Des Abends Kühle senkt sich still hernieder.
Die letzten, leisen Sonnenstrahlen küssen
Das finstre Meer. Von tausend Flimmerfunken
Durchsät, erglüht der Wald, und fern, fern her
Erschimmern durch den Meeresdunst die Felsen
In bunter Farbenpracht. Rings tiefe Stille.
Und nur der Hirtenflöten melanchol'scher Ruf
Tönt dann und wann von fernen, heitren Ufern;
Und dann und wann ein leises Plätschern, wenn
Ein Fisch im spiegelblanken Wasser ruckt,
Wenn eine Schwalbe mit den Flügeln, ehe
Sie auf zum Himmel steigt, es flüchtig streift.
-- Fern zeigt ein Kahn sich wie ein heller Punkt.
Wen trägt er wohl? Wer fährt wohl auf dem Meer?
Der Pfarrer ist's, der Greis im Silberhaare,
Und mit ihm Wilhelm mit der teuren Gattin.
Die übermüt'ge Fanny läßt die Hand,
Die von der Angelschnur herabgezogen,
Im Wasser spielen. Hinten in dem Schiff
Sitzt Hans mit seiner Braut. -- Sie sahen alle
In stummer Freude einer Welle zu,
Die breit dem Schiff gefolgt und unterm Schlag
Der Ruder feurig schäumend perlte.
Wie sich nun rasch die ros'ge Ferne klärte
Und voller Duft ein Hauch von Süden kam,
Da sprach der Pfarrer tief gerührt: »Wie schön
Ist dieser Abend Gottes doch! So still
Und herrlich wie das Leben des Gerechten.
Denn es vollendet ebenso voll Frieden
Den Weg, und auf den heil'gen Erdenrest
Ergießen sich die gleichen schönen Tränen.
Ja, auch für mich wird's Zeit. Auch meine Tage
Sind bald gezählt. Ich kann nicht lang mehr bleiben.
Doch werd' ich auch so herrlich schlafen gehen?« --
Da weinten alle. Hans, der grad ein Lied
Auf der Oboe spielte, ließ das Instrument
Nachdenklich sinken. Es umspann ein Schlummer
Sein Haupt, und weithin schweiften seine Sinne.
Und Träume stürmten seltsam auf ihn ein.
Luise wandte sich ihm zu: »Sag' mir, sag', Hans,
Wenn du mich liebst, wenn ich in deiner Seele
Noch Mitleid, Mitgefühl wachrufen kann,
Was quälst du mich? Sag' mir einmal, warum
Sitzt du bei Nacht einsam bei deinen Büchern?
Ich weiß es. Unsre beiden Fenster liegen
Doch nicht umsonst einander gegenüber.
Warum weichst du uns allen aus und trauerst?
Dein trüber Blick, ach, nimmt mir alle Ruh',
Und deine Trauer macht mich selber trübe! --«
Das rührte Hans. Er wurde ganz verlegen.
Er drückte sie im Schmerz an seine Brust,
Und eine Träne stahl sich ihm ins Auge.
»Luise, frage nicht. Du mehrst doch nur
Durch deine Unruh' meinen tiefen Kummer.
Denn in Gedanken ich versunken scheine,
Glaub' mir, dann denk' ich immer nur an dich
Und sinne, wie sich all die schweren Zweifel
Von deiner Seele nehmen, wie dein Herz
Mit Freude sich und Frieden füllen ließe,
Daß deiner Jugend reinen Schlaf nichts störe,
Daß Böses dir nicht nahe, nicht der Schatten
Von einem Kummer dich berühre, daß
Dein Glück in alle Ewigkeiten währe!«
Da lehnte sie an seine Brust sich an
Und konnte in der Fülle des Gefühls,
Des Dankes ihm kein einzig Wort erwidern. --
Still zog das Boot am Ufer hin. -- Man landet
Und steigt schnell aus. »Hört,« sprach der Vater Wilhelm,
»Hört, Kinder, nehmt euch recht in acht und seht,
Daß ihr euch nicht erkältet. Es ist feucht.
Der Nebel steigt.« -- Hans ging mit ihr und dachte:
Was wird, wenn sie erfährt, was sie doch nicht
Erfahren soll? Er sah ihr in die Augen.
In seinem Herzen ward ein Vorwurf laut.
Ihm war, als wenn er schlecht gehandelt hätte,
Als hätte er den ewigen Gott belogen. -- --