Es gibt bisher noch keine vollständige und befriedigende Darstellung der
Geschichte Kleinrußlands und des kleinrussischen Volkes. Die zahlreichen
kompilatorischen Darstellungen, die meist ohne strenge kritische
Gesichtspunkte plan- und ziellos aus verschiedenen Chroniken
zusammengetragen, dazu noch meist ganz unvollständig sind und durch die
bisher diesem Volke sein Platz in der Weltgeschichte noch nicht
angewiesen ward, diese Darstellungen nenne ich (trotzdem sie als
Material ganz wertvoll sein können) noch keine Geschichte. Ich habe mich
entschlossen, diese Arbeit auf mich zu nehmen und möglichst ausführlich
darzustellen, wie dieser Teil Rußlands sich loslöste (und selbständig
wurde), was für eine politische Verfassung er unter der fremden
Herrschaft erhielt, wie sich hier eine kriegerische Bevölkerung
heranbildete, die sich durch eine große Originalität des Charakters und
durch ihre Taten auszeichnete; wie sich dieses Volk drei Jahrhunderte
lang mit der Waffe in der Hand seine Rechte erobern mußte und hartnäckig
seine Religion verteidigte, und wie es sich schließlich für immer an
Rußland anschloß; wie es seinen kriegerischen Charakter verlor und sich
in ein Volk von Ackerbauern verwandelte; wie sich das ganze Land
allmählich statt der alten neue Rechte eroberte und endlich mit Rußland
völlig zu einem Ganzen verschmolz. Ungefähr fünf Jahre lang habe ich mit
großem Eifer Materialien gesammelt, die sich auf die Geschichte dieses
Landes beziehen. Die Hälfte meiner Geschichte ist bereits so gut wie
fertig, aber ich zögere noch, die ersten Bände herauszugeben, da ich
vermute, daß es noch viele Quellen gibt, die mir vielleicht noch nicht
bekannt sind, und die sich ohne Zweifel in den Händen von Privatpersonen
befinden. Daher wende ich mich an alle die, die irgendwelche
Materialien: Chroniken, Memoiren, Lieder, Erzählungen von
Bandurenspielern, Aktenstücke (besonders auch solche, die sich auf die
ersten Epochen der kleinrussischen Geschichte beziehen), besitzen (es
ist unmöglich, daß meine gebildeten und aufgeklärten Landsleute mir
diese Bitte abschlagen könnten). Ich bitte sie inniglich, mir diese
Materialien zuzuschicken: wenn nicht die Originale, so doch wenigstens
Kopien.
Zwei Kapitel aus der kleinrussischen Erzählung
Der schreckliche Eber
I.
Der Lehrer
Die Ankunft einer neuen Person in dem gesegneten Lande Goltwjan machte
mehr Aufsehen als das Gerücht, das vor zwei Jahren durch das Land ging,
die Zahl der Rekruten solle vermehrt werden, oder als die plötzliche
Erhöhung der Preise auf das Salz, das von den Steppenbewohnern der
Ukraine aus der Krim eingeführt wurde. In den Schenken, auf den Straßen,
in der Mühle, in der Branntweinbrennerei sprach man von nichts anderem
als von dem neu hierher versetzten Lehrer. Die schlauen Politiker in
ihren großen Kitteln und Kapuzen suchten, während sie mit höchst
phlegmatischen Mienen dichte Rauchwolken unter ihrer Nase emporsteigen
ließen, den Einfluß der Persönlichkeit festzustellen, der das Schicksal
scheinbar schon bei der Geburt einen so hohen Platz über den Köpfen
aller Bewohner der Welt angewiesen hatte, einer Person, die in den
herrschaftlichen Gemächern wohnte und an einem Tisch mit der Besitzerin
eines Gutes von fünfzig Seelen speiste. Man sprach davon, daß das
Lehramt nicht seine ganze Befugnis ausmache, und daß sich sein Einfluß
ohne allen Zweifel auch auf die wirtschaftliche Ordnung erstrecken
werde; jedenfalls werde die Bemessung der Vorspanndienste, die
Verteilung von Mehl, Speck usw. von keinem anderen abhängen als von ihm.
Einzelne ließen mit bedeutsamer Miene durchblicken, daß nunmehr
womöglich selbst der Verwalter zu einer bloßen Null herabsinken werde.
Nur der _Miroschnik_, d. h. der Müller Ssolopi Tschubko, wagte die
Behauptung aufzustellen, daß die Dorfältesten nichts von ihm zu
befürchten hätten, er sei bereit, eine Wette einzugehen, und setze eine
neue Mütze aus grauem reschetilowschem Lammfell zum Pfande --, daß der
Lehrer keine Ahnung davon habe, wie man ein Fünfgespann zum Stehen und
das stockende Mühlrad wieder in Schwung bringen müsse. Aber seine
wichtige Haltung, sein glänzender Triumph über den Kirchensänger und die
donnerähnliche Baßstimme, die alle Pfarrkinder in Rührung versetzt
hatte, waren noch im Gedächtnis aller lebendig, und so blieb denn die
vorteilhafte Meinung, die man von dem neuen Lehrer hatte, bestehen. Und
wenn auch zu Ehren des Gastes kein einziges Turnier zwischen den
angesehensten Bewohnern des Dorfes stattfand, so ließen sich dafür ihre
liebenswürdigen Gattinnen nicht lumpen: begabt mit jener kräftigen
Zunge, die so laute und durchdringende Töne hervorzubringen vermag und
die sich bei den Weibern nach dem unerforschlichen Ratschluß der
Vorsehung beinahe viermal so schnell bewegt wie bei den Männern, ließen
sie ihr bei der Widerlegung der Angriffe und bei der Verteidigung der
Vorzüge des Lehrers gewandt und behende freien Lauf.
Lautes Geschrei und Geplapper, unterbrochen von plötzlichen Aufschreien
und Gezänk, erfüllte die friedlichen Winkelgassen des Dorfes Mandrykow.
Und da seine ehrenhaften Bewohnerinnen die löbliche Gewohnheit hatten,
ihrer Zunge auch noch mit den Händen nachzuhelfen, konnte man in den
Straßen fortwährend ein Paar kräftig ineinander verkrallter
Gevatterinnen antreffen, die so eng aneinanderhingen, wie ein
Schmeichler an einem Günstling des Glücks hängt oder wie ein Geizhals
seine Tasche festhält, wenn die Straßen öde werden und eine einsame
Laterne ihr erlöschendes Licht auf die gelben Mauern der schlafenden
Stadt wirft. Am meisten hatten jedoch die Männer zu leiden, die es
versuchten, sie zu trennen: Schnitzel und Scherben hagelten ihnen auf
den Kopf herab, und häufig verprügelte eine erregte Gevatterin in der
Hitze ihres Zornes statt eines fremden ihren eigenen Gatten.
Inzwischen hatte sich unser Pädagoge völlig im Hause Anna Iwanownas
eingelebt. Er gehörte zu der Zahl jener Seminaristen, die einen _Schreck
vor der abgründigen Weisheit_ bekommen hatten, mit der das ***sche
Seminar die nicht allzu wohlhabenden Herren von Kleinrußland gegen etwa
hundert Rubel jährlich für ihren Beruf als Hauslehrer ausstattet. --
Übrigens war Iwan Ossipowitsch sogar bis zur Theologie vorgedrungen, und
er wäre wohl gar weiß Gott wie weit, ja wahrscheinlich sogar noch weiter
gekommen, wenn seine lockeren Kameraden nicht gewesen wären, die sich
beständig über seinen Schnurrbart und seinen stacheligen Backenbart
lustig machten. Als von Jahr zu Jahr ein Teil die Schule verließ und
immer jüngere und jüngere an ihre Stelle traten, ließen sie ihm
überhaupt keine Ruhe mehr: bald warfen sie ihm klebrige Disteln in
seinen Bart und Schnurrbart, bald hängten sie ihm hinten am Rock
Schellen an, bald puderten sie ihm das Haar mit Sand oder schütteten ihm
Nieswurz in die Tabaksdose, bis Iwan Ossipowitsch es überdrüssig wurde,
der stumme Zeuge dieses ewigen Wechsels leichtsinniger Generationen und
ihr Kinderspielzeug zu sein, bis er sich genötigt sah, dem Seminar
Lebewohl zu sagen und sich in die »_Vakanz_« schicken zu lassen, d. h.
nach dem Sprachgebrauch der kleinrussischen Seminare: Hauslehrer zu
werden.
Diese Veränderung bildete eine wichtige Epoche und einen Wendepunkt in
seinem Leben. An die Stelle der ewigen Spöttereien und Streiche seiner
mutwilligen Kameraden trat nun endlich etwas wie Achtung, Anhänglichkeit
und Sympathie. Mußte man denn auch nicht unwillkürlich Achtung vor ihm
empfinden, wenn er an Festtagen in seinem hellblauen Rock
dahergeschritten kam -- wohlgemerkt im hellblauen Rock -- denn das ist
von nicht geringer Bedeutung. Ich sehe es als meine Pflicht an, den
Leser darüber aufzuklären, daß ein Rock im allgemeinen (gar nicht erst
zu reden von einem blauen), wenn er bloß nicht aus grauem Stoff
gefertigt ist, in den Dörfern an den gesegneten Ufern der Goltwa einen
ganz wundersamen Eindruck macht: wo er sich auch zeigt, da fliegen
selbst von den trägsten und unbeweglichsten Köpfen die Mützen herab und
begeben sich in die Hände ihrer Besitzer; selbst die würdigen mit
schwarzen und grauen Schnurrbärten gezierten, sonnengebräunten Häupter
beugen sich tief bis zum Gürtel. Die Zahl aller Röcke im Dorfe betrug --
wenn man auch den Mantel des Kirchensängers mitrechnet -- drei; aber so
wie ein majestätischer Kürbis sich stolz aufbläht und alle übrigen
Bewohner eines reichbepflanzten Melonenfeldes in den Schatten stellt,
also verdunkelte der Rock unseres Freundes seine sämtlichen Mitbrüder.
Was ihm den größten Reiz verlieh, das waren die Knochenknöpfe, die von
den in Haufen auf der Straße stehenden Straßenjungen mächtig angestaunt
wurden. Nicht ohne Vergnügen hörte unser stutzerhafter Erzieher der
Jugend, wie die Mütter ihre Säuglinge auf die Knöpfe aufmerksam machten,
und wie die Kleinen ihre Händchen ausstreckten und _Zga zga Zga zga_ (d.
h. gut, gut) lallten. Beim Mittagessen war es ein Genuß, zuzusehen, wie
würdig und mit welcher Rührung unser ehrenwerter Lehrer mit
vorgebundener Serviette die allgemeine Verrichtung irdischer Sättigung
besorgte. Da gab es kein überflüssiges Wort, keine unnötige Bewegung; er
schien sich völlig in seinen Teller zu verfügen und ganz in ihm
aufzugehen. Wenn er ihn so gründlich geleert hatte, daß kein
gastronomisches Gerät, als da sind Gabel und Messer, noch etwas vorfand,
dessen es sich bemächtigen konnte, schnitt er sich ein Stück Brot ab,
spießte es auf die Gabel auf und fuhr mit diesem Gerät noch einmal über
den Teller, wonach dieser so blank und rein war, als käme er eben aus
der Fabrik. Aber dies alles, kann man wohl sagen, waren nur äußere
Vorzüge, die seine Kenntnis der Sitten und Formen der feinen Welt
bezeugten, und der Leser würde sehr fehlgehen, wenn er hieraus schließen
wollte, daß damit alle seine Gaben und Fähigkeiten erschöpft gewesen
wären. Der würdige Pädagoge besaß für einen einfachen Mann geradezu
unermeßliche Kenntnisse, von denen er einige für sich behielt, wie z. B.
die Zubereitung einer Arznei gegen den Biß von tollen Hunden und die
Kunst, bloß aus Eichenrinde und Salpetersäure die schönste rote Farbe
herzustellen. Außerdem konnte er eigenhändig die herrlichste
Stiefelwichse und Tinte herstellen und für den kleinen Enkel Anna
Iwanownas Figuren aus Papier ausschneiden; und an Winterabenden wickelte
er Garn auf und spann er sogar.
Ist es da wohl verwunderlich, wenn er sich bei solchen Gaben im Hause
bald unentbehrlich machte, und wenn alle Knechte und Mägde völlig in ihn
vernarrt waren, trotzdem sein Gesicht sowohl nach seiner Form wie nach
seiner Farbe völlig einer Flasche glich, obwohl sein gewaltiger Mund,
dessen dreisten Ansprüchen die abstehenden Ohren nur mit Mühe eine
Schranke zu setzen vermochten, sich fortwährend verzog und verzerrte,
indem er sich zu einem Lächeln zu zwingen suchte, und obwohl seine Augen
eine hellgrüne Farbe hatten -- zwei Augen, wie sie, soviel mir bekannt
ist, in den Annalen der Romane noch nie ein Held besessen hat. Aber
vielleicht sehen die Frauen mehr als wir? Wer will sie enträtseln? Wie
dem auch sein mag, genug, auch die alte Dame, die Frau des Hauses, war
sehr befriedigt von den Kenntnissen des Lehrers in den Geheimnissen der
Haushaltung und von seiner Kunst, aus Safran und _Herba rhabarbarum_
Schnaps herzustellen, sowie von seiner Geschicklichkeit im Entwirren von
Garn und seiner großen Lebenserfahrung. Der Haushälterin gefiel am
meisten sein stutzerhafter Rock und seine Kunst, sich zu kleiden;
übrigens hatte auch sie bemerkt, daß der Lehrer eine wundersame gerührte
Miene machte, wenn er zu schweigen oder zu essen geruhte. Dem kleinen
Enkel machten die papierenen Hähne und Männchen außerordentlich viel
Spaß. Selbst der zottige _Browko_ pflegte ihm, sobald er ihn auf die
Treppe hinaustreten sah, sofort zärtlich mit dem Schweife wedelnd,
entgegenzulaufen und ihn ohne alle Förmlichkeit auf die Lippen zu
küssen, wenn der Lehrer, die Würde, die seinem Amte gebührte,
vergessend, sich unter dem majestätischen Giebel niederzusetzen
beliebte. Nur die beiden älteren Enkelkinder und die Jungen, die zum
Hause gehörten, mit denen er das A -- _Affe_, _Apfel_, _Be_ -- _Besen_,
_Bild_, _Bär_ durchnahm, fürchteten sich vor der beredten, höchst
ausdrucksvollen Rute des strengen Pädagogen.
Während seines kurzen Aufenthaltes am neuen Orte hatte Iwan Ossipowitsch
schon selbst Zeit gefunden, seine Beobachtungen zu machen und sich in
seinem Kopfe wie in einem Hohlspiegel ein kleines Abbild der ihn
umgebenden Welt zu formen. Die erste Person, an der seine
Beobachtungsgabe mit dem gebührenden Respekt haften blieb, war, wie der
Leser sich wohl selbst denken wird, die Gutsherrin. In ihrem Gesicht,
das der scharfe Pinsel, der das menschliche Geschlecht seit undenklichen
Zeiten koloriert und den man, seit Gott weiß wie langer Zeit, mit dem
Namen »Falte« zu bezeichnen pflegt, nicht verschont hatte, in ihrer
dunkelkaffeefarbenen Kapotte, in der Haube (deren Form in dem Gewirr der
Ereignisse, die das achtzehnte Jahrhundert charakterisieren, verloren
gegangen ist), in ihrem braunen Wams und den Schuhen ohne Hackenleder,
erkannten seine Augen jene Lebensperiode wieder, die eine matte
schwächliche Wiederholung der vergangenen, eine kalte farblose
Übersetzung der Werke eines feurigen, von ewigen Leidenschaften
glühenden Poeten ist, -- jener Periode, wenn den Menschen nichts als die
Erinnerung, diese Repräsentantin der Gegenwart, Vergangenheit und
Zukunft übrigbleibt, wenn das verhängnisvolle siebente Jahrzehnt einem
Kälte durch die einstmals von Feuer durchströmten Adern treibt und das
Lebensthermometer unter den Gefrierpunkt sinkt. Übrigens belebten die
ewigen Sorgen und die Passion, sich zu beschäftigen und sich zu schaffen
zu machen, einigermaßen das schon erloschene Leben in ihren Zügen, und
ihre Frische und Gesundheit waren ein sicheres Unterpfand, daß ihr noch
weitere dreißig Jahre des Lebens bevorstanden. Die ganze Zeit von fünf
Uhr morgens bis sechs Uhr abends, das heißt bis zur Stunde, wo man sich
Ruhe zu gönnen pflegt, bildete eine ununterbrochene Kette der Tätigkeit.
Bis sieben Uhr morgens hatte sie bereits alle Räume besucht und den
ganzen Haushalt durchmustert: Küche, Keller und Vorratskammern; sie
hatte Zeit gefunden, sich mit dem Verwalter zu zanken und die Hühner und
Gänse eigener Zucht, für die sie eine große Vorliebe hatte, zu füttern.
Vor dem Mittagessen, das nie später als um zwölf Uhr stattfand, blickte
sie in die Backstube hinein und half selbst beim Backen von Brot und
einer besonderen Art von Brezeln aus Honig und Eierteig, deren bloßer
Geruch den Pädagogen in eine unerklärliche Aufregung versetzte; besaß er
doch eine leidenschaftliche Sympathie für alles, was der geistigen und
physischen Natur der Menschen zur Nahrung dient. In der Zeit zwischen
Mittagessen und Abend gibt's für eine Hausfrau genug zu tun. -- Da
gibt's Wolle zu färben, Leinwand abzumessen, Gurken einzusalzen, Früchte
einzumachen, Liköre zu süßen. Wieviel Methoden, Geheimnisse und
Hausrezepte kommen während dieser Zeit zur Anwendung! Dem aufmerksamen
Auge unseres Pädagogen konnte es nicht entgehen, daß auch Anna Iwanowna
die Eitelkeit nicht ganz fremd war, und daher machte er es sich zur
Regel, sich, freilich nur soweit ihm dies seine angeborene
Schüchternheit erlaubte, in Lobeserhebungen über ihre außergewöhnlichen
wirtschaftlichen Künste und Fähigkeiten zu ergehen, und dies wurde ihm,
wie er später erfuhr, von großem Nutzen. Die würdige alte Dame verschloß
die süßen Liköre und die Gläser mit Eingemachtem nicht eher, als bis
Iwan Ossipowitsch davon gekostet und die außerordentliche Güte des einen
wie des anderen gerühmt hatte. Alle übrigen Personen standen im
Schatten, verglichen mit diesem leuchtenden Gestirn, so wie alle Gebäude
im Hofe vor dem herrlichen Bau mit dem prachtvollen Portal in den Staub
zu sinken schienen. Nur dem Auge eines scharfsinnigen Beobachters
enthüllten sich ihre gegenseitigen Beziehungen und das besondere
Kolorit, das jedem eigentümlich war, und dann erblickte er, fast wie in
einem Ameisenhaufen, eine ewige Unruhe und Bewegung und er vernahm ein
fortwährendes Geräusch, das keinen Augenblick verstummte. Unser Pädagoge
verstand es, wie wir bereits gesehen haben, es jedem recht zu machen und
sich gleich einem mächtigen Zauberer dauernd die allgemeine Achtung zu
erwerben.
Gänzlich unbegreiflich waren allein die Gründe, die ihn veranlaßt
hatten, sich dem Küchenmeister anzuschließen. War es die hohe Achtung,
die Iwan Ossipowitsch unwillkürlich vor seiner Kunst empfand, oder war
es irgendein anderer Umstand -- das wagen wir nicht zu entscheiden.
Genug, es vergingen keine zwei Tage, da erstanden Mandrykow zwei
Dioskuren, der Orest und Pylades der neuen Welt. Aber noch
unbegreiflicher war die Macht, die der Küchenmeister über unseren
Pädagogen besaß, so daß der von Natur so bescheidene und schüchterne
Lehrer, der nichts in den Mund nahm außer einem medizinischen Dekokt von
_Betonica_ und _Herba rhabarbarum_, ihm unwillkürlich in die Schenken
und überallhin zu folgen begann, wo der verbummelte Küchenmeister seine
Nase hineinsteckte. Iwan Ossipowitsch gefiel die romantische Lage der
Gegend, in der er sich aufhielt. Bald hatte er die Küche, die Speicher,
die Scheunen, die Ställe und Vorratskammern, die einen unregelmäßigen
Kreis um den geräumigen Herrenhof bildeten, besichtigt; mit besonderem
Vergnügen verweilte er bei dem Garten, der üppig in die Breite
geschossen war und dessen gigantische Bewohner, in ihre dunkelgrünen
Mäntel gehüllt und von wundersamen Traumgestalten umschwebt, dastanden
und schlummerten oder, sich plötzlich ihren Träumen entreißend, die
unbotmäßige Luft wie Windmühlenflügel durchschnitten, und dann ging es
wie ein unverständliches Geflüster durch das Blattwerk, und die
gemessene majestätische Bewegung ihres ganzen Körpers gemahnte an die
alten Mimen, die die großen Schatten der Verstorbenen auf den Gerüsten
Melpomenes heraufbeschworen. Aber die Augen unseres Lehrers suchten ihr
Objekt und hafteten mehr an den weniger majestätischen Gartenbewohnern,
die dafür von unten bis oben mit Birnen und Äpfeln behangen waren, von
denen die üppige Ukraine förmlich strotzt. Von hier aus kämpften sie
sich bis zur Küche durch, hinter der zogen sich Plantagen von Erbsen,
Kohl, Kartoffeln, sowie aller Kräuter hin, die in die Apotheke der
Dorfküche gehören. Nicht ohne besonderes Vergnügen betrat er das reine,
sauber geweißte und aufgeräumte Zimmer, in dem er nun wohnen sollte, mit
dem Fenster, durch das man auf den Teich und die in violette Nebel
gehüllte Landschaft hinaussah.
Wir hatten bereits Gelegenheit, etwas über den Eindruck, den unser
Lehrer auf die Schönen von Mandrykow gemacht hatte, zu bemerken: die
gesenkten Augen, das Geflüster und die tiefen Verbeugungen ließen
erkennen, daß seine Eroberung einer jeden von ihnen als keine geringe
Angelegenheit erschien. Übrigens ist es hier wohl am Platze, den
freundlichen Leser daran zu erinnern, daß Iwan Ossipowitsch einen Rock
aus blauem Fabrikstoff mit schwarzen Knochenknöpfen von der Größe eines
mächtigen Groschens anhatte; und so war es sehr verzeihlich, wenn er
sich das Augenblinzeln der schwarzbrauigen Schelminnen zu seinen Gunsten
auslegte. Zum Glück oder Unglück jedoch suchte das Gefühl, das der armen
Menschheit so gut bekannt ist und ihr seit undenklichen Zeiten ein
wahres Meer von unerträglichen Qualen beschert hat, unseren Pädagogen
nicht heim. In diesem Punkte war Iwan Ossipowitsch ein echter Stoiker,
und obwohl er noch nicht bis zur Philosophie vorgedrungen war, wußte er
doch genau, daß keiner der Philosophen von Seneca und Sokrates bis herab
zum Lektor des ***er Gymnasiums die wunderliche Hälfte des
Menschengeschlechts für nichts achtete: ergo gab es keine Liebe. An
solchen Prinzipien, die bei ihm schließlich die Festigkeit von
Grundsätzen angenommen hatten, hielt er sehr fest, ja allzu fest ...
_Homo proponit, Deus disponit_ pflegte der Lektor des ***er Gymnasiums
häufig zu sagen, indem er die Schläge zählte, die er seinen faulen
Schülern mit dem Lineal verabreichte; daher werden wir auch im folgenden
Kapitel einen kleinen Umstand kennen lernen, der die Philosophie unseres
Lehrers heftig erschütterte und seinen Verstand mit einer ganzen Wolke
von Mißverständnissen bestürmte, ihn, der bisher unbeugsam in den
Fußstapfen seiner großen Lehrmeister gewandelt war und sich mit
regelmäßigem Pulsschlag in seiner flaschenförmigen Sphäre bewegt hatte.
II.
Der Erfolg der Gesandtschaft
(Der Küchenmeister entschließt sich trotz der eigenen Herzenswunde,
die er sich ganz plötzlich durch den Anblick der sich am Teiche
waschenden Katerina zugezogen hat, das Versprechen, das er dem
Lehrer gegeben hat, einzulösen und den Gesandten und Fürsprecher
seiner Leidenschaft zu spielen. In dieser Absicht begibt er sich in
die Hütte des Kosaken Charjka Potyliza.)
Nachdem Onißko seine Toilette beendigt hatte, überschritt er nicht ganz
ohne Furcht und geheime Freude die Schwelle. Der Böse schien ihn necken
zu wollen (er gab dies später selbst zu), indem er ihm fortwährend die
schlanken Füßchen seiner Nachbarin vorzauberte: »Ach, wenn doch der
Lehrer nicht wäre!« wiederholte er mehrmals bei sich selbst; »was hätte
es ihn gekostet, wenn er sich's hätte einfallen lassen, sich nur ein
klein wenig später zu verlieben?« Und nachdenklich durchmaß er langsamen
Schrittes die große Viehweide, durch die ihn sein Weg hindurchführte.
Doch jetzt durchbrach ein vielstimmiges Gebell die nachdenkliche
Stimmung, die ihn gleich einer Wolke umfing, und seine Gedanken stoben
aufgescheucht wie eine Schar wilder Enten nach allen Richtungen
auseinander. Er richtete die Augen empor und sah nun, daß er nicht mehr
weiter konnte. Vor ihm erhob sich ein Tor, durch das wie durch
ein Transparent der ganze unbewegliche Besitz des Kosaken
hindurchschimmerte. Ein blauer Schlitzrock und ein feuerfarbenes Band
leuchteten ihm entgegen ... Das Herz hüpfte ihm in dem Busen ... die
blonde Schöne öffnete das Tor, trieb die lästigen Hunde mit einer langen
Rute auseinander und stand nun vor ihm.
Der Hof Charjkas stellte ein großes Quadrat dar, das auf einer Böschung,
die sich gegen den Teich hinabsenkte, lag und von allen Seiten mit einem
geflochtenen Zaun umgeben war. Wenn das Tor geöffnet war, sah man
unmittelbar vor sich eine sauber geweißte Hütte mit mächtigen Fenstern
von ungleicher Größe und eine eichene Tür, die schon ganz schwarz vor
Alter war; das Häuschen stand auf einem niedrigen Lehmfundament (einer
sogenannten Prisba), das nach der in Kleinrußland herrschenden Sitte mit
Wäsche, Suppenschüsseln und einem Topf, einem alten Invaliden aus Ton,
bedeckt war, dem trotz seiner Wunden und Verletzungen noch kein Abschied
bewilligt wird, und den man zum Dank für seine treuen Dienste mit
Spülwasser zu füllen pflegt. Zu beiden Seiten der Hütte befanden sich
Ställe und Speicher mit struppigen beschädigten Dächern. Hinter der
Hütte ragte eine Tenne empor, die ihrerseits von einem Taubenschlag
überragt wurde, über den man nur noch die vorüberziehenden Wolken und
die in der Luft herumflatternden Tauben erblickte. Weiter unten streckte
sich der Gemüsegarten gleich einem kostbaren türkischen Schal bis zum
Teiche hinab. Auf dem ganzen Hofe erblickte man überall Strohhaufen, die
unordentlich herumlagen.
Katerina schien ein wenig verwundert über Onißkos Besuch. Da sie annahm,
daß ihn ohne Zweifel lediglich die Not zu ihrem Vater geführt haben
konnte, öffnete sie das Tor nur zur Hälfte und sagte ein wenig verlegen:
»Vater ist nicht zu Hause; er wird auch kaum bis zum Abend heimkommen.«
»_Mag es ihm so leicht aufstoßen, wie es aus seinem Innern aufsteigt!_
Was wär' ich für ein Tölpel vor dem Herrn, wenn ich trockenen Brei
fressen wollte, wo mir Quarkkuchen mit saurem Rahm vor der Nase stehen?«
Die blonde Schöne blieb überrascht und verblüfft stehen, denn sie wußte
nicht, wie sie diese Worte verstehen sollte. Ein Lächeln, das durch sein
seltsames Benehmen veranlaßt war, huschte über ihr Gesicht und schien
anzudeuten, daß sie auf weitere Aufklärung warte.
Der Küchenmeister fühlte selbst, daß er sich nicht ganz deutlich
ausgedrückt und dazu ihres Vaters mit etwas rauhen Worten gedacht hatte;
er fuhr daher fort: »Da müßte mich doch schon der Böse selbst zum
_Alten_ führen, wenn dieser eine so hübsche Tochter hat.«
»Ah, ist es das!« sagte Katerina lächelnd und leicht errötend. »Bitte,
tretet ein!« und sie schritt voraus und ging auf die Tür der Hütte zu.
In Kleinrußland haben die Mädchen viel mehr Freiheit als irgendwo
anders, und daher darf es nicht seltsam erscheinen, daß unsere Schöne,
ohne daß ihr Vater etwas davon wußte, einen Gast bei sich empfing. »Bist
du zu Fuß hierher gekommen, Onißko?« fragte sie ihn, indem sie sich auf
der Schwelle an der Tür der Hütte niederließ und eine würdige und
ehrbare Haltung anzunehmen suchte, obwohl ihr schelmisches Lächeln, bei
dem sie eine lange Reihe schöner Zähne sehen ließ, sie deutlich verriet.
-- Wieso zu Fuß? -- Teufel auch! sollte sie über das, was gestern
vorgefallen ist, unterrichtet sein? dachte der Küchenmeister. -- »Gewiß
doch zu Fuß, meine Schöne. Wahrhaftig, der Teufel müßte mich reiten,
wenn ich absichtlich den Braunen meines Herrn angespannt hätte, bloß um
von einem Hof zum anderen zu gelangen!«
»Aber von der Küche bis zur Vorratskammer ist es doch nicht so weit!«
Hier aber konnte sie sich doch nicht mehr halten und lachte laut auf.
-- Nein, du Schelmin! Der Böse selbst ist nicht schlauer als dieses
Mädel! wiederholte der Küchenmeister mehrmals bei sich selbst und
wünschte den Lehrer laut zum Teufel, alle Sympathie und Freundschaft
vergessend, die zwischen ihnen bestand.
»Übrigens wäre ich damit einverstanden, daß mir die Karauschen samt den
frischgesalzenen Eierschwämmen auf der Pfanne anbrennen, wenn du nur
noch einmal so lachen wolltest, schönes Mädchen!«
Bei diesen Worten konnte der Küchenmeister sich nicht mehr beherrschen
und umarmte sie.
»Nein, das habe ich nicht gerne!« rief Katerina errötend, wobei sie eine
zornige Miene machte. »Bei Gott, Onißko, wenn du noch einmal so etwas
tust, so werfe ich dir ohne viel Umstände diesen Topf an den Kopf.«
Bei diesen Worten hellte sich ihr zorniges Gesichtchen ein wenig auf,
und das Lächeln, das hierbei über ihr Antlitz huschte, schien deutlich
sagen zu wollen: »aber ich wäre dessen nicht fähig!«
»Nein, nicht doch, nicht doch! _Ich habe dich doch nicht mit dem
Lastwagen gestreift._ Als ob das ein Grund ist, so böse zu werden! Als
ob das weiß Gott was für ein Verbrechen wäre, -- ein hübsches Mädchen zu
umarmen!«
»Sieh, Onißko, ich bin ja gar nicht böse,« sagte sie, indem sie ein
wenig von ihm abrückte und wieder ein fröhliches Gesicht machte;
»übrigens schien es mir so, als hättest du den Lehrer erwähnt.«
Da aber machte der Küchenmeister ein recht kümmerliches Gesicht, das
mindestens um ein paar Zoll länger wurde als gewöhnlich. »Der Lehrer ...
Iwan Ossipowitsch soll das heißen ... Pfui Teufel noch einmal! Ich
verschlucke die Worte, noch ehe sie meinem Munde entschlüpfen können,
ganz als ob ich Gewürzbranntwein getrunken hätte. Der Lehrer ... Sieh
mal, was ich dir sagen will, mein Herz! Iwan Ossipowitsch hat sich so in
dich verknallt, daß ... nun ... wie sich's halt nicht wiedergeben läßt.
Er grämt und härmt sich ab wie die selige braune Stute, die der Herr dem
Juden abgekauft hat und die einen Herzschlag bekam und krepierte. Was
soll man da machen? Der arme Mensch tat mir leid, und da bin ich halt
aufs Geratewohl hergekommen, um mich für ihn zu verwenden.«
»Da hast du einen schönen Auftrag übernommen,« unterbrach ihn Katerina
ein wenig ärgerlich. »Bist du etwa sein Brautwerber oder sein
Verwandter? Ich würde dir doch raten, alle Landstreicher aus dem Dorfe
in die Küche zu laden und selbst betteln zu gehen und vor den Fenstern
um Almosen für sie zu bitten.«
»Das ist schon ganz richtig; indes, ich weiß wohl, daß es dich freut,
und sogar sehr freut, daß der Lehrer auf den Einfall gekommen ist, dir
nachzulaufen.«
»Das sollte mich freuen? Hör' mal, Onißko: wenn du das sagst, um dich
über mich lustig zu machen, so wirst du wenig Nutzen davon haben. Du
solltest dich schämen, ein armes Mädchen schlecht zu machen! Wenn du
aber _wirklich_ so denkst, so bist du wahrhaftig der dümmste Mensch im
ganzen Dorfe. Gottlob, ich bin noch nicht blind, Gott sei Dank, bin ich
noch bei Verstande ... Aber das hast du sicherlich nicht umsonst gesagt:
ich weiß wohl, etwas anderes hat dich dazu veranlaßt. Du hast wohl
geglaubt ... Nein, du bist ein schlechter Mensch.«
Bei diesen Worten wischte sie sich mit dem gestickten Hemdärmel eine
Träne aus dem Gesicht, die plötzlich in ihrem Auge aufblitzte und ihr
über die glühende Wange rollte, wie eine Sternschnuppe den warmen
Abendhimmel hinunterschießt.
-- Hol' der Teufel alle Lehrer der Welt! dachte Onißko bei sich, indem
er das glühende Gesicht Katerinas betrachtete, auf dem das Lächeln von
vorhin lange Zeit mit dem Ärger kämpfte, um ihn schließlich gänzlich zu
verscheuchen.
»Der Donner treffe mich hier auf der Stelle!« rief er endlich aus, da er
seine innere Erregung nicht mehr unterdrücken konnte, und umfaßte ihre
rundliche Taille. »Der Donner treffe mich, wenn es mich nicht ebenso
freut, daß du Iwan Ossipowitsch nicht liebst, wie den alten Browko, wenn
ich ihm sein Spülwasser bringe.«
»Wirklich, auch ein Grund, sich zu freuen! Du wirst wohl noch mehr
grinsen, wenn du erfährst, daß fast alle Mädchen im Dorf dasselbe
sagen.«
»Nein, sag' das nicht, Katerina. Die Mädchen haben ihn lieb. Neulich
gingen wir beide zusammen durch das Dorf, da steckten sie fortwährend
ihre Köpfe über den Zaun, wie Frösche aus dem Sumpfe. Wir guckten nach
rechts -- da waren sie schon wieder verschwunden, aber zur Linken, da
streckte wieder eine andere ihr Köpfchen vor. Doch hol' sie der Teufel
alle mitsamt dem Lehrer! Ich gäbe ein Viertel vom besten Branntwein
dritter Güte dafür, wenn ich von dir erfahren könnte, Katerina, ob du
mich auch nur für einen Groschen liebhast?«
»Ich weiß nicht, ob ich dich liebe; ich weiß nur, daß ich um alles in
der Welt keinen Trunkenbold heiraten möchte. Wer mag mit so einem
zusammenleben? Wie traurig ist das Los einer Familie, aus der solch ein
Mensch stammt; man mag gar nicht in die Hütte hineinschauen: da gibt's
nichts zu sehen als Armut und Elend, die Kinder hungern und weinen.
Nein, nein, nein! Gott behüte! Mich schaudert's schon beim bloßen
Gedanken daran! ...«
Und Katerina warf ihm einen langen, tiefdringenden Blick zu. Gebeugten
Hauptes und wie ein Verdammter saß der Küchenmeister in seine
Vergangenheit versunken da. Schwere Gedanken, Ausgeburten geheimer
Gewissensnöte, gruben tiefe Spuren in sein Gesicht und bewiesen
deutlich, daß ihm nicht allzu heiter zumute war. Der durchbohrende Blick
Katerinas schien sein ganzes Innere zu versengen und brachte alle
ungestümen, wilden Streiche ans Licht, die in einer langen, nie endenden
Reihe an ihm vorüberzogen.
»Wahrhaftig, was bin ich für ein Mensch? Wer mag mit mir leben? Ich
liege bloß meinem Pan auf dem Halse. Habe ich bisher etwas getan, wofür
mir ein guter Mensch gedankt hätte? Ich habe nur immer gebummelt und
gebummelt! Und habe ich auch nur einmal so gebummelt, daß Herz und Seele
sich dabei wohl fühlten? Man betrinkt sich wie ein Hund und wird wieder
nüchtern wie ein Hund, wenn andere einem nicht in noch peinlicherer
Weise den Rausch austreiben. Nein, hol's der Teufel ... es ist ein
Hundeleben, das ich führe!«
Die schöne Katerina schien seine philosophischen Betrachtungen, die er
bei sich selbst anstellte, zu erraten; sie legte ihm ihr braunes
Händchen auf die Schulter und murmelte halblaut: »Nicht wahr, Onißko, du
wirst nie mehr trinken.«
»Nie wieder, mein Herzchen, nie wieder! Mag kommen, was da will! Für
dich könnte ich alles tun.«
Das Mädchen sah ihn gerührt an, und der Küchenmeister schloß sie
begeistert in seine Arme und bedachte sie mit einem wahren Hagelschauer
von Küssen, wie ihn der ruhige und gemütliche Gemüsegarten schon lange
nicht erlebt hatte.
Kaum aber hatte der Laut der verliebten Küsse die Luft erschüttert, als
eine helle, durchdringende Stimme furchtbarer als das Grollen des
Donners das Ohr des sich zärtlich liebkosenden Paares traf. Der
Küchenmeister sah auf und erblickte zu seinem Entsetzen die auf dem
Zaune stehende Ssimonicha.
»Herrlich, vortrefflich! Feine junge Leute das! Bei uns im Dorfe weiß
man noch nicht, wie Burschen und Mädel sich küssen, wenn der Vater nicht
zu Hause ist! Herrlich! Das ist mir ein nettes Mandrykowsches Lämmchen!
Man sage nun noch, das Sprichwort: >Stille Wasser sind tief< lüge. So
also treibt man's. Solche Streiche macht ihr! ...«
Mit Tränen im Auge mußte sich das schöne Mädchen in die Hütte
zurückbegeben, wußte sie doch, daß sie den giftigen Reden der
Schenkenbesitzerin nicht anders entgehen konnte.
»Wenn dir doch jemand ein Schloß vor den Mund hängte, alte Hexe!« sagte
der Küchenmeister. »Was geht denn dich das an?«
»Was mich das angeht?« fuhr die unermüdliche Schankwirtin fort. »Das ist
noch schöner! Die Burschen machen sich einen Spaß draus, über den Zaun
und in fremde Gärten zu klettern, die Mädchen locken die Burschen zu
sich herein -- und das sollte mich nichts angehen! Sie liebäugeln und
küssen sich -- und das sollte mich nichts kümmern! Hast du's gehört,
Karno?« schrie sie plötzlich auf, indem sie sich schnell umdrehte und an
einen vorübergehenden Bauern wandte, der, ohne auf etwas zu achten, mit
einer langen Rute fuchtelnd, daherkam, gefolgt von einer ebenso langsam
einherschreitenden Kuh. »Hast du's gehört? Steh doch einen Augenblick
still. Was das für eine Geschichte ist! Charjkas Tochter ...«
»Pfui Teufel!« schrie der Küchenmeister, indem er zur Seite spuckte und
völlig die Geduld verlor. »Der Teufel selbst hat sich vermummt und die
Gestalt dieses Weibes angenommen. Warte nur, Hexe! Ich werde schon
Gelegenheit finden, dir's heimzuzahlen!«
Und der Küchenmeister setzte seinen Fuß auf den Zaun und war einen
Augenblick später im Garten des Herrn.
Es war nicht mehr sehr früh, als er in die Küche zurückkehrte und sich
an die Zubereitung des Abendessens machte. Allein die große
Zerstreutheit, die er bei jeder Gelegenheit an den Tag legte, konnte
Jewdocha nicht entgehen. Mehrfach goß der Küchenmeister Essig in den mit
sauerem Rahm versetzten Brei oder er spießte mit wichtiger Miene die
Mütze auf den Bratenwender und wollte sie an Stelle eines Huhns braten.
Während des Abendessens konnte Anna Iwanowna durchaus nicht verstehen,
warum der Brei so unglaublich sauer und die Sauce so versalzen war, daß
man sie absolut nicht in den Mund nehmen konnte. Nur mit Rücksicht auf
die Mühen, denen er sich an jenem Tage unterzogen hatte, ließ man den
Küchenmeister in Ruhe; zu einer anderen Zeit wäre unser Held nicht so
leichten Kaufes davongekommen.
»Nein, Herr Lehrer!« murmelte er, indem er sich auf seine hölzerne
Pritsche streckte und sich seinen Kittel unter den Kopf legte, »die
Katerina bekommen Sie ebensowenig zu sehen wie Ihre Ohren!« Und nachdem
er seinen Kopf in den Kittel vergraben hatte, wie eine Gans eigener
Zucht, versank er in Sinnen, um bald darauf einzuschlummern.