Nächtliche Gesichte

Allmählich dunkelt und vergeht

Des Abends Rot. Schon liegt die Welt

In süßem Schlaf, und überm Feld

Steigt auf des Mondes Majestät.

Das Meer erschimmert wie Kristall.

Durchsichtig scheint das ganze All.

* * * * *

Schatten wachsen auf und ziehen.

Wundersam gestaltet fliehen

Herrlich sie, weit, immer weiter,

Himmelwärts die Sternenleiter.

* * * * *

Heller wird's: zwei Lichter blitzen.

Da: zwei Ritter, zottig, fahl.

Zweier schart'ger Schwerter Spitzen,

Zweier Panzer Schmiedestahl!

Halt! Sie suchen, treten an;

Tauschen Platz um Platz jetzt. Hei!

Kämpfen, glitzern Mann an Mann.

Suchen wieder ... Da, vorbei!

Dunkel schwillt und deckt sie schwer.

Nur der Mond steht überm Meer. --

* * * * *

Ein Lied der Kön'gin Nachtigall durchschallt

Den Forst; ein schmetternd Lied, das sacht verrauscht.

Die Erde atmet kaum, sie lauscht

Verträumt der Sängerin. Der Wald

Steht reglos. Alles schläft im Kreise.

Es tönt nur die verklärte Weise.

* * * * *

Luftgebaut ragt der Palast

Einer Märchenfee empor.

Vor dem Fenster dicht am Tor

Singt verklärt ein Minnegast.

Sieh, ein Silberteppich glänzt,

Ganz durchwebt mit Wolkenringen.

Drüber schwebt ein Geist, der grenzt

Nord und Süd mit seinen Schwingen.

Schlafen sieht der Gast, gebannt

Durch ein Gitter aus Koralle,

Seine Fee. Die Perlmuttwand

Bringt der Trän' Kristall zu Falle. --

Dunkel eint und deckt sie schwer.

Nur der Mond steht überm Meer. -- --

* * * * *

Kaum schimmert durch den Dunst das Land.

Geheime Wünsche ohne Zahl

Weckt uns die See. -- Ein Riesenwal,

Taucht aus dem Nebel. Übermannt

Hat Schlaf den Fischer längst. Er ruht;

Und unablässig rauscht die Flut. --

* * * * *

Strandwärts schwimmen Meerjungfrauen

Herrlich schön. Den leuchtend hellen,

Weißen Schaum der glühend blauen

Wogen teilen sie. Die Wellen

Spielen kosend wie im Traum

Um die Schöne mit der weißen

Lilienbrust. Sie atmet kaum.

Um die zarten Glieder gleißen

Tropfen wie ein Funkensaum.

Ach, sie lächelt, kichert leise

Und schwimmt sinnend hin im Licht.

Bald voll Lust, bald wieder nicht.

Träumerisch singt sie die Weise,

Den Sirenensang der Klagen

Des Verrats, den sie ertragen,

Sie, die Junge. -- Reglos ruht

Mondbeglänzt die blaue Flut. --

* * * * *

Ein Friedhof fern in fremder Flur,

Von einem alten Zaun umhegt.

Rings Steine, Kreuze. Moosbelegt

Der stummen Toten Häuser. Nur

Der Flug der Eulen und das schrille

Schrein zerreißt die Grabesstille. --

* * * * *

Langsam steigt aus seinem Bette

Jetzt ein Leichnam. Weiß umwallt

Ihn sein Mantel. Vom Skelette

Klopft den Staub er würdig. Kalt

Weht vom Schädel Grabhauch. Feuer,

Gelbes Feuer glüht aus seinen

Augen. Mit den Knochenbeinen

Hält ein Roß, ein ungeheuer

Glänzend Roß er, einen Schimmel.

Und es wächst, wächst bis zum Himmel.

Leiche steht nach Leiche auf.

Zug des Grauns! Von seinem Lauf

Beben Erde, ach, und Lüfte. --

Endlich schließen sich die Grüfte. --

* * * * *

Ein Schrecken packt sie an. Sie schlägt

Das Fenster hastig zu. Ihr Blut

Von Eiseskälte, bald von Glut

Durchschauert, bebt gleichwie die Flut

Im Sturm. Ein schweres Wehe legt

Sich auf ihr Herz. Ihr Denken ruht. --

Wenn mitleidlos des Schicksals Faust

Ein kalter Kieselstein entsaust

Und trifft ein armes Herz, wer hält

Die Treue, sagt, in aller Welt

Noch dem Verstand? Wes Seele ficht

Kein Übel an? Und wer verfällt,

Sich ewig gleich, im Unglück nicht

Dem Aberglauben? Wer erblaßt

Nicht, wenn solch Spukbild ihn erfaßt

Im Traum? -- Aufs Lager bang

Warf sie sich hin voll Schmerz und Kummer.

Vergeblich suchte sie den Schlummer.

Wenn ein Geräusch durchs Dunkel drang,

Ein Mäuslein strich, floh ihre Lider

Der Schlaf, der launenhafte, wieder. --

Sämmtliche Werke 8: Briefwechsel II, Hans Küchelgarten Briefwechsel II / Die Beichte des Dichters / Betrachtungen über die Heilige Liturgie / Jugendschriften / Fragmente / Hans Küchelgarten · 第 40 / 56 题