Achtzehntes Bild

Die Sterne gehen auf in Harmonie.

Mit mildem Blicke schweifen sie

Ob all der Schlafversunkenheit

Als Wächter leisen Menschenschlummers.

Sie senden Ruh' der Guten Leid,

Und Bösen -- des Gewissenskummers

Todbringend Gift. -- Was schickt ihr nicht

Der Trübsal Frieden jetzt? Ihr seid

Des Menschen Freude, tröstend Licht. --

Wenn seine Blicke voller Leid

Und Kummer flehend an euch haften,

Hört er den Streit der Leidenschaften

Im Herzen; und er ruft euch laut,

Bis er die Schmerzen euch vertraut. --

Noch ist Luise traurig-müd;

Und noch entkleidet nicht; sie blickt

Verträumt, weil aller Schlaf sie flieht,

Noch in die Herbstnacht unverrückt.

Ihr Sinn beschwört das alte Bild.

Da füllt sie Heiterkeit und weitet

Das Herz ihr, dem ein Lied entquillt,

Das am Spinett sie froh begleitet.

Das Laub fällt raschelnd von den Bäumen,

Durch die der Hofzaun blinkt. -- Hans steht

In des Vergessens süßen Träumen,

Vom Mantel eingehüllt, und späht

Und lauscht. -- Soll er noch länger säumen? --

Wie wird es ihm jetzt bei dem Klange

Der Stimme, die ihm nicht geklungen

Seit seiner Trennung, die ihm lange,

So lange, lange nicht gesungen!

Das Lied, das heißer Leidenschaft,

Das, sangesfrohem Mut entquollen

Und all dem Übermaß der Kraft,

Begeistert einst und froh erschollen,

Sein Lied, es schwillt ihm durch den Regen

Der Blätter wonnesam entgegen:

Dich rufe ich! Ich rufe dich,

Des Lächeln mich bezaubert hat,

Mein Lieb! Viel Stunden setze ich

Mich zu dir, und es sehen sich

Die Augen doch an dir nicht satt.

Du singst: -- geheimnisvolle Klänge,

Des Herzens reinste Töne hallen

Und zittern durch die Luft und schallen

Wie Schlag von tausend Nachtigallen,

Als ob ein Silberbach mir sänge.

Schnell zu mir! Lehn' dich an mich, schnelle,

Durchbebt von Gluten, wundersamen.

Dein Herz brennt in der Stille helle,

Und deine Ruh' strömt Well' auf Welle

In mich die heißen Liebesflammen.

Bist du mir fern, dann quält mich Wehe.

Vergessen gibt es nicht für mich.

Wenn ich erwach', zur Ruhe gehe,

Stets bete ich und stets erflehe

Ich Glück, mein Engel, nur für dich! --

* * * * *

War's Täuschung, was sie sah? Es sprühten

Zwei Feuer auf; zwei Augen glühten

Dicht vor ihr, dicht. Und sie vernahm,

Wie jemand seufzend näher kam.

Angst packt sie, Zittern fällt sie an;

Sie wendet sich und ... Hans! ... wer kann

Solch wundersames Wiedersehen,

Kann der Gefühle eignen Bann,

Der Blicke Flammensprach' verstehen?

Wer kann die Feuerworte finden,

Zu schildern recht, wie das Empfinden,

Aufwogend wild, die Brust durchspült

Und unser tiefstes Herz durchwühlt?

Man bebt, erblaßt, vor Freude schwach.

Gedanken, Worte fehlen; ach,

Voll Seligkeit entringt im Überschwang

Der Brust sich nur ein heller Klang.

* * * * *

Hans faßt allmählich sich. Er blickt

Durch Tränen ihr ins Angesicht

Und denkt: »In Traum bin ich entrückt;

Erwachte ich doch ewig nicht!

Sie ist noch die, die mich umfaßt

Mit kindlich innigem Verlangen.

Ach, ihre Jugend starb wohl an der Last

Der Trauer. Wie verhärmt, verblaßt

Ist jetzt das frische Rot der Wangen.

Ich Tor, der ich, um Not und Schmerzen

Zu finden, floh von ihrem Herzen.«

Des Leidensschlafes Schwere sank

Von ihm; gesund und ruhig ward

Er wieder, er, den Stürme lang

Geschüttelt, wild durchtobt und hart. --

So strahlt die Welt stets sonnenblank

Aufs neu. -- In Glut gehärtet Stahl

Glänzt stärker, heller tausendmal. --

Die Gäste zechen. Ihre Runde

Gehn Glas und Becher und erklingen.

Die Alten plaudern manche Stunde.

Derweil sich heiß im Tanze schwingen

Die Jünglinge, da lärmt und schallt

Die heiterste Musik. In Saus und Braus

Herrscht Freude über Alt und Jung;

Und gastlich ladend lacht das Haus.

Der Bäuerinnen junge Schar

Bringt blaue Veilchen für die Braut,

Dem Bräut'gam Flammenrosen dar.

Sie schmücken das verliebte Paar.

»Bleibt lang noch jung,« so hallt es laut,

»Blüht, wie hier diese Veilchen blühn

Vom Felde, frisch und immer grün.

Mag euer Herz von Liebe, schaut,

Wie dieser Rosen Feuer glühn!«

* * * * *

Von Zärtlichkeit ganz hingerissen

harrt Hans erbebend schon. Sein Blick

Ist helle Freude, tiefes Glück.

Sein Herz will unverstellt genießen,

Nachdem des Zwanges Panzerkleid

Gefallen ist, die Seligkeit.

Euch, Träume voller Trug und List,

Wird nun nicht mehr vergöttern er,

Der ird'scher Schönheit Diener ist. --

Doch was umdüstert ihn so schwer?

(Unfaßlich ist des Menschen Art!)

Von seinen Träumen scheidend, starrt

Er ihnen trauernd nach, verloren,

Wie einem, dem er Treu' geschworen. --

So harrt der Schüler vor dem Schlage

Der Glocke am ersehnten Tage

Des letzten Unterrichts. Ganz voll

Von Plänen und vor Freude toll,

Spinnt er sich Träume. Ohne Klage,

Zufrieden mit der Welt und sich in lang

Entbehrter Freiheit Überschwang.

Doch wenn die Abschiedsstunde naht

Von Haus und Freund und Kamerad,

Mit denen Arbeit er und Ruh', die Zeit

Geteilt und Lust an tollen Streichen,

Dann seufzt er wohl und Tränen schleichen

Ins Aug' ihm, und er fühlt ein Leid. --

Sämmtliche Werke 8: Briefwechsel II, Hans Küchelgarten Briefwechsel II / Die Beichte des Dichters / Betrachtungen über die Heilige Liturgie / Jugendschriften / Fragmente / Hans Küchelgarten · 第 45 / 56 题