›nein‹, Sie machen einen nur immer neugieriger. Ich
habe mal gehört, die Bienen sollen sich auf das Staatliche so gut
verstehen; beinah vorbildlich.«
»So ist es auch, Herr Hauptmann. Und eines ist ja da, worüber sich
als Thema vielleicht reden läßt. Da sind nämlich in jedem Stock drei
Gruppen oder Klassen. In Klasse eins haben wir die Königin, in Klasse
zwei haben wir die Arbeitsbienen (die, was für alles Arbeitsvolk wohl
eigentlich immer das beste ist, geschlechtslos sind), und in Klasse
drei haben wir die Drohnen; die sind männlich, worin zugleich ihr
eigentlicher Beruf besteht. Denn im übrigen tun sie gar nichts.«
»Interessanter Staat. Gefällt mir. Aber immer noch nicht vorbildlich
genug.«
»Und nun bedenken Sie, Herr Hauptmann. Winterlang haben sie so
dagesessen und gearbeitet oder auch geschlafen. Und nun kommt der
Frühling, und das erwachende neue Leben ergreift auch die Bienen, am
mächtigsten aber die Klasse eins, die Königin. Und sie beschließt nun,
mit ihrem ganzen Volk einen Frühlingsausflug zu machen, der sich für
sie persönlich sogar zu einer Art Hochzeitsreise gestaltet. So muß ich
es nennen. Unter den vielen Drohnen nämlich, die ihr auf der Ferse
sind, wählt sie sich einen Begleiter, man könnte sagen einen Tänzer,
der denn auch berufen ist, alsbald in eine noch intimere Stellung zu
ihr einzurücken. Etwa nach einer Stunde kehrt die Königin und ihr
Hochzeitszug in die beengenden Schranken ihres Staates zurück. Ihr
Dasein hat sich inzwischen erfüllt. Ein ganzes Geschlecht von Bienen
wird geboren, aber weitere Beziehungen zu dem bewußten Tänzer sind ein
für allemal ausgeschlossen. Es ist das gerade das, was ich vorhin als
fein und vornehm bezeichnet habe. Bienenköniginnen lieben nur einmal.
Die Bienenkönigin liebt und stirbt.«
»Und was wird aus der bevorzugten Drohne, aus dem Prinzessinnen-Tänzer,
dem Prince-Consort, wenn dieser Titel ausreicht?«
»Dieser Tänzer wird ermordet.«
»Nein, Herr Lehrer Krippenstapel, das geht nicht. Unter dieser letzten
Mitteilung bricht meine Begeisterung wieder zusammen. Das ist ja
schlimmer als der Heinesche Asra. Der stirbt doch bloß. Aber hier haben
wir Ermordung. Sagen Sie, Rex, wie stehen Sie dazu?«
»Das monogamische Prinzip, woran doch schließlich unsre ganze Kultur
hängt, kann nicht strenger und überzeugender demonstriert werden. Ich
finde es großartig.«
Czako hätte gern geantwortet; aber er kam nicht dazu, weil in diesem
Augenblicke Dubslav darauf aufmerksam machte, daß man noch viel
vor sich habe. Zunächst die Kirche. »Seine Hochwürden, der wohl
eigentlich dabei sein müßte, wird es nicht übelnehmen, wenn wir auf ihn
verzichten. Aber Sie, Krippenstapel, können Sie?«
Krippenstapel wiederholte, daß er Zeit vollauf habe. Zudem schlug die
Schuluhr, und gleich beim ersten Schlage hörte man, wie's drinnen in
der Klasse lebendig wurde und die Jungens in ihren Holzpantinen über
den Flur weg auf die Straße stürzten. Draußen aber stellten sie sich
militärisch auf, weil sie mittlerweile gehört hatten, daß der gnädige
Herr gekommen sei.
»Morgen, Jungens,« sagte Dubslav, an einen kleinen Schwarzhaarigen
herantretend. »Bist von Globsow?«
»Nein, gnädger Herr, von Dagow.«
»Na, lernst auch gut?«
Der Junge griente.
»Wann war denn Fehrbellin?«
»Achtzehnter Juni.«
»Und Leipzig?«
»Achtzehnter Oktober. Immer achtzehnter bei uns.«
»Das ist recht, Junge ... Da.«
Und dabei griff er in seinen Rock und suchte nach einem Nickel. »Sehen
Sie, Hauptmann, Sie sind ein bißchen ein Spötter, soviel hab ich schon
gemerkt; aber so muß es gemacht werden. Der Junge weiß von Fehrbellin
und von Leipzig und hat ein kluges Gesicht und steht Red und Antwort.
Und rote Backen hat er auch. Sieht er aus, als ob er einen Kummer hätte
oder einen Gram ums Vaterland? Unsinn. Ordnung und immer feste. Na, so
lange ich hier sitze, so lange hält es noch. Aber freilich, es kommen
andre Tage.«
Woldemar lächelte.
»Na,« fuhr der Alte fort, »will mich trösten. Als der alte Fritz zu
sterben kam, dacht er auch, nu ginge die Welt unter. Und sie steht
immer noch, und wir Deutsche sind wieder obenauf, ein bißchen zu sehr.
Aber immer besser als zu wenig.«
Inzwischen hatte sich Krippenstapel in seiner Stube proper gemacht:
schwarzer Rock mit dem Inhaberband des Adlers von Hohenzollern, den
ihm sein gütiger Gutsherr verschafft hatte. Statt des Hutes, den er in
der Eile nicht hatte finden können, trug er eine Mütze von sonderbarer
Form. In der Rechten aber hielt er einen ausgehöhlten Kirchenschlüssel,
der wie ne rostige Pistole aussah.
Der Weg bis zur Kirche war ganz nah. Und nun standen sie dem Portal
gegenüber.
Rex, zu dessen Ressort auch Kirchenbauliches gehörte, setzte sein
Pincenez auf und musterte. »Sehr interessant. Ich setze das Portal
in die Zeit von Bischof Luger. Prämonstratenserbau. Wenn mich nicht
alles täuscht, Anlehnung an die Brandenburger Krypte. Also sagen wir
zwölfhundert. Wenn ich fragen darf, Herr von Stechlin, existieren
Urkunden? Und war vielleicht Herr von Quast schon hier oder Geheimrat
Adler, unser bester Kenner?«
Dubslav geriet in eine kleine Verlegenheit, weil er sich einer solchen
Gründlichkeit nicht gewärtigt hatte. »Herr von Quast war einmal hier,
aber in Wahlangelegenheiten. Und mit den Urkunden ist es gründlich
vorbei, seit Wrangel hier alles niederbrannte. Wenn ich von Wrangel
spreche, mein ich natürlich nicht unsern ›Vater Wrangel‹, der übrigens
auch keinen Spaß verstand, sondern den Schillerschen Wrangel ... Und
außerdem, Herr von Rex, ist es so schwer für einen Laien. Aber Sie,
Krippenstapel, was meinen Sie?«
Rex, über den plötzlich etwas von Dienstlichkeit gekommen war,
zuckte zusammen. Er hatte sich an Herrn von Stechlin gewandt, wenn
nicht als an einen Wissenden, so doch als an einen Ebenbürtigen,
und daß jetzt Krippenstapel aufgefordert wurde, das entscheidende
Wort in dieser Angelegenheit zu sprechen, wollte ihm nicht recht
passend erscheinen. Überhaupt, was wollte diese Figur, die doch schon
stark die Karikatur streifte. Schon der Bericht über die Bienen und
namentlich was er über die Haltung der Königin und den Prince-Consort
gesagt hatte, hatte so merkwürdig anzüglich geklungen, und nun wurde
dies Schulmeister-Original auch noch aufgefordert, über bauliche
Fragen und aus welchem Jahrhundert die Kirche stamme, sein Urteil
abzugeben. Er hatte wohlweislich nach Quast und Adler gefragt, und
nun kam Krippenstapel! Wenn man durchaus wollte, konnte man das alles
patriarchalisch finden; aber es mißfiel ihm doch. Und leider war
Krippenstapel -- der zu seinen sonstigen Sonderbarkeiten auch noch
den ganzen Trotz des Autodidakten gesellte -- keineswegs angetan, die
kleinen Unebenheiten, in die das Gespräch hineingeraten war, wieder
glatt zu machen. Er nahm vielmehr die Frage: ›Krippenstapel, was meinen
Sie,‹ ganz ernsthaft auf und sagte:
»Wollen verzeihen, Herr von Rex, wenn ich unter Anlehnung an eine
neuerdings erschienene Broschüre des Oberlehrers Tucheband in Templin
zu widersprechen wage. Dieser Grafschaftswinkel hier ist von mehr
mecklenburgischem und uckermärkischem als brandenburgischem Charakter,
und wenn wir für unsre Stechliner Kirche nach Vorbildern forschen
wollen, so werden wir sie wahrscheinlich in Kloster Himmelpfort oder
Gransee zu suchen haben, aber nicht in Dom Brandenburg. Ich möchte
hinzusetzen dürfen, daß Oberlehrer Tuchebands Aufstellungen, soviel ich
weiß, unwidersprochen geblieben sind.«
Czako, der diesem aufflackernden Kampfe zwischen einem
Ministerialassessor und einem Dorfschulmeister mit größtem Vergnügen
folgte, hätte gern noch weitere Scheite herzugetragen; Woldemar aber
empfand, daß es höchste Zeit sei, zu intervenieren, und bemerkte:
nichts sei schwerer, als auf diesem Gebiete Bestimmungen zu treffen --
ein Satz, den übrigens sowohl Rex wie Krippenstapel ablehnen zu wollen
schienen --, und daß er vorschlagen möchte, lieber in die Kirche selbst
einzutreten, als hier draußen über die Säulen und Kapitelle weiter zu
debattieren.
Man fand sich in diesen Vorschlag; Krippenstapel öffnete die Kirche mit
seinem Riesenschlüssel, und alle traten ein.
Sechstes Kapitel