Zwei Jahre sind dahin. In Lünensdorf
Blüht alles noch und prankt wie ehedem.
Die gleichen Sorgen, gleichen Freuden stören
Den stillen Herzensfrieden der Bewohner.
Allein im Haus der Wilhelms hat sich viel
Verändert. Lange ist der Pfarrer tot.
Er hat den dornenvollen Weg beendet
Und schläft den letzten tiefen, tiefen Schlaf.
Wohl alle waren seinem Sarg gefolgt,
Und alle hatten Tränen in den Augen,
Gedenkend seines Lebens, seines Tuns.
Er war es, der für unser Seelenheil,
Für unser geistig Brot von je gesorgt.
Er war es, der so schön das Gute lehrte;
Er war der Trauervollen steter Trost,
Der feste Schild der Witwen und der Waisen.
Wie voller Güte stieg er doch an Feiertagen
Auf seine Kanzel, und wie rührend sprach
Er von dem reinen Martertum, vom Leiden
Des Herrn. Und wir, wie lauschten wir erschüttert
Und unter Tränen seinen tiefen Worten. --
Wer seines Wegs von Wismar kommt, der geht
Links von der Straße dicht an einem Friedhof
Vorbei. Die alten Kreuze stehn gebückt
In ihrem Kleid von Moos. Der harte Griffel
Der Zeit hat seine Runen eingegraben.
In ihrer Mitte leuchtet eine weiße Urne
Auf schwarzem Steine, von zwei grünen Erlen
Umrauscht und unter ihrem breiten Schatten.
Das ist die letzte Ruhestatt des Pfarrherrn.
Die braven Bauern waren gern bereit,
Auf eigne Kosten ihm als letzte Ehre
Dies Grabmal zu errichten. Alle Seiten
Verkündeten durch eine Inschrift, wie
Er lebte, wieviel stille Jahre er
Als Seelensorger zugebracht und endlich
Am Ziel des Wegs Gott seinen Geist vertraut. --
Und zu der Stunde, wo der Ost voll Scham
Errötend seine Flechten löst, und wo
Im Felde sich ein frischer Wind erhebt,
Der Tau die blitzend blanken Perlen streut,
Rotkehlchen in den dichten Büschen schlagen,
Und erst zur Hälfte noch der Sonnenball
Sich übers Land hebt, kommen Bäuerinnen
Mit Nelken, Rosen in der Hand zum Grab
Und schmücken es mit duft'ger Blumen Fülle
Und gehen ihres Wegs. -- Nur eine bleibt,
Das Haupt in ihre Lilienhand gestützt,
Und sitzt gar lange Zeit in tiefem Sinnen,
Als wollte sie Unfaßliches begreifen.
Wer würde, ach, in dieser kummervollen
Gestalt Luise wohl erkennen? Wer?
Der frohe Glanz der Augen ist erloschen,
Ihr unschuldreines Lächeln ist nicht mehr
Auf ihrem Antlitz. Nie und nimmer huscht
Das Zeichen einer Freude drüber hin.
Und doch, wie schön ist sie in ihrem Harm!
Wie königlich ihr Blick trotz allen Wehs!
So trauert wohl der strahlende Seraph
Dem Sturz des menschlichen Geschlechtes nach.
Voll Schönheit war die glückliche Luise,
Die trauernde war fast noch herrlicher.
Grad achtzehn Jahre war sie alt geworden
Im Monat, als der Pfarrer von ihr schied.
Mit ihrer ganzen kindlich reinen Seele
War sie dem Greise zugetan. Und nun
Denkt sie: Nein, deine Hoffnung hat sich nicht
Erfüllt. Wie innig hattest du gewünscht,
Am heiligen Altare uns zu trauen,
Für alle Zeiten unsern Bund zu schließen.
Wie hattest du den träumerischen Hans
Geliebt -- -- Und er? -- -- --
Ja, wenden wir den Blick zu Wilhelms Hütte.
Es ist schon herbstlich kalt. Er sitzt daheim
An seiner Drechselbank und schneidet Platten
Aus Buchenholz mit feiner Maserung,
Die er mit krausem Schnitzwerk dann verziert.
Zu seinen Füßen liegt vergnügt geduckt
Hektor, sein lieber, treuer Kamerad.
Wie immer sorgt die tüchtige Hausfrau Berta
Vom frühsten Morgen an schon für sein Wohl.
Dicht vor dem Fenster drängt sich eine Schar
Von Gänsen, und die Hühner gackern auch
Noch unaufhörlich. Ganz wie ehedem
Hört man das ew'ge Zwitschern frecher Spatzen,
Die Tag für Tag im Küchenabfall picken. --
Der Dompfaff kam, der Geck. Und auf den Feldern
Hing lange Zeit der reife Duft des Herbstes.
Die grünen Blätter wurden gelb und fielen,
Die Schwalben zogen über ferne Meere. --
In ihrer Sorglichkeit rief Hausfrau Berta:
»Luise darf nicht mehr so lang ausbleiben.
Es dunkelt, und der Sommer ist vorbei.
Jetzt wird's früh feucht, und dichte Nebel fallen
Und schicken ihre Schauer über uns.
Warum irrt sie herum? Sie macht mir Not!
Ja, ja, sie kann den Hans mal nicht vergessen.
Gott weiß, ob er am Leben ist, ob nicht.« --
Wie anders Fanny denkt als ihre Mutter!
Mit ihren sechzehn Jahren sitzt sie still
In ihrer Ecke vor dem Rocken, voll
Von Sehnsucht und vom Freunde träumend,
Und fast unhörbar sagt sie vor sich hin:
»Ich hätte ihn nicht minder stark geliebt!«