Sechzehntes Bild

Zwei Jahre sind dahin. In Lünensdorf

Blüht alles noch und prankt wie ehedem.

Die gleichen Sorgen, gleichen Freuden stören

Den stillen Herzensfrieden der Bewohner.

Allein im Haus der Wilhelms hat sich viel

Verändert. Lange ist der Pfarrer tot.

Er hat den dornenvollen Weg beendet

Und schläft den letzten tiefen, tiefen Schlaf.

Wohl alle waren seinem Sarg gefolgt,

Und alle hatten Tränen in den Augen,

Gedenkend seines Lebens, seines Tuns.

Er war es, der für unser Seelenheil,

Für unser geistig Brot von je gesorgt.

Er war es, der so schön das Gute lehrte;

Er war der Trauervollen steter Trost,

Der feste Schild der Witwen und der Waisen.

Wie voller Güte stieg er doch an Feiertagen

Auf seine Kanzel, und wie rührend sprach

Er von dem reinen Martertum, vom Leiden

Des Herrn. Und wir, wie lauschten wir erschüttert

Und unter Tränen seinen tiefen Worten. --

Wer seines Wegs von Wismar kommt, der geht

Links von der Straße dicht an einem Friedhof

Vorbei. Die alten Kreuze stehn gebückt

In ihrem Kleid von Moos. Der harte Griffel

Der Zeit hat seine Runen eingegraben.

In ihrer Mitte leuchtet eine weiße Urne

Auf schwarzem Steine, von zwei grünen Erlen

Umrauscht und unter ihrem breiten Schatten.

Das ist die letzte Ruhestatt des Pfarrherrn.

Die braven Bauern waren gern bereit,

Auf eigne Kosten ihm als letzte Ehre

Dies Grabmal zu errichten. Alle Seiten

Verkündeten durch eine Inschrift, wie

Er lebte, wieviel stille Jahre er

Als Seelensorger zugebracht und endlich

Am Ziel des Wegs Gott seinen Geist vertraut. --

Und zu der Stunde, wo der Ost voll Scham

Errötend seine Flechten löst, und wo

Im Felde sich ein frischer Wind erhebt,

Der Tau die blitzend blanken Perlen streut,

Rotkehlchen in den dichten Büschen schlagen,

Und erst zur Hälfte noch der Sonnenball

Sich übers Land hebt, kommen Bäuerinnen

Mit Nelken, Rosen in der Hand zum Grab

Und schmücken es mit duft'ger Blumen Fülle

Und gehen ihres Wegs. -- Nur eine bleibt,

Das Haupt in ihre Lilienhand gestützt,

Und sitzt gar lange Zeit in tiefem Sinnen,

Als wollte sie Unfaßliches begreifen.

Wer würde, ach, in dieser kummervollen

Gestalt Luise wohl erkennen? Wer?

Der frohe Glanz der Augen ist erloschen,

Ihr unschuldreines Lächeln ist nicht mehr

Auf ihrem Antlitz. Nie und nimmer huscht

Das Zeichen einer Freude drüber hin.

Und doch, wie schön ist sie in ihrem Harm!

Wie königlich ihr Blick trotz allen Wehs!

So trauert wohl der strahlende Seraph

Dem Sturz des menschlichen Geschlechtes nach.

Voll Schönheit war die glückliche Luise,

Die trauernde war fast noch herrlicher.

Grad achtzehn Jahre war sie alt geworden

Im Monat, als der Pfarrer von ihr schied.

Mit ihrer ganzen kindlich reinen Seele

War sie dem Greise zugetan. Und nun

Denkt sie: Nein, deine Hoffnung hat sich nicht

Erfüllt. Wie innig hattest du gewünscht,

Am heiligen Altare uns zu trauen,

Für alle Zeiten unsern Bund zu schließen.

Wie hattest du den träumerischen Hans

Geliebt -- -- Und er? -- -- --

Ja, wenden wir den Blick zu Wilhelms Hütte.

Es ist schon herbstlich kalt. Er sitzt daheim

An seiner Drechselbank und schneidet Platten

Aus Buchenholz mit feiner Maserung,

Die er mit krausem Schnitzwerk dann verziert.

Zu seinen Füßen liegt vergnügt geduckt

Hektor, sein lieber, treuer Kamerad.

Wie immer sorgt die tüchtige Hausfrau Berta

Vom frühsten Morgen an schon für sein Wohl.

Dicht vor dem Fenster drängt sich eine Schar

Von Gänsen, und die Hühner gackern auch

Noch unaufhörlich. Ganz wie ehedem

Hört man das ew'ge Zwitschern frecher Spatzen,

Die Tag für Tag im Küchenabfall picken. --

Der Dompfaff kam, der Geck. Und auf den Feldern

Hing lange Zeit der reife Duft des Herbstes.

Die grünen Blätter wurden gelb und fielen,

Die Schwalben zogen über ferne Meere. --

In ihrer Sorglichkeit rief Hausfrau Berta:

»Luise darf nicht mehr so lang ausbleiben.

Es dunkelt, und der Sommer ist vorbei.

Jetzt wird's früh feucht, und dichte Nebel fallen

Und schicken ihre Schauer über uns.

Warum irrt sie herum? Sie macht mir Not!

Ja, ja, sie kann den Hans mal nicht vergessen.

Gott weiß, ob er am Leben ist, ob nicht.« --

Wie anders Fanny denkt als ihre Mutter!

Mit ihren sechzehn Jahren sitzt sie still

In ihrer Ecke vor dem Rocken, voll

Von Sehnsucht und vom Freunde träumend,

Und fast unhörbar sagt sie vor sich hin:

»Ich hätte ihn nicht minder stark geliebt!«

Sämmtliche Werke 8: Briefwechsel II, Hans Küchelgarten Briefwechsel II / Die Beichte des Dichters / Betrachtungen über die Heilige Liturgie / Jugendschriften / Fragmente / Hans Küchelgarten · 第 42 / 56 题