Zweites Bild

Noch ungeklärt sind die Gedanken,

Die Hans bewegen, und sein Blick

Sieht wirr die Welt des Lebens wanken

Und sucht sein künftiges Geschick. --

In stillem Frieden war die Zeit

Dem Tändelnden vorbeigeflossen;

Noch hatte keine Bitterkeit

Sich in der Seele Unschuld ihm gegossen.

Kind dieser Erdenwelt war er.

Doch ihrer Leidenschaften Brand

War seinem Herzen unbekannt.

Ganz sorglos war und leicht bisher

In Heiterkeit und Glück und Lust

Das Kind beim Spiel der Kinderschar.

Das Böse war noch seiner Brust

Ganz fremd. Ihm blühte wunderbar

Die Welt. -- Schon in der frühsten Zeit

Der Kindheit war sein Kamerad

Luise, deren Heiterkeit

Und Milde seinen Lebenspfad

Erhellt. Wenn sie im grünen Kleid

Zu tanzen anfing oder sang,

Dann schoß durchs blonde Ringelhaar

Manch Blitz, der zündend weitersprang.

Ihr rosa Miedertüchlein glitt

Herab. Man sah bei jedem Schritt

Das feine, zarte Füßchenpaar.

Sie war ein Kind, und kindlich war

Ihr Tun. -- Im Walde spielte sie

Mit ihm. Sie fingen sich. Dann lief

Sie fort, versteckte sich und schrie

Ihm plötzlich zu, daß er erschreckte.

Sie schwärzte heimlich, wenn er schlief,

Ihm sein Gesicht, und lachend weckte

Sie ihn dann aus dem süßen Schlafe.

Und er, er küßte sie zur Strafe. --

Und Lenz auf Lenz zog hin ins Land.

Die Spiele wollten nicht mehr taugen.

Die gegenseit'ge Keckheit schwand.

Es schwand das Feuer seiner Augen.

Und sie hält Traurigkeit gebannt

Und Schüchternheit. -- Ihr, junger Herzen

Verliebte, erste Worte, wart

Gekommen, und es blieben nicht erspart

Die Tage voller süßer Schmerzen.

Was blieb ihm denn zu wünschen weiter,

Wo er Luise bis zur Nacht,

Gefesselt wie von Zaubermacht,

Nicht ließ, ihr treuester Begleiter,

Ihr Schatten, wo sie ging und stand.

Mit innig tiefer Freude sahen

Die Eltern, wie das Glück sich fand,

Und sahen sich nicht satt. Die nahen,

Leidvollen, zweifelvollen Zeiten

hielt noch ein Engel sanft verhüllt den beiden. --

Doch allzubald befiel ein Schmerz,

Ein tiefer, ihn. Matt ward vor Gram

Sein Blick; er starrte himmelwärts

Und war ganz unstet, ach, und wundersam.

Es schien, als suchte stets sein Geist,

Als hegte er geheimen Groll.

Die Seele sehnte sich zumeist

Gedankenschwer und kummervoll. --

Er sitzt und schaut hinab vom Strand

Hinaus aufs Meer wie festgebannt.

Und wenn im Takt die Wellen rauschen,

Scheint einer Stimme er zu lauschen.

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Bald geht er grübelnd durch das Tal,

Die Augen feierlich voll Glanz,

Wenn bei der Wolken Wirbeltanz

Der Donner grollt, ein Feuerstrahl

Durchs Dunkel zuckt und wilder Regen

Heiß prasselt und mit einemmal

In Strömen rauscht auf allen Wegen.

Bald sitzt er in der Mitternacht

Vor alten Sagen auf und wacht

Und hofft, daß sich die Lettern regen

In ihrer Stummheit, wenn die Seiten

Er wendet, die so tiefe Kunde

Ihm bringen von den grauen Zeiten.

Ins Buch versunken manche Stunde,

Sitzt er und wendet kaum das Haupt.

Wer ihn in dieser schweren Not

Gesehn, der hätte fest geglaubt,

Die Zeit, da er gelebt, sei tot.

Gedanken, wunderbare, hatten

Mit ihrem Zauber ihn gebannt.

Er suchte dunkler Eichen Schatten

Auf seinem Weg durchs Sommerland.

Aus diesen tiefen Schatten sprach

Manch Rätsel, das er nicht verstand,

Und träumend streckte er die Hand

Liebkosend aus und griff darnach. --

Luise ist die ganze Zeit

Allein in ihrem tiefen Kummer.

Ihr Herz ist einzig ihm geweiht.

Sie findet nächtens keinen Schlummer

Und bringt die gleiche Zärtlichkeit

Ihm dennoch stets entgegen, hält

Die zarten Arme um ihn, küßt

Ihn sanft, daß er den Schmerz vergißt,

Bis er der Schwermut neu verfällt.

Schön sind die Stunden, wunderbar,

Wenn ferne Träume ihn umschweben

Und der Gesichte lichte Schar

Ihn fortträgt in ein andres Leben.

Doch, wenn der Seele Land zerstört,

Der stille Erdenfleck vergessen,

Der Scholle nicht sein Herz gehört,

Die schlichten Menschen er vermessen

Nicht achtet, werden Traumgestalten

Auch dann noch froh im Herzen walten? -- --

Indessen laßt sein unstet Wesen

Belauschen uns. Macht euch bereit,

Die Rätsel seines Geists zu lösen

In ihrer Mannigfaltigkeit. --

Sämmtliche Werke 8: Briefwechsel II, Hans Küchelgarten Briefwechsel II / Die Beichte des Dichters / Betrachtungen über die Heilige Liturgie / Jugendschriften / Fragmente / Hans Küchelgarten · 第 31 / 56 题