Elftes Bild

Schau' her, Grausamer! Sieh, Tyrann,

Wie sie verhärmt im Staube kauert;

Die einsam Welkende, sieh' an,

Wie sie in trüber Öde trauert,

Vergessen, ach! Schau' hin einmal

Auf dein Geschöpf, in dessen Brust

Du Lebensglück und Lebenslust

Mit Gram vertauscht und Höllenqual.

Durchwühlte Grüfte, siehst du sie?

Und wie sie dich geliebt, ja, wie!

Mit welch lebend'ger Innigkeit

Klang ihrer Rede Melodie,

Die schlichte. Wo, wo ist die Zeit,

Da du gelauscht? Wie war von Schuld,

Von Trübsal rein des Blickes Brand,

Der dich versengt. Wie oft entschwand

Zu langsam ihrer Ungeduld

Der böse Tag, zeigte sich nicht,

Der Träumerischen, dein Gesicht.

Und du konntst sie verlassen, du?

Hast dich von allem abgewandt

Und wanderst fremd in fremdem Land?

Wem tust du das? Für wen, wozu?

Doch schau', Grausamer! Sieh, Tyrann!

Am Fenster harrt sie noch, verzehrt

Von Sehnsucht, daß er wiederkehrt

Zu ihr, er, der geliebte Mann. -- --

Schon sinkt der Tag. Des Abends Helle

Liegt wundersam auf allen Dingen.

Ein kühler Wind regt seine Schwingen.

Kaum hörbar plätschert fern die Welle.

Die Nacht entbreitet ihre Schatten.

Leis tönt die Syrinx. Es ermatten

Im West die letzten Glutenschimmer.

Sie sitzt reglos und harrt noch immer. --

Sämmtliche Werke 8: Briefwechsel II, Hans Küchelgarten Briefwechsel II / Die Beichte des Dichters / Betrachtungen über die Heilige Liturgie / Jugendschriften / Fragmente / Hans Küchelgarten · 第 39 / 56 题