der Tafel. Rex, der, wenn er dienstlich oder außerdienstlich aufs
Land kam, immer eine Neigung spürte, sozialen Fragen nachzuhängen,
und beispielsweise jedesmal mit Vorliebe darauf aus war, an das
Zahlenverhältnis der in und außer der Ehe geborenen Kinder alle
möglichen, teils dem Gemeinwohl, teils der Sittlichkeit zugute kommende
Betrachtungen zu knüpfen, hatte sich auch heute wieder in einem mit
Pastor Lorenzen angeknüpften Zwiegespräch seinem Lieblingsthema
zugewandt, war aber, weil Dubslav durch eine Zwischenfrage den Faden
abschnitt, in die Lage gekommen, sich vorübergehend statt mit Lorenzen
mit Katzler beschäftigen zu müssen, von dem er zufällig in Erfahrung
gebracht hatte, daß er früher Feldjäger gewesen sei. Das gab ihm einen
guten Gesprächsstoff und ließ ihn fragen, ob der Herr Oberförster
nicht mitunter schmerzlich den zwischen seiner Vergangenheit und
seiner Gegenwart liegenden Gegensatz empfinde, -- sein früherer
Feldjägerberuf, so nehme er an, habe ihn in die weite Welt
hinausgeführt, während er jetzt »stabiliert« sei. »Stabilierung« zählte
zu Rex' Lieblingswendungen und entstammte jenem sorglich ausgewählten
Fremdwörterschatz, den er sich -- er hatte diese Dinge dienstlich zu
bearbeiten gehabt -- aus den Erlassen König Friedrich Wilhelms ~I.~
angeeignet und mit in sein Aktendeutsch herübergenommen hatte. Katzler,
ein vorzüglicher Herr, aber auf dem Gebiete der Konversation doch nur
von einer oft unausreichenden Orientierungsfähigkeit, fand sich in des
Ministerialassessors etwas gedrechseltem Gedankengange nicht gleich
zurecht und war froh, als ihm der hellhörige, mittlerweile wieder frei
gewordene Pastor in der durch Rex aufgeworfenen Frage zu Hilfe kam.
»Ich glaube herauszuhören,« sagte Lorenzen, »daß Herr von Rex geneigt
ist, dem Leben draußen in der Welt vor dem in unsrer stillen Grafschaft
den Vorzug zu geben. Ich weiß aber nicht, ob wir ihm darin folgen
können, ich nun schon gewiß nicht; aber auch unser Herr Oberförster
wird mutmaßlich froh sein, seine vordem im Eisenbahncoupé verbrachten
Feldjägertage hinter sich zu haben. Es heißt freilich, ›im engen Kreis
verengert sich der Sinn‹, und in den meisten Fällen mag es zutreffen.
Aber doch nicht immer, und jedenfalls hat das Weltfremde bestimmte
große Vorzüge.«
»Sie sprechen mir durchaus aus der Seele, Herr Pastor Lorenzen,«
sagte Rex. »Wenn es einen Augenblick vielleicht so klang, als ob der
›Globetrotter‹ mein Ideal sei, so bin ich sehr geneigt, mit mir handeln
zu lassen. Aber etwas hat es doch mit dem ›Auch-draußen-zu-Hause-sein‹
auf sich, und wenn Sie trotzdem für Einsamkeit und Stille plädieren, so
plädieren Sie wohl in eigner Sache. Denn wie sich der Herr Oberförster
aus der Welt zurückgezogen hat, so wohl auch Sie. Sie sind beide darin,
ganz individuell, einem Herzenszuge gefolgt, und vielleicht, daß meine
persönliche Neigung dieselben Wege ginge. Dennoch wird es andre geben,
die von einem solchen Sichzurückziehen aus der Welt nichts wissen
wollen, die vielleicht umgekehrt, statt in einem Sichhingeben an den
einzelnen, in der Beschäftigung mit einer Vielheit ihre Bestimmung
finden. Ich glaube durch Freund Stechlin zu wissen, welche Fragen
Sie seit lange beschäftigen, und bitte, Sie dazu beglückwünschen zu
dürfen. Sie stehen in der christlich-sozialen Bewegung. Aber nehmen
Sie deren Schöpfer, der Ihnen persönlich vielleicht nahesteht, er und
sein Tun sprechen doch recht eigentlich für mich; sein Feld ist nicht
einzelne Seelsorge, nicht eine Landgemeinde, sondern eine Weltstadt.
Stöckers Auftreten und seine Mission sind eine Widerlegung davon, daß
das Schaffen im Engen und Umgrenzten notwendig das Segensreichere sein
müsse.«
Lorenzen war daran gewöhnt, sei's zu Lob, sei's zu Tadel, sich mit dem
ebenso gefeierten wie befehdeten Hofprediger in Parallele gestellt
zu sehen, und empfand dies jedesmal als eine Huldigung. Aber nicht
minder empfand er dabei regelmäßig den tiefen Unterschied, der zwischen
dem großen Agitator und seiner stillen Weise lag. »Ich glaube, Herr
von Rex,« nahm er wieder das Wort, »daß Sie den ›Vater der Berliner
Bewegung‹ sehr richtig geschildert haben, vielleicht sogar zur
Zufriedenheit des Geschilderten selbst, was, wie man sagt, nicht eben
leicht sein soll. Er hat viel erreicht und steht anscheinend in einem
Siegeszeichen; hüben und drüben hat er Wurzel geschlagen und sieht sich
geliebt und gehuldigt, nicht nur seitens derer, denen er mildtätig die
Schuhe schneidet, sondern beinah mehr noch im Lager derer, denen er
das Leder zu den Schuhen nimmt. Er hat schon so viele Beinamen, und der
des heiligen Krispin wäre nicht der schlimmste. Viele wird es geben,
die sein Tun im guten Sinne beneiden. Aber ich fürchte, der Tag ist
nahe, wo der so Rührige und zugleich so Mutige, der seine Ziele so weit
steckte, sich in die Enge des Daseins zurücksehnen wird. Er besitzt,
wenn ich recht berichtet bin, ein kleines Bauerngut irgendwo in
Franken, und wohl möglich, ja, mir persönlich geradezu wahrscheinlich,
daß ihm an jener stillen Stelle früher oder später ein echteres Glück
erblüht, als er es jetzt hat. Es heißt wohl, ›Gehet hin und lehret alle
Heiden‹, aber schöner ist es doch, wenn die Welt, uns suchend, an uns
herankommt. Und die Welt kommt schon, wenn die richtige Persönlichkeit
sich ihr auftut. Da ist dieser Wörishofener Pfarrer -- er sucht nicht
die Menschen, die Menschen suchen ihn. Und wenn sie kommen, so heilt
er sie, heilt sie mit dem Einfachsten und Natürlichsten. Übertragen
Sie das vom Äußern aufs Innere, so haben Sie mein Ideal. Einen Brunnen
graben just an der Stelle, wo man gerade steht. Innere Mission in
nächster Nähe, sei's mit dem Alten, sei's mit etwas Neuem.«
»Also mit dem Neuen,« sagte Woldemar und reichte seinem alten Lehrer
die Hand.
Aber dieser antwortete: »Nicht so ganz unbedingt mit dem Neuen. Lieber
mit dem Alten, soweit es irgend geht, und mit dem Neuen nur, soweit es
muß.«
* * * * *
Das Mahl war inzwischen vorgeschritten und bei einem Gange angelangt,
der eine Spezialität von Schloß Stechlin war und jedesmal die
Bewunderung seiner Gäste bildete: losgelöste Krammetsvögelbrüste,
mit einer dunkeln Kraftbrühe angerichtet, die, wenn die Herbst- und
Ebereschentage da waren, als eine höhere Form von Schwarzsauer auf
den Tisch zu kommen pflegten. Engelke präsentierte Burgunder dazu,
der schon lange lag, noch aus alten, besseren Tagen her, und als
jeder davon genommen, erhob sich Dubslav, um erst kurz seine lieben
Gäste zu begrüßen, dann aber die Damen leben zu lassen. Er müsse bei
diesem Plural bleiben, trotzdem die Damenwelt nur in einer Einheit
vertreten sei; doch er gedenke dabei neben seiner lieben Freundin
und Tischnachbarin (er küßte dieser huldigend die Hand) zugleich
auch der »Gemahlin« seines Freundes Katzler, die leider -- wenn
auch vom Familienstandpunkt aus in hocherfreulichster Veranlassung
-- am Erscheinen in ihrer Mitte verhindert sei: »Meine Herren, Frau
Oberförster Katzler« -- er machte hier eine kleine Pause, wie wenn er
eine höhere Titulatur ganz ernsthaft in Erwägung gezogen hätte -- »Frau
Oberförster Katzler und Frau von Gundermann, sie leben hoch!« Rex,
Czako, Katzler erhoben sich, um mit Frau von Gundermann anzustoßen;
als aber jeder von ihnen auf seinen Platz zurückgekehrt war, nahmen
sie die durch den Toast unterbrochenen Privatgespräche wieder auf,
wobei Dubslav als guter Wirt sich darauf beschränkte, kurze Bemerkungen
nach links und rechts hin einzustreuen. Dies war indessen nicht immer
leicht, am wenigsten leicht bei dem Geplauder, das der Hauptmann und
Frau von Gundermann führten, und das so pausenlos verlief, daß ein
Einhaken sich kaum ermöglichte. Czako war ein guter Sprecher, aber
er verschwand neben seiner Partnerin. Ihres Vaters Laufbahn, der es
(ursprünglich Schreib- und Zeichenlehrer) in einer langen, schon mit
anno 13 beginnenden Dienstzeit bis zum Hauptmann in der »Plankammer«
gebracht hatte, gab ihr in ihren Augen eine gewisse militärische
Zugehörigkeit, und als sie, nach mehrmaligem Auslugen, endlich den ihr
wohlbekannten Namenszug des Regiments Alexander auf Czakos Achselklappe
erkannt hatte, sagte sie: »Gott ..., Alexander. Nein, ich sage. Mir
war aber doch auch gleich so; Münzstraße. Wir wohnten ja Linienstraße,
Ecke der Weinmeister -- das heißt, als ich meinen Mann kennen lernte.
Vorher draußen, Schönhauser Allee. Wenn man so wen aus seiner Gegend
wieder sieht! Ich bin ganz glücklich, Herr Hauptmann. Ach, es ist zu
traurig hier. Und wenn wir nicht den Herrn von Stechlin hätten, so
hätten wir so gut wie gar nichts. Mit Katzlers,« aber dies flüsterte
sie nur leise, »mit Katzlers ist es nichts, die sind zu hoch raus. Da
muß man sich denn klein machen. Und so toll ist es am Ende doch auch
noch nicht. Jetzt passen sie ja noch leidlich. Aber abwarten.«
»Sehr wahr, sehr wahr,« sagte Czako, der, ohne was Sicheres zu
verstehen, nur ein während des Dubslavschen Toastes schon gehabtes
Gefühl bestätigt sah, daß es mit den Katzlers was Besonderes auf sich
haben müsse. Frau von Gundermann aber, den ihr unbequemen Flüsterton
aufgebend, fuhr mit wieder lauter werdender Stimme fort: »Wir haben
den Herrn von Stechlin, und das ist ein Glück, und es ist auch bloß
eine gute halbe Meile. Die meisten andern wohnen viel zu weit, und
wenn sie auch näher wohnten, sie wollen alle nicht recht; die Leute
hier, mit denen wir eigentlich Umgang haben müßten, sind so difficil
und legen alles auf die Goldwage. Das heißt, vieles legen sie nicht
auf die Goldwage, dazu reicht es bei den meisten nicht aus; nur immer
die Ahnen. Und sechzehn ist das wenigste. Ja, wer hat gleich sechzehn?
Gundermann ist erst geadelt, und wenn er nicht Glück gehabt hätte, so
wär es gar nichts. Er hat nämlich klein angefangen, bloß mit einer
Mühle; jetzt haben wir nun freilich sieben, immer den Rhin entlang,
lauter Schneidemühlen, Bohlen und Bretter, einzöllig, zweizöllig und
noch mehr. Und die Berliner Dielen, die sind fast alle von uns.«
»Aber, meine gnädigste Frau, das muß Ihnen doch ein Hochgefühl geben.
Alle Berliner Dielen! Und dieser Rhinfluß, von dem Sie sprechen, der
vielleicht eine ganze Seenkette verbindet, und woran mutmaßlich eine
reizende Villa liegt! Und darin hören Sie Tag und Nacht, wie nebenan in
der Mühle die Säge geht, und die dicht herumstehenden Bäume bewegen
sich leise. Mitunter natürlich ist auch Sturm. Und Sie haben eine
Pony-Equipage für Ihre Kinder. Ich darf doch annehmen, daß Sie Kinder
haben? Wenn man so abgeschieden lebt und so beständig aufeinander
angewiesen ist ...«
»Es ist, wie Sie sagen, Herr Hauptmann; ich habe Kinder, aber schon
erwachsen, beinah alle, denn ich habe mich jung verheiratet. Ja, Herr
von Czako, man ist auch einmal jung gewesen. Und es ist ein Glück,
daß ich die Kinder habe. Sonst ist kein Mensch da, mit dem man ein
gebildetes Gespräch führen kann. Mein Mann hat seine Politik und möchte
sich wählen lassen, aber es wird nichts, und wenn ich die Journale
bringe, nicht mal die Bilder sieht er sich an. Und die Geschichten,
sagt er, seien bloß dummes Zeug und bloß Wasser auf die Mühlen der
Sozialdemokratie. Seine Mühlen, was ich übrigens recht und billig
finde, sind ihm lieber.«
»Aber Sie müssen doch viele Menschen um sich herum haben, schon in
Ihrer Wirtschaft.«
»Ja, die hab ich, und die Mamsells, die man so kriegt, ja, ein paar
Wochen geht es; aber dann bändeln sie gleich an, am liebsten mit nem
Volontär; wir haben nämlich auch Volontärs in der Mühlenbranche. Und
die meisten sind aus ganz gutem Hause. Die jungen Menschen passen aber
nicht auf, und da hat man's denn, und immer gleich Knall und Fall.
All das ist doch traurig, und mitunter ist es auch so, daß man sich
geradezu genieren muß.«
Czako seufzte. »Mir ein Greuel, all dergleichen. Aber ich weiß vom
Manöver her, was alles vorkommt. Und mit einer Schläue ... nichts
schlauer, als verliebte Menschen. Ach, das ist ein Kapitel, womit man
nicht fertig wird. Aber Sie sagten Linienstraße, meine Gnädigste.
Welche Nummer denn? Ich kenne da beinah jedes Haus, kleine, nette
Häuser, immer bloß Bel-Etage, höchstens mal ein ~Oeil de Boeuf~.«
»Wie? was?«
»Großes rundes Fenster ohne Glas. Aber ich liebe diese Häuser.«
»Ja, das kann ich auch von mir sagen, und in gerade solchen Häusern
hab ich meine beste Zeit verbracht, als ich noch ein Quack war,
höchstens vierzehn. Und so grausam wild. Damals waren nämlich noch die
Rinnsteine, und wenn es dann regnete und alles überschwemmt war und
die Bretter anfingen, sich zu heben, und schon so halb herumschwammen,
und die Ratten, die da drunter steckten, nicht mehr wußten, wo sie hin
sollten, dann sprangen wir auf die Bohlen rauf, und nun die Biester
raus, links und rechts, und die Jungens hinterher, immer aufgekrempelt
und ganz nackigt. Und einmal, weil der eine Junge nicht abließ und mit
seinen Holzpantinen immer drauflos schlug, da wurde das Untier falsch
und biß den Jungen so, daß er schrie! Nein, so hab ich noch keinen
Menschen wieder schreien hören. Und es war auch fürchterlich.«
»Ja, das ist es. Und da helfen bloß Rattenfänger.«
»Ja, Rattenfänger, davon hab ich auch gehört -- Rattenfänger von
Hameln. Aber die gibt es doch nicht mehr.«
»Nein, gnädige Frau, die gibt es nicht mehr, wenigstens nicht mehr
solche Hexenmeister mit Zauberspruch und einer Pfeife zum Pfeifen. Aber
die meine ich auch gar nicht. Ich meine überhaupt nicht Menschen, die
dergleichen als Metier betreiben und sich in den Zeitungen anzeigen,
unheimliche Gesichter mit einer Pelzkappe. Was ich meine, sind bloß
Pinscher, die nebenher auch noch ›Rattenfänger‹ heißen und es auch
wirklich sind. Und mit einem solchen Rattenfänger auf die Jagd gehen,
das ist eigentlich das Schönste, was es gibt.«
»Aber mit einem Pinscher kann man doch nicht auf die Jagd gehen!«
»Doch, doch, meine gnädigste Frau. Als ich in Paris war (ich war da
nämlich mal hinkommandiert), da bin ich mit runtergestiegen in die
sogenannten Katakomben, hochgewölbte Kanäle, die sich unter der Erde
hinziehen. Und diese Kanäle sind das wahre Ratteneldorado; da sind
sie zu Millionen. Oben drei Millionen Franzosen, unten drei Millionen
Ratten. Und einmal, wie gesagt, bin ich da mit runtergeklettert und
in einem Boote durch diese Unterwelt hingefahren, immer mitten in die
Ratten hinein.«
»Gräßlich, gräßlich. Und sind Sie heil wieder raus gekommen?«
»Im ganzen, ja. Denn, meine gnädigste Frau, eigentlich war es doch ein
Vergnügen. In unserm Kahn hatten wir nämlich zwei solche Rattenfänger,
einen vorn und einen hinten. Und nun hätten Sie sehen sollen, wie das
losging. ›Schnapp,‹ und das Tier um die Ohren geschlagen, und tot war
es. Und so weiter, so schnell wie Sie nur zählen können, und mitunter
noch schneller. Ich kann es nur vergleichen mit Mr. Carver, dem
bekannten Mr. Carver, von dem Sie gewiß einmal gelesen haben, der in
der Sekunde drei Glaskugeln wegschoß. Und so immerzu, viele Hundert.
Ja, so was wie diese Rattenjagd da unten, das vergißt man nicht wieder.
Es war aber auch das Beste da. Denn was sonst noch von Paris geredet
wird, das ist alles übertrieben; meist dummes Zeug. Was haben sie denn
Großes? Opern und Zirkus und Museum, und in einem Saal ne Venus, die
man sich nicht recht ansieht, weil sie das Gefühl verletzt, namentlich
wenn man mit Damen da ist. Und das alles haben wir schließlich auch,
und manches haben wir noch besser. So zum Beispiel Niemann und die
dell' Era. Aber solche Rattenschlacht, das muß wahr sein, die haben wir
nicht. Und warum nicht? Weil wir keine Katakomben haben.«
Der alte Dubslav, der das Wort »Katakomben« gehört hatte, wandte
sich jetzt wieder über den Tisch hin und sagte: »Pardon, Herr von
Czako, aber Sie müssen meiner lieben Frau von Gundermann nicht mit so
furchtbar ernsten Sachen kommen und noch dazu hier bei Tisch, gleich
nach Karpfen und Meerrettich. Katakomben! Ich bitte Sie. Die waren ja
doch eigentlich in Rom und erinnern einen immer an die traurigsten
Zeiten, an den grausamen Kaiser Nero und seine Verfolgungen und seine
Fackeln. Und da war dann noch einer mit einem etwas längeren Namen, der
noch viel grausamer war, und da verkrochen sich diese armen Christen
gerade in eben diese Katakomben, und manche wurden verraten und
gemordet. Nein, Herr von Czako, da lieber was Heiteres. Nicht wahr,
meine liebe Frau von Gundermann?«
»Ach nein, Herr von Stechlin; es ist doch alles so sehr gelehrig. Und
wenn man so selten Gelegenheit hat ...«
»Na, wie Sie wollen. Ich hab es gut gemeint. Stoßen wir an! Ihr Rudolf
soll leben; das ist doch der Liebling, trotzdem er der älteste ist. Wie
alt ist er denn jetzt?«
»Vierundzwanzig.«
»Ein schönes Alter. Und wie ich höre, ein guter Mensch. Er müßte nur
mehr raus. Er versauert hier ein bißchen.«
»Sag ich ihm auch. Aber er will nicht fort. Er sagt, zu Hause sei es am
besten.«
»Bravo. Da nehm ich alles zurück. Lassen Sie ihn. Zu Hause ist es am
Ende wirklich am besten. Und gerade wir hier, die wir den Vorzug haben,
in der Rheinsberger Gegend zu leben. Ja, wo ist so was? Erst der große
König, und dann Prinz Heinrich, der nie ne Schlacht verloren. Und
einige sagen, er wäre noch klüger gewesen als sein Bruder. Aber ich
will so was nicht gesagt haben.«
Viertes Kapitel
Frau von Gundermann schien auf das ihr als einziger, also auch ältester
Dame zustehende Tafelaufhebungsrecht verzichten zu wollen und wartete,
bis statt ihrer der schon seit einer Viertelstunde sich nach seiner
Meerschaumpfeife sehnende Dubslav das Zeichen zum Aufbruch gab. Alles
erhob sich jetzt rasch, um vom Eßzimmer aus in den nach dem Garten
hinaussehenden Salon zurückzukehren, dem es -- war es Zufall oder
Absicht? -- in diesem Augenblick noch an aller Beleuchtung fehlte;
nur im Kamin glühten ein paar Scheite, die während der Essenszeit
halb niedergebrannt waren, und durch die offenstehende hohe Glastür
fiel von der Veranda her das Licht der über den Parkbäumen stehenden
Mondsichel. Alles gruppierte sich alsbald um Frau von Gundermann, um
dieser die pflichtschuldigen Honneurs zu machen, während Martin die
Lampen, Engelke den Kaffee brachte. Das ein paar Minuten lang geführte
gemeinschaftliche Gespräch kam, all die Zeit über, über ein unruhiges
Hin und Her nicht hinaus, bis der Knäuel, in dem man stand, sich wieder
in Gruppen auflöste.
Das erste sich abtrennende Paar waren Rex und Katzler, beide
passionierte Billardspieler, die sich -- Katzler übernahm die Führung
-- erst in den Eßsaal zurück und von diesem aus in das daneben gelegene
Spielzimmer begaben. Das hier stehende, ziemlich vernachlässigte
Billard war schon an die fünfzig Jahre alt und stammte noch aus des
Vaters Zeiten her. Dubslav selbst machte sich nicht viel aus dem Spiel,
aus Spiel überhaupt nicht und interessierte sich, soweit sein Billard
in Betracht kam, nur für eine sehr nachgedunkelte Karoline, von der
ein Berliner Besucher mal gesagt hatte: »Alle Wetter, Stechlin, wo
haben Sie +die+ her? Das ist ja die gelbste Karoline, die ich all mein
Lebtag gesehen habe,« -- Worte, die damals solchen Eindruck auf Dubslav
gemacht hatten, daß er seitdem ein etwas freundlicheres Verhältnis zu
seinem Billard unterhielt und nicht ungern von »seiner Karoline« sprach.
Das zweite Paar, das sich aus der Gemeinschaft abtrennte, waren
Woldemar und Gundermann. Gundermann, wie alle an Kongestionen
Leidende, fand es überall zu heiß und wies, als er ein paar Worte
mit Woldemar gewechselt, auf die offenstehende Tür. »Es ist ein so
schöner Abend, Herr von Stechlin; könnten wir nicht auf die Veranda
hinaustreten?«
»Aber gewiß, Herr von Gundermann. Und wenn wir uns absentieren, wollen
wir auch alles Gute gleich mitnehmen. Engelke, bring uns die kleine
Kiste, du weißt schon.«
»Ah, kapital. So ein paar Züge, das schlägt nieder, besser als
Sodawasser. Und dann ist es auch wohl schicklicher im Freien. Meine
Frau, wenn wir zuhause sind, hat sich zwar daran gewöhnen müssen und
spricht höchstens mal von ›paffen‹ (na, das is nicht anders, dafür is
man eben verheiratet), aber in einem fremden Hause, da fangen denn doch
die Rücksichten an. Unser guter alter Kortschädel sprach auch immer von
›Dehors‹.«
Unter diesen Worten waren Woldemar und Gundermann vom Salon her auf die
Veranda hinausgetreten, bis dicht an die Treppenstufen heran, und sahen
auf den kleinen Wasserstrahl, der auf dem Rundell aufsprang.
»Immer, wenn ich den Wasserstrahl sehe,« fuhr Gundermann fort, »muß ich
wieder an unsern guten alten Kortschädel denken. Is nu auch hinüber.
Na, jeder muß mal, und wenn irgendeiner seinen Platz da oben sicher
hat, +der+ hat ihn. Ehrenmann durch und durch, und loyal bis auf die
Knochen. Redner war er nicht, was eigentlich immer ein Vorzug, und
hat mit seiner Schwätzerei dem Staate kein Geld gekostet; aber er
wußte ganz gut Bescheid, und, unter vier Augen, ich habe Sachen von
ihm gehört, großartig. Und ich sage mir, solchen kriegen wir nicht
wieder ...«
»Ach, das ist Schwarzseherei, Herr von Gundermann. Ich glaube, wir
haben viele von ähnlicher Gesinnung. Und ich sehe nicht ein, warum
nicht ein Mann wie Sie ...«
»Geht nicht.«
»Warum nicht?«
»Weil Ihr Herr Papa kandidieren will. Und da muß ich zurückstehen. Ich
bin hier ein Neuling. Und die Stechlins waren hier schon ...«
»Nun gut, ich will dies letztere gelten lassen, und nur was das
Kandidieren meines Vaters angeht -- ich denke mir, es ist noch nicht
so weit, vieles kann noch dazwischen kommen, und jedenfalls wird er
schwanken. Aber nehmen wir mal an, es sei, wie Sie vermuten. In diesem
Falle träfe doch gerade das zu, was ich mir soeben zu sagen erlaubt
habe. Mein Vater ist in jedem Anbetracht ein treuer Gesinnungsgenosse
Kortschädels, und wenn er an seine Stelle tritt, was ist da verloren?
Die Lage bleibt dieselbe.«
»Nein, Herr von Stechlin.«
»Nun, was ändert sich?«
»Vieles, alles. Kortschädel war in den großen Fragen unerbittlich, und
Ihr Herr Vater läßt mit sich reden ...«
»Ich weiß nicht, ob Sie da recht haben. Aber wenn es so wäre, so wäre
das doch ein Glück ...«
»Ein Unglück, Herr von Stechlin. Wer mit sich reden läßt, ist nicht
stramm, und wer nicht stramm ist, ist schwach. Und Schwäche (die
destruktiven Elemente haben dafür eine feine Fühlung), Schwäche ist
immer Wasser auf die Mühlen der Sozialdemokratie.«
Die vier andern der kleinen Tafelrunde waren im Gartensalon
zurückgeblieben, hatten sich aber auch zu zwei und zwei zusammengetan.
In der einen Fensternische, so daß sie den Blick auf den
mondbeschienenen Vorplatz und die draußen auf der Veranda auf und
ab schreitenden beiden Herren hatten, saßen Lorenzen und Frau von
Gundermann. Die Gundermann war glücklich über das Tete-a-tete, denn sie
hatte wegen ihres jüngsten Sohnes allerhand Fragen auf dem Herzen oder
bildete sich wenigstens ein, sie zu haben. Denn eigentlich hatte sie
für gar nichts Interesse, sie mußte bloß, richtige Berlinerin, die sie
war, reden können.
»Ich bin so froh, Herr Pastor, daß ich nun doch einmal Gelegenheit
finde. Gott, wer Kinder hat, der hat auch immer Sorgen. Ich möchte
wegen meines Jüngsten so gerne mal mit Ihnen sprechen, wegen meines
Arthur. Rudolf hat mir keine Sorgen gemacht, aber Arthur. Er ist nun
jetzt eingesegnet, und Sie haben ihm, Herr Prediger, den schönen
Spruch mitgegeben, und der Junge hat auch gleich den Spruch auf einen
großen weißen Bogen geschrieben, alle Buchstaben erst mit zwei Linien
nebeneinander und dann dick ausgetuscht. Es sieht aus wie'n Plakat. Und
diesen großen Bogen hat er sich in die Waschtoilette geklebt, und da
mahnt es ihn immer.«
»Nun, Frau von Gundermann, dagegen ist doch nichts zu sagen.«
»Nein, das will ich auch nicht. Eher das Gegenteil. Es hat ja doch was
Rührendes, daß es einer so ernst nimmt. Denn er hat zwei Tage dran
gesessen. Aber wenn solch junger Mensch es so immer liest, so gewöhnt
er sich dran. Und dann ist ja auch gleich wieder die Verführung da.
Gott, daß man gerade immer über solche Dinge reden muß; noch keine
Stunde, daß ich mit dem Herrn Hauptmann über unsern Volontär Vehmeyer
gesprochen habe, netter Mensch, und nun gleich wieder mit Ihnen, Herr
Pastor, auch über so was. Aber es geht nicht anders. Und dann sind Sie
ja doch auch wie verantwortlich für seine Seele.«
Lorenzen lächelte. »Gewiß, liebe Frau von Gundermann. Aber was ist es
denn? Um was handelt es sich denn eigentlich?«
»Ach, es ist an und für sich nicht viel und doch auch wieder eine
recht ärgerliche Sache. Da haben wir ja jetzt die Jüngste von unserm
Schullehrer Brandt ins Haus genommen, ein hübsches Balg, rotbraun und
ganz kraus, und Brandt wollte, sie solle bei uns angelernt werden.
Nun, wir sind kein großes Haus, gewiß nicht, aber Mäntel abnehmen und
rumpräsentieren, und daß sie weiß, ob links oder rechts, so viel lernt
sie am Ende doch.«
»Gewiß. Und die Frida Brandt, o, die kenn ich ganz gut; die wurde
jetzt gerade vorm Jahr eingesegnet. Und es ist, wie Sie sagen, ein
allerliebstes Geschöpf und klug und aufgekratzt, ein bißchen zu sehr.
Sie will zu Ostern nach Berlin.«
»Wenn sie nur erst da wäre. Mir tut es beinahe schon leid, daß ich ihr
nicht gleich zugeredet. Aber so geht es einem immer.«
»Ist denn was vorgefallen?«