»Alle Wetter, Stechlin, das ist ja reizend,« wandte sich Cza

Anmerkungen zur Transkription

Das Original ist in Fraktur gesetzt.

Im Original gesperrter Text ist +so ausgezeichnet+, in

Antiqua gesetzte Passagen sind ~so markiert~.

Weitere Anmerkungen zur Transkription befinden sich am Ende

des Buches.

[Illustration]

THEODOR FONTANE

DER STECHLIN

Roman

S. Fischer, Verlag, Berlin

1922

43. bis 46. Auflage

Alle Rechte, insbesondere das der Übersetzung, vorbehalten

Der Stechlin

Schloß Stechlin

Erstes Kapitel

Im Norden der Grafschaft Ruppin, hart an der mecklenburgischen Grenze,

zieht sich von dem Städtchen Gransee bis nach Rheinsberg hin (und

noch darüber hinaus) eine mehrere Meilen lange Seenkette durch eine

menschenarme, nur hie und da mit ein paar alten Dörfern, sonst aber

ausschließlich mit Förstereien, Glas- und Teeröfen besetzte Waldung.

Einer der Seen, die diese Seenkette bilden, heißt »der +Stechlin+«.

Zwischen flachen, nur an einer einzigen Stelle steil und kaiartig

ansteigenden Ufern liegt er da, rundum von alten Buchen eingefaßt,

deren Zweige, von ihrer eigenen Schwere nach unten gezogen, den See

mit ihrer Spitze berühren. Hie und da wächst ein weniges von Schilf

und Binsen auf, aber kein Kahn zieht seine Furchen, kein Vogel singt,

und nur selten, daß ein Habicht drüber hinfliegt und seinen Schatten

auf die Spiegelfläche wirft. Alles still hier. Und doch, von Zeit zu

Zeit wird es an eben dieser Stelle lebendig. Das ist, wenn es weit

draußen in der Welt, sei's auf Island, sei's auf Java, zu rollen und zu

grollen beginnt oder gar der Aschenregen der hawaiischen Vulkane bis

weit auf die Südsee hinausgetrieben wird. Dann regt sich's auch +hier+,

und ein Wasserstrahl springt auf und sinkt wieder in die Tiefe. Das

wissen alle, die den Stechlin umwohnen, und wenn sie davon sprechen, so

setzen sie wohl auch hinzu: »Das mit dem Wasserstrahl, das ist nur das

Kleine, das beinah Alltägliche; wenn's aber draußen was Großes gibt,

wie vor hundert Jahren in Lissabon, dann brodelts hier nicht bloß und

sprudelt und strudelt, dann steigt statt des Wasserstrahls ein roter

Hahn auf und kräht laut in die Lande hinein.«

* * * * *

Das ist der Stechlin, der +See+ Stechlin.

Aber nicht nur der See führt diesen Namen, auch der Wald, der ihn

umschließt. Und Stechlin heißt ebenso das langgestreckte Dorf, das

sich, den Windungen des Sees folgend, um seine Südspitze herumzieht.

Etwa hundert Häuser und Hütten bilden hier eine lange, schmale

Gasse, die sich nur da, wo eine von Kloster Wutz her heranführende

Kastanienallee die Gasse durchschneidet, platzartig erweitert. An eben

dieser Stelle findet sich denn auch die ganze Herrlichkeit von Dorf

Stechlin zusammen: das Pfarrhaus, die Schule, das Schulzenamt, der

Krug, dieser letztere zugleich ein Eck- und Kramladen mit einem kleinen

Mohren und einer Girlande von Schwefelfäden in seinem Schaufenster.

Dieser Ecke schräg gegenüber, unmittelbar hinter dem Pfarrhause,

steigt der Kirchhof lehnan, auf ihm, so ziemlich in seiner Mitte,

die frühmittelalterliche Feldsteinkirche mit einem aus dem vorigen

Jahrhundert stammenden Dachreiter und einem zur Seite des alten

Rundbogenportals angebrachten Holzarm, dran eine Glocke hängt. Neben

diesem Kirchhof samt Kirche setzt sich dann die von Kloster Wutz her

heranführende Kastanienallee noch eine kleine Strecke weiter fort, bis

sie vor einer über einen sumpfigen Graben sich hinziehenden und von

zwei riesigen Findlingsblöcken flankierten Bohlenbrücke haltmacht.

Diese Brücke ist sehr primitiv. Jenseits derselben aber steigt das

Herrenhaus auf, ein gelbgetünchter Bau mit hohem Dach und zwei

Blitzableitern.

Auch dieses Herrenhaus heißt Stechlin, +Schloß+ Stechlin.

* * * * *

Etliche hundert Jahre zurück stand hier ein wirkliches Schloß, ein

Backsteinbau mit dicken Rundtürmen, aus welcher Zeit her auch noch der

Graben stammt, der die von ihm durchschnittene, sich in den See hinein

erstreckende Landzunge zu einer kleinen Insel machte. Das ging so bis

in die Tage der Reformation. Während der Schwedenzeit aber wurde das

alte Schloß niedergelegt, und man schien es seinem gänzlichen Verfall

überlassen, auch nichts an seine Stelle setzen zu wollen, bis kurz nach

dem Regierungsantritt Friedrich Wilhelms ~I.~ die ganze Trümmermasse

beiseite geschafft und ein Neubau beliebt wurde. Dieser Neubau war das

Haus, das jetzt noch stand. Es hatte denselben nüchternen Charakter

wie fast alles, was unter dem Soldatenkönig entstand, und war nichts

weiter als ein einfaches ~Corps de logis~, dessen zwei vorspringende,

bis dicht an den Graben reichende Seitenflügel ein Hufeisen und

innerhalb desselben einen kahlen Vorhof bildeten, auf dem, als einziges

Schmuckstück, eine große blanke Glaskugel sich präsentierte. Sonst

sah man nichts als eine vor dem Hause sich hinziehende Rampe, von

deren dem Hofe zugekehrter Vorderwand der Kalk schon wieder abfiel.

Gleichzeitig war aber doch ein Bestreben unverkennbar, gerade diese

Rampe zu was Besonderem zu machen, und zwar mit Hilfe mehrerer Kübel

mit exotischen Blattpflanzen, darunter zwei Aloes, von denen die eine

noch gut imstande, die andre dagegen krank war. Aber gerade diese

kranke war der Liebling des Schloßherrn, weil sie jeden Sommer in

einer ihr freilich nicht zukommenden Blüte stand. Und das hing so

zusammen. Aus dem sumpfigen Schloßgraben hatte der Wind vor langer

Zeit ein fremdes Samenkorn in den Kübel der kranken Aloe geweht, und

alljährlich schossen infolge davon aus der Mitte der schon angegelbten

Aloeblätter die weiß und roten Dolden des Wasserliesch oder des

~Butomus umbellatus~ auf. Jeder Fremde, der kam, wenn er nicht zufällig

ein Kenner war, nahm diese Dolden für richtige Aloeblüten, und der

Schloßherr hütete sich wohl, diesen Glauben, der eine Quelle der

Erheiterung für ihn war, zu zerstören.

Und wie denn alles hier herum den Namen Stechlin führte, so natürlich

auch der Schloßherr selbst. Auch er war ein Stechlin.

Dubslav von Stechlin, Major a. D. und schon ein gut Stück über Sechzig

hinaus, war der Typus eines Märkischen von Adel, aber von der milderen

Observanz, eines jener erquicklichen Originale, bei denen sich

selbst die Schwächen in Vorzüge verwandeln. Er hatte noch ganz das

eigentümlich sympathisch berührende Selbstgefühl all derer, die »schon

vor den Hohenzollern da waren,« aber er hegte dieses Selbstgefühl nur

ganz im stillen, und wenn es dennoch zum Ausdruck kam, so kleidete

sich's in Humor, auch wohl in Selbstironie, weil er seinem ganzen Wesen

nach überhaupt hinter alles ein Fragezeichen machte. Sein schönster Zug

war eine tiefe, so recht aus dem Herzen kommende Humanität, und Dünkel

und Überheblichkeit (während er sonst eine Neigung hatte, fünf gerade

sein zu lassen) waren so ziemlich die einzigen Dinge, die ihn empörten.

Er hörte gern eine freie Meinung, je drastischer und extremer, desto

besser. Daß sich diese Meinung mit der seinigen deckte, lag ihm fern zu

wünschen. Beinah das Gegenteil. Paradoxen waren seine Passion. »Ich bin

nicht klug genug, selber welche zu machen, aber ich freue mich, wenn's

andere tun; es ist doch immer was drin. Unanfechtbare Wahrheiten gibt

es überhaupt nicht, und wenn es welche gibt, so sind sie langweilig.«

Er ließ sich gern was vorplaudern und plauderte selber gern.

Des alten Schloßherrn Lebensgang war märkisch-herkömmlich gewesen.

Von jung an lieber im Sattel als bei den Büchern, war er erst nach

zweimaliger Scheiterung siegreich durch das Fähnrichsexamen gesteuert

und gleich danach bei den brandenburgischen Kürassieren eingetreten,

bei denen selbstverständlich auch schon sein Vater gestanden

hatte. Dieser sein Eintritt ins Regiment fiel so ziemlich mit dem

Regierungsantritt Friedrich Wilhelms ~IV.~ zusammen, und wenn er

dessen erwähnte, so hob er, sich selbst persiflierend, gerne hervor,

»daß alles Große seine Begleiterscheinungen habe.« Seine Jahre bei

den Kürassieren waren im wesentlichen Friedensjahre gewesen; nur Anno

vierundsechzig war er mit in Schleswig, aber auch hier, ohne »zur

Aktion« zu kommen. »Es kommt für einen Märkischen nur darauf an,

überhaupt mit dabei gewesen zu sein; das andre steht in Gottes Hand.«

Und er schmunzelte, wenn er dergleichen sagte, seine Hörer jedesmal

in Zweifel darüber lassend, ob er's ernsthaft oder scherzhaft gemeint

habe. Wenig mehr als ein Jahr vor Ausbruch des vierundsechziger Kriegs

war ihm ein Sohn geboren worden, und kaum wieder in seine Garnison

Brandenburg eingerückt, nahm er den Abschied, um sich auf sein seit dem

Tode des Vaters halb verödetes Schloß Stechlin zurückzuziehen. Hier

warteten seiner glückliche Tage, seine glücklichsten, aber sie waren

von kurzer Dauer -- schon das Jahr darauf starb ihm die Frau. Sich

eine neue zu nehmen, widerstand ihm, halb aus Ordnungssinn und halb

aus ästhetischer Rücksicht. »Wir glauben doch alle mehr oder weniger

an eine Auferstehung« (das heißt, er persönlich glaubte eigentlich

nicht daran), »und wenn ich dann oben ankomme mit einer rechts und

einer links, so is das doch immer eine genierliche Sache.« Diese Worte

-- wie denn der Eltern Tun nur allzu häufig der Mißbilligung der

Kinder begegnet -- richteten sich in Wirklichkeit gegen seinen dreimal

verheiratet gewesenen Vater, an dem er überhaupt allerlei Großes und

Kleines auszusetzen hatte, so beispielsweise auch, daß man ihm, dem

Sohne, den pommerschen Namen »Dubslav« beigelegt hatte. »Gewiß, meine

Mutter war eine Pommersche, noch dazu von der Insel Usedom, und ihr

Bruder, nun ja, der hieß Dubslav. Und so war denn gegen den Namen

schon um des Onkels willen nicht viel einzuwenden, und um so weniger,

als er ein Erbonkel war. (Daß er mich schließlich schändlich im Stich

gelassen, ist eine Sache für sich.) Aber trotzdem bleib ich dabei,

solche Namensmanscherei verwirrt bloß. Was ein Märkischer ist, der muß

Joachim heißen oder Woldemar. Bleib im Lande und taufe dich redlich.

Wer aus Friesack is, darf nicht Raoul heißen.«

Dubslav von Stechlin blieb also Witwer. Das ging nun schon an die

dreißig Jahre. Anfangs war's ihm schwer geworden, aber jetzt lag

alles hinter ihm, und er lebte »~comme philosophe~« nach dem Wort und

Vorbild des großen Königs, zu dem er jederzeit bewundernd aufblickte.

Das war sein Mann, mehr als irgendwer, der sich seitdem einen Namen

gemacht hatte. Das zeigte sich jedesmal, wenn ihm gesagt wurde, daß er

einen Bismarckkopf habe. »Nun ja, ja, den hab ich; ich soll ihm sogar

ähnlich sehen. Aber die Leute sagen es immer so, als ob ich mich dafür

bedanken müßte. Wenn ich nur wüßte, bei wem; vielleicht beim lieben

Gott, oder am Ende gar bei Bismarck selbst. Die Stechline sind aber

auch nicht von schlechten Eltern. Außerdem, ich für meine Person, ich

habe bei den sechsten Kürassieren gestanden, und Bismarck bloß bei den

siebenten, und die kleinere Zahl ist in Preußen bekanntlich immer die

größere; -- ich bin ihm also einen über. Und Friedrichsruh, wo alles

jetzt hinpilgert, soll auch bloß ne Kate sein. Darin sind wir uns also

gleich. Und solchen See, wie den ›Stechlin‹, nu, den hat er schon ganz

gewiß nicht. So was kommt überhaupt bloß selten vor.«

Ja, auf seinen See war Dubslav stolz, aber destoweniger stolz war er

auf sein Schloß, weshalb es ihn auch verdroß, wenn es überhaupt so

genannt wurde. Von den armen Leuten ließ er sich's gefallen: »Für die

ist es ein ›Schloß‹, aber sonst ist es ein alter Kasten und weiter

nichts.« Und so sprach er denn lieber von seinem »Haus«, und wenn er

einen Brief schrieb, so stand darüber »Haus Stechlin«. Er war sich

auch bewußt, daß es kein Schloßleben war, das er führte. Vordem,

als der alte Backsteinbau noch stand, mit seinen dicken Türmen und

seinem Luginsland, von dem aus man, über die Kronen der Bäume weg,

weit ins Land hinaussah, ja, damals war hier ein Schloßleben gewesen,

und die derzeitigen alten Stechline hatten teilgenommen an allen

Festlichkeiten, wie sie die Ruppiner Grafen und die mecklenburgischen

Herzöge gaben, und waren mit den Boitzenburgern und den Bassewitzens

verschwägert gewesen. Aber heute waren die Stechliner Leute von

schwachen Mitteln, die sich nur eben noch hielten und beständig bemüht

waren, durch eine »gute Partie« sich wieder leidlich in die Höhe zu

bringen. Auch Dubslavs Vater war auf diese Weise zu seinen drei Frauen

gekommen, unter denen freilich nur die erste das in sie gesetzte

Vertrauen gerechtfertigt hatte. Für den jetzigen Schloßherrn, der von

der zweiten Frau stammte, hatte sich daraus leider kein unmittelbarer

Vorteil ergeben, und Dubslav von Stechlin wäre kleiner und großer

Sorgen und Verlegenheiten nie los und ledig geworden, wenn er nicht in

dem benachbarten Gransee seinen alten Freund Baruch Hirschfeld gehabt

hätte. Dieser Alte, der den großen Tuchladen am Markt und außerdem

die Modesachen und Damenhüte hatte, hinsichtlich deren es immer hieß,

»Gerson schicke ihm alles zuerst« -- dieser alte Baruch, ohne das

»Geschäftliche« darüber zu vergessen, hing in der Tat mit einer Art

Zärtlichkeit an dem Stechliner Schloßherrn, was, wenn es sich mal

wieder um eine neue Schuldverschreibung handelte, regelmäßig zu heikeln

Auseinandersetzungen zwischen Hirschfeld Vater und Hirschfeld Sohn

führte.

»Gott, Isidor, ich weiß, du bist fürs Neue. Aber was ist das Neue? Das

Neue versammelt sich immer auf unserm Markt, und mal stürmt es uns den

Laden und nimmt uns die Hüte, Stück für Stück, und die Reiherfedern und

die Straußenfedern. Ich bin fürs Alte und für den guten, alten Herrn

von Stechlin. Is doch der Vater von seinem Großvater gefallen in der

großen Schlacht bei Prag und hat gezahlt mit seinem Leben.«

»Ja, der hat gezahlt; wenigstens hat er gezahlt mit seinem Leben. Aber

der von heute ...«

»Der zahlt auch, wenn er kann und wenn er hat. Und wenn er nicht hat,

und ich sage: ›Herr von Stechlin, ich werde schreiben siebeneinhalb‹,

dann feilscht er nicht und dann zwackt er nicht. Und wenn er kippt,

nu, da haben wir das Objekt: Mittelboden und Wald und Jagd und viel

Fischfang. Ich seh es immer so ganz klein in der Perspektiv, und ich

seh auch schon den Kirchturm.«

»Aber Vaterleben, was sollen wir mit'm Kirchturm?«

In dieser Richtung gingen öfters die Gespräche zwischen Vater und Sohn,

und was der Alte vorläufig noch in der »Perspektive« sah, das wäre

vielleicht schon Wirklichkeit geworden, wenn nicht des alten Dubslav

um zehn Jahre ältere Schwester mit ihrem von der Mutter her ererbten

Vermögen gewesen wäre: Schwester Adelheid, Domina zu Kloster Wutz. Die

half und sagte gut, wenn es schlecht stand oder gar zum Äußersten zu

kommen schien. Aber sie half nicht aus Liebe zu dem Bruder -- gegen den

sie, ganz im Gegenteil, viel einzuwenden hatte --, sondern lediglich

aus einem allgemeinen Stechlinschen Familiengefühl. Preußen war was

und die Mark Brandenburg auch; aber das Wichtigste waren doch die

Stechlins, und der Gedanke, das alte Schloß in andern Besitz und nun

gar in einen solchen übergehen zu sehen, war ihr unerträglich. Und über

all dies hinaus war ja noch ihr Patenkind da, ihr Neffe Woldemar, für

den sie all die Liebe hegte, die sie dem Bruder versagte.

Ja, die Domina half, aber solcher Hilfen unerachtet wuchs das Gefühl

der Entfremdung zwischen den Geschwistern, und so kam es denn, daß der

alte Dubslav, der die Schwester in Kloster Wutz weder gern besuchte

noch auch ihren Besuch gern empfing, nichts von Umgang besaß als seinen

Pastor Lorenzen (den früheren Erzieher Woldemars) und seinen Küster

und Dorfschullehrer Krippenstapel, zu denen sich allenfalls noch

Oberförster Katzler gesellte, Katzler, der Feldjäger gewesen war und

ein gut Stück Welt gesehen hatte. Doch auch diese drei kamen nur, wenn

sie gerufen wurden, und so war eigentlich nur einer da, der in jedem

Augenblick Red und Antwort stand. Das war Engelke, sein alter Diener,

der seit beinahe fünfzig Jahren alles mit seinem Herrn durchlebt

hatte, seine glücklichen Leutnantstage, seine kurze Ehe und seine

lange Einsamkeit. Engelke, noch um ein Jahr älter als sein Herr, war

dessen Vertrauter geworden, aber ohne Vertraulichkeit. Dubslav verstand

es, die Scheidewand zu ziehen. Übrigens wär es auch ohne diese Kunst

gegangen. Denn Engelke war einer von den guten Menschen, die nicht aus

Berechnung oder Klugheit, sondern von Natur hingebend und demütig sind

und in einem treuen Dienen ihr Genüge finden. Alltags war er, so Winter

wie Sommer, in ein Leinwandhabit gekleidet, und nur wenn es zu Tisch

ging, trug er eine richtige Livree von sandfarbenem Tuch mit großen

Knöpfen dran. Es waren Knöpfe, die noch die Zeiten des Rheinsberger

Prinzen Heinrich gesehen hatten, weshalb Dubslav, als er mal wieder

in Verlegenheit war, zu dem jüngst verstorbenen alten Herrn von

Kortschädel gesagt hatte: »Ja, Kortschädel, wenn ich so meinen Engelke,

wie er da geht und steht, ins märkische Provinzialmuseum abliefern

könnte, so kriegt ich ein Jahrgehalt und wäre raus.«

* * * * *

Das war im Mai, daß der alte Stechlin diese Worte zu seinem Freunde

Kortschädel gesprochen hatte. Heute aber war dritter Oktober und ein

wundervoller Herbsttag dazu. Dubslav, sonst empfindlich gegen Zug,

hatte die Türen aufmachen lassen, und von dem großen Portal her zog

ein erquicklicher Luftstrom bis auf die mit weiß und schwarzen Fliesen

gedeckte Veranda hinaus. Eine große, etwas schadhafte Marquise war

hier herabgelassen und gab Schutz gegen die Sonne, deren Lichter

durch die schadhaften Stellen hindurchschienen und auf den Fliesen

ein Schattenspiel aufführten. Gartenstühle standen umher, vor einer

Bank aber, die sich an die Hauswand lehnte, waren doppelte Strohmatten

gelegt. Auf eben dieser Bank, ein Bild des Behagens, saß der alte

Stechlin in Joppe und breitkrempigem Filzhut und sah, während er aus

seinem Meerschaum allerlei Ringe blies, auf ein Rundell, in dessen

Mitte, von Blumen eingefaßt, eine kleine Fontäne plätscherte. Rechts

daneben lief ein sogenannter Poetensteig, an dessen Ausgang ein

ziemlich hoher, aus allerlei Gebälk zusammengezimmerter Aussichtsturm

aufragte. Ganz oben eine Plattform mit Fahnenstange, daran die

preußische Flagge wehte, schwarz und weiß, alles schon ziemlich

verschlissen.

Engelke hatte vor kurzem einen roten Streifen annähen wollen, war aber

mit seinem Vorschlag nicht durchgedrungen. »Laß. Ich bin nicht dafür.

Das alte Schwarz und Weiß hält gerade noch; aber wenn du was Rotes dran

nähst, dann reißt es gewiß.«

Die Pfeife war ausgegangen, und Dubslav wollte sich eben von seinem

Platz erheben und nach Engelke rufen, als dieser vom Gartensaal her auf

die Veranda heraustrat.

»Das ist recht, Engelke, daß du kommst ... Aber du hast da ja was wie'n

Telegramm in der Hand. Ich kann Telegramms nicht leiden. Immer is einer

dod, oder es kommt wer, der besser zu Hause geblieben wäre.«

Engelke griente. »Der junge Herr kommt.«

»Und das weißt du schon?«

»Ja, Brose hat es mir gesagt.«

»So, so. Dienstgeheimnis. Na, gib her.«

Und unter diesen Worten brach er das Telegramm auf und las: »Lieber

Papa. Bin sechs Uhr bei dir. Rex und von Czako begleiten mich. Dein

Woldemar.«

Engelke stand und wartete.

»Ja, was da tun, Engelke?« sagte Dubslav und drehte das Telegramm hin

und her. »Und aus Cremmen und von heute früh,« fuhr er fort. »Da müssen

sie also die Nacht über schon in Cremmen gewesen sein. Auch kein Spaß.«

»Aber Cremmen is doch soweit ganz gut.«

»Nu, gewiß, gewiß. Bloß sie haben da so kurze Betten ... Und, wenn man,

wie Woldemar, Kavallerist ist, kann man ja doch auch die acht Meilen

von Berlin bis Stechlin in einer Pace machen. Warum also Nachtquartier?

Und Rex und von Czako begleiten mich. Ich kenne Rex nicht und kenne von

Czako nicht. Wahrscheinlich Regimentskameraden. Haben wir denn was?«

»Ich denk doch, gnäd'ger Herr. Und wovor haben wir denn unsre Mamsell?

Die wird schon was finden.«

»Nu gut. Also wir haben was. Aber wen laden wir dazu ein? So bloß ich,

das geht nicht. Ich mag mich keinem Menschen mehr vorsetzen. Czako,

das ginge vielleicht noch. Aber Rex, wenn ich ihn auch nicht kenne,

zu so was Feinem wie Rex pass' ich nicht mehr; ich bin zu altmodisch

geworden. Was meinst du, ob die Gundermanns wohl können?«

»Ach, die können schon. Er gewiß, und sie kluckt auch bloß immer so

rum.«

»Also Gundermanns. Gut. Und dann vielleicht Oberförsters. Das älteste

Kind hat freilich die Masern, und die Frau, das heißt die Gemahlin (und

Gemahlin is eigentlich auch noch nicht das rechte Wort), die erwartet

wieder. Man weiß nie recht, wie man mit ihr dran ist und wie man sie

nennen soll, Oberförsterin Katzler oder Durchlaucht. Aber man kann's

am Ende versuchen. Und dann unser Pastor. Der hat doch wenigstens

die Bildung. Gundermann allein ist zu wenig und eigentlich bloß ein

Klutentreter. Und seitdem er die Siebenmühlen hat, ist er noch weniger

geworden.«

Engelke nickte.

»Na, dann schick also Martin. Aber er soll sich proper machen. Oder

vielleicht ist Brose noch da; der kann ja auf seinem Retourgang bei

Gundermanns mit rangehen. Und soll ihnen sagen sieben Uhr, aber nicht

früher; sie sitzen sonst so lange rum, und man weiß nicht, wovon man

reden soll. Das heißt mit ihm; sie red't immerzu ... Und gib Brosen

auch nen Kornus und funfzig Pfennig.«

»Ich werd ihm dreißig geben.«

»Nein, nein, funfzig. Erst hat er ja doch was gebracht und nu nimmt er

wieder was mit. Das is ja so gut wie doppelt. Also funfzig. Knaps ihm

nichts ab.«

Zweites Kapitel

Ziemlich um dieselbe Zeit, wo der Telegraphenbote bei Gundermanns

vorsprach, um die Bestellung des alten Herrn von Stechlin auszurichten,

ritten Woldemar, Rex und Czako, die sich für sechs Uhr angemeldet

hatten, in breiter Front von Cremmen ab; Fritz, Woldemars Reitknecht,

folgte den dreien. Der Weg ging über Wutz. Als sie bis in die Nähe von

Dorf und Kloster dieses Namens gekommen waren, bog Woldemar vorsichtig

nach links hin aus, weil er der Möglichkeit entgehen wollte, seiner

Tante Adelheid, der Domina des Klosters, zu begegnen. Er stand zwar gut

mit dieser und hatte sogar vor, ihr, wie herkömmlich, auf dem Rückwege

nach Berlin seinen Besuch zu machen; aber in diesem Augenblick paßte

ihm solche Begegnung, die sein pünktliches Eintreffen in Stechlin

gehindert haben würde, herzlich schlecht. So beschrieb er denn einen

weiten Halbkreis und hatte das Kloster schon um eine Viertelstunde

hinter sich, als er sich wieder der Hauptstraße zuwandte. Diese, durch

Moor- und Wiesengründe führend, war ein vorzüglicher Reitweg, der an

vielen Stellen noch eine Grasnarbe trug, weshalb es anderthalb Meilen

lang in einem scharfen Trabe vorwärts ging, bis an eine Avenue heran,

die geradlinig auf Schloß Stechlin zuführte. Hier ließen alle drei die

Zügel fallen und ritten im Schritt weiter. Über ihnen wölbten sich die

schönen, alten Kastanienbäume, was ihrem Anritt etwas Anheimelndes und

zugleich etwas beinah Feierliches gab.

»Das ist ja wie ein Kirchenschiff,« sagte Rex, der am linken Flügel

ritt. »Finden Sie nicht auch, Czako?«

»Wenn Sie wollen, ja. Aber Pardon, Rex, ich finde die Wendung etwas

trivial für einen Ministerialassessor.«

»Nun gut, dann sagen Sie was Besseres.«

»Ich werde mich hüten. Wer unter solchen Umständen was Besseres sagen

will, sagt immer was Schlechteres.«

Unter diesem sich noch eine Weile fortsetzenden Gespräche waren sie bis

an einen Punkt gekommen, von dem aus man das am Ende der Avenue sich

aufbauende Bild in aller Klarheit überblicken konnte. Dabei war das

Bild nicht bloß klar, sondern auch so frappierend, daß Rex und Czako

unwillkürlich anhielten.

»Alle Wetter, Stechlin, das ist ja reizend,« wandte sich Czako zu dem

am andern Flügel reitenden Woldemar. »Ich find es geradezu märchenhaft,

Fata Morgana -- das heißt, ich habe noch keine gesehn. Die gelbe

Wand, die da noch das letzte Tageslicht auffängt, das ist wohl Ihr

Zauberschloß? Und das Stückchen Grau da links, das taxier ich auf eine

Kirchenecke. Bleibt nur noch der Staketzaun an der andern Seite; -- da

wohnt natürlich der Schulmeister. Ich verbürge mich, daß ich's damit

getroffen. Aber die zwei schwarzen Riesen, die da grad in der Mitte

stehn und sich von der gelben Wand abheben (›abheben‹ ist übrigens

auch trivial; entschuldigen Sie, Rex), die stehen ja da wie die

Cherubim. Allerdings etwas zu schwarz. Was sind das für Leute?«

»Das sind Findlinge?«

»Findlinge.«

»Ja, Findlinge,« wiederholte Woldemar. »Aber wenn Ihnen das Wort

anstößig ist, so können Sie sie auch Monolithe nennen. Es ist

merkwürdig, Czako, wie hochgradig verwöhnt im Ausdruck Sie sind, wenn

Sie nicht gerade selber das Wort haben ... Aber nun, meine Herren,

müssen wir uns wieder in Trab setzen. Ich bin überzeugt, mein Papa

steht schon ungeduldig auf seiner Rampe, und wenn er uns so in Schritt

ankommen sieht, denkt er, wir bringen eine Trauernachricht oder einen

Verwundeten.«

* * * * *

Wenige Minuten später, und alle drei trabten denn auch wirklich, von

Fritz gefolgt, über die Bohlenbrücke fort, erst in den Vorhof hinein

und dann an der blanken Glaskugel vorüber. Der Alte stand bereits

auf der Rampe, Engelke hinter ihm und hinter diesem Martin, der alte

Kutscher. Im Nu waren alle drei Reiter aus dem Sattel, und Martin und

Fritz nahmen die Pferde. So trat man in den Flur. »Erlaube, lieber

Papa, dir zwei liebe Freunde von mir vorzustellen: Assessor von Rex,

Hauptmann von Czako.«

Der alte Stechlin schüttelte jedem die Hand und sprach ihnen aus, wie

glücklich er über ihren Besuch sei. »Seien Sie mir herzlich willkommen,

meine Herren. Sie haben keine Ahnung, welche Freude Sie mir machen,

mir, einem vergrätzten, alten Einsiedler. Man sieht nichts mehr, man

hört nichts mehr. Ich hoffe auf einen ganzen Sack voll Neuigkeiten.«

»Ach, Herr Major,« sagte Czako, »wir sind ja schon vierundzwanzig

Stunden fort. Und, ganz abgesehen davon, wer kann heutzutage noch

mit den Zeitungen konkurrieren! Ein Glück, daß manche prinzipiell

einen Posttag zu spät kommen. Ich meine mit den neuesten Nachrichten.

Vielleicht auch sonst noch.«

»Sehr wahr,« lachte Dubslav. »Der Konservatismus soll übrigens, seinem

Wesen nach, eine Bremse sein; damit muß man vieles entschuldigen. Aber

da kommen Ihre Mantelsäcke, meine Herren. Engelke, führe die Herren auf

ihr Zimmer. Wir haben jetzt sechseinviertel. Um sieben, wenn ich bitten

darf.«

Engelke hatte mittlerweile die beiden von Dubslav etwas altmodisch

als »Mantelsäcke« bezeichneten Plaidrollen in die Hand genommen und

ging damit, den beiden Herren voran, auf die doppelarmige Treppe zu,

die gerade da, wo die beiden Arme derselben sich kreuzten, einen

ziemlich geräumigen Podest mit Säulchengalerie bildete. Zwischen den

Säulchen aber, und zwar mit Blick auf den Flur, war eine Rokokouhr

angebracht, mit einem Zeitgott darüber, der eine Hippe führte. Czako

wies darauf hin und sagte leise zu Rex: »Ein bißchen graulich,« -- ein

Gefühl, drin er sich bestärkt sah, als man bis auf den mit ungeheurer

Raumverschwendung angelegten Oberflur gekommen war. Über einer nach

hinten zu gelegenen Saaltür hing eine Holztafel mit der Inschrift:

»Museum«, während hüben und drüben, an den Flurwänden links und rechts,

mächtige Birkenmaser- und Ebenholzschränke standen, wahre Prachtstücke,

mit zwei großen Bildern dazwischen, eines eine Burg mit dicken

Backsteintürmen, das andre ein überlebensgroßer Ritter, augenscheinlich

aus der Frundsbergzeit, wo das bunt Landsknechtliche schon die Rüstung

zu drapieren begann.

»Is wohl ein Ahn?« fragte Czako.

»Ja, Herr Hauptmann. Und er ist auch unten in der Kirche.«

»Auch so wie hier?«

»Nein, bloß Grabstein und schon etwas abgetreten. Aber man sieht doch

noch, daß es derselbe ist.«

Czako nickte. Dabei waren sie bis an ein Eckzimmer gekommen, das mit

der einen Seite nach dem Flur, mit der andern Seite nach einem schmalen

Gang hin lag. Hier war auch die Tür. Engelke, vorangehend, öffnete und

hing die beiden Plaidrollen an die Haken eines hier gleich an der Tür

stehenden Kleiderständers. Unmittelbar daneben war ein Klingelzug mit

einer grünen, etwas ausgefransten Puschel daran. Engelke wies darauf

hin und sagte: »Wenn die Herren noch was wünschen ... Und um sieben ...

Zweimal wird angeschlagen.«

Und damit ging er, die beiden ihrer Bequemlichkeit überlassend.

Es waren zwei nebeneinander gelegene Zimmer, in denen man Rex und Czako

untergebracht hatte, das vordere größer und mit etwas mehr Aufwand

eingerichtet, mit Stehspiegel und Toilette, der Spiegel sogar zum

Kippen. Das Bett in diesem vorderen Zimmer hatte einen kleinen Himmel

und daneben eine Etagere, auf deren oberem Brettchen eine Meißner

Figur stand, ihr ohnehin kurzes Röckchen lüpfend, während auf dem

unteren Brett ein Neues Testament lag, mit Kelch und Kreuz und einem

Palmenzweig auf dem Deckel.

Czako nahm das Meißner Püppchen und sagte: »Wenn nicht unser Freund

Woldemar bei diesem Arrangement seine Hand mit im Spiele gehabt hat, so

haben wir hier in bezug auf Requisiten ein Ahnungsvermögen, wie's nicht

größer gedacht werden kann. Das Püppchen ~pour moi~, das Testament

~pour vous~.«

»Czako, wenn Sie doch bloß das Necken lassen könnten!«

»Ach, sagen Sie doch so was nicht, Rex; Sie lieben mich ja bloß um

meiner Neckereien willen.«

Und nun traten sie, von dem Vorderzimmer her, in den etwas kleineren

Wohnraum, in dem Spiegel und Toilette fehlten. Dafür aber war ein

Rokokosofa da, mit hellblauem Atlas und weißen Blumen darauf.

»Ja, Rex,« sagte Czako, »wie teilen wir nun? Ich denke, Sie nehmen

nebenan den Himmel, und ich nehme das Rokokosofa, noch dazu mit weißen

Blumen, vielleicht Lilien. Ich wette, das kleine Ding von Sofa hat eine

Geschichte.«

»Rokoko hat immer eine Geschichte,« bestätigte Rex. »Aber hundert Jahr

zurück. Was jetzt hier haust, sieht mir, Gott sei Dank, nicht danach

aus. Ein bißchen Spuk trau ich diesem alten Kasten allerdings schon

zu; aber keine Rokokogeschichte. Rokoko ist doch immer unsittlich. Wie

gefällt Ihnen übrigens der Alte?«

»Vorzüglich. Ich hätte nicht gedacht, daß unser Freund Woldemar solchen

famosen Alten haben könnte.«

»Das klingt ja beinah,« sagte Rex, »wie wenn Sie gegen unsern Stechlin

etwas hätten.«

»Was durchaus nicht der Fall ist. Unser Stechlin ist der beste Kerl von

der Welt, und wenn ich das verdammte Wort nicht haßte, würd ich ihn

sogar einen ›perfekten Gentleman‹ nennen müssen. Aber ...«

»Nun ...«

»Aber er paßt doch nicht recht an seine Stelle.«

»An welche?«

»In sein Regiment.«

»Aber, Czako, ich verstehe Sie nicht. Er ist ja brillant angeschrieben.

Liebling bei jedem. Der Oberst hält große Stücke von ihm, und die

Prinzen machen ihm beinah den Hof ...«

»Ja, das ist es ja eben. Die Prinzen, die Prinzen.«

»Was denn, wie denn?«

»Ach, das ist eine lange Geschichte, viel zu lang, um sie hier vor

Tisch noch auszukramen. Denn es ist bereits halb, und wir müssen uns

eilen. Übrigens trifft es viele, nicht bloß unsern Stechlin.«

»Immer dunkler, immer rätselvoller,« sagte Rex.

»Nun, vielleicht daß ich Ihnen das Rätsel löse. Schließlich kann man

ja Toilette machen und noch seinen Diskurs daneben haben. ›Die Prinzen

machen ihm den Hof,‹ so geruhten Sie zu bemerken, und ich antwortete:

›Ja, das ist es eben.‹ Und diese Worte kann ich Ihnen nur wiederholen.

Die Prinzen -- ja, damit hängt es zusammen und noch mehr damit, daß

die feinen Regimenter immer feiner werden. Kucken Sie sich mal die

alten Ranglisten an, das heißt wirklich alte, voriges Jahrhundert und

dann so bis anno sechs. Da finden Sie bei Regiment Garde du Corps oder

bei Regiment Gensdarmes unsere guten alten Namen: Marwitz, Wakenitz,

Kracht, Löschebrand, Bredow, Rochow, höchstens daß sich mal ein höher

betitelter Schlesischer mit hinein verirrt. Natürlich gab es auch

Prinzen damals, aber der Adel gab den Ton an, und die paar Prinzen

mußten noch froh sein, wenn sie nicht störten. Damit ist es nun aber,

seit wir Kaiser und Reich sind, total vorbei. Natürlich sprech ich

nicht von der Provinz, nicht von Litauen und Masuren, sondern von der

Garde, von den Regimentern unter den Augen Seiner Majestät. Und nun

gar erst diese Gardedragoner! Die waren immer pik, aber seit sie,

~pour combler le bonheur~, auch noch ›Königin von Großbritannien und

Irland‹ sind, wird es immer mehr davon, und je piker sie werden,

desto mehr Prinzen kommen hinein, von denen übrigens auch jetzt schon

mehr da sind, als es so obenhin aussieht, denn manche sind eigentlich

welche und dürfen es bloß nicht sagen. Und wenn man dann gar noch

die alten mitrechnet, die bloß ~à la suite~ stehen, aber doch immer

noch mit dabei sind, wenn irgendwas los ist, so haben wir, wenn der

Kreis geschlossen wird, zwar kein Parkett von Königen, aber doch

einen Zirkus von Prinzen. Und da hinein ist nun unser guter Stechlin

gestellt. Natürlich tut er, was er kann, und macht so gewisse Luxusse

mit, Gefühlsluxusse, Gesinnungsluxusse und, wenn es sein muß, auch

Freiheitsluxusse. So nen Schimmer von Sozialdemokratie. Das ist aber

auf die Dauer schwierig. Richtige Prinzen können sich das leisten, die

verbebeln nicht leicht. Aber Stechlin! Stechlin ist ein reizender Kerl,

aber er ist doch bloß ein Mensch.«

»Und das sagen Sie, Czako, gerade Sie, der Sie das Menschliche stets

betonen?«

»Ja, Rex, das tu ich. Heut wie immer. Aber eines schickt sich nicht

für alle. Der eine darf's, der andre nicht. Wenn unser Freund Stechlin

sich in diese seine alte Schloßkate zurückzieht, so darf er Mensch

sein, soviel er will, aber als Gardedragoner kommt er damit nicht

aus. Vom alten Adam will ich nicht sprechen, das hat immer noch so ne

Nebenbedeutung.«

* * * * *

Während Rex und Czako Toilette machten und abwechselnd über den alten

und den jungen Stechlin verhandelten, schritten die, die den Gegenstand

dieser Unterhaltung bildeten, Vater und Sohn, im Garten auf und ab und

hatten auch ihrerseits ihr Gespräch.

»Ich bin dir dankbar, daß du mir deine Freunde mitgebracht hast.

Hoffentlich kommen sie auf ihre Kosten. Mein Leben verläuft ein

bißchen zu einsam, und es wird ohnehin gut sein, wenn ich mich wieder

an Menschen gewöhne. Du wirst gelesen haben, daß unser guter alter

Kortschädel gestorben ist, und in etwa vierzehn Tagen haben wir hier ne

Neuwahl. Da muß ich dann ran und mich populär machen. Die Konservativen

wollen mich haben und keinen andern. Eigentlich mag ich nicht, aber

ich soll, und da paßt es mir denn, daß du mir Leute bringst, an denen

ich mich für die Welt sozusagen wieder wie einüben kann. Sind sie denn

ausgiebig und plauderhaft?«

»O sehr, Papa, vielleicht zu sehr. Wenigstens der eine.«

»Das is gewiß der Czako. Sonderbar, die von Alexander reden alle gern.

Aber ich bin sehr dafür; Schweigen kleid't nicht jeden. Und dann sollen

wir uns ja auch durch die Sprache vom Tier unterscheiden. Also wer am

meisten red't, ist der reinste Mensch. Und diesem Czako, den hab ich

es gleich angesehn. Aber der Rex. Du sagst Ministerialassessor. Ist er

denn von der frommen Familie?«

»Nein, Papa, du machst dieselbe Verwechslung, die beinah alle machen.

Die fromme Familie, das sind die Reckes, gräflich und sehr vornehm.

Die Rex natürlich auch, aber doch nicht so hoch hinaus und auch nicht

so fromm. Allerdings nimmt mein Freund, der Ministerialassessor, einen

Anlauf dazu, die Reckes womöglich einzuholen.«

»Dann hab ich also doch recht gesehn. Er hat so die Figur, die so was

vermuten läßt, ein bißchen wenig Fleisch und so glatt rasiert. Habt ihr

denn beim Rasieren in Cremmen gleich einen gefunden?«

»Er hat alles immer bei sich; lauter englische. Von Solingen oder Suhl

will er nichts wissen.«

»Und muß man ihn denn vorsichtig anfassen, wenn das Gespräch auf

kirchliche Dinge kommt? Ich bin ja, wie du weißt, eigentlich kirchlich,

wenigstens kirchlicher als mein guter Pastor (es wird immer schlimmer

mit ihm), aber ich bin so im Ausdruck mitunter ungenierter, als man

vielleicht sein soll, und bei ›niedergefahren zur Hölle‹ kann mir's

passieren, daß ich nolens volens ein bißchen tolles Zeug rede. Wie

steht es denn da mit ihm? Muß ich mich in acht nehmen? Oder macht er

bloß so mit?«

»Das will ich nicht geradezu behaupten. Ich denke mir, er steht so wie

die meisten stehn; das heißt, er weiß es nicht recht.«

»Ja, ja, den Zustand kenn ich.«

»Und weil er es nicht recht weiß, hat er sozusagen die Auswahl und

wählt das, was gerade gilt und nach oben hin empfiehlt. Ich kann das

auch so schlimm nicht finden. Einige nennen ihn einen ›Streber‹. Aber

wenn er es ist, ist er jedenfalls keiner von den schlimmsten. Er hat

eigentlich einen guten Charakter, und im ~cercle intime~ kann er

reizend sein. Er verändert sich dann nicht in dem, was er sagt, oder

doch nur ganz wenig, aber ich möchte sagen, er verändert sich in der

Art, wie er zuhört. Czako meint, unser Freund Rex halte sich mit

dem Ohr für das schadlos, was er mit dem Munde versäumt. Czako wird

überhaupt am besten mit ihm fertig; er schraubt ihn beständig, und

Rex, was ich reizend finde, läßt sich diese Schraubereien gefallen.

Daran siehst du schon, daß sich mit ihm leben läßt. Seine Frömmigkeit

ist keine Lüge, bloß Erziehung, Angewohnheit, und so schließlich seine

zweite Natur geworden.«

»Ich werde ihn bei Tisch neben Lorenzen setzen; die mögen dann beide

sehn, wie sie miteinander fertig werden. Vielleicht erleben wir ne

Bekehrung. Das heißt Rex den Pastor. Aber da höre ich eine Kutsche

die Dorfstraße raufkommen. Das sind natürlich Gundermanns; die kommen

immer zu früh. Der arme Kerl hat mal was von der Höflichkeit der

Könige gehört und macht jetzt einen zu weitgehenden Gebrauch davon.

Autodidakten übertreiben immer. Ich bin selber einer und kann also

mitreden. Nun, wir sprechen morgen früh weiter; heute wird es nichts

mehr. Du wirst dich auch noch ein bißchen striegeln müssen, und ich

will mir nen schwarzen Rock anziehn. Das bin ich der guten Frau von

Gundermann doch schuldig; sie putzt sich übrigens nach wie vor wie'n

Schlittenpferd und hat immer noch den merkwürdigen Federbusch in ihrem

Zopf -- das heißt, wenn's ihrer ist.«

Drittes Kapitel

Engelke schlug unten im Flur zweimal an einen alten, als Tamtam

fungierenden Schild, der an einem der zwei vorspringenden und

zugleich die ganze Treppe tragenden Pfeiler hing. Eben diese zwei

Pfeiler bildeten denn auch mit dem Podest und der in Front desselben

angebrachten Rokokouhr einen zum Gartensalon, diesem Hauptzimmer des

Erdgeschosses, führenden, ziemlich pittoresken Portikus, von dem ein

auf Besuch anwesender hauptstädtischer Architekt mal gesagt hatte:

sämtliche Bausünden von Schloß Stechlin würden durch diesen verdrehten,

aber malerischen Einfall wieder gutgemacht.

Die Uhr mit dem Hippenmann schlug gerade sieben, als Rex und Czako die

Treppe herunter kamen und, eine Biegung machend, auf den von berufener

Seite so glimpflich beurteilten sonderbaren Vorbau zusteuerten. Als

die Freunde diesen passierten, sahen sie -- die Türflügel waren

schon geöffnet -- in aller Bequemlichkeit in den Salon hinein und

nahmen hier wahr, daß etliche, ihnen zu Ehren geladene Gäste bereits

erschienen waren. Dubslav, in dunklem Überrock und die Bändchenrosette

sowohl des preußischen wie des wendischen Kronenordens im Knopfloch,

ging den Eintretenden entgegen, begrüßte sie nochmals mit der ihm

eigenen Herzlichkeit, und beide Herren gleich danach in den Kreis

der schon Versammelten einführend, sagte er: »Bitte die Herrschaften

miteinander bekannt machen zu dürfen: Herr und Frau von Gundermann

auf Siebenmühlen, Pastor Lorenzen, Oberförster Katzler,« und dann,

nach links sich wendend, »Ministerialassessor von Rex, Hauptmann von

Czako vom Regiment Alexander.« Man verneigte sich gegenseitig, worauf

Dubslav zwischen Rex und Pastor Lorenzen, Woldemar aber, als Adlatus

seines Vaters, zwischen Czako und Katzler eine Verbindung herzustellen

suchte, was auch ohne weiteres gelang, weil es hüben und drüben weder

an gesellschaftlicher Gewandtheit, noch an gutem Willen gebrach. Nur

konnte Rex nicht umhin, die Siebenmühlener etwas eindringlich zu

mustern, trotzdem Herr von Gundermann in Frack und weißer Binde, Frau

von Gundermann aber in geblümtem Atlas mit Marabufächer erschienen

war, -- er augenscheinlich Parvenu, sie Berlinerin aus einem

nordöstlichen Vorstadtgebiet.

Rex sah das alles. Er kam aber nicht in die Lage, sich lange damit zu

beschäftigen, weil Dubslav eben jetzt den Arm der Frau von Gundermann

nahm und dadurch das Zeichen zum Aufbruch zu der im Nebenzimmer

gedeckten Tafel gab. Alle folgten paarweise, wie sie sich vorher

zusammengefunden, kamen aber durch die von seiten Dubslavs schon vorher

festgesetzte Tafelordnung wieder auseinander. Die beiden Stechlins,

Vater und Sohn, plazierten sich an den beiden Schmalseiten einander

gegenüber, während zur Rechten und Linken von Dubslav Herr und Frau von

Gundermann, rechts und links von Woldemar aber Rex und Lorenzen saßen.

Die Mittelplätze hatten Katzler und Czako inne. Neben einem großen

alten Eichenbüfett, ganz in Nähe der Tür, standen Engelke und Martin,

Engelke in seiner sandfarbenen Livree mit den großen Knöpfen, Martin,

dem nur oblag, mit der Küche Verbindung zu halten, einfach in schwarzem

Rock und Stulpstiefeln.

Der alte Dubslav war in bester Laune, stieß gleich nach den ersten

Löffeln Suppe mit Frau von Gundermann vertraulich an, dankte für

ihr Erscheinen und entschuldigte sich wegen der späten Einladung:

»Aber erst um zwölf kam Woldemars Telegramm. Es ist das mit dem

Telegraphieren solche Sache, manches wird besser, aber manches wird

auch schlechter, und die feinere Sitte leidet nun schon ganz gewiß.

Schon die Form, die Abfassung. Kürze soll eine Tugend sein, aber sich

kurz fassen, heißt meistens auch, sich grob fassen. Jede Spur von

Verbindlichkeit fällt fort, und das Wort ›Herr‹ ist beispielsweise

gar nicht mehr anzutreffen. Ich hatte mal einen Freund, der ganz

ernsthaft versicherte: ›Der häßlichste Mops sei der schönste;‹ so läßt

sich jetzt beinahe sagen, ›das gröbste Telegramm ist das feinste‹.

Wenigstens das in seiner Art vollendetste. Jeder, der wieder eine neue

Fünfpfennigersparnis herausdoktert, ist ein Genie.«

Diese Worte Dubslavs hatten sich anfänglich an die Frau von Gundermann,

sehr bald aber mehr an Gundermann selbst gerichtet, weshalb dieser

letztere denn auch antwortete: »Ja, Herr von Stechlin, alles Zeichen

der Zeit. Und ganz bezeichnend, daß gerade das Wort ›Herr‹, wie Sie

schon hervorzuheben die Güte hatten, so gut wie abgeschafft ist. ›Herr‹

ist Unsinn geworden, ›Herr‹ paßt den Herren nicht mehr, -- ich meine

natürlich die, die jetzt die Welt regieren wollen. Aber es ist auch

danach. Alle diese Neuerungen, an denen sich leider auch der Staat

beteiligt, was sind sie? Begünstigungen der Unbotmäßigkeit, also Wasser

auf die Mühlen der Sozialdemokratie. Weiter nichts. Und niemand da, der

Lust und Kraft hätte, dies Wasser abzustellen. Aber trotzdem, Herr von

Stechlin -- ich würde nicht widersprechen, wenn mich das Tatsächliche

nicht dazu zwänge --, trotzdem geht es nicht ohne Telegraphie, gerade

hier in unsrer Einsamkeit. Und dabei das beständige Schwanken der

Kurse. Namentlich auch in der Mühlen- und Brettschneidebranche ...«

»Versteht sich, lieber Gundermann. Was ich da gesagt habe ... Wenn

ich das Gegenteil gesagt hätte, wäre es ebenso richtig. Der Teufel

is nich so schwarz, wie er gemalt wird, und die Telegraphie auch

nicht, und wir auch nicht. Schließlich ist es doch was Großes, diese

Naturwissenschaften, dieser elektrische Strom, tipp, tipp, tipp, und

wenn uns daran läge (aber uns liegt nichts daran), so könnten wir

den Kaiser von China wissen lassen, daß wir hier versammelt sind und

seiner gedacht haben. Und dabei diese merkwürdigen Verschiebungen

in Zeit und Stunde. Beinahe komisch. Als Anno siebzig die Pariser

Septemberrevolution ausbrach, wußte man's in Amerika drüben um ein

paar Stunden früher, als die Revolution überhaupt da war. Ich sagte:

Septemberrevolution. Es kann aber auch ne andre gewesen sein; sie haben

da so viele, daß man sie leicht verwechselt. Eine war im Juni, ne andre

war im Juli, -- wer nich ein Bombengedächtnis hat, muß da notwendig

reinfallen ... Engelke, präsentiere der gnädgen Frau den Fisch noch

mal. Und vielleicht nimmt auch Herr von Czako ...«

»Gewiß, Herr von Stechlin,« sagte Czako. »Erstlich aus

reiner Gourmandise, dann aber auch aus Forschertrieb oder

Fortschrittsbedürfnis. Man will doch an dem, was gerade gilt oder

überhaupt Menschheitsentwicklung bedeutet, auch seinerseits nach

Möglichkeit teilnehmen, und da steht denn Fischnahrung jetzt obenan.

Fische sollen außerdem viel Phosphor enthalten, und Phosphor, so heißt

es, macht ›helle‹.«

»Gewiß,« kicherte Frau von Gundermann, die sich bei dem Wort »helle«

wie persönlich getroffen fühlte. »Phosphor war ja auch schon, eh die

Schwedischen aufkamen.«

»O, lange vorher,« bestätigte Czako. »Was mich aber,« fuhr er, sich

an Dubslav wendend, fort, »an diesen Karpfen noch ganz besonders

fesselt -- beiläufig ein Prachtexemplar --, das ist das, daß er

doch höchstwahrscheinlich aus Ihrem berühmten See stammt, über den

ich durch Woldemar, Ihren Herrn Sohn, bereits unterrichtet bin.

Dieser merkwürdige See, dieser Stechlin! Und da frag ich mich denn

unwillkürlich (denn Karpfen werden alt; daher beispielsweise die

Mooskarpfen), welche Revolutionen sind an diesem hervorragenden

Exemplar seiner Gattung wohl schon vorübergegangen? Ich weiß nicht, ob

ich ihn auf hundertfünfzig Jahre taxieren darf; wenn aber, so würde

er als Jüngling die Lissaboner Aktion und als Urgreis den neuerlichen

Ausbruch des Krakatowa mitgemacht haben. Und all das erwogen, drängt

sich mir die Frage auf ...«

Dubslav lächelte zustimmend.

»... Und all das erwogen, drängt sich mir die Frage auf, wenn's nun in

Ihrem Stechlinsee zu brodeln beginnt oder gar die große Trichterbildung

anhebt, aus der dann und wann, wenn ich recht gehört habe, der krähende

Hahn aufsteigt, wie verhält sich da der Stechlinkarpfen, dieser doch

offenbar Nächstbeteiligte, bei dem Anpochen derartiger Weltereignisse?

Beneidet er den Hahn, dem es vergönnt ist, in die Ruppiner Lande

hineinzukrähen, oder ist er umgekehrt ein Feigling, der sich in seinem

Moorgrund verkriecht, also ein Bourgeois, der am andern Morgen fragt:

›Schießen sie noch?‹«

»Mein lieber Herr von Czako, die Beantwortung Ihrer Frage hat selbst

für einen Anwohner des Stechlin seine Schwierigkeiten. Ins Innere der

Natur dringt kein erschaffener Geist. Und zu dem innerlichsten und

verschlossensten zählt der Karpfen; er ist nämlich sehr dumm. Aber nach

der Wahrscheinlichkeitsrechnung wird er sich beim Eintreten der großen

Eruption wohl verkrochen haben. Wir verkriechen uns nämlich alle.

Heldentum ist Ausnahmezustand und meist Produkt einer Zwangslage. Sie

brauchen mir übrigens nicht zuzustimmen, denn Sie sind noch im Dienst.«

»Bitte, bitte,« sagte Czako.

* * * * *

Der Stechlin: Roman · 第 1 / 33 段