Jugendschriften

1834

Großer, feierlicher Augenblick! Gott, wie rauschen, wie drängen sich in

ihm die Wogen der mannigfaltigsten Gefühle zusammen! Nein, das ist kein

Traum. Das ist die verhängnisvolle unvermeidliche Grenzscheide zwischen

Erinnerung und Hoffnung ... Es gibt schon kein Erinnern mehr, schon

schwindet es dahin, schon wird es von der Hoffnung zurückgedrängt. Zu

meinen Füßen braust meine Vergangenheit; über mir, durch Nebelschleier

hindurch, schimmert geheimnisvoll die Zukunft. Ich flehe dich an, Leben

meiner Seele (mein Schutzgeist, mein Engel), mein Genius! Verbirg dich

nicht vor mir! Wache in diesem Augenblick über mir und weiche dieses

ganze Jahr, das für mich so vielversprechend beginnt, nicht von meiner

Seite. Wie wirst du aussehen, du, meine Zukunft? Liegst du glanzvoll,

groß vor mir, gärt es in dir von gewaltigen Taten, oder ... O mögest du

ruhmvoll, tatenreich und ganz der Arbeit und der Ruhe gewidmet sein!

Warum stehst du so geheimnisvoll vor mir, du [Jahr] 1834? Sei auch du

mein Schutzengel. Sollten sich Trägheit und Gefühllosigkeit auch nur

einen Augenblick erdreisten, sich mir zu nahen, -- oh, dann wecke mich

aus dem Schlummer, gib es nicht zu, daß sie Macht über mich gewinnen!

Laß deine so vielsagenden Zahlen wie eine nimmer ruhende Uhr, wie mein

Gewissen vor mir stehen: laß jede deiner Ziffern lauter denn eine

Sturmglocke an mein Ohr tönen, laß sie gleich einem galvanischen Stab

meinen ganzen Körper in Zuckungen versetzen und erschüttern.

Geheimnisvolles, unbegreifliches Jahr 1834! Wo werde ich dich durch

große Werke kennzeichnen? Inmitten dieses Haufens aufeinandergetürmter

Häuser, dieser lärmenden Straßen, dieser siedenden Geschäftigkeit --

dieser Menge, dieses Durcheinanders aller möglichen Moden, Paraden,

Beamten, dieser seltsamen nordischen Nächte, dieses Glanzes und dieser

gemeinen Farblosigkeit? In meinem herrlichen, alten, gelobten, mit

fruchtreichen Gärten geschmückten Kiew, das mein prachtvoller,

wundersamer, südlicher Himmel überwölbt und das wonneatmende Nächte

einhüllen, wo die Berge mit ihren schönen -- man möchte sagen

harmonischen -- Hängen, und wo mein klarer, wild dahinstürmender Dnjepr,

der es umspült, im Schmuck grünen Buschwerks prangt? -- Wird es dort

sein? ... Oh! Ich weiß nicht, wie ich dich nennen soll, mein Genius! Du,

der du schon seit meiner Wiege im Vorüberfliegen mein Ohr mit deinen

harmonischen Liedern trafst, der du solch herrliche, mir bis heute noch

unbegreifliche Gedanken in mir erwecktest und solch unendliche

wonnevolle Träume in mir nährtest! Oh, blicke mich an! Herrlicher,

blicke herab auf mich mit deinen himmlischen Augen! Ich knie vor dir.

Ich liege zu deinen Füßen! Oh, verlasse mich nicht! Verweile bei mir auf

der Erde, wenn auch nur zwei Stunden an jedem Tage, als mein herrlicher

Bruder! Ich will es vollbringen. Ja, ich werde es vollbringen. In mir

kocht es und siedet's vor Lebenskraft. Meine Werke werden von

Begeisterung erfüllt sein. Die erhabene Gottheit, die über dieser Erde

thront, wird über ihnen schweben. Ich werde es vollbringen ... Oh, küsse

und segne mich!

Sämmtliche Werke 8: Briefwechsel II, Hans Küchelgarten Briefwechsel II / Die Beichte des Dichters / Betrachtungen über die Heilige Liturgie / Jugendschriften / Fragmente / Hans Küchelgarten · 第 21 / 56 题