Die Sterne gehen auf in Harmonie.
Mit mildem Blicke schweifen sie
Ob all der Schlafversunkenheit
Als Wächter leisen Menschenschlummers.
Sie senden Ruh' der Guten Leid,
Und Bösen -- des Gewissenskummers
Todbringend Gift. -- Was schickt ihr nicht
Der Trübsal Frieden jetzt? Ihr seid
Des Menschen Freude, tröstend Licht. --
Wenn seine Blicke voller Leid
Und Kummer flehend an euch haften,
Hört er den Streit der Leidenschaften
Im Herzen; und er ruft euch laut,
Bis er die Schmerzen euch vertraut. --
Noch ist Luise traurig-müd;
Und noch entkleidet nicht; sie blickt
Verträumt, weil aller Schlaf sie flieht,
Noch in die Herbstnacht unverrückt.
Ihr Sinn beschwört das alte Bild.
Da füllt sie Heiterkeit und weitet
Das Herz ihr, dem ein Lied entquillt,
Das am Spinett sie froh begleitet.
Das Laub fällt raschelnd von den Bäumen,
Durch die der Hofzaun blinkt. -- Hans steht
In des Vergessens süßen Träumen,
Vom Mantel eingehüllt, und späht
Und lauscht. -- Soll er noch länger säumen? --
Wie wird es ihm jetzt bei dem Klange
Der Stimme, die ihm nicht geklungen
Seit seiner Trennung, die ihm lange,
So lange, lange nicht gesungen!
Das Lied, das heißer Leidenschaft,
Das, sangesfrohem Mut entquollen
Und all dem Übermaß der Kraft,
Begeistert einst und froh erschollen,
Sein Lied, es schwillt ihm durch den Regen
Der Blätter wonnesam entgegen:
Dich rufe ich! Ich rufe dich,
Des Lächeln mich bezaubert hat,
Mein Lieb! Viel Stunden setze ich
Mich zu dir, und es sehen sich
Die Augen doch an dir nicht satt.
Du singst: -- geheimnisvolle Klänge,
Des Herzens reinste Töne hallen
Und zittern durch die Luft und schallen
Wie Schlag von tausend Nachtigallen,
Als ob ein Silberbach mir sänge.
Schnell zu mir! Lehn' dich an mich, schnelle,
Durchbebt von Gluten, wundersamen.
Dein Herz brennt in der Stille helle,
Und deine Ruh' strömt Well' auf Welle
In mich die heißen Liebesflammen.
Bist du mir fern, dann quält mich Wehe.
Vergessen gibt es nicht für mich.
Wenn ich erwach', zur Ruhe gehe,
Stets bete ich und stets erflehe
Ich Glück, mein Engel, nur für dich! --
* * * * *
War's Täuschung, was sie sah? Es sprühten
Zwei Feuer auf; zwei Augen glühten
Dicht vor ihr, dicht. Und sie vernahm,
Wie jemand seufzend näher kam.
Angst packt sie, Zittern fällt sie an;
Sie wendet sich und ... Hans! ... wer kann
Solch wundersames Wiedersehen,
Kann der Gefühle eignen Bann,
Der Blicke Flammensprach' verstehen?
Wer kann die Feuerworte finden,
Zu schildern recht, wie das Empfinden,
Aufwogend wild, die Brust durchspült
Und unser tiefstes Herz durchwühlt?
Man bebt, erblaßt, vor Freude schwach.
Gedanken, Worte fehlen; ach,
Voll Seligkeit entringt im Überschwang
Der Brust sich nur ein heller Klang.
* * * * *
Hans faßt allmählich sich. Er blickt
Durch Tränen ihr ins Angesicht
Und denkt: »In Traum bin ich entrückt;
Erwachte ich doch ewig nicht!
Sie ist noch die, die mich umfaßt
Mit kindlich innigem Verlangen.
Ach, ihre Jugend starb wohl an der Last
Der Trauer. Wie verhärmt, verblaßt
Ist jetzt das frische Rot der Wangen.
Ich Tor, der ich, um Not und Schmerzen
Zu finden, floh von ihrem Herzen.«
Des Leidensschlafes Schwere sank
Von ihm; gesund und ruhig ward
Er wieder, er, den Stürme lang
Geschüttelt, wild durchtobt und hart. --
So strahlt die Welt stets sonnenblank
Aufs neu. -- In Glut gehärtet Stahl
Glänzt stärker, heller tausendmal. --
Die Gäste zechen. Ihre Runde
Gehn Glas und Becher und erklingen.
Die Alten plaudern manche Stunde.
Derweil sich heiß im Tanze schwingen
Die Jünglinge, da lärmt und schallt
Die heiterste Musik. In Saus und Braus
Herrscht Freude über Alt und Jung;
Und gastlich ladend lacht das Haus.
Der Bäuerinnen junge Schar
Bringt blaue Veilchen für die Braut,
Dem Bräut'gam Flammenrosen dar.
Sie schmücken das verliebte Paar.
»Bleibt lang noch jung,« so hallt es laut,
»Blüht, wie hier diese Veilchen blühn
Vom Felde, frisch und immer grün.
Mag euer Herz von Liebe, schaut,
Wie dieser Rosen Feuer glühn!«
* * * * *
Von Zärtlichkeit ganz hingerissen
harrt Hans erbebend schon. Sein Blick
Ist helle Freude, tiefes Glück.
Sein Herz will unverstellt genießen,
Nachdem des Zwanges Panzerkleid
Gefallen ist, die Seligkeit.
Euch, Träume voller Trug und List,
Wird nun nicht mehr vergöttern er,
Der ird'scher Schönheit Diener ist. --
Doch was umdüstert ihn so schwer?
(Unfaßlich ist des Menschen Art!)
Von seinen Träumen scheidend, starrt
Er ihnen trauernd nach, verloren,
Wie einem, dem er Treu' geschworen. --
So harrt der Schüler vor dem Schlage
Der Glocke am ersehnten Tage
Des letzten Unterrichts. Ganz voll
Von Plänen und vor Freude toll,
Spinnt er sich Träume. Ohne Klage,
Zufrieden mit der Welt und sich in lang
Entbehrter Freiheit Überschwang.
Doch wenn die Abschiedsstunde naht
Von Haus und Freund und Kamerad,
Mit denen Arbeit er und Ruh', die Zeit
Geteilt und Lust an tollen Streichen,
Dann seufzt er wohl und Tränen schleichen
Ins Aug' ihm, und er fühlt ein Leid. --