Sechstes Bild

Zwei Meilen nur von Wismar liegt das Dorf,

Wo unserer Geschichte Welt, die Welt,

Wo ihre Menschen leben, Grenzen findet.

Das heitre Lünensdorf, so hieß es einst;

Doch weiß ich nicht, ob es noch heut so ist. --

Weit schimmerte dem Wanderer entgegen

Das kleine, weiße Häuschen Wilhelm Bauchs,

Des Musikers, das er vor langer Zeit,

Als er des Pastors Kind zum Weibe nahm,

Erbaut. Es war ein liebes, heitres Haus;

Grün war's gestrichen; rote Ziegelplatten

Erklirrten hell im Wind. Kastanienbäume

Umstanden es und drängten in die Fenster.

Durch ihre Stämme sah ein Weidenzaun,

Den Wilhelm selbst aus Ruten sich geflochten.

Jetzt rankte sich der Hopfen an ihm hoch.

Vom Fenster zu dem Zaun lief eine Stange,

Behangen mit der Wäsche, die im Glanz

Der heißen Mittagssonne lustig blinkte.

Durch eine Speicherluke drängte sich

Laut girrend eine Taubenschar; es schrien

Die Puter, und mit seinen Flügeln schlagend

Entbot der Hofhahn seinen Morgengruß

Dem Tag und pickte den behäbig bunten Hennen

Die Körner fort. Zwei fromme Ziegen rupften

Das junge Gras. Schon lange stieg der Rauch

In krausen Wolken aus dem Schornstein auf

Zum Himmel, um den Morgendunst zu mehren.

Dort auf der Seite, wo der Mauerputz

Ein wenig abgebröckelt von den grauen Ziegeln,

Dort, wo die alten Bäume Schatten geben,

Stand schon seit frühstem Morgen säuberlich

Gedeckt ein Eichentisch voll guter Dinge:

Radieschen, gelber Käse, eine Dose

In Entenform mit Butter; Wein und Bier,

Der süße Bischof, Zucker, Waffelkuchen

Und dann ein Korb mit leuchtend reifen Früchten:

Himbeeren voller Duft, glashelle Trauben

Und bernsteinfarbne Birnen, blaue Pflaumen

Und rote Pfirsiche in buntem Durcheinander. --

Es war so festlich, denn Herr Wilhelm wollte

Der lieben Frau Geburtstag in dem Kreise

Der Töchter und des alten Pfarrherrn feiern.

Luise kam, doch ihre Schwester Fanny,

Die Jüngere, war fortgeeilt, um Hans

Zu holen, und war noch nicht zurück.

Vermutlich irrte er verträumt umher.

Luise blickte unverwandt zum dunklen Fenster

Im Nachbarhaus empor; lag es doch nur

Zwei Schritt von ihr. -- Sie war nicht selbst gegangen,

Damit er nicht den Gram von ihrer Stirn,

Aus ihren Augen keinen Vorwurf läse.

Da wandte Wilhelm sich, Luisens Vater,

Zu ihr und sprach: »Du mußt den Hans mal schelten,

Daß er so lange nicht mehr bei uns war.

Pass' auf, du hast ihn dir zu sehr verwöhnt.«

Doch sie war um die Antwort nicht verlegen:

»Mir fehlt der Mut, den braven Hans zu tadeln.

Er ist schon ohnedies so bleich und elend.«

»Was, krank, sagst du?« fiel Mutter Berta ein.

»Es ist nicht Krankheit, nur Melancholie,

Die ihn jetzt plagt, und die wird sehr bald weichen,

Seid ihr einmal vermählt. Ein junger Sproß,

Den halbverdorrt ein Sommerregen trifft,

Fängt plötzlich an zu blühn. -- Ist denn die Frau

Nicht Lichtflut für den Mann?« -- »Ein kluges Wort,«

Warf da der Pfarrer ein. »Wenn Gott es will,

Glaubt mir, wird alles noch vorübergehn!«

Er klopfte wieder seine Pfeife aus.

Dann fing er an, mit Wilhelm sich zu streiten;

Sie sprachen von den Tagesneuigkeiten,

Von schlimmer Ernte, von den Griechen, Türken,

Von Missolunghi, von Kolokotroni,

Dem großen Führer, und vom argen Krieg,

Von Canning sprachen sie, vom Parlament,

Vom Elend und vom Aufruhr in Madrid,

Als Hans erschien und sich Luise plötzlich

Mit einem Aufschrei ihm entgegenstürzte.

Der Jüngling schlang den Arm um ihre Hüfte

Und küßte sie. Der Pfarrer sprach zu ihm:

»Nun schäm' dich, Hans, daß du so ganz vergessen

Den alten Freund. Doch wenn du schon Luise

Vergißt, wie solltest du der Alten noch

Gedenken!« -- »Väterchen, laß sein, laß sein --

Was schiltst du Hans denn immer!« sprach die Mutter.

»Laßt uns zu Tisch gehn, sonst wird alles kalt:

Der Brei, der Reis, die duft'gen Zuckererbsen,

Der Glühwein und nicht minder der Kapaun,

Den mit Rosinen ich und Butter briet.« --

So setzten sie sich friedlich an den Tisch

Und waren alle bald vom Wein belebt,

Die Seelen voller Glück und Heiterkeit. --

Der alte Geiger spielte, Fritz blies Flöte.

Es gab ein Stück -- der Feiernden zu Ehren.

Bald drehten allesamt im Walzer sich.

Selbst Wilhelm wurde lustig, und gerötet

Schwang er sich mit der Gattin wie ein Pfau

Im Kreise. Wie im Wirbelwinde flog

Hans mit Luise toll dahin. Die Welt

Flog mit im gleichen, wundervollen Takt.

Luise wagte kaum zu atmen, kaum

Sich umzuschaun, vom Tanz so ganz gefangen.

Der Pfarrer sagte: »Ach, ich sehe mich nicht satt

An ihnen, glaubt's mir. Welch ein herrlich Paar.

Luise, dieses heitre, liebe Kind,

Und Hans so stattlich, klug und doch bescheiden.

Sie sind doch füreinander wie geschaffen.

Ja, glücklich wird ihr ganzes Leben sein.

Ich danke Dir, mein güt'ger Gott, daß Du

Im hohen Alter mir die Gnade schenktest

Und mir die morsche Lebenskraft erhieltst,

Damit ich solche Enkel schauen durfte.

Nun kann ich sagen, wenn ich Abschied nehme:

Auf Erden hab' ich Herrliches gesehn.«

Sämmtliche Werke 8: Briefwechsel II, Hans Küchelgarten Briefwechsel II / Die Beichte des Dichters / Betrachtungen über die Heilige Liturgie / Jugendschriften / Fragmente / Hans Küchelgarten · 第 34 / 56 题