Alle sind sich darüber einig, daß noch nie ein Buch soviel Aufsehen
gemacht und zu so verschiedenen Meinungen und Deutungen Anlaß gegeben
hat, wie die »Auswahl aus dem Briefwechsel mit meinen Freunden«. Und was
das merkwürdigste ist, was bisher vielleicht in der Literatur noch
niemals passiert ist, der Gegenstand dieses Geredes und dieser Kritiken
war nicht das Buch selbst, sondern sein Autor. Jedes Wort wurde mit
Mißtrauen und Argwohn analysiert, und alle Leute wetteiferten
miteinander, die wahre Quelle aufzudecken, aus der es herstammte. An dem
lebenden Körper eines noch lebenden Menschen wurde jene furchtbare
anatomische Sektion vollzogen, bei der selbst ein Mensch von starker
Konstitution in kalten Schweiß ausbricht. So erschütternd und kränkend
jedoch für einen vornehm denkenden und anständigen Menschen viele von
diesen Schlüssen und Folgerungen auch sein mochten, ich nahm dennoch
alle die schwachen Kräfte, über die ich verfügte, zusammen, ich
beschloß, alles zu ertragen, mir dies Erlebnis wie einen Wink von oben
zunutze zu machen -- und strenge Einkehr in mich selbst zu halten. Auch
hierüber habe ich nie eine Meinung, einen Rat, einen Tadel oder einen
Vorwurf geringgeachtet und verschmäht, denn ich überzeugte mich mit der
Zeit immer mehr, daß, wenn der Mensch einmal alle jene empfindlichen
Saiten in sich vernichtet hat, die ihn zum Zorn und Ärger geneigt
machen, und wenn er sich erst einmal die Fähigkeit erworben hat, alles
ruhig anzuhören, er dann jene Stimme der rechten Mitte vernehmen muß,
die sich als Resultat ergibt, wenn man alle einzelnen Stimmen
zusammenfügt und die Extreme auf beiden Seiten in Erwägung zieht, kurz,
ich meine jene Stimme der rechten Mitte, von der es heißt: »Volkes
Stimme -- Gottes Stimme« und nach der alle suchen. Aber obwohl viele
Vorwürfe, die gegen mich gerichtet wurden, meiner Seele wirklich heilsam
waren, diese Stimme der Mitte konnte ich diesmal nicht vernehmen, und
ich vermag nicht zu sagen, welche Wendung die Sache genommen und welches
Urteil man über mein Buch zu fällen beschlossen hat. Wenn ich die Summe
von alledem ziehe, so sind im ganzen drei verschiedene Meinungen laut
geworden: nach der _ersten_ Ansicht ist mein Buch das Produkt eines
unerhörten Hochmuts, das Werk eines Menschen, der sich eingebildet hat,
er stünde hoch über allen seinen Lesern, habe ein Anrecht, von ganz
Rußland gehört und beachtet zu werden, und verfüge über die Kraft und
die Fähigkeit, die ganze Gesellschaft zu reformieren; nach der _zweiten_
Ansicht ist dies Buch zwar das Werk eines guten, aber betörten Menschen,
der auf Abwege geraten ist und dem das Lob und der Beifall zu Kopfe
gestiegen sind; der Autor habe sich gar zu sehr an seinen Vorzügen
berauscht, seine Begriffe haben sich verwirrt, und so sei er vom rechten
Wege abgekommen; nach der Ansicht der _dritten_ endlich ist dies Buch
das Werk eines Christen, der die Dinge im rechten Lichte sieht und jeder
Sache ihren richtigen Platz anweist. Unter jeder Partei, die eine dieser
Ansichten vertritt, befinden sich gleichermaßen gescheite und
aufgeklärte Leute, wie auch gläubige Christen. Folglich kann keine der
Ansichten, die sicherlich alle einen Teil der Wahrheit enthalten, --
_völlig_ wahr sein. Am richtigsten wäre es noch, dies Buch einen treuen
Spiegel des Menschen zu nennen. Dieses Buch hat das zum Inhalt, was in
jedem Menschen verborgen liegt: vor allem das Streben nach dem Guten,
dem das Buch selbst entsprungen, und das in jedem Menschen lebendig ist,
wenn er erst einmal erfahren hat, was das Gute ist; ferner eine
aufrichtige Erkenntnis seiner Fehler und daneben eine hohe Einschätzung
seiner Vorzüge; ein ehrliches Verlangen, von andern Menschen zu lernen,
und daneben die feste Überzeugung, daß auch die anderen viel von ihm
lernen können; Demut und Bescheidenheit, daneben aber auch Stolz, ja
vielleicht sogar ein gewisser Demutsstolz; Vorwürfe wider andere Leute
wegen solcher Dinge, an denen man selbst zu Fall gekommen ist und für
die man noch weit heftigere Vorwürfe verdiente -- kurz alles, was man in
der Seele jedes Menschen finden kann, nur mit dem Unterschiede, daß hier
alle Formen und Konventionen abgestreift sind, und daß alles, was der
Mensch in seinem Inneren verschließt, nach außen gekommen ist, sowie
ferner mit dem Unterschied, daß sich dies alles in weit wilderer und
lauterer Weise äußert und förmlich zum Himmel schreit, eben wie in einem
Schriftsteller, in dem sich alles, was seine Seele erfüllt, nach außen
und ans Licht drängt; es tritt allen Leuten viel klarer und deutlicher
vor Augen, eben wie bei einem Menschen, dem größere Gaben und
Fähigkeiten verliehen sind als anderen Leuten. Kurz, dies Buch ist nur
ein Beweis für die ewige Wahrheit der Worte des Apostels Paulus, der da
gesagt hat: der ganze Mensch ist eine einzige Lüge.
Zu diesem Schluß jedoch, der sich vielleicht der Wahrheit am meisten
nähert, ist niemand gekommen, weil der feierliche Ton des Buches und
seine ungewohnte Sprache alle mehr oder weniger verwirrt hat und niemand
das richtige Verhältnis zu ihm finden ließ. Als ich dies Buch schrieb,
stand ich unablässig unter dem Druck einer Todesfurcht, die mich während
der ganzen Zeit meines Krankseins verfolgte, selbst dann noch, als ich
mich außer jeder Gefahr befand. So kam es, daß ich ganz unmerklich in
einen mir sonst ganz fremden Ton verfiel, der einem noch lebenden
Menschen durchaus nicht ansteht. In meiner Angst, ich könnte vielleicht
das Werk nicht mehr vollenden, das während zehn Jahren alle meine
Gedanken beschäftigte, beging ich die Unvorsichtigkeit, schon im voraus
von solchen Dingen zu reden, die ich durch das Leben der Helden eines
epischen, erzählenden Kunstwerks hätte beweisen sollen. So verwandelten
sich meine Gedanken in eine recht unpassende Predigt, die sich im Munde
eines Autors sehr seltsam ausnimmt, in eine Anzahl mystischer,
unverständlicher Stücke, die keinen Zusammenhang mit den anderen Briefen
hatten. Dazu kam schließlich noch der völlig verschiedene Ton dieser
Briefe, die an Menschen von ganz verschiedenem Wesen und Charakter
gerichtet und zu verschiedenen Zeiten und in ganz entgegengesetzten
geistigen und seelischen Stimmungen geschrieben waren. Die einen von
ihnen waren in einer Zeit verfaßt, als ich selbst zu meiner Erziehung
des Tadels und der Rüge bedurfte, mir solche Rügen von anderen erbat und
forderte und sie daher auch anderen erteilte; andere Briefe wieder waren
zu einer Zeit geschrieben, als ich die Empfindung hatte, daß ich die
Vorwürfe für mich selbst aufsparen und in meinen an andere Leute
gerichteten Reden nur die brüderliche Liebe zum Worte kommen lassen
sollte: so geschah es, daß häufig Milde und Schärfe fast dicht
nebeneinander standen. Ferner sind viele Aufsätze, die für das Buch
bestimmt waren, die einen Zusammenhang zwischen einzelnen Stücken
herstellen und vieles näher erklären sollten, nicht aufgenommen worden.
Dazu kommt schließlich noch meine dunkle Sprache und Unfähigkeit, mich
auszudrücken, -- zwei Eigentümlichkeiten eines noch nicht ganz
ausgereiften und fertigen Schriftstellers --; das alles trug dazu bei,
mehr als einen Leser zu verwirren und zu zahllosen falschen Schlüssen
und Folgerungen Anlaß zu geben. Meinen Hochmut glaubte man gerade in
solchen Sätzen zu entdecken, die vielleicht ganz anderen Motiven
entsprungen waren; wo aber wirklicher Hochmut aus meinen Worten sprach,
da bemerkte man ihn nicht; man nannte _das_ Selbstverkleinerung, was
nichts weniger als Selbstverkleinerung war. Aber was die Hauptsache ist,
es gab keine zwei Menschen, die innerlich übereinstimmten, sowie sie an
die Analyse der einzelnen Teile dieses Buches herangingen, was einzelne
zu der sehr richtigen Bemerkung veranlaßte, daß ein jeder in der
Beurteilung meines Buches mehr seine eigene Denkungsart, als die meine,
als den Charakter meines Buches zum Ausdruck brachte. Es versteht sich
von selbst, daß die Schuld ganz -- auf meiner Seite ist. So kränkend
daher auch all diese Angriffe und Verdächtigungen seiner persönlichen
moralischen Qualitäten für einen Menschen sein mögen, in dem noch nicht
jedes Ehrgefühl erstorben ist, -- ich habe kein Recht, jemand deswegen
anzuklagen.
Ich muß hier noch ein paar flüchtige Bemerkungen über eine Frage machen,
die nicht mit meinen moralischen Qualitäten zusammenhängt. Ich war
äußerst erstaunt, wenn gescheite und kluge Leute Anstoß an Worten
nahmen, die doch völlig klar waren, wenn sie sich an zwei, drei Stellen
klammerten und Schlüsse aus ihnen zogen, die in absolutem Gegensatz zu
dem Geist des ganzen Werkes standen. Aus zwei, drei Worten, die an einen
Gutsbesitzer gerichtet waren, dessen sämtliche Bauern Landwirte und von
schweren Sorgen und Arbeiten in Anspruch genommen sind, den Schluß zu
ziehen, daß ich gegen die Volksbildung zu Felde ziehe -- das erschien
mir äußerst sonderbar, um so mehr als ich mich ein halbes Leben lang mit
dem Gedanken getragen habe, ein wahrhaft nützliches Buch für das
einfache Volk zu schreiben, und nur deswegen davon abstand, weil ich das
Gefühl hatte, man müsse sehr klug sein, um zu wissen, was man dem Volk
in erster Linie vorsetzen müsse. Solange es jedoch noch keine so
gescheiten Bücher gibt, wollte es mir so erscheinen, als ob das
lebendige Wort der Diener der Kirche mehr Nutzen bringen könne und ein
stärkeres Bedürfnis für die Bauern darstelle, als alles, was ihnen
unsereiner, d. h. ein Schriftsteller, zu sagen vermag. Soweit meine
Erinnerung reicht, bin ich stets für die Volksbildung eingetreten; aber
es schien mir so, als ob es besser wäre, ehe man für die Bildung des
Volkes sorgt, erst einmal für die Bildung der Menschen zu sorgen, die in
engstem Verkehr mit dem Volke stehen, worunter das Volk oftmals zu
leiden hat. Und endlich kam es mir so vor, als ob jener niedere wenig
zahlreiche, heute jedoch an Zahl immer zunehmende Stand von Leuten, die
aus dem Bauernstande hervorgehen, die allerhand kleine Stellen besetzen,
denen es trotz ihrer allerdings geringen Bildung an der rechten
moralischen Grundlage fehlt, und die daher überall nur Schaden stiften,
weil sie bestrebt sind, auf Kosten der armen Leute zu leben, -- es kam
mir so vor, als ob dieser Stand weit mehr Anspruch auf unsere Beachtung
hätte als der Bauernstand.
Dieser Stand schien mir weit mehr der Bücher zu bedürfen, die der Feder
kluger Schriftsteller entstammten, d. h. solcher Schriftsteller, die
Verständnis für ihre Pflichten haben und daher imstande sind, sie auch
jenen Leuten klarzumachen. Unser mit Ackerbau beschäftigter Bauer
dagegen schien mir stets weit sittlicher zu sein als die anderen Leute
und weniger als andere der Belehrung durch die Schriftsteller zu
bedürfen. Nicht weniger erstaunt war ich, als man aus einer Stelle
meines Buches, wo ich sage, daß die gegen mich gerichteten Kritiken viel
Wahres enthalten, den Schluß zog, ich spräche meinen Werken jegliche
Vorzüge ab und stimmte nicht mit den Kritikern überein, die sich zu
meinen Gunsten geäußert haben[2]. Ich erinnere mich sehr gut und habe es
keineswegs vergessen, daß meine geringen Vorzüge und Verdienste Anlaß zu
sehr bedeutsamen Kritiken gegeben haben, die ewige Denkmäler der
Kunstliebe bleiben werden und die dazu beigetragen haben, in den Augen
des Publikums den Wert und die Bedeutung dichterischer Werke zu erhöhen.
Aber es hätte sich doch nicht geschickt, wenn ich selbst von meinen
Vorzügen gesprochen hätte; ja und warum hätte ich das auch tun sollen?
Ich habe von den Fehlern gesprochen, die mir als Literaten anhaften,
weil eine psychologische Frage, die das Hauptthema meines Buches bildet,
Anlaß dazu bot. Wie kann man nur so etwas nicht verstehen! Nicht weniger
seltsam berührte es mich -- daß man daraus, daß ich die
Grundeigenschaften unseres russischen Wesens so stark betont und
hervorgehoben habe, den Schluß zog, ich leugnete die Notwendigkeit der
europäischen Bildung und hielt es für überflüssig, daß sich ein Russe
über den ganzen schweren Weg, auf dem die Menschheit sich zur
Vollkommenheit emporarbeitet, unterrichte. Früher sowohl als auch jetzt
war ich immer der Meinung, ein russischer Bürger müsse über die
europäischen Angelegenheiten unterrichtet sein. Aber ich war auch immer
überzeugt, daß, wenn man über diesem sehr löblichen glühenden Interesse
für die Fragen des Auslandes seine eigenen Grundlagen vergißt, eine
solche Kenntnis der ausländischen Dinge nicht zu unserem Wohl
ausschlagen, unsere Gedanken nur zerstreuen und verwirren, ihnen eine
falsche Richtung geben könne, statt sie in sich zu sammeln und zu
konzentrieren. Ich war von jeher davon überzeugt und bin es noch heute,
daß wir unser russisches Wesen sehr gut und sehr gründlich kennen lernen
müssen, und daß wir nur durch eine solche Kenntnis ein Gefühl dafür
bekommen können, was wir aus Europa entlehnen und uns aneignen sollen,
denn Europa selbst kann uns das nicht sagen. Mir ist es stets
vorgekommen, als ob wir, noch ehe wir etwas Neues bei uns einführen, das
Alte -- nicht nur oberflächlich sondern gründlich und in seiner Wurzel
-- kennen lernen müßten; denn sonst kann selbst die wohltätigste
Entdeckung der Wissenschaft nicht mit Erfolg angewendet werden. In
dieser Absicht habe ich in erster Linie von dem Alten gesprochen.
[Fußnote 2: Auf mein Testament hätte man sich nicht berufen dürfen: in
einem solchen beurteilt man sich sehr streng, weil man sich rüstet, vor
das Angesicht _Des_ Richters zu treten, vor Dem kein Mensch bestehen
kann.]
Kurz, alle diese einseitigen Folgerungen gescheiter Leute, die ich
überdies gar nicht für einseitig gehalten hatte, dieses Deuteln und am
Worte Hängenbleiben, statt sich an den Sinn und Geist des Buches zu
halten, beweisen mir nur, daß niemand sich bei der Lektüre meines Buches
in einer ruhigen Gemütsstimmung befand; daß sich schon ein bestimmtes
Vorurteil herausgebildet hatte, noch ehe das Buch erschienen war, und
daß jedermann es bereits von einem festen vorher eingenommenen
Standpunkt betrachtete; so kam es, daß alle nur das bemerkten, was sie
in ihrem Vorurteil bestärkte und reizte, und an allem vorübergingen, was
geeignet war, dies Vorurteil zu zerstören und den Leser zu beruhigen.
Diese seltsame Gereiztheit hatte einen so hohen Grad erreicht, daß sie
sogar alle Gesetze des Anstandes außer acht ließ, die man bisher einem
Schriftsteller gegenüber noch zu beobachten pflegte. Man sagte es dem
Verfasser beinahe ins Gesicht, daß er verrückt geworden sei, und man
empfahl ihm allerlei Rezepte gegen seine geistige Zerrüttung. Ich kann
nicht leugnen, daß es mich noch mehr betrübt hat, wenn ebenfalls
gescheite und nicht einmal sehr erregte und gereizte Leute öffentlich in
der Presse erklären, mein Buch enthalte nichts Neues, und wenn es etwas
Neues darin gäbe, so sei es nicht wahr, sondern unrichtig und unwahr.
Das erschien mir sehr hart. Wie es sich auch immer damit verhalten möge,
das Buch enthielt meine Seelenbeichte, es war der Erguß meines Herzens
und meines Inneren. Noch bin ich nicht öffentlich für einen ehrlosen
Menschen erklärt worden, dem man kein Vertrauen schenken darf. Ich kann
Fehler machen, ich kann mich irren wie jeder Mensch, ich kann eine
Unwahrheit sagen, wie ja der ganze Mensch -- eine einzige Lüge ist; aber
alles, was meinem Herzen und meiner Seele entströmt ist, eine Lüge zu
nennen -- das ist zu hart. Das ist ebenso ungerecht wie die Behauptung,
daß mein Buch nichts Neues enthalte. Die Bekenntnisse eines Menschen,
der mehrere Jahre ganz für sein inneres Ich gelebt hat, nur mit sich
selbst beschäftigt war, der sich selbst zu erziehen versucht hat wie
einen Schüler, um sich einen wenn auch späten Ersatz für die in seiner
Jugend verlorene Zeit zu schaffen, der überdies den andern Menschen
nicht völlig gleicht, sondern gewisse Eigenschaften besitzt, die ihm
allein angehören -- die Bekenntnisse eines solchen Menschen können
unmöglich so gar nichts Neues enthalten. Wie dem aber auch sei, in einer
Angelegenheit, an der die Seele beteiligt ist, darf man kein so
entscheidendes Urteil fällen. Einem solchen Fall gegenüber wird selbst
der tiefste Seelenkenner nachdenklich werden müssen. In Angelegenheiten,
die die Seele betreffen, ist es sogar schwierig, über einen gewöhnlichen
Menschen zu richten. Es gibt Dinge, die sich der kühlen Erwägung, dem
Räsonnement eines Menschen entziehen, selbst wenn dieser noch so klug
sein sollte, und die man nur in solchen Augenblicken und in einer
solchen Seelenstimmung versteht, wo unsere eigene Seele das Bedürfnis zu
einer Aussprache, zu einer Beichte hat, wo sie Verlangen trägt, in sich
zu gehen und nicht über andere, sondern über sich selbst Gericht zu
halten. Kurz, die große Sicherheit, mit der diese Urteile gefällt
wurden, schien mir von dem großen Selbstvertrauen des Urteilenden zu
zeugen -- von seinem stolzen Vertrauen auf seine Vernunft und die
Überlegenheit seiner Ansicht. Ich sage das hier nicht deswegen, um
jemand zu tadeln, sondern nur, um darauf hinzuweisen, wie wir bei jedem
Schritt Gefahr laufen, in denselben Fehler zu verfallen, den wir soeben
erst bei einem unserer Brüder gerügt haben; wie wir, indem wir einem
anderen sein hochmütiges Selbstvertrauen zum Vorwurf machen, zugleich
durch unsere eigenen Worte einen Beweis für unseren eigenen Hochmut und
unser Selbstvertrauen liefern; wie wir, während wir einem anderen
Intoleranz vorwerfen, zugleich selbst unduldsam und kleinlich werden.
Jedenfalls zeugt es von einer vornehmen Gesinnung, wenn jemand den Mut
hat, dies einzugestehen, und sich nicht schämt, öffentlich und vor allen
Leuten zu erklären, er habe sich geirrt. Aber genug davon. Nicht um
meine moralischen Qualitäten zu verteidigen, erhebe ich hier meine
Stimme. Nein, ich halte es lediglich für meine Pflicht, auf eine Frage
zu antworten, die fast einstimmig von seiten sämtlicher Leser aller
meiner früheren Werke an mich gerichtet worden ist -- auf die Frage
nämlich: warum ich jene literarische Gattung und jene Sphäre aufgegeben
habe, die ich einmal in Besitz genommen hatte und die ich beherrschte,
über die ich fast Herr war, und warum ich mich einem neuen, mir fremden
Genre zuwandte.
Um auf diese Frage zu antworten, habe ich mich entschlossen, offenherzig
und in möglichster Kürze die ganze Geschichte meiner literarischen
Tätigkeit zu erzählen, um einem jeden Gelegenheit zu geben, mich
gerechter zu beurteilen. Der Leser soll sehen können, ob ich die Sphäre
meines Schaffens wirklich gewechselt und ob ich auf eigene Verantwortung
zu grübeln und klügeln begonnen habe, in der Absicht, meinem Schaffen
eine andere Richtung zu geben; man wird anerkennen müssen, daß sich an
meinem Schicksal wie an allen anderen Dingen der Eingriff Dessen
offenbart, Der über die Welt gebietet, und zwar nicht immer so, wie
_wir_ dies wünschen, und gegen Den der Mensch nicht anzukämpfen vermag.
Vielleicht wird meine treuherzige Geschichte wenigstens etwas davon
erklären, was vielen in meinem vor kurzem veröffentlichten Buche als ein
so unlösliches Rätsel erscheint. Wenn dies der Fall sein sollte, so
würde mich das aufrichtig freuen, weil diese ganze merkwürdige
Angelegenheit mich sehr mürbe und müde gemacht hat, und weil es mir nach
diesem Wirbelsturm von Mißverständnissen sehr schwer ums Herz ist.
Ich kann nicht mit voller Bestimmtheit sagen, ob der Schriftstellerberuf
mein eigentlicher Beruf ist. Ich weiß nur das eine: daß in den Jahren,
als ich über meine Zukunft nachzudenken begann (und ich begann schon
sehr früh über meine Zukunft nachzudenken, d. h. zu einer Zeit, als alle
meine Altersgenossen nur ans Spielen dachten), daß mir damals der
Gedanke, ich könnte Schriftsteller werden, nie in den Sinn kam, obwohl
es mir immer so schien, daß ich noch einmal ein berühmter Mann werden
könnte, daß mir ein großes weites Wirkungsfeld offen stände und daß ich
einmal etwas für das allgemeine Wohl leisten würde. Ich dachte einfach,
ich würde mich empordienen und dies alles würde mir durch den
Staatsdienst gelingen. Daher hatte ich in meiner Jugend eine sehr starke
Neigung für den Staatsdienst. Mein Kopf war beständig davon erfüllt, und
alles, was ich tat und womit ich mich beschäftigte, tat ich im Hinblick
darauf. Meine ersten Versuche, meine ersten dichterischen Experimente,
in denen ich es während der letzten Schuljahre zu einer gewissen
Fertigkeit brachte, hatten fast alle einen ernsten und lyrischen
Charakter. Weder ich selbst, noch meine Schulkameraden, die sich mit mir
in der Schriftstellerei versuchten, dachten je daran, daß ich einmal ein
komischer und satirischer Autor werden könnte, obwohl ich trotz meiner
melancholischen Naturanlage oft zum Scherzen aufgelegt war und sogar
andere Leute mit meinen Späßen belästigte, und obgleich sich schon in
meinen frühesten Urteilen über die Menschen eine gewisse Fähigkeit,
bestimmte charakteristische Eigenheiten sowie gröbere und feinere und
komische Charakterzüge, die von anderen nicht bemerkt werden, zu
entdecken, bemerkbar machte. Man sagte, ich verstünde es, -- ich möchte
nicht sagen, die Menschen _nachzuäffen_ oder zu parodieren, -- sondern
sie zu _erraten_, d. h. zu erraten, was ein Mensch in dieser oder jener
Situation sagen würde, unter völliger Wahrung seiner Anschauungsweise,
seiner Denkart sowie seiner Art, sich auszudrücken. Aber ich brachte
dies alles nicht zu Papier, ja ich dachte gar nicht einmal daran, daß
ich diese Fähigkeit noch einmal verwerten würde.
Die heitere fröhliche Stimmung, die sich in den ersten Schriften, die
von mir im Druck erschienen, bemerkbar machte, hatte ihren Grund in
einem gewissen seelischen Bedürfnis. Ich hatte oft unter Anfällen einer
mir selbst völlig unerklärlichen Melancholie zu leiden, die vielleicht
eine Folge meines krankhaften Zustandes war. Um mich zu zerstreuen,
dachte ich mir die komischsten Dinge aus, die sich nur ersinnen lassen.
Ich stellte mir komische Personen und Charaktere vor, die ich völlig aus
dem Kopfe erfand, und versetzte sie in Gedanken in die komischsten
Situationen, ohne mir viele Sorgen zu machen, wozu das gut sei und was
für einen Nutzen das haben könne. Es war die Jugend in mir, die mich
dazu veranlaßte, die Jugend, der ja noch keinerlei Fragen durch den Kopf
gehen. Das ist der Ursprung meiner ersten Werke, die die einen
ebensosehr zu einem sorglosen naiven Lachen reizten, wie mich selbst,
während sich andere erstaunt fragten, wie einem vernünftigen Menschen
nur solche Torheiten einfallen konnten. Vielleicht hätte diese
Lustigkeit allmählich und zugleich mit dem Bedürfnis nach Zerstreuung
aufgehört, ebenso wie meine schriftstellerische Tätigkeit. Allein
Puschkin veranlaßte mich, diese Sache ernster anzusehen. Er hatte mich
schon längst dazu zu überreden gesucht, ich sollte ein großes Werk in
Angriff nehmen, und als ich ihm einmal den kurzen Entwurf einer kleinen
Szene vorlas, der jedoch einen weit stärkeren Eindruck auf ihn machte,
als alles, was ich ihm bis dahin vorgelesen hatte, sagte er zu mir: »Wie
ist es nur möglich, daß Sie bei dieser Fähigkeit, den Charakter eines
Menschen zu erraten und durch wenige Züge ganz vor einem erstehen zu
lassen, wie er leibt und lebt, -- wie ist es nur möglich, daß Sie sich
bei dieser Fähigkeit nicht entschließen, ein großes Werk zu schreiben!
Das ist einfach eine Sünde!« Hierauf hielt er mir meine schwächliche
Konstitution und meine körperlichen Gebrechen vor, die meinem Leben früh
ein Ziel setzen könnten; er führte das Beispiel des Cervantes an, der
zwar bereits früher ein paar ausgezeichnete, vortreffliche Erzählungen
verfaßt hatte, jedoch niemals _die_ Stelle unter den Schriftstellern
einnehmen würde, die er heute inne hat, wenn er sich nicht entschlossen
hätte, den Don Quijote zu schreiben, und schließlich trat er mir sein
eigenes Sujet ab, aus dem er eine Art Poem hatte machen wollen und das
er, wie er mir sagte, keinem anderen außer mir überlassen hätte. Dieser
Stoff waren »Die toten Seelen«. (Die Idee zum »Revisor« stammt
gleichfalls von ihm.) Diesmal wurde auch ich ernstlich nachdenklich --
um so mehr, als ich bereits in die Jahre zu kommen begann, wo man sich
bei jeder Tat, die man vollbringen will, ganz von selbst die Frage
vorlegt: warum und zu welchem Zweck willst du dies tun? Ich erkannte,
daß ich in meinen Werken sinnlose Scherze trieb und spottete, ohne
eigentlich zu wissen, wozu ich das tat. Wenn man schon spottet, so ist
es doch besser, man lacht und spottet kraftvoll und über Dinge, die
wirklich den allgemeinen Spott verdienen. Im »Revisor« wollte ich alles
Schlechte und Häßliche, das es in Rußland gibt, soweit es mir damals
bekannt war, zusammentragen und anhäufen, alle Mißbräuche, die an allen
den Stellen und in allen den Fällen vorkommen, wo gerade Gerechtigkeit
und Redlichkeit vom Menschen verlangt werden, und dies alles auf einmal
verspotten. Die Wirkung war bekanntlich eine furchtbare, erschütternde.
Durch das Gelächter hindurch, das sich mir noch nie mit einer solchen
Gewalt entrungen hatte, vernahm der Leser etwas wie Kummer und Schmerz.
Ich selbst fühlte, daß mein Lachen nicht mehr das Lachen von ehedem war,
daß ich in meinen Werken nicht mehr derselbe sein konnte, der ich früher
war, und daß das Bedürfnis, mich durch harmlose heitere Szenen zu
zerstreuen, zugleich mit meinen jungen Jahren verschwunden war. Nach dem
Revisor empfand ich mehr denn je das Bedürfnis, ein umfassendes Werk zu
schreiben, das mehr enthielt als lediglich Dinge, über die man lachen
mußte. Puschkin fand, daß der Stoff der »Toten Seelen« sich gerade darum
so gut für mich eignete, weil er eine vortreffliche Gelegenheit bot,
ganz Rußland in Gesellschaft des Helden nach allen Richtungen zu
durchqueren und eine ganze Reihe völlig verschiedener Charaktere an uns
vorüberziehen zu lassen. Ich ging ans Werk und fing an zu schreiben,
ohne mir einen detaillierten Plan ausgearbeitet und ohne mir darüber
Rechenschaft gegeben zu haben, was für ein Mensch mein Held eigentlich
sein mußte. Ich dachte mir einfach, daß der komische Plan, mit dessen
Durchführung Tschitschikow beschäftigt war, mir schon von selbst die
Idee zu allerhand verschiedenen Personen und Charakteren eingeben und
daß die Spott- und Lachlust, die sich in mir regte, schon von selbst
eine Reihe von komischen Momenten und Phänomenen erzeugen würde, die ich
mit rührenden Elementen mischen wollte. Aber bei jedem Schritt, den ich
tat, mußte ich mir die Frage vorlegen: welchen Sinn? welchen Zweck hat
das? was soll dieser Charakter zum Ausdruck bringen? was hat diese
Erscheinung zu bedeuten? Es fragt sich nun: was soll man tun, wenn sich
einem derartige Fragen aufdrängen? Soll man sie verscheuchen? Ich
versuchte es damit; allein da erstanden Fragen vor mir, denen ich mich
nicht zu entziehen vermochte. Da ich nichts von einer Nötigung empfand,
meinen Helden gerade zu solch einem Menschen und zu keinem anderen zu
machen, konnte ich auch keine Liebe für die Aufgabe empfinden, ihn
darzustellen. Im Gegenteil, ich empfand etwas wie Ekel davor: alles kam
gewaltsam und gezwungen heraus, und sogar das, worüber ich lachte,
wirkte traurig und deprimierend.
Ich sah mit voller Klarheit ein, daß ich nicht mehr ohne einen ganz
bestimmten und klaren Plan zu schreiben vermochte, daß ich mir erst
selbst den Zweck meines Werks völlig deutlich machen, mir über seinen
wirklichen Nutzen und seine Notwendigkeit klar werden müßte, was erst
den Dichter mit einer starken und wahren Liebe für sein Werk erfüllt,
die alles belebt und ohne die die Arbeit nicht vorwärtsschreitet --
kurz, daß der Autor das Gefühl und die Überzeugung haben muß: indem er
an seinem Werk arbeite, erfülle er gerade _die_ Pflicht, die seine
irdische Bestimmung ausmache, und für die ihm alle seine Gaben und
Fähigkeiten verliehen seien, und indem er diese Pflicht erfülle, diene
er zugleich seinem Staate, wie wenn er tatsächlich im Staatsdienst
stünde. Der Gedanke an den Staatsdienst verließ mich nie. Ehe ich den
Schriftstellerberuf wählte, wechselte ich mehrmals meine Tätigkeit und
meine Stellung, um zu erfahren, für welchen Beruf ich mich am besten
eignete, aber ich war weder mit dem Dienst noch mit mir selbst, noch mit
denen zufrieden, die meine Vorgesetzten waren. Ich wußte damals noch
nicht, wie viel mir dazu fehlte, um dem Staate so dienen zu können, wie
ich ihm dienen wollte. Ich wußte damals nicht, daß man dazu jede
persönliche Empfindlichkeit, Eitelkeit und Selbstüberhebung in sich
besiegen müsse und keinen Augenblick vergessen dürfe, daß man seine
Stellung nicht um seines persönlichen Glückes, sondern um des Wohles
vieler solcher willen innehat, die da unglücklich werden würden, wenn
ein edler Mann seinen Posten im Stiche läßt, und daß man allen
persönlichen Kummer und alle Kränkungen vergessen müsse. Ich wußte
damals noch nicht, daß der, der Rußland wahrhaft und ehrlich dienen
will, sehr viel Liebe für sein Vaterland besitzen muß, eine Liebe, die
alle anderen Gefühle in sich aufgesogen hat, daß man sehr viel Liebe für
den Menschen im allgemeinen besitzen und ein wahrhafter Christ im vollen
Sinn dieses Wortes sein muß. Daher ist es auch kein Wunder, wenn ich,
der ich diese Eigenschaften nicht besaß, auch meinen Dienst nicht so
ausüben konnte, wie ich es wollte, obwohl ich tatsächlich förmlich
darauf brannte, meinem Lande ehrlich zu dienen. Sowie ich jedoch fühlte,
daß ich dem Staate auch als Schriftsteller zu dienen vermag, gab ich
alles andere auf: meine früheren Stellen, Petersburg, die Gesellschaft,
die meinem Herzen nahestehenden Freunde, ja sogar Rußland, um in der
Fremde und in der Einsamkeit fern von allen Menschen zu erwägen, wie ich
es durchführen, wie ich mein Werk so gestalten, wie ich mit ihm den
Beweis liefern könnte, daß ich gleichfalls ein Bürger meines Vaterlandes
gewesen bin, und daß ich ihm hatte dienen wollen. Je mehr ich über mein
Werk nachdachte, um so mehr fühlte ich, daß ich die Charaktere nicht auf
gut Glück wählen durfte, wie sie sich mir gerade darboten, sondern nur
solche Menschen darstellen mußte, an denen sich unsere wahren
wesenhaften russischen Charakterzüge am stärksten und deutlichsten
offenbarten. Ich wollte in meinem Werk vor allem jene höheren Züge der
russischen Natur darstellen, die noch nicht von allen richtig
eingeschätzt werden, sowie ferner und in erster Linie jene gemeinen und
niedrigen Charaktereigenschaften, die von allen noch nicht genügend
verlacht und gegeißelt werden. Ich wollte nur die hervorstechendsten
charakteristischen psychologischen Phänomene zusammentragen und meine
Beobachtungen über die Menschen zusammenfassen, die ich seit langen
Jahren insgeheim gemacht hatte und die ich nur noch nicht dem Papier
hatte anvertrauen wollen, da ich mir bewußt war, noch nicht die rechte
Reife erworben zu haben; denn diese Beobachtungen konnten, richtig
dargestellt, viel zur Enträtselung mancher Seiten unseres Lebens
beitragen, kurz -- ich wollte, daß dem Leser bei der Lektüre meines
Buches der russische Mensch, mit all seinen reichen mannigfaltigen Gaben
und Fähigkeiten, die _ihm_ allein im Unterschiede von den anderen
Völkern verliehen waren, aber auch mit der ganzen großen Menge von
Fehlern, die ihm gleichfalls im Unterschied von den anderen Völkern
eigen sind, vor Augen treten sollte. Ich glaubte, die lyrische Kraft,
von der ich einen genügenden Vorrat besaß, würde mir helfen, diese
Vorzüge so darzustellen, daß der Russe von einer heißen Liebe zu ihnen
entbrennen würde, und die Gewalt des Lachens, von der ich gleichfalls
einen genügenden Vorrat mein eigen nannte, würde es mir ermöglichen,
seine Fehler und Mängel in so leuchtenden Farben zu schildern, daß den
Leser ein tiefer Haß gegen sie erfassen würde, selbst wenn er sie in
sich selbst entdecken sollte. Aber ich fühlte zugleich, daß ich dies
alles nur dann vollbringen könnte, wenn ich mir selbst völlig darüber
klar geworden war, was nun die wirklichen Vorzüge unseres Wesens und
welches seine wahren Mängel und Fehler sind. Man muß sich beides genau
überlegen und es gegeneinander abschätzen, man muß es sich ganz
klarmachen, um nicht eine unserer Schwächen in eine Tugend zu verwandeln
und nicht zugleich mit unseren Fehlern auch unsere Vorzüge dem Gelächter
preiszugeben. Ich wollte meine Kraft nicht unnütz vergeuden. Seitdem man
mir vorwarf, ich spottete nicht nur über die Fehler, sondern über die
Menschen, die gewisse Schwächen haben, im allgemeinen, und nicht nur
über den _ganzen_ Menschen, sondern auch über seine Stellung und das
Amt, das er innehat (was mir nie auch nur in Gedanken eingefallen ist),
da sah ich ein, daß man sehr vorsichtig mit dem Spott umgehen müsse --
um so mehr, da er ansteckend wirkt; ein witziger Mensch braucht nur
irgendeine Seite einer Sache ins Lächerliche zu ziehen, damit die
Dümmsten und Stumpfsinnigsten sofort über deren sämtliche Seiten lachen.
Kurz, es wurde mir so klar wie der Satz: zwei mal zwei ist vier, daß ich
nicht eher an die Arbeit gehen durfte, als bis ich mir ganz genau
darüber klar geworden war, worin das Hohe und das Gemeine, worin die
Vorzüge und die Mängel unseres russischen Wesens bestehen; um sich
jedoch über das russische Wesen klar zu werden, muß man zunächst die
menschliche Natur und die Seele des Menschen im allgemeinen kennen
lernen: ohne dies wird man nie den richtigen Standpunkt finden, von dem
aus einem die Vorzüge und Mängel eines jeden Volkes deutlich sichtbar
werden.
Seit dieser Zeit wurden der Mensch und die Seele des Menschen mehr denn
je Gegenstand meines Studiums. Ich wandte mich für eine Zeitlang
gänzlich von der Gegenwart ab: ich hatte vor allem das Interesse, jene
ewigen Gesetze kennen zu lernen, die den Menschen und die Menschheit im
allgemeinen beherrschen. Die Werke der Gesetzgeber, der Seelenforscher
und Erforscher der menschlichen Natur wurden von nun ab meine Lektüre.
Mich begann alles zu interessieren, worin sich eine gewisse
Menschenkenntnis und eine Kenntnis der Menschenseele offenbarte, von dem
Wissen eines Weltmannes bis zu dem eines Anachoreten und Einsiedlers,
und auf diesem Wege sah ich mich ganz unmerklich und beinahe ohne daß
ich selbst wußte, wie dies geschah, zu Christus geführt, denn ich sah,
daß er der Schlüssel zur Seele des Menschen war, und daß noch kein
Seelenkenner sich je auf jene Höhe der Seelenkenntnis erhoben hatte, die
er erreicht hat. Ich prüfte alles mit dem Verstande nach und überzeugte
mich so davon, was anderen durch den Glauben völlig klar ist und was ich
bisher nur dunkel und unbestimmt geahnt hatte. Und zu demselben Ergebnis
brachte mich die Analyse meiner eigenen Seele: ich sah mit
mathematischer Klarheit ein, daß man auf Grund von Vorstellungen unserer
Einbildungskraft nicht über die höheren Regungen und Gefühle des
Menschen reden und schreiben könne; man muß wenigstens etwas davon in
sich selbst tragen -- kurz, man muß zuvor selbst besser werden. Das mag
sehr sonderbar erscheinen, besonders denen, die in ihrer Jugend eine
gründliche und umfassende Bildung genossen haben. Ich muß jedoch sagen,
daß ich in der Schule eine recht schlechte Erziehung erhalten hatte, und
daher ist es kein Wunder, daß der Gedanke, ich müßte noch etwas lernen,
sich mir erst in reiferem Alter aufdrängte. Ich begann mein Studium mit
so elementaren Büchern, daß ich mich geradezu schämte, anderen Menschen
zu verraten, womit ich mich beschäftigte, ja, ich suchte es vor ihnen zu
verheimlichen. Ich begann nunmehr nicht so sehr beim Studium von Büchern
-- als vielmehr bei meinen einfachen sittlichen Übungen auf mich zu
achten, wie ein Lehrer auf seinen Schüler, und ich betrachtete mich
selbst als Lehrling. Ich habe auch etwas von diesen Experimenten, die
ich an mir selbst vollzog, in das Buch meiner Briefe aufgenommen, nicht
etwa, um damit zu prahlen (ich wüßte auch nicht, womit man hier prahlen
könnte!), sondern in der allerbesten Absicht: vielleicht konnte jemand
Nutzen daraus ziehen. Ich war fest davon überzeugt, daß viele gleich mir
eine schlechte Schulbildung genossen haben, plötzlich zur Besinnung
kommen und den ehrlichen Wunsch fassen konnten, das Verlorene
nachzuholen und wieder gutzumachen. Ich hatte oft gehört, daß viele sich
darüber beklagten, sie könnten sich nicht mehr von ihren schlechten
Gewohnheiten befreien, trotz des heißesten Wunsches, sie loszuwerden.
Ich nahm dies also in mein Buch auf, nachdem ich es, so gut es ging, dem
übrigen angepaßt hatte, aber ich nahm es erst auf, nachdem ich mich
durch die Erfahrung davon überzeugt hatte, daß sich manches davon
verschiedenen Personen, die ich kannte, heilsam erwiesen hatte. Denen
jedoch, die es mir zum Vorwurf machen, daß ich mein ganzes Innere zur
Schau gestellt habe, kann ich erwidern, daß ich immerhin noch kein
Mönch, sondern ein Schriftsteller bin. Ich habe in diesem Falle so
gehandelt, wie alle Schriftsteller, die ausgesprochen haben, was ihre
Seele bedrückte. Wenn Karamsin während seiner schriftstellerischen
Tätigkeit ein ähnliches Erlebnis gehabt hätte, er hätte es sicherlich in
derselben Weise zum Ausdruck gebracht. Aber Karamsin hatte in der Jugend
eine gute Erziehung genossen. Er eignete sich erst die Bildung an, die
dazu gehört, um ein Mensch und ein Bürger zu sein, ehe er als
Schriftsteller auftrat. Mir ging es anders. Ich konnte mir nicht denken,
daß jemand daran Anstoß nehmen könnte, wenn ich öffentlich erklärte, ich
strebte danach, besser zu sein als ich bin. Ich finde nichts Anstößiges
dabei, daß ein Mensch sich qualvoll danach sehnt und im Angesichte aller
Menschen von dem Verlangen, vollkommen zu sein, verzehrt wird, wenn doch
selbst Gottes Sohn vom Himmel zu uns herabgestiegen ist, um uns zu
sagen: »Seid vollkommen wie unser Vater im Himmel!«
Was endlich den Vorwurf anbelangt, daß ich in meinem Buch, nur um mit
meiner Demut und Bescheidenheit zu prahlen, eine Selbstverkleinerung an
den Tag gelegt hätte, die schlimmer sei als jeder Stolz und Hochmut, so
muß ich darauf erwidern, daß bei mir weder von Selbstverkleinerung noch
Demut die Rede ist. Wer solches aus meinem Buche herausgelesen hat, hat
sich durch die Ähnlichkeit gewisser Kennzeichen und Merkmale täuschen
lassen. Ich kam mir in der Tat widerwärtig vor, aber nicht etwa aus
Demut, sondern weil sich in meinem Geiste mit der Zeit immer deutlicher
das Ideal des schönen Menschen herausarbeitete, jenes herrliche Vorbild
des Menschen, wie er sich hier auf Erden darstellen sollte, und wenn ich
daran dachte, so ergriff mich jedesmal ein Ekel vor mir selbst. Das aber
ist nicht Demut, sondern eher ein Gefühl, das ein neidischer Mensch hat,
wenn er sieht, daß ein anderer einen besseren und schöneren Gegenstand
in Händen hält, als er selbst, den seinen wegwirft und nichts mehr von
ihm wissen will. Dazu hatte ich das Glück gehabt, während meines Lebens,
besonders aber während der letzten Zeit, einige Menschen kennen zu
lernen, deren geistige und seelische Qualitäten mir so groß erschienen,
daß meine eigenen daneben verblaßten, und ich zürnte mir immerfort, weil
ich das nicht besaß, was andere besaßen. Man hätte also höchstens das
Recht, meinen mißgünstigen und neidischen Charakter im allgemeinen
verantwortlich zu machen und anzuklagen.
Aber ich will zu meiner Lebensgeschichte zurückkehren. Eine Zeitlang
waren also der Gegenstand meiner Studien nicht Rußland und die Menschen
in Rußland, sondern der Mensch und die menschliche Seele im allgemeinen.
Alles führte mich in dieser Zeit auf die Erforschung der Gesetze unserer
Seele hin: mein eigener Seelenzustand und endlich auch die äußeren
Verhältnisse, über die wir keine Macht haben und die mich jedesmal gegen
meinen Willen veranlaßten, mich wieder meinem Gegenstand zuzuwenden,
sowie ich ihn einmal verlassen hatte. Mehrmals griff ich zur Feder, weil
man mir den Vorwurf machte, ich täte nichts; ich wollte mich gewaltsam
dazu zwingen, etwas zu schreiben, sei es nun eine kleine Erzählung oder
irgendeinen literarischen Essay, aber ich vermochte durchaus nichts zu
produzieren. Alle meine Anstrengungen endigten meist mit Unwohlsein,
schweren Leiden und schließlich sogar mit solchen Anfällen, die mich
dazu nötigten, jede Beschäftigung für lange Zeit gänzlich aufzugeben.
Was sollte ich tun? War ich etwa schuld daran, daß ich nicht imstande
war, nochmals zu wiederholen, was ich schon einmal in jüngeren Jahren
gesagt und geschrieben hatte? Als ob es im Menschenleben einen doppelten
Frühling gibt! Und wenn jeder Mensch beim Übergang aus einem Lebensalter
in das andere unvermeidlich eine solche Verwandlung durchmachen muß,
warum soll allein der Schriftsteller eine Ausnahme davon machen? Ist
denn der Schriftsteller nicht auch nur ein Mensch? Ich wich nicht von
meinem Wege ab. Ich verfolgte meinen Pfad immer weiter. Ich behielt
immer denselben Gegenstand im Auge: das Objekt meines Studiums war --
das Leben, und nichts anderes. Ich suchte das Leben, so wie es in
Wirklichkeit ist, und nicht etwa so, wie es sich in den Träumen unserer
Phantasie darstellt, und so fand ich schließlich Den, Der die Quelle des
Lebens ist. Seit meiner frühsten Jugend hatte ich eine leidenschaftliche
Vorliebe dafür, den Menschen zu beobachten, seine Seele aus seinen
feinsten Zügen und Regungen, die die Menschen nicht beachten, abzulesen,
-- und so wurde ich zu Ihm geführt, Der allein die Seele ganz
durchschaut und mit Dessen Hilfe allein ich zu einer vollständigen
Kenntnis der Seele gelangen konnte. Ich beruhigte mich nicht eher, als
bis ich die Lösung einiger eigener Fragen, die sich auf mich selbst
bezogen, gefunden hatte; und erst, als ich mir über einige Hauptfragen
im klaren war, konnte ich wieder an mein Werk gehen, dessen erstes Buch
bis heute noch ein Rätsel darstellt; denn es spiegelt zum Teil noch
jenen Übergangszustand, in dem sich meine Seele befand, als sie noch
nicht alles von sich abgestoßen hatte, was sich einmal von mir ablösen
sollte.
Sowie dieser Zustand in mir überwunden und mein Verlangen nach
Erkenntnis des Menschen im allgemeinen befriedigt war, begann sich in
mir der lebhafte Wunsch zu regen, Rußland näher kennen zu lernen. Ich
knüpfte Bekanntschaften mit Menschen an, von denen ich etwas lernen und
von denen ich erfahren konnte, was in Rußland vorgeht; ich suchte
erfahrene Männer der Praxis aus allen Ständen kennen zu lernen, die alle
Mißbräuche und Machenschaften in Rußland kannten. Ich wollte
Bekanntschaft mit Menschen aus allen Ständen machen und von jedem etwas
erfahren. Jeder Beamte, jeder Mensch, der irgendeine Beschäftigung
hatte, erschien mir interessant. Vor allem aber wollte ich mir einen
genauen Begriff von jedem Beruf, jedem Stand, jeder Stellung und jedem
Amt im Staate bilden. Mir erschien das als eine Notwendigkeit für jeden
Schriftsteller, der Menschen aus allen Berufen schildert. Wenn man nicht
einen Begriff von der ganzen Pflicht und allen Aufgaben des Menschen,
den man schildern will, in seinem Kopfe hat, wird es einem nie gelingen,
den Menschen wahrheitsgetreu, richtig und so darzustellen, daß sich die
Lebenden daraus eine Lehre ziehen, daß sie daraus etwas lernen können.
Deshalb knüpfte ich einen Briefwechsel mit solchen Leuten an, die mir
irgendwelche Tatsachen mitteilen konnten. Die übrigen bat ich, flüchtige
Porträts und Charakterskizzen von Leuten für mich herzustellen, und zwar
von den ersten besten, denen sie auf ihrem Wege begegneten. Das alles
brauchte ich nicht deshalb, weil ich keine genügende Anzahl von
Charakteren oder keinen Helden im Kopfe gehabt hätte; daran hatte ich
keinen Mangel; diese Figuren entsprangen mir in meiner Phantasie aus
einer weit vollständigeren und umfassenderen Erkenntnis der menschlichen
Natur, als ich sie jemals gehabt hatte; ich brauchte diese Tatsachen
ganz einfach, so wie ein Künstler, der ein großes Gemälde, eine eigene
Komposition malt, nach der Natur gemalte Skizzen braucht. Er überträgt
diese Skizzen nicht auf sein Bild, sondern hängt sie ringsum an den
Wänden auf, um sie beständig vor Augen zu haben, und um nie einen
Verstoß gegen die Natur, gegen die Zeit oder Epoche zu begehen, die er
sich für die Darstellung ausersehen hat. Ich habe nie etwas rein aus der
Phantasie geschöpft und erzeugt, ich besaß nie diese Fähigkeit. Mir
glückte immer nur das, was ich aus dem wirklichen Leben und aus
Tatsachen schöpfte, die mir bekannt waren. Einen Menschen erraten konnte
ich nur dann, wenn ich mir seine äußere Gestalt bis auf die feinsten
Einzelheiten vorstellen konnte. Ich habe nie ein Porträt im Sinne einer
bloßen Kopie entworfen. Ich habe ein solches Porträt stets erschaffen,
ich erschuf es durch Nachdenken, mit Überlegung und nicht in der reinen
Phantasie. Je mehr Dinge ich in Erwägung zog, um so wahrer und treuer
ward das, was ich schuf. Ich mußte weit mehr wissen als jeder andere
Schriftsteller, denn ich brauchte nur ein paar Einzelheiten zu übersehen
oder nicht zu berücksichtigen -- damit das Unwahre und Unrechte der
Darstellung weit deutlicher in die Augen sprang als bei einem anderen.
Dies vermochte ich niemand klarzumachen, und daher erhielt ich fast
niemals solche Briefe, wie ich sie brauchte. Alle wunderten sich und
konnten es nicht begreifen, daß ich all diese Kleinigkeiten und
Torheiten wissen wollte, während ich doch eine Phantasie besaß, die
selbst schaffen und produzieren konnte. Allein meine Phantasie hat mich
bisher noch mit keinem einzigen hervorragenden Charakter beschenkt und
kein einziges Ding produziert, das mein Auge nicht irgendwo in der Natur
entdeckt hätte.
Ich habe ein paar Briefe an einige Gutsbesitzer und an verschiedene
Beamte in den Briefwechsel mit meinen Freunden aufgenommen (von diesen
Briefen ist die große Mehrzahl nicht zum Abdruck gekommen); das habe ich
jedoch nicht etwa deswegen getan, damit alle mir zustimmen, sondern
gerade deswegen, damit man mich durch Anführung einzelner anekdotischer
Züge widerlegen sollte. Derartige Einwände von praktischen und
erfahrenen Leuten sind für mich deswegen so wichtig, weil sie mir die
Sache selbst näher bringen und mir einen tieferen Einblick in das innere
Wesen Rußlands gewähren. Aber man hatte kein Interesse an den Dingen,
die jeden Russen etwas angehen, so wenig wie für die Fragen unseres
inneren Lebens, statt dessen beschäftigte man sich mit meiner
Persönlichkeit und schrieb ganze Bogen darüber voll, ob ich ein Recht
habe, mich in solche Angelegenheiten hineinzumengen. Ich richtete um
dieselbe Zeit einen Aufruf an alle Leser der »Toten Seelen« -- der nicht
sehr taktvoll und recht ungeschickt war. Ich wußte sehr gut, daß viele
sich über ihn lustig machen würden, aber ich war fest entschlossen,
jeden Spott zu ertragen, wenn ich bloß mein Ziel erreichte. Ich glaubte,
daß vielleicht fünf oder sechs Leser meine Bitte _so_ erfüllen würden,
wie ich es wünschte. Ich verlangte gar nicht, daß man die Fehler der
»Toten Seelen« verbessern sollte: ich hoffte mich unter diesem Vorwande
bloß in den Besitz von einigen privaten Aufzeichnungen oder Erinnerungen
an einzelne Charaktere und Personen, mit denen der eine oder der andere
während seines Lebens zusammengetroffen war, sowie von Berichten über
solche Vorfälle zu setzen, von denen ein Hauch ausgeht, der uns an
Rußland gemahnt. Ich weiß, daß wir uns alle schwer aufraffen können und
daß wir träge sind und nicht recht arbeiten wollen, daher wird es fast
jedem von uns schwer, aus seiner Erinnerung zu schöpfen; ich dachte
jedoch, die Lektüre der »Toten Seelen« würde die Menschen aufrütteln,
besonders wenn sie dabei immer Papier und Bleistift bei der Hand hätten.
Ich gab meine Adresse an und bat darum, daß nur die mir in ihren Briefen
solche Fälle mitteilen möchten, die sie selbst nicht in der Presse
veröffentlichen wollten, im allgemeinen aber hielt ich es für weit
nützlicher, sie überall bekanntzumachen. Es kam mir sogar so vor, als ob
eine solche Verbreitung von Kenntnissen über Rußland in Form von
lebendigen Tatsachen gerade gegenwärtig eine dringende Notwendigkeit
sei, denn in unserer Zeit, die man nicht ohne Grund eine Übergangszeit
nennt, macht sich bei allen Menschen und auf allen Gebieten ein Streben
bemerkbar, überall zu verbessern, zu reformieren, alles umzugestalten,
ja dem Übel mit allen Mitteln energisch zu Leibe zu gehen. Ich glaubte,
daß wir heute mehr denn je bemüht sein müssen, alles herauszustellen und
ans Licht zu bringen, was im Inneren Rußlands vorgeht, damit wir ein
Gefühl dafür bekommen, aus was für einer Menge verschiedener Elemente
der Grund und Boden besteht, auf dem wir alle unsere Saat ausstreuen
wollen; da aber wäre es wirklich besser, wenn wir uns erst einmal
ordentlich umsähen und uns die Sache überlegten, bevor wir so über die
Dinge aburteilen, wie dies heute alle Leute tun. Ich hegte die geheime
Hoffnung, daß die Lektüre der »Toten Seelen« viele auf die Idee bringen
würde, Aufzeichnungen über sich selbst zu machen, und daß viele dazu
veranlaßt werden könnten, in sich zu gehen, weil auch im Autor während
der Zeit, als er die »Toten Seelen« schrieb, eine solche Wendung nach
Innen stattgefunden hatte. Ich glaubte, es könnte einem Menschen, der
bereits den Gipfel seines Lebens erstiegen hat, von dem der Weg nur noch
abwärts gehen kann, und der von dem Gedanken beunruhigt wird, sein Leben
sei nutzlos verstrichen und er habe nur wenig für das allgemeine Wohl
und sein Land geleistet, lebhafter zum Bewußtsein kommen, daß er durch
eine getreue und lebendige Darstellung der Menschen, Charaktere und
Ereignisse seiner Zeit die jungen Leute, die erst im Beginn ihrer
Wirksamkeit stehen, mit Rußland bekannt machen und sie damit in schöner
Weise für seine Untätigkeit entschädigen, ja mehr als entschädigen kann.
Ein junger Mann aber, der seine Laufbahn erst eben beginnt, dessen
Anteilnahme für alle Dinge noch nicht erkaltet ist, der daher noch einen
frischen lebendigen Blick besitzt und der alles mit starkem Interesse
verfolgt, könnte die heutige Zeit so darstellen, wie sie dem Auge des
Jünglings erscheint. Kurz, ich dachte wie ein Kind; ich täuschte mich in
manchen Leuten: ich glaubte, daß in einem Teil meiner Leser noch ein
Funke von Liebe lebte. Ich wußte damals noch nicht, daß mein Name nur
deshalb so populär ist, weil er einzelnen Leuten die Möglichkeit und das
Recht zu geben schien, anderen etwas vorzuwerfen und sich gegenseitig
übereinander lustig zu machen. Ich glaubte, daß viele durch mein
Gelächter hindurch das Gute in meiner Natur, in meinem Ich erkennen, das
ja gar nicht aus böser Absicht lachte oder spottete. Aber ich erhielt
keine Aufzeichnungen zugeschickt, trotz meiner Aufforderung, und in den
Zeitschriften erwiderte man mir nur mit Hohn und Spott. Ich führe dies
alles nur deswegen an, um zu beweisen, daß ich alle meine Kräfte
angespannt habe, um meinem Berufe treu zu bleiben, daß ich über alle nur
möglichen Mittel nachgesonnen habe, die meine Arbeit fördern könnten,
ich ließ es mir keinen Augenblick auch nur einfallen, meinen
Schriftstellerberuf aufzugeben. Bei dieser Gelegenheit muß ich übrigens
erwähnen, daß viele ihr Erstaunen darüber geäußert haben, daß ich ein
solches Bedürfnis nach Daten über Rußland habe und dabei selbst fern von
Rußland im Auslande bleibe, diese Leute haben es sich nicht überlegt,
daß ich, ganz abgesehen von meinem leidenden Zustand, der für mich einen
Aufenthalt in einem warmen Klima nötig machte, gerade eine solche
Entfernung von Rußland brauchte, um mit meinen Gedanken um so intensiver
in Rußland verweilen zu können. Für die, die mir das nicht nachzufühlen
vermögen, will ich mich hier näher erklären, obwohl es mir etwas schwer
wird, hier alles darzulegen, was die Eigenheit meines Wesens ausmacht.
Fast alle Schriftsteller, denen es nicht an jeglicher _schöpferischen_
Begabung fehlt, besitzen eine Fähigkeit, die ich die Einbildungskraft
nennen will -- eine Fähigkeit, die darin besteht, sich Gegenstände, die
einem nicht gegenwärtig sind, so lebhaft vorzustellen, wie wenn sie uns
unmittelbar vor Augen stünden. Diese Fähigkeit ist nur dann in uns
wirksam, wenn wir uns von den Gegenständen entfernen, die wir
beschreiben wollen. Das ist der Grund, weswegen die Dichter sich
gewöhnlich solche Epochen zum Gegenstand wählen, die bereits hinter uns
liegen, und sich in die Vergangenheit versenken. Indem die Vergangenheit
uns von allem, was um uns ist, loslöst, versetzt sie unsere Seele in
eine stille ruhige Stimmung, wie sie zur Arbeit erforderlich ist. Ich
hatte keine Vorliebe für die Vergangenheit. Mein Gegenstand war die
Gegenwart und das Leben in unserer heutigen Welt, vielleicht deswegen,
weil mein Geist stets eine Vorliebe für das Wesentliche und Faßliche und
für einen greifbaren Nutzen hatte. Mit den Jahren wurde mein Wunsch, ein
moderner Schriftsteller zu werden, immer lebhafter. Aber ich sah
zugleich ein, daß man, wenn man das gegenwärtige Leben schildern will,
nicht beständig in jener erhabenen und ruhigen Stimmung verharren
konnte, deren man bedarf, um ein großes und formvollendetes Werk
hervorzubringen. Das Gegenwärtige ist viel zu lebendig, es bewegt einen
und regt einen zu sehr auf; die Feder des Schriftstellers wird ganz
unmerklich und ohne daß man es fühlt, von einer satirischen Anwandlung
erfaßt. Dazu sieht man, wenn man selbst mitten unter den Leuten weilt
und mehr oder weniger mit ihnen zusammenarbeitet, nur _die_ Menschen vor
sich, die sich in unserer Nähe befinden: die ganze Masse, die Menge
sieht man nicht, denn man kann nicht alles übersehen. Ich fing also an,
darüber nachzugrübeln, wie ich mich den anderen Leuten entziehen und
einen solchen Standpunkt einnehmen konnte, von dem ich die ganze Masse
und nicht nur _die_ Menschen zu sehen vermochte, die neben mir standen
-- wie ich mich so vom Gegenwärtigen entfernen konnte, daß es sich für
mich gewissermaßen in Vergangenheit verwandelte. Meine erschütterte
Gesundheit und einige kleine Unannehmlichkeiten, die noch dazu kamen und
die ich heute mit Leichtigkeit ertragen hätte, mit denen ich dagegen
damals noch nicht fertig zu werden vermochte, veranlaßten mich dazu, das
Ausland aufzusuchen. Ich habe mich nie nach fremden Ländern hingezogen
gefühlt, ich habe nie eine leidenschaftliche Vorliebe für sie gehabt.
Auch besaß ich nichts von jener dunklen Neugierde, wie sie Menschen
verzehrt, die nach starken Eindrücken dürsten. Aber seltsam! schon
während meiner Kinderjahre, selbst während meiner Schulzeit und damals,
als ich immer nur an den Staatsdienst und keinen Augenblick daran
dachte, daß ich Schriftsteller werden könnte, kam es mir immer so vor,
als ob ich dazu bestimmt sei, in meinem Leben noch einmal irgendein
großes Opfer zu bringen, und daß ich gerade, um meinem Vaterlande zu
dienen, gezwungen sein würde, mich in der Ferne darauf vorzubereiten und
zu erziehen. Ich wußte nicht, _wie_ das geschehen würde, noch wozu das
nötig sei; ich dachte auch gar nicht darüber nach, ich sah mich jedoch
so lebendig vor mir, sah, wie ich mich in einem fremden Lande in
Sehnsucht nach meinem Vaterlande verzehre, ja dies Bild verfolgte mich
so häufig, daß es mich ganz traurig machte. Vielleicht war das nur jene
unbegreifliche poetische Sehnsucht, die auch Puschkin manchmal
beunruhigte und ihn veranlaßte, fremde Länder aufzusuchen, lediglich um,
wie er sich ausdrückt,
Mich unterm Himmel Afrikas
Nach Rußlands trüben Gaun zu sehnen.
Wie dem auch sein mag, dieser unwillkürliche Drang in mir war so stark,
daß noch keine fünf Monate seit meiner Ankunft in Petersburg vergangen
waren, als ich bereits ein Schiff bestieg, da ich nicht die Kraft hatte,
diesem mir selbst so unbegreiflichen Gefühl zu widerstehen. Der Plan und
der Zweck meiner Reise waren sehr verschwommen. Ich wußte nur das eine,
daß ich sicherlich nicht _deswegen_ auf Reisen ging, um mich an fremden
Ländern zu erfreuen, sondern um schwere Leiden durchzukosten, ganz als
ob ich ahnte, daß ich erst jenseits von Rußland den wahren Wert meines
Vaterlandes erkennen und mich fern von ihm mit Liebe zu ihm erfüllen
würde. Kaum befand ich mich auf See, auf einem fremden Schiffe und unter
fremden Leuten (das Schiff war ein englischer Dampfer, auf dem sich
keine Menschenseele aus Rußland befand), so wurde mir traurig zumute;
ich sehnte mich so sehr nach meinen Freunden und den Kameraden meiner
Kindheit, die ich verlassen und die ich stets innig geliebt hatte, daß
ich, noch ehe ich das feste Land betreten hatte, schon an die Rückreise
dachte. Ich blieb nicht länger als drei Tage im Auslande, und obwohl
mich die Neuheit der Gegenstände reizte, beeilte ich mich, auf demselben
Dampfer nach Hause zurückzukehren, aus Furcht, daß es mir später
vielleicht nicht mehr gelingen könnte, den Weg nach Hause
zurückzufinden. Von da ab gab ich mir das Wort, überhaupt nicht mehr an
fremde Länder zu denken -- und während der ganzen Zeit meines
Petersburger Aufenthaltes, d. h. während voller sieben Jahre kam mir
nicht der Gedanke an eine Reise in ein fremdes Land, bis der Zustand
meiner Gesundheit, einige schmerzliche Erlebnisse und endlich mein
Bedürfnis nach Einsamkeit mich dazu nötigten, Rußland zu verlassen.
Zweimal bin ich nachher wieder nach Rußland zurückgekehrt, einmal sogar,
um für immer dort zu bleiben. Ich glaubte, jetzt, wo mich ein solches
Verlangen erfaßt hatte, mir über alles klar zu werden, würde es mir
bestimmt gelingen, vieles in Erfahrung zu bringen. Aber, ist es nicht
merkwürdig? Mitten im Herzen Rußlands, sah ich beinahe nichts von
Rußland selbst. Alle Menschen, denen ich begegnete, sprachen mit großer
Vorliebe davon, was in Europa vorgeht, und dagegen redeten sie nie
davon, was in Rußland passiert. Ich erfuhr nur, was man im englischen
Klub treibt, und noch einiges andere, was ich schon von selbst wußte. Es
ist bekannt, daß jeder von uns seinen eigenen Kreis von nahen Bekannten
hat, und daher ist es sehr schwer für ihn, andere Leute, die nicht dazu
gehören, kennen zu lernen, erstlich schon deswegen, weil er sich
verpflichtet fühlt, möglichst häufig mit den ihm nahestehenden Menschen
zusammen zu sein, und ferner, weil ein Kreis von Freunden schon an und
für sich so viel Angenehmes hat, daß man sehr viel Selbstaufopferung
besitzen muß, um sich ihm zu entziehen. Alle Menschen, die ich kennen
lernte, teilten mir immer nur fertige Schlüsse und Folgerungen und nicht
bloß schlichte Tatsachen mit, auf die es mir gerade ankam. Überhaupt
bemerkte ich, daß eine gewisse Veränderung in den Köpfen und in den
Gedanken der Leute vorgegangen war. Jedermann betrachtete die Sache mit
einem weit philosophischeren Blick, als man dies jemals früher zu tun
pflegte; man wollte stets den geheimsten Sinn und die tiefste Bedeutung
einer jeden Sache ergründen: ein Motiv, eine Regung, die darauf
hindeutete, daß die Gesellschaft einen mächtigen Schritt vorwärts
gemacht hatte. Andererseits entsprang hieraus eine gewisse Übereilung,
mit der man sogleich die Schlüsse und Konsequenzen zog und nach zwei bis
drei Tatsachen über das Ganze urteilte; man übersah völlig, daß damit
noch nicht alle Dinge und nicht alle Seiten einer Sache in Betracht und
in Erwägung gezogen waren. Ich bemerkte, daß sich beinahe jeder in
seinem Kopfe seine eigene Vorstellung über Rußland gebildet hatte, und
das war der Anlaß zu fortwährenden Streitigkeiten. Ich aber brauchte
etwas ganz anderes: ich brauchte jene einfachen Unterhaltungen, wie sie
noch früher in den alten Zeiten üblich waren, wo jeder bloß das
erzählte, was er in seinem Leben gesehen und gehört hatte, und wo ein
Gespräch mehr einer Anekdotensammlung als einer Diskussion glich. Das
brauchte ich gerade deswegen, weil ich unwillkürlich selbst von dieser
hastigen Sucht, sofort übereilte Schlüsse und Folgerungen aus allem zu
ziehen -- dieser allgemeinen Tendenz unserer Zeit --, angesteckt war.
Noch mehr aber mußte ich mich über unsere Provinz wundern. Dort hörte
man nicht einmal den Namen »Rußland« aussprechen. Wie mir schien, waren
nur solche Dinge in aller Munde und sprach man nur über solche
Gegenstände, die man in den neuesten aus dem Französischen übersetzten
Romanen gelesen hatte. Kurz -- während meines ganzen Aufenthalts in
Rußland zerfiel und zerstob Rußland förmlich in meinem Kopfe. Ich konnte
mir durchaus kein Ganzes daraus gestalten, mein Mut sank, und sogar mein
Verlangen, es kennen zu lernen, wurde schwächer. Sowie ich es jedoch
verließ, formte es sich mir in Gedanken sogleich wieder zu einem Ganzen,
der Wunsch, das Land kennen zu lernen, erwachte aufs neue, und die Lust,
jeden frischen Menschen, der frisch aus Rußland eingetroffen war, kennen
zu lernen, wurde wieder stark und mächtig in mir. Es bildete sich sogar
die Fähigkeit in mir heraus, die Leute auszufragen, und oft erfuhr ich
in einem Gespräch von der Dauer einer Stunde, was ich während meines
Aufenthaltes in Rußland nicht einmal im Laufe einer Woche in Erfahrung
zu bringen vermochte. Jedermann weiß, daß man im Ausland viel leichter
Bekanntschaft macht, daß sich in den Bädern Deutschlands und in den
Winterstationen Italiens Menschen begegnen, die in ihrem eigenen Lande
vielleicht nie miteinander zusammengetroffen wären und die sich ihr
ganzes Leben lang nicht kennen gelernt hätten. Das war es, was mich
veranlaßte, einem Aufenthalt außerhalb Rußlands den Vorzug zu geben,
schon im Hinblick darauf, daß ich auf diese Weise mehr von Rußland
erfahren konnte. Ich dachte sehr lange darüber nach, wie ich mich in
Rußland selbst über vieles unterrichten könnte, was dort vorgeht. Durch
Reisen im Lande selbst erreicht man nicht viel: das einzige, was man
davon im Kopfe behält, sind die Stationen und die Kneipen. In den
Städten und Dörfern Bekanntschaften anzuknüpfen, ist für einen Mann, der
nicht gerade im Auftrage der Regierung reist, auch nicht einfach, man
wird leicht für einen Spitzel gehalten, und das einzige Ergebnis ist
höchstens ein Sujet für eine Komödie, die man: _Der Wirrwarr_ betiteln
könnte. Wenn man jedoch erfährt, daß der Reisende noch dazu ein
Schriftsteller ist, so wird die Situation noch weit komischer: die
Hälfte aller russischen Leser ist fest davon überzeugt, daß ich nur
einen einzigen Lebenszweck habe, nämlich diesen, alles am Menschen vom
Kopf bis zu den Füßen zu verspotten. Und doch habe ich bisher noch nie
ein so lebhaftes Bedürfnis empfunden, die gegenwärtige Lebenslage des
Russen von heute kennen zu lernen -- um so mehr, als gerade heute die
Gegensätze in der Denkweise so groß geworden sind und alle Welt von
einem wahren Wirbel von Mißverständnissen erfaßt ist, so daß kein Mensch
mehr imstande ist, seine Nebenmenschen richtig zu beurteilen, und daß
man genötigt ist, jedes Ding mit seinen eigenen Händen zu betasten, da
man niemand mehr trauen kann. Ich konnte diese Daten nicht entbehren.
Die Charaktere und Personen, die ich mir jetzt für mein Werk ausersehen
habe, sind viel bedeutender als die, die ich mir früher zum Vorwurf
genommen hatte. Je größer die Vorzüge einer bestimmten Persönlichkeit
sind, um so greifbarer und plastischer muß man sie vor dem Leser
erstehen lassen. Dazu bedarf man all der unendlichen Kleinigkeiten und
Details, die dafür sprechen, daß diese bestimmte Person auch wirklich
gelebt hat; sonst wird sie zu einem idealen Gebilde, sonst wird sie matt
und blaß und trotz aller Tugenden, mit denen man sie ausstatten mag,
armselig und nichtssagend ausfallen. Der Russe muß wirklich das Gefühl
haben, daß die dargestellte Persönlichkeit aus demselben Leibe
herausgeschnitten ist, dem er selbst als ein Bestandteil angehört, daß
sie etwas Lebendiges, daß sie Fleisch von seinem Fleisch und Blut von
seinem Blute ist. Nur dann wird er mit seinem Helden in eins
zusammenfließen und unmerklich jene suggestiven Wirkungen, die von ihm
ausgehen, an sich erfahren, die durch kein Räsonnement und keine Predigt
hervorgebracht werden können. Eine solche volle Verkörperung, diese
letzte in sich geschlossene Vollendung eines Charakters vollzieht sich
nur dann in mir, wenn ich meinen Geist mit all diesen prosaischen realen
Kleinigkeiten und Nichtigkeiten des Lebens erfülle, wenn ich alle großen
Charakterzüge jener Menschen im Kopfe habe, zugleich jedoch auch all die
Lumpen und Fetzen bis zur kleinsten Stecknadel, die den Menschen täglich
umgeben, zusammentrage und um ihn herum aufstaple, kurz, wenn ich alles,
das Große wie das Kleine, berücksichtige und nichts außer acht lasse. In
dieser Beziehung habe ich genau so einen Verstand, wie man ihn beim
größten Teil aller Russen findet, d. h. ich habe mehr die Fähigkeit,
Schlüsse und Folgerungen zu ziehen, als etwas zu erfinden und zu
erdichten. Ich mußte immer erst eine große Menge von Menschen anhören,
wenn ich mir eine eigene Meinung bilden sollte, und dann erst fanden die
Leute meine Meinung gesund und vernünftig. Hörte ich dagegen nicht alle
an und zog ich einen übereilten Schluß, so waren meine Ansichten bloß
schroff und ungewöhnlich. Selbst in meinem letzten Buch, in meinem
»_Briefwechsel mit meinen Freunden_«, kommt vieles vor, das Ähnlichkeit
mit einer bloßen Präsumtion oder einer Vermutung hat und doch gar keine
Voraussetzung ist. Es enthält nichts als Folgerungen, aber die einen
Schlüsse und Folgerungen sind unter Berücksichtigung sämtlicher Seiten
einer Sache gezogen und sind daher allen klar, während andere nur
Folgerungen aus einigen Tatsachen darstellen, die nicht allen bekannt
sind; und daher sind sie auch so oder erscheinen sogar vielen einfach
als Torheit. Das ist auch der Grund, weswegen es kaum ein Werk von mir
gibt, in dem nicht neben reifen Gedanken auch ganz unreife stehen und in
dem nicht der Mann und das Kind, der Lehrer und der Schüler gleichzeitig
zu Worte kommen.
Es war mir also nicht möglich, mir all das zu verschaffen, was ich
brauchte. Und da ich es mir nicht zu verschaffen vermochte -- ist es da
wohl ein Wunder, daß ich nicht arbeiten konnte? Wie kann man mit sich
selbst kämpfen, wenn man solche Ansprüche an sich selbst zu stellen
gelernt hat? Wie soll die Einbildungskraft sich da zum Fluge erheben --
selbst wenn sie vorhanden ist --, wo der Verstand bei jedem Schritt die
Frage nach dem »Warum« stellt? Warum mußten eine Reihe von Umständen
eintreten, die ich nicht herbeigerufen habe? Warum konnte ich mir erst
durch eine strenge Erforschung und Analyse meiner eigenen Seele die
Kenntnis der Menschenseele erwerben? Warum wurde ich erst da von dem
Verlangen erfaßt, den russischen Menschen darzustellen, als ich das
allgemeine Gesetz der menschlichen Handlungen kennen gelernt hatte, und
warum lernte ich es erst kennen, nachdem ich den Weg zu Ihm gefunden
hatte, Der allein alles menschliche Tun und jedes geringste Geheimnis
unserer Seele durchschaut? -- Warum wurde ich so von dem Verlangen
gequält, die Seele des Menschen kennen zu lernen? Warum traten endlich
solche Umstände ein, von denen ich nicht einmal sprechen kann, die mich
jedoch nötigten, gegen meinen Willen tiefer in die Menschenseele
hinabzutauchen? Warum blieb für mich die Fähigkeit, mich überall an der
Schönheit der Menschenseele zu erfreuen, wo sie mir immer entgegentreten
mochte, stets der Gipfel, die Krone aller ästhetischen Genüsse? Warum
wurde ich seit den Tagen meiner Kindheit unaufhörlich von dem Verlangen
gequält, die menschliche Seele zu ergründen? Erklärt mir vor allem,
warum dies so kommen mußte, und dann fragt mich: warum ich nicht mehr so
schreiben kann, wie ich früher geschrieben habe. Ich wollte den
Umständen und dieser Ordnung, die ja nicht ich eingesetzt hatte,
Widerstand leisten. Ich versuchte es mehrmals, so zu schreiben, wie ich
es früher getan, wie ich in meiner Jugend geschrieben hatte, das heißt,
wie sich's traf, wie es meiner Feder beliebte, aber es wollte mir nichts
mehr aus der Feder fließen. Voller Freude, daß ich durch meine an meine
Freunde und Bekannten gerichteten Briefe wieder einigermaßen ins
Schreiben hineingekommen war, wollte ich sofort Nutzen daraus ziehen,
und sowie ich mich von meiner schweren Krankheit erholt hatte, machte
ich gleich ein Buch daraus, wobei ich bestrebt war, den Stoff nach
Möglichkeit zu ordnen und dem Ganzen einen gewissen Zusammenhang zu
geben, damit das Buch den Charakter eines vernünftigen Werkes erhielte;
ich bedachte nicht, daß das Publikum vieles davon, was an einzelne
Personen gerichtet war, auf sich beziehen würde, besonders nach meinem
Testament, das sich an alle meine Landsleute richtete. Ich fürchtete
mich davor, die Fehler und Mängel des Buches selbst nachzuprüfen, und
verschloß meine Augen, denn ich wußte, daß ich mein Buch, wenn ich es
einer strengeren Prüfung unterziehen würde, vielleicht ebenso vernichten
könnte, wie ich die »Toten Seelen« und alles, was ich in der letzten
Zeit geschrieben hatte, vernichtet habe. Ich glaubte, dies Buch könnte
die Leser wenigstens in geringem Maße für mein langes Schweigen
entschädigen, ich glaubte, ich könnte darin meine schwierige Lage
schildern und darlegen, die mir in der letzten Zeit das Schreiben
unmöglich gemacht hatte, und ich würde die Aufmerksamkeit auf die
praktischen Fragen und die Fragen des Lebens lenken. Ich beabsichtigte
ferner, solche Dinge zu berühren, die mir einen tieferen Einblick in
Rußland verschaffen, mich erfrischen und beleben und zwingen würden, zur
Feder zu greifen. Aber es geschah nichts von alledem: alle Welt
überhäufte mich mit Vorwürfen. Ich bekam nur Worte und Reden über Dinge
zu hören, die nicht durch Worte und Reden entschieden werden können. Ich
ließ die Hände sinken. Der Trieb, der sich scheinbar schon in mir zu
regen begonnen hatte, erlosch, und ich fühlte mich ganz von selbst und
ohne daß ich es merkte, vor die Frage gestellt, die mir noch nie in den
Sinn gekommen war: soll ich überhaupt noch etwas schreiben? Soll ich
noch weiter in diesem Berufe tätig sein, von dem mich in der letzten
Zeit alles so offenkundig abzuziehen schien? Angenommen, daß es mir
selbst gelingen sollte, mich zu überwinden, angenommen selbst, daß mein
Kiel wieder die nötige Leichtigkeit und Beständigkeit erlangen würde,
und daß mir eine Seite nach der anderen ganz zwanglos aus der Feder
fließen würde -- war meine seelische Verfassung wirklich derartig, daß
meine Werke der Gesellschaft von heute tatsächlich von Nutzen sein
konnten und heute eine Notwendigkeit für sie darstellten? Werfen wir
dazu einmal einen Blick auf den Zustand der Gesellschaft unserer Zeit:
begünstigt die Gegenwart den Schriftsteller im allgemeinen? und ferner:
ist sie einem Schriftsteller, wie ich einer bin, günstig?
Alle sind sich mehr oder weniger darüber einig, daß unsere heutige Zeit
eine Übergangszeit genannt werden kann. Alle fühlen heute mehr denn je,
daß sich die Welt auf dem Marsche und nicht im Hafen befindet, das ist
nicht einmal eine Station, auf der man vorübergehend haltmacht, kein
Nachtquartier und kein Rasten während der Reise. Alles sucht etwas, aber
es sucht es nicht draußen, sondern in dem eigenen Inneren. Die
moralischen Fragen haben ein starkes Übergewicht über die politischen,
die Probleme der gelehrten Wissenschaft sowie alle anderen Probleme
erlangt. Kein Schwert und kein Kanonendonner vermögen das Interesse der
Welt mehr zu fesseln. Überall kommt mehr oder weniger deutlich der
Gedanke eines inneren Aufbaus, einer inneren Organisation zum
Durchbruch: alles wartet auf das Eintreten einer strengeren
harmonischeren Lebensordnung. Der Gedanke der Organisation, des Aufbaus
sowohl des eigenen Ichs wie des der anderen wird immer mehr
Allgemeingut. Alle bedeutenden Menschen, die an der Spitze marschieren,
erleben Krisen und Umwälzungen in ihrem Inneren, manche sogar in den
Jahren, wo in der Seele des Menschen bisher noch nie ein innerer
Umschwung oder eine innere Besserung und Erhebung möglich zu sein
schienen. Ein jeder fühlt mehr oder weniger, daß er sich nicht in der
richtigen Verfassung befindet, in der er sich eigentlich befinden
sollte, wenn er auch nicht weiß, worin dieser ersehnte Zustand nun
eigentlich besteht. Dennoch aber sucht und strebt alles nach diesem
ersehnten Zustande; alle Ohren lauschen gespannt und richten sich
dorthin, woher sie etwas über die Fragen, die heute alle beschäftigen,
zu vernehmen hoffen. Kein Mensch will ein Buch lesen, das nicht
wenigstens eine Spur von all jenen Fragen enthält. Bedarf man also wohl
in solch einer Zeit der Werke eines Schriftstellers, der über ein
gewisses schöpferisches Talent verfügt, der lebendige Bilder von
Menschen zu erschaffen vermag, und der die Gabe hat, das Leben
eindringlich und plastisch darzustellen, so wie es ihm erscheint, -- der
von dem Verlangen verzehrt wird, es kennen zu lernen? Machen wir uns
zunächst einmal klar, was das für ein Schriftsteller ist, dessen
Hauptbegabung sein schöpferisches Talent ist.
Alle Welt stimmt mehr oder weniger darin überein, daß ein produktiver
Schriftsteller seine Werke schreibt, um die Menschen zu belehren. Die
Ansprüche, die an ihn gestellt werden, sind gewaltig -- und mit Recht:
um nichts als eine gute Kopie dessen, was man vor Augen sieht,
herzustellen, dazu gibt es auch andere Schriftsteller, die häufig ein
außergewöhnliches Talent für das beschreibende, malende Genre besitzen,
denen jedoch die _schöpferische_ Gabe völlig mangelt. Wer dagegen
_schafft_, wer viel Zeit und Mühe darauf verwendet, dem sein Werk teuer
zu stehen kommt, der darf seine Mühe und Arbeit nicht umsonst
verschwenden. Die Schöpfungen seiner Kunst müssen für unser Leben einen
Fortschritt bedeuten, er muß, wenn er seine Zeit verstanden hat, wenn er
auf der Höhe jener Epoche steht, dieser Epoche seine Schuld für die
Belehrung, die er aus ihr geschöpft hat, abtragen können, indem er auch
sie seinerseits wieder belehrt. So wenigstens bestimmen die Ästhetiker
unserer Zeit ebenso wie die früherer Zeiten das Wesen des Dichters oder
ganz allgemein das Wesen eines Schriftstellers von schöpferischer
Begabung. Die Menschen ganz so zu reproduzieren, wie man sie in sich
aufgenommen hat, ist für einen schöpferischen Schriftsteller sogar
unmöglich, das wird ein Schriftsteller weit besser machen, der über
einen flinken Pinsel verfügt, sofort und jederzeit nachzuahmen vermag,
was an seinem Blick vorüberzieht, und der von keinen inneren Skrupeln
gequält und beunruhigt wird.
Folglich kann in unserer heutigen Zeit, wo alle Menschen so sehr mit den
Fragen des Lebens beschäftigt sind, ein solcher Schriftsteller mehr als
jemand anderes das lösende Wort in den Fragen der Gegenwart sprechen;
aber wann und in welchem Falle? Nur dann und in dem Falle, wenn er sich
schon selbst alle Fragen, die ihn beunruhigen, beantwortet hat. Wenn er
sich bei allen seinen großen Gaben zu einer plastischen Anschaulichkeit
des Stils, zu der Adlerkraft und -schärfe des Blicks, zu dem
fortreißenden lyrischen Schwung und der zermalmenden Wucht seines
Sarkasmus noch eine umfassende Kenntnis seines Landes und seines Volkes
bis hinab in seine Wurzeln und Auszweigungen erworben, wenn er sich zum
Bürger seines Landes und zum Bürger der ganzen Menschheit herangebildet
hat und überall da, wo dem Menschen geboten ward, hart zu sein wie ein
Fels, unerschütterlich dasteht wie ein Stein, dann mag er seine Laufbahn
antreten. Wenn er wirklich über solche Mittel und Werkzeuge verfügt,
dann wird er dem Publikum solche Menschen vorführen, wie er sie
gegenwärtig und in unserem heutigen Zeitalter braucht, und er wird sie
mit jener porträthaften Anschaulichkeit ausstatten, die da macht, daß
das Bild eines Menschen uns überallhin verfolgt, so daß wir es nicht
wieder loswerden können. Bei solchen Mitteln wird es ihm natürlich nicht
schwer werden, alle jene Heldengestalten, mit denen die modernen
Schriftsteller unsere Köpfe vollgestopft haben, wieder auszutreiben. Man
muß nur einmal statt durch heftige leidenschaftliche Reden durch solche
lebendige Bilder, die wie die rechtmäßigen Herren in der Seele der
Menschen ein und aus gehen, zum Publikum sprechen, -- so werden sich
einem die Tore der Herzen von selbst öffnen, um sie aufzunehmen, wenn
man nur das Gefühl hat und nur das Geringste davon spürt, daß diese
Gestalten und Bilder aus unserem eigenen Wesen geschöpft sind, daß sie
unserem eigenen Körper entstammen. Wer könnte in solch einem Falle noch
daran zweifeln, daß heutzutage niemand eine so starke Wirkung auszuüben
vermöchte, wie solch ein Schriftsteller, und daß niemand unserer Zeit
und unserer heutigen Epoche notwendiger ist als er. Wenn er jedoch
tatsächlich über einige von diesen Mitteln und Werkzeugen verfügt, sich
aber noch nicht zu einem Bürger seines Landes und der Menschheit
herangebildet hat, wenn er, dem allgemeinen Zuge der Zeit folgend,
selbst noch im Werden und in der Entwicklung begriffen ist, dann wäre es
für ihn sogar gefährlich, sich in die Öffentlichkeit hinauszuwagen; dann
kann seine Wirkung eher schädlich als nützlich sein. Diese Arbeit an
sich selbst wird in allem zum Ausdruck kommen, was seiner Feder
entstammt. Je weniger Ähnlichkeit er mit anderen Leuten hat, je
ungewöhnlicher er uns erscheint, je mehr er sich von anderen Menschen
unterscheidet, je eigenartiger er ist, zu um so mehr Irrtümern und
Mißverständnissen kann er überall Anlaß geben. Das, was in ihm lediglich
eine natürliche Äußerung, eine normale Funktion seines außergewöhnlichen
Organismus, ein vorübergehender Zustand, eine Stimmung seines Geistes
ist, kann anderen Menschen als ein Höhepunkt, als Zielpunkt erscheinen,
den alle erreichen müssen. Je liebevoller er sich für seine Helden und
Charaktere einsetzt, je gründlicher er sie ausführt, und je lebendiger
seine Darstellung ist, um so größer wird der Schaden sein. Wir alle
haben den Beweis dafür vor Augen. Eine bekannte französische
Schriftstellerin, die alle anderen an Begabung überragt, hat in wenigen
Jahren eine gewaltigere Umwälzung in den Sitten hervorgerufen als
sämtliche Schriftsteller, die sich bemühten, die Menschen zu
korrumpieren. Sie hat vielleicht gar nicht einmal daran gedacht, die
Unsittlichkeit zu predigen, ihre Schriften waren möglicherweise nur der
Ausdruck einer vorübergehenden Verirrung, der sie in einer späteren
Epoche ihrer geistigen Entwicklung vielleicht wieder entsagt, von der
sie sich wieder losgesagt hat, allein das Wort war bereits gefallen:
»_Ein Wort ist wie ein Spatz_,« sagt ein russisches Sprichwort, »_läßt
du es aus der Hand, so fängst du es nie mehr ein_.«
Ich selbst bin ein Schriftsteller, dem es nicht ganz an schöpferischer
Begabung fehlt; ich besitze auch einige von den Gaben und Fähigkeiten,
in denen eine suggestiv fortreißende Kraft liegt. Der allgemeinen
Zeitströmung folgend, die nicht von uns gemacht wird, sondern dem Willen
des Höchsten entspringt, ... strebe auch ich nach Bildung und
Organisierung meines Ichs, wie dies auch andere tun, und ich fühle, daß
ich noch sehr weit von dem Ziele entfernt bin, dem ich zustrebe, und daß
ich daher nicht öffentlich hervortreten sollte. Auch das unlängst
veröffentlichte Buch »Briefwechsel mit meinen Freunden« ist ein Beweis
dafür. Wenn schon dies Buch, das nicht mehr als eine Abhandlung ist, wie
man sagt, durch seine Unbestimmtheit zu Irrtümern Anlaß gibt und sogar
zur Verbreitung verkehrter Gedanken beiträgt, wenn schon von diesen
Briefen, wie man sagt, einem ganze Sätze und Seiten wie lebendige Bilder
im Kopf haften bleiben, was wäre erst dann geschehen, wenn ich, statt
mit diesen Briefen, mit einem erzählenden Werk voll lebendiger
Anschauungen hervorgetreten wäre? Ich fühle selbst, daß hierin weit mehr
meine Stärke liegt als in theoretischen Erörterungen. Jetzt kann die
Kritik mich noch angreifen, dann jedoch wäre kaum jemand imstande
gewesen, mich zu widerlegen. Meine Bilder hätten etwas Suggestives
gehabt und hätten sich so in den Köpfen festgesetzt, daß kein Kritiker
sie von dort hätte wieder austreiben können. Man darf nicht außer acht
lassen, daß alle dargestellten Personen und Charaktere die Wahrheit
meiner eigenen Überzeugungen hätten beweisen müssen und meine
Überzeugungen ... Wenn ich dieses Buch mit den von mir vernichteten
»Toten Seelen« vergleiche, so kann ich nicht dankbar genug sein für den
mir zuteil gewordenen Impuls, sie zu vernichten. Trotzdem aber stehe ich
in meinem Briefwerk auf einem höheren Standpunkt als in den vernichteten
»Toten Seelen«. Die Dunkelheit des Ausdrucks verwirrt an vielen Stellen
den Leser; wenn ich denselben Gedanken etwas deutlicher und klarer
ausgedrückt hätte, so hätten viele Leute unterlassen, mir Einwände zu
machen. In den von mir vernichteten »Toten Seelen« ist weit mehr von dem
Übergangszustand, von dem inneren Umschwung in mir zum Ausdruck
gekommen, es steckt noch eine weit größere Unbestimmtheit in den
grundlegenden Prinzipien darin, die Gedanken haben mehr bewegende,
treibende Kraft, einzelne Teile enthalten schon sehr viel
Eindrucksvolles, mit sich Fortreißendes, und die Helden haben etwas
Suggestives. Kurz -- als ein ehrlicher Schriftsteller hätte ich die
Feder niederlegen müssen, selbst dann, wenn ich wirklich den Drang
gefühlt hätte, sie zu ergreifen. Aber so etwas muß mit Besonnenheit
betrachtet werden. Alle die, die leichtfertig von mir verlangen, daß ich
in meiner schriftstellerischen Arbeit fortfahren soll, und doch zugleich
mein letztes [Buch] schlecht machen, sollten sich doch zum mindesten die
ganze Sache etwas genauer überlegen und alle Umstände in Betracht
ziehen, die kein Richter außer acht läßt, wenn er über jemand zu Gericht
sitzt. Ich habe den Eindruck, daß heute nicht nur ein Mensch, der
schriftstellerisch tätig ist, sondern jeder Kopf überhaupt sich der
Tätigkeit enthalten sollte, wenn er die Neigung hat, Schlüsse und
Folgerungen zu ziehen und selbst noch ... Von den klugen Leuten sollten
nur solche sich öffentlich betätigen, deren Erziehung vollendet ist und
die fertige Bürger ihres Landes sind, und von den Schriftstellern nur
solche, die Rußland ebenso glühend lieben wie der, der sich Kosak
Luganski nennt, und die es gleich ihm verstehen, die Natur so zu
schildern, wie sie wirklich ist, ohne uns das Gute und Böse an der
russischen Natur zu unterschlagen, das sollten nur Schriftsteller tun,
die sich einzig und allein von dem Wunsche leiten lassen, alle Welt über
den wirklichen Zustand aufzuklären, in dem sich heute die Menschen in
Rußland befinden.
Es wird _mir_ sicherlich viel schwerer als irgend jemand sonst, die
schriftstellerische Tätigkeit aufzugeben, wo sie doch der Inhalt aller
meiner Gedanken und Wünsche war, wo ich doch allem anderen, allen
Lockungen des Lebens entsagt und wie ein Mönch alle Bande, die mich an
alles das, was dem Menschen hier auf Erden teuer ist, zerrissen habe, um
an nichts mehr zu denken als an meine Arbeit. Es wird mir nicht leicht,
der schriftstellerischen Tätigkeit zu entsagen: gehörten doch gerade die
Augenblicke zu den schönsten meines Lebens, wo ich das, was ich lange in
Gedanken ausgebrütet hatte, zu Papier bringen durfte; bin ich doch auch
jetzt noch immer überzeugt, daß es kaum einen höheren Genuß gibt als den
des _Schaffens_. Aber -- ich wiederhole dies nochmals -- als ehrlicher
Mensch müßte ich meine Feder selbst dann noch niederlegen, wenn ich den
inneren Drang fühlte, sie zu ergreifen.
Ich weiß nicht, ob ich ehrlich genug gewesen wäre, so zu handeln, wenn
ich nicht die Fähigkeit zum Schreiben verloren hätte; denn -- um ganz
aufrichtig zu sein -- das Leben hätte dann plötzlich allen Wert für mich
eingebüßt; nicht mehr schreiben, nicht schaffen, das hätte für mich
ebensoviel bedeutet, wie nicht leben. Aber es gibt keinen Verlust, für
den uns nicht ein Ersatz geschaffen wird, was ein Beweis dafür ist, daß
der Schöpfer den Menschen keinen Augenblick verläßt. Das Herz bleibt
keinen Moment ganz leer und kann nicht ganz ohne Wunsch sein. Wie die
Erde, die eine Weile vom Pflug unberührt bleibt, andere und neue Kräuter
und Gräser wachsen läßt, bis sie sich in ein neues von ihnen
befruchtetes und gedüngtes Ackerfeld verwandelt, so kehrten auch in mir,
als ich die Fähigkeit, zu schaffen verloren hatte, meine Gedanken aufs
neue zu dem Gegenstand zurück, von dem ich in meiner Kindheit geträumt
hatte. Ich wollte wieder dienen; jede, selbst die kleinste und
unscheinbarste Stellung hätte mir genügt, wenn ich nur meinem Vaterlande
so hätte dienen können, wie ich ihm einstmals hatte dienen wollen, ja
ich hätte ihm jetzt noch weit treuer und besser dienen mögen, als ich
dies jemals gewünscht hatte. Der Gedanke an einen solchen Dienst hat
mich niemals verlassen. Ich söhnte mich auch erst mit meiner
schriftstellerischen Tätigkeit aus, als ich mich innerlich überzeugte,
daß man auch auf diesem Gebiete seinem Vaterlande dienen könne. Aber
auch damals dachte ich noch daran, wenn ich einmal ein großes Werk
vollendet haben würde, ganz so wie die anderen Menschen in den
Staatsdienst einzutreten und mir eine Stellung zu suchen. Meine Pläne
und Absichten hatten bloß etwas Anmaßendes und entsprangen einer
hochmütigen Gesinnung. Ich glaubte, wenn ich den Beweis dafür ablegen
würde, daß ich den Russen wirklich von Grund aus, in seiner Wurzel und
seinen fundamentalsten Zügen kenne, d. h. wenn ich ihn sowohl in den
Zügen, die allen erkennbar, als auch in denen, die bisher noch verborgen
sind, verstehe, ich glaubte, wenn ich den Beweis liefern würde, daß ich
die Seele des Menschen nicht aus Büchern und Erzählungen, sondern aus
Erfahrung kenne, da ich schon von frühester Jugend auf von dem Wunsche
beseelt war, den Menschen begreifen zu lernen, so würde man mir eine
Stellung anweisen, die es mir erlauben würde, mit Menschen aller Stände
und mit vielen Leuten in persönliche Berührung zu kommen, nicht erst
durch Vermittlung von Akten und Kanzleien: eine Stellung, in der ich
meine Menschenkenntnis mit wirklichem Nutzen verwerten, mich vielen
Leuten nützlich erweisen und mir selbst noch eine größere
Menschenkenntnis erwerben würde. Es schien mir so, als ob Rußland am
meisten unter den gegenseitigen Mißverständnissen leidet, und daß wir
vor allem solche Menschen brauchen, die bei einiger Kenntnis der Seele
und des Herzens und ganz allgemein bei einigem Wissen von dem innigen
Wunsche nach Frieden beseelt wären. Ich hatte gesehen und bereits die
Erfahrung gemacht, daß man durch persönliche Unterhandlungen und
Aufklärungen viele Streitigkeiten beilegen konnte, die niemals auf dem
Aktenwege zu erledigen sind. Ich dachte mir, wenn es auch heute keine
solche Stellungen gebe, so würde ich doch, wenn mein Werk ganz fertig
und bereits erschienen sei, einen solchen Posten erhalten, und ich
entwarf in Gedanken bereits einen Plan, ein Projekt, in dem ich darlegen
wollte, wie ich mich Rußland durch die Fähigkeiten, die ich besaß,
nützlich und notwendig erweisen könnte. Ich schmiedete die kühnsten
Pläne, da sie sich jedoch lediglich auf den Erfolg meines Werkes
gründeten, zerfielen sie sogleich in sich, als mir die Fähigkeit,
dichterische Werke zu schaffen, verloren gegangen war. Jetzt sind in
meinen Augen alle Ämter und Stellungen gleichwertig, jeder Posten -- der
kleinste wie der größte -- hat die gleiche Bedeutung, wenn man ihn nur
mit dem gebührenden Ernst ansieht, und es will mir so scheinen, daß man,
wenn man den Menschen nur ein wenig zu schätzen weiß und einen Begriff
von seiner Würde hat, die ihm selbst dann noch erhalten bleibt, wenn der
Mensch viele Fehler und Mängel hat, daß man, sofern man nur etwas
wahrhaft christliche Liebe für ihn hat und endlich von wirklicher Liebe
zu Rußland erfüllt ist, wie ich glaube, in jeder Stellung sehr viel
Gutes wirken kann. Die Kraft des sittlichen Einflusses übertrifft alles
andere. Ein Amt und eine Stellung wären für mich dasselbe wie ein Hafen
und das Festland für einen Seefahrer. Ich bin überzeugt, daß heutzutage
ein jeder, der von dem heißen Wunsch nach dem Guten verzehrt wird, der
ein Russe ist und dem Rußlands Ehre am Herzen liegt ... sich ebenso und
mit demselben Eifer zu vielen Ämtern und Stellungen im Staate drängen
sollte, wie einstmals jeder von uns in die Reihen trat, um das Vaterland
gegen den Feind zu verteidigen; denn das Unrecht und die Zahl der Übel
sind groß, und sie haben schon viel Schmach über uns gebracht.
Andererseits aber bin ich auch überzeugt, daß wir schon um unserer
selbst willen ein Amt und eine Stellung brauchen, um ... So stürmisch
und aufgeregt die heutige Zeit ist, so erregt und bewegt auch die
Geister um uns herum sind, so sehr uns unser eigener Verstand empört,
man kann bei alledem doch ruhig bleiben, wenn man nur zu dem Zweck eine
Stellung annimmt, um seine Pflicht so zu erfüllen, daß man dem Himmel
Rechenschaft dafür abzulegen vermag und sich dessen nicht zu schämen
braucht. Wie dem auch sein mag, das Leben ist für uns kein Rätsel mehr.
Es war einmal ein Rätsel, als die klügsten unter den Menschen, die
Denker und Dichter, über es nachsannen und zur Überzeugung kamen, daß
sie nicht wissen, was das Leben ist. Aber nachdem einmal einer -- der
der klügste von ihnen allen war -- es mit voller Sicherheit und ohne zu
schwanken oder zu zweifeln ausgesprochen hat, _Er_ wisse, was das Leben
sei; seitdem dieser _Eine_ von allen anerkanntermaßen für den größten
aller Menschen, die bisher gelebt haben, selbst von denen, die nicht
zugeben wollen, daß Er Gott sei, gehalten wird, muß man Ihm aufs Wort
glauben, selbst wenn Er nur ein einfacher Mensch gewesen sein sollte.
Folglich ist die Frage: Was ist das Leben? gelöst.
Das aber genügt noch nicht. Uns ward ein vollständiges und umfassendes
Gesetz für alle unsere Handlungen gegeben -- ein Gesetz, das keine
Gewalt in seiner Wirkung zu hemmen oder zu beschränken vermag, das man
selbst bis in die Mauern des Gefängnisses tragen, das man jedoch nicht
erfüllen kann, wenn man in der Luft schwebt; dazu muß man zum mindesten
ein festes irdisches Fundament unter den Füßen haben. Wenn man ein Amt
und eine Stellung innehat, befindet man sich doch immer auf einem
bestimmten Wege; besitzt man dagegen keine bestimmte Stellung und kein
Amt, so geht man aufs Geratewohl durch Gestrüpp und Schluchten, wenn man
auch das gleiche Ziel im Auge behält. Auf einem Wege geht sich's
leichter als dort, wo es keine Wege gibt. Wenn man Amt und Stellung als
Mittel zu einem Ziel betrachtet, das nicht auf der Erde liegt, sondern
als einen Weg zum himmlischen Ziel -- zur Rettung unserer Seele --
ansieht, so erkennt man, daß das Gesetz, das uns Christus gegeben hat,
nur für uns selbst gegeben ward, daß er sich gleichsam an uns selbst
wendet, um uns klar und deutlich zu zeigen, wie wir uns an der Stelle,
an der wir stehen, und in dem Berufe, den wir uns erwählt haben,
verhalten sollen. Es ward dem Christen mit aller Bestimmtheit und
Deutlichkeit gesagt, wie er sich gegen Höhergestellte benehmen soll, und
wenn er nur einen Teil davon erfüllt, so werden ihn alle, die über ihm
stehen, liebgewinnen. Es ward dem Christen in aller Bestimmtheit und
Deutlichkeit gesagt, wie er sich gegen die verhalten soll, die unter ihm
stehen, und wenn er nur einen Teil hiervon erfüllt, so werden ihm alle
unter ihm Stehenden von Herzen ergeben sein. Diese ganze Universalität
des menschenfreundlichen Gesetzes Christi, dieses Verhältnis der
Menschen untereinander kann von jedem von uns auf seine begrenzte Sphäre
angewandt und übertragen werden. Wir brauchen bloß alle Menschen, mit
denen wir so häufig in unangenehmster und peinlichster Art
zusammenstoßen, zu unseren Nächsten und unseren Brüdern zu machen, zu
jenen Nächsten, denen uns Christus am meisten zu vergeben und die Er uns
am meisten zu lieben geboten hat. Man braucht bloß nicht darauf zu
achten, wie die anderen sich gegen uns verhalten, und nur daran zu
denken, wie man selbst gegen andere Leute handelt. Man braucht bloß
nicht daran zu denken, wie die anderen uns lieben, sondern bloß darauf
zu achten, ob man sie auch _selbst_ liebt. Man braucht nur, ohne sich
durch irgend etwas gekränkt zu fühlen, dem ersten, dem man begegnet, die
Hand zur Versöhnung entgegenzustrecken. Man braucht bloß eine kurze Zeit
lang so zu handeln und man wird bald inne werden, daß der Umgang mit
anderen Leuten uns selbst und daß ihnen der Umgang mit uns viel leichter
wird; dann wird man wirklich die Kraft in sich fühlen, auch an einer
unscheinbaren Stelle manch nützliche Tat zu vollbringen. Am schwersten
hat es der in der Welt, der noch nicht irgendwo festen Fuß gefaßt hat,
der sich's nicht klarmacht, worin sein Beruf besteht: ihm ist es am
schwersten, das Gesetz Christi auf sich anzuwenden, das doch dazu da
ist, um auf der Erde und nicht in der Luft verwirklicht zu werden; daher
muß auch das Leben ein ewiges Rätsel für ihn sein. Ihm gegenüber ist
sogar der Gefangene, der im Kerker schmachtet, noch im Vorteil: er weiß,
daß er ein Gefangener ist, und er weiß daher auch, was von dem Gesetz er
für sich auswählen muß. Ihm gegenüber ist noch der Bettler im Vorteil,
er hat auch ein Amt: er ist ein Bettler und weiß daher, was er für sich
aus dem Gesetz Christi schöpfen soll. Ein Mensch jedoch, der nicht weiß,
was sein Beruf, wo sein Platz ist, der sich nichts klar, der bei nichts
haltmacht und nirgends festen Fuß gefaßt hat, der hat weder in der Welt
noch außer der Welt ein Heim; er weiß nicht, wer sein Nächster ist, wer
seine Brüder sind, wen er lieben und wem er verzeihen soll (man kann
nicht die ganze Welt lieben, wenn man nicht erst einmal die lieben
lernt, die einem am nächsten stehen und die Gelegenheit haben, uns
Kummer zu bereiten): sein Gemütszustand hat die meiste Ähnlichkeit mit
einer trockenen mattherzigen Seelenverfassung.
So war ich denn nach vielen Jahren langer Mühe und mancherlei Versuchen
und häufigem Nachdenken, auf meinem Wege sichtlich vorwärtsschreitend,
endlich zu dem Ergebnis gelangt, von dem ich schon während meiner
Kindheit geträumt hatte, daß das Dienen die Bestimmung des Menschen und
daß unser ganzes Leben ein einziger Dienst ist. Man darf nur nicht
vergessen, daß man ein Amt im irdischen Staate übernimmt, um dadurch dem
himmlischen König zu dienen, und daher Sein Gesetz stets im Auge
behalten muß. Nur wenn man seinen Dienst in dieser Weise auffaßt, kann
man es allen recht machen: dem König, dem Volk und seinem Vaterland.
Als ich diese Überzeugung gewonnen hatte, war ich schon bereit, mich
voller Eifer jedem Amte zu widmen, obwohl ich natürlich bemüht war, mir
mit Rücksicht auf meine Fähigkeiten einen solchen Beruf zu wählen, der
mich auch weiter in den Stand setzen würde, die Menschen in Rußland auch
in der Praxis kennen zu lernen; damit ich, wenn sich bei mir die
Fähigkeit zum dichterischen Schaffen wieder einstellen sollte, über ein
ausreichendes Material verfügte. Und so war auch einer der Gründe meiner
Reise ins Heilige Land der ehrliche Wunsch, an jener Stelle zu Gott zu
beten und mir von Ihm, Der uns in jenen Gegenden, die einst Sein Fuß
durchschritten, das Geheimnis des Lebens offenbart hat, den Segen für
eine rechtschaffene Erfüllung meiner Pflicht und für meinen Eintritt ins
Leben zu erflehen; ich wollte Ihm für alles danken, was sich in meinem
Leben ereignet hatte, mir von Ihm eine Tätigkeit erbitten und Ihn um
Belebung und Erfrischung für den weiteren Weg und das Werk, für das ich
mich herangebildet und vorbereitet hatte, anflehen. Und darin finde ich
nichts Merkwürdiges, da doch auch der Schüler nach Beendigung seines
Lehrganges sich beeilt, dem Lehrer ein Wort des Dankes zu sagen. Wenn
doch auch der Sohn zum Grabe des Vaters eilt, bevor er seine Tätigkeit
beginnt, warum sollte _ich_ nicht jenem Grabe Ehre und Anbetung
erweisen, das alle verehren, an dem allen Trost und Kräftigung zuteil
wird und vor dem alle Menschen -- auch solche, die keine Dichter sind --
von Begeisterung ergriffen werden. Es ist vielleicht recht sonderbar,
daß ich in einem gedruckten Buche hierüber geredet habe; aber ich hatte
mich damals gerade von einer schweren Krankheit erholt. Ich war noch
recht schwach und glaubte gar nicht, daß ich imstande sein würde, diese
Reise zu vollenden. Ich wollte, daß _die_ für mich beten sollten, deren
ganzes Leben ein einziges Gebet geworden war, wußte nicht, wie ich es
anstellen sollte, daß meine Stimme bis in die Tiefe der Klosterzellen
und in die Mauern der Einsiedler dränge, und ich dachte, daß vielleicht
einer von denen, die mein Buch lesen würden, mein Wort bis an das Ohr
jener tragen möchte. Ich bat auch die anderen, für mich zu beten, weil
ich nicht wußte, wessen Gebet Ihm wohlgefälliger ist, zu Dem wir alle
beten. Ich weiß nur das eine, daß der Geringste und Schlechteste unter
uns schon morgen ein besserer Mensch werden kann als wir alle und daß
sein Gebet eher bis an Gottes Ohr dringen kann als jedes andere Gebet.
Dafür hätte man mich nicht so strenge verurteilen sollen; man hätte
lieber an die Worte »_Bittet, so wird euch gegeben_« denken und dies
Gebot erfüllen sollen.
Wie es geschehen konnte, daß ich nun genötigt bin, dem Leser über dies
alles Auskunft zu geben, das kann ich selbst nicht begreifen. Ich weiß
nur das eine: daß ich nie den Wunsch hatte, mich über meine geheimsten
und innersten Seelenregungen zu äußern -- nicht einmal meinen
aufrichtigsten Freunden gegenüber. Ich war fest entschlossen, nichts von
meinen Seelenerlebnissen zu verraten und alle Urteile, die über mich
gefällt wurden, ruhig über mich ergehen zu lassen, da ich fest davon
überzeugt war, daß, wenn erst der zweite und dritte Band der »Toten
Seelen« erscheinen würden, sich alles aufklären und niemand mehr die
Frage stellen würde: was ist der Autor selbst für ein Mensch? trotzdem
der Autor gänzlich hinter seinen Helden verschwinden sollte. Nachdem ich
mich jedoch einmal darauf eingelassen hatte, gewisse Erklärungen über
meine Werke abzugeben, war es ganz unvermeidlich, daß ich auch von mir
selbst reden mußte, weil meine Werke auf das engste mit meinen geistigen
und seelischen Angelegenheiten in Zusammenhang stehen. Gott weiß,
vielleicht geschah auch dies ohne den Willen Dessen, ohne Den in der
Welt nichts geschieht; ja, vielleicht mußte dies gerade deswegen
geschehen, damit ich einen Einblick in mein eigenes Innere gewinnen
konnte. Die Versuchung, hochmütig zu werden, lag mir sehr nahe,
besonders nachdem es mir gelungen war, mich tatsächlich von einigen
Fehlern und Mängeln zu befreien. Dieser Hochmut nistete beständig in
meiner Seele und niemand hat mich darauf aufmerksam gemacht. Bekanntlich
genügt es schon, sich eine gewisse Glätte, ein gewisses Gleichmaß und
eine gewisse Nachsicht und Toleranz im Umgang mit den Menschen
anzueignen, damit sie unsere Fehler übersehen und nicht beachten. Wenn
man sich dagegen vor unbekannten Leuten und vor der ganzen Welt zur
Schau stellt, und wenn jede unserer Handlungen und Taten bis ins
einzelne zerfasert wird, wenn Menschen der verschiedensten Denkungsart,
der verschiedensten Anschauungen und mit den verschiedensten Vorurteilen
sich jeder nach seiner Weise ein Bild von uns machen, wenn dann von
allen Seiten berechtigte und unberechtigte Vorwürfe auf einen
niederhageln und mit Vorbedacht oder auch ohne böse Absicht an die
empfindlichsten Seiten unseres Wesens rühren, dann fängt man an -- ob
man nun will oder nicht -- sich von solch einer Seite zu sehen, von der
man sich noch nie gesehen hat, und man beginnt Fehler und Mängel in sich
zu suchen, die man sonst nie in sich gesucht hätte. Das ist eine
furchtbare Schule, die einen entweder um den Verstand bringt oder klüger
und vernünftiger macht, als man jemals war. Nicht ohne Scham und ohne
Erröten lese ich vieles in meinem Buche, trotzdem aber danke ich Gott,
daß Er mir die Kraft gegeben hatte, es herauszugeben. Ich brauchte einen
Spiegel, in dem ich mich erblicken und besser erkennen konnte, ohne dies
Buch aber wäre ich schwerlich in den Besitz eines solchen Spiegels
gekommen. Und so hat denn mein Buch, das aus der ehrlichen Absicht
entsprungen war, anderen zu nützen, vor allem mir selbst am meisten
genützt.
Es sei mir erlaubt, an dieser Stelle auch einige Worte über den Nutzen
zu sagen, den mein Buch anderen Leuten bringen kann. Ist mein Buch
wirklich so ganz wertlos für andere Menschen, besonders aber für die
Gesellschaft, wie sie heute ist? Mir scheint, alle, die über dies Buch
geurteilt haben, haben es mit zu weit aufgerissenen Augen und gar zu
hitzig und heftig betrachtet. Man hätte es weit kaltblütiger beurteilen
sollen. Statt als Vorkämpfer der ganzen Gesellschaft aufzutreten und
mich im Angesicht des ganzen russischen Vaterlandes vor Gericht zu
laden, hätte man die Sache viel einfacher ansehen sollen. Man hätte das
Buch analysieren, man hätte feststellen sollen, was es seinem innersten
Wesen nach ist, und man hätte nicht eher auf die Einzelheiten und die
Teile eingehen dürfen, als bis man sich den inneren Sinn des Ganzen
völlig klargemacht hatte. Nun aber hatte das allerhand törichte
Wortstreitigkeiten zur Folge, ja vielem wurde ein solcher Sinn
untergelegt, von dem ich mir nie hatte etwas träumen lassen.
Zunächst hätte ich jederzeit das Recht gehabt, davon zu reden, wovon ich
in meinem Buche gesprochen habe, wenn ich mich nur einfacher und
schicklicher ausgedrückt hätte. Es ist mir nie eingefallen, die Menschen
in der Weise belehren zu wollen, wie mir das einige imputieren wollten.
Das _Lehren_ verstand ich in dem einfachen Sinne, den die Kirche im Auge
hat, wenn sie gebietet, einander unaufhörlich zu belehren, wobei man es
verstehen muß, mit derselben Freude Ratschläge von anderen
entgegenzunehmen, mit der man selbst anderen welche erteilt. Ich aber
war damals wirklich bereit, Ratschläge von anderen Menschen
entgegenzunehmen. Ich stellte mir die Gesellschaft keineswegs als eine
Schule vor, die mit Schülern von mir angefüllt ist, deren Lehrer ich
bin. Ich bestieg mit meinem Buch kein Katheder und verlangte nicht, daß
alle aus diesem Buche lernen sollten. Ich kam zu meinen Mitbrüdern und
Mitschülern wie ein ihnen gleichgestellter Schulkamerad; ich brachte
einige Hefte mit, in denen ich die Worte des Lehrers nachgeschrieben
hatte, von Dem wir alle lernen; ich brachte vielerlei mit; mochte sich
jeder das davon wählen, was er brauchen konnte. Es waren Briefe
darunter, die an Personen von verschiedenem Charakter und verschiedenen
Anlagen und Neigungen gerichtet waren. Viele von diesen Personen standen
auf ganz verschiedenen Stufen der geistigen Entwicklung; daher konnten
sich diese Briefe unmöglich in gleicher Weise auf alle Menschen beziehen
und auf sie alle passen. Ich dachte mir, jeder würde sich nur das davon
aneignen, was er brauchte, und das andere nicht beachten. Ich hatte
nicht geglaubt, daß so mancher gerade danach greifen würde, dessen ein
anderer bedurfte, ausrufen würde: »Das kann ich nicht brauchen!« und mir
dann noch zürnen würde. Ich wollte auch keine neue Lehre verkünden. Als
ein Schüler, der in einigen Fächern etwas weiter fortgeschritten ist als
ein anderer Mitschüler, wollte ich es den übrigen Kameraden bloß
klarmachen, wie man die Lektion, die uns von dem besten aller Lehrer
aufgegeben wird, am schnellsten und leichtesten lernt. Ich hatte
geglaubt, wenn man mein Buch gelesen haben würde, würde man zu mir
sagen: »Ich danke dir, Mitbruder!« und nicht: »Ich danke dir, mein
Lehrer!« Wenn nur nicht mein »Testament« gewesen wäre, das ich
unvorsichtigerweise mitaufgenommen habe und in dem ich auf die Belehrung
anspielte, die jeder Autor seinen Mitmenschen mit seinen poetischen
Werken erteilen sollte, so wäre es niemand eingefallen, mir solche
apostolische Absichten zuzuschreiben, trotz meines ziemlich
entschiedenen Tons, ja sogar trotz der lyrischen Feierlichkeit meiner
Rede. Dagegen wird ein jeder, der bereits in seine eigene Seele zu
blicken vermag, meinem Buche mancherlei entnehmen können, was ihm von
Nutzen sein dürfte.
Was ferner die Meinung anbetrifft, daß mein Buch schädlich wirken müsse,
so kann ich dies unter keinen Umständen zugeben. In dem Buche kommt
trotz all seiner Mängel die gute Absicht und die Liebe zum Guten viel zu
deutlich zum Ausdruck. Trotz vieler unbestimmter und dunkler Stellen
leuchtet der Grundgedanke ganz klar aus ihm hervor; und wenn man das
Werk gelesen hat, kommt man zu der gleichen Überzeugung: nämlich daß die
höchste Instanz in allen Fragen die Kirche und daß _sie_ der Schlüssel
zu allen Fragen des Lebens ist. Folglich wird sich der Leser nach der
Lektüre meines Buches auf jeden Fall an die Kirche wenden, _in_ der
Kirche aber wird er wiederum nur die Lehrer der Kirche finden, die ihn
darüber belehren werden, was er sich aus meinem Buche für seine Zwecke
aneignen soll; vielleicht aber werden sie ihm auch andere bedeutsamere
Bücher statt des meinen geben, um derentwillen er _mein_ Buch
beiseitelegen wird, so wie ein Schüler das Buchstabieren aufgibt, wenn
er frei lesen gelernt hat.
Zum Schluß muß ich noch folgendes bemerken: die Urteile, die über mein
Buch gefällt wurden, waren wirklich gar zu apodiktisch und scharf, und
keiner, der mir Mangel an echter Bescheidenheit vorgeworfen hat, hat mir
gegenüber die rechte Bescheidenheit an den Tag gelegt. Angenommen
selbst, ich hätte mir in meinem Hochmut, der aus dem Glauben an meine
Vorzüge entsprang, die mir von allen Leuten zugeschrieben wurden,
einbilden können, daß ich höher stehe als alle anderen Menschen und daß
ich das Recht habe, über andere Leute zu richten, worauf aber könnte
sich der stützen, der mit solcher Sicherheit über mich zu Gericht sitzt
und nicht einmal das Gefühl hat, daß er höher steht als ich? Wie dem
auch sein mag, um ein allseitiges Urteil über einen Menschen zu fällen,
dazu muß man höher stehen als der, über den man richtet. Man kann wohl
gewisse Bemerkungen über diese oder jene Einzelheit machen, man kann
Meinungen äußern und Ratschläge erteilen, allein über den ganzen
Menschen aburteilen, indem man sich auf diese Ratschläge stützt, ihn für
völlig verrückt erklären, behaupten, er habe seinen Verstand verloren,
er sei ein Lügner und Betrüger, der die Maske der Frömmigkeit angelegt
habe, ihm gemeine und niederträchtige Absichten unterlegen -- nein, das
sind Beschuldigungen, wie ich sie niemals, nicht einmal gegen einen
offenkundigen Schurken, der das Schandmal der öffentlichen Verachtung
trägt, vorzubringen imstande wäre. Mir scheint, ehe man solche
Beschuldigungen ausspricht, müßte man innerlich erschrecken und erbeben,
man sollte erst ein wenig darüber nachdenken, wie uns selbst wohl dabei
zumute wäre, wenn öffentlich und vor aller Welt solche Anschuldigungen
gegen uns erhoben würden! Es wäre wirklich gut, wenn man sich's erst ein
wenig überlegte, ehe man eine solche Beschuldigung erhebt: »Irre ich
mich auch selbst nicht? Ich bin doch auch ein Mensch! Es handelt sich
hier um die Seele. Die Seele des Menschen ist ein Brunnen, zu dem es
nicht für alle einen Zugang gibt, und man darf sich nicht auf die äußere
scheinbare Ähnlichkeit gewisser Merkmale verlassen. Oft haben schon die
geschicktesten Ärzte eine Krankheit für eine andere gehalten und ihren
Fehler erst dann erkannt, als sie bereits den Leichnam des Toten
secierten.« Nein, das Buch »Briefwechsel mit meinen Freunden« enthält,
so große Mängel es in jeder Hinsicht haben mag, doch auch viel
Derartiges, was nicht allen sofort verständlich sein kann. Es nützt
nichts, sich darauf zu berufen, daß man das Buch zwei- oder dreimal
gelesen hat: manch einer kann es zehnmal lesen, und es wird doch nichts
dabei herauskommen. Um dieses Buch nur im mindesten nachzuerleben, muß
man entweder eine sehr einfache und gütige Seele haben oder ein sehr
vielseitiger Mensch sein, der außer einem Verstande, der die Dinge von
allen Seiten zu umfassen vermag, auch noch über ein hohes poetisches
Talent und eine Seele verfügt, die einer vollen, großen und tiefen Liebe
fähig ist.
Ich kann nicht leugnen, daß diese ganzen Wirrnisse und diese
Mißverständnisse sehr bitter für mich waren -- um so mehr, als ich
geglaubt hatte, daß mein Buch eher den Keim zur Versöhnung als zu Streit
und Zwietracht enthalte. Meine Seele wäre unter all den Vorwürfen
zusammengebrochen; manche darunter waren so fürchterlich, daß Gott jeden
vor solchen Anklagen bewahren möge! Andererseits aber fühle ich mich
verpflichtet, denen meinen Dank auszusprechen, die mich auch wegen
vieler Verfehlungen hätten mit Vorwürfen überschütten können, die mich
aber in dem Gefühl, daß sie bereits das Maß dessen überstiegen, was die
schwache Natur des Menschen zu ertragen vermag, mit der Hand eines
mitleidigen Bruders erhoben und mir Mut zugesprochen haben. Gott möge es
ihnen vergelten! Ich kenne keine größere Tat, als einem Menschen, der
den Mut verliert, hilfreich die Hand zu reichen.
1847.