Zwei Meilen nur von Wismar liegt das Dorf,
Wo unserer Geschichte Welt, die Welt,
Wo ihre Menschen leben, Grenzen findet.
Das heitre Lünensdorf, so hieß es einst;
Doch weiß ich nicht, ob es noch heut so ist. --
Weit schimmerte dem Wanderer entgegen
Das kleine, weiße Häuschen Wilhelm Bauchs,
Des Musikers, das er vor langer Zeit,
Als er des Pastors Kind zum Weibe nahm,
Erbaut. Es war ein liebes, heitres Haus;
Grün war's gestrichen; rote Ziegelplatten
Erklirrten hell im Wind. Kastanienbäume
Umstanden es und drängten in die Fenster.
Durch ihre Stämme sah ein Weidenzaun,
Den Wilhelm selbst aus Ruten sich geflochten.
Jetzt rankte sich der Hopfen an ihm hoch.
Vom Fenster zu dem Zaun lief eine Stange,
Behangen mit der Wäsche, die im Glanz
Der heißen Mittagssonne lustig blinkte.
Durch eine Speicherluke drängte sich
Laut girrend eine Taubenschar; es schrien
Die Puter, und mit seinen Flügeln schlagend
Entbot der Hofhahn seinen Morgengruß
Dem Tag und pickte den behäbig bunten Hennen
Die Körner fort. Zwei fromme Ziegen rupften
Das junge Gras. Schon lange stieg der Rauch
In krausen Wolken aus dem Schornstein auf
Zum Himmel, um den Morgendunst zu mehren.
Dort auf der Seite, wo der Mauerputz
Ein wenig abgebröckelt von den grauen Ziegeln,
Dort, wo die alten Bäume Schatten geben,
Stand schon seit frühstem Morgen säuberlich
Gedeckt ein Eichentisch voll guter Dinge:
Radieschen, gelber Käse, eine Dose
In Entenform mit Butter; Wein und Bier,
Der süße Bischof, Zucker, Waffelkuchen
Und dann ein Korb mit leuchtend reifen Früchten:
Himbeeren voller Duft, glashelle Trauben
Und bernsteinfarbne Birnen, blaue Pflaumen
Und rote Pfirsiche in buntem Durcheinander. --
Es war so festlich, denn Herr Wilhelm wollte
Der lieben Frau Geburtstag in dem Kreise
Der Töchter und des alten Pfarrherrn feiern.
Luise kam, doch ihre Schwester Fanny,
Die Jüngere, war fortgeeilt, um Hans
Zu holen, und war noch nicht zurück.
Vermutlich irrte er verträumt umher.
Luise blickte unverwandt zum dunklen Fenster
Im Nachbarhaus empor; lag es doch nur
Zwei Schritt von ihr. -- Sie war nicht selbst gegangen,
Damit er nicht den Gram von ihrer Stirn,
Aus ihren Augen keinen Vorwurf läse.
Da wandte Wilhelm sich, Luisens Vater,
Zu ihr und sprach: »Du mußt den Hans mal schelten,
Daß er so lange nicht mehr bei uns war.
Pass' auf, du hast ihn dir zu sehr verwöhnt.«
Doch sie war um die Antwort nicht verlegen:
»Mir fehlt der Mut, den braven Hans zu tadeln.
Er ist schon ohnedies so bleich und elend.«
»Was, krank, sagst du?« fiel Mutter Berta ein.
»Es ist nicht Krankheit, nur Melancholie,
Die ihn jetzt plagt, und die wird sehr bald weichen,
Seid ihr einmal vermählt. Ein junger Sproß,
Den halbverdorrt ein Sommerregen trifft,
Fängt plötzlich an zu blühn. -- Ist denn die Frau
Nicht Lichtflut für den Mann?« -- »Ein kluges Wort,«
Warf da der Pfarrer ein. »Wenn Gott es will,
Glaubt mir, wird alles noch vorübergehn!«
Er klopfte wieder seine Pfeife aus.
Dann fing er an, mit Wilhelm sich zu streiten;
Sie sprachen von den Tagesneuigkeiten,
Von schlimmer Ernte, von den Griechen, Türken,
Von Missolunghi, von Kolokotroni,
Dem großen Führer, und vom argen Krieg,
Von Canning sprachen sie, vom Parlament,
Vom Elend und vom Aufruhr in Madrid,
Als Hans erschien und sich Luise plötzlich
Mit einem Aufschrei ihm entgegenstürzte.
Der Jüngling schlang den Arm um ihre Hüfte
Und küßte sie. Der Pfarrer sprach zu ihm:
»Nun schäm' dich, Hans, daß du so ganz vergessen
Den alten Freund. Doch wenn du schon Luise
Vergißt, wie solltest du der Alten noch
Gedenken!« -- »Väterchen, laß sein, laß sein --
Was schiltst du Hans denn immer!« sprach die Mutter.
»Laßt uns zu Tisch gehn, sonst wird alles kalt:
Der Brei, der Reis, die duft'gen Zuckererbsen,
Der Glühwein und nicht minder der Kapaun,
Den mit Rosinen ich und Butter briet.« --
So setzten sie sich friedlich an den Tisch
Und waren alle bald vom Wein belebt,
Die Seelen voller Glück und Heiterkeit. --
Der alte Geiger spielte, Fritz blies Flöte.
Es gab ein Stück -- der Feiernden zu Ehren.
Bald drehten allesamt im Walzer sich.
Selbst Wilhelm wurde lustig, und gerötet
Schwang er sich mit der Gattin wie ein Pfau
Im Kreise. Wie im Wirbelwinde flog
Hans mit Luise toll dahin. Die Welt
Flog mit im gleichen, wundervollen Takt.
Luise wagte kaum zu atmen, kaum
Sich umzuschaun, vom Tanz so ganz gefangen.
Der Pfarrer sagte: »Ach, ich sehe mich nicht satt
An ihnen, glaubt's mir. Welch ein herrlich Paar.
Luise, dieses heitre, liebe Kind,
Und Hans so stattlich, klug und doch bescheiden.
Sie sind doch füreinander wie geschaffen.
Ja, glücklich wird ihr ganzes Leben sein.
Ich danke Dir, mein güt'ger Gott, daß Du
Im hohen Alter mir die Gnade schenktest
Und mir die morsche Lebenskraft erhieltst,
Damit ich solche Enkel schauen durfte.
Nun kann ich sagen, wenn ich Abschied nehme:
Auf Erden hab' ich Herrliches gesehn.«