Das Weib

»Ausgeburt der Hölle! Olympier Zeus! Oh, du bist unerbittlich in deinem

Zorne. Du wolltest der Welt eine Geisel schicken, du nahmst alles Gift,

das unmerklich die Adern deiner herrlichen Welt durchdringt,

verdichtetest es zu einem einzigen Tropfen, schleudertest ihn mit deiner

lichtspendenden Rechten zürnend hinunter und vergiftetest mit ihm deine

wundersame Schöpfung: du schufst das Weib! Du beneidetest uns und unser

armseliges Glück: du wolltest nicht, daß der Mensch ewige Segenswünsche

aus den Gründen seines dankbaren Herzens zu dir emporsteigen ließ:

lieber mochten Flüche aus seinem ruchlosen Munde hervorzucken ... Du

schufst das Weib.«

So sprach Telekles, ein junger Schüler des Platon, indem er vor seinen

Lehrer trat. Seine Augen sprühten Blitze; auf seinen Wangen wütete ein

Feuer, und die zitternden Lippen kündeten von wilden Stürmen einer

zerrissenen Seele. Seine Hand drängte zornig die purpurnen Wellen seines

weichen Gewandes zurück, und die geöffnete Schnalle fiel nachlässig auf

die jugendliche Brust des Jünglings herab.

»Wie, mein göttlicher Lehrer? Warst du es nicht, der es in einem

göttergleichen himmlischen Gewande vor uns erstehen ließ? War es nicht

dein Wohllaut ausströmender Mund, der so wunderbare Worte zum Preis

ihrer milden Schönheit zu sagen wußte? Hast du uns nicht gelehrt, so

glühend, so wesenlos zu verehren? Nein, mein Lehrer, deine göttliche

Weisheit ist noch ein Kind, das nichts ahnt von den unendlichen

Abgründen des arglistigen Herzens. Nein, nein, nicht einmal der Schatten

einer bitteren Erfahrung hat deine heiteren Gedanken gestreift, du

kennst das Weib nicht.«

Glühende Tränen entströmten seinen Augen; er verhüllte sein Haupt mit

dem Mantel, verbarg sein Antlitz in den Händen und lehnte sich an die

Marmorsäule mit dem herrlichen, reichverzierten korinthischen Kapitäl,

das von flimmernden Strahlen besonnt wurde. Ein tiefer schwerer Seufzer

entrang sich der Brust des Jünglings, wie wenn alle verborgenen Nerven

seines Wesens, alle Gefühle und alles, was das Innere des Menschen

ausfüllt, in schmerzlichen Klagelauten aufstöhnte, und diese Klagelaute

gingen wie eine Erschütterung durch seinen ganzen Körper, und seine

ganze körperliche Natur, soweit sie den Sinnen erfaßbar ist, verwandelte

sich, unfähig die ewigen, nie endenden Qualen der Seele auszusprechen,

in eine einzige schmerzliche Klage.

Der hohe Lehrer der Weisheit betrachtete ihn stumm, und sein Gesicht

spiegelte alle seine erhabenen Gedanken, die er gedacht hatte und die

ihre Spuren auf ihm hinterlassen hatten. So will die Erinnerung an ein

herrliches Traumbild noch lange nicht weichen und mischt sich mit dem

Aufleuchten neuer Gedanken, solange der Mensch noch nicht in die Welt

der Wirklichkeit untergetaucht ist. Das Licht floß wie ein mächtiger,

wundervoller Wasserfall durch eine kühne Öffnung in der Kuppel auf den

Weisen hinab und überschüttete ihn mit seinem strahlenden Glanz, und

jeder Zug seines beseelten Angesichts schien von hohen Gedanken und

Gefühlen zu künden.

»Kannst du denn auch lieben, Telekles?« fragte er ihn mit ruhiger

Stimme.

»Ob ich lieben kann!« fiel der Jüngling rasch ein, »frag' doch den Zeus,

ob er durch ein Runzeln seiner Augenbrauen die Erde zu erschüttern

vermag. Frag' Phidias, ob er Gefühle im kalten Marmor entzünden und dem

toten Block Leben einhauchen kann. Wenn in meinen Adern kein Blut

siedet, sondern eine heiße Flamme wütet, wenn alle meine Gefühle, alle

meine Gedanken, wenn ich selbst mich ganz in Töne verwandle, wenn diese

Töne in mir glühen und meine Seele nichts wie Liebe tönt, wenn meine

Rede ein Sturm und mein Atem -- Feuer ist! Nein, nein, ich verstehe es

nicht, zu lieben! So sage mir doch, wo dieser Sterbliche, wo dieser

wundersame Mensch zu finden ist, der dies Gefühl sein eigen nennt? Hat

am Ende gar die weise Pythia dies Wunder unter den Menschen entdeckt?«

»Armer Jüngling! Das also nennen die Menschen Liebe! Das ist das

Schicksal, das diesem sanften Geschöpf bereitet wird, in dem die Götter

die Schönheit zum Ausdruck bringen, in dem sie der Welt das Gute zum

Geschenk machen, durch das sie ihre Anwesenheit hier auf Erden beweisen

wollten! Armer Jüngling! Du hättest dieses sanfte Wesen mit deinem

glühenden Atem versengt, du hättest dieses reine Leuchten durch einen

Sturm von Leidenschaft getrübt und in Aufruhr versetzt! Ich weiß, du

willst mit vom Verrat der Alkinoe sprechen. Deine Augen waren selbst

Zeugen ... aber waren sie auch Zeugen deiner eigenen wilden Regungen,

die deine Seele zu jener Zeit in ihren Tiefen bewegten? Hast du dich

auch im voraus geprüft? Glühte vielleicht der ganze wilde Aufruhr deiner

Leidenschaften in deinem Auge? Und wann haben je die Leidenschaften die

Wahrheit erkannt? Was wollen die Menschen? Sie dürsten nach ewiger

Seligkeit, nach einem nie endenden Glück, und ein kurzer, flüchtiger

Schmerz genügt schon, damit sie gleich Kindern das ganze, langsam

errichtete Gebäude zerstören! Aber mag die Wahrheit selbst mit deinen

Augen gesehen haben, mag es doch richtig sein, daß die schöne Alkinoe

sich mit arglistigem Verrate befleckt hat. Frage deine Seele: was warst

du, und was war _sie_ zu jener Zeit, als du Leben, Glück und ein Meer

von Seligkeiten in den Umarmungen Alkinoes fandest? Blättere die

flammenden Seiten deines Lebens um, meinst du, du wirst auch nur eine

Seite finden, die beredter, die göttlicher ist als jene? Wolltest du

alle kostbaren Edelsteine der persischen Könige oder alles Gold Libyens

für jene himmlischen Augenblicke eintauschen? Ja, was sind selbst die

höchsten Ehren in Athen und die höchste Gewalt im Volke im Vergleich zu

ihnen? Und ein Wesen, das wie Prometheus alles Schöne, das es den

Göttern raubte, dir zum Geschenk darbrachte, den Himmel mit seinen

heiteren Himmelsbewohnern in deine Seele senkte -- willst du mit deinem

verbrecherischen Fluche treffen, wo doch dein ganzes Leben ein einziges

Gefühl der Dankbarkeit sein sollte, wo du Tränen der Rührung vergießen

und dem Lebenspender Zeus zarte Hymnen singen solltest, auf daß er ihr

ein langes Leben schenken und die Wolken des Kummers von ihrem heiteren

Haupte verscheuchen möge.

»Betrachte dich mit prüfendem Auge: was warst du früher und was bist du

jetzt, seit du die Ewigkeit in Alkinoes göttlichen Zügen entdeckt hast:

wieviel neue Geheimnisse, wieviel neue Offenbarungen fandest und

enträtseltest du mit deiner unendlichen Seele und um wieviel näher kamst

du dem höchsten Gute! Wir reifen und werden vollkommener; aber wann?

Wenn wir das Weib tiefer und gründlicher verstehen lernen. Denk an die

üppigen Perser: sie haben ihre Frauen zu Sklavinnen gemacht, und was ist

das Ergebnis? Sie haben kein Verständnis für das Gefühl des Schönen --

dieses unendliche Meer geistiger Genüsse. Kein Funke schlägt aus ihrem

Herzen empor beim Anblick der Göttin des Praxiteles; ihre Seele spricht

nicht begeisterungsvoll mit der unsterblichen Seele des Marmors, und

kein verständnisvoller Laut tönt ihr aus ihm entgegen. Was ist das Weib?

-- Die Sprache der Götter. Wir wundern uns über das milde heitere Haupt

des Mannes; aber wir glauben nicht das Ebenbild der Götter in ihm zu

sehen; das sehen wir im Weibe und bewundern es im Weibe, und in ihm erst

bewundern wir die Götter. Sie ist die Poesie! sie ist der Gedanke, wir

dagegen sind bloß seine Verkörperung in der Wirklichkeit. Der Eindruck

von ihr glüht in unserer Seele, und je stärker und je umfassender und

größer die Wirkung ist, die er auf uns ausübt, um so edler und schöner

werden wir. Solange das Bild noch im Kopfe des Künstlers weilt, sich

unkörperlich in ihm formt und gestaltet, ist es -- ein Weib; sobald es

sich materialisiert und greifbare Gestalt annimmt, wird es zum -- Manne.

Warum strebt aber dann der Künstler mit so unersättlicher Begierde

danach, seine unsterbliche Idee in grobe Materie zu verwandeln und sie

unseren gemeinen Sinneswerkzeugen zu unterwerfen? Weil er von den hohen

Gefühlen geleitet wird -- von dem Wunsche, die Gottheit der Materie

einzuverleiben und den Menschen wenigstens einen Teil von der

unendlichen Welt seines Inneren zugänglich zu machen, d. h. das Weib im

Manne zu verkörpern. Und wenn das Auge eines Jünglings, dessen Herz

glühend und verständnisvoll für die Kunst schlägt, zufällig auf das

unsterbliche Bild des Künstlers fällt, -- was sucht es, was ergreift es

in ihm? Sieht es etwa die Materie in ihm? Nein, sie verschwindet, und er

erblickt die grenzenlose, unendliche, unkörperliche Idee des Künstlers

vor sich. Wie erklingen da die Saiten seiner Seele, welch lebendige

Lieder ertönen in seinem Inneren! Wie deutlich und lebendig spricht, wie

auf den Ruf der Heimat, das Vergangene, das unwiederbringlich dahin ist,

und die unabwendliche Zukunft in ihm! Wie unkörperlich umarmt seine

Seele die göttliche Seele des Künstlers! Wie verschmelzen ihre Geister

in einem unaussprechlichen Kusse der Seelen! Was wären die hohen

Tugenden des Mannes, wenn sie nicht geschmückt und nicht geformt würden

durch die milden sanften Tugenden des Weibes? Sein Mut, seine

Festigkeit, seine stolze Verachtung des Lasters würden sich in Barbarei

verwandeln. Raube der Welt das Licht -- und die bunte Vielfältigkeit der

Farben fällt dahin; Himmel und Erde verschwimmen und gehen in der

Finsternis unter, die noch dunkler ist als die Gestade des Hades. Was

ist die Liebe? -- Die Heimat der Seele, die hehre Sehnsucht des Menschen

nach der Vergangenheit, in der der reine Ursprung seines Lebens

verborgen liegt, wo alles noch den unaussprechlichen, unverwischbaren

Stempel kindlicher Unschuld trägt und wo uns alles heimatlich berührt.

Und wenn die Seele versinkt im ätherischen Schoße der weiblichen Seele,

wenn sie in ihr ihren Vater -- den ewigen Gott -- und ihre Brüder, d. h.

Gefühle und Erscheinungen, die keines irdischen Ausdruckes fähig sind,

findet -- was geschieht dann mit ihr? Dann tönen in ihr die alten Klänge

wider, dann gedenkt sie des früheren paradiesischen Lebens am Busen

Gottes, und sie setzt es fort bis in die Unendlichkeit.«

Das begeisterte Auge des Weisen blickte starr und unbeweglich vor sich

hin: vor ihnen stand Alkinoe, die während ihres Gespräches unbemerkt

eingetreten war. Auf ein Götterbild gestützt, schien sie völlig in

stumme Aufmerksamkeit versunken, und ihr herrliches Gesicht belebte

häufig ganz plötzlich der Ausdruck einer göttlichen Seele. Die

marmorweiße Hand, durch die die blauen, von himmlischer Ambrosia

durchfluteten Adern hindurchschienen, schwebte frei in der Luft; der

schlanke, von den purpurroten Bändern des Beinharnischs umschlungene

Fuß, den sie einen Schritt vorgesetzt hatte, hatte die neidische Hülle

abgestreift und schien kaum die niedrige Erde zu berühren; der hohe

göttliche Busen wogte, gespannt von unruhigen Seufzern, auf und ab, und

das Gewand, das die beiden durchsichtigen Wolken des Busens nur halb

verdeckte, bebte und fiel in herrlichen malerischen Linien auf den

Fußboden herab. Es schien, als ob der dünne lichte Äther, in dem sich

die Himmelsbewohner baden, durchflutet von einer rosigen und bläulichen

Flamme, die sich in unendlichen, in tausend Farben spielenden Strahlen

zerstreut, für die es auf Erden keine Namen gibt, und in denen ein

duftenden Meer eines unbegreiflichen Wohllautes wogt -- es schien, als

ob dieser Äther sichtbare Form angenommen hätte und, indem er nun vor

ihnen schwebte, die herrliche Gestalt des Menschen noch verklärte und

vergöttlichte. Die nachlässig zurückgeworfenen Locken umdrängten schwarz

wie die dunkle beseelte Nacht ihre lilienreine Stirn und fielen in

dunklen Kaskaden auf die leuchtenden Schultern herab. Die Blitze, die

ihren Augen entsprühten, schienen ihre ganze Seele zu offenbaren. Nein,

selbst die Königin der Liebe war nie so schön, nicht einmal in dem

Augenblick, als sie so wunderbar dem Schaum der jungfräulichen Wellen

entstieg.

Erstaunt und in ehrfurchtsvoller Andacht warf sich der Jüngling der

stolzen Schönen zu Füßen, und eine heiße Träne, die dem Auge der sich

über ihn beugenden Halbgöttin entstieg, tropfte auf seine brennenden

Wangen.

Sämmtliche Werke 8: Briefwechsel II, Hans Küchelgarten Briefwechsel II / Die Beichte des Dichters / Betrachtungen über die Heilige Liturgie / Jugendschriften / Fragmente / Hans Küchelgarten · 第 23 / 56 题