Band VII und VIII
Auswahl aus dem Briefwechsel mit meinen Freunden
(Die wörtliche Übersetzung des Titels lautet: _Ausgewählte Stellen_ aus
dem Briefwechsel mit meinen Freunden.) Den Plan, eine Auswahl von
Stücken aus seinem Briefwechsel herauszugeben, faßte Gogol bereits im
Beginn des Jahres 1845; an die Ausführung seiner Idee ging er jedoch
erst im April 1846 heran. Ehe er das Manuskript an Pletnjew absandte,
unterzog er sämtliche Stücke, die er in Buchform herauszugeben gedachte,
einer gründlichen Korrektur und Überarbeitung. Zu allererst wurde das
VII. Kapitel: _Über Schukowskis Übersetzung der Odyssee._ An W. M.
Jasykow (Band VII, Seite 55 ff.) für den Druck umgearbeitet, redigiert
und dann am 4. Juli 1846 an Pletnjew zur Veröffentlichung in dessen
Zeitschrift gesandt. -- Am 30. Juli desselben Jahres erhält Pletnjew von
Gogol aus Schwalbach: _Die Vorrede_ (Band VII, Seite 1 ff.) und die
ersten sechs Stücke des »Briefwechsels« zugeschickt. Zwischen dem 13.
und 24. August folgen aus Ostende weitere sieben Aufsätze (Nr. 8-14,
Band VII, Seite 73-149) und am 12. September neuen Stils -- gleichfalls
aus Ostende -- nochmals sieben Kapitel (Nr. 15-21, Band VII, Seite
151-253). Am 26. September sendet Gogol Pletnjew aus Ostende ein viertes
Heft mit neun Kapiteln (Band VII, Nr. 22-30, Seite 255-367). Am 3.
Oktober neuen Stils schickt Gogol aus Frankfurt zwei Korrekturen zu dem
Aufsatz: An _einen hochgestellten Mann_ ein (Band VII, Nr. 28, Seite
323). Am 16. Oktober endlich erfolgt von Frankfurt a. M. aus die
Absendung der beiden letzten Kapitel und einer Korrektur zum 10.
Kapitel: _Über das Lyrische bei unseren Poeten._ An W. A. Schukowski
(Band VII, Seite 85 ff.).
Die _Auswahl aus dem Briefwechsel mit meinen Freunden_ erschien im
Dezember des Jahres 1846. Die Unterschrift des Zensors ist vom 18.
August 1846 datiert, bezieht sich jedoch wahrscheinlich nur auf das
erste Heft; im Oktober ergaben sich Schwierigkeiten bei der Drucklegung:
der Zensor wollte den Abdruck einzelner Partien und sogar ganzer Kapitel
nicht gestatten; daher mußten fünf Briefe: Nr. 19, 20, 21, 26 und 28
(Band VII, Seite 203, 209, 227, 307 und 323) gänzlich wegfallen. Diese
Kapitel, sowie die von der Zensur gestrichenen Partien erschienen später
in der »Gesamtausgabe« von Gogols Werken vom Jahre 1867, die von
_Tschischow_ veranstaltet wurde. Die von der Zensur beanstandeten
Stellen stehen in unserer Ausgabe in eckigen Klammern.
Ferner bat Gogol selbst Pletnjew in einem Brief vom 16. Oktober 1846,
»die ganze Stelle zu streichen, die von der Bedeutung der monarchischen
Gewalt und ihrer weltlichen Erscheinungsform handelt, und durch den
Abschnitt auf der letzten Seite des Heftes zu ersetzen«. Die neue
veränderte Fassung des Textes beginnt mit den Worten: »Diese Bedeutung
des Herrschers wird allmählich auch in Europa ...« (Band VII, Seite 100,
Zeile 3 v. o.) und schließt mit dem Satze: »daher nehmen ihre Töne einen
biblischen Charakter an« (Band VII, Seite 102, Zeile 3 v. o.). Wir
lassen hier die umgearbeitete Stelle folgen, wie sie von Tschischow nach
dem Manuskript nachträglich in seiner Gesamtausgabe der Werke Gogols
abgedruckt wurde (Band III, Seite 374 bis 376): »Die souveräne Gewalt
des Monarchen wird keineswegs an Bedeutung verlieren, sondern in dem
Maße, wie die ganze Menschheit an Bildung zunehmen wird, nur noch
wachsen. Je mehr jeder Beruf und Stand die ihm gesteckten gesetzlichen
Grenzen einhalten wird und die gegenseitigen Beziehungen aller Menschen
genauer bestimmt und normiert werden, um so deutlicher wird sich die
Notwendigkeit einer höchsten Obergewalt herausstellen, die die ganze
Macht der einzelnen Individuen in sich vereinigt und alle höchsten
Vorzüge und Tugenden, die den Menschen geradezu Gott ähnlich machen, in
Erscheinung treten läßt -- jene höchsten kollektiven Attribute und
Eigenschaften, die der einzelne Mensch nicht besitzen kann. Eine ganze
Million wie einen Menschen liebgewinnen -- das ist weit schwerer, als
nur wenige unter dieser Million lieben; die Leiden aller Menschen so
intensiv mitempfinden wie den Schmerz unseres liebsten Freundes und an
die Rettung aller Menschen bis auf den letzten denken, wie man wohl auf
die Rettung der eigenen Familie hofft, -- das kann nur _der_ in vollem
Maße, dem dies zum unerschütterlichen Gebot gemacht ward und der da
fühlt, daß er für die Verletzung dieses Gebotes vor Gott ebenso
furchtbare Rechenschaft wird ablegen müssen, wie jedes einzelne
Individuum für die Verletzung seiner Pflicht in seinem besonderen
Wirkungskreis Rechenschaft geben wird. Wenn diese höchste leitende
Obergewalt dahinfiele -- so würde der menschliche Geist verarmen. Diese
souveräne Herrschergewalt des Monarchen wird heute nur deshalb
angezweifelt, weil ihre ganze Bedeutung weder den Herrschern noch den
Untertanen aufgegangen ist. Die monarchische Gewalt -- ist eine Torheit,
wenn der Monarch nicht fühlt, daß er das Abbild Gottes auf Erden sein
soll. Selbst wenn er noch so sehr das Gute will, wird er sich in seinen
Handlungen nicht mehr zurechtfinden können, besonders bei der
gegenwärtigen Ordnung der Dinge in Europa; sowie er jedoch zur
Erkenntnis kommt, daß er die Aufgabe hat, den Menschen ein Abbild Gottes
zu sein, wird für ihn alles klar und deutlich werden und wird auch
Klarheit in sein Verhältnis zu seinen Untertanen kommen. Dann wird er
sich nicht mehr einen Napoleon, einen Friedrich, einen Peter, eine
Katharina oder einen Ludwig zum Muster nehmen, wie überhaupt keinen von
den Fürsten, denen die Welt den Namen des Großen beilegt, und deren
Bestimmung es war, infolge der zeitlichen Verhältnisse und Umstände
außer der königlichen Würde auch noch die Rolle eines Feldherrn,
Neugestalters oder Reformators auf sich zu nehmen, kurz nur eine
einzelne Seite glanzvoll in sich zu verkörpern, was die unbedeutenderen
Nachahmer irreleitet und so viele Fürsten in Versuchung führt. Er wird
sich vielmehr die Handlungen Gottes selbst zum Vorbild nehmen, die aus
der Geschichte der Menschheit so vernehmbar zu uns reden und die noch
deutlicher in der Geschichte _des_ Volkes in Erscheinung treten, das
Gott dazu auserwählt hatte, von Ihm Selbst regiert zu werden, um den
Königen zu zeigen, wie regiert werden muß. Und wie wahrhaft göttlich hat
Er regiert! Wie verstand Er es, Sein Volk mehr denn alle anderen Völker
zu lieben! Mit welch väterlicher Liebe lehrte und unterwies Er es und
mit welch himmlischer Geduld wartete Er auf seine Wandlung und
Besserung. Wie ungern erhob Er Seine strafende Geißel wider Sein Volk!
Wie beeilte Er Sich Selbst _dann_ noch nicht, als die Gottlosigkeit und
die Sünden des Volkes zum Himmel schrien, es zu strafen, sondern sprach:
>Ich will Selbst zur Erde hinabsteigen und zusehen, ob das Unrecht und
die Sündhaftigkeit wirklich so groß sind!< Und wer war es, der so
sprach? Der Allwissende, für alles Sorgende, der die Könige dieser Erde
zur Vorsicht und Behutsamkeit mahnt! Wie Er ja auch Seine Strafen nicht
deshalb verhängte, um den Menschen zu vernichten, den zu vernichten ja
gar nicht schwer ist, sondern um ihn zu erretten, weil es _sehr_ schwer
ist, ihn zu erretten, und um seine gefühllose Natur durch eine starke
Erschütterung und ein Weckmittel aufzurütteln, ihm die ganzen Schrecken
des Zieles, dem er in seiner Unwissenheit zustrebt, vor Augen zu führen
und ihn dadurch zu mahnen, daß es noch Zeit wäre, an seine Rettung zu
denken! Wie Er ja auch, da Er die unbestechliche sieghafte Macht Seiner
unüberwindlichen Wahrheit und Gerechtigkeit kannte, alles tat, auf daß
der schwache und ohnmächtige Mensch ihr nicht unterliege: sandte Er ihm
doch Seine Propheten, daß sie erfüllt von Liebe zu ihren Brüdern und,
nachdem sie eine Sprache gefunden, die den Menschen verständlich war,
sie zur Besinnung brächten; Er, der sich entschloß, da Er endlich sah,
daß alles vergeblich war, daß nichts sie zur Vernunft bringen könne und
daß es kein Mittel gäbe, die Menschen Seiner unabwendlichen
Gerechtigkeit zu entziehen, Sich Selbst für alle zum Opfer zu bringen,
um den Preis eines solchen Opfers noch Seine Gerechtigkeit zu besiegen
und den Menschen zu beweisen, daß eine solche Liebe höher ist, denn
alles, was es gibt, daß sie an sich selbst die höchste himmlische
Gerechtigkeit ist! Alles ward von Gott gesagt für den, der vor den
Menschen in sich selbst Sein Abbild zur Darstellung bringen will, hat Er
ihn doch gelehrt, wie er handeln soll. Um aber die Könige zu
unterweisen, wie sie sich gegen Ihn Selbst, den Schöpfer alles
Sichtbaren und Unsichtbaren, verhalten sollen, schenkte Er ihnen die
Vorbilder der von Ihm Selbst gesalbten Könige David und Salomo, die mit
ihrem ganzen Sein in Gott lebten, wie in ihrem eigenen Hause und die in
ihrem Königstume das weise Zusammenwirken zweier Mächte -- der
geistlichen und weltlichen -- verkörperten, und zwar in der Weise, daß
nicht bloß keine von beiden die andere störte und hemmte, sondern daß
sie sich gegenseitig noch stärkten und befestigten. So enthält das
heilige Buch Gottes eine vollkommene Definition des Monarchen, dieses
völlig von uns isolierten Wesens, dem auf Erden eine so schwere Aufgabe
zuteil ward: nachdem er alles vollbracht, was jedes Menschen Aufgabe
ist, und Christus in seinem ganzen Tun und Handeln bis in die kleinsten
Einzelheiten seines Alltagslebens gleichgeworden ist, zu alledem auch
noch in den erhabensten Äußerungen seiner Tätigkeit gegenüber allen
Menschen Gott Vater gleich zu werden. In diesem Buche ist eine
vollkommene Definition des Monarchen enthalten, die man nirgends sonst
findet. Auf diese Definition ist noch keiner der europäischen
Rechtsgelehrten gekommen, bei uns aber haben die Dichter etwas von ihr
geahnt und vernommen, daher nehmen ihre Töne auch einen biblischen
Charakter an.«
Der ursprüngliche Text der Aufsätze und Privatbriefe Gogols an seine
Freunde, die in dem »Briefwechsel« Aufnahme fanden und erst nach einer
durchgreifenden Reinigung und Umarbeitung zur Veröffentlichung an
Pletnjew gesandt wurden, stammt aus den verschiedensten Zeiten der
Periode von 1843-1846, und zwar ist die Zahl der Stücke um so geringer,
je mehr wir uns der ersten Hälfte des Jahres 1843 nähern. Von den
Briefen dieser Epoche hat Gogol nur sehr wenige der Aufnahme in die
Ausgewählten Stellen aus seinem Briefwechsel für würdig erachtet. Aus
dem Jahre 1843 stammen die ersten Entwürfe folgender Artikel:
1) _Über den öffentlichen Vortrag russischer Dichtungen_ (Band VII, Nr.
5, Seite 43) und
2) _Die drei ersten Briefe über die Toten Seelen_ (Band VII, Nr. 18,
Seite 175).
Aus dem Jahre 1844 stammen folgende Aufsätze und Briefe:
1) _Diskussionen._ Aus einem Briefe an L***. (Band VII, Nr. 11, Seite
111.)
2) _Liebt unser russisches Vaterland._ Aus einem Briefe an den Grafen A.
T. (Band VII, Nr. 19, Seite 203.) Dieses Stück stammt aus der zweiten
Hälfte des Jahres 1844.
3) _Etwas über die Bedeutung des Worts._ (Band VII, Nr. 4, Seite 35.)
Diese Betrachtung ist wahrscheinlich Ende Oktober des Jahres 1844
niedergeschrieben.
4) _Wie man den Armen helfen soll._ Aus einem Briefe an A. O.
Sm--rn--wa. (Band VII, Nr. 6, Seite 49.) Ist gegen Ende des Jahres 1844
niedergeschrieben.
5) _Über die Aufgaben der lyrischen Dichtung unserer Zeit._ Zwei Briefe
an N. M. Jasykow. (Band VII, Nr. 15, Seite 151.) Der erste Brief ist vom
2. Dezember, der zweite vom 26. Dezember 1844 datiert.