Drittes Bild

Du klassisch schöner Werke klassisch schönes Land!

Des Ruhmes und der Freiheit Land, Athen!

An dich, in wundersamer Gluten Wehn,

Ist meine Seele festgebannt.

Vom Tempel hoch bis hin zu des Piräus Mauern

Ergießen sich und wogen feierliche Massen.

Äschines' Worte blitzen, donnern und durchschauern,

Der Iliß Wassern gleich, und fassen

Gebietrisch alle wie der laute Sturm der Welle.

Gewaltig ragt empor die Marmorherrlichkeit

Der Parthenon, wo Säule sich an Säule reiht;

Empor Minerva, von des Phidias Stahl geweiht.

Und Zeuxis' wie Parrhasios' Pinsel strahlen Helle.

Im Portikus steht göttergleich ein Greis

Und redet weise von der andern Welt;

Sagt, wer für Tugend einst Unsterblichkeit erhält,

Wen Schande trifft und wen der Preis.

Horch! Rohes Tosen mischt sich in das Springbrunnrauschen.

Der Tag ist wach, und dem Theater voll Verlangen

Zu strömt das Volk. Wie Persiens Farben prangen!

Sieh, wie die Tuniken sich bauschen!

Noch eh' die Leidenschaft des Sophokles verklungen,

Schwirrt Kranz auf Kranz, von den Begeisterten geschwungen.

Von Epikurens Honigmund, dem liebgewohnten,

Enteilt sind Amors Diener, Krieger und Archonten,

Daß ihnen sich die hohe Wissenschaft enthülle,

Wie man Genüsse schlürft und trinkt des Lebens Fülle.

Aspasia kommt! Ihr Blick, vom Wimpernschwarz verbrämt,

Trifft einen Jüngling, und sein Atem stockt verschämt.

Wie heiß die Lippen sind! Wie loht der Rede Glut!

Die schwarzen, losen Locken fallen wie die Nacht

Auf ihrer Schultern Marmorpracht,

Auf ihre Brüste wie die Flut. --

Und jetzt? -- Tympane tosen und die Becher klirren.

Bacchantinnen in wilder Raserei, geschmückt

Mit Efeu, stürmen durch den heil'gen Hain in wirren,

Gehetzten Haufen. -- Wo? Wohin? -- Entrückt, entrückt.

Allein! -- Verschwunden ist der Chor.

Und Gram befällt mich neu und Wehe.

Stieg' doch vom Tal ein Faun empor;

Dräng' aus des Gartens dunkler Nähe

Mir einer Nymphe Sang ans Ohr!

Ihr Griechen, wunderbarlich habt

Die Welt mit Träumen ihr erfüllt,

In Zauber alles eingehüllt!

Heut ist sie ärmlich, grau, verschabt

Und wohl quadriert, mit Nichts begabt. -- --

* * * * *

Doch neue Träume kommen und heben

Und ziehen ihn lockend himmelan

Empor aus der Sorgen Ozean,

hinweg von allem kleinlichen Leben. --

Sämmtliche Werke 8: Briefwechsel II, Hans Küchelgarten Briefwechsel II / Die Beichte des Dichters / Betrachtungen über die Heilige Liturgie / Jugendschriften / Fragmente / Hans Küchelgarten · 第 32 / 56 题