Es heben in der Öde sich und steigen
In meines Tempels Einsamkeit,
Die unerkannt und unentweiht
Von eines Menschen Fuß, im Schweigen
Der Seele Träume auf. Wie weit
Dringt wohl hinaus ihr lauter Reigen?
Ob wer erregt sein Ohr ihm leiht?
Wird einer Jungfrau heißes Herz sich neigen,
Wird eines Jünglings Sinn durch sie befreit?
Voll ungewollter Rührung singe
Mein Lied ich, rätselhaft erregt,
Das stille Lied, das mich bewegt
Und das ich dir als Loblied bringe,
Mein Deutschland! Hoher Pläne Land,
Der Feen und Geister Königtum,
Mein Herz ist voll von deinem Ruhm!
Der große Goethe hält die Hand
Als Schutzgeist über dein Gedeihn.
Mit seinen hohen Liedern bannt
Er jede Not von dir und Pein. -- --
Beilage
Aus Gogols Briefwechsel mit Bjelinski
I.
Gogols Brief an Bjelinski
Um den 20. Juni 1847 (neuen Stils).
Ich habe Ihren Aufsatz über mich im »Sowremennik« mit schmerzlichem
Bedauern gelesen -- nicht deshalb, weil mich die Art, wie Sie mich vor
allen herabzusetzen suchen, verletzt, sondern weil mir aus diesem
Aufsatz die Stimme eines Menschen entgegentönt, der mir zürnt. Ich aber
wünsche keinen Menschen, selbst keinen solchen, der mich nicht liebt,
gegen mich aufzubringen, am wenigsten Sie, von dem ich geglaubt habe,
daß er mich liebt. Ich hatte durchaus nicht die Absicht, Sie durch eine
Stelle in meinem Buche zu betrüben. Wie konnte es nur geschehen, daß in
Rußland alle Menschen bis auf den letzten so über mich aufgebracht
waren? Das ist etwas, was ich bisher noch nicht zu verstehen vermag. Die
Östlinge, die Westlinge und die, die eine neutrale Stellung einnehmen,
sie alle fühlen sich schmerzlich berührt. Es ist wahr, ich wollte jedem
von ihnen einen kleinen Schlag versetzen, ich hielt das für nötig, weil
ich es an meiner eigenen Haut gespürt hatte, wie notwendig so etwas ist
[wir alle hätten etwas mehr Demut und Bescheidenheit nötig], aber ich
habe nicht geglaubt, daß die Schläge, die ich austeilte, so plump, so
ungeschickt und so verletzend ausfallen würden. Ich dachte, man würde
mir das alles großmütig verzeihen, und mein Buch würde den Grund zu
einer allgemeinen Versöhnung und nicht zu Streit und Zwietracht legen.
Sie haben mein Buch mit dem Auge eines zornigen, verärgerten Menschen
gelesen, und daher haben Sie alles unrichtig ausgelegt. Sehen Sie über
alle die Stellen hinweg, die bisher noch für viele, wenn nicht gar für
alle ein Rätsel, achten Sie vor allem auf die, die jedem gesunden und
einsichtsvollen Menschen verständlich sind, und Sie werden erkennen, daß
Sie sich in vielen Punkten geirrt haben.
Ich habe nicht vergebens alle meine Leser angefleht, mein Buch mehrmals
zu lesen, da ich alle Mißverständnisse, denen es ausgesetzt sein würde,
schon vorausahnte. Glauben Sie mir, es ist nicht leicht, ein Buch zu
beurteilen, das so eng mit der ganzen geistigen Entwicklung seines
Autors zusammenhängt, der lange Zeit im Verborgenen und ganz in sich
selbst zurückgezogen lebte und unter seiner Unfähigkeit, sich
auszudrücken, litt. Es war ja auch kein leichter Entschluß, sich selbst
an den Pranger zu stellen und dem allgemeinen Gespött auszusetzen, indem
man einen Teil seiner inneren Entwicklung, deren wahrer Sinn nicht so
bald verstanden wird, der Öffentlichkeit preisgab. Schon dieses Wagnis
allein hätte einen gescheiten Menschen nachdenklich stimmen und ihn
veranlassen müssen, mit der Abgabe seines Urteils über das Buch zu
warten und es zu verschiedenen Stunden und in einer ruhigeren, mehr zur
aufrichtigen Rechenschaftsablage über sich selbst geeigneten
Geistesstimmung aufs neue zu überlesen, denn nur in solchen Augenblicken
ist die Seele fähig, eine andere Seele zu verstehen, mein Buch ist aber
eine durchaus seelische, geistige Angelegenheit. Sie hätten dann
sicherlich nicht diese unüberlegten Folgerungen daraus gezogen, von
denen Ihr Aufsatz strotzt. Wie kann man zum Beispiel daraus, daß ich
gesagt habe, die Kritiker, die von meinen Fehlern und Mängeln reden,
enthielten viel Richtiges, folgern, die Kritiker, die meine Vorzüge
hervorgehoben haben, hätten unrecht. Eine solche Logik kann nur dem
Kopfe eines zornigen Menschen entspringen, der nur nach etwas sucht, was
ihn reizen und ärgern muß, und der einen Gegenstand nicht ruhig von
allen Seiten in Betracht zieht. Ich habe es mir in meinem Geiste lange
überlegt, wie ich mich über die Kritiker äußern sollte, die meine
Vorzüge hervorgehoben und anläßlich meiner Werke viele schöne Gedanken,
die die Kunst betrafen, ausgesprochen haben; ich wollte die Vorzüge und
die ästhetischen Gefühlsnuancen eines jeden von ihnen unvoreingenommen
feststellen und charakterisieren; ich wartete nur auf den Augenblick, wo
ich etwas hierüber sagen konnte, oder richtiger, wo es mir anstehen
würde, hierüber zu sprechen, damit man nachher nicht erklären sollte,
daß ich ein eigennütziges Ziel im Auge gehabt und mich nicht allein und
ganz vorurteilslos von meinem Gerechtigkeitsgefühl hätte lenken lassen.
Schreiben Sie die unbarmherzigsten Kritiken, wählen Sie die bittersten
Worte, über die Sie verfügen, um einen Menschen herabzusetzen, tragen
Sie das Ihre dazu bei, mich in den Augen Ihrer Leser lächerlich zu
machen, ohne die empfindlichsten Seiten des vielleicht zartfühlendsten
Herzens zu schonen -- meine Seele wird dies alles ertragen, wenn auch
nicht ohne Schmerz und ohne schmerzliche Erschütterungen; aber es ist
bitter, sehr bitter für mich -- dies erkläre ich Ihnen ganz aufrichtig
-- zu wissen, daß selbst ein böser Mensch Haß und Zorn gegen mich in
seinem Herzen hegt; und Sie habe ich doch für einen guten Menschen
gehalten. Dies der aufrichtige Ausdruck meiner Gefühle.