Achtes Bild

Vom Turme schlägt es Mitternacht.

Hans sitzt wie immer auf und wacht.

Dem Einsamen gewohnte Zeit.

Das Flackerlicht der Lampe leiht

Nur spärlich Helligkeit. Es fällt

Wie Saat des Zweifels in die Welt

Des Schlafs. -- Kein Blick träf' in der Runde

Nur eines Menschen Spur. Fern, ferne

Rauscht wie Gespräch aus Menschenmunde

Die Welle in dem Glanz der Sterne.

Die Stille läßt den Atem hören

Der Nacht. -- Jetzt wird ihn nicht mehr stören

Der laute Tag in seinem Denken,

Wo über seine Stirn sich senken

Friede und Ruh'. -- Und sie? Sie setzt

Sich auf im Bett; im Fenster jetzt:

»Er kann's nicht sehen, merkt's ja nicht;

Ich seh' mich satt an seinem Bild.

Er wacht, daß er mein Glück erfüllt.

Gott sei ihm gnädig, sei ihm mild.« --

* * * * *

Die Welle rauscht im Mondeslicht.

Ein Traum sinkt nieder und umfängt

Ihr Haupt und beugt es leis, ganz leis.

Um Hans spielt der Gedankenkreis

Noch immer, dem er sich versenkt.

1.

Entschieden alles! Ist's Gebot,

Tiefinnerst jetzt zugrund zu gehn?

Gibt's andres Ziel nicht als den Tod?

Vermag ich Beßres nicht zu sehn?

Soll ich mich hin zum Opfer geben,

Tot für die Welt und ruhmlos leben?

2.

Soll denn ein Herz, das Ruhm geliebt,

Nur Nichtigkeiten lieben dürfen;

Kalt jedem Glück sein, das sich gibt,

Und niemals Seligkeiten schlürfen?

Der Erde Schönheit nie mehr finden,

Nie Wahres mehr in ihr ergründen?

3.

Was ruft, was lockt ihr mich so bang,

Ihr, dieser Erde schönste Lande.

Bei Tag und Nacht wie Vogelsang

Hör' ich in meiner Träume Bande,

Bei Tag und Nacht die süßen Töne,

Und bin berückt von eurer Schöne.

4.

Euch, euch gehör' ich. Bald, ach bald

Such' ich die seligen Gefilde,

Ein Pilgrim, der zum Heil'gen wallt.

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Hin fliegt umschäumt des Schiffes Bug.

Hoch strebt der Sehnsucht froher Flug.

5.

Ja, fallen wird der trübe Flor,

In den euch stets der Traum gehüllt.

Aufschließen wird die Welt das Tor

Zur Wunderherrlichkeit, gewillt,

Den Jüngling freundlich zu begrüßen

Mit unversieglichen Genüssen.

6.

Der Schönheit Meister! Meine Augen

Bereiten sich, was ihr geschaffen

Mit Stift und Meißel, einzusaugen.

Mein Herz will eure Glut erraffen.

Rausch' hin, mein Meer, von Riff zu Riff!

Bring mich an Land, einsames Schiff!

7.

Du aber, enger Winkelfrieden,

Mein Wald, mein Feld, ihr müßt verzeihn.

Himmlischer Regen reich beschieden

Sei euch und Blüte und Gedeihn.

Das Herz, scheint's, härmt sich, euch zu lassen,

Und dürstet, euch noch einmal zu umfassen.

8.

Auch du, mein engelstilles Herz,

Vergib und geiz' mit deinen Tränen.

Gib dich nicht hin dem ersten Schmerz.

Verzeih dem armen Hans sein Sehnen.

Klag' nicht. Der Weg ist bald gemessen,

Und ich zurück. Wie könnt' ich dein vergessen! --

Sämmtliche Werke 8: Briefwechsel II, Hans Küchelgarten Briefwechsel II / Die Beichte des Dichters / Betrachtungen über die Heilige Liturgie / Jugendschriften / Fragmente / Hans Küchelgarten · 第 36 / 56 题