Es tagt. Das Dorf taucht aus dem Dämmerdunst
Mit seinen Häusern, seinen Gärten. Alles liegt
In hellem Licht. Der Glockenturm erglänzt
Wie lauter Gold, und auf dem alten Zaun
Tanzt froh ein Sonnenstrahl. Die Silberflut
Gleicht einem Zauberspiegel, der getreu
Das Konterfei von Zaun und Gärtchen gibt.
Und nichts hält Ruhe in dem Silberspiegel.
Blau wölbt der Himmel sich; die Wolken ziehn
Wie Wellen hin, und flüsternd rauscht der Wald.
Dort, wo das Ufer weit ins Meer sich wagt,
Da steht behaglich unter Lindenschatten
Ein Pfarrhaus, schon jahrzehntelang bewohnt
Von seinem greisen Herrn und arg verfallen.
Das Dach geworfen und der Schornstein schwarz,
Von blüh'ndem Moos bedeckt das Mauerwerk;
Die Fenster windschief. Aber immer ist
Das Häuschen traulich nett. Um keinen Preis
Der Welt wär' es dem Alten feil. -- Dort steht
Die Linde, sein geliebter Ruheplatz.
Auch sie ist alt. Doch Jugendfrische weht
Rings von den Rosenbäumen. Vögel nisten
In ihrem Dunkel und erfüllen Garten
Und Haus mit ihrer Lieder frohem Schall.
-- Weil ihn der Schlaf die ganze Nacht gemieden,
Ging schon vorm Morgengraun der Pfarrer, hier
Ein wenig in der Frische noch zu schlummern.
Im alten Lehnstuhl unterm Lindendach
Schläft er. Der sanfte Wind kühlt sein Gesicht
Und spielt voll Keckheit mit den grauen Haaren.
Wer ist die Schöne, die mit Blicken
Ihm naht, in denen alle Glut,
Des Morgens ganze Frische ruht,
Und vor ihn tritt? Welch ein Entzücken,
Wie sie mit lilienweißer Hand
Ihn sanft berührt, um ihn zu wecken,
Bemüht, ihn ja nicht zu erschrecken.
Doch eh' er aus dem Schlaf sich fand
Zur Welt, sprach er, die Lider kaum
Geöffnet, leise wie im Traum:
»Du wunder-, wunderbarer Gast,
Der du mein Heim besuchet hast,
Warum füllt Kummer mich und schwillt
Durch meine Seele. Was bewegt
Mich Greisen denn dein Engelsbild
So tief, so seltsam tief, und regt
Den Sinn mir auf? Sieh mich und schilt,
Schilt nicht: mein Leib ist schwach und alt
Und allem, was da lebt, längst kalt.
Seit ich mich tot in mir verscharrte,
Ist's Ruhe nur, auf die ich warte,
Die ich begehre immerfort.
Ihr gilt mein Denken, gilt mein Wort.
Und nun kommst du, du Junge, mir
Zu Gaste, lockst mich heiß zu dir?
Ach nein, aus deinem lichten Munde
Flammt einer neuen Hoffnung Kunde.
Rufst du zum Himmel mich? Zur Stunde
Bin ich bereit. Allein mir fehlt
Die Würde. Meine Sündenlast
Ist groß. Ich war in dieser Welt
Ein arger Streiter und gehaßt
Von Hirt und Herde. Grausamkeit
War mir nicht fremd. Allein ich schwor
Den Teufel ab, und ich verlor
Zur Buße keinen Tag, allzeit
Entsühnend die Vergangenheit.«
Voll schwerer Sorge und verwirrt
Fragt sie sich bang: »Soll ich's ihm sagen, --
Wer weiß, wohin die Träume ihn verschlagen, --
Sag' ich ihm, daß er phantasiert?«
Doch Nebel des Vergessens hängt
Um ihn, den neuer Schlaf umfängt.
Sie neigt sich über ihn, verstohlen.
Wie sanft er schläft, wie still er ruht!
Kaum merklich hebt beim Atemholen
Die Brust sich. Licht in Ätherflut
Hält ihn ein Engel in der Hut,
Und paradiesisch Lächeln flicht
Sich leuchtend um sein Angesicht.
Nun öffnet er die Augen: »Wer,
Wer ist's? -- Luise? -- Seltsam, ach;
Mir träumte -- --, du, wo kommst du her?
Bist, Wildfang, du so früh schon wach?
Noch liegt der Tau. -- Es nebelt schwer.« --
»Großvater, nein, 's ist hell und klar.
Im Walde blitzt das Sonnenlicht.
Und schon am frühsten Morgen war
Es heiß wie jetzt. Es regt sich nicht
Ein Blatt. -- Weißt du, warum ich kam?
Es gibt ein Fest. Wir feiern heut.
Der alte Geiger Lodelham
Und auch der Fritz sind längst bereit.
Erst kommt die Kahnfahrt bis zur Mittagszeit
Und dann -- --; ach, wenn nur Hans -- --!« Den Greis
Umspielt ein weises Lächeln. Still
Hört er, was sie erzählen will,
Das sorglos junge Blut. »Ich weiß,
Großväterchen, nur du hast Macht,
Ein bitter großes Weh zu bannen.
Mein Hans ist krank. Bald in der Nacht
Und bald am Tag schleicht er von dannen
Zum dunklen Meer. Nichts ist ihm recht,
Nichts freut ihn mehr. Wenn man ihn fragt,
Dann hört er gar nicht, was man sagt.
Er spricht nur mit sich selbst. So schlecht,
So elend sieht er aus. Wenn ihn sein Schmerz
Noch lange quält, geht er zugrund.
>Zugrund<, wie zittert, wenn mein Mund
Das harte Wort gebraucht, mein Herz.
Meinst du, daß er vielleicht mit mir
Nicht mehr zufrieden ist, daß er
Mich nicht mehr liebt? Das träfe schwer
Und hart wie Stahl mein Herz. Sag's mir,
Du Engelsguter!« -- Und sie schlang
Die Arme fest um ihn. Kaum ging
Ihr Atem, als sie an ihm hing
In ihrer Liebe so verwirrt und bang.
Als sich die Träne ihr ins Auge stahl,
Wie war sie schön in ihrer Qual.
»Gib Ruh', mein Kind, nicht weinen, nein.
Schämst du dich nicht?« Der Pfarrer mühte
Sich tröstend um sie. »Gottes Güte
Wird dir Geduld und Kraft verleihn.
Wenn du ihn innig bittest, wirst
Du auch bei ihm Erhörung finden.
Hans lebt ja nur für dich. Du irrst.
Du mußt die Zweifel überwinden.
Du darfst dir nicht mit solchen leeren
Gedanken deine Ruhe stören.« -- --
Und als er noch der weinenden Luise
Zuspricht, die an die welke Brust sich lehnt,
Da bringt die alte Gertrud schon den Kaffee,
Den heißen, bernsteinklaren, den der Greis
So gern im Freien nahm. Er liebte es,
Die Weichselpfeife dann dabei zu rauchen.
So stieg denn bald der Rauch in klaren Ringen.
Luise fütterte gedankenschwer
Den Kater, der mit lautem Schnurren,
Vom süßen Duft gelockt, sie lang umstrichen.
Der Greis erhob sich vom geblümten Sessel
Aus Väterzeit, sprach sein Gebet und drückte
Der Enkelin die Hand. Dann zog er sich
Den sonntäglichen, taftnen Schlafrock an,
Den silberschimmernden, und nahm das Käppchen,
Das Hans ihm kürzlich aus der Stadt gebracht
Und ihm geschenkt. So ging er denn gemächlich,
Sich auf Luisens weiße Schulter stützend, --
Hell schlug der Sang der Lerchen himmelwärts --
Ins Feld hinaus. -- Wie herrlich war der Tag!
Es ließ ein Wind das Gold der Felder wogen,
Das, überragt von dichten, früchteprangenden
Laubkronen, in der Sonne flimmerte.
Fern dunkelten die grünen Wälder.
Dem regenbogenfarbnen Sommerdunst
Entströmten Fluten wundersamster Düfte.
Die Bienen waren fleißig unterwegs
Und sogen Honig aus den jungen Blüten.
Die Grillen zirpten froh. Und aus der Weite
Klang laut und lauter kräft'ger Rudersang.
Und lichter ward der Wald. Das Tal erschien.
Das frohe Schrein der Herden scholl herauf.
Tief in der Ferne sah man schon das Dach
Vom Haus Luisens winken, sah das Rot
Der Ziegel schimmern, wenn die Sonnenstrahlen
In keckem Tanzspiel blitzend es umhuschten. -- --