Spät wird der helle Führer wach, --
Der Morgen ist nicht freundlich. Schwer
Wogt übers Feld ein Nebelmeer,
Und Regen rauscht und schlägt aufs Dach.
Des jungen Morgens Kühle fächelt
Die Schöne aus der Ruh'. Benommen
Vom Schlaf am Fenster und beklommen,
Streicht sie ihr Haar zurecht und lächelt.
Doch Ärger schleicht sich ein und feuchtet
Das Auge, daß es funkelnd leuchtet:
»Wann kommst du, Hans? Wie lang soll's dauern?
Du schwurst: beim ersten Tageslicht!
Der Tag ist da. Ein Tag zum Trauern,
Ein trüber Tag. Die Nebel schauern,
Der Sturmwind heult. Was kommst du nicht?«
Geängstigt halb und halb verdrossen,
Blickt sie zum Fenster ihres Hans.
Geschlossen ist's und bleibt geschlossen.
Er schläft gewiß, und Traumesglanz
Umgaukelt ihm sein Liebstes noch.
Lang hat's getagt. Vom Regen sind
Durchfurcht die Täler, und vom Wind
Gewiegt der Wald. Ach, käm' er doch!
* * * * *
Der Mittag naht. Unmerklich steigt
Der Nebel auf. Ganz matt, gezogen
Tönt Donner noch. Der Eichwald schweigt.
Auf flammt in siebenfarb'gem Bogen
Am Himmel paradiesisch Licht.
Mit Funken ist die Eiche übersprüht.
Froh klingt vom Dorfe Lied auf Lied.
Wo bist du, Hans, was kommst du nicht?
* * * * *
Warum? -- Die arge Brust umflicht
Schwermut. Das Ohr wird müd der Qual,
Zu horchen auf die Stundenzahl.
Die Türe geht. -- Er ist's! -- Nein, nicht:
Herein tritt Berta; wohlig fällt
Der rosa Morgenrock, der weiche,
Und farbenfroh die kantenreiche,
Gestickte Schürze. »Engelgleiche,
Was hat die Nachtruh' dir vergällt?
Bist bleich und matt. Was ist geschehn?
Störte der Regen, der so schwer
Herabgerauscht, das wilde Meer,
Der Hahn, der wüste Lärmer, den
Kein Schlaf nachts ankommt, dich so sehr?
Hat dich der Böse überkommen,
Dir deinen reinen Schlaf genommen,
Ins Herz gesenkt trübselig Trauern?
Tust mich von ganzer Seele dauern.«
* * * * *
»Nein, nicht des Regens Rauschen, ach,
Das wilde Meer nicht, nicht der Hahn,
Der wüste Lärmer, hat's getan.
Ach, was du nennst, hielt mich nicht wach.
Nicht solcher Traum hat mich benommen,
Bin solcher Trübsal nicht beklommen.
Der Traum, der mir zu Sinnen kam,
War anders, schwer und wundersam.« --
* * * * *
»Mir träumte: Finstre Öde sei
Um meinen Weg. Rings Nebel nur
Vom Moor, und in der Wüstenei
Von trocknem Boden keine Spur.
Ein ekler Dunst! Die Erde weicht.
Bei jedem Schritt ein neuer Schlund,
Bei jedem Schritt ein neuer Grund
Zur Herzensangst. Und mich beschleicht
Unsäglich Wehe. Da erscheint
Urplötzlich Hans vor mir. Blut rinnt
Aus einer Wunde. Er beginnt
Zu schluchzen über mir und weint.
Doch statt der hellen Tränen floß
Ein trüber Strom. Ich wachte auf.
Und über Brust und Antlitz goß
Vom Blondhaar triefend wie der Lauf
Von tausend Bächen dummer Regen.
Mein Herze schlug in trüben Schlägen,
Und Traurigkeit befiel den Sinn.
Die Locken blieben feucht. In Sorgen
Sitz' ich verhärmt seit frühem Morgen.
Wann kommt er heim? Wo ist er hin?«
* * * * *
Die Mutter steht gedankenvoll
Kopfschüttelnd vor ihr, ehe sie
Ihr Antwort gibt: »Ach, wüßt' ich, wie
Ich deiner Not Herr werden soll,
Mein Töchterchen. Komm, laß uns sehn, --
Gott geb' uns Kraft! -- was ihm geschehn.«
* * * * *
Sie treten in sein Zimmer. Leer,
Ganz leer! Im Winkel liegt umher
Ein alter Platoband, gar arg
Verstaubt, Tieck, Aristophanes, Petrark
Und Schillers Werke, die vermeßnen,
Bei Winkelmanns, den halb vergeßnen.
Und Fetzen von Papier. Es blühn
Die Blumen auf der Etagere.
Die Feder blinkt, mit der er kühn
Entlastet sich der Träume Schwere.
Sein Tisch, so tot! Doch nein, was hebt
Sich jetzt? Ein Zettel flirrt. Was ist?
Luise nimmt ihn auf und bebt.
Von wem? An wen? Und als sie liest,
Fängt ihre Zunge wie noch nie
Zu lallen an. Sie stürzt aufs Knie.
Gram, sengend Wehe warf sie nieder.
Und Grabeskälte rann durch ihre Glieder.