II.
Aus einem Briefe Gogols an N. I. Prokopowitsch
Frankfurt, den 20. Juni (1847).
Du wunderst dich, daß ich so begierig bin, zu hören, was man über mein
Buch spricht. Das kommt daher, weil ich sehr begierig bin, die Menschen
kennen zu lernen, und aus den Urteilen über mein Buch gewinne ich doch
etwas wie eine Vorstellung von den Menschen mit all ihrem Wissen und
ihrer Unwissenheit; was jedoch viel wichtiger ist, dadurch gewinne ich
einen Einblick in ihre Seelenverfassung, die für mich noch weit
bedeutsamer ist, als ihre äußere Charakteristik, und die ich, wie du
selbst zugeben wirst, ohne mein Buch nie hätte kennen lernen können.
Übrigens, da wir gerade darüber reden: Vor einigen Tagen las ich
_Bjelinskis_ Kritik im zweiten Heft des »Zeitgenossen« (Sowremennik). Er
scheint zu glauben, daß das ganze Buch auf ihn gemünzt ist, und hat aus
ihm einen offenen Angriff gegen alle, die seine Ansicht teilen,
herausgelesen. Das ist ganz falsch; in meinem Buche sind, wie du siehst,
Angriffe gegen alle und gegen alles enthalten, was sich ins Maßlose
verliert. Wahrscheinlich hat er die »Leithämmel«[6] auf sich bezogen,
und doch galt diese Bemerkung bloß den Journalisten im allgemeinen.
Diese Gereiztheit hat mich sehr betrübt, nicht wegen der harten Worte,
die ich angeblich nicht zu ertragen vermag -- du weißt doch, daß ich die
härtesten Worte vertragen kann --, sondern weil dieser Mensch doch
immerhin während zehn Jahren, trotz aller Übertreibungen und
Maßlosigkeiten, mit Teilnahme und Sympathie von mir gesprochen und dabei
doch auch in ganz richtiger Weise auf viele Züge in meinen Werken
aufmerksam gemacht hat, die die anderen nicht bemerkt haben, obwohl sie
glaubten, ein viel besseres Verständnis für diese Dinge zu besitzen als
er. Ich müßte undankbar gegen diese Menschen sein, wo ich es doch
verstehe, selbst denen gerecht zu werden, die nichts als Mängel und
Fehler in mir entdecken und nur auf diese hinweisen! Aber gerade das
Gegenteil trifft zu: in diesem Falle habe ich mich nur getäuscht; ich
hielt Bjelinski für größer und glaubte nicht, daß er solch einer
kurzsichtigen Ansicht und solch kleinlicher Folgerungen fähig sei. Ich
weiß nicht, warum es einem so schwer wird, den Vorwurf der Undankbarkeit
zu ertragen, aber für mich war dieser Vorwurf schwerer als alle anderen
Vorwürfe, weil meine Seele tatsächlich sehr zur Dankbarkeit neigt, und
ich bin gerne dankbar, weil mir das selbst Genuß bereitet. Bitte sprich
hierüber mit Bjelinski und schreibe mir, welches seine Stimmung gegen
mich ist. Wenn ihm die Galle überläuft und er eine Wut gegen mich hat,
so mag er sie im »Zeitgenossen« (Sowremennik) an mir auslassen und zwar
in jeder Form, die ihm recht ist, nur soll er sie nicht wider mich in
seinem Herzen hegen[7]. Wenn sich jedoch sein Unmut gelegt haben sollte,
so gib ihm den beifolgenden Brief zu lesen, den du gleichfalls lesen
darfst.
[Fußnote 6: Vergl. Band 7: Von der Odyssee.]
[Fußnote 7: Hierauf erwiderte Prokopowitsch: »Mir scheint, du bist sehr
im Irrtum, wenn du glaubst, daß Bjelinski seinen Aufsatz geschrieben
hat, weil er deine Ausfälle gegen die Journalisten im allgemeinen auf
sich bezogen hat. Ich kenne Bjelinski schon lange und kann nicht anders,
als fest davon überzeugt sein, daß er nie eine Zeile geschrieben hat, um
sich für eine persönliche Kränkung zu rächen.«]
Aus alledem ersehe ich, daß ich genötigt sein werde, einige Erklärungen
über mein Buch abzugeben, weil nicht nur Bjelinski, sondern selbst
solche Leute, die mich und meine Persönlichkeit doch weit besser kennen
könnten als er, so seltsame Schlüsse aus meinem Werke ziehen, daß man
einfach starr ist. Offenbar enthält es weit mehr Dunkelheiten und
Unklarheiten, als ich selbst darin finde ...
III.
Bjelinskis Brief an Gogol
Sie haben nur teilweise recht, wenn Sie glauben, den Zorn eines
_verärgerten_ Menschen aus meinem Aufsatz herauslesen zu können. Dieses
Epitheton ist viel zu schwach und matt, um die Stimmung zu
charakterisieren, in die mich die Lektüre Ihres Briefes versetzt hat.
Aber Sie haben vollkommen unrecht, wenn Sie dies auf Ihr tatsächlich
nicht sehr schmeichelhaftes Urteil über die Verehrer Ihres Talentes
zurückführen. Nein, das hat einen anderen, weit gewichtigeren Grund.
Eine Kränkung, eine Verletzung unseres Selbstgefühls läßt sich noch
ertragen, und ich wäre vernünftig genug gewesen, über diesen Gegenstand
zu schweigen, wenn es sich bloß darum gehandelt hätte; was der Mensch
jedoch nicht ertragen kann, ist eine Verletzung seines Wahrheitsgefühls,
seiner Menschenwürde: man kann nicht mehr schweigen, wenn man unter dem
Deckmantel der Religion und einer Apologie der Knute Lüge und
Unsittlichkeit für Wahrheit und Tugend ausgibt.
Ja, ich habe Sie geliebt, ich habe Sie mit der ganzen Leidenschaft
geliebt, mit der ein Mensch -- den die Bande des Blutes mit seinem
Vaterlande verknüpfen, dessen Hoffnung, dessen Ehre und Ruhm -- einen
seiner großen Führer auf dem Wege zum Selbstbewußtsein, zum Fortschritt
und zur Entwicklung lieben kann. Und Sie hatten begründeten Anlaß, einen
Augenblick Ihre Seelenruhe zu verlieren, als Sie das Recht auf eine
solche Liebe einbüßten. Ich sage dies nicht deshalb, weil ich glaube,
meine Liebe sei ein würdiger Lohn für ein großes Talent, sondern
deshalb, weil ich in dieser Beziehung nicht nur eine einzige, sondern
viele Personen darstelle, deren Mehrzahl weder Sie noch ich je gesehen
und die Sie ihrerseits auch noch niemals kennen gelernt haben. Ich bin
nicht imstande, Ihnen auch nur einen schwachen Begriff von der Empörung
zu geben, die Ihr Buch in allen edlen Herzen hervorgerufen hat, noch von
dem wilden Freudengeheul, in das alle Ihre Feinde und alle die
unliterarischen Tschitschikows, Nosdrjows, Polizeimeister so gut wie
alle literarischen, deren Namen Ihnen wohlbekannt sind, ausgebrochen
sind. Sie sehen selbst, daß sogar Menschen von derselben Geistesrichtung
wie die, die in Ihrem Buche vertreten wird, Ihr Werk fallen lassen.
Selbst wenn es das Produkt einer tiefen, aufrichtigen Überzeugung wäre,
selbst dann müßte es denselben Eindruck auf das Publikum machen. Und
wenn alle (mit Ausnahme weniger Menschen, die man gesehen haben und die
man kennen muß, um sich nicht über ihren Beifall zu freuen) das Buch für
einen schlauen, aber gar zu ungenierten Trick hielten, um auf dem Umwege
über den Himmel einem höchst irdischen Ziel nachzujagen, -- so sind Sie
allein schuld daran. Und das ist durchaus nicht verwunderlich,
erstaunlich ist nur das, daß Sie sich darüber wundern. Ich glaube, das
käme daher, weil Sie Rußland _nur als Künstler_ so tief und gründlich
kennen, nicht aber auch als denkender Mensch, dessen Rolle Sie in Ihrem
phantastischen Buche mit so wenig Glück auf sich genommen haben. Und das
nicht etwa deswegen, weil Sie kein denkender Mensch sind, sondern
deshalb, weil Sie sich schon seit vielen Jahren daran gewöhnt haben,
Rußland aus einer gewissen lockenden Ferne anzusehen, es ist doch
bekannt, daß nichts leichter ist, als die Dinge aus der Ferne genau so
zu sehen, wie man sie gerne sehen möchte; denn Sie leben ja auch in
dieser _schönen Ferne_ ganz für sich und in sich selbst, bleiben ihr
selbst fremd und bewegen sich in dem einförmigen Kreise gleichgestimmter
oder doch solcher Menschen, die nicht kräftig genug sind, sich Ihrem
Einfluß zu widersetzen. Daher haben Sie auch nicht bemerkt, daß Rußlands
Heil nicht im Mystizismus und Asketismus, ebensowenig wie im Pietismus,
sondern vielmehr in dem Fortschritt der Zivilisation, der Aufklärung und
der Humanität liegt. Was es braucht, sind nicht Predigten (die hat es
genug gehört!) und nicht Gebete (die hat es genug gestammelt!), was es
braucht, ist, daß das Volk zum Gefühl seiner Menschenwürde erweckt wird,
ein Gefühl, das ihm für Jahrhunderte durch den Schmutz und die
Unsauberkeit, in denen es lebte, verloren gegangen war; was es braucht,
sind Rechte und Gesetze, nicht wie sie den Lehren der Kirche, sondern
wie sie der gesunden Vernunft und der Gerechtigkeit entsprechen, und
eine möglichst strenge und pünktliche Erfüllung dieser Gesetze. Statt
dessen aber bietet Rußland das furchtbare Bild eines Landes dar, in dem
Menschen mit Menschen handeln, ohne sich auch nur damit rechtfertigen zu
können, womit sich die schlauen amerikanischen Pflanzer entschuldigen,
die da behaupten, der Neger sei kein Mensch; das Bild eines Landes, in
dem sich die Menschen nicht beim Namen nennen, sondern sich mit plumpen
Kosenamen und Diminutiven wie Wanjka, Waßjka, Stjoschka, Palaschka
titulieren; eines Landes endlich, in dem es keinerlei Garantien für die
Integrität der Persönlichkeit, die Ehre und das Eigentum, ja nicht
einmal eine polizeiliche Ordnung, sondern nur gewaltige Korporationen
aller möglicher Diebe und Räuber in Ämtern und Würden gibt! Die
aktuellsten nationalen Fragen, die das Rußland von heute bewegen, sind
folgende: die Aufhebung der Leibeigenschaft, die Abschaffung der
Prügelstrafe und die Sorge für eine möglichst strenge Durchführung zum
mindesten _der_ Gesetze, die es heute schon gibt. Das fühlt sogar die
Regierung selbst (die sehr gut weiß, wie die Gutsbesitzer ihre Bauern
behandeln, und wie viele von den ersten alljährlich durch die Hand der
letzten umkommen), was durch die schwächlichen, fruchtlosen und halben
Regierungsmaßnahmen zugunsten der weißen Neger und durch die komische
Einführung der einschwänzigen Knute an Stelle der dreischwänzigen
Peitsche dokumentiert wird.
Das sind die Fragen, die ganz Rußland während seines apathischen
Schlummers bewegen und beunruhigen! Und in einer solchen Zeit tritt ein
großer Schriftsteller, der durch seine wunderbaren, künstlerischen, von
tiefer Wahrheit durchdrungenen Werke so machtvoll an der Erweckung
Rußlands zum Selbstbewußtsein mitgearbeitet und ihm die Möglichkeit
gegeben hat, sich selbst wie in einem Spiegel zu sehen, mit einem Buche
auf, in dem er barbarische Gutsbesitzer im Namen Christi und der Kirche
unterweist, wie sie ihren Bauern möglichst viel Geld abnehmen können,
und sie belehrt, daß sie sie möglichst viel schimpfen sollen ... Und das
sollte mich nicht empören? Ja, wenn Sie einen Angriff auf mein Leben
unternommen hätten, könnte ich Sie nicht mehr hassen, wie um dieser
schmachvollen Zeilen willen ... Und danach wollen Sie, daß man an die
Aufrichtigkeit, an die gute Absicht Ihres Buches glauben soll! Nein!
Wenn Sie von der wahren Lehre Christi und nicht von einer falschen
teuflischen Lehre erfüllt wären, so hätten Sie in Ihrem neuesten Buche
etwas ganz anderes geschrieben. Sie hätten zum Gutsbesitzer gesagt: Da
seine Bauern seine Brüder in Christus seien, und da ein Bruder nicht der
Sklave seines Bruders sein kann, so seien die Gutsherren verpflichtet,
ihren Bauern die Freiheit zu schenken oder wenigstens ihre Arbeitskraft
möglichst im eigenen Interesse ihrer Bauern zu gebrauchen, da sich die
Herren in ihrem Inneren und vor ihrem Gewissen eingestehen müßten, wie
unwahrhaftig das zwischen ihnen und ihren Bauern bestehende Verhältnis
sei.
Und dann der Ausdruck: »_O du ungewaschenes Maul!_« Welchem Nosdrjow,
welchem Sabakewitsch haben Sie diesen Ausdruck abgelauscht, um ihn der
Welt als eine große Entdeckung zum Nutz und zur Belehrung der Bauern zu
überliefern, die sich ja auch ohnedies nur darum nicht waschen, weil sie
ihren Brüdern glauben und sich selbst nicht für Menschen halten? Und
Ihren Begriff von der nationalen russischen Rechtspflege, deren Ideal
Sie in der törichten Redensart erblicken, daß man sowohl den, der recht,
wie den, der unrecht hat, auspeitschen solle? Aber das geschieht ja auch
ohnedies oft genug bei uns, obwohl man freilich weit häufiger den
prügelt, der im Recht ist, wenn er sich durch nichts von der Strafe
loszukaufen vermag; sagt doch ein anderes Sprichwort in solch einem
Falle: Schuldig ohne Schuld! Und solch ein Buch konnte das Ergebnis
eines mühsamen und schwierigen inneren Prozesses, einer erhabenen
geistigen Erleuchtung sein! Das ist unmöglich! Entweder Sie sind krank
... dann müssen Sie sich eiligst in Behandlung begeben, oder ... ich
wage es nicht, meinen Gedanken auszusprechen ... Apologet der Knute,
Apostel der Unwissenheit, Vorkämpfer des Obskurantismus und der
finstersten Reaktion, Verherrlicher tatarischer Sitten -- was tuen Sie!
Blicken Sie vor sich hin -- Sie stehen vor einem Abgrund. Daß Sie für
diese Lehre eine Stütze in der apostolischen Kirche suchen, das verstehe
ich noch: sie war ja doch stets die Stütze der Knute und die Bediente
des Despotismus: warum aber ziehen Sie Christus in diese Sache hinein?
Was haben Sie Gemeinsames zwischen ihm und der Kirche, vor allem aber
der griechisch-katholischen Kirche entdeckt? War er es doch, der den
Menschen zuerst die Lehre von der Freiheit, Gleichheit und
Brüderlichkeit verkündete und der die Wahrheit seiner Lehre durch sein
Martyrium bekräftigte und besiegelte. In dieser Lehre lag ja auch nur so
lange das _Heil_ der Menschen, als diese sich nicht zu einer Kirche
zusammenschlossen und das Prinzip der Orthodoxie zu ihrer Grundlage
machten. Die Kirche aber erschuf eine Hierarchie und wurde demgemäß eine
Vorkämpferin der Ungleichheit, die den Machthabern schmeichelte, eine
Feindin und Verfolgerin der Brüderlichkeit unter den Menschen -- und das
ist sie bis auf die heutige Zeit geblieben. Indessen, der Sinn der Lehre
Christi ist durch die philosophische Bewegung des verflossenen
Jahrhunderts an den Tag gebracht worden. Und daher ist ein Voltaire, der
in Europa mit dem Hauch seines Spottes alle Scheiterhaufen, die
Fanatismus und Unwissenheit errichteten, auslöschte, natürlich in weit
höherem Sinn ein Sohn Christi, Fleisch von Seinem Fleisch und Bein von
Seinem Bein, als alle Ihre Popen, Erzpriester, Metropoliten und
Patriarchen zusammen! Sollten Sie das wirklich nicht wissen? Das weiß
doch heute bereits jeder Gymnasiast! ... Sollte es daher wirklich
möglich sein, daß Sie, der Verfasser des »Revisors« und der »Toten
Seelen«, aufrichtigen Herzens einen Hymnus auf die niederträchtige
russische Geistlichkeit singen und sie so unendlich hoch über die
katholische stellen konnten? Nehmen wir einmal an, Sie wußten nicht, daß
diese Kirche einmal etwas bedeutet hat, während die erste nie etwas war,
als die Bediente und Sklavin der weltlichen Macht; -- wie --? sollten
Sie denn wirklich nicht wissen, daß unsere Geistlichkeit vom ganzen
russischen Volke und der russischen Gesellschaft verachtet wird? Von wem
erzählt das russische Volk obszöne Anekdoten? Vom Popen, von der
Popenfrau, von der Popentochter und vom Knecht des Popen. Ist nicht in
Rußland der Pope für jeden Russen der Inbegriff der Gefräßigkeit, des
Geizes, der Speichelleckerei, der Schamlosigkeit? Und das sollten Sie
alles nicht wissen? Seltsam! Nach Ihrer Meinung ist das russische Volk
das religiöseste Volk der Welt. Das ist eine Lüge. Die Grundlage der
Religiosität ist der Pietismus, die Ehrfurcht und die Gottesfurcht. Der
Russe dagegen kratzt sich den ... wenn er den Namen Gottes ausspricht
... Und von den Heiligenbildern sagt er: sind sie gut -- so betet man zu
ihnen; sind sie nicht mehr zu brauchen -- so deckt man die Töpfe mit
ihnen zu.
Blicken Sie aufmerksamer hin und Sie werden sich überzeugen, daß dies
ein seinem innersten Wesen nach von Grund aus atheistisches Volk ist. Es
besitzt noch sehr viel Aberglauben, aber keine Spur von Religiosität.
Der Aberglaube verschwindet mit dem Fortschritt der Zivilisation, die
Religiosität aber erhält sich daneben und verträgt sich häufig mit ihm:
ein lebendiges Beispiel dafür ist Frankreich, wo es auch heute noch
unter den aufgeklärten und gebildeten Leuten viele aufrichtige
Katholiken gibt und wo viele zwar das Christentum aufgegeben haben,
dennoch aber noch an einem Gott festhalten. Nicht so das russische Volk:
mystische Exaltationen liegen nicht in seiner Natur; dazu besitzt es
viel zu viel gesunde Menschenvernunft, Klarheit und positiven Verstand,
und darin liegt vielleicht gerade die Gewähr für die Größe seiner
künftigen historischen Schicksale. Die Religiosität hat nicht einmal in
der Geistlichkeit Wurzel geschlagen, denn die wenigen eximierten
Persönlichkeiten, die sich durch eine solche kalte asketische
kontemplative Geisteshaltung auszeichneten, beweisen noch nichts. Die
Mehrzahl unserer Geistlichen dagegen sind nur durch dicke Bäuche,
scholastische Pedanterie und rohe Unwissenheit ausgezeichnet. Man würde
ihnen unrecht tun, wenn man ihnen religiöse Intoleranz und Fanatismus
vorwerfen wollte, man hätte eher noch Grund, ihren vorbildlichen
Indifferentismus in Sachen des Glaubens zu loben. Echte Religiosität
findet sich bei uns nur bei den Sektierern und Ketzern, die in einem
solchen Gegensatz zu dem Volksgeist stehen und deren Anzahl im Vergleich
zu der Masse des Volkes gar nicht ins Gewicht fällt.
Ich will nicht näher auf Ihren Dithyrambus auf das Band der Liebe
eingehen, das das russische Volk mit seinem Herrscher verknüpft. Ich
will es ohne Umschweife aussprechen: dieser Dithyrambus hat bei niemand
Sympathie gefunden und hat Ihnen selbst bei solchen Leuten geschadet,
die Ihnen in anderer Hinsicht, d. h. in ihren Anschauungen, sehr nahe
stehen. Was mich persönlich anbetrifft, so überlasse ich es Ihrem
Gewissen, ob Sie sich noch weiter verzückt in die Betrachtung der
göttlichen Schönheit des Selbstherrschertums versenken wollen (das ist
sehr bequem und daher sehr -- einträglich), nur bitte ich Sie, seien Sie
vernünftig und betrachten Sie es aus Ihrer _schönen Ferne_; aus der Nähe
gesehen ist es viel weniger schön und auch nicht so ungefährlich. -- Ich
will hier nur eins bemerken: wenn ein Europäer, besonders ein Katholik,
von dem religiösen Geist ergriffen wird, wird er zum Ankläger, der sich
gegen das Unrecht und die Ungerechtigkeit der Machthaber wendet, wie die
jüdischen Propheten, die die Ungerechtigkeiten und Missetaten der
Mächtigen an den Pranger stellten. Bei uns dagegen ist es umgekehrt:
wenn ein Mensch (selbst ein anständiger) von der Krankheit, die bei den
Psychiatern unter dem Namen _religiosa mania_ bekannt ist, ergriffen
wird, dann fängt er sofort an, dem irdischen Gotte mehr Weihrauch zu
spenden als dem himmlischen; dabei aber übertreibt er gleich und wird so
maßlos, daß der Gott, selbst wenn er ihn für seinen sklavischen
Diensteifer belohnen wollte, sieht, daß er sich damit vor der
Gesellschaft kompromittieren würde. -- Wir sind halt dumme Kerle --, wir
Russen.
Hierbei fällt mir noch ein, daß Sie in Ihrem Buche behaupten und es als
eine große Wahrheit hinstellen, daß Lesen und Schreiben dem einfachen
Volke nicht nur nicht nützen, sondern sogar geradezu schaden würde. Was
soll ich Ihnen darauf sagen?
Möge Ihnen Ihr byzantinischer Gott diesen byzantinischen Gedanken
verzeihen, wenn Sie nicht gewußt haben sollten, was Sie sagten, indem
Sie ihn niederschrieben. -- Aber vielleicht werden Sie entgegnen: »Es
ist möglich, daß ich mich geirrt habe und daß alle meine Gedanken falsch
sind, warum aber will man mir das Recht nehmen, mich zu irren, und warum
will man nicht an die Aufrichtigkeit meiner Irrtümer glauben?« Darauf
antworte ich Ihnen folgendes: weil eine solche Anschauung in Rußland
schon lange nichts Neues mehr ist. Erst vor kurzem ist sie von
Buratschok und Genossen in erschöpfender Weise vertreten worden.
Natürlich steckt in Ihrem Buche weit mehr Verstand und sogar Talent, als
in ihren Werken, obwohl es nicht allzu reich an beiden ist, dafür aber
haben jene die Ihnen gemeinsame Lehre mit viel größerer Energie und mit
weit größerer Konsequenz vertreten, sie sind kühn bis zu ihren letzten
Ergebnissen vorgedrungen, haben alles dem byzantinischen Gotte geopfert
und nichts für den Satan übriggelassen, während Sie jedem von beiden
eine Kerze stiften wollten, sich hierdurch in Widersprüche verwickelten
und für Puschkin, die Literatur und das Theater eintraten, die von Ihrem
Standpunkt aus, wenn Sie nur ehrlich genug gewesen wären, um konsequent
zu sein, nichts zum Heil unserer Seele, wohl aber sehr viel zu ihrem
Verderben beitragen können ... Wessen Hirn aber hätte den Gedanken von
der Identität Gogols und Buratschoks ertragen können? Sie haben sich
einen viel zu hohen Platz in der Meinung des russischen Publikums
erobert, als daß es Ihnen die Aufrichtigkeit solcher Überzeugungen zu
glauben vermöchte. Was uns bei einem Toren natürlich vorkommt, kann uns
bei einem genialen Mann nicht so erscheinen. Es gibt Menschen, die auf
den Gedanken gekommen sind, Ihr Buch sei die Frucht einer geistigen
Störung, die ganz positiv an Wahnsinn grenzt. Aber sie haben diese
Folgerung bald wieder fallen gelassen -- denn es ist doch ganz klar, daß
dies Buch nicht an einem Tag, auch nicht in einer Woche oder in einem
Monat, sondern vielleicht während eines ganzen Jahres geschrieben wurde,
oder daß Sie gar zwei oder drei Jahre lang daran gearbeitet haben; alles
darin hängt sehr genau zusammen, selbst die nachlässige Darstellung läßt
erkennen, daß viel Überlegung darin steckt, daß es wohl durchdacht ist.
Ein Hymnus auf die höchsten Machthaber ist ja doch auch sehr geeignet,
dem frommen Autor eine angenehme und gesicherte irdische Existenz zu
verschaffen. Das war der Grund, weshalb sich in Petersburg das Gerücht
verbreitete, Sie hätten dieses Buch geschrieben, um Erzieher bei dem
Sohne des Thronfolgers zu werden. Schon früher ist in Petersburg einer
Ihrer Briefe an Uwarow bekanntgeworden, in dem Sie mit Schmerz davon
sprechen, daß man in Rußland Ihre Werke falsch auslegt, Ihre
Unzufriedenheit mit Ihren früheren Schriften äußern und erklären, Ihre
Werke würden Sie erst dann befriedigen, wenn Sie den Beifall des Zaren
fänden. Und nun urteilen Sie selbst, ob man sich wundern kann, daß Ihr
Buch Ihnen beim Publikum sowohl als Schriftsteller, noch viel mehr aber
als Mensch geschadet hat.
Sie verstehen, wie ich sehe, das russische Publikum nicht recht. Sein
Charakter wird durch die Situation bestimmt, in der sich die russische
Gesellschaft befindet. In ihr regen sich frische Kräfte, die nach außen
drängen, jedoch durch den schweren Druck, der auf ihr lastet, gehemmt
werden und, da sie keinen Ausweg finden, nichts wie Trübsinn,
Melancholie und Apathie erzeugen. Nur in der Literatur regt sich trotz
der tatarischen Zensur noch etwas wie Leben und Fortschritt. Daher ist
auch der Schriftstellerberuf bei uns etwas so Edles und Hohes, und daher
wird es bei uns selbst dem kleinsten Talent so leicht, einen
literarischen Erfolg zu erringen. Der Name des Poeten, der Titel des
Literaten haben bei uns schon längst den glänzenden Flitter der
Epauletten und der bunten Uniformen verdunkelt. Das ist auch der Grund,
weshalb bei uns jede sogenannte literarische Tendenz und Bewegung,
selbst bei einem geringen und dürftigen Talent, auf den Lohn der
allgemeinen Beachtung rechnen darf, und warum die Popularität der großen
Talente so schnell dahinsinkt, die ihre Kräfte aus ehrlicher Überzeugung
oder aus unehrlichen Motiven in den Dienst der Orthodoxie, des
Absolutismus und des Nationalismus stellen. Das treffendste Beispiel
hierfür ist Puschkin, der nur zwei oder drei untertänige Gedichte zu
schreiben und die Kammerjunkerlivree anzulegen brauchte, um mit einem
Schlage die Liebe seines Volkes zu verlieren! Sie sind in einem großen
Irrtum befangen, wenn Sie allen Ernstes glauben, daß der Mißerfolg Ihres
Buches nicht seiner schlimmen Tendenz, sondern der Härte der Wahrheiten
zuzuschreiben sei, die Sie allen und jedem ins Gesicht gesagt hätten.
Das konnten Sie vielleicht von den Literaten glauben, wie aber paßte das
Publikum in diese Kategorie? Wäre es wirklich möglich, daß Sie ihm im
»Revisor«, in den »Toten Seelen« mit geringerer Schärfe und weniger
Wahrheit und Talent weniger bittere Wahrheiten gesagt haben sollten? Die
alte Schule zürnte und grollte Ihnen ja auch tatsächlich bis zur
Raserei, aber der »Revisor« und die »Toten Seelen« sind darum doch nicht
vergessen, während Ihr Buch schmählich vom Orkus verschlungen wurde. Und
das Publikum hat in diesem Falle recht: es sieht in den russischen
Schriftstellern seine einzigen Führer, seine Beschützer und Erretter aus
dem russischen Absolutismus, der Orthodoxie und dem Nationalismus, daher
ist es stets bereit, einem Schriftsteller ein _schlechtes_ Buch zu
verzeihen, nie aber wird es ihm ein _schädliches_ Buch vergeben. Das
beweist, wieviel frische gesunde Instinkte, wenn auch erst keimhaft, in
unserer Gesellschaft schlummern, und es beweist auch, daß diese
Gesellschaft eine Zukunft hat. Wenn Sie Rußland lieben, so freuen Sie
sich über die Niederlage Ihres Buches.
Nicht ohne eine gewisse Eitelkeit darf ich Ihnen sagen, daß ich das
russische Publikum ein wenig zu kennen glaube. Ihr Buch hat mich
erschreckt, weil ich es für möglich hielt, daß es einen schlechten
Einfluß auf die Regierung und auf die Zensur ausüben, nicht aber, weil
ich daran glaubte, daß es das Publikum in schlechtem Sinne beeinflussen
könnte. Als sich in Petersburg das Gerücht verbreitete, die Regierung
wolle Ihr Buch in vielen tausend Exemplaren drucken und zu ganz billigem
Preise verkaufen lassen -- wurden meine Freunde mutlos; ich sagte ihnen
jedoch sogleich, daß das Buch trotz alledem keinen Erfolg haben und daß
es bald vergessen sein werde. Und so lebt es ja auch heute tatsächlich
mehr in den Aufsätzen, die über es geschrieben wurden, als durch sich
selbst in der Erinnerung des Publikums weiter. Ja, der Russe hat einen
tiefen, obwohl noch unentwickelten Wahrheitsinstinkt.
Ihr Appell mag ja vielleicht ganz aufrichtig gewesen sein, aber Ihr
Gedanke, dem Publikum davon Mitteilung zu machen, war äußerst
unglücklich. Die Zeiten naiver Frömmigkeit sind selbst für _unsere_
Gesellschaft längst vorüber. Sie begreift schon, daß es ganz gleich ist,
wo man betet, und daß nur solche Leute Christus in Jerusalem suchen, die
ihn entweder nie in ihrem Busen getragen oder die ihn doch wieder
verloren haben. Wer da fähig ist, beim Anblick fremder Leiden selbst zu
leiden, wem es schwer wird, mitanzusehen, wie Menschen, die ihm völlig
fremd sind, bedrückt werden, -- der trägt Christus in seiner Brust und
der braucht nicht zu Fuß nach Jerusalem zu pilgern. Die Demut und
Ergebung, die Sie predigen, ist nichts Neues und schmeckt erstlich nach
furchtbarer Überhebung und zweitens nach einer höchst schmachvollen
Herabsetzung der eigenen Menschenwürde. Der Gedanke, sich in ein
abstraktes Vollkommenheitsideal zu verwandeln und sich durch seine Demut
über alle anderen Menschen zu erheben, kann nur die Frucht des Hochmuts
oder des Schwachsinns sein und führt in beiden Fällen nur zur Heuchelei,
zum Pharisäertum und zum Chinesentum. Und dabei haben Sie sich erlaubt,
sich nicht nur in unsauberen und zynischen Ausdrücken über andere zu
äußern (das wäre schließlich nur eine Unhöflichkeit gewesen), nein, Sie
sprechen auch so von sich selbst -- und das ist einfach häßlich; denn
wenn ein Mensch, der seinen Nächsten auf die Backe schlägt, uns zur
Empörung reizt, so erregt ein Mensch, der sich selbst ohrfeigt, unsere
Verachtung. Nein, Ihr Geist ist verfinstert und nicht erleuchtet: Sie
haben weder den Geist, noch die Form des Christentums unserer Zeit
verstanden. Nicht die Wahrheit der christlichen Liebe, sondern
krankhaftes Todesgrauen und Furcht vor Hölle und Teufel spricht aus
Ihrem Buch.
Und welch eine Sprache, was für Sätze sind das: »Die Menschen sind heute
allzumal solch traurige jämmerliche Waschlappen geworden.« Glauben Sie
wirklich, daß das heißt, sich biblisch ausdrücken, wenn Sie sagen, die
Menschen sind allzumal, statt alle? Welch große Wahrheit ist es doch,
daß, wenn der Mensch sich gänzlich der Lüge hingibt, ihn auch Verstand
und Talent im Stich lassen. Wenn nicht Ihr Name unter dem Titel Ihres
Buches stünde, wer hätte gedacht, daß dieser geschwollene und wirre
Wort- und Phrasenflitter -- ein Werk des Verfassers der »Toten Seelen«
und des »Revisors« sein könnte!
Was endlich mich selbst anbetrifft, so erkläre ich Ihnen nochmals: Sie
haben sich geirrt, wenn Sie meinen Aufsatz für eine Frucht der
Verärgerung hielten, die durch Ihr Urteil über mich als einen Ihrer
Kritiker hervorgerufen sei. Wenn mich nur dies allein empört hätte, dann
hätte ich mich auch wirklich nur über dies eine empört und ärgerlich
geäußert und über das andere ganz ruhig und unvoreingenommen gesprochen.
Freilich ist es ganz richtig, daß Ihr Urteil über Ihre Verehrer in
doppelter Hinsicht sehr unschön war. Ich erkenne an, daß es notwendig
sein kann, einem Toren zuweilen einen kräftigen Schlag zu versetzen,
wenn er uns durch seine Lobeserhebungen und seine Begeisterung
lächerlich macht, aber auch das ist eine _bittere_ Notwendigkeit, denn
es ist nicht angenehm, nicht ganz menschlich, einem Menschen -- selbst
für seine falsche, auf einem Irrtum beruhende Liebe -- mit Haß und
Feindschaft zu zahlen. Sie aber hatten, wenn auch nicht gerade Menschen
von auserlesenen Verstandesfähigkeiten, zum mindesten solche, die auch
keine Toren sind, im Auge. Diese Leute haben voller Bewunderung über
Ihre Werke weit mehr Geschrei gemacht, als sie Vernünftiges über sie
gesagt haben, immerhin aber stammte ihr Enthusiasmus aus einer so reinen
und edlen Quelle, daß Sie sie keinesfalls ihrem gemeinsamen Feinde
bedingungslos hätten ausliefern und ihnen noch den Vorwurf machen
dürfen, sie strebten danach, Ihren Werken eine falsche Deutung zu geben.
Sie haben dies natürlich aus Unvorsichtigkeit getan und, weil Sie sich
von dem Grundgedanken Ihres Buches fortreißen ließen, während
Wjasemskij, dieser Fürst unter den Aristokraten und dieser Lakai unter
den Literaten, Ihren Gedanken weiter ausführte und eine private
Denunziation gegen Ihre Verehrer (also in erster Linie gegen mich)
veröffentlichte. Er hat dies wahrscheinlich aus Dankbarkeit gegen Sie
getan, weil Sie diesen erbärmlichen Reimschmied zu einem großen Dichter
gemacht haben, wahrscheinlich, und soviel ich mich erinnere, wegen
seines »matten an der Erde klebenden Verses«. Das alles ist nicht schön.
Daß Sie jedoch nur auf den Zeitpunkt gewartet haben, wo es Ihnen möglich
sein würde, auch den Verehrern Ihres Talents Gerechtigkeit widerfahren
zu lassen (nachdem Sie Ihren Feinden mit stolzer Bescheidenheit gerecht
geworden waren) -- das war mir unbekannt; ich konnte es nicht wissen und
hätte es, offen gestanden, auch nicht wissen wollen. Vor mir lag Ihr
Buch und nicht Ihre Absichten! Ich las es, las es hundertmal
nacheinander und konnte dennoch nichts darin finden als das, was darin
steht, und das, was darin stand, beleidigte und empörte meine Seele aufs
tiefste.
Wenn ich meinem Gefühl freien Lauf lassen wollte, würde sich dieser
Brief bald in ein dickes Heft verwandeln. Ich habe nie daran gedacht,
Ihnen hierüber zu schreiben, obwohl ich vom qualvollen Wunsche danach
verzehrt wurde, und obwohl Sie allen und jedem öffentlich das Recht
gegeben hatten, Ihnen ganz ungeniert zu schreiben, da Sie keine andere
Rücksicht kennten, als die der Wahrheit. In Rußland hätte ich das nicht
tun können, da die dortigen »Schpekins« fremde Briefe öffnen, und zwar
nicht zu ihrem persönlichen Vergnügen, sondern weil sie dienstlich dazu
verpflichtet sind und um andere Leute zu denunzieren. Im Sommer dieses
Jahres trieb mich eine beginnende Schwindsucht ins Ausland, und
Nekrassow sandte mir Ihren Brief nach Salzbrunn nach, von wo ich heute
in Gesellschaft Annenkows über Frankfurt am Main nach Paris weiterreise.
Der unerwartete Empfang Ihres Briefes gab mir die Möglichkeit, Ihnen
alles zu sagen, was mir auf der Seele lag und was ich gegen Sie und Ihr
Buch empfand. Ich kann keine Halbheiten sagen und keine Winkelzüge
machen, das liegt nicht in meiner Natur. Mögen Sie oder die Zeit mich
belehren, daß ich mich in meinen Schlüssen über Sie geirrt habe. Ich
würde der erste sein, der sich hierüber freuen würde, aber ich werde nie
bereuen, was ich Ihnen gesagt habe. Hier handelt es sich nicht um meine
oder Ihre Person, sondern um etwas weit Größeres und Höheres, als ich
und selbst Sie sind, hier handelt es sich um die Wahrheit, um die
russische Gesellschaft, um Rußland.
Und dies ist mein letztes Wort, mit dem ich schließe: wenn Sie den
unglücklichen Einfall hatten, Ihre wahrhaft großen Werke mit stolzer
Bescheidenheit zu verleugnen, so müssen Sie nun mit aufrichtiger Demut
Ihr letztes Buch abschwören und die schwere Schuld, die Sie durch seine
Veröffentlichung auf sich geladen haben, durch neue Schöpfungen wieder
gutmachen, die an Ihre früheren Werke erinnern.
Salzbrunn, den 15. Juli 1847.
IV.
Gogol an Bjelinski[8]
[Fußnote 8: Von diesem Brief ist nur das ursprüngliche Konzept
vorhanden. Es umfaßt zwei auf Briefpapier geschriebene Hefte in
Oktavformat. Beide Hefte wurden von Gogol in Stücke gerissen, so daß
jedem Heft ungefähr zehn Blätter entsprachen. Der russische Herausgeber
hat die einzelnen Stücke wieder aneinander gelegt und den ursprünglichen
Wortlaut nach Möglichkeit durch entsprechende Ergänzungen und
Einschaltungen wiederherzustellen gesucht. Die fehlenden Stellen sind
durch Punkte ersetzt.]
Womit sollte ich meine Antwort auf Ihr Schreiben beginnen, wenn nicht
mit Ihren eigenen Worten: »Kommen Sie zu sich, Sie stehen am Rande eines
Abgrundes!« Wie weit sind Sie vom geraden Weg abgekommen! In welch
verzerrter, entstellter Gestalt erscheinen Ihnen die Dinge! Welch rohe,
ungebildete Vorstellung haben Sie von meinem Buche gefaßt! Wie haben Sie
es ausgelegt! ... Oh, mögen die heiligen Mächte Frieden in Ihre leidende
Seele gießen! Wozu mußten Sie den einmal gewählten friedlichen Weg gegen
einen anderen vertauschen? Was konnte herrlicher sein, als die Leser auf
die Schönheiten in den Werken unserer Schriftsteller hinzuweisen, ihre
Seele und ihre Geisteskräfte bis zum Verständnis alles Schönen zu
erheben, die Schauer der in ihnen geweckten Sympathie zu genießen und so
unmerklich auf ihre Seele einzuwirken? Dieser Weg hätte Sie zur
Versöhnung mit dem Leben geführt, Sie gelehrt, alles in der Natur zu
segnen. Jetzt dagegen fließt Ihr Mund von Haß und Galle über ... Wozu
mußten Sie mit Ihrer feurigen Seele sich in diesen Strudel des
politischen Lebens, in diese trüben Tageskämpfe stürzen, bei denen
selbst ein vielseitiger Geist seine Festigkeit und Umsicht verlieren
muß. Wie sollten Sie mit Ihrem einseitigen Geist, der die Explosivkraft
des Pulvers hat und sich schon entzündet, noch ehe Sie sich davon
überzeugt haben, was Wahrheit und was Lüge ist, wie sollten Sie da nicht
die Orientierung verlieren? Sie werden verbrennen wie eine Kerze und
auch andere mit sich in den Flammentod reißen ... Oh, wie tut mir mein
Herz in diesem Augenblicke weh um Ihretwillen! Wie, wenn auch ich
mitschuldig wäre? Wie, wenn auch meine Werke an Ihren Verirrungen
teilhätten? Aber nein, wenn ich alle meine früheren Werke betrachte, so
sehe ich, daß _sie_ Sie nicht irreleiten konnten ... Als ich sie
schrieb, hatte ich Ehrfurcht vor allem, wovor sich der Mensch beugen
muß. Mein Spott und mein Haß galten nicht der Obrigkeit und nicht den
_höchsten_ Gesetzen unseres Staates, sondern ihrem Zerrbild, den
Abweichungen, ihrer falschen Auslegung und den verkehrten Anwendungen.
Nirgends habe ich über den Kern des russischen Charakters und die
gewaltigen Kräfte, die in ihm schlummern, gespottet. Ich habe nur über
das Kleinliche und Nichtige gespottet, das nicht zu seinen
Charakterzügen gehört. Mein Fehler bestand darin, daß ich den Russen
noch nicht deutlich genug charakterisiert, sein Wesen nicht völlig
entfaltet, daß ich die tiefen Quellen, die in seiner Seele verborgen
liegen, nicht aufgedeckt habe. Aber das ist keine leichte Sache. Wenn
ich den Russen auch gründlich erforscht habe und wenn mir auch eine
gewisse hellseherische Begabung dabei behilflich sein konnte, so war ich
doch nicht durch mich selbst geblendet, meine Augen waren klar. Ich sah,
daß ich noch nicht reif genug war, um den Kampf mit Ereignissen, die
bedeutsamer und von höherer Art waren, als die, die bis dahin in meinen
Werken vorkamen, und mit stärkeren Charakteren aufnehmen zu können.
Alles konnte übertrieben und gewaltsam erscheinen. Und so geschah es
auch mit diesem Buch, über das Sie so hergefallen sind. Sie haben es mit
glühenden Augen betrachtet, und alles darin ist Ihnen in ganz anderem
Lichte erschienen, als es in Wirklichkeit ist. Sie haben es nicht
verstanden. Ich will mein Buch nicht verteidigen. Ich selbst habe es
schlecht gemacht und mache es noch schlecht. Ich habe mich bei seiner
Veröffentlichung einer Hast und Übereilung schuldig gemacht, die sonst
nicht in meinem besonnenen und vorsichtigen Charakter liegt. Aber das
Motiv war ehrlich. Ich wollte niemand mit dem Buch schmeicheln oder
Weihrauch streuen. Ich wollte nur ein paar allzu stürmische Köpfe zur
Besonnenheit mahnen, die im Begriffe waren, sich zu verirren und in
diesen Strudel und diese Unordnung zu stürzen, in die plötzlich alle
Dinge dieser Welt gestürzt waren, zu einer Zeit, wo der Geist in unserem
Innern sich zu umnachten schien und gleichsam erlöschen wollte. Ich bin
in Übertreibungen verfallen, aber ich versichere es Ihnen, ich habe es
selbst nicht gemerkt. Eigennützige Ziele aber habe ich weder früher
gehabt, als mich die Lockungen der Welt anzogen, noch viel weniger aber
jetzt, wo es Zeit ist, daß ich an meinen Tod denke ... Ich wollte mir
nichts dadurch erbetteln. Das liegt nicht in meiner Art. Gottlob, ich
habe meine Armut liebgewonnen und würde sie niemals gegen jene Güter
eintauschen, die Ihnen so verlockend erscheinen. Sie hätten doch
mindestens daran denken sollen, daß ich keinen Winkel mein eigen nenne,
ja ich bin sogar darum bemüht, meinen kleinen Reisekoffer möglichst zu
erleichtern, damit mir der Abschied von der Welt nicht zu schwer wird.
Sie hätten sich also hüten sollen, solche beleidigende Verdächtigungen
gegen mich zu schleudern, die ich offen gestanden nicht einmal gegen den
gemeinsten Schuft zu erheben den Mut gehabt hätte ... Sie entschuldigen
sich damit, daß der Brief im Zustande heftiger Empörung geschrieben ist.
Aber in welch einer Stimmung wagen Sie es, so respektlos von den
wichtigsten Dingen zu reden?
Wie soll ich mich gegen Ihre Angriffe verteidigen, wenn Ihre Angriffe
ihr Ziel verfehlen? -- Nein, ein jeder von uns muß daran erinnert
werden, daß sein Beruf heilig ist. -- Er sollte daran denken, welch
strenge Rechenschaft von ihm gefordert werden wird ... Aber wenn der
Beruf eines jeden von uns heilig ist, so ist es vor allem das Amt
dessen, dem die schwere und furchtbare Pflicht zugefallen ist, für
Millionen zu sorgen. Ja wir müßten einander sogar an die Heiligkeit
unserer Pflichten mahnen. Ohne dies würde der Mensch in rein materiellen
Gefühlen versinken. -- Oder glauben Sie, das wisse kein Mensch in
Rußland? Sehen wir einmal genauer zu, woher das kommt. Rührt diese
Neigung zum Luxus und diese furchtbare Häufung der Laster nicht daher,
weil jeder sein _eigenes Steckenpferd_ hat? Der eine guckt nach England,
ein anderer nach Preußen, ein dritter nach Frankreich hinüber; der eine
schwört auf die einen Prinzipien, ein anderer auf andere; der eine kommt
uns mit dem einen Projekt, ein anderer mit einem anderen. Soviel Köpfe
soviel Sinne ... Und da sollte es bei einer solchen Uneinigkeit keine
Diebe und Gauner und kein Unrecht aller Art geben, wenn ein jeder sieht,
daß sich uns überall Hindernisse in den Weg stellen, wo ein jeder nur an
sich und daran denkt, wie er sich ein recht warmes Plätzchen verschaffen
könnte? ... Sie sagen, Rußlands Heil liege in der europäischen
_Zivilisation_; aber was ist das für ein unbestimmtes uferloses Wort?
Wenn Sie doch wenigstens klar definiert hätten, was man unter dem Namen
der europäischen Zivilisation verstehen soll! Dazu gehören sowohl die
Phalanstère, die Roten und alle möglichen Kategorien anderer Leute, die
allesamt bereit sind, einander aufzufressen, und die alle solch
umstürzlerische destruktive Prinzipien haben, daß in Europa jeder
denkende Kopf zittert und sich unwillkürlich fragt: wo ist denn nun
unsere Zivilisation? Ein leeres Phantom hat die Gestalt dieser
Zivilisation angenommen ...
Wo haben Sie ferner die Meinung hergenommen, daß ich einen Hymnus auf
unsere Geistlichkeit gedichtet habe? Ich habe gesagt, die Predigt des
Priesters der morgenländischen Kirche solle in seinem Leben und in
seinen Taten bestehen. Und woher kommt dieser Geist des Hasses bei
Ihnen? Ich habe sehr viel schlimme Pfarrer gekannt und kann Ihnen sehr
viele komische Anekdoten über sie erzählen, aber dafür bin ich auch
solchen Priestern begegnet, über deren heiligen Lebenswandel und über
deren hohe Taten ich staunen mußte, und ich sah, daß sie Produkte
unserer morgenländischen und nicht solche der abendländischen Kirche
waren. Es ist mir also gar nicht eingefallen, einen Hymnus auf unsere
Geistlichkeit zu singen, die unsere Kirche schändet, wohl aber auf die
Geistlichen, die dazu beitragen, sie zu erhöhen.
Wie merkwürdig ist doch meine Lage, daß ich mich gegen Angriffe
verteidigen muß, die sich alle gar nicht gegen mich und gegen mein Buch
richten! Sie sagen, Sie hätten mein Buch angeblich hundertmal gelesen,
während Ihre eigenen Worte davon zeugen, daß Sie es nicht ein einziges
Mal gelesen haben. Der Zorn hat Ihre Augen umnebelt und trägt die
Schuld, daß Sie nichts in seinem wahren Lichte gesehen haben. Hie und da
leuchtet ein Funke von Wahrheit inmitten eines ungeheuren Haufens von
Sophismen und unüberlegter jugendlicher schwärmerischer Verirrungen auf.
Aber welcher Mangel an Bildung! Wie kann man es wagen, bei so einem
geringen Fond von Kenntnissen von so großen Erscheinungen zu sprechen?
Sie scheiden die Kirche vom Christentum, dieselbe Kirche und dieselben
Priester, die durch ihren Märtyrertod die Wahrheit jedes Wortes, das aus
Christi Munde kam, besiegelt haben, von denen Tausende durch das Messer
und das Schwert des Mörders umkamen, für den sie beteten, bis sie
schließlich ihre Henker ermüdeten, so daß die Sieger den Besiegten zu
Füßen fielen und die ganze Welt sich zu ihrer Lehre bekannte. Und diese
selben Priester, diese Bischöfe und Märtyrer, die das Heiligtum der
Kirche auf ihren Schultern durch alle Fährnisse hindurchgetragen und
gerettet haben, wollen Sie von Christus scheiden, indem Sie sie falsche
Ausleger der Lehre Christi nennen! Wer kann denn dann heute Ihrer
Ansicht nach Christus besser und genauer auslegen? Etwa die heutigen
Kommunisten und Sozialisten, die da behaupten, Christus habe geboten,
den Menschen ihr Eigentum wegzunehmen und die auszuplündern, die sich
ein Vermögen erworben haben? Kommen Sie doch zur Besinnung -- wohin sind
Sie geraten? Sie erklären, daß Voltaire dem Christentum einen Dienst
geleistet habe, und sagen, das sei jedem Gymnasiasten bekannt. Als ich
noch auf dem Gymnasium war, habe ich selbst _damals_ nicht für Voltaire
geschwärmt. Ich war schon damals klug genug, um zu sehen, daß Voltaire
ein gewandter Witzling, aber keineswegs ein tiefer Mensch war. Für einen
Voltaire konnte weder ein Puschkin, noch ein Ssuworow schwärmen, wie
überhaupt kein mehr oder weniger umfassender Geist. Voltaire ist trotz
aller seiner glänzenden _Aperçus_ immer nur der Franzose geblieben, der
davon überzeugt ist, daß man lachend und scherzend von allen hohen
Gegenständen sprechen kann. Von ihm kann man sagen, was Puschkin von den
Franzosen im allgemeinen gesagt hat:
Der Franzos ist ein Kind,
Er stürzt geschwind
Einen Thron über Nacht,
Schafft Gesetz und Macht,
Ist schnell -- wie der Blitz
Und leer wie der Witz.
Er reizt und macht,
Daß man staunt und lacht
-- -- -- -- -- -- --
Man kann nicht auf Grund einer oberflächlichen journalistischen Bildung
über solche Gegenstände urteilen. Dazu muß man die Geschichte der Kirche
studiert haben. Dazu muß man die ganze Geschichte der Menschheit
verständnisvoll und mit Überlegung aus den Quellen selbst kennen lernen
und nicht etwa aus modernen oberflächlichen Broschüren, die Gott weiß
wer geschrieben hat. Dieses flache enzyklopädische Wissen zerstreut den
Geist nur und konzentriert ihn nicht.
Was soll ich Ihnen auf Ihre schroffen Bemerkungen über den russischen
Bauern sagen -- Bemerkungen, die Sie mit so viel Selbstvertrauen und
Sicherheit vorbringen, als ob Sie Gott weiß wie lange mit den Bauern zu
tun gehabt hätten? Was soll ich dazu sagen, wenn doch Tausende von
Kirchen und Klöstern, die das russische Land erfüllen und die nicht aus
den Mitteln, die von den Reichen gestiftet, sondern aus den armseligen
Groschen der Besitzlosen erbaut werden, eine so überzeugende Sprache
sprechen! ... Nein, ein Mensch, der sein Leben lang in Petersburg
zugebracht hat und es beständig mit leichten Zeitungsaufsätzen
französischer Romanschreiber zu tun hat, die sich so in ihre Ideen
verrannt haben, und der nicht merkt, in welcher verzerrten Form und wie
töricht das Leben bei ihnen dargestellt ist, nein, ein solcher Mensch
kann nicht über das Volk urteilen. Gestatten Sie mir auch zu bemerken,
daß ich mehr Recht habe, über das russische Volk zu sprechen, _als Sie_.
Alle meine Werke zeugen, nach der einstimmigen Überzeugung aller Leute,
von einer gründlichen Kenntnis des russischen Wesens; sie sind die
Schöpfungen eines Schriftstellers, der das Volk ernsthaft studiert und
beobachtet hat und vielleicht schon die Gabe besitzt, sich in seine
Lebensgewohnheiten hineinzuversetzen, was auch Sie in Ihren Kritiken
zugestanden haben. Was aber wollen _Sie_ zum Beweise Ihrer Kenntnis des
russischen Wesens anführen? Was haben Sie geschrieben, woraus eine
solche Kenntnis hervorginge? Das ist ein großer Gegenstand, und darüber
könnte ich Ihnen ganze Bücher vollschreiben. Sie würden sich schämen,
daß Sie den Ratschlägen, die ich einem Gutsbesitzer erteile, solch einen
plumpen Sinn untergelegt haben. Diese Ratschläge mögen eine noch so
geringe Bedeutung haben, sie enthalten jedenfalls keineswegs einen
Protest gegen die Volksbildung ... sondern höchstens einen Protest gegen
die Korruption des russischen Volkes durch die Literatur, während doch
die Schriftkunde uns gegeben ward, um den Menschen zur höchsten Klarheit
zu führen. Überhaupt erinnern Ihre Urteile über die Gutsbesitzer an die
Zeiten Von-Wisins. Seit jener Zeit hat sich vieles, sehr vieles in
Rußland verändert, und seitdem ist sehr viel Neues entstanden. Daß die
Aufsicht und Autorität eines Gutsbesitzers, der die Universität besucht
und folglich für vieles ein Gefühl hat, ... weit günstiger und
vorteilhafter für die Bauern ist, ... wie es ja auch viele Gegenstände
gibt, über die wir rechtzeitig nachdenken sollten, ehe wir mit dem
himmelstürmenden Feuer des Jünglings oder Ritters darüber reden ...
Überhaupt bemüht man sich bei uns weit mehr um die Änderung der Namen
und der Ausdrücke, als um das Wesen der Sache ... Sie sollten sich
schämen, in unseren Diminutiven, mit denen wir mitunter sogar unsere
Freunde benennen, einen Ausdruck der Knechtung und Unterdrückung zu
sehen. Auf solche kindische Folgerungen wird man geführt, wenn man eine
falsche Ansicht von den wichtigsten und wesentlichsten Dingen hat.
Sodann bin ich auch über das kühne Selbstvertrauen und die Sicherheit
erstaunt, mit der Sie erklären: »Ich kenne unsere Gesellschaft und den
Geist, der sie beseelt.« Wie kann man für dies sich jeden Augenblick
verwandelnde Chamäleon einstehen? Durch welche Tatsachen können Sie
beweisen, daß Sie die Gesellschaft kennen? Welche Mittel besitzen Sie
dazu? Haben Sie etwa irgendwo in Ihren Werken bewiesen, daß Sie ein
tiefer Kenner der menschlichen Seele sind? Sie, der Sie fast nie mit den
Menschen und der Welt in Berührung kommen, der Sie das friedliche Leben
eines Journalisten führen und stets nur mit Feuilletonartikeln
beschäftigt sind, wie sollten Sie einen Begriff von jenem furchtbaren
Schreckbilde haben, das uns durch unerwartete Erscheinungen in seine
Falle lockt; geraten doch alle jungen Schriftsteller in diese Falle
hinein, die über alles in der Welt und die ganze Menschheit reden,
während es um uns herum genug Dinge gibt, um die wir uns kümmern
sollten. Wir sollten zuerst einmal diese Aufgaben erfüllen, dann würde
es der Gesellschaft schon ganz von selbst gut gehen. Wenn wir dagegen
unsere Pflichten gegen die uns nahestehenden Menschen vernachlässigen
und dem Wohl der Gesellschaft nachjagen, so geraten wir auf Abwege ...
ebenso ... Ich bin in der letzten Zeit vielen vortrefflichen Menschen
begegnet, die über diese Sache völlig die Orientierung verloren haben.
Viele denken, wenn sie sehen, daß die Gesellschaft sich auf einem Abweg
befindet und daß die Dinge immer verworrener werden, daß man die Welt
durch allerhand Reorganisationen und Reformen oder dadurch, daß man sie
in dieser oder jener Weise umgestaltet, verbessern könne. Andere
glauben, man könne mit Hilfe einer besonderen, recht mittelmäßigen
Literatur, die Sie Belletristik nennen, erzieherisch auf die
Gesellschaft wirken. Das sind Träume! Abgesehen davon, daß selbst die
gelesensten Bücher daliegen, ohne Nutzen zu bringen ... sind auch die
Früchte ... wenn überhaupt welche daraus erwachsen, ganz anderer Art,
als der Autor glaubt; vielmehr sind sie häufig so beschaffen, daß er
entsetzt vor ihnen zurückweicht ... Die Gesellschaft bildet sich von
selbst, sie setzt sich aus Einheiten zusammen. Jede dieser Einheiten muß
ihre Pflicht und Schuldigkeit tun ... Der Mensch muß eingedenk sein, daß
er nichts weniger als ein Stück Materie, daß er kein Vieh ist, sondern
ein hoher Bürger des hohen himmlischen Bürgerreichs, und so lange nicht
ein jeder wenigstens zum Teil sein Leben dem Geiste dieses himmlischen
Bürgerreichs entsprechend gestalten wird, wird es auch im irdischen
Gemeinwesen keine Ordnung geben.
Sie sagen, Rußland hätte lange vergeblich gebetet. O nein, Rußland hat
im Jahre 1612 gebetet und das Land vor den Polen gerettet; dann hat es
1812 noch einmal gebetet und das Land vor den Franzosen gerettet. Oder
nennen Sie das beten, wenn ein Tausendstel aller Menschen betet und alle
übrigen vom Morgen bis zum Abend bummeln und zechen ... wenn sie bei
jeder Schaustellung dabei sind und ihre letzte Habe verpfänden, um nur
allen Komfort zu genießen, den uns die europäische Zivilisation samt all
ihren Torheiten beschert hat.
Nein, lassen wir diese Träume ... Lassen Sie uns ehrlich unsere Pflicht
tun. Wir wollen uns bemühen, unsere Talente nicht in der Erde zu
vergraben. Wir wollen unser Handwerk gewissenhaft ausüben. Dann wird
alles gut gehen, und die Lage der Gesellschaft wird sich ganz von selbst
bessern ... Die Gutsbesitzer werden auf ihre Güter zurückkehren. Die
Beamten werden erkennen, daß man kein üppiges, verschwenderisches Leben
zu führen braucht, und werden aufhören, Geschenke anzunehmen. Die
Ehrgeizigen aber werden sehen, daß eine hohe Stellung weder mit einem
hohen Gehalt, noch mit großen Geldeinnahmen verknüpft ist ... weder sie
noch ich sind geboren ... Gestatten Sie mir, Sie an Ihre frühere
Tätigkeit zu erinnern. Der Literat lebt für die Wahrheit. Er soll der
Kunst ehrlich dienen und den Seelen dieser Welt Frieden und nicht Haß
und Feindschaft einhauchen. Machen Sie den Anfang und fangen Sie noch
einmal an, zu lernen! Studieren Sie die Dichter und Weisheitslehrer, die
erzieherisch auf den Geist wirken. Die journalistische Tätigkeit laugt
die Seele aus, man entdeckt plötzlich eine innere Leere in sich. Denken
Sie daran, daß Sie nur eine oberflächliche Bildung genossen und nicht
einmal die Universität beendigt haben. Machen Sie das durch die Lektüre
großer Werke und nicht durch Beschäftigung mit modernen Broschüren
wieder gut, die aus einem erhitzten Gemüt entspringen, das von der
geraden gesunden Ansicht der Dinge ablenkt.
V.
Fragment aus demselben Brief, das an einer anderen Stelle
aufgefunden worden ist
Sie haben meine Worte über das Lesen und Schreiben ganz buchstäblich
verstanden und ihnen einen zu engen, begrenzten Sinn untergelegt. Diese
Worte waren an einen Gutsbesitzer gerichtet, dessen Bauern Landwirte
sind. Es kam mir beinahe komisch vor, daß Sie aus diesen Worten den
Schluß ziehen konnten, als wollte ich die elementare Volksbildung
bekämpfen; als ob jetzt davon die Rede wäre -- wo das doch eine Frage
ist, die unsere Väter längst gelöst haben! Unsere Väter und Großväter
haben, selbst wenn sie selbst Analphabeten waren, entschieden, daß die
Elementarbildung etwas Notwendiges sei. Aber darum handelt es sich ja
gar nicht. Der Gedanke, der mein ganzes Buch durchzieht, ist dieser: wie
man erst _die_ Menschen aufklären könne, die in nahem Verkehr mit dem
Volke stehen, und _dann erst_ das Volk selbst. Alle diese kleinen
Beamten und Regierungsvertreter, die alle lesen und schreiben können und
sich dabei doch soviel Mißbräuche zuschulden kommen lassen ... Glauben
Sie mir, es ist viel notwendiger, daß wir die Bücher, die Ihrer Ansicht
nach so nützlich für das Volk sind, für diese Leute herausgeben. Das
Volk ist weit weniger verdorben, als diese ganze lese- und
schreibkundige Gesellschaft. Dagegen Bücher für diese Leute
herauszugeben, Bücher, die ihnen das Geheimnis offenbaren, wie man mit
dem Volk und mit den ihnen anvertrauten Untergebenen umgehen muß --
nicht in dem umfassenden Sinne, wie ihn die oft wiederholten Worte
ausdrücken: »_Stiehl nicht, sei rechtschaffen und ehrlich_« oder »Denke
daran, daß deine Untergebenen ebensolche Menschen sind wie du« --
sondern, die sie belehren, wie man es anfängt, nicht zu stehlen, und daß
das Recht wirklich eingehalten werde ...
VI.
Gogol an W. G. Bjelinski[9]
[Fußnote 9: Dieser Brief stellt Gogols Antwort auf Bjelinskis oben
mitgeteiltes Schreiben dar. Es ist offenbar ein zweiter Brief, den Gogol
an Stelle des oben abgedruckten ersten, später in Stücke gerissenen,
geschrieben hat.]
Ostende, den 10. August 1847.
Ich konnte nicht gleich auf Ihren Brief antworten. Meine Seele ist ganz
matt, ich fühle mich in meinem tiefsten Inneren erschüttert. Ich kann
wohl sagen, es gibt keine empfindliche Seite in mir, die nicht aufs
schwerste getroffen war, noch ehe ich Ihren Brief erhalten hatte. Ich
habe Ihren Brief beinahe in einem zustande völliger Gefühllosigkeit
gelesen, trotzdem aber war ich nicht imstande, ihn zu beantworten. Und
was hätte ich auch antworten sollen! Gott weiß, vielleicht enthalten
Ihre Worte wirklich etwas Wahres. Ich will Ihnen nur sagen, daß ich
gelegentlich meines Buches ungefähr fünfzig verschiedene Briefe erhalten
habe, aber kein einziger gleicht dem anderen, es gibt keine zwei Leute,
die dieselbe Ansicht über einen Gegenstand haben: was der eine verwirft,
das behauptet der andere. Und doch gibt es auf beiden Seiten gleich edle
und gescheite Menschen; die einzige nicht zu bezweifelnde Lehre, die ich
aus alledem entnehmen zu können glaubte, war die, daß ich Rußland
überhaupt nicht kenne, daß sich sehr vieles verändert hat, seit ich
nicht mehr dort war, und daß man heute beinahe alles, was es dort gibt,
von neuem kennen lernen muß, und daraus zog ich für meinen Teil
folgenden Schluß: daß ich nichts mehr veröffentlichen und vor das
Publikum bringen darf; weder lebendige Anschauungen meiner Phantasie,
noch selbst zwei Zeilen aus irgendeinem Werk, solange ich nicht in
Rußland war, eine Zeitlang dort gelebt und mich mit eigenen Augen von
vielem überzeugt und vieles mit eigenen Händen befühlt haben werde. Ich
sehe, daß viele, die mich beschuldigt haben, manches nicht zu kennen und
manche Seiten des Lebens nicht berücksichtigt zu haben, selbst in vielen
Punkten eine große Unkenntnis an den Tag legen und damit beweisen, daß
sie selbst viele Seiten des Lebens nicht in Betracht gezogen haben.
Nicht alle Klagen sind an unser Ohr gedrungen, und wir haben nicht alle
Leiden in ihrer ganzen Schwere ermessen. Mir will es sogar so scheinen,
daß nicht jeder von uns die gegenwärtige Zeit versteht, eine Zeit, in
der der Geist völliger Disharmonie und Unordnung deutlicher als je
zutage tritt. Wie dem auch sein mag, jetzt kommt alles zum Vorschein:
jedes Ding will berücksichtigt sein, das Alte und das Neue fordern
einander zum Kampfe heraus, und man braucht nur auf der einen Seite in
Übertreibungen und Maßlosigkeiten zu verfallen, damit sich auch die
andere Seite sofort derselben Übertreibungen und Maßlosigkeiten schuldig
macht. Die gegenwärtige Zeit ist das Zeitalter besonnener vernünftiger
Überlegung: ohne sich zu erhitzen, wägt sie alles ab und zieht sie alle
Seiten der Dinge in Betracht, denn ohne dies ist es unmöglich, die
rechte Mitte, das vernünftige Maß der Dinge kennen zu lernen. Sie
verlangt von uns, daß wir Umschau halten mit dem vielseitigen Blick des
Greises, und daß wir nicht mit dem heißen Draufgängertum der alten
Ritter vorgehen. Diesem Zeitalter gegenüber sind wir reine Kinder.
Glauben Sie mir, Sie und ich haben beide unsere Pflicht gegen unsere
Zeit nicht erfüllt. Ich wenigstens bin mir darüber klar, aber sind auch
Sie sich dessen bewußt? Ebenso wie ich die gegenwärtigen Dinge und viele
Umstände übersehen habe, die ich hätte berücksichtigen müssen, ebenso
haben auch Sie vieles übersehen; wenn ich mich zu sehr in mich selbst
zurückgezogen habe, so haben Sie sich zu sehr zerstreut. Wie ich noch
vieles kennen lernen muß, was Sie schon wissen und was ich nicht weiß,
so müßten Sie wenigstens einen Teil davon kennen lernen, was ich weiß
und was Sie zu Unrecht vernachlässigt und übersehen haben. Jetzt aber
denken Sie vor allem an Ihre Gesundheit; vergessen Sie die modernen
Probleme für eine Weile. Sie werden später mit größerer Frische und also
auch mit größerem Nutzen für Sie selbst wie für die Probleme zu diesen
zurückkehren. Ich wünsche Ihnen von ganzem Herzen, daß Ihnen jener
Seelenfriede zuteil werde, der unser höchstes Gut ist, ohne den man
nicht wirken und auf keinem Gebiete vernünftig handeln kann.
N. Gogol.