»Vorgefallen? Das will ich nicht sagen. Er is ja doch erst sechzehn

und eine Dusche dazu, gerade wie sein Vater; +der+ hat sich auch erst

rausgemausert, seit er grau geworden. Was beiläufig auch nicht gut

ist. Und da komme ich nun gestern vormittag die Treppe rauf und will

dem Jungen sagen, daß er in den Dohnenstrich geht und nachsieht, ob

Krammetsvögel da sind, und die Tür steht halb auf, was noch das beste

war, und da seh ich, wie sie ihm eine Nase dreht und die Zungenspitze

raussteckt; so was von spitzer Zunge hab ich mein Lebtag noch nicht

gesehen. Die reine Eva. Für die Potiphar ist sie mir noch zu jung.

Und als ich nu dazwischen trete, da kriegt ja nu der arme Junge das

Zittern, und weil ich nicht recht wußte, was ich sagen sollte, ging ich

bloß hin und klappte den Waschtischdeckel auf, wo der Spruch stand, und

sah ihn scharf an. Und da wurde er ganz blaß. Aber das Balg lachte.«

»Ja, liebe Frau von Gundermann, das ist so; Jugend hat keine Tugend.«

»Ich weiß doch nicht; ich bin auch einmal jung gewesen ...«

»Ja, Damen ...«

* * * * *

Während Frau von Gundermann in ihrem Gespräch in der Fensternische mit

derartigen Intimitäten kam und den guten Pastor Lorenzen abwechselnd

in Verlegenheit und dann auch wieder in stille Heiterkeit versetzte,

hatte sich Dubslav mit Hauptmann von Czako in eine schräg gegenüber

gelegene Ecke zurückgezogen, wo eine altmodische Causeuse stand, mit

einem Marmortischchen davor. Auf dem Tische zwei Kaffeetassen samt

aufgeklapptem Likörkasten, aus dem Dubslav eine Flasche nach der andern

herausnahm. »Jetzt, wenn man von Tisch kommt, muß es immer ein Cognac

sein. Aber ich bekenne Ihnen, lieber Hauptmann, ich mache die Mode

nicht mit; wir aus der alten Zeit, wir waren immer ein bißchen fürs

Süße. Creme de Cacao, na, natürlich, das is Damenschnaps, davon kann

keine Rede sein; aber Pomeranzen oder, wie sie jetzt sagen, Curaçao,

das ist mein Fall. Darf ich Ihnen einschenken? Oder vielleicht lieber

Danziger Goldwasser? Kann ich übrigens auch empfehlen.«

»Dann bitte ich um Goldwasser. Es ist doch schärfer, und dann bekenne

ich Ihnen offen, Herr Major ... Sie kennen ja unsre Verhältnisse, so'n

bißchen Gold heimelt einen immer an. Man hat keins und dabei doch

zugleich die Vorstellung, daß man es trinken kann -- es hat eigentlich

was Großartiges.«

Dubslav nickte, schenkte von dem Goldwasser ein, erst für Czako, dann

für sich selbst, und sagte: »Bei Tische hab ich die Damen leben lassen

und Frau von Gundermann im speziellen. Hören Sie, Hauptmann, Sie

verstehen's. Diese Rattengeschichte ...«

»Vielleicht war es ein bißchen zu viel.«

»I, keineswegs. Und dann, Sie waren ja ganz unschuldig, die Gnädge fing

ja davon an; erinnern Sie sich, sie verliebte sich ordentlich in die

Geschichte von den Rinnsteinbohlen, und wie sie drauf rumgetrampelt,

bis die Ratten rauskamen. Ich glaube sogar, sie sagte ›Biester‹. Aber

das schadet nicht. Das ist so Berliner Stil. Und unsre Gnädge hier

(beiläufig eine geborene Helfrich) is eine Vollblutberlinerin.«

»Ein Wort, das mich doch einigermaßen überrascht.«

»Ah,« drohte Dubslav schelmisch mit dem Finger, »ich verstehe. Sie sind

einer gewissen Unausreichendheit begegnet und verlangen mindestens mehr

Quadrat (von Kubik will ich nicht sprechen). Aber wir von Adel müssen

in diesem Punkte doch ziemlich milde sein und ein Auge zudrücken, wenn

das das richtige Wort ist. Unser eigenstes Vollblut bewegt sich auch

in Extremen und hat einen linken und einen rechten Flügel; der linke

nähert sich unsrer geborenen Helfrich. Übrigens unterhaltliche Madam.

Und wie beseligt sie war, als sie den Namenszug auf Ihrer Achselklappe

glücklich entdeckt und damit den Anmarsch auf die Münzstraße gewonnen

hatte. Was es doch alles für Lokalpatriotismen gibt!«

»An dem unser Regiment teilnimmt oder ihn mitmacht. Die Welt um den

Alexanderplatz herum hat übrigens so ihren eigenen Zauber, schon um

einer gewissen Unresidenzlichkeit willen. Ich sehe nichts lieber

als die große Markthalle, wenn beispielsweise die Fischtonnen mit

fünfhundert Aalen in die Netze gegossen werden. Etwas Unglaubliches von

Gezappel.«

»Finde mich ganz darin zurecht und bin auch für Alexanderplatz und

Alexanderkaserne samt allem, was dazu gehört. Und so brech ich

denn auch die Gelegenheit vom Zaun, um nach einem Ihrer früheren

Regimentskommandeure zu fragen, dem liebenswürdigen Obersten von

Zeuner, den ich noch persönlich gekannt habe. Hier unsere Stechliner

Gegend ist nämlich Zeunergegend. Keine Stunde von hier liegt Köpernitz,

eine reizende Besitzung, drauf die Zeunersche Familie schon in

fridericianischen Tagen ansässig war. Bin oft drüben gewesen (nun

freilich schon zwanzig Jahre zurück) und komme noch einmal mit der

Frage: Haben Sie den Obersten noch gekannt?«

»Nein, Herr Major. Er war schon fort, als ich zum Regimente kam.

Aber ich habe viel von ihm gehört und auch von Köpernitz, weiß aber

freilich nicht mehr, in welchem Zusammenhange.«

»Schade, daß Sie nur einen Tag für Stechlin festgesetzt haben, sonst

müßten Sie das Gut sehen. Alles ganz eigentümlich und besonders auch

ein Grabstein, unter dem eine uralte Dame von beinah neunzig Jahren

begraben liegt, eine geborne von Zeuner, die sich in früher Jugend

schon mit einem Emigranten am Rheinsberger Hof, mit dem Grafen La

Roche-Aymon, vermählt hatte. Merkwürdige Frau, von der ich Ihnen

erzähle, wenn ich Sie mal wiedersehe. Nur eins müssen Sie heute schon

mit anhören, denn ich glaube, Sie haben den Gustus dafür.«

»Für alles, was Sie erzählen.«

»Keine Schmeicheleien! Aber die Geschichte will ich Ihnen doch als

Andenken mitgeben. Andre schenken sich Photographien, was ich, selbst

wenn es hübsche Menschen sind (ein Fall, der übrigens selten zutrifft),

immer greulich finde.«

»Schenke nie welche.«

»Was meine Gefühle für Sie steigert. Aber die Geschichte: Da war

also drüben in Köpernitz diese La Roche-Aymon, und weil sie noch

die Prinz-Heinrich-Tage gesehen und während derselben eine Rolle

gespielt hatte, so zählte sie zu den besonderen Lieblingen Friedrich

Wilhelms ~IV.~ Und als nun -- sagen wir ums Jahr fünfzig -- der Zufall

es fügte, daß dem zur Jagd hier erschienenen König das Köpernitzer

Frühstück, ganz besonders aber eine Blut- und Zungenwurst, über die

Maßen gut geschmeckt hatte, so wurde dies Veranlassung für die Gräfin,

am nächsten Heiligabend eine ganze Kiste voll Würste nach Potsdam

hin in die königliche Küche zu liefern. Und das ging so durch Jahre.

Da beschloß zuletzt der gute König, sich für all die gute Gabe zu

revanchieren, und als wieder Weihnachten war, traf in Köpernitz ein

Postpaket ein, Inhalt: eine zierliche, kleine Blutwurst! Und zwar war

es ein wunderschöner, rundlicher Blutkarneol mit Goldspeilerchen an

beiden Seiten und die Speilerchen selbst mit Diamanten besetzt. Und

neben diesem Geschenk lag ein Zettelchen: ›Wurst wider Wurst.‹«

»Allerliebst.«

»Mehr als das. Ich persönlich ziehe solchen guten Einfall einer guten

Verfassung vor. Der König, glaub ich, tat es auch. Und es denken auch

heute noch viele so.«

»Gewiß, Herr Major. Es denken auch heute noch viele so, und bei

dem Schwankezustand, in dem ich mich leider befinde, sind meine

persönlichen Sympathien gelegentlich nicht weitab davon. Aber ich

fürchte doch, daß wir mit dieser unsrer Anschauung sehr in der

Minorität bleiben.«

»Werden wir. Aber Vernunft ist immer nur bei wenigen. Es wäre das

beste, wenn ein einziger Alter-Fritzen-Verstand die ganze Geschichte

regulieren könnte. Freilich braucht ein solcher oberster Wille auch

seine Werkzeuge. Die haben wir aber noch in unserm Adel, in unsrer

Armee und speziell auch in Ihrem Regiment.«

Während der Alte diesen Trumpf ausspielte, kam Engelke, um ein paar

neue Tassen zu präsentieren.

»Nein, nein, Engelke, wir sind schon weiter. Aber stell nur hin ...

In Ihrem Regiment, sag ich, Herr von Czako; schon sein Name bedeutet

ein Programm, und dieses Programm heißt: Rußland. Heutzutage darf man

freilich kaum noch davon reden. Aber das ist Unsinn. Ich sage Ihnen,

Hauptmann, das waren Preußens beste Tage, als da bei Potsdam herum

die ›russische Kirche‹ und das ›russische Haus‹ gebaut wurden, und

als es immer hin und her ging zwischen Berlin und Petersburg. Ihr

Regiment, Gott sei Dank, unterhält noch was von den alten Beziehungen,

und ich freue mich immer, wenn ich davon lese, vor allem, wenn ein

russischer Kaiser kommt und ein Doppelposten vom Regiment Alexander vor

seinem Palais steht. Und noch mehr freu ich mich, wenn das Regiment

Deputationen schickt: Georgsfest, Namenstag des hohen Chefs, oder

wenn sich's auch bloß um Uniformabänderungen handelt, beispielsweise

Klappkragen statt Stehkragen (diese verdammten Stehkragen) -- und wie

dann der Kaiser alle begrüßt und zur Tafel zieht und so bei sich denkt:

›Ja, ja, das sind brave Leute; da hab ich meinen Halt.‹«

Czako nickte, war aber doch in sichtlicher Verlegenheit, weil er, trotz

seiner vorher versicherten »Sympathien«, ein ganz moderner, politisch

stark angekränkelter Mensch war, der, bei strammster Dienstlichkeit,

zu all dergleichen Überspanntheiten ziemlich kritisch stand. Der alte

Dubslav nahm indessen von alledem nichts wahr und fuhr fort: »Und

sehen Sie, lieber Hauptmann, so hab ich's persönlich in meinen jungen

Jahren auch noch erlebt und vielleicht noch ein bißchen besser; denn,

Pardon, jeder hält seine Zeit für die beste. Vielleicht sogar, daß Sie

mir zustimmen, wenn ich Ihnen mein Sprüchel erst ganz hergesagt haben

werde. Da haben wir ja nun ›jenseits des Njemen‹, wie manche Gebildete

jetzt sagen, die ›drei Alexander‹ gehabt, den ersten, den zweiten und

den dritten, alle drei große Herren und alle drei richtige Kaiser und

fromme Leute, oder doch beinah fromm, die's gut mit ihrem Volk und mit

der Menschheit meinten, und dabei selber richtige Menschen; aber in

dies Alexandertum, das so beinah das ganze Jahrhundert ausfüllt, da

schiebt sich doch noch einer ein, ein Nicht-Alexander, und ohne Ihnen

zu nahe treten zu wollen, +der+ war doch der Häupter. Und das war unser

Nikolaus. Manche dummen Kerle haben Spottlieder auf ihn gemacht und

vom schwarzen Niklas gesungen, wie man Kinder mit dem schwarzen Mann

graulich macht, aber war das ein Mann! Und dieser selbige Nikolaus,

nun, der hatte hier, ganz wie die drei Alexander, auch ein Regiment,

und das waren die Nikolaus-Kürassiere, oder sag ich lieber: das sind

die Nikolaus-Kürassiere, denn wir haben sie, Gott sei Dank, noch.

Und sehen Sie, lieber Czako, das war mein Regiment, dabei hab ich

gestanden, als ich noch ein junger Dachs war, und habe dann den

Abschied genommen; viel zu früh; Dummheit, hätte lieber dabei bleiben

sollen.«

Czako nickte, Dubslav nahm ein neues Glas von dem Goldwasser. »Unsere

Nikolaus-Kürassiere, Gott erhalte sie, wie sie sind. Ich möchte

sagen, in dem Regimente lebt noch die heilige Alliance fort, die

Waffenbrüderschaft von Anno dreizehn, und dies Anno dreizehn, das wir

mit den Russen zusammen durchgemacht haben, immer nebeneinander im

Biwak, in Glück und Unglück, das war doch unsre größte Zeit. Größer

als die jetzt große. Große Zeit ist es immer nur, wenn's beinah

schief geht, wenn man jeden Augenblick fürchten muß: ›Jetzt ist

alles vorbei.‹ Da zeigt sich's. Courage ist gut, aber Ausdauer ist

besser. Ausdauer, das ist die Hauptsache. Nichts im Leibe, nichts

auf dem Leibe, Hundekälte, Regen und Schnee, so daß man so in der

nassen Patsche liegt, und höchstens nen Kornus (Kognak, ja hast du

was, den gab es damals kaum) und so die Nacht durch, da konnte man

Jesum Christum erkennen lernen. Ich sage das, wenn ich auch nicht mit

dabei gewesen. Anno dreizehn, bei Großgörschen, das war für uns die

richtige Waffenbrüderschaft: jetzt haben wir die Waffenbrüderschaft

der Orgeldreher und der Mausefallenhändler. Ich bin für Rußland, für

Nikolaus und Alexander. Preobraschensk, Semenow, Kaluga, -- da hat

man die richtige Anlehnung; alles andre ist revolutionär, und was

revolutionär ist, das wackelt.«

* * * * *

Kurz vor elf, der Mond war inzwischen unter, brach man auf, und

die Wagen fuhren vor, erst der Katzlersche Kaleschwagen, dann die

Gundermannsche Chaise; Martin aber, mit einer Stallaterne, leuchtete

dem Pastor über Vorhof und Bohlenbrücke fort, bis an seine ganz im

Dunkel liegende Pfarre. Gleich darauf zogen sich auch die drei Freunde

zurück und stiegen, unter Vorantritt Engelkes, die große Treppe

hinauf, bis auf den Podest. Hier trennten sich Rex und Czako von

Woldemar, dessen Zimmer auf der andern Flurseite gelegen war.

Czako, sehr müde, war im Nu bettfertig. »Es bleibt also dabei, Rex, Sie

logieren sich in dem Rokokozimmer ein -- wir wollen es ohne weiteres

so nennen -- und ich nehme das Himmelbett hier in Zimmer Nummer eins.

Vielleicht wäre das Umgekehrte richtiger, aber Sie haben es so gewollt.«

Und während er noch so sprach, schob er seine Stiefel auf den Flur

hinaus, schloß ab und legte sich nieder.

Rex war derweilen mit seiner Plaidrolle beschäftigt, aus der

er allerlei Toilettengegenstände hervorholte. »Sie müssen mich

entschuldigen, Czako, wenn ich mich noch eine Viertelstunde hier bei

Ihnen aufhalte. Habe nämlich die Angewohnheit, mich abends zu rasieren,

und der Toilettentisch mit Spiegel, ohne den es doch nicht gut geht,

der steht nun mal hier an Ihrem, statt an meinem Fenster. Ich muß also

stören.«

»Mir sehr recht, trotz aller Müdigkeit. Nichts besser, als noch

ein bißchen aus dem Bett heraus plaudern können. Und dabei so warm

eingemummelt. Die Betten auf dem Lande sind überhaupt das beste.«

»Nun, Czako, das freut mich, daß Sie so bereit sind, mir Quartier zu

gönnen. Aber wenn Sie noch eine Plauderei haben wollen, so müssen

Sie sich die Hauptsache selber leisten. Ich schneide mich sonst, was

dann hinterher immer ganz schändlich aussieht. Übrigens muß ich erst

Schaum schlagen, und so lange wenigstens kann ich Ihnen Red und Antwort

stehen. Ein Glück nebenher, daß hier, außer der kleinen Lampe, noch

diese zwei Leuchter sind. Wenn ich nicht Licht von rechts und links

habe, komme ich nicht von der Stelle; das eine wackelt zwar (alle diese

dünnen Silberleuchter wackeln), aber ›wenn gute Reden sie begleiten

...‹ Also strengen Sie sich an. Wie fanden Sie die Gundermanns?

Sonderbare Leute -- haben Sie schon mal den Namen Gundermann gehört?«

»Ja. Aber das war in ›Waldmeisters Brautfahrt‹.«

»Richtig; so wirkt er auch. Und nun gar erst die Frau. Der einzige,

der sich sehen lassen konnte, war dieser Katzler. Ein Karambolespieler

ersten Ranges. Übrigens Eisernes Kreuz.«

»Und dann der Pastor.«

»Nun ja, auch der. Eine ganz gescheite Nummer. Aber doch ein

wunderbarer Heiliger, wie die ganze Sippe, zu der er gehört. Er hält zu

Stöcker, sprach es auch aus, was neuerdings nicht jeder tut; aber der

›neue Luther‹, der doch schon gerade bedenklich genug ist -- Majestät

hat ganz recht mit seiner Verurteilung, der geht ihm gewiß nicht weit

genug. Dieser Lorenzen erscheint mir, im Gegensatz zu seinen Jahren,

als einer der allerjüngsten. Und zu verwundern bleibt nur, daß der

Alte so gut mit ihm steht. Freund Woldemar hat mir davon erzählt. Der

Alte liebt ihn und sieht nicht, daß ihm sein geliebter Pastor den Ast

absägt, auf dem er sitzt. Ja, diese von der neuesten Schule, das sind

die allerschlimmsten. Immer Volk und wieder Volk, und mal auch etwas

Christus dazwischen. Aber ich lasse mich so leicht nicht hinters Licht

führen. Es läuft alles darauf hinaus, daß sie mit uns aufräumen wollen,

und mit dem alten Christentum auch. Sie haben ein neues, und das

überlieferte behandeln sie despektierlich.«

»Kann ich ihnen unter Umständen nicht verdenken. Seien Sie gut,

Rex, und lassen Sie Konventikel und Partei mal beiseite. Das

Überlieferte, was einem da so vor die Klinge kommt, namentlich

wenn Sie sich die Menschen ansehen, wie sie nun mal sind, ist doch

sehr reparaturbedürftig, und auf solche Reparatur ist ein Mann wie

dieser Lorenzen eben aus. Machen Sie die Probe. Hie Lorenzen, hie

Gundermann. Und Ihren guten Glauben in Ehren, aber Sie werden diesen

Gundermann doch nicht über den Lorenzen stellen und ihn überhaupt

nur ernsthaft nehmen wollen. Und wie dieser Wassermüller aus der

Brettschneidebranche, so sind die meisten. Phrase, Phrase. Mitunter

auch Geschäft oder noch Schlimmeres.«

»Ich kann jetzt nicht antworten, Czako. Was Sie da sagen, berührt eine

große Frage, bei der man doch aufpassen muß. Und so mit dem Messer

in der Hand, da verbietet sich's. Und das eine wacklige Licht hat

ohnehin schon einen Dieb. Erzählen Sie mir lieber was von der Frau von

Gundermann. Debattieren kann ich nicht mehr, aber wenn Sie plaudern,

brauch ich bloß zuzuhören. Sie haben ihr ja bei Tisch nen langen

Vortrag gehalten.«

»Ja. Und noch dazu über Ratten.«

»Nein, Czako, davon dürfen Sie jetzt nicht sprechen; dann doch lieber

über alten und neuen Glauben. Und gerade hier. In solchem alten Kasten

ist man nie sicher vor Spuk und Ratten. Wenn Sie nichts andres wissen,

dann bitt ich um die Geschichte, bei der wir heute früh in Cremmen

unterbrochen wurden. Es schien mir was Pikantes.«

»Ach, die Geschichte von der kleinen Stubbe. Ja, hören Sie, Rex, das

regt Sie aber auch auf. Und wenn man nicht schlafen kann, ist es am

Ende gleich, ob wegen der Ratten oder wegen der Stubbe.«

Fünftes Kapitel

Rex und Czako waren so müde, daß sie sich, wenn nötig, über Spuk und

Ratten weggeschlafen hätten. Aber es war nicht nötig, nichts war da,

was sie hätte stören können. Kurz vor acht erschien das alte Faktotum

mit einem silbernen Deckelkrug, aus dem der Wrasen heißen Wassers

aufstieg, einem der wenigen Renommierstücke, über die Schloß Stechlin

verfügte. Dazu bot Engelke den Herren einen guten Morgen und stattete

seinen Wetterbericht ab: Es gebe gewiß einen schönen Tag, und der junge

Herr sei auch schon auf und gehe mit dem alten um das Rundell herum.

So war es denn auch. Woldemar war schon gleich nach sieben unten im

Salon erschienen, um mit seinem Vater, von dem er wußte, daß er ein

Frühauf war, ein Familiengespräch über allerhand difficile Dinge zu

führen. Aber er war entschlossen, seinerseits damit nicht anzufangen,

sondern alles von der Neugier und dem guten Herzen des Vaters zu

erwarten. Und darin sah er sich auch nicht getäuscht.

»Ah, Woldemar, das ist recht, daß du schon da bist. Nur nicht zu lang

im Bett. Die meisten Langschläfer haben einen Knacks. Es können aber

sonst ganz gute Leute sein. Ich wette, dein Freund Rex schläft bis

neun.«

»Nein, Papa, der gerade nicht. Wer wie Rex ist, kann sich das nicht

gönnen. Er hat nämlich einen Verein gegründet für Frühgottesdienste,

abwechselnd in Schönhausen und Finkenkrug. Aber es ist noch nicht

perfekt geworden.«

»Freut mich, daß es noch hapert. Ich mag so was nicht. Der alte

Wilhelm hat zwar seinem Volke die Religion wiedergeben wollen, was ein

schönes Wort von ihm war -- alles, was er tat und sagte, war gut --

aber Religion und Landpartie, dagegen bin ich doch. Ich bin überhaupt

gegen alle falschen Mischungen. Auch bei den Menschen. Die reine Rasse,

das ist das eigentlich Legitime. Das andre, was sie nebenher noch

Legitimität nennen, das ist schon alles mehr künstlich. Sage, wie steht

es denn eigentlich damit? Du weißt schon, was ich meine.«

»Ja, Papa ...«

»Nein, nicht so; nicht immer bloß ›ja, Papa‹. So fängst du jedesmal

an, wenn ich auf dies Thema komme. Da liegt schon ein halber Refus

drin, oder ein Hinausschieben, ein Abwartenwollen. Und damit kann

ich mich nicht befreunden. Du bist jetzt zweiunddreißig, oder doch

beinah, da muß der mit der Fackel kommen; aber du fackelst (verzeih

den Kalauer, ich bin eigentlich gegen Kalauer, die sind so mehr

für Handlungsreisende), also du fackelst, sag ich, und ist kein

Ernst dahinter. Und soviel kann ich dir außerdem sagen, deine Tante

Sanctissima drüben in Kloster Wutz, die wird auch schon ungeduldig.

Und das sollte dir zu denken geben. Mich hat sie zeitlebens schlecht

behandelt; wir stimmten eben nie zusammen und konnten auch nicht, denn

so halb Königin Elisabeth, halb Kaffeeschwester, das is ne Melange, mit

der ich mich nie habe befreunden können. Ihr drittes Wort ist immer ihr

Rentmeister Fix, und wäre sie nicht sechsundsiebzig, so erfänd ich mir

eine Geschichte dazu.«

»Mach es gnädig, Papa. Sie meint es ja doch gut. Und mit mir nun schon

ganz gewiß.«

»Gnädig machen? Ja, Woldemar, ich will es versuchen. Nur fürcht ich,

es wird nicht viel dabei herauskommen. Da heißt es immer, man solle

Familiengefühl haben, aber es wird einem doch auch zu blutsauer

gemacht, und ich kann umgekehrt der Versuchung nicht widerstehen, eine

richtige Familienkritik zu üben. Adelheid fordert sie geradezu heraus.

Andrerseits freilich, in dich ist sie wie vernarrt, für dich hat sie

Geld und Liebe. Was davon wichtiger ist, stehe dahin; aber soviel

ist gewiß, ohne sie wär es überhaupt gar nicht gegangen, ich meine

dein Leben in deinem Regiment. Also wir haben ihr zu danken, und weil

sie das gerade so gut weiß wie wir, oder vielleicht noch ein bißchen

besser, gerade deshalb wird sie ungeduldig; sie will Taten sehen, was

vom Weiberstandpunkt aus allemal so viel heißt wie Verheiratung. Und

wenn man will, kann man es auch so nennen, ich meine Taten. Es ist und

bleibt ein Heroismus. Wer Tante Adelheid geheiratet hätte, hätte sich

die Tapferkeitsmedaille verdient, und wenn ich schändlich sein wollte,

so sagte ich das Eiserne Kreuz.«

»Ja, Papa ...«

»Schon wieder ›ja, Papa‹. Nun, meinetwegen, ich will dich schließlich

in deiner Lieblingswendung nicht stören. Aber bekenne mir nebenher --

denn das ist doch schließlich das, um was sich's handelt --, liegst du

mit was im Anschlag, hast du was auf dem Korn?«

»Papa, diese Wendungen erschrecken mich beinah. Aber wenn denn schon

so jägermäßig gesprochen werden soll, ja; meine Wünsche haben ein

bestimmtes Ziel, und ich darf sagen, mich beschäftigen diese Dinge.«

»Mich beschäftigen diese Dinge ... Nimm mir's nicht übel, Woldemar,

das ist ja gar nichts. Beschäftigen! Ich bin nicht fürs Poetische,

das ist für Gouvernanten und arme Lehrer, die nach Görbersdorf müssen

(bloß, daß sie meistens kein Geld dazu haben), aber diese Wendung

›sich beschäftigen‹, das ist mir denn doch zu prosaisch. Wenn es sich

um solche Dinge wie Liebe handelt (wiewohl ich über Liebe nicht viel

günstiger denke wie über Poesie, bloß daß Liebe doch noch mehr Unheil

anrichtet, weil sie noch allgemeiner auftritt) -- wenn es sich um

Dinge wie Liebe handelt, so darf man nicht sagen, ›ich habe mich damit

beschäftigt‹. Liebe ist doch schließlich immer was Forsches, sonst kann

sie sich ganz und gar begraben lassen, und da möcht ich denn doch etwas

von dir hören, was ein bißchen wie Leidenschaft aussieht. Es braucht

ja nicht gleich was Schreckliches zu sein. Aber so ganz ohne Stimulus,

wie man, glaub ich, jetzt sagt, so ganz ohne so was geht es nicht;

alle Menschheit ist darauf gestellt, und wo's einschläft, ist so gut

wie alles vorbei. Nun weiß ich zwar recht gut, es geht auch ohne uns,

aber das ist doch alles bloß etwas, was einem von Verstandes wegen

aufgezwungen wird; das egoistische Gefühl, das immer unrecht, aber auch

immer recht hat, will von dem allem nichts wissen und besteht darauf,

daß die Stechline weiterleben, wenn es sein kann, ~in aeternum~. Ewig

weiterleben; -- ich räume ein, es hat ein bißchen was Komisches, aber

es gibt wenig ernste Sachen, die nicht auch eine komische Seite hätten

... Also dich ›beschäftigen‹ diese Dinge. Kannst du Namen nennen? Auf

wem haben Eurer Hoheit Augen zu ruhen geruht?«

»Papa, Namen darf ich noch nicht nennen. Ich bin meiner Sache noch

nicht sicher genug, und das ist auch der Grund, warum ich Wendungen

gebraucht habe, die dir nüchtern und prosaisch erschienen sind. Ich

kann dir aber sagen, ich hätte mich lieber anders ausgedrückt; nur

darf ich es noch nicht. Und dann weiß ich ja auch, daß du selber einen

abergläubischen Zug hast und ganz aufrichtig davon ausgehst, daß man

sich sein Glück verreden kann, wenn man zu früh oder zu viel davon

spricht.«

Der Stechlin: Roman · 第 3 / 33 段