Siebzehntes Bild

Wie trüb auch sonst die Tage schleichen

Im Herbst, das Heute ist voll Licht.

Die Sonne zeigt ein hell Gesicht,

Und blanke Silberwellen streichen

Am Himmel hin. Den Weg herab

Mit Rucksack kommt und Wanderstab

Ein Fremder matt und scheu daher.

Voll Trauer, wie ein Greis gebeugt,

Geht er die Postchaussee. Nichts zeugt

Vom alten Hans, fast gar nichts mehr.

Sein halberloschner Blick umschweift

Das Meer der gelben Ährenwellen,

Der Berge bunten Kranz. Es greift

Der schöne Traum sein Herz; es schwellen

Des Allvergessens Seligkeiten

Die Brust. Doch die Gedanken schreiten,

Ach, einem andern Ziele zu.

Nichts wär' ihm nötiger als Ruh'.

Er kommt, so scheint's, von weit, weit her.

Sein Atem keucht und schmerzt, und schwer

Schmerzt seine Seele ihn und ächzt.

Er denkt, doch kein Gedanke lechzt

Nach Ruh'. -- Wem gilt sein tiefes Grübeln?

Erstaunt, wie er mit allen Übeln

Von dem Geschick gemartert ward;

Des eitlen Tuns erstaunt, wie er genarrt,

Lacht bitter auf er, daß er trunken

Die Welt des Wahns, so hassenswert,

In seiner Unvernunft begehrt

Und ihrem leeren Glanz versunken;

Daß er sich in der Menschen Schoß,

Von ihrem eklen Tun wie toll

Berauscht, bezaubert, -- schwankungslos

Geworfen kühn und glaubensvoll.

Ach, kalt wie Gräber waren sie,

Habgier und Ehrsucht galt allein,

Nichts sonst, -- und wie verächtlich Vieh

So tierisch, ach, und so gemein.

Sie zogen in den Staub, was gut

Und hehr. Es schalten ihre Zungen

Verächtlich nur Begeisterungen

Und Geistestat. Falsch war die Glut;

Und wenn sie sich emporgeschwungen,

Verderben rings. Wer lauschte schon

Der Reden einschläferndem Ton

Und bebte nicht? Von Gift wie schwer

Ihr Atem, wie voll Lüge ist

Ihr Herzschlag und ihr Geist voll List;

Wie hohl die Worte und wie leer!

* * * * *

Ja, tausendfach war ihm die Wahrheit

Begegnet und von ihm erkannt.

Doch ward zu höherm Glück die Klarheit

Ihm in der Seele Träumerland?

Wie ferne Sternenhelle zog

Verlockend ihn der Ruhm. Allein

Sein blinkend Gift war scharf, es trog

Der dichte Qualm ihm vor den Schein.

* * * * *

Der Tag versinkt im West. Die Schatten

Des Abends wachsen, und die matten,

Hellweißen Wolkenränder glühen

In greller Röte auf. Die dunkeln

Vergilbten Blätter alle sprühen

Von goldnem Strahlenwerk und funkeln.

Der Wiesengrund der Heimat tut

Sich vor dem Wandrer auf. Es füllt

Den matten Blick urplötzlich Glut,

Und eine heiße Träne quillt.

Die Freuden aus vergangnen Jahren,

Harmloser Späße, alter Träume Scharen,

Sie engen ihm die Brust und rauben

Den Atem ihm. Er will's nicht glauben

Und sinnt dem Grund nach und beginnt

Zu weinen wie ein schwaches Kind.

* * * * *

Sämmtliche Werke 8: Briefwechsel II, Hans Küchelgarten Briefwechsel II / Die Beichte des Dichters / Betrachtungen über die Heilige Liturgie / Jugendschriften / Fragmente / Hans Küchelgarten · 第 43 / 56 题